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Ex-Frau von Hubert Kah kommt mit NDW-Klassikern im Lounge-Sound

Erstellt von NovalisHH, 05.05.2006, 18:53 Uhr · 4 Antworten · 4.488 Aufrufe

  1. #1
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    Hallo

    Habe gestern eine außergewöhnliche, aber keinesfalls uninteressante CD rezensiert, auf der Susanne Kemmler, Ex-Frau von Hubert Kah, unter dem Projektnamen "Sumatic" allseits bekannte NDW-Klassiker im jazzigen Lounge-Ambiente neu aufleben läßt.

    Hier meine entsprechende Rezension:

    "Fragt man einen überzeugten Freund populärer Musikgenres des angebrochenen 21. Jahrhunderts nach der Neuen Deutschen Welle (NDW), erhielte man vermutlich entnervte Antworten der Sorte „von Vor-Vorgestern...“ oder „höchstens nach zehn Bier zum Abhotten zu gebrauchen...“. Bekommt der unbelehrbare 80er-Jahre-Freak die Frage nach Lounge-Sound des Jahres 2006 gestellt, dürfte sich dieser schaudernd abwenden und dabei bittere Worte wie „neumodisches Zeugs, laßt mich bloß in Ruhe damit...“ echauffiert vor sich in brabbeln. Die Geschmäcker der Generationen sind und bleiben nun mal verschieden. Für manch heutigen Teenager fallen die Boygroups der mittleren 90er bereits in die Schublade „Oldies“, für die 35/40jährigen Altyuppies dagegen, die ihre Jugendtage in der kühlen Dekade zelebrierten, grenzen brachialer Crossover-Rock oder blubberndes Hip-Hop-Geschnatter oft schlicht an mutwillige Ohrenzerstörung.

    Eine sympathische Zeitzeugin des 80er-Pop – und hier besonders: der NDW – startet dieser Tage jedoch ein auf den ersten Blick unmöglich erscheinendes Wagnis. Sie transferiert auf ihrer, am 16. Juni diesen Jahres bei Chips Records/Edel veröffentlichten Debüt-CD „Dreiklangsdimensionen – Stufe Eins“ die zickigen, neuwelligen Pop-Provokationen der Jahre 1981 bis 1983 ohne großes Brimborium, dafür mit viel Mut, Geschick und konstruktiver Frechheit ausgestattet, in die musikalischen Gefilde des Hier und Jetzt, genau gesagt, ins klangliche Umfeld eingangs erwähnter Stilistik Lounge, die auf viele von uns 80er-Kindern doch so vollkommen fremd wirkt.

    Wer ist nun die blonde 39jährige, die es sich tatsächlich traut, die Hymnen unserer Jugend keß und gewitzt ins Jahr 2006 zu beamen? Auf dem CD-Cover ist nur der Projektname „Sumatic“ zu lesen... Irgendein schnellvergängliches Dancefloor-Trüppchen, mag unsereins in Anbetracht dessen durch den Kopf schießen – aber weit gefehlt: Hinter dieser unverfänglichen Wortschöpfung steckt niemand geringeres, als Susanne Kemmler, sieben Jahre lang Gattin eines gewissen Herrn aus Reutlingen, der seinen vollen Namen stets zu „Hubert Kah“ abkürzte, wobei das „Kah“ für nichts anderes stand und steht, als eben für „Kemmler“.

    Hat es nun „Klick“ gemacht? Susanne Kemmler ist also die Ex-Frau von Hubert Kah, einem der schrillsten Vertreter der kommerziellen NDW, der 1982/83 mit kecken Synthischlagern wie „Rosemarie“, „Sternenhimmel“ oder „Einmal nur mit Erika (dieser Welt entflieh’n)“ zwar traditionsbewußte Zuschauer der legendären „ZDF-Hitparade“ in Angst und Schrecken versetzte, zugleich aber für uns 80er-Teenies schleunigst zu einem umjubelten Popidol erwuchs. Während viele NDW-Epigonen mit nur ein, zwei Hits im Gepäck, spätestens Ende 1983 spurlos in der Versenkung verschwanden, nachdem die Plattenindustrie das zunächst so hoffnungsvoll angelaufene Phänomen NDW Dank der nahezu allwöchentlichen Veröffentlichung hunderter, häufig qualitativ mehr als nur zweifelhafter Exponate der welligen Spielereien in rasantester Geschwindigkeit zu Tode kommerzialisiert hatte, raffte sich Kemmler’s Hubert wieder auf und präsentierte im „Orwell-Jahr“ das elitäre Popopus „Goldene Zeiten“, stieg zwei Jahre später, dem Zeitgeist folgend, auf die englische Sprache um und blieb auf diese Weise der einheimischen Popszene bis in die 90er Jahre hinein, meist durchaus von Erfolg gekrönt, erhalten. Vor einem Jahr versuchte er mit der nicht unumstrittenen, aber fraglos sehr vielfältig, aufregend und außergewöhnlich geratenen Silberscheibe „Seelentaucher“ ein vieldiskutiertes Comeback. Seine einstige Gattin Susanne arbeitete ab Mitte der 80er nicht nur mit ihrem Liebsten zusammen an dessen künstlerischem Vorankommen, sondern kooperierte darüber hinaus mit den Starproduzenten Armand Volker („Münchener Freiheit“, „Bobo Zero“) und Michael Cretu (Sandra, Peter Cornelius, „Moti Special“), und verfaßte Hitvorlagen für Huberts NDW-Kollegen Peter Schilling, Cretus Ehefrau Sandra oder die Münchener Jungs um Stefan Zauner und Aron Strobel.

    Die NDW, so Susanne Kemmler, sei „ein wichtiger Teil“ ihrer „ganz persönlichen Historie“, weshalb sie „diese originelle Musik bis heute“ liebe. Während jedoch nicht wenige Kinder der 80er Jahre womöglich irgendwann im Folgedezennium den Anschluß ans aktuelle Musikgeschehen verpaßten und sich ihre Musikvorlieben weiterhin unabänderlich irgendwo in jener Ära zwischen „Bonner Wende“ und „Mauerfall“ aufhalten, verfolgte die blonde Sängerin, die gebürtig aus Coburg stammt, viele Jahre in Hamburg wohnte und derzeit in der Nähe von München residiert, konsequent und vorurteilsfrei die Entwicklung des internationalen Poplebens von den 80ern bis heute. So keimte in ihr die Idee auf, die Melodien von einst ins musikalische Gewand der Jetztzeit einzubetten. Sie suchte sich elf allseits geläufige NDW-Standards aus und begab sich mit dem bekannten Produzenten Oliver Pinelli (u.a. „Wolfsheim“, Yvonne Catterfeld, Ben Becker) und nur drei Gastmusikern in die Berliner „Trixx-Tonstudios“, wo sie überwiegend im Alleingang jenes Allgemeingut des deutschen Pop der frühen 80er Jahre gänzlich umarrangierte, umdeutete – und auf einmal unverhofft im gefühlvoll-relaxten Lounge-Sound wiederauferstehen ließ.

    Der Rezensent gesteht unumwunden ein, daß „Dreiklangsdimensionen – Stufe Eins“ von Susanne Kemmler alias „Sumatic“ die allererste Lounge-CD darstellt, die er sich Zeit seines Lebens zu Gemüte führte. Zuvor hatte er noch kein einziges Klangwerk dieser Stilform jemals vernommen. Und siehe da: Alles halb so wild... Nun gut, was 2006 „Lounge“ heißt, nannte sich 1956 „Bossa Nova“ bzw. 1986 „New Jazz“. Was z.B. Bands wie „Matt Bianco“, „Sade“, Interpreten wie Viktor Laszlo oder Alison Moyet vor 20 Jahren fabrizierten, war mutmaßlich nichts anderes, als eine Art verfrühte Ausgabe des „Lounge“, stellt der Rezensent gleichermaßen erstaunt und beruhigt fest, wie er auch die Tatsache lobend anerkennt, daß sich NDW-Kompositionen und zeitgemäße Lounge-Elemente nicht nur nicht ausschließen, sondern sogar überaus praktikabel miteinander harmonieren können.

    Von engelsgleicher, heller, zumeist lasziv-erotischer Stimme beseelt, swingt sich „Sumatic“ auf ihrem CD-Erstling durch elf Perlen des vor 25 Jahren so einschneidenden, alles durcheinanderwirbelnden NDW-Hypes. „Spliffs“ seinerzeit dunkel-verhalten inszenierte Großstadtrocker „Heut’ Nacht“ wird so vom nächtlich-stillen Berlin in den Trubel einer niemals stillstehenden, niemals schlafenden US-Metropole wie New York überführt. Der gutmütige Außerirdische „Fred vom Jupiter“, 1981 vom damals kaum 14jährigen Hamburger Gesamtschüler Andreas Dorau und seinen elf/zwölfjährigen Chordamen, den „Marinas“, kindgerecht angeschwärmt, ist 2006 endlich erwachsen geworden; seine frühere liebenswerte Unbeholfenheit hat sich in den verführerischen Charme eines gestandenen Frauenhelden gewandelt. Zu ihren Entstehungstagen klirrendkalte, technokratische Synthidramen wie „Kaltes Klares Wasser“ („Malaria“, 1980) oder „Eisbär“ („Grauzone“, 1981) werden von „Sumatic“ aller Sterilität und Morbidität beraubt, wofür sie im Gegenzug eine so unerwartete, wie treffliche Portion Leidenschaft, Sinnlichkeit und Soulfeeling verabreicht bekommen. Des Ex-Gatten Partyreißer „Sternenhimmel“ mutiert von einem grellen, hypertrophen Hau-drauf-Popper zu einem verträumten, naiv-niedlichen, man ist geneigt zu sagen, beinahe gemütlich-familiären Swingschlager in bester 40er-Jahre-Manier. Aus „Kraftwerks“ abgeklärter Ode auf „Das Model“ (1978) entsteht wiederum ein gedämpfter und gleichzeitig südamerikanisches Temperament per Excellance versprühender Tango-Verschnitt, verfeinert mit treffgenauen, punktuellen Akkordeon- bzw. Streicher-Einsätzen; aus „Ideals“ 82er-Urlaubshit „Monotonie“ entsteht hingegen ein bluesiger Slow-Swing, wie einem feudalen Sommerfest an der Hamburger Außenalster entsprungen. Der zuerst so dröge-depressiv vor sich hin galoppierende „Goldene Reiter“, Anfang 1982 ein gefeierter Top-Hit für den hanseatischen Ex-Photographen Joachim Witt, verstrahlt in der Neuversion von Frau Kah gar so etwas wie Fröhlichkeit und Leichtigkeit. „Kleptomanie“, zuvor ein rasend schneller, lauter, drastischer Punkrocker von „Extrabreit“, kommt, radikal im Tempo gedrosselt, als Mid-Tempo-Jazz ohne jegliche Aggressivität und Derbheit zum Vorschein; die Angst vor dem Erwischtwerden beim zwanghaften Stehlen ist dem 5exy Vorhaben gewichen, den Kaufhausdetektiv erotisch zu umgarnen, ihn schwach zu machen, um danach mit geklauter Ware anstandslos den Laden verlassen zu können... Mit dem minimalistischen Blues „Kummer“ (im Original von „Trio“) endet jene „Stufe Eins“ von „Sumatics“ zutiefst sinnlichem, insgesamt knapp 50minütigen Klangexperiment.

    Sacht, zurückhaltend, gemeinhin auf modernster Computerbasis arrangiert, nur äußerst selten von einer zirpenden Jazzgitarre oder einem echten Schlagzeug untermalt, gelingt es „Sumatic“ vorzüglich, das Flair der 80er Jahre problemlos und ohne Abstriche mit dem schwülstigen Ambiente des 2006er-Lounge zu vermengen und daraus, ohne jegliche parodistische, spöttische Absichten, eine zwar exzentrische, extravagante, ungewöhnliche, aber durchwegs wohlschmeckende, interessante, ja streckenweise geradezu faszinierend superbe Klangmixtur zu kreieren, die 80er- wie 06er-Liebhabern unterschiedslos eine phänomenale Hörfreude zu bereiten in der Lage ist!"

    Text: H. Stürenburg, 2006
    - Abdruck nur mit persönlicher Genehmigung des Autors -

    Liebe Grüße aus HH

  2.  
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  3. #2
    Benutzerbild von sturzflug69

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    So im Stil der Nouvelle Vague Cd?

  4. #3
    Benutzerbild von NovalisHH

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    @Sturzflug69

    wie gesagt, hatte vorher noch nie eine CD im Lounge Stil gehört...

    Zitat:
    "Der Rezensent gesteht unumwunden ein, daß „Dreiklangsdimensionen – Stufe Eins“ von Susanne Kemmler alias „Sumatic“ die allererste Lounge-CD darstellt, die er sich Zeit seines Lebens zu Gemüte führte. Zuvor hatte er noch kein einziges Klangwerk dieser Stilform jemals vernommen. Und siehe da: Alles halb so wild... Nun gut, was 2006 „Lounge“ heißt, nannte sich 1956 „Bossa Nova“ bzw. 1986 „New Jazz“. Was z.B. Bands wie „Matt Bianco“, „Sade“, Interpreten wie Viktor Laszlo oder Alison Moyet vor 20 Jahren fabrizierten, war mutmaßlich nichts anderes, als eine Art verfrühte Ausgabe des „Lounge“, stellt der Rezensent gleichermaßen erstaunt und beruhigt fest, wie er auch die Tatsache lobend anerkennt, daß sich NDW-Kompositionen und zeitgemäße Lounge-Elemente nicht nur nicht ausschließen, sondern sogar überaus praktikabel miteinander harmonieren können"

    ...daher kenne ich auch die von Dir angesprochene "Nouvelle Vague" CD nicht.

    Gruß aus HH

  5. #4
    Benutzerbild von sturzflug69

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    Hör' mal rein...es lohnt sich.

    Die Lieder der 80's,die schon keiner mehr hören konnte,bekommen so ein neues (laszives)Kleid.

    Die zweite Cd steht in den Startlöchern.

    Die Version von Fade to grey mit Akkordeon ist der Hammer!!!

    http://www.nouvellesvagues.com/english/music.html

  6. #5
    Benutzerbild von NovalisHH

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    @Sturzflug69

    Dein CD-Tip sagt mir wirklich sehr zu. So ähnlich ist - auf NDW-Verhältnisse gemnützt - auch Susannes Projekt "Dreiklangsdimensionen - Stufe Eins" ausgerichtet, wobei bei Susanne keinerlei parodistische Ambitionen vorhanden waren, sondern sie ihre aktuelle Produktion vielmehr als Hommage auf die "guten, alten Zeiten" im aktuellen Klanggewand versteht

    Ach ja - "Fade to grey" in dieser akkordeonlastigen Hafenkneipen-Fassung ist tatsächlich genial

    Liebe Grüße aus HH

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