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Architektur der 60er/70er-Jahre unter Denkmalschutz stellen?

Erstellt von Die Luftgitarre, 17.05.2013, 23:27 Uhr · 23 Antworten · 10.560 Aufrufe

  1. #21
    Benutzerbild von PostMortem

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    AW: Architektur der 60er/70er-Jahre unter Denkmalschutz stellen?

    Zitat Zitat von Die Luftgitarre Beitrag anzeigen
    Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber für mich hat diese 60er/70er-Jahre-Architektur einen ganz eigenen Charme. Zum einen der sentimentale Wert: Mit dieser baulichen Umgebung sind wir mehr oder weniger aufgewachsen und sie kann immer noch mit den Händen angefasst werden kann. Ein Stück Kindheit und Jugend, dass den Wechsel der Moden gleichmütig überdauert hat. Ein gewohnter und dabei seit Jahrzehnten unveränderter Anblick, ganz anders als das eigene, alternde Spiegelbild. Eine Grundkonstante also. Wenn selbst das irgendwann einfach wegkommt ...!
    Genauso sehe ich das auch!

    Zum anderen hat diese Architektur aber auch der historische Aspekt: Diese Architektur ist ja sozusagen Überbleibsel einer vergangenen Zukunft, einer aus der Mode gekommenen Moderne. Das hat irgendwie auch eine morbide Faszination.

    Bin ich der einzige, den das Thema beschäftigt? Oder ist Begeisterung für die Bausünden ein verbreitets 'guilty pleasure'?
    Ich habe auch was für die sog. "Bausünden" und auch ihrer Funktion beraubte Nutzbauten übrig. Ich finde es sehr bedenklich, dass es sich die Denkmalbehörden und Städte/Gemeinden so einfach und den Mainstream-Geschmack der Allgemeinheit zunutze machen, um lästig gewordene Gebäude der 60er/70er einfach plattzumachen und die Grundstücke gewinnbringend an Investoren zu verhökern. Denkmalwert hat ein Gebäude nicht weil es schön ist, sondern weil es architektonisch, technisch oder stilistisch einmalig oder für die Epoche bedeutsam ist. Die meisten Normalo-Bürger haben für sowas gar kein Gespür oder Verständnis. Komischerweise tritt das aber auch bei den Fachleuten immer mehr in den Hintergrund. Folglich könnte man die Denkmalbehörden auch einfach abschaffen, denn wenn am Ende sowieso nur idyllische Höfe, Windmühlen, Schlösser, Burgen und Klöster erhalten werden, können diese Entscheidungen auch Laien mit ihrer Mainstream-Sicht auf "schöne" und "hässliche" Bauten treffen. Die wahre Schönheit von Betonbauten zeigt sich sowieso meistens innen. Sie bieten meistens viel Platz und sind unwahrscheinlich robust. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass sich manche Fans der "Ost-Platte" ihre Betonwände freilegen und nicht mehr tapezieren. Das hat einfach was.

    Die letzten 60 Jahre Architektur-Geschichte werden wohl leider nicht viel bleibendes hinterlassen. Sowohl die heute verschmähten "Betonklötze" der 60er und 70er werden getilgt, als auch architektonisch an sich imposante und bedeutende Zweckbauten. Vor allem aber werden in 20-30 Jahren die heute so beliebten, an historische Gebäude angeflanschten Stahl-/Glas-Dächer und -Konstruktionen als Bausünde erkannt werden (eine gelungene Ausnahme ist hier sicherlich der Reichstag). Hier setzen sich heute sog. Star-Architekten ein Denkmal und drücken hunderte Jahre alter Bausubstanz in Innenstädten ihren neumodischen Stempel auf. Lange wird man das nicht schön finden, da bin ich mir ganz sicher. Wenn es in Zukunft etwas verdient hat wieder abgerissen zu werden, dann diese respektlosen Eingriffe in die rare alte Bausubstanz der weltkriegsgebeutelten deutschen Innenstädte. Gegen moderne Architektur ist ansonsten aber gar nichts zu sagen. Wir leben nunmal im 21. Jahrhundert.

    Was ich allerdings nie verstehen werde: Diese verschmähten Riesenblöcke sind eigentlich ökologisch total wertvoll. Sie haben einen sehr geringen Flächenverbrauch und bieten vielen Menschen großzügigen, lange haltbaren Wohnraum. Umso mehr Menschen in diesen Blöcken wohnen, desto weniger müssen sie für den täglichen Bedarf einkaufen fahren. Denn es bildet sich meistens eine eigene Einzelhandelsstruktur um solche Wohnparks. Das Konzept ist also eigentlich das ökologischste was es bis jetzt gibt. Trotzdem träumen gerade die ökologisch eingestellten Menschen bis heute vom Selbstversorgerleben auf vergleichsweise riesigen ehem. Höfen fern der Arbeitsstätte und der Infrastruktur. Irgendwie inkonsequent und gar nicht modern gedacht?

  2.  
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  3. #22
    Benutzerbild von Torsten

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    AW: Architektur der 60er/70er-Jahre unter Denkmalschutz stellen?

    Zitat Zitat von PostMortem Beitrag anzeigen
    Die wahre Schönheit von Betonbauten zeigt sich sowieso meistens innen. Sie bieten meistens viel Platz und sind unwahrscheinlich robust. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass sich manche Fans der "Ost-Platte" ihre Betonwände freilegen und nicht mehr tapezieren. Das hat einfach was.
    Man kann sich die Hässlichkeit funktionalistischen Designs natürlich auch schönschwafeln ...

  4. #23
    Benutzerbild von Die Luftgitarre

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    AW: Architektur der 60er/70er-Jahre unter Denkmalschutz stellen?

    Zitat Zitat von PostMortem Beitrag anzeigen
    Vor allem aber werden in 20-30 Jahren die heute so beliebten, an historische Gebäude angeflanschten Stahl-/Glas-Dächer und -Konstruktionen als Bausünde erkannt werden (eine gelungene Ausnahme ist hier sicherlich der Reichstag). Hier setzen sich heute sog. Star-Architekten ein Denkmal und drücken hunderte Jahre alter Bausubstanz in Innenstädten ihren neumodischen Stempel auf. Lange wird man das nicht schön finden, da bin ich mir ganz sicher. Wenn es in Zukunft etwas verdient hat wieder abgerissen zu werden, dann diese respektlosen Eingriffe in die rare alte Bausubstanz der weltkriegsgebeutelten deutschen Innenstädte.
    Neben dem Geltungsbedürfnis der Architekten hängt das wohl auch mit so einer postmodernen Betrachtung zusammen: Die historische Bausubstanz ist nur eine Ansammlung von Rohmaterial und Versatzstücken und der Architekt kann damit dann spielen. Das ging glaube ich in den USA schon in den 80ern los, dass in alten Fabrikgebäuden stylische Bars und Restaurants eingerichtet wurde und man dieses Zusammenspiel von sichtbar alten Backsteinmauern und Stahlträgern einerseits und einer Inneneinrichtung als Glas, poliertem Metall und raffinierter Beleuchtung apart fand.

    Im Grunde ist so: In den 60er/70ern wurde historische Architektur oftmals munter abgerissen, heute wird sie umgestylt. Denkmalschutztechnisch ist beides gleichermaßen banausig. Ich finde man sollte den verschiedenen Stadtvierteln und Gebäudekomplexen ihre jeweilige Epoche ansehen können, soll heißen: Instandhalten ja, umstylen nein. Stadtplaner scheinen derzeit ein in sich 'stimmiges' Stadtbild abzustreben, in der das Neue mit dem Alten harmoniert. Aber reale Geschichte ist nicht in sich 'stimmig', sondern voller Brüche und wechselnder Moden und darum geht's beim Thema Denkmalschutz.



    Was ich allerdings nie verstehen werde: Diese verschmähten Riesenblöcke sind eigentlich ökologisch total wertvoll. Sie haben einen sehr geringen Flächenverbrauch und bieten vielen Menschen großzügigen, lange haltbaren Wohnraum. Umso mehr Menschen in diesen Blöcken wohnen, desto weniger müssen sie für den täglichen Bedarf einkaufen fahren. Denn es bildet sich meistens eine eigene Einzelhandelsstruktur um solche Wohnparks. Das Konzept ist also eigentlich das ökologischste was es bis jetzt gibt. Trotzdem träumen gerade die ökologisch eingestellten Menschen bis heute vom Selbstversorgerleben auf vergleichsweise riesigen ehem. Höfen fern der Arbeitsstätte und der Infrastruktur. Irgendwie inkonsequent und gar nicht modern gedacht?
    Man muss wohl unterscheiden zwischen Ökologie und vordergründiger Naturromantik.

    Die Hochhaussiedlungen sind nicht nur ökologisch, sondern - potentiell - auch kinderfreundlich, denn die Spielkamaraden wohnen ja alle sehr dicht im Umkreis und zwischen den Blöcken gibt es viel Platz für Spiel- und Bolzplätze und Wiesen. Dass das in der Praxis dann meist doch nicht so toll funktionierte, liegt vielleicht daran, dass man es mit den baulichen Dimensionen irgendwann (so ab 1972 etwa) übertrieben hat und die menschliche Psyche nur bedingt rational und moderisierbar ist. Die meisten Menschen fühlen sich unwohl, wenn sie eine 16-stöckige und 4 Treppenaufgänge breite Hochhauswand hinaufblicken ist und wissen, dass der 14te Balkon in der 2ten Spalte von links der ihre ist. Das Wort "unpersönlich" kommt einem in den Kopf und auch wenn die Wohnung objektiv großzügig geschnitten ist, wirkt sie von außen wie ein kleines "Schließfach" ...

    Also zieht jeder, der es sich leisten kann, weg und dann kippt die soziale Chemie. So wie hier in Sidos durchaus amüsanter Hommage an das Märkische Viertel im Norden von Berlin.

  5. #24
    Benutzerbild von Lutz

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    AW: Architektur der 60er/70er-Jahre unter Denkmalschutz stellen?

    Ich finde ja das Hermes-Hochaus in Hamburg-Altona durchaus schick - ist gaaanz knapp nicht mehr 1970s.



    Ausgerechnet dieses IMO ungewöhnlich attraktive Gebäude soll nun (vielleicht?) abgerissen werden. Dabei sieht es mit seinen wunderbar runden organischen Formen immer noch aus wie aus dem Ei gepellt...

    Man sieht es übrigens sogar noch vom Poppenbüttler Müllberg aus, wie ich feststellen konnte als ich dort den Zeitraffer Sonnenuntergang auf SD-Card bannte.

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