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Die 80er in der DDR

Erstellt von bubu, 05.02.2003, 20:22 Uhr · 359 Antworten · 59.498 Aufrufe

  1. #131
    Benutzerbild von Heideland

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    @babooshka:

    Also, meine Mutter ist Deutsche, mein Vater nicht.
    Bin also gemischt
    Meine Mutter erzählte mir immer (und erzählt mir noch), dass sie eigentlich am Ende ständig die STASI am Hals hatte. Einmal seien sie Zuhause zu meinem Opa und zur Oma gekommen (der leider kurz nach meiner Geburt starb), um ihm nahezulegen, seine Tochter aus dem Haus zu werfen, da sie meinen Vater geheiratet hat. Ich weiß nicht genau, was sie dagegen hatten, jedenfalls gefiel der STASI offenbar etwas nicht an der Sache. Mein Opa weigerte sich natürlich meine Mutter rauszuwerfen und wurde sogar etwas grober im Ton. Jeder Vater ist sicher total verletzt, wenn seiner Tochter etwas böses angetan werden soll. Jedenfalls wurde sie überall verfolgt, sie wusste sogar ganz genau wer die jeweiligen Personen waren, die sie bespitzelten! Egal ob auf der Arbeit oder sonstwo - sie waren ständig präsent, wenn sie nicht gerade im Haus war.
    So kam es dann, dass ich im Alter von gerade mal 1,5 Jahren bereits die DDR, zusammen mit meinen Eltern, verlassen musste. Dadurch wurde mir sicherlich einiges erspart, auch wenn die DDR nicht mehr sehr lange existieren sollte. Schade, dass mein Opa das nicht mehr miterleben konnte.
    Zunächst gingen wir nach Gießen/Hessen, wo es ein Aufnahmelager gab für Flüchtlinge aus der DDR. Dort verbrachten wir ein paar Monate, bevor wir weiter ins Saarland sind. Hier bleiben wir dann von 1984 bis 1986. Kann mich noch schemenhaft daran erinnern...
    Schließlich fand mein Vater in Stuttgart eine Anstellung, worauf wir gezwungen waren dorthin zu ziehen. Ahnte noch nicht, dass ich dort vollends aufwachsen sollte (schöne Zeit). Davor gab es immer ein ständiges hin und her. Erst hieß es wir gehen nach Bochum.
    Zu meiner Verwandschaft im Osten hatten wir keinen Kontaktabbruch, im Gegenteil: Bereits 1986 oder 1987 fuhren wir wieder nach Potsdam, per Bahn.
    Als wir die Grenze in Bayern zur DDR erreichten und der Kontrolleur durch die Abteile ging, hatte ich mordsmäßigen Schiss. Ich werde den Blick des Bediensteten niemals vergessen. Mich schaute er aus sehr grimmig an, obwohl ich noch ein Kind war!! Wahrscheinlich dachte er sowas wie: "Aha, Staatsverräter!"...
    Aus dem Fenster blickend konnte ich damals hohe Zäune erkennen, auf denen jeweils Stacheldraht gespannt war. Soldaten mit Gewehren, Schäferhunde, Wachtürme, Beleuchtung... Es war richtig unheimlich, besonders da wir die Grenze tief in der Nacht passierten.
    Im August 1990 dann wieder eine Reise dorthin, diesmal ganz ohne Unannehmlichkeiten, da die Grenze ja bereits geöffnet war und die endgültige Wiedervereinigung nur noch 3 Monate entfernt war.
    Meine Verwandschaft von dort konnte bis dato nicht zu uns fahren, da es einfach nicht ging! Selbst meine Oma bekam keine Erlaubnis, dass muss man sich mal vorstellen! Aber klar, man lässt eben ungern Mütter zu ihren vom Staat hinausgeworfenen Töchtern fahren, um sie mal zu sehen.
    Heute wirkt das wie ein Märchen aus einer ganz anderen Zeit.

  2.  
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  3. #132
    Benutzerbild von waschbaer

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    Der Waschbär hat mal an der Ex-Deutsch-Deutschen Grenze eine unfreiwillige Spende in die Devisenkasse geleistet.

    Mit dem Auto fuhren wir an die Grenze, als einer der Grenzbediensteten uns mitteilte, dass er uns nicht mehr abfertigen könnte, sondern wir uns in eine andere Schlange (die er uns zeigte) einreihen sollten. Gesagt - getan.

    Als wir dann in der anderen Schlange endlich an der Reihe waren, gab es Mecker vom kollegen dort, denn der meinte, dass wir ohne Erlaubnis die Abfertigungsspur gewechselt haben. Darauf hin, ereignete sich folgender sinngemäßer Wortwechsel:

    Grenzer: "Was erlauben Sie sich? Sie haben unerlaubterweise die Spur gewechselt."

    Waschbär: "Entschuldigung, aber der Beamte dort drüben sagte uns, dass wir uns hier einreihen sollten, da er für die Abfertigung nicht mehr zuständig sei."

    Grenzer (deutlich lauter): "Merken Sie sich. Bei uns gibt es keine Beamten. Wir sind ein Arbeiter- und Bauernstaat."

    Waschbär (für diesen Moment viel zu ironisch): "In Ordnung. Also, der Bauer dort drüben sagte uns ...."

    Grenzer (sehr erbost): "Na, dann steigen Sie mal aus."

    Das Ende vom Lied: Eine unfreiwillige Spende in die Devisenkasse der DDR und auch eine etwas verlängerte Abfertigungsprozedur. .... und ein stinksaurer Waschbär.

  4. #133
    Benutzerbild von Babooshka

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    Au weia Waschbär, und bei nachfolgenden Reisen durch die Zone? Wieder am Arsch gepackt worden?

    Heideland, super interessante Geschichte. Ich wusste gar nicht, dass die Regierung damals so gegen Mischehen war (da taten sie immer Wunder wie antifaschistisch, aber anscheinend ging es ja wohl nicht an, dass eine deutsche Frau...). Die DDR hatte ja auch ihre Ausländer, ich weiß z. B. von Algeriern, Vietnamesen, Chilenen. War dein Vater denn aus dem "feindlichen" Ausland oder gar - boah, welch Vergehen - von anderer Hautfarbe?

  5. #134
    Benutzerbild von Heideland

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    Babooshka postete
    Au weia Waschbär, und bei nachfolgenden Reisen durch die Zone? Wieder am Arsch gepackt worden?

    Heideland, super interessante Geschichte. Ich wusste gar nicht, dass die Regierung damals so gegen Mischehen war (da taten sie immer Wunder wie antifaschistisch, aber anscheinend ging es ja wohl nicht an, dass eine deutsche Frau...). Die DDR hatte ja auch ihre Ausländer, ich weiß z. B. von Algeriern, Vietnamesen, Chilenen. War dein Vater denn aus dem "feindlichen" Ausland oder gar - boah, welch Vergehen - von anderer Hautfarbe?
    Anderer Hautfarbe nicht, aber im Dritten Reich hätte man ihn trotzdem als "unrein" bezeichnet
    Meine Mutter ist übrigends der selben Meinung wie du, sie hat mir ganz klar gesagt, dass es den DDR-Oberen wirklich nicht gefiel, dass zuviele Ausländer ins Land gelassen werden und sich wohlmöglich noch mit Deutschen vermählen. Ich konnte das auch nicht glauben, aber offenbar predigte man zwar immer den Internationalismus, war aber gegenüber Ausländern trotzdem ziemlich zurückhaltend - es gab ja kaum welche, außer den von dir genannten!! (von denen eine genannte Landsmannschaft auf meinen Vater tatsächlich zutrifft)

    Die Erzeihung ist vielleicht auch irgendwie daran schuld gewesen, dass besonders im Osten viele Jugendliche dem Rechtsradikalismus verfallen, welchen es aber im Westen genauso gibt, leider

  6. #135
    Benutzerbild von waschbaer

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    @Babooshka

    Nun ja, da könnte ich gerne noch mehr erzählen. Nachdem die Cousine meiner Mutter in Neubrandenburg wohnte, bin ich - seit ich eigentlich denken kann - jedes Jahr einmal nach Berlin gefahren und so kannte ich - im Gegensatz zu vielen meiner Altersgenossen - die deutsch-deutsche Grenze recht gut.

    Mit der Schule habe ich dann auch noch vor 1989 Länder wie die DDR, Ungarn, die CSSR und die Sowjetunion (witzig, drei von diesen Ländern gibt es ja gar nicht mehr) bereist.

    Nachdem ich auch noch eine Amateurfunklizenz hatte, habe ich nach 1990 auch einfach mal den Antrag auf Einsicht in die Stasi-Akten genommen. Und das war dann wirklich hochinteressant .... (und das obwohl ich mein Leben lang in der Gegend um Augsburg gewohnt habe).

  7. #136
    Benutzerbild von Babooshka

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    Waschbär, erzählen, erzählen!

  8. #137
    Benutzerbild von Topas12

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    bei der Aufklärung des "Gegner" war die Stasi Spitze. Mit Technik vom Klassenfeind ausgerüstet wurde alles mitgehört auch die Waschbaerplauderstunden über Funk bestimmt. Nicht umsonst bleiben die Rosenholzakten weitgegend unter Verschluß, die würden bestimmt in der ganzen Welt noch manches Nachbeben auslösen und manchen seriös erscheinenenden Mitbürger ziemlich alt aussehen lassen, siehe Walraff oder die Tonbandmitschnitte von Helmut Kohl
    Der Antifaschismus war nur Tarnung, man konnte ja kaum zugeben, daß nach dem Krieg genauso Nazis und Kriegsverbrecher geschützt und zum Teil im Staatsdienst waren, wie in der BRD.
    Hatte da auch ein schönes Erlebnis. Ich und ein Arbeitskollege hatten keinenBock mehr zur DSF ( Gesellschaft für Deutsch Sowjetische ´Freundschaft_ vom Staat verordnet) und wollten aus dem Verein austreten. Da war erst Polen offen wir würden keine Prämie kriegen für gute Arbeit usw. Wir haben dann mal durchgerechnet, daß wir für 20Mark Beitragsersparnis paar Hundert an Prämie einbüssen würden und haben dann lieber die paar Hundert mitgenommen und haben die ihren Kram sülzen lassen und irgendwann hab ich ganz einfach nichts mehr bezahlt und fertig

  9. #138
    Benutzerbild von musicola

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    waschbaer postete

    Waschbär (für diesen Moment viel zu ironisch): "In Ordnung. Also, der Bauer dort drüben sagte uns ...."


    ich stell mir gerade vor wie dem Grenzer nach dem Hammerspruch fast
    die Halsschlagader platzt!

    ATOMROFL


  10. #139
    Benutzerbild von Heideland

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    Zum Thema ergänzend:
    Ich habe immer den Eindruck vermittelt bekommen, dass es hier bei mir in der Gegend, also BaWü, viel mehr Vorurteile gegenüber Ostdeutschen gibt als direkt an der Grenze.
    So gut wie keiner der "alteingesessenen" Bürger hier hat Verwandschaft im Osten, was das gegenseitige Verständnis nicht gerade bestärkt. Ich kann mich noch an ein Gespräch meiner Mutter mit einer Dame erinnern, die widerrum eine Mutter einer damaligen Jugendfreundin von mir war, die ziemlich übel über die Maueröffnung ablästerte. Sätze wie "Jetzt kommen die alle rüber und wir müssen für die zahlen", "Die machen sich jetzt überall breit, furchtbar!" waren da nicht selten...
    Aber wie will man jemanden erklären, der nie etwas mit der DDR zu tun hatte, dass das auch Deutsche sind und man eine GEMEINSAME Geschichte hat, mit der man sich identifizieren kann? Für Leute wie sie waren die von drüben" faktisch Ausländer, genauso wie es Österreicher und Schweizer für uns heute sind. Zwar wurden wir schnell akzeptiert und lebten uns super ein, aber besonders schwer wurde es, nach meinem Eindruck, für diejenigen, die erst ab 1989/90 in die BRD gekommen sind.
    Ich kann mich an einen ehemaligen Mitschüler erinnern, der nie richtig in die Klassengemeinschaft fand, wegen ganz dummer Vorurteile! Zwar gab es in der selbigen jemanden aus West-Berlin, doch anscheinend hatte er genauso wenig damit zu tun, wie alle anderen.
    Die Mutter eines Freundes meinerseits hat vor 2 Jahren die Mecklenburgische Seenplatte für sich als Urlaubsziel entdeckt. Ihr Sohn war bis dieses Jahr noch nie (!!) im Osten. Bin mit ihm mal nach Thüringen gefahren, damit er auch mal den weißen Fleck auf der Landkarte streichen kann. Wenn wir im April zum And One-Konzert nach Erfurt fahren (sofern sie endlich mal kommen und nicht wieder absagen), wird es sein zweiter Besuch seines Lebens in der ehemaligen "DDR". Bis vor kurzem wusste er nicht einmal, dass auch die Menschen in Ostdeutschland Solidaritätszuschlag zahlen müssen, bis ich ihn aufklärte...

  11. #140
    Benutzerbild von Muggi

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    So, hab mich jetzt durch den Thread geackert, stellenweise vor Lachen am Boden gelegen und bin an anderen Stellen sehr sentimental geworden. Bevor ich etwas weiter aushole:

    @babooshka

    Ich bin bei der Schilderung Deines Alexanderplatzerlebnisses etwas zusammengezuckt, weil ich fast dachte, das wir uns schon mal über den Weg gelaufen sein könnten. Ich war 1986 mit meiner Schulklasse auf Klassenfahrt in Berlin und als ich in einer ruhigen Minute alleine über den Alex schlendere, rücken auf einmal ein paar, dank ihrer Klamotten schnell als Westbesucher zu identifizierende Jugendliche an und drücken mir massenhaft DDR-Münzen in die Hand, mit der Begründung "Dürfen wir eh nicht wieder mit rübernehmen". Waren keine Mördersummen, aber als 14jähriger freut man sich natürlich über Extra-Taschengeld...

    Nun denn: ich habe die DDR im Rückblick sehr angenehm in Erinnerung, ohne sie zurückhaben zu wollen. Ich komme aus einer der absolut typischen Familien, keine überzeugten Parteigänger, aber auch keine "Widerstandskämpfer". Diese Leute, die sich inmitten einer Diktatur ihr kleines privates Glück erschaffen haben und den Staat haben Staat sein lassen, dürften meiner Meinung nach etwa 70-80% der Gesamtbevölkerung ausgemacht haben. Das mag für einen in der Demokratie aufgewachsenen schwer verständlich erscheinen, ist aber wohl eine Tatsache. Ich bin mal (dank der antifaschistischen Staatsdoktrin) in jüngeren Jahren zu meinen Großeltern marschiert und hab sie voller Entrüstung gefragt, warum sie denn im Dritten Reich nicht aktiv im Widerstand gewesen sind. An ihre (eher mitleidigen) Blicke kann ich mich noch heute erinnern. Ich konnte mir nämlich damals nicht vorstellen, das es unter den Nazis so etwas wie Alltagsglück gegeben hat. Lange Rede kurzer Sinn: Ich hatte sozusagen ein stinknormales DDR-Leben! Man hat sich eben alles angetan (Pioniere, FDJ, DSF usw.), ohne jetzt gleich ein treuer Staatsdiener zu sein. Viele Funktionen, die es so in der Schule zu vergeben gab, wurden nach dem "dann mach ich es eben"-Prinzip erledigt. Auf diese Weise brachte ich es zum Gruppenratsvorsitzenden (Für die Nichtossis: vielleicht vergleichbar mit einem Klassensprecher, etwas stolz, sowas wie der "Klassenboß" zu sein, war man schon irgendwie) oder ähnlichem Kram. Ich hab hier noch alte Zeugnisse rumschwirren, wo etwas von "gefestigtem Klassenstandpunkt" gefaselt wird. Sagen wir es mal so: Der Staatsbürgerkundelehrer bekam von mir, was er hören wollte, mehr nicht. Nervigen Überzeugungsversuchen meines Direktors, mich für 25 Jahre NVA zu verpflichten, konnte ich mich erfolgreich widersetzen. Diese Schulleiter standen allerdings auch unter Druck, sie mußten nämlich eine bestimmte Quote an potenziellem militärischen Nachwuchs bringen.

    Das mit den "Beziehungen" kann ich nur bestätigen. Besonders deutlich wurde mir das bei der Bewerbung um eine Lehrstelle. Ich wollte Berufsausbildung mit Abitur machen, diese Stellen waren aber äußerst rar. Für meinen Fall (Elektronikfacharbeiter, entsprechend etwa dem Industrieelektroniker) gab es beispielsweise 3 Lehrstellen im ganzen Landkreis. Da aber die Kader(Personal-)abteilung des Ausbildungsbetriebs zufällig die Patenbrigade meiner Schulklasse war (ich glaub, jede Schulklasse hatte solche Patenschaften) bekam ich eine Stelle zugeschanzt, obwohl es sicherlich noch bessere Bewerber gab.

    Apropos Bildung, das Thema kam hier, glaube ich etwas kurz: Alles war in der DDR sehr zentral geregelt, d.h. einheitliche Lehrpläne, Lehrbücher, Ferien etc. . Grundsätzlich gab es eine 10jährige einheitliche Schulpflicht. Ausnahmen gab es allerdings: Wer partout überfordert war, konnte nach 8 Schuljahren ohne Prüfung abgehen, dies galt trotzdem als Schulabschluß und ermöglichte das Erlernen sogenannter Teilfacharbeiterberufe, die man später eventuell durch Weiterqualifizierung noch in "vollwertige" Berufe umwandeln konnte. Es gab extrem Lernschwache, die nach weniger Schuljahren aufhörten, die konnten sich allerdings nur mit Hilfsarbeiterjobs durchschlagen. Besonders Begabte wurden frühzeitig gefördert, entweder auf Schulen mit erweitertem Russisch-Unterricht (ab 3.Klasse) oder auf Spezialschulen für Naturwissenschaften, Sport oder Kunst (ich glaub, ab 7. Schuljahr ) Mit dem Abitur sah es so aus: Die Plätze auf den EOS (Gymnasien) waren begrenzt, wir hier hatten z.B. nur eine Schule im ganzen Landkreis, d.h. es wurde kräftig gesiebt. Staatstreue oder Offiziersbewerber hatten natürlich prima Karten, aber nicht ausschließlich diese. Von männlichen Abiturienten wurde ein dreijähriger Wehrdienst erwartet, eine offizielle Anordnung dafür gab es allerdings nicht. Die Zulassung zum Abitur erfolgte ja erst ab Klasse 8 oder 9, nicht also wie heute, wo Fünftklässler schon aufs Gymnasium wechseln.

    Ich habe dann diese begehrte Ausbildung (da Beruf plus Abi) von 1988 bis 1991 gemacht, wohl die spannendste Zeit meines Lebens. Ich war in Radeberg bei Dresden im Lehrlingswohnheim (Internat) und hab da also die ganze Wendezeit erlebt. Ein Mitschüler verschwand beispielsweise im Herbst 1989 für ein paar Tage, weil er in die Unruhen vor dem Dresdner Hauptbahnhof hineingeriet, als die Flüchtlingszüge aus Prag durchfuhren und Tausende aufspringen wollten. Nicht mal seine Eltern wußten, dass er im Stasi-Knast festgehalten wurde. Allerdings sind diese Umbrüche auch dafür verantwortlich, dass ich letztendlich nicht studiert habe. Man glaubte, dass jetzt einem die ganze Welt offensteht, man wollte leben, konsumieren, entdecken...nicht weitere Jahre die Schulbank drücken. Heute bereue ich das ein wenig, aber die Zeit lässt sich nicht mehr zurückdrehen. Wie ich auf Klassentreffen feststellte, war ich nicht der Einzige, etwa 75% meiner damaligen Abiturklasse hat nicht studiert.

    Aus dieser Zeit gibt es noch etwas zum Thema Versorgung zu erzählen: das heute ja auch im Westen bekannte Radeberger Bier ging ja zu DDR-Zeiten fast ausschließlich in den Export. Einmal in der Woche gab es das aber auch in Radeberg, wo ich ja lernte. Wenn es gut lief, 5 Flaschen pro Nase (!) meistens jedoch nur 3. Da wurden ganze Familien zum Einkaufen geschickt...

    Zum Thema Musik: Ich habe sowohl Ost-wie auch Westmusik eigentlich gleich gern gemocht. Auch wenn man viel RIAS 2 hörte, die Musik nahm ich eigentlich ausschließlich beim DDR-Sender DT64 auf, da mich das reinquatschen der Moderatoren in die Songs äußerst nervte. Um so etwas wie Copyrights scherte sich ja hierzulande kaum jemand, deshalb wurden ganze Platten fein säuberlich zum Mitschneiden gesendet, sogar Titellisten in Form des Datasetten-Krachs wurden gebracht! Was gab es da nicht so alles? "Duett - Musik für den Recorder" (ganze Platten), "Podiumsdiskothek" (aktuelle Singlehits), "DT-Wunschkonzert" (da gabs sogar Einstürzende Neubauten, Klaus Nomi und anderen schrägen Kram), "Maxi-Stunde" (ganze 12" komplett) "DT64 electronics" (da gabs beispielsweise einen Depeche Mode-Titel der Woche, hübsch chronologisch nach den Albentracklists gesendet, ein von Martin Gore gesprochener Gruß an alle Hörer mußte sogar mehrfach zum Mitschneiden gebracht werden!... ) So einen Sender wie das Jugendradio wünsche ich mir heute sehnlichst zurück. Bei der heutigen Radiolandschaft kommt mir echt das Grausen...


    Ich hör wohl erst mal auf, der Thread ist ja morgen auch noch da... Anzumerken ist noch, dass ich exakt an meinem 18.Geburtstag (08.12.1989) das erste Mal im "goldenen Westen", sprich West-Berlin war.