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'Schlüsselkind'

Erstellt von Die Luftgitarre, 21.02.2013, 12:36 Uhr · 28 Antworten · 2.458 Aufrufe

  1. #1
    Benutzerbild von Die Luftgitarre

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    'Schlüsselkind'

    Irgendwie sind ja derzeit alle Politiker und Medienmacher für die Ganztagsschule. Nachdem die Vollzeiterwerbstätigkeit beider Eltern, bzw. das gehäufte vorkommen alleinerziehender Eltern auch von der CDU als neue Normalität akzeptiert worden sind, erscheint nun die Einführung der Ganzragsschule als logische Schlussfolgerung, wenn man nicht will, dass die Kinder nach der Schule komasaufen, gewaltcomputerspielen und s-bahn-surfen.

    In den 80ern gab das ja wegen der zunehmenden Erwerbstätigkeit von Frauen und der steigenden Scheidungsraten den Begriff 'Schlüsselkinder', wobei der Begriff damals z. T. noch gegen die nicht dem trad. Rollenbild entsprechenden Mütter gerichtet war, heute hingegen eher gegen konservative Ganztagsschulgegner gerichtet werden würde.

    Ich selber war im Alter von 9 bis 11 phasenweise ein solches 'Schlüsselkind' ... und fand das ziemlich cool! Quasi wie ein Erwachsener, die eigene Wohnungstür aufschließen, mich ganz lässig im Wohnzimmer breit machen, da hatte was. Bzw. nach der Schule erstmal draußen bummeln. Und dann halt mit Freunden treffen. - Wenn man mich damals gefragt hätte, ob ich nicht lieber nachmittags ganz modern und fortschrittlich in der Schule bleiben würde, hätte ich geantwortet: "Och ne, muss nicht sein."

  2.  
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  3. #2
    Benutzerbild von Lutz

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    AW: 'Schlüsselkind'

    Zitat Zitat von Die Luftgitarre Beitrag anzeigen
    Wenn man mich damals gefragt hätte, ob ich nicht lieber nachmittags in der Schule bleiben würde, hätte ich geantwortet: "Och ne, muss nicht sein."
    Auch noch nachmittags in der Schule? Wäre für mich ne Horrorvorstellung gewesen. Alleine in der Wohnung? Da hätte ich nix gegen gehabt *g*

  4. #3
    Benutzerbild von Babooshka

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    AW: 'Schlüsselkind'

    Zitat Zitat von Lutz Beitrag anzeigen
    Auch noch nachmittags in der Schule? Wäre für mich ne Horrorvorstellung gewesen. Alleine in der Wohnung? Da hätte ich nix gegen gehabt *g*
    Genau! Ich ging ja nach meinem Abflug vom Gymnasium ganz bewusst auf eine Gesamtschule am anderen Ende der Stadt, weil diese in der 9. und 10. Klasse keinen Pflicht-Ganztagsbetrieb mehr hatte, denn die Gesamtschulen bei mir im Bezirk hatten bis auf eine alle Ganztagsbetrieb, und die wollte mich nicht nehmen, weil ich in die 10. Klasse musste und die Mittelstufe bereits aus allen Nähten platzte. Ich denke, für uns, die wir keinen Ganztagsbetrieb gewöhnt waren, war das 'ne Horrorvorstellung; ich war ja wegen der langen Fahrzeit erst um 16 Uhr zu Hause, das war schlimm genug! Kinder, die es jedoch von Anfang an gewöhnt sind, wie die Franzosen etwa, finden das völlig normal. Die gucken eher irritiert, wenn man ihnen von unserem Standard-Halbtagsbetrieb erzählt - oft kommt dann bei Kindern im jüngeren Alter ja noch die Notwendigkeit eines Horts für nach der Schule auf.

    Ich war kein wirkliches Schlüsselkind. Meine Mutter arbeitete Teilzeit als Krankenschwester im Rhythmus eine Woche Nachtdienst, zwei Wochen frei und mein Vater war nur vormittags außer Haus und pünktlich zum Mittagessen um 14 Uhr zu Hause, seine restliche Arbeit erledigte er am heimatlichen Schreibtisch. Es war also immer jemand zu Hause, auch wenn meine Mutter schlief. Essen hat sie immer vorgekocht oder mein Vater hat eine Büchse aufgemacht oder sowas. Einzige Bedingung an mich war, dass ich mich leise beschäftigte oder rausging.

    Heute hingegen besteht ein viel größerer Bedarf an Ganztagsschulen und ich fand das gar nicht schlecht, wie das damals auf den Gesamtschulen geregelt war: 3x die Woche wurden nach dem Unterricht von Lehrern und Sozialarbeitern betreut Hausaufgaben gemacht, wobei man dann gleich nochmal nachfragen konnte, wenn was unklar war, und 2x die Woche nahm man an einer AG teil, die Auswahl war groß. Heute finden aber auch schon mal reguläre Unterrichtsstunden nachmittags, also nach der 6. Stunde statt, weil ja stattdessen samstags frei ist. Das wiederum war auf der Gesamtschule eine Wohltat, der Schulsamstag auf dem Gymnasium nervte kolossal. Und wie gesagt, wenn die Kinder frühzeitig daran gewöhnt sind, lange von zu Hause weg zu sein, dann empfinden sie das auch nicht als Horrorvorstellung

  5. #4
    Benutzerbild von Lutz

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    AW: 'Schlüsselkind'

    Zitat Zitat von Babooshka Beitrag anzeigen
    Heute finden aber auch schon mal reguläre Unterrichtsstunden nachmittags, also nach der 6. Stunde statt, weil ja stattdessen samstags frei ist. Das wiederum war auf der Gesamtschule eine Wohltat, der Schulsamstag auf dem Gymnasium nervte kolossal. Und wie gesagt, wenn die Kinder frühzeitig daran gewöhnt sind, lange von zu Hause weg zu sein, dann empfinden sie das auch nicht als Horrorvorstellung
    Am Samstag zur Schule? Auch Horror!

  6. #5
    Benutzerbild von Babooshka

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    AW: 'Schlüsselkind'

    Zitat Zitat von Lutz Beitrag anzeigen
    Am Samstag zur Schule? Auch Horror!
    Ja, war voll scheiße. Auch wenn es nur 4 Stunden waren und zwei davon vielleicht nur Kunst oder Werken waren, man musste trotzdem früh auf- und um 8 auf der Matte bzw. im Klassenraum stehen. Wenn ich mich dann noch erinnere, dass ich sonntags manchmal schon um 10 Uhr wieder im Reitstall stand, also auch nicht wirklich ausschlief und morgens einen auf faul machte, dann muss ich wohl eine unglaubliche Energie gehabt haben. Na und eine Mutter, die mich auch samstags nicht bis in die Puppen aufbleiben ließ.

    Lutz bis wann gingen denn längstens deine Schultage unter der Woche? Ich frage, weil ich meistens um 13: 25 Uhr, ein-zweimal die Woche auch eine Stunde früher Schluss hatte. Drum mussten wir ja samstags nochmal rein, das Stundensoll musste ja irgendwo untergebracht werden. Wie ich schon schrieb, die typischen vier Samstagsstunden, die wir damals hatten, werden heute auf die Woche verteilt, sodass die Schüler so oder so schon öfter nachmittags in der Schule sind.

  7. #6
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    AW: 'Schlüsselkind'

    Zitat Zitat von Babooshka Beitrag anzeigen
    Lutz bis wann gingen denn längstens deine Schultage unter der Woche? Ich frage, weil ich meistens um 13: 25 Uhr, ein-zweimal die Woche auch eine Stunde früher Schluss hatte. Drum mussten wir ja samstags nochmal rein, das Stundensoll musste ja irgendwo untergebracht werden. Wie ich schon schrieb, die typischen vier Samstagsstunden, die wir damals hatten, werden heute auf die Woche verteilt, sodass die Schüler so oder so schon öfter nachmittags in der Schule sind.
    Ich hab da einiges verdrängt Mal schaun ob ich es noch zusammen bekomme *g*
    Einmal hatte ich nachmittags Sport (das war schon sch***) und dann noch einen Hammertag, der sehr lang ging (aber nicht bis in die Puppen nachmittags)

    Aber es war so 1000* besser. Ich kannte nur vom Hörensagen, daß es außerhalb Hamburgs arme Säue gab, die noch am Wochenende zur Schule mussten...

  8. #7
    Benutzerbild von Babooshka

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    AW: 'Schlüsselkind'

    Der Nachmittagssport, genau, der war auch voll scheiße. Und zwar gestaltete sich der bei uns so: Bei mir am Gymnasium gab es keine Sportanlage (die Schule befand sich in einem alten Fabrikgebäude), so mussten wir andere Sportstätten in der Gegend nutzen und dort immer hinfahren bzw. -laufen. Da hatten wir dann zwei Stunden Sport, aber der Lehrplan sagte, wir hatten ein Anrecht auf eine dritte Sportstunde. Und das bedeutete, wir hatten uns so genannten "Neigungsgruppen" anzuschließen und diese alle 2 Wochen nachmittags für 2 Stunden aufzusuchen, wieder in einer Sportstätte in einer ganz anderen Ecke von Spandau. Die Auswahl an Sportarten war oft so dürftig, dass ich es vorzog, auf das Anrecht meiner 3. Sportstunde zu verzichten... bis das rauskam natürlich. Dann musste ich doch wieder Vooooollleybaaaall spielen

  9. #8
    Benutzerbild von Lexi

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    AW: 'Schlüsselkind'

    Zitat Zitat von Die Luftgitarre Beitrag anzeigen
    In den 80ern gab das ja wegen der zunehmenden Erwerbstätigkeit von Frauen und der steigenden Scheidungsraten den Begriff 'Schlüsselkinder',
    Den Begriff gab es schon in den 50er Jahren.


    Zitat Zitat von Babooshka Beitrag anzeigen
    Genau! Ich ging ja nach meinem Abflug vom Gymnasium ganz bewusst auf eine Gesamtschule am anderen Ende der Stadt, weil diese in der 9. und 10. Klasse keinen Pflicht-Ganztagsbetrieb mehr hatte, denn die Gesamtschulen bei mir im Bezirk hatten bis auf eine alle Ganztagsbetrieb
    Wie, es gab gleich ein ganzes Dutzend Gesamtschulen in deiner Umgebung? Ich hätte auf gar keiner gehen können, so was kannte ich - wenn überhaupt - nur vom Hörensagen als Modellversuch irgendwo weit weg.

    Und wie ging das überhaupt: Wurde man da als Haupt- / Real- / Gymnasialschüler eingestuft oder konnte jeder Latein, Griechisch und Hebräisch wählen? Generell stelle ich mir eine Gesamtschule vor der Haustür angenehmer vor, als ein Gymnasium mit langer Anreise.

  10. #9
    Benutzerbild von Babooshka

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    AW: 'Schlüsselkind'

    Zitat Zitat von Lexi Beitrag anzeigen
    Wie, es gab gleich ein ganzes Dutzend Gesamtschulen in deiner Umgebung? Ich hätte auf gar keiner gehen können, so was kannte ich - wenn überhaupt - nur vom Hörensagen als Modellversuch irgendwo weit weg.
    Bist du aus Bayern Lexi? Wenn ja, ist das kein Wunder: In München gab es genau eine einzige Gesamtschule. Diese Schulform wurde im konservativen Bayern komplett abgelehnt. Im stets etwas linksgerichteten West-Berlin jedoch gab es in jedem Bezirk mehrere Gesamtschulen, auch wenn das Konzept schon auch umstritten war und nicht jede Schule einen guten Ruf genoss. Die, auf die ich damals ging, hatte einen guten Ruf (heute leider nicht mehr), bei mir im Bezirk gab es nur eine, die einen guten Ruf hatte und die wollte mich wie gesagt nicht. Zudem musste es ja eine Gesamtschule mit Oberstufe sein und eine solche wiederum hatte nicht jede. In Bayern habe ich mitbekommen, dass Schüler, die ein normales Gymnasium nicht packten, dann auf ein Privatgymnasium gingen und dort Abi machten.

    Und wie ging das überhaupt: Wurde man da als Haupt- / Real- / Gymnasialschüler eingestuft oder konnte jeder Latein, Griechisch und Hebräisch wählen?
    Ja, so ungefähr lief das, es gab Kurse für gute und für weniger gute Schüler, wobei die Grenzen zwischen ihnen fließend waren. Man konnte sich also in den anspruchsvolleren Kurs hocharbeiten oder aber in den weniger anspruchsvollen absteigen, wenn man sich in einem Fach schwer tat. Und im nächsten Schuljahr wieder in den anspruchsvolleren Kurs gehen, wenn es besser lief. Der Abschluss, den man am Ende hatte, wurde anhand eines bestimmten Schlüssels errechnet und es galten auch bestimmte Vorgaben für die Oberstufenzulassung. In der Oberstufe hatten wir dann genau denselben Stoff wie am Gymnasium auch, nur gemütlicher, weil verhältnismäßig wenig Schüler (in meinem Jahrgang ca. 40) und mit Lehrern, die weniger unerbittlich waren als die am Gymnasium. Also es wurde weniger gesiebt, sondern zugesehen, dass nach Möglichkeit alle durchs Abi kamen.

    Latein wurde angeboten und fand statt, wenn genug Schüler es machen wollten (ich hatte Latein bis zum Abi); Griechisch und Hebräisch spielten in Berlin überhaupt keine Rolle. Wer das lernen wollte, sprich klug genug dafür war, für den gab es extra humanistische Gymnasien, der war dann an der Gesamtschule aber ohnehin nicht richtig aufgehoben.

  11. #10
    Benutzerbild von Lexi

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    AW: 'Schlüsselkind'

    Zitat Zitat von Babooshka Beitrag anzeigen
    Bist du aus Bayern Lexi?
    Nein, aus NRW. Und da gab es nur 30 Gesamtschulen, wie ich gerade sehe - die standen wohl im Ruhrgebiet. Hier gab es 1978 die Aktion Stop Koop:

    Landtag NRW: 1. März 1978: Das Volksbegehren gegen die KOOP-Schule

    ... an das ich mich auch noch erinnern kann, auch wenn ich damals nicht wusste, worum es sich handelte. Mitte der 80er hat man dann so langsam an Gesamtschulen gedacht.

    Zitat Zitat von Babooshka Beitrag anzeigen
    Zudem musste es ja eine Gesamtschule mit Oberstufe sein und eine solche wiederum hatte nicht jede.
    Ach, ich dachte, eine Oberstufe gehört immer dazu - das ist ja komisch.

    Zitat Zitat von Babooshka Beitrag anzeigen
    In Bayern habe ich mitbekommen, dass Schüler, die ein normales Gymnasium nicht packten, dann auf ein Privatgymnasium gingen und dort Abi machten.
    Hihi, das ist ja wie in "Die Lümmel von der ersten Bank", wo Pete Nietnagel mit einen Batzen Geld seine Versetzung organisiert.

    Die Lümmel von der ersten Bank 1 - Zur Hölle mit den Paukern - YouTube

    Zitat Zitat von Babooshka Beitrag anzeigen
    Ja, so ungefähr lief das, es gab Kurse für gute und für weniger gute Schüler, wobei die Grenzen zwischen ihnen fließend waren. Man konnte sich also in den anspruchsvolleren Kurs hocharbeiten oder aber in den weniger anspruchsvollen absteigen, wenn man sich in einem Fach schwer tat. Und im nächsten Schuljahr wieder in den anspruchsvolleren Kurs gehen, wenn es besser lief.
    Das hört sich doch ganz überzeugend an. Da kannte man dann alle Mitschüler seines Jahrgangs?

    Zitat Zitat von Babooshka Beitrag anzeigen
    weil verhältnismäßig wenig Schüler (in meinem Jahrgang ca. 40)
    ... (ich hatte Latein bis zum Abi)
    Nur 40, wir waren über 100: Kamen da überhaupt alle Leistungskurse zusammen oder gab es so etwas in Berlin nicht?

    Und Du sprichst Latain? Ich war erst auf der Realschule und habe nur die Oberstufe des Gymnasiums erlebt. Wie gruselig ist so etwas eigentlich, ich stelle es mir kompliziert vor. Na immerhin bist Du jetzt nicht hilflos, wenn einmal ein Römer vor der Tür steht.


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