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Klartext!!!

Erstellt von bamalama, 25.07.2005, 15:40 Uhr · 78 Antworten · 38.508 Aufrufe

  1. #31
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    Peter Schilling

    Peter Schilling: "Also, da bin ich Schwabe."

    1983 führte Peter Schillings Song "Major Tom (völlig losgelöst)" wochenlang die Hitlisten an, keine andere Single verkaufte sich in jenem Jahr besser. Nun bringt der gebürtige Stuttgarter ein neues Album heraus. Er selbst sagt, "Das Prinzip Mensch" sei hundert Prozent Peter Schilling. Welche Gedanken sich dahinter verstecken, wer seine aktuelle deutsche Lieblingsband ist und ob er WM-Karten bekommen hat - das verrärt er im Interview mit der NDR 2 Musikredaktion!
    Frage: 2004 kam dein Album "Zeitsprung" auf den Markt - was hast du in den 22 Jahren zwischen "Major Tom" und diesem Album gemacht?


    Peter Schilling: Ja, davor war noch "Raumnot", 2003, und das letzte Album war 1992/93. Dazwischen hab ich für Plattenfirmen viele Remixe gemacht. Ansonsten hab ich es ruhiger angehen lassen, denn gerade in den 80er Jahren war ich sehr viel unterwegs, vor allem weltweit. Das war schon sehr anstrengend bis 1988/89. Ich habe ja zwei Jahre in New York gelebt, und so ging die Zeit schnell dahin.
    Wenn du die Musik mit deinen letzten beiden Alben vergleichst - was ist anders?
    Also, ich bezeichne das erste Album, das erste Album der "Neuzeit", als Findungsprozess. Es heißt ja eigentlich auch 6 versus 6, also sechs neue und sechs alte Titel. Das zweite Album "Zeitsprung" war dann wieder die Suche nach mir selbst. Und bei dem ganz neuen Album "Das Prinzip Mensch" bin ich jetzt wieder angekommen an dem Punkt, wo ich sein wollte. Hat mich auch sehr viel Anstrengung gekostet. Den Weg zu sich selber kriegt man ja nicht geschenkt. Und "Das Prinzip Mensch" ist pur Peter Schilling, 100 Prozent.
    "Keine Angst mehr Songs zu schreiben"

    Was war der kreative Grundgedanke bei dieser aktuellen Platte?
    Das Prinzip Mensch. Es geht um den Menschen und seine Sicht der Dinge. Es gibt zum Beispiel einen Titel, der heißt "Wyoming Syndrom". Das bezieht sich auf den Yellowstone Park, der im US-Staat Wyoming liegt. Dieser Yellowstone Park zeichnet sich aus durch heiße Quellen, also durch einen eingestürzten Vulkan, der unter der Erde weiter brodelt. Das ist, als wäre da ein Korken drauf, und dieser Korken wird in den nächsten 70, 80.000 Jahren in die Luft gehen, und dann hat der Mensch ein kleines Problem. Wie der Mensch mit diesen Ängsten umgeht, das ist das Interessante an der Geschichte. Dann gibt es einen weiteren Titel, "Titel, Namen, Labels" heißt der. Darin geht es um die Oberflächlichkeit, mit der manchmal agiert wird, das heißt, du musst keine Inhalte mehr liefern, es reichen Schlagworte. Es muss auch kein gutes Produkt sein, Hauptsache, die Marke stimmt... Damit beschäftigt sich das Album.

    Was ist die Aussage deiner Single "Es gibt keine Sehnsucht"?
    "Es gibt keine Sehnsucht" ist die zwischenmenschlich emotionalste Nummer aus dem Album. Ich verarbeite da natürlich eine private Beziehung, die im Januar davor zu Ende ging. Und da ist die Musik für mich sehr wichtig, denn so kann ich es am besten ausdrücken.
    Was hat sich an deinem Songwriting im Vergleich zu den letzten zwanzig Jahren geändert?
    Ich hab' keine Angst mehr Songs zu schreiben. Das Texten zum Beispiel ist eine unglaublich anstrengende Arbeit. Manche Texte gehen ruckzuck - "Major Tom" dauerte fünfundzwanzig Minuten. "Terra Titanic" dauerte fast sechs Wochen. Man bekommt schon den nötigen Respekt davor, einen guten Song zu schreiben. Heute bin da entspannter. Mit 25 ist das anders! Da denkst du, du hast einen Song geschrieben, jetzt fällt dir nie wieder was ein. Aber das hab' ich jetzt schon so oft hinter mir - da weißt du, das ist kein Problem. Dann sind natürlich die Produktionsstudios heute ganz anders... Damals war das ein Riesenaufwand, mit Musikern, Toningenieuren und allem. Mit einem Mal einspielen musste das stimmen. Das ist heute alles anders.
    "'Major Tom' wäre auch später ein Hit geworden"

    Wenn man von der Neuen Deutschen Welle spricht, dann wird häufig dein Name genannt für die kommerzielle Schiene des Ganzen, für die authentische Schiene werden immer andere wie Die Einstürzenden Neubauten oder Fehlfarben genannt - findest du das gerechtfertigt?
    Die kenn ich nicht. Ich weiß, dass es die Band gibt, aber ich kenne keinen einzigen Song.

    Welche Band aus dieser Zeit bedeutet dir besonders viel?
    Keine. Ich muss dazu sagen, was die Neue Deutsche Welle betrifft: Ich habe auf den Erfolg sehr lange hingearbeitet. Es war ja nicht so, dass da vermehrt deutsche Musik lief und der Peter Schilling sich mal rangehängt hat. Ich hab vorher bereits 14, 15 Jahre lang Musik gemacht! Als kleiner Steppke schon. Ich hab mich an diesen Punkt rangearbeitet, hab aber schon immer - zu Freunden auch - gesagt: "Ich werde einen Nummer-1-Hit schreiben, ich werde das schaffen." Und ich hab's dann auch geschafft. Dass das zufällig jetzt im Zeitfenster der Neuen Deutschen Welle war, bezeichne ich als unglücklichen Zufall. Ich entgegne dem immer: "Major Tom" oder "Terra Titanic" wären auch drei, vier Jahre später noch Hits geworden, weil’s einfach gute Songs sind. Und das sieht man auch, wie lang sie überlebt haben.
    Nun scheint sich ja der Markt für deutsche Musik selbst wiederbelebt zu haben bzw. von der Industrie neu entdeckt worden zu sein - was hältst du von diesem Trend?
    Sehr viel! Was ich toll finde, ist, dass die deutsche Popmusik erwachsen geworden ist. Es ist erwachsene Musik, es gibt eine Kultur, eine Popmusik-Kultur, die ihren eigenen Stempel bekommt. Das beobachte ich mit großem Interesse und mit großer Freude. Und ich bin selbst ein Teil davon und freue mich, jetzt das Album "Das Prinzip Mensch" rauszubringen, weil es genau in diese Richtung der erwachsenen Popmusik geht. Es ist eine Dimension da, zwischen älteren, etablierteren Künstlern wie Peter Schilling oder Herbert Grönemeyer oder Nena zu jungen Bands, man hat jetzt eine Draufsicht auf deutsche Popmusik, es ist nicht mehr so eindimensional wie früher. Und das ist sehr, sehr schön!

    Gibt es eine aktuelle deutsche Band, die du sehr magst?
    Meine persönliche Lieblingsband im Moment ist Silbermond. Die finde ich klasse. Guter Sound, gute Texte. Die hat Magie, die Band.
    Inwiefern berührt dich die WM? Bist du Fan?
    Ich bin nicht nur Fan, ich bin richtig dabei. Ich bin Mitglied beim FC Bayern, das hört man jetzt in Hamburg wahrscheinlich nicht so gern, aber das ist nun mal die Realität, da muss ich mich stellen, und das tue ich auch. Aber ich mag den HSV auch gerne. Ich mag auch Bremen gern, das wird der HSV-Fan noch weniger gern hören. Aber ich bin generell ein Fan des Fußballs, und ich würde mir wünschen, dass der deutsche Fußball generell mal ein bisschen zulegt, denn wenn man sich die internationalen Spiele anschaut, da kommt einem der deutsche Fußball doch eher langsam vor. Ich hoffe, dass sich die Mannschaft bei der WM steigert, zusammenfindet und so eine Eigendynamik entwickelt wie bei fast jeder WM und dann entsprechend Erfolge erzielt. Ab dem Viertelfinale kann man zufrieden sein.
    Hast du denn auch Karten?
    Ja, kleine Geschichte. Ich bin Inhaber einer Kreditkarte, kaum zu glauben. Und dieses Kreditkarteninstitut hat mir Karten angeboten, zum Endspiel in Berlin, mit Essen und eigenem Parkplatz vor dem Stadion für schlappe 9.000 Euro pro Karte. Da hab ich gesagt: "Freunde, also auf den Arm nehmen kann ich mich selber.’ Da spende ich doch lieber die Hälfte und mit der anderen Hälfte fahre ich in den Urlaub. Also, da hat der Spaß ein Loch bei mir. Ich war mal im Netz und hab nachgeschaut: Da liegen die Karten zwischen zwei und zweieinhalbtausend Euro. Also, da bin ich Schwabe, das gebe ich nicht aus für Fußball. Da setz ich mich lieber zu Hause hin und schau mit Freunden schön und schau, was passiert.

    Vielen Dank für das Gespräch!
    Das Interview führte Pamela Welz aus der NDR 2 Musikredaktion am 27.04.2006.



    http://www.ndr2.de/pages_std_lib/0,3...EF7088,00.html

  2.  
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  3. #32
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    Es war der Sommer 1987, als ein französischer Song die Deutschen Single Charts im Sturm eroberte. "Voyage Voyage" heißt der Titel, der einen regelrechten Boom für französische Songs in Deutschland auslöste. Die Interpretin nennt sich DESIRELESS. Zusammen mit dem Komponisten Jean Michel Rivat ließ sie diesen Titel nicht nur in Deutschland zum Hit werden. Desireless ebnete den Weg für weitere Hits "Made in France". So konnten später in ihrem Windschatten z.B. France Gall ihr Comeback in Deutschland feiern und auch Vanessa Paradis und Guesh Pati Hits platzieren. Sie löste musikalisch im wahrsten Sinne des Wortes ein Frankreich-Fieber aus...
    Desireless, mit bürgerlichem Namen Claudie Fritsch, kann man wohl, ohne es böse zu meinen, als One-Hit-Wonder bezeichnen. Zumindest was Deutschland betrifft. Sie veröffentlichte nach ihrem größten Erfolg mit "Voyage Voyage" noch zwei weitere Singles aus dem Album "Francoise". Die beiden Titel "John" und "Qui Sommes Nous" landeten allerdings nicht mehr ganz so hoch in den Charts.
    Nach einer Pause von fünf Jahren veröffentlichte sie 1994 das Album "I Love You", das musikalisch rein gar nichts mit dem 80er Album "Francoise" zu tun hatte. Sie änderte ihren Stil und das Album fand hierzulande wenig Beachtung. Nur ein Jahr später zog sie mit der Familie von der Stadt auf´s Land und es schien, als sei ihre kommerzielle Musik-Karriere beendet.
    Wer ist diese Frau, die uns 1987 einen niemals alt werdenden Sommerhit beschert hat? Was macht die Künstlerin heute, die mit ihrer extravaganten Frisur und Mode über Frankreichs Grenzen hinaus soviel Erfolg hatte? Wir hatten am 05.10.2006 nur wenig Zeit, mit der Dame über ein paar Dinge zu sprechen. Zum ersten Mal seit Jahren gab sie in Deutschland ein Interview.

    Ich habe nie aufgehört zu singen...

    Desireless... geboren am 25. Dezember 1952, aufgewachsen in Tréport, in der Normandie, Frankreich. Zusammen mit ihrem Freund Claude Sabbah entwarf sie 1975 eine Modekollektion für die moderne Frau, "Poivre et sel". Aber die Welt der Mode war für sie zu klein und so begann sie, in unterschiedlichen Jazz-, New-Wave- und Rhythm-and-Blues Bands zu singen. Im Jahre 1983 traf sie Jean Michel Rivat, der für sie später ihre besten Songs schrieb.
    Am 05. Oktober 2006 trafen wir die Französin, die uns in den 80ern mit ihrer Musik begeistert hat.


    Hallo! Willkommen bei Music-Pleasuredome. Es ist jetzt schon eine ganze Weile her, dass Deine Fans neue Songs von Dir zu hören bekommen haben. Was machst Du gerade?
    Ich singe seit 1980 und ich habe damit auch nie aufgehört. Es gibt natürlich Songs von mir, die ein großes Publikum kennt. Ich habe aber auch Songs, die nur ein paar wenige Leute kennen. Das ist das Leben eines Musikers. Ich liebe es Mode zu entwerfen, andere Musiker zu treffen, zu singen und auf der Bühne zu stehen. Ich mag viele verschiedene Musikrichtungen. Und was für mich am wichtigsten ist, ist dass ich jeden Morgen glücklich bin, wenn ich aufwache. Ich mache das, wonach mir gerade ist.

    Musik war aber nicht immer Dein Hauptinteresse. Was hast Du gemacht, bevor Du mit Musik erfolgreich geworden bist?
    Ich habe sieben Jahre bevor ich angefangen habe zu singen als Mode-Designerin gearbeitet.

    Wie bist Du von der Mode zur Musik gekommen?
    Ich habe Freunde getroffen, die Musiker waren... Und schon ging´s los!

    Welche Bedeutung hat Dein Pseudonym "Desireless", und wie bist Du auf die Idee dazu gekommen?
    Mein Künstlername DESIRELESS ist ein Wunschbild. Einfach um das zu tun was man will, auf nichts warten zu müssen und zu versuchen, man selbst sein zu können. Mit bürgerlichem Namen heiße ich übrigens Claudie Fritsch.

    Wie hast Du den Komponisten Jean Michel Rivat, der deine größten Erfolge geschrieben hat, kennengelernt?
    Ich traf Jean Michel Rivat über einen Freund, der auch Musiker war. Er schrieb dann alle meine Songs für das erste Album und komponierte sie zusammen mit Dominique Dubois.

    "Voyage Voyage" war nicht deine erste Single, die veröffentlicht wurde, stimmt das?
    Ja, das stimmt. Vorher habe ich noch die zwei Singles "Chercher l'amour fou" und "Qui peut savoir" veröffentlicht.

    Wußtest Du, dass "Voyage Voyage" damals der erste französisch-sprachige Song seit 1977 war, der in Deutschland ein Top 10-Hit wurde?
    Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich eine der Französischen Künstler bin, der weltweit bekannt ist.

    Kam der Erfolg dieser Single damals überraschend oder ahnte man, dass er Hitpotential besaß?
    Wenn ich einen Song singe, dann singe ich ihn einfach... Ohne eine Ahnung zu haben, was dann kommt.

    Es gab auch eine Zusammenarbeit mit dem Britischen Produzenten-Team Stock-Aitken-Waterman...
    Ich habe Pete Waterman nie getroffen. Aber ich mag seinen Remix.

    Dein letztes Studio-Album war im Jahre 1994. Es heißt "I Love You". Was hast Du in der Zeit danach gemacht?
    Nach dem Album "I Love You" bin ich in den Süden Frankreichs gezogen.

    Viele Leute wünschen sich ein Comeback von Dir. Wird es irgendwann eins geben?
    "I never leave you" (Ich habe Euch nie verlassen).

    Im Jahre 2004 wurde eine Live-CD mit dem Titel "Un brin de paille" veröffentlicht. Was hat es damit auf sich?
    "Un Brin De Paille" ist aus einer Zusammenarbeit mit dem Gitarristen Michel Gentils entstanden. Wir haben zwei Jahre lang zusammen auf der Bühne gestanden und live gespielt. Das war eine sehr schöne Erfahrung für mich.

    Im letzten Jahr konnte man Dich in der Sendung "Best of Formel Eins" im Deutschen Fernsehen sehen. Gibt es solche Auftritte für Dich auch in Frankreich oder anderen Ländern?
    Ja! Manchmal mache ich TV Sendungen in Frankreich oder anderen Ländern um allen Leuten mal wieder "Hallo" zu sagen.

    Liebe Desireless... Ich danke Dir für Deine knappe Zeit und die Antworten. Möchtest Du unseren Lesern noch etwas sagen?
    Ich bin sehr glücklich, dass wir uns unterhalten konnten und dass ich so mit all den Leuten in Kontakt bleiben kann, die meine Songs mögen. Ich wünsche Euch alles Gute, Liebe und Küsse. Wir sehen uns bald wieder. Claudie.


    21.10.06 PLAYLIST:
    ROBBIE WILLIAMS - "rudebox", JODY WATLEY - "larger than life", THE KILLERS - "sam´s town", SINITTA - "the best of", SHANNON - "do you wanna get away", WENDY & LISA - "fruit at the bottom (Extended Play)", ARCADIA - "so red the rose" ---> P. ---> DIVINE - "the 12" collection", HUMAN LEAGUE - "the very best of" (DVD), MIGUEL BOSÉ - los videos" (DVD) ---> BANG!, Oberhausen

  4. #33
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    Nik Kershaw

    Ich wandere ziellos von einem Projekt zum nächsten...

    Es gibt nur wenige Musiker, die auf nahezu jeder 80er Compilation-CD zu finden sind: Laura Branigan, Alphaville, Paul Young, Visage, Soft Cell - um nur ein paar davon zu nennen. Unser heutiger Gast ist auch einer dieser Künstler, dessen Name stets genannt wird, wenn es thematisch um die 80er geht: Nik Kershaw!
    Zugegeben: Es ist ganz sicher ein Fehler, einen Musiker nur an einer Dekade festzumachen und ihn darauf zu beschränken. Gerade im Hinblick darauf, dass dieser Künstler auch heute noch Musik macht, und es die Jahre davor auch getan hat. Aber Nik Kershaw war in den 80ern ein Weltstar, mit Singleauskopplungen und Alben, die in nahezu jedem Land hohe Verkaufszahlen erreicht haben. An diesem Punkt kommt man nicht vorbei! Und dieser Erfolg läßt ihn auch heute noch ein Weltstar sein, denn sein Name ist nach wie vor Musik in den Ohren vieler Fans rund um den Globus. Sein letztes Album "You've Got To Laugh" ist ein schlagkräftiger Beweis für diese Aussage. Eine wundervolle Platte mit großartigen Gästen sowie melodischer, innovativer und zeitloser Musik.
    Wir sprachen mit Nik am 18. November 2006 über sein neues Werk, seine Karriere und natürlich auch über die 80er.

    Hallo Nik! Willkommen bei Music-Pleasuredome. Ich freue mich darüber, dass Du heute unser Gast bist. Wie geht es Dir?
    Mir geht es sehr gut! Aus der Pubertät bin ich raus und ich habe noch alle meine eigenen Zähne.

    Dein aktuelles Album heißt "You´ve Got To Laugh". Bitte erzähl uns etwas darüber.
    Dieses Album ist die erste Veröffentlichung auf meinem eigenen Label (ShortHouse Records), und ein kleines Experiment für mich. Ich hätte auch zu einem kleinen Indie-Label gehen können. Aber mit all den Möglichkeiten, die einem das Internet heute bietet, erschien mir die Idee, das Album auf meinem eigenen Label zu veröffentlichen, als die richtige Entscheidung. Eine ganze Menge meiner Kollegen hat es vor mir auch schon so gemacht (Midge Ure, Level 42, etc).

    Was bedeutet der Albumtitel?
    "You've got to laugh" ist eine Art Englisches Sprichwort. Es ist ironisch gemeint und wird in Situationen verwendet, wenn einem eigentlich nur noch zum Weinen zumute ist. Es sind auch die ersten Worte, die man auf dem Album hört, am Anfang des ersten Song, "Can't Get Arrested".

    Du hast zu den Aufnahmen des Albums auch einige Gäste im Studio gehabt, z.B. Simon Phillips am Schlagzeug und Nick Beggs (Ex-Kajagoogoo) am Bass. Sind das Freunde von Dir oder wie ist es dazu gekommen, dass sie beteiligt sind?
    Beide, Simon und Nick, sind gute Freunde von mir. Ich traf Simon 1980, lange bevor ich den Durchbruch geschafft hatte. Seine Frau und meine Ex-Frau waren alte Freundinnen. Ich erinnere mich, dass ich unheimlich viel Respekt vor ihm hatte. Er spielte damals mit Jeff Beck zusammen. Nick und ich sind immer mal wieder zusammengestoßen - wir haben uns sehr oft irgendwo getroffen - als er noch bei Kajagoogoo war, und sind seit dieser Zeit auch gute Freunde. Ich habe sie zu den Arbeiten an meinem Album eingeladen - abgesehen davon, dass beide erstaunlich gute Musiker sind - weil ich sie nicht bezahlen mußte!

    Wie lange hat es gedauert, bis die Arbeiten an "You´ve Got To Laugh" abgeschlossen waren?
    Ich habe vor etwa drei Jahren damit angefangen, an dem Album zu arbeiten. Letztendlich fertig war es im letzten Jahr, aber ich mußte vier Songs wieder entfernen. Universal veröffentlichte die Best Of CD "Then & Now" und wollte dafür auch neue Songs von mir haben. Also verbrachte ich den ersten Teil dieses Jahres damit, die vier Songs zu ersetzen, die ich für das Best Of-Album ausgewählt und dafür verwendet hatte.

    Besagte neue CD ist nur über Deine Internetseite erhältlich - nicht im freien Handel. Glaubst Du, dass das der Weg ist, auf dem in Zukunft Musik angeboten und verkauft wird, oder was waren die Gründe für diese Art des Vertriebs?
    Ich glaube, das ist ein zukünftiger Weg, weniger der zukünftige Weg. Das Internet hat den Markt erweitert. Die großen Plattenfirmen sind in den Jahren enorm groß, schwerfällig und unpersönlich geworden. Es geht denen nur noch ums Geldverdienen. Obwohl sie immer noch die meiste Kraft und Macht besitzen, haben sie sich sicherlich durch das Internet schon eine blutige Nase geholt. Heute kann jeder auf sich aufmerksam machen, auch ohne die Beteiligung irgendwelcher Plattenfirmen.

    Wie groß stufst Du die Möglichkeit ein, durch diese Art neue und interessierte Fans für Dich zu gewinnen?
    Ich habe es weitgehend akzeptiert, dass ich damit offene Türen einrenne. Wir haben nur sehr wenig Promotion in Form von Zeitungswerbung oder ähnlichem gemacht, und hauptsächlich werden es erstmal nur die treuen Fans kaufen. Jedoch gibt es auch noch sowas wie Mund-Propaganda. Die Gruppe "Arctic Monkeys" ist ein gutes Beispiel dafür, dass sowas klappen kann.

    Lass uns mal eine Zeitreise machen: Dein Durchbruch in der Musikszene kam mit der Single "I Won´t Let The Sun Go Down On Me" und Deinem ersten Album "Human Racing". Aber das waren nicht Deine ersten musikalischen Aktivitäten, richtig?
    Ich hatte es erst mit 25 Jahren richtig geschafft. Angefangen mit der Musik habe ich im Alter von 16 Jahren, also kann man wirklich nicht von einem "Erfolg über Nacht" sprechen. Ich habe in Coverbands angefangen und die frühen Bowie-Songs und Lieder von T-Rex nachgespielt, bevor ich für kurze Zeit meine erste eigene Band hatte. Danach war ich drei Jahre in einer professionellen Band tätig. Wir versuchten vernünftig zu bleiben und spielten Fusion-Jazz (Steely Dan, Weather Report, etc.).

    Kam der Erfolg der ersten Single für Dich unerwartet, oder wußtest Du von dem Potential, das in dem Titel steckte?
    Der Erfolg kam damals nicht unerwartet. Ich war mir absolut sicher, dass ich es schaffen würde, und war von Leuten umgeben, die das gleiche dachten. Nur wenn ich mal so zurückdenke, merke ich erst, wieviel Glück ich damals hatte. Da gab es tausend andere Musiker, die an dem gleichen Punkt waren wie ich. Und alle waren sich sicher, dass sie es schaffen würden. Nur sehr wenig dieser Leute haben es wirklich geschafft.

    Musikfans aus der ganzen Welt können sich die 80er ohne Nik Kershaw überhaupt nicht vorstellen. Wie fühlst Du Dich dabei, dass Dein Name in Bezug auf dieses Jahrzehnt immer als einer der ersten genannt wird?
    Es freut mich natürlich, dass ich bei den Leuten immer noch in bester Erinnerung bin. Aber es frustriert mich gleichzeitig auch etwas, wenn ich nur auf eine Dekade beschränkt werde. Ich bin ja schließlich nicht am 1. Januar 1990 gestorben.

    Du bist nicht nur als Solokünstler aktiv und erfolgreich gewesen. In den 80ern wurdest Du sehr oft auch für Studioarbeiten anderer Musiker gebucht, u.a. für Sir Elton John...
    Ja, richtig! Ich hatte die Ehre, bei verschiedenen Songs für das "Ice On Fire" Album mitzuspielen. Das bin übrigens ich, der da bei "Nikita" auf der Rhythmus-Gitarre zupft. In all den Jahren habe ich mit Elton, Chesney Hawkes, Cliff Richard, Bonnie Tyler, Ronan Keating, Steve Balsamo, Connah Reeves, Tony Banks, Jason Donovan, Lulu, The Hollies, Colin Blunstone, Mandoki, Let Loose, Imogen Heap, und vielen anderen zusammen gearbeitet.

    Zwischen den Jahren 1984 und 1989 sind vier Alben von Dir erschienen. Dann kam eine Pause von 10 Jahren, bis Dein Album "15 Minutes" erschien. Was hast Du in der langen Zeit dazwischen gemacht, und was waren die Gründe für die Auszeit?
    Neben meinem Versuch, mein Golf Handicap zu verringern (es ist jetzt immer weniger als zweistellig) habe ich für andere Musiker geschrieben und produziert. Obwohl ich zuerst eine große Portion Erfolg hatte, frustrierte es mich dann doch sehr, dass ich aufgrund von falschen Strategien der Plattenfirma mit einigen Projekten gescheitert bin. Das war der Grund dafür, dass ich aufgehört hatte, eigene Platten zu machen.

    Im Jahre 1991 hast Du zusammen mit Tony Banks von GENESIS eine Platte aufgenommen. Wie ist dieses Projekt entstanden?
    Ich saß in meiner Küche und dachte über meine Geschäfte nach, als das Telefon klingelte. Es war Tony. Ich war schon seit meiner Zeit als Teenager ein großer Genesis Fan und es war deswegen auch sehr aufregend, mit ihm zusammenzuarbeiten. Er hatte die Songs für sein Album fertig und brauchte noch jemanden, der ihm die Texte schrieb und auch sang. Ich war überrascht, als er "I Wanna Change The Score" als Single auskoppelte. Es war wegen seiner Laufzeit nicht sehr radiotauglich, und ich glaube, ich war auch nicht sehr hilfreich was Promotion betraf. Ich hatte mich gerade dazu entschlossen, keine weiteren Platten mehr zu machen, und war auch nicht sonderlich interessiert daran, wieder in der Öffentlichkeit zu stehen.

    Du hast auch mit Chesney Hawkes Anfang der 90er gearbeitet. Im letzten Jahr hat Chesney einen neuen Song mit dem Titel "Another fine mess" veröffentlicht, an dem Du auch wieder mitgearbeitet hast, richtig?
    Ches ist ein guter Freund geblieben, obwohl ich seine vielversprechende Karriere mit "The One And Only" beendet habe. Wir treffen uns immer wieder mal, um ein paar Songs zu machen. Einer dieser Songs, "Jane Doe", landete sogar auf meinem Album "To Be Frank". Der Titel "Another Fine Mess" ist im Original für "McFly" entstanden, bevor überhaupt jemand von denen gehört hat.

    Hast Du Zukunftspläne? Was kommt von Dir als nächstes?
    Ich bin nie ein großer Plänemacher gewesen. Ich wandere ziellos von einem Projekt zum nächsten. Wer weiss, was als nächstes kommt.

    Hast Du noch Träume? Was würdest Du gerne nochmal machen, wenn Du die Möglichkeit dazu hättest?
    Ich träume immer noch davon: Es sind beim Finale der Fußball Weltmeisterschaft noch 30 Sekunden zu spielen. Wir liegen 0:1 zurück. Ich werde als Einwechselspieler gebracht und erziele zwei Tore. Jungs werden niemals erwachsen.

    Viele Deiner Fans fragen immer wieder nach einer Zusammenstellung Deiner großartigen Extended- und 12"-Versionen auf CD. Gibt es eine Chance, dass diese Wünsche mal erfüllt werden?
    Ich habe nie verstanden, wieso Leute so verrückt nach 12"-Mixen sind. Ich denke, dass die meisten Künstler in den 80ern diese Mixe als Vermarktungs-Werkzeug gesehen haben. Ich erinnere mich an manche Nacht, in der ich bis zur Erschöpfung versucht habe, einen Titel dreimal länger werden zu lassen, als es ursprünglich vorgesehen war. Universal hat die Rechte an all meinen Aufnahmen. Ich bezweifle aber stark, dass eine Zusammenstellung meiner Extended Versionen bei denen ganz oben auf der Prioriätenliste steht.

    Nik, ich danke Dir für Deine Zeit und die Antworten. Möchtest Du noch ein paar Worte an unsere Leser richten?
    Ich möchte mich bei Dir und den anderen für die Unterstützung bedanken. Es überrascht mich, dass da draußen immer noch Leute sind, die schätzen, was ich mache. Gott segne Euch!

    http://www.music-pleasuredome.de/ind...shaw/nikdt.htm

  5. #34
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    5 Fragen an THOMAS ANDERS...

    Nach Streit vor Gericht, bösen Worten gegen Thomas Anders (43) und mittlerweile drei Jahren Funkstille will Dieter Bohlen (52) jetzt "Modern Talking" neu beleben. Sagt er jedenfalls. Aber hat sein Ex- "Modern Talking"- Partner auch Lust dazu?

    Herr Anders, singen Sie jetzt wieder mit Dieter Bohlen?

    Neiiiin! Bohlen hat jetzt nach seinem Auftritt in Russland gesagt, DAS ES IHM SPASS MACHT, WIEDER AUF DER BÜHNE ZU STEHEN. Nur mir macht es keinen Spaß, mit ihm aufzutreten.

    Aber das Geld, das Ihnen entgeht!

    Gegen Geldverdienen hat niemand was. Aber ich blase jetzt nicht Trübsal ohne Dieter Bohlen. Im Jahr habe ich 6o bis 70 Auftritte.

    Nie mehr "Modern Talking"?

    Nein, das will ich nicht mehr. Dafür wird jeder Verständnis haben. UND WENN DIETER MIT SEINER NEUEN FREUNDIN AUFTRITT, SIE ANS KEYBORD STELLT- DAS HAT DOCH ALLES KEINEN STIL, KEIN NIVEAU. Das soll der Bohlen machen, wie er will. Aber ohne mich.

    Und für eine Million Euro?

    Nein! Geld ist nicht alles. Ich habe seit drei Jahren einen unglaublichen Seelenfrieden. Ich liebe meinen Beruf, arbeite an meiner CD, meinen Konzepten. Ich bin gern mit meinen Musikern live auf der Bühne. Alles geht sehr harmonisch zu. Man hat einfach nicht mehr so einen egozentrischen Dieter Bohlen um sich herum. Das braucht man alles nicht mehr. Nicht für alles Geld der Welt.

    Wie geht es Ihnen privat?

    Ich habe gerade eine Woche mit meiner Frau Claudia Urlaub auf Mauritius gemacht. Unser Sohn Alexander ist viereinhalb, entwickelt sich toll. Und übrigens: es ist kein weiteres Kind unterwegs.


    05.12.06 PLAYLIST:
    ENDGAMES - "building beauty", RICK SPRINGFIELD - "12 inch collection", THE KILLERS - "sam´s town", LIZA MINNELLI - "results remixes", POINTER SISTERS - "greatest hits", HOWARD JONES - "the 12" album" (2 CD), TAYLOR DAYNE - "can´t fight fate", DEVICE - "22b3", AZUL Y NEGRO - "babel" (vinyl), LA LUNA LES CANTA - "la luna les canta", CORA - "zeit für gefühle", JULIANE WERDING - "sie", MATIA BAZAR - "tango" ---> P.

  6. #35
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    PAUL HUMPHREYS (ex-O.M.D.) im Interview mit Gothic Online
    Donnerstag, 21. Dezember 2006

    Mit Paul Humphreys (ex-OMD) und Claudia Brücken (ex-Propaganda) haben sich ein begnadeter Musiker und eine großartige Sängerin zusammengefunden, die über mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Musikwelt verfügen und diese nun vereinen. Ihre neue Band ONETWO steht nach einer bereits erschienenen EP mit dem Debut-Album „Instead“ in den Startlöchern, um mit intelligent komponiertem und atmosphärisch inszeniertem Elektronik-Pop viele Herzen im Sturm zu erobern. Gothic-Online sprach im Rahmen der „Night of the Proms“ in München mit Paul Humphreys, der dort einen Auftritt mit OMD absolvierte.


    Welchen Stellenwert haben die Reunion-Shows mit OMD für dich? Wirst du Songs für zukünftige Veröffentlichungen schreiben oder hat Onetwo oberste Priorität?

    Paul Humphreys: Im Moment hat Onetwo meine volle Aufmerksamkeit und wir stecken schon mitten in den Planungen für das zweite Album. Shows wie die „Night of the Proms“ sehe ich als Möglichkeit, mich wieder etwas an die Live-Auftritte mit OMD zu gewöhnen. Schließlich feiern OMD nächstes Jahr den 25. Geburtstag, der natürlich auch in entsprechendem Rahmen mit Konzerten und Festivals gefeiert werden soll. Der Organisator von der Night of the Proms ist ein Freund von Andy und mir – er fragt uns seit Jahren, ob wir nicht einmal auftreten wollen, und wir haben ihm immer eine Absage erteilt. Als wir ihm dieses Jahr zusagten, ist er fast von seinem Stuhl gefallen, weil er damit gar nicht mehr gerechnet hat. Bei diesen gelegentlichen Shows bleibt es aber vorerst auch, da ich mich ganz auf Onetwo konzentrieren will.

    Glückwunsch zur Fertigstellung des neuen Onetwo-Albums “Instead”. Die Songs sind schon seit einiger Zeit produziert und gemastered, warum hat es dennoch so lange gedauert, bis ein Veröffentlichungstermin feststand?

    PH: Nun, es gab zwar einige Angebote von Major Labels, aber wir trafen letztlich die Entscheidung, das ganze selbst aufzuziehen. Viele von den großen Plattenfirmen haben derzeit stark zu kämpfen und besonders Musiker in meinem Alter werden nur wegen ihrem Namen und ihrer Geschichte unter Vertrag genommen. Sie bekommen ein paar Wochen Aufmerksamkeit, werden aber schnell wieder abserviert wenn es nicht so läuft wie erwartet. Das habe ich schon bei einigen Bands mit ansehen müssen. Wir haben dann Kontakt mit Daniel Miller von Mute Records aufgenommen, der ein guter Freund von mir ist. Er gab mir den Rat, dass wir unser eigenes Label gründen sollen und versprach gleichzeitig, uns dabei personell unter die Arme zu greifen. Ebenfalls von Vorteil war es, dass ich nach meinem Ausstieg bei OMD schon Erfahrungen als Labelchef gesammelt hatte. Ich kann auf viele Dinge zurückgreifen, die ich damals gelernt habe, und sie zum Vorteil für Onetwo nutzen. Insgesamt lief dann auch alles sehr gut, aber es dauerte eine Weile, um diese ganzen Schritte in die Wege zu leiten. Das eigentlich schon fertige Album konnte also noch nicht veröffentlicht werden, weil wir mehrere Monate mit den Business-Aspekten beschäftigt waren. Weihnachten rückte immer näher und es wurde uns von vielen Seiten geraten, nicht gerade zu dieser Zeit „Instead“ auf den Markt zu bringen, um in der Menge der Veröffentlichungen nicht unterzugehen. Also haben wir uns schließlich für Februar 2007 entschieden.

    Wie würdest du die Musik von Onetwo jemandem beschreiben, der dich nur aus deiner OMD-Zeit kennt?

    PH: In gewisser Weise ist es eine Rückkehr zu meinen elektronischen Wurzeln. OMD wurde zum Ende der 80er hin immer experimenteller, während sich Onetwo wieder deutlicher von deutscher elektronischer Musik im Stil von Kraftwerk beeinflusst zeigt. Somit kann man den Sound wohl am treffendsten als eine Mischung aus frühen OMD und Propaganda-Einflüssen, die Claudia mit in die Band gebracht hat, beschreiben. Aber wir haben die Songs in ein sehr zeitgemäßes Gewand gepackt, da wir unter gar keinen Umständen ein Album aufnehmen wollten, dass nach den 80ern klingt.

    Mit Martin Gore von Depeche Mode und Gary Lucas habt ihr bei den Songs “Cloud 9” und “A Vision in the Sky” zwei prominente Musiker ins Songwriting eingebunden. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

    PH: Mit Martin bin ich seit Jahren befreundet, wir kennen uns noch von den gemeinsamen Touren von OMD und Depeche Mode. Claudia kannte ihn auch schon lange bevor ich begann mit ihr Musik zu machen. Sie hatte dann diese Idee für „Cloud 9“, wusste aber nicht recht, wie sie sie verwirklichen sollte. Also hat sie überlegt, wer ihr dabei helfen könnte und schließlich Martin angerufen, der auch dazu bereit war. Und das ist in der Tat etwas besonderes, denn Martin hat vorher noch nie wirklich als Co-Writer fungiert, da er eher als Eigenbrödler bekannt ist. Daher bedeutet uns das sehr viel. Bei Gary Lucas war es so, dass er im Internet auf uns gestoßen ist und fragte, ob wir nicht Interesse hätten, für einen Song mit ihm zu arbeiten. Wir waren natürlich begeistert, da Gary eine Legende ist. Also hat er uns diese genialen Gitarrenspuren geschickt und wir haben um diese herum den Song gebaut.

    Als Claudia und du die Songs für „Instead“ geschrieben habt, gab es da eine klare Arbeitsaufteilung? Warst du für die Musik zuständig und sie für Gesang und Texte? Oder wart ihr im ständigen Austausch über eure Ideen und Vorstellungen?

    PH: Es war schon so, dass ich mich mehr auf die Musik konzentriert habe und Claudia auf die Lyrics, aber es gab immer Überschneidungen. So hat Claudia einige Keyboardpassagen geschrieben und ich habe einige Veränderungen an den Lyrics vorgenommen. Es war eine enge Zusammenarbeit und wir haben immer gemeinsam über die Themen entschieden, über die wir schreiben wollten. Also wurden Ideen gesammelt und sich wieder zusammengesetzt. Nach dem Motto „Das ist gut und das sollten wir etwas abändern.“ Aber generell haben wir uns auf einer Ebene bewegt, was das Arbeiten sehr angenehm gestaltet hat.

    Wie kam es zu der Idee mit dem einzigen deutschen Song („Kein Anschluss“) auf dem Album?

    PH: Für mich war es in gewisser Weise ein persönliches Anliegen, da ich ein großer Kraftwerk Fan bin und immer deren deutschsprachige Alben den englischsprachigen vorzog. Ich wollte schon lange einen deutschen Song aufnehmen und habe zu Claudia gesagt: lass uns das jetzt einfach durchziehen. Sie schrieb die kompletten Lyrics, und die Musik ist in gewisser Weise eine Hommage an Kraftwerk - mit einigen versteckten Referenzen.

    Eure erste Veröffentlichung, die “Item” EP, habt ihr damals nur über Ebay verkauft. Was führte zu der Entscheidung, „Instead“ in einem größeren Rahmen zu vertreiben?

    PH: Item war mehr ein Experiment um mit Onetwo aus den Startlöchern zu kommen. Wir verfügten schon über ein paar Songs, die Claudia und ich aber eigentlich für andere Bands geschrieben hatten. Zum Beispiel ein paar Stücke für Propaganda, die nie den Weg an die Öffentlichkeit gefunden haben. Also überlegten wir, was wir mit den Songs machen sollten. Wir hatten einen Freund, der ein hohes Tier bei Ebay ist, und er sagte: „Hey, warum veröffentlichen wir das Material nicht einfach über Ebay und schauen was passiert?“ Gesagt, getan - und in den ersten Monaten verkauften wir tatsächlich tausende Exemplare über diese Plattform! Als wir dann beschlossen ein Album aufzunehmen, waren wir der Meinung, dass nicht jeder über Internet verfügt oder bei Ebay einkauft. Jetzt haben wir unser eigenes Label und können demzufolge auch den Vertrieb um einiges größer aufziehen, als das damals noch möglich war. Das neue Album wird zwar auch über Ebay erhältlich sein, aber ebenfalls über Downloadportale wie Itunes, Internetshops wie Amazon und natürlich auch in den guten alten Musikgeschäften. Wenn man Musik macht, will man möglichst viele Leute erreichen. Deshalb sind wir diesen weiteren Schritt gegangen, wir haben noch einiges vor mit Onetwo.

    Wie wichtig sind moderne Kommunikationstechnologien wie das Internet für eine relative kleine Band wie Onetwo? Erleichtert es vieles, wenn man die Möglichkeit hat, seine Songs in Downloadshops oder auf der eigenen My Space Website bereit zu stellen? Oder besteht eher die Gefahr, in der grenzenlosen Auswahl verfügbarer Musik verloren zu gehen?

    PH: Beides trifft definitiv zu. Das Internet macht viele Sachen einfacher, aber man kann auch leicht in der Masse untergehen. Der Vorteil für Claudia und mich ist dabei sicherlich, dass wir bereits einen Namen und eine Geschichte durch unsere früheren Bands OMD und Propaganda haben. Viele Leute suchen nach uns im Internet, und das ist einfach fantastisch, man kann uns und unsere Musik so leicht finden! Wir hoffen natürlich auch gleichzeitig darauf, dass viele Fans unserer alten Bands dadurch auf uns aufmerksam werden.

    Das neue Album enthält mit „Cloud 9“ und „Signals“ auch zwei Songs der „Item“ EP. Haben sie eine starke persönliche Bedeutung für dich? Oder sind sie deiner Meinung nach so etwas wie die Vorzeigestücke von Onetwo und du wolltest sie deshalb einem größeren Publikum zugänglich machen?

    PH: Ja, das sind schon unsere Lieblingslieder von der EP. Aber bei „Signals“ haben wir uns dazu entschieden, von befreundeten Musikern ein paar Remixe machen zu lassen, die sich wirklich toll angehört haben. Die Version von „Signals“, die auf dem Album erscheint, unterscheidet sich daher deutlich von der auf Item. Und „Cloud 9“ ist natürlich aufgrund der Zusammenarbeit mit Martin Gore etwas ganz besonderes für uns.

    In den letzten zwei Jahren seid ihr in vielen Ländern Live aufgetreten. Was waren deine Eindrücke insbesondere vom Wave-Gotik-Treffen 2006 und den drei Shows in Südamerika im November?

    PH: Beides waren großartige Erfahrungen. Beim WGT dachten wir: „Okay, ein Gothic-Festival, wie passen wir da wohl rein?“ Aber viele Goths stehen auf elektronische Musik, ich hörte z. B. das The Human League dort auch schon spielten. Wir wussten zwar nicht so recht, was uns dort erwartet, aber wir waren sehr glücklich über die positiven Publikumsreaktionen. Als sie realisierten wer wir waren lief es sehr gut. Wir fingen mit Onetwo-Songs an und spielten dann ein paar Stücke von OMD und Propaganda. Und plötzlich fiel den Leuten auf: „Ah, der eine Typ ist von der Band und die Sängerin von der anderen.“ Als wir diesen Zusammenhang herstellten, lief es großartig! Mit Südamerika betraten wir auch unbekanntes Terrain – weder OMD noch Propaganda haben jemals dort gespielt. Ein dort ansässiger Veranstalter, mit dem ich seit Jahren in Kontakt stehe, hat uns schon mehrmals gefragt, ob wir nicht mal für ein paar Shows vorbeikommen wollen. Nachdem dann feststand, dass der Album-Release auf Februar verschoben wird, sagten wir spontan zu. Wirklich unglaublich war dort, dass wir kaum Karten im Vorverkauf an den Mann brachten. Aber wir erfuhren, dass das daran lag, dass es dort sehr viele korrupte Veranstalter gibt, die Konzerte ankündigen, die niemals stattfinden und dann mit dem Geld abhauen. Also läuft es so ab, dass man am Tag der Show öffentlichen in Erscheinung tritt, wie beispielsweise in einem Radiosender oder zu einer Autogrammstunde in einem Plattenladen. Die Radiosender geben dann eine Meldung durch: „Ja, sie sind tatsächlich hier, ihr könnt wirklich zum Konzert kommen.“ Letztendlich war die Show sogar fast ausverkauft. Wirklich seltsam, wie die Dinge dort laufen. Äußerst beeindruckend war, dass Propaganda dort so bekannt sind. Wir beendeten unser Set mit dem Propaganda-Song „Duel“und 2000 Leute sangen mit! Das war unglaublich! Es war ein verrücktes Erlebnis und hat sehr viel Spaß gemacht.

    Habt ihr eigentlich ein festes Live-Line-Up?

    PH: Das ändert sich desöfteren. Nach Südamerika nahmen wir das Remix Team „Manhattan Clique“ mit, die großartige Musiker und sehr gute Freunde von uns sind und eng mit Künstlern wie Moby zusammenarbeiten. Es macht viel Spaß mit ihnen zu spielen. Wir müssen ihnen aber immer rechtzeitig Bescheid geben, wenn Konzerte anstehen, da sie natürlich auch viele Verpflichtungen haben. Deshalb haben wir noch einen kleinen Kreis von Freunden um uns herum, die uns, sofern sie Zeit haben, unterstützen. Letztendlich hängt es immer sehr von der Verfügbarkeit der Leute ab, wer mit uns auf der Bühne steht.

    Du hast den direkten Vergleich von Konzerten vor tausenden von Menschen mit OMD und Auftritten in kleineren Clubs mit Onetwo. Was sind Vor- bzw. Nachteile dieser Art von Shows?

    PH: Das eine ist gruseliger als das andere (lacht). Vor 15000 Leuten zu spielen, jagt einem schon Respekt ein. Ich habe mich aber nie darum gekümmert, ob ich vor 200 Leuten spiele oder mehreren Tausend, ein Publikum ist ein Publikum. Wenn uns Leute sehen wollen, ist es nicht wichtig wie viele es sind. Von 20 Leuten bis 20000 war in meiner Karriere schon alles dabei. In kleinen Clubs ist die Atmosphäre natürlich intimer. Am Ende meiner OMD Zeit standen wir auf richtig großen Bühnen, aber wir haben immer lieber die kleineren Auftritte absolviert. Denn wenn man auf der Bühne steht, sieht man sowieso nur die ersten 20 Reihen. Also spielt man in dem Moment eigentlich auch nur für die. Es ist also nicht wirklich wichtig, wie groß das Publikum ist. Es ist immer noch am wichtigsten, für die Leute zu spielen. Und wenn man einigen Menschen damit Freude machen kann, spielt es keine Rolle, wie groß das Publikum ist.

    Wird es im Anschluss an die Veröffentlichung des Albums eine Tour mit Onetwo geben?

    PH: Ja, für März ist eine Tour geplant mit Auftritten in Großbritannien, Deutschland und vielleicht eine Show in Paris. Großbritannien und Deutschland sind für uns erprobte Märkte, in denen wir viele Fans haben. Auf die wollen wir uns erstmal konzentrieren, damit Onetwo langsam etwas wachsen kann.

    Plant ihr die Tätigkeit eures Labels „There(There)“ auszuweiten und andere Bands unter Vertrag zu nehmen oder wird es ausschließlich der Ausgangspunkt für Claudias und deine Musik sein?

    PH: Nein, wir wollen auf jeden Fall expandieren. Aber wir werden uns auf elektronische Musik konzentrieren und entdecken auch immer wieder interessante Acts auf Myspace, wo man leicht auf Bands mit gleichen Einflüssen und Interessen stößt. Eine wirklich geniale Plattform. Wir wollen natürlich ebenfalls befreundeten Bands, die wir schätzen, mit dem Label etwas unter die Arme greifen und ihre Musik über die MySpace Grenzen hinaus verfügbar machen. Aber im Moment hat Onetwo oberste Priorität.

    Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg mit Onetwo und dem OMD-Jubiläum nächstes Jahr!


    16.01.07 PLAYLIST:
    EXPOSÉ - "what you don´t know", BOOK OF LOVE - "book of love", PRINCE AND THE REVOLUTION - "around the world in a day", JAKI GRAHAM - "the best of", IGGY POP - "blah-blah-blah", BALTIMORA - "living in the background" (vinyl), NINA HAGEN - "angstlos" (vinyl), HOWARD JONES - "one to one", E.L.O. - "balance of power", KELLY MARIE - "disco queen", KEN LASZLO - "dr ken & mr laszlo", HEART - "heart", GARY NUMAN - "shadow man" (DVD-R), ARMY OF LOVERS - "army of lovers", IRON MAIDEN - "best of the beast" (2 CD)


    AMANDA LEAR-zitat der woche: "der bett ist der beste platz für sprechen, weissen sie?!" (1990)

  7. #36
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    Silicon Dream

    Als Viktor Worms 1985 die "ZDF Hitparade" übernahm, änderte sich so einiges. So führte Worms auch ein, dass Interpreten auftreten durften, die nicht nur Deutsch sangen. Die Sendung wurde internationaler und für das jüngere Publikum somit auch interessanter. Diesem frischen Wind war es sicher auch zu verdanken, dass dem Publikum unser heutiger Gast vorgestellt werden konnte. Im August 1987 stand da plötzlich ein weiss geschminktes Albert Einstein-Double auf der Bühne, der uns den Titel "Marcello The Mastroianni" präsentierte. Das Projekt hieß SILICON DREAM, und besagtes Einstein-Double war Klaus Munzert. Die Musik erinnerte irgendwie an "16 Bit" und "OFF" (Sven Väth) - tanzbarer 80er Pop. Unverwechselbar machte SILICON DREAM aber das Erscheinungsbild und die extrem schrägen Texte.
    Gleich die erste Single "Marcello The Mastroianni" konnte sich in den Top 20 der Deutschen Single-Charts platzieren, und auch in Frankreich wurde er zum Hit. Auch die folgenden Singles "Jimmy Dean Loved Marilyn", "Albert Einstein" und "Andromeda" erreichten gute Chart-Platzierungen. SILICON DREAM wurde zum Dauergast in der "ZDF Hitparade" und dem ARD-Format "Formal Eins".
    Dass SILICON DREAM nicht einfach nur ein beliebiges Disco-Projekt war, sondern dass sich Klaus Munzert dabei sehrwohl Gedanken gemacht hat, zeigt das 1988 erschienene Album "Time Machine". Das Album ist keine Aneinanderreihung von Popsongs, sondern verfolgt ein klar strukturiertes Ziel. Die Songs haben alle ein bestimmtes Thema, und somit wird der Album Titel hier auch gleich zum Programm gemacht: Es ist tatsächlich eine Zeitreise! Eine Reise zurück in die Glanzzeiten Hollywoods ("Jimmy Dean loved Marilyn"), sie verschafft dem Hörer ein Wiedersehen mit dem italienischen Schauspieler Marcello Mastroianni und mit Albert Einstein. Sie geht weiter bis in die Zukunft ("Andromeda").
    In den Jahren 1989 bis 1991 folgten zwar noch weitere Singles (u.a. "Ludwig Fun", "I'm Your Doctor"), aber leider kein weiteres Album mehr. Trotzdem hat SILICON DREAM heute immer noch eine treue Fangemeinde. Klaus Munzert arbeitete nach SILICON DREAM an weiteren musikalischen Projekten weiter. So entstanden unter seiner Leitung musikalische Projekte wie K2 ("Der Berg ruft"), Mach 1 ("Race King"), Space Pirates ("Fly To The Sky") oder Dolls United ("Blechbüchse Roll") - um nur ein paar davon zu nennen.
    SILICON DREAM ist teilweise eine Art "Grauzone". Man findet über dieses Projekt so gut wie nichts im Internet oder in Chroniken. Was war SILICON DREAM eigentlich genau? Welche Idee steckte dahinter und warum ging es in den 90ern nicht weiter? Über all diese Fragen sprachen wir mit Klaus Munzert am 27.03.2007, der uns im gleichen Gespräch auch verraten hat, was er heute so macht.

    Hallo Klaus Munzert! Was machst Du heute eigentlich?
    Ja, Hallo! Ich produziere nach wie vor Musik und arbeite für andere Künstler als Produzent. Außerdem bin ich für eine Plattenfirma im Bereich "Artist & Repertoire" tätig, d.h. ich suche neue Künstler und Hits.

    Das Projekt SILICON DREAM hatte in den 80ern und frühen 90ern einige Hits. Wer war SILICON DREAM eigentlich und wer steckte alles dahinter?
    Zu Silicon Dream gehörten Angelo und Danny als Tänzer, und der Sänger war ich. Ferner war ich auch zusammen mit dem Daniel der Produzent dieses Projekts in einem Studio hier in München.

    Wie entstand die Idee, ein solches Projekt zu kreieren?
    Silicon Dream ist praktisch im Keller, in einem Studio, entstanden. Ich habe damals mit Samplern rumgespielt, die neu auf den Markt kamen. Das gab es in der Form vorher nicht. Bevor es diese Geräte gab mußte man immer in teure Studios gehen, und das Geld dafür hatte ich einfach nicht. Dann kamen besagte Sampler in Mode, wo man mit Computern, aber auch mit richtigen Instrumenten, ganz einfach Musik machen konnte. Vorbilder waren z.B. Kraftwerk und auch Depeche Mode.

    Was hat Dich speziell zu der Figur "Marcello", die Du verkörpert hast, inspiriert?
    Im Grunde hat es mir einfach Spass gemacht, mich zu verkleiden. Die Leute, die mich kannten, haben mich dann aber trotzdem erkannt. Ich fand das damals einfach lustig, mich so zu verwandeln und nicht normal auf die Bühne zu gehen. Die Figur "Marcello" deswegen, weil ich ein großer Fan von Marcello Mastroianni bin. Das ist irgendwie "Rock'n Roll", denn das ganze Leben ist ein Schauspiel, sag ich einfach mal.

    Wie kam man auf den Namen "Silicon Dream" - welche Bedeutung hatte er?
    Die Bedeutung ist ganz einfach: Auf der einen Seite hat man "Silicon", also Silikon bzw. "Technik", das man auf der anderen Seite mit "Dream", also mit Gefühlen, verbindet.

    Welche Aufnahmetechnik und welche Instrumente wurden für das Projekt verwendet?
    In erster Linie habe ich meinen "EMU 3" verwendet, das war ein Sampler. Außerdem haben wir damals, wie auch heute noch, mit "Logic" gearbeitet. Die Aufnahmetechnik war im Grunde relativ simpel. Wir haben alles mit Keyboards gespielt, und ich kann mich noch daran erinnern, dass ich die Songs dann morgens gegen 3:00 oder 4:00 Uhr eingesungen habe.

    Welche Art Musik war das Deiner Meinung nach? Für NDW kam der Stil von SILICON DREAM zu spät, und für Dancefloor zu früh.
    Im Nachhinein hat man das dann "Europop" oder "Eurodance" genannt. Für mich war das einfach "Tanzmusik" mit Texten.

    Es gibt gewisse Parallelen zu der Musik von Bands wie "16 Bit" oder "Off". Gibt es auch weitere Gemeinsamkeiten zwischen besagten Interpreten und SILICON DREAM?
    Die Schöpfer der beiden Bands und ich haben uns damals auch kennengelernt, und ich war z.B. mit "16 Bit" in Frankreich auf Tour. Das war wirklich sehr angenehm und sehr lustig. Die Gemeinsamkeit war, dass wir alle Musik für die Diskotheken gemacht haben.

    Welche Einflüsse wurden in der Musik von SILICON DREAM verarbeitet? Gab es musikalische Vorbilder? Nach welchen Kriterien wurden die Themen für die Songs ausgesucht?
    Es ist immer schwierig zu erklären, welche Einflüsse es gab. Es gab keine direkten Einflüsse. Vom Groove waren wir, genauso wie OFF und 16 BIT, von "Kraftwerk" über "Depeche Mode" bis zu "Frankie Goes To Hollywood" beeinflußt. Für Frankie habe ich damals ja auch noch gearbeitet. Aber im Grunde war das eher Musik, die aus dem Bauch heraus kam, und die einfach für die Diskotheken und zum Tanzen gedacht war. Die Einflüsse sind ja immer die, die man so in sich trägt. Jeder hat so eine Art "Harddisc" im Kopf, und das fließt dann einfach irgendwann raus. Da kommen Dinge zusammen, die Du über die Jahre hörst und dann verarbeitest. Aber in erster Linie waren die Songs von Silicon Dream schon eine Mischung aus elektronischer Musik und aus Italo Disco. Die Inhalte der Songs ergaben sich auch einfach so. Es gibt Künstler, die haben zuerst einen Text oder eine Melodie. Bei uns war das so eine Art "One Man Show" wie bei den Singer/Songwritern, wo die Melodie irgendwann zusammen mit dem Text als Idee kommt. Ich hab mit einzelnen Textzeilen gespielt und das floß dann einfach so raus. Es gab natürlich auch eine Menge Sachen, die nicht so toll wurden. Aber mit den Songs, die man am Ende gut fand, ging man letzlich auch ins Studio.

    Du hast es gerade angesprochen: Du hast für "Frankie Goes To Hollywood" gearbeitet...
    Ja, obwohl ich da nicht musikalisch für die Band tätig war. Ich war damals Label-Manager für ZTT Records und Islands Records, also für U2 und alle möglichen Größen. Ich war tagsüber mit Marketing-Tätigkeiten, wie z.B. die Organisation von TV-Auftritten und Tourneen, beschäftigt. Nachts war ich dann im Studio und habe meine eigene Musik gemacht.

    Mit "Time Machine" wurde 1988 das erste und leider einzige Album veröffentlicht. Danach gab es aber noch weitere Single-Veröffentlichungen. Warum ist keine weitere LP nach dem Debüt-Album gemacht worden?
    Das weiß ich ehrlich gesagt auch nicht mehr. Ich nehme an, dass das Interesse an der Gruppe nachgelassen hatte. Es gab dann neue musikalische Richtungen, und die ganze Italo Disco Geschichte ist ja auch etwas zurückgegangen. Ich hab damals auch schon sehr gerne im Studio gearbeitet und z.B. das Projekt "K2" und viele andere Dinge gemacht. Es war viel zu tun, aber bei Silicon Dream war irgendwie die Luft raus - zumindest hatte ich das Gefühl. Das war letztlich aber auch eine Zeitsache, denn der Tag hat nur 24 Stunden.

    Du sagst es gerade: An dem Projekt "K2", das in den 90ern einen Hit mit "Der Berg ruft" hatte, bist Du auch beteiligt gewesen. Wie sah dort Dein Aufgabenbereich aus?
    Mein Aufgabenbereich läßt sich leicht beschreiben, da ich fast alles selber gemacht habe (lacht). Die Betonung liegt auf "fast". Ich hab den Song geschrieben, getextet, komponiert und produziert. Ich habe damals Leute gesucht - und Gott sei Dank auch gefunden, die den Song gesungen haben. Der Titel wurde dann zu einem der größten Hits, die ich je hatte. Die "Goldene Schallplatte" hängt noch zu Hause bei mir an der Wand. Der Titel ging, genau wie die Songs von Silicon Dream auch, über die Diskotheken.

    Um nochmal drauf zurück zu kommen: SILICON DREAM war also kein reines Studio-Projekt, denn Du bist auch live aufgetreten...
    Ja, stimmt. Wobei "live" bei solch einer elektronischen Musik bedeutet, dass wir mit unseren Samplern und Computern aufgetreten sind, aber live gesungen haben. Wir haben damals eine Disco-Tour durch Deutschland, Frankreich und Belgien gemacht. Das war eine sehr tolle Erfahrung.

    War die CD "Greatest Hits '87 - '95" von Dir geplant, veröffentlicht, bzw. abgesegnet worden, oder war das alles Sache der Plattenfirma?
    Die Plattenfirma hatte mich damals gefragt, ob ich etwas dagegen hätte, dass diese CD erscheint. Ich hatte aber nichts gegen die Veröffentlichung.

    Wo liegen die Rechte an SILICON DREAM? Wie groß ist die Chance, dass "Time Machine" noch mal als Re-Release veröffentlicht wird?
    Die Rechte liegen bei mir. Witzigerweise hatte ich gestern zu diesem Thema auch eine Anfrage aus Rußland. Irgendwie gibt es da wohl doch noch ein paar Fans, die das interessiert. Jetzt schauen wir mal, ob man das nochmal veröffentlicht, oder was man damit macht. Jeder einzelne Fan ist natürlich wichtig, aber man weiß ja nie, ob das nicht nur ein paar vereinzelte Leute sind, die die CD haben wollen...

    Eine Nachfrage scheint sehr wohl da zu sein, denn auch die Anfragen nach einer Zusammenstellung mit allen Maxi- und Remix-Versionen sind nicht wenig...
    Das ist das gleiche Thema. Im Grunde muss ich mir da mal Gedanken machen, über wen man das vertreibt, ob man das heutzutage über die Download-Plattform macht, oder ob man das wirklich dann als CD veröffentlicht. Darüber denke ich gerade nach, wie man das am besten macht. Ich freue mich auf jeden Fall darüber, dass das Interesse noch da ist.

    Es gab auch ein Projekt namens MEGA - wohl zeitgleich zu SILICON DREAM. Kannst Du uns darüber etwas Näheres erzählen?
    Damals hatte mich eine Werbeagentur angesprochen und mich gefragt, ob ich da einen Spot für eine Bank machen könnte. Dafür haben wir den Song "You Got A Bausparvertrag" gemacht, der auch als Single veröffentlicht wurde. Das war eigentlich nur ein "Zusatzprodukt" zu Silicon Dream, und es blieb auch nur bei diesem einen Lied.

    Bei den Recherchen zu diesem "Special" fand ich diverse Produktionen, die ebenfalls unter Deiner Leitung entstanden sind. U.a. Guillermo Marchena, Dolls United, sogar Otto Waalkes und Hape Kerkeling waren dabei. Kannst Du uns etwas über Deine Arbeit als Produzent erzählen?
    Ich habe ein eigenes Studio, nämlich das Studio Underground in München-Schwabing. Ich produziere dort relativ ausgefallene Themen, z.B. Remixe für Otto Waalkes, Hape Kerkeling, oder jetzt auch ganz aktuell für Daniel Küblböck. Mich interessieren relativ schräge Dinge. Die normale Mainstream-Schiene mache ich nur noch eher selten.

    Ich danke Dir für Deine Zeit und die Antworten. Möchtest Du noch ein paar Worte an unsere Leser richten?
    Erstmal freue ich mich über das Interesse. Wie bei "Marchello" würde ich sagen: "Welcome to Rome, I'm your Reiseführer". Ich freue mich aber auch auf die Zukunft, und wünsche allen alles Gute. Macht's gut, Ciao...


    10.04.07 PLAYLIST:
    NELLY FURTADO - "loose (International Tour Edition)" (2 CD), CLIFF RICHARD - "two´s company", FRA LIPPO LIPPI - "songs", HOWARD JONES - "the 12" album" (2 CD-R), PRINCE - "ultimate" (2 CD), SHEILA - "sheila" (2 CD), YOKO ONO - "seasons of glass", MARGOT WERNER - "traumflüge", JODY WATLEY - "you wanna dance with me?", AZUL Y NEGRO - "babel", FREIHEIT - "romancing in the dark", MYLENE FARMER - "mylenium tour (Limited)" (2 CD)

  8. #37
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    AW: Klartext!!!

    DIETER BOHLEN - "Es gibt zwei Bohlen"

    Der eine faltet bei "Deutschland sucht den Superstar" die Kandidaten zusammen, der andere kocht seiner Freundin Tee: Dieter Bohlen über Randale und Verantwortung, Frauen um die 40 und sein Vorbild Johannes Heesters.

    Herr Bohlen, ist es dieser Tage anstrengend, Dieter Bohlen zu sein?
    Nö, mir fällt das leicht. Ich hab erst gestern, da stand ich in meinem Garten, wieder gedacht, wie stolz ich auf das sein kann, was ich mir aus eigener Kraft erschaffen habe. Der Rasen ist so grün, und ich hab einen Magnolienbaum, der blüht jetzt - wie das riiiecht! Ich bin voll mit mir im Reinen.

    Außerhalb Ihres Gartens geht’s nicht so nett zu. Fans von Max Buskohl, der bei "Deutschland sucht den Superstar" (DSDS) ausstieg, beschimpfen Sie im Internet. Ihr Mit-Juror Heinz Henn schießt öffentlich gegen Sie. Die "Süddeutsche Zeitung" schreibt, Sie würden bei DSDS wahlweise als "Hampelmann, Pausenclown oder nützlicher Idiot" verwertet. Lässt Sie das kalt?
    Ja, völlig. Lob von den falschen Leuten brauche ich nicht. Ich mache nicht alles richtig, aber Kritik nehme ich nur an von Menschen, an deren Urteil mir was liegt.

    Wer ist das?
    Das sind kompetente Leute aus der Fernseh- oder Musikbranche, Freunde und natürlich meine Freundin oder meine Kinder; die fanden meinen blauen Anzug neulich in der Mottoshow gar nicht gut. Aber wenn man jetzt den Ärger um DSDS sieht, hab ich alles richtig gemacht. Vorher hat jeder gesagt: Was soll das, ’ne vierte Staffel? Guckt doch kein Mensch mehr! Ich habe gesagt: Wir wollen "talk of the town" werden. Und das haben wir ganz gut hingekriegt. Die Castings waren, was die Quoten angeht, die erfolgreichsten, die es je gegeben hat. Gigantomanisch!

    Bei den Mottoshows hatten Sie dann weniger Zuschauer. Waren Sie da nicht böse genug?
    Als die Mottoshows anfingen, war alles ein bisschen zu nett. Ich muss unterhaltsam sein, das ist meine Aufgabe. Man kann das auf den einfachen Nenner bringen: Je mehr Bohlen in so einer Sendung ist, umso besser ist die Quote. (lacht)

    Das heißt, wenn man die Kandidaten wegließe, hätten Sie mega-gigantomanische Quoten, weil mehr Raum für Sie wäre?
    Ich brauche natürlich Gegenspieler, an denen ich mich reiben kann.

    Sie nehmen die jungen Leute vor einem Millionenpublikum auseinander. Spüren Sie dabei so etwas wie Verantwortung?
    Das sieht man ja. Wenn da so ein zitterndes Mädchen vor mir steht, das einen Sprachfehler hat und keinen Ton trifft die nehme ich doch dann in Schutz. Da pass ich genau auf, wie weit man gehen kann. Aber es gibt halt Leute, die meinen, sie wären Robbie Williams und können nix. Die bekommen dann schon die Wahrheit gesagt.

    Bei Max Buskohl war Ihnen, wir zitieren, "scheißegal, was du da singst".
    Ich war es, der beim Casting gesagt hat, wir müssen den durchlassen, das ist ein toller Typ, guckt euch den an. Dass Max dann sagt, ich schreib meine Titel selber, ich will mich selber produzieren, ich will mit meiner Band auftreten, ist völlig legitim - nur passt das nicht zu diesem Format. Wir suchen keine Superband, wir suchen einen Superstar. Wir haben Regeln, an die man sich halten muss, sonst kommt das Chaos. Max ist ein kleiner Bohlen. Ich wollte mit 18 auch mit dem Kopf durch die Wand, aber manchmal ist es besser, wenn man schaut, ob nicht 20 Zentimeter daneben ein Fenster ist. Ich hätte mich nicht mit RTL oder einer Schallplattenfirma wie Sony BMG angelegt. Wenn ich Lehrling bin und drei Wochen in der Firma arbeite, kann ich doch nicht zum Chef sagen: Alles, was du machst, ist Käse, wir machen das jetzt so, wie ich will, sonst gehe ich.

    Das ist Rock’n ’Roll.
    Nee, das ist Wahnsinn.

    Wie würde der Juror Bohlen den 18-jährigen Bohlen bewerten?
    Ich glaube, wenn ich da gestanden hätte, hätte ich mich nicht weitergelassen. Bei DSDS geht es in erster Linie um die Stimme, und dann guckt man, in welches Genre passt der. Ich hab früher bei Nachwuchswettbewerben immer meine eigenen Nummern gebracht. 1965, 66 war das. Die anderen kamen mit "Hello Mary Lou", aber das war auch die Zeit von Bob Dylan, und da hab ich Protestsongs mit deutschen Texten geschrieben. Ich stand auf der Bühne und hab gesungen: "Viele Bomben fallen, doch keiner ändert was, es nützt kein Krawall, geschehen muss was." Aber das kam nicht so gut an.

    Wir haben von einem Ihrer ersten Auftritte gehört, im Gasthaus Krüger in Ekern, das liegt in Ihrer norddeutschen Heimat. Dort trat die lokal bekannte Band Foam auf. Die Sie solange zugebettelt haben, bis Sie für ein Lied mit auf die Bühne durften. Dann wollten Sie nicht mehr runtergehen - und man musste Sie entfernen.
    Ganz ehrlich: Ich kann mich nicht erinnern. Aber dass ich, wenn ich auf einer Bühne stand, nicht mehr runterwollte - das traue ich mir zu. Früher gab es ja keine andere Möglichkeit aufzutreten, und ich war noch jung. Mein Aha-Erlebnis kam ein bisschen später, während des Studiums in Göttingen. Ich hab bei Aorta gespielt, das war so eine angejazzte Geschichte, Intellektuellenmusik; wir haben dreimal die Woche geübt, und wenn wir aufgetreten sind, kamen gerade mal 100 Leute. Zur selben Zeit spielte ich aber auch in einer Kapelle namens Da Capo. Wir machten Freitag, Samstag, Sonntag Tanzmusik, da kamen 1000 Leute. Wir haben auf Zuruf Titel aus den Charts gespielt, ich habe Marianne Rosenberg nachgesungen ...

    ... Sie? In Original-Tonlage?
    Ich gehöre zu den wenigen Männern auf diesem Planeten, die in Frauen-Tonlagen singen können. Klang vielleicht nicht so gut, aber die Leute gingen total ab! Ich hab an einem Wochenende 600 Mark verdient und konnte wunderbar davon leben. Das hat mich schon geprägt. Und in Richtung Kommerzialität gebracht.

    Ihr Aha-Erlebnis war also, dass man mit wenig Aufwand viel Erfolg haben kann?
    Nein. Dass man mit der richtigen Musik das Publikum begeistern kann. Ich wollte immer, und dazu stehe ich bis heute, dass die Leute interessiert, was ich mache.

    Einer Ihrer Jugendfreunde, mit dem wir sprachen, bescheinigt Ihnen eine große Begabung: "Der Dieter konnte Stücke, die er hörte, falsch nachspielen. Daraus entstanden neue Lieder, die sich anhörten wie Deep Purple oder Uriah Heep". Korrekt?
    Das ist völlig falsch. Ich stand auf Hardrock, Uriah Heep, Santana, ich hab dann versucht, ähnliche Nummern zu schreiben, so war das. Eine Zeit lang habe ich mich auch mal an Smokie orientiert. Irgendwann stand dann Chris Norman, der Sänger von Smokie, selber bei mir vorm Mikrofon.

    Den haben Sie in den Achtzigern produziert.
    Ich hab seine erste Solo-Nummer mit ihm aufgenommen, "Midnight Lady", und wir waren sechs Wochen Nummer eins. Früher habe ich auch Titel von Engelbert gesungen, später stand auch der bei mir im Studio, und wir haben ein Hyper-Gold-Album gemacht. Guck mal, Bonnie Tyler, Al Martino, Dionne Warwick, wie sie alle heißen, die mussten meine Texte singen - englische Texte von einem Deutschen!

    War das hart für die?
    Ach was. Dionne Warwick stand mit mir im Studio und hat nicht einmal gemuckt. Die hat den Text so durchgesungen und gesagt: Dieter, hammermäßig ...

    ... "hammermäßig" hat sie gesagt?
    Like a Hammer! (lacht)

    Wenn man so viel auf Englisch komponiert, lässt es sich wohl nicht vermeiden, dass eine Textzeile oder ein Songtitel schon mal anderweitig verwendet wurde. Ein Stück von Modern Talking hieß "Brother Louie" ...
    ... so hieß auch schon eins von Hot Chocolate. Es war fast alles schon mal da. Außer "Geronimo’s Cadillac"! Mir war immer wichtiger, dass es schöne Worte sind, als dass da ein ganz toller Text bei rauskommt. Das muss wie Butter runtergehen. Wenn wir statt "You’re My Heart, You’re My Soul" so was wie "Nuclear Cheese Pieces" gesungen hätten, wäre es kein Hit geworden.

    Bohlen auf der Bühne - ist die Zeit vorbei?
    Ich war ja im Dezember in Moskau, da haben wir vor 32 000 Menschen gespielt. Die freuen sich einfach, wenn sie "You’re My Heart, You’re My Soul" hören. Und zweimal im Jahr ertrage ich das auch. Wenn ich hier in Hamburg spielen würde, kämen vielleicht 3000 Leute, das lasse ich lieber. Aber dort macht das echt Spaß.

    Singen Sie live?
    Ja, klar.

    Vor ein paar Jahren haben drei Musiker behauptet, sie seien die hohen Stimmen von Modern Talking gewesen, und Dieter Bohlen habe keinen Ton gesungen.
    Die hatten im Chor gesungen. Ich auch. Ich habe, als diese Vorwürfe aufkamen, einem unabhängigen Gremium vorgesungen und bewiesen: Das war meine Stimme.

    Warum haben die drei trotzdem nachträglich Geld bekommen, jeder 100 000 Mark?
    Die Plattenfirma hatte ja mit Modern Talking schon Millionen verdient und wollte einfach ihre Ruhe haben. Das hätten die nicht machen müssen, das war reine Wohltätigkeit. Ich hätte es nicht getan.

    Herr Bohlen, Ihr Vater ließ sich einst für Ihren Wunsch, Musiker zu werden, nicht begeistern. Sein Kommentar: "Irgendwann komme ich mit meinen Freunden zum Bahnhof, und da stehst du mit dem Hut." Hat er sich für diese Fehleinschätzung später entschuldigt?
    Quatsch, das muss er nicht. Was der alte Bohlen, mein Papa, da zu mir gesagt hat, ist ja nix anderes als das, was ich heute den Kandidaten bei DSDS erzähle. Er wollte mich abschrecken: Willst du wirklich Musik machen, willst du dieses Risiko eingehen? Oder willst du nicht doch ins Geschäft, in unsere Straßenbaufirma, da bist du finanziell auf der sicheren Seite? Er fragt mich übrigens heute noch, ob ich mit meinem Geld auskomme!

    Hört man sich in Oldenburg-Eversten um, wo Sie herkommen, sagen die Leute dort, Ihre Eltern seien ruhige, liebe, bescheidene Leute. Warum sind Sie so aus der Art geschlagen?
    Ich bin doch genauso. Nur kann man mit diesen Attributen - zurückgezogen, blablabla - im Entertainment-Bereich nichts anfangen. Da muss man Randale machen. Zu Hause bin ich ein ganz ruhiger Zeitgenosse. Es gibt eben zwei Bohlen.

    Aber ein großes Ego haben Sie schon.
    Ihr verdreht Ursache und Wirkung. Das hat doch mit Ego nichts zu tun, sondern damit, dass man Erfolg haben will. Wenn ich still und leise an meinem Jury-Tisch sitze und nix sage, dann langweilen sich die Zuschauer doch zu Tode. Wir wollen mit DSDS erfolgreich sein, und dafür würde ich alles tun, bis zur absoluten Selbstaufgabe. Und wenn ich nachts acht Stunden Steine kloppen müsste. Für den Erfolg muss man Kompromisse eingehen. Aber ich mache doch mit der Presse keine Homestory, weil ich das gut finde und es meinem Ego etwas bringt.

    Es ist Ihnen nicht Recht, dass so viel über Sie berichtet wird? Wir staunen.
    Ihr denkt, ich renn da immer hin und sage: Mensch, schreib mal was über mich. So ist das aber nicht. Wenn ich eine Sendung promoten oder ein Buch verkaufen will, muss ich was dafür tun ...

    ... schon klar. Aber PR hin oder her: Es zwingt Sie doch niemand, in der Zeitung oder im Fernsehen Ihren Koi-Karpfenteich zu präsentieren. Oder Ihr Auto, das gerade aus dem Halteverbot abgeschleppt wurde.
    Das seht ihr falsch. Das mit den Koi-Karpfen hatte einen Grund: Es gab einen Kandidaten bei DSDS, mit dem hab ich mich ’ne Viertelstunde über Fische unterhalten. Daraufhin habe ich den eingeladen, sich meinen Teich anzugucken, und wir haben ’ne Geschichte drüber gedreht. Das ist "part of the deal", da mache ich mit. Und das mit dem Auto war so: Ich hatte ein Interview in Hamburg, komme da raus, der Wagen ist weg, und da stehen schon die Paparazzi. Und es stehen auch dort welche, wo ich den Wagen abholen muss - denkt ihr, das will ich? Glaubt ihr wirklich, ich hab die angerufen?

    Das sagt ja niemand. Sie fühlen sich von den Medien verfolgt?
    Ja.

    Warum hatten Sie die "Bild"-Zeitung im Haus, eine Stunde, nachdem Sie dort überfallen worden waren?
    Die Paparazzi waren schon einige Sekunden nach der Polizei da.

    Die hören den Polizeifunk.
    Warum kann die deutsche Polizei nicht Digitalfunk kriegen? Dann wäre Ruhe. Da waren plötzlich 15, 20 Leute, zehn davon Polizisten, die Tür stand auf, und auf einmal liefen alle kreuz und quer durch mein Haus. Und ein Mann von der "Bild", den ich seit 15 Jahren kenne, war auch da; mir war das ganz lieb, dass da überhaupt jemand war, den ich kannte, mit dem ich erst mal ein bisschen quatschen konnte. Vielleicht hätte ich sagen sollen: jetzt alle raus. Aber ich stand völlig unter Schock.

    Schöneres Thema, Herr Bohlen: Sie sind ein bekennender Macho.
    Nö.

    Was dann - ein hemmungsloser Romantiker?
    Nein, ganz normal.

    Aber Sie haben’s schon gern, wenn die Frau Ihnen Tee bringt und für Sie da ist.
    Ich hab’s gern gemütlich, aber ich häng den Beutel genauso bei Carina in den Tee. Wenn sie beim Teekocher steht, macht sie das Wasser warm. Und wenn ich beim Teekocher steh, mach ich’s. Ich bin vielleicht nicht so der Kavalier der alten Schule, das stimmt. Ich renne nicht jedes Mal ums Auto rum, um einer Frau die Tür aufzuhalten. Das mache ich nur bei meiner Mutter. Und das Macho-Zeug ist mir angedichtet worden, weil ich manchmal Sprüche mache, die als Spaß gemeint sind, aber manchmal nicht so verstanden werden. Ich war mal mit Franz Beckenbauer bei einer Pressekonferenz, der hat da Sachen rausgehauen - mich hätten die Leute dafür ans Kreuz genagelt.

    Zum Beispiel?
    So was wie: "Weihnachtsgeschenke muss meine Frau sich selber kaufen, wenn sie welche haben will." Vielleicht liegt das auch an der Sprache: Mein Hamburgisch kommt eher hart rüber. Aber bei Franz mit seinem Bayerisch - da klingt die größte Beleidigung noch irgendwie supernett.

    Hätten Sie auch gern so einen Heiligenschein wie Herr Beckenbauer?
    Wer hätte das nicht gern? Franz Beckenbauer finde ich von A bis Z einfach nur gut. Der ist ja so was von sympathisch, den kann man wirklich nur abknutschen.

    Ihre Freudin FATMA ist 30 Jahre jünger als Sie. Wann haben Sie aufgehört, sich für gleichaltrige Frauen zu interessieren?
    Nie! Völliger Schwachsinn! Es ist nur so, wenn ich abends weggehe, stehen da lauter 25-jährige Mädels, die ungebunden sind. Da stehen keine 40-jährigen Frauen, die altersmäßig besser zu mir passen würden. Sagt mir, wo’s die gibt!

    In der Bücherhalle vielleicht?
    Da bin ich selten. Mir wäre das lieber, wenn FATMA älter wäre. Ich hab natürlich auch Angst, dass es in 20 Jahren Probleme geben könnte. Das weiß man ja nie. Andererseits: Simone Rethel und Jopie Heesters sind 50 Jahre auseinander - und ich glaube, die sind super glücklich. Jopie ist sowieso mein großes Vorbild, der singt mit seinen 103 noch besser als ...

    ... Sie?
    Höhö. Sagen wir: besser als viele andere.

    Was würden Sie sagen, wenn Ihre 17-jährige Tochter mit einem 30 Jahre älteren Kerl ankäme?
    Das interessiert die doch nicht, was ich dazu sage, dafür ist sie viel zu selbstbewusst. Hauptsache, sie ist glücklich. Was nützt ihr ein 19-jähriges Arschloch? Ich hätte nix dagegen, wenn sie mit einem intelligenten Multimillionär ankommt.
    Denken Sie manchmal: seltsam - wenn Sie Ihre drei Kinder aus erster Ehe am Wochenende da haben und Ihr ältester Sohn ist ein Jahr jünger als Ihre Freundin?
    Darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht. Mit Carina verstehen sich alle gut. Das Tollste ist, wenn Erika da ist, meine erste Frau, unsere Kinder, meine Eltern - und dann sitzen wir alle da und essen.


    Wer kocht?
    Meistens meine Mutter. Sie kommt aus Ostpreußen und hat so eine besondere Art, Kaninchen zuzubereiten. Fragt sie die Kinder: "Was wünscht ihr euch?", sagen die: "Mach mal wieder Kaninchen!" Das wird so mit Knoblauch gespickt, dass es aussieht wie ein Igel. Und dann wird es irgendwie gebraten. Das kann nur meine Mutti.


    10.05.07 PLAYLIST:
    KELLY MARIE - "feels like i´m in love" (2 CD), ENIGMA - "a posteriori (Private Lounge Remix)", KIM WILDE - "you came", PAUL RUTHERFORD - "oh world", BELLE EPOQUE - "belle epoque", BLANK & JONES - "relax (Edition Three)" (2 CD), EUROVISION SONG CONTEST (Semifinale) (TV), SPARGO - "best of", BOYTRONIC - "dependence", HUBERT KAH - "sound of my heart", CHERRELLE - "the best of", JENNIFER RUSH - "movin´", MATIA BAZAR - "tango"...

  9. #38
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    erasure.de: Euer heiss erwartetes neues Album kommt am 18. Mai in die Läden. "Light At The End Of The World" – ein recht vielversprechender Titel! Wer hat ihn sich ausgedacht und was für Gedanken verbirgen sich dahinter?

    Andy: Der Titel war ein Arbeitstitel für den Song “Golden Heart”. Wir hatten noch keinen passenden Album-Titel und dachten uns, dass sich “Light At The End Of The World” ganz gut dazu eignen würde. Er passt auch besonders gut zum Album-Artwork. Jemand schenkte mir mal ein Buch über Engel, mit wunderschönen Bildern darin. Wir baten den Künstler dieser Bilder, das Album-Artwork für uns zu entwerfen.

    erasure.de: Warum ist zwischen den Veröffentlichungen von "I Could Fall In Love With You" und dem neuen Album eine so grosse Zeitspanne?

    Andy: Das passt so zeitlich einfach am besten, da wir ja zwischendurch noch (mit der „True Colors Tour“) durch Amerika touren. Ausserdem ist dann wenigstens die Lücke zwischen Album-Veröffentlichung und der UK-Tour nicht all zu gross.

    erasure.de: Unterschied sich der Arbeitsablauf beim Aufnehmen des neuen Albums von dem früherer Alben?

    Andy: Der einzige Unterschied war, dass Vince diesmal sehr darauf aus war, ein Dance-Album zu machen. Er schickte mir zehn Musikstücke, zu denen ich mir dann Gesangsteile überlegte und ihm zurücksendete. So hatten wir das zuvor noch nie gemacht. Daraus ging allerdings letztendlich nur „Glass Angel“ hervor. Dann trafen wir uns zu zwei intensiven Song-Writing-Sessions in Portland, jeweils für zwei Wochen, wo wir versuchten soviele wie möglich Ideen zusammenzufügen und zu komponieren. Daraus gingen vierundzwanzig Songs hervor. Vince überarbeitete dann alles nochmal am Computer, wie er es immer macht, und während den Hauptaufnahmen kam dann auch Daniel Miller vorbei, um sich alle Songs anzuhöhren und zu jedem einzelnen sein Feedback zu geben, was sehr hilfreich war.

    erasure.de: Was inspitiert euch beim Schreiben eurer Songs?

    Andy: Hhm, keine Ahnung. Es sind einfach nur Gedanken, die sich anhäufen und dann irgendwie zusammenfügen. Wir nehmen einfach eine neue Melodie und hängen einzelne Ideen dran. Meist ergeben die Worte, die wir anfangs für einen neuen Song zusammenschreiben, nicht viel Sinn, die Story ergibt sich dann erst nach und nach, mit mehr oder weniger Sinn. Nehmen wir z.B. den Song „Glass Angel“ – der Text ergibt nicht wirklich viel Sinn, es ist eher ziemlicher Unsinn, es hört sich einfach nur gut an.

    erasure.de: Wenn Du das neue Album durch Vergleiche zu euren früheren Alben beschreiben müsstest, welche würden das sein?

    Andy: Ähm, ich weiss nicht so recht. Vielleicht eine Mischung aus „I Say, I Say, I Say“ und „Wild“.

    erasure.de: Welcher ist Dein Lieblingssong auf dem neuen Album?

    Andy: Ich mag „Sunday Girl“ sehr, obwohl er sehr, sehr komerziell ist. Aber dieser Song hat irgendwas was ich sehr mag. Er ist einer von drei Songs dieser Art, die anderen beiden kommen auf die Fan-CD, die erweiterte Ausgabe des Albums. Einer der beiden Songs ist so komerziell, dass es kaum auszuhalten ist, weshalb wir es auch nicht wagten, ihn einfach so mit aufs reguläre Album zu nehmen. „Sucker For Love“ mag ich auch sehr gerne, aber einige Leute finden diesen Song nicht so toll.

    erasure.de: Und Vinces Lieblingssong?

    Andy: Ich glaube, er mag „Sunday Girl“ auch am liebsten.

    erasure.de: Blondie hatte ende der 70er Jahre einen Nummer-Eins-Hit mit ihrem "Sunday Girl"…

    Andy: Unsers wird bestimmt nicht die Nummer Eins! (lacht) Nee nee...

    erasure.de:… Ist es purer Zufall, dass ihr einen Song mit demselben Titel auf dem neuen Erasure-Album habt?

    Andy: Nun, fast... da kann ich mich jetzt wohl kaum herausreden. (lacht) Ach, ich betrachte es ganz gerne als Fortsetzung von Blondies “Sunday Girl”, eine Ode an sie.

    erasure.de: Was war ausschlaggebend dafür, dass ihr das Album wieder mit Gareth aufgenommen habt?

    Andy: Gareth ist sehr umgänglich, sehr enthusiastisch und verlässlich. Er ist sehr geduldig und ist nicht gleich sauer mit mir wenn ich mich mal ein bisschen gehen lasse. Es ist einfach sehr angenehm, mit ihm zu arbeiten. Er bringt auch einen gewissen Sound mit in unsere Musik hinein, ein Sound den nur er so hinbekommt.

    erasure.de: Gibt es jemand anderen bestimmten, mit dem ihr gerne mal ein Album produzieren würdet?

    Andy: Ja, ich würde ganz gerne mal was mit Miss Kittin zusammen machen. Ich habe sie kürzlich auf einer Mute-Party getroffen. Sie war sehr liebenswürdig. Das erste, was sie zu mir sagte, war: „Sorry, dass ich nicht zu Deinem vierzigsten Geburtstag kommen konnte“, das war vor drei Jahren. Das fand ich sehr lieb von ihr. Ich bin ein echter Fan von ihr, nicht unbedingt von ihrem aktuellen Material, aber ich mag ihre früheren Sachen. Es wäre sicherlich sehr interessant mit ihr zusammenzuarbeiten. Ansonsten kenne ich garnicht so viele Produzenten.

    erasure.de: Auf dem Album-Cover steht “Art Direction: Andy Bell”. In wieweit warst Du an der Ausarbeitung des Covers involviert?

    Andy: Ich erzählte Paul Taylor lediglich von diesem Buch, war bei den zwei oder drei Treffen mit dem Künstler dabei und suchte die einzelnen Bilder für die verschiedenen Formate mit aus. Paul kümmerte sich um die Schriften.[/b]

    erasure.de: Was für Probleme gab es mit dem ursprünglichen Video zu "I Could Fall In Love With You"?

    Andy: Es war zu langweilig, es war wirklich totlangweilig. Wir hatten insgesamt drei Ideen, allesamt recht kompliziert. Eine dieser Ideen spielte in einem japanischen Supermarkt, mit uns beiden als Verkäufer. Unser anfänglicher Entwurf enthielt viele kunstvolle Zeichnungen, was uns sehr gefiel, aber uns wurde dann gesagt, dass das zu kompliziert wäre. Da das Video hauptsächlich am Computer erstellt werden sollte, erwarteten wir zumindest ein fanatsievolles Video voller japanischer Fantasie-Kreaturen, - Spielzeugen und all solchen Dingen. Stattdessen gab es dann nur handbemalte Cartons, nichts war computeranimiert. Es war wirklich sehr, sehr langweilig. Ausserdem war es sehr straight, mit einem sich übertrieben abknutschenden Hetero-Paar in der Schlussszene, was wir überhaupt nicht mochten – nicht weil wir etwas gegen Hetero5exuelle haben, sondern einfach weil es so erzwungen wirkte, als wenn man das Image einer Gay-Band mit aller Macht verschleiern wollte. Wir lehnten es letztendlich freundlich aber bestimmt ab.

    erasure.de: Wessen Idee war es, ein alternatives Video aus von Fans eingesandten Aufnahmen zusammenzustellen?

    Andy: Das war Michael Pagnottas Idee.

    erasure.de: Wer wählt die Remixer für eine neue Single aus und bestimmt letztendlich, welche Mixe veröffentlicht warden?

    Andy: Daniel wählte “I Could Fall In Love with you” als Single aus, und auch dass Jeremy Wheatley den Radio Mix dafür machte. Howard oder Shawn wählte den 12” Remix aus. Dann hatten wir noch zwei Remixer für “Sunday Girl” zur Auswahl, von denen ich mir einen aussuchen konnte. Letztendlich ist es aber eher alles eine Frage der Kosten, es sei denn, ich remixe selber oder wir mögen einen bestimmten Remixer besonders gern.

    erasure.de: Wie kam es zu dem Duett mit Cindy Lauper?

    Andy: Cindy lud uns dazu ein, bei der “True Colors Tour” mitzumachen. Ich hatte sie vorher nur einmal getroffen, und zwar in L.A. Ich lag gerade am Pool meines Hotels, als Cindy plötzlich hochschwanger vor uns stand und sagte: „Hey Jungs, ich liebe Euch!“. Es war mir ein bisschen peinlich und ich wusste nicht was ich sagen sollte. Später sah ich dann zweimal ihre Show in New York, die „Dreigroschenoper“, wo ich sie aber nicht persönlich traf. Michael hatte dann die Idee, dass wir uns vielleicht mit ihr in New York treffen könnten um etwas zusammen zu komponieren, aber dazu kam es nicht. Das nächstbeste was wir dann tun konnten war, ihr „Early Bird“ zur Zusammenarbeit anzubieten. Der Track wird eventuell als Download oder so erscheinen.

    erasure.de: Besteht die Chance auf eine richtige Veröffentlichung des Songs?

    Andy: Da bin ich mir nicht sicher. Es kommt darauf an, wie sie den Song verwenden werden. Ich glaube, es ist geplant, ihn für die „Human Rights Campaign“ einzusetzen, um mehr Geld damit einzuspielen.

    erasure.de: War es ursprünglich geplant, "Early Bird" (ohne Cindys Mitwirkung) als B-Seite oder Album-Track zu verwenden?

    Andy: Ja, so war es geplant.

    erasure.de: Habt ihr mal vor, ein weiteres Duett aufzunehmen, und wenn ja mit wem?

    Andy: (grübelnd) Ähm... ich weiss nicht... Diejenigen, mit denen wir gerne arbeiten würden, sind wohl eher eine Nummer zu gross für uns... wie z.B. Kate Bush – ich glaube nicht, dass sie ein Duett mit uns machen wollen würde! (lacht)

    erasure.de: Bist Du schon sehr wegen der “True Colors Tour” aufgeregt?

    Andy: Ja sehr, ich freue mich schon riesig drauf, es wird toll werden! Ich bin auch froh, dass wir unsere Tour auf diese Weise beginnen, denn wir spielen pro Abend nur 40-45 Minuten, perfekt zur Aufwärmung für die später folgende, richtige Erasure-Tour. Die „True Colors Tour“ umfasst 15 Shows. Danach geben wir auf Rosie O'Donnell’s Schiff ein paar Shows, machen ein paar Tage Pause, und dann geht’s im UK weiter. Später touren wir dann auch Europa, das ist gerade alles in Planung.

    erasure.de: Werdet ihr auf irgendwelchen Sommer-Festivals auftreten?

    Andy: Bis jetzt ist nur ein einziges geplant, eins in Irland.

    erasure.de: Wisst ihr schon, wieviele Konzerte ihr in Deutschland geben werdet und wann diese stattfinden werden?

    Andy: Nein, das ist noch nicht festgelegt.

    erasure.de: Was habt ihr dieses mal für die Tour geplant, kann darüber schon etwas gesagt werden?

    Andy: Ähm, ich würde es vielleicht als eine Mischung aus Andy Warhol und Jean Miotte beschreiben.

    erasure.de: Was machst Du, um Dich zu entspannen, wenn Ihr auf Tour seid?

    Andy: Hhm, auf dieser Tour werde ich vielleicht versuchen, nicht immer so spät ins Bett zu gehen, so dass ich früher aufstehen kann um ein bisschen was vom Tag zu haben und vielleicht das zu machen, was Vince immer macht - spazieren gehen. Aber davon abgesehen hänge ich auch ganz gerne einfach im Hotelzimmer ab und schaue fern.

    erasure.de: Woher bekommt ihr die Ideen für eure Kostüme?

    Andy: Da stossen wir immer eher durch Zufall drauf. Neulich sah ich z.B. so eine „Make Over“-Sendung im amerikanischen Fernsehen, und ich sah dieses eine Teil, dass ich so bizarr fand, und ich dachte: „Das werde ich verwenden“.

    erasure.de: Ist es noch geplant, das Kinderlied-Album zu veröffentlichen?

    Andy: Ja, ich glaube schon. Wir haben es nur noch nicht veröffentlicht, weil es abgelehnt wurde. Es wurde schon abgelehnt bevor wir es überhaupt fertigstellen konnten. Wir haben uns dann zunächst erst einmal auf die Veröffentlichung von „Light At The End Of The World“ konzentriert, und jetzt brauche ich erstmal eine Pause, auch wenn Vince immer ankommt: „Ach lass uns mal dies machen und lass uns mal das versuchen...“. (lacht) Wir werden es aber fertigstellen, und dann wird es hoffentlich jemand anderes veröffentlichen, oder wir veröffentlichen es selber, denn ich finde, es ist eine grossartige Idee. Unter anderem haben wir an dem Märchen „Der glückliche Prinz“ gearbeitet, das mag ich besonders, das ist wirklich schön geworden.

    erasure.de: Wie empfindet ihr die Unterstützung eurer Fans?

    Andy: Es verblüfft mich immer wieder. Ich denke, die Fans sind die Basis unserer Karriere – wenn es die Fans nicht gäbe, wären wir weg vom Fenster.

    erasure.de: Wie haltet ihr Verbindung zu euren Fans, schaut ihr ab und zu mal im EIS-Forum vorbei?

    Andy: Ja, manchmal schon. Es ist interessant darin zu lesen, aber ich beteilige mich nicht aktiv, denn das könnte etwas ausser Kontrolle geraten.

    erasure.de: In wieweit unterstützt Mute Records eure Arbeit?

    Andy: Ich denke, sie unterstützen uns so gut es geht und so weit es in ihrer Macht steht. Sie haben es auch nicht ganz einfach, und wir sind sehr froh, immernoch dabei zu sein. Wer weiss, ob uns eine andere Plattenfirma überhaupt noch weiter unter Vertrag behalten würde.

    erasure.de: Vielen Dank für dieses Interview, Andy!

    Andy: Ich danke!


    23.05.07 PLAYLIST:
    WHITNEY HOUSTON - "the greatest hits (U.S. Edition)" (2 CD), TEARS FOR FEARS - "the hurting", CERRONE - "angelina", ANA TORROJA - "puntos cardinales", RUSS BALLARD - "russ ballard", CARLOS VASO - "innovate", MEL & KIM - "something special", LA LUNA LAS CANTA - "la luna les canta", VICKY LARRAZ - "todas sus grabaciones en discos cbs (1986-1989)" (2 CD), JASON DONOVAN - "between the lines", JOACHIM WITT - "moonlight nights", HUMAN LEAGUE - "romantic?", HERB ALPERT - "the very best of"

  10. #39
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    ooh to be ah!

    Wenn über die Musik in den 80ern geredet wird, fällt ihr Name im gleichen Atemzug mit Duran Duran, Spandau Ballet oder OMD. KAJAGOOGOO waren mit ihrem extravaganten Äußeren und ihrer Musik der markante Farbklecks dieser Dekade. Die britische Band bestand aus Limahl (Gesang), Nick Beggs (Bass, Chapman Stick), Jez Strode (Schlagzeug), Steve Askew (Gitarre) und Stuart Croxford Neale (Keyboards). Sie hatte gleich mit ihrer Debüt-Single "Too Shy" weltweiten Erfolg, und reiste damit einmal um den gesamten Globus. Zahlen gefällig? Gerne: "Too Shy" belegte in acht europäischen Ländern Platz 1 der Single-Charts, und selbst in den USA schoß die Platte auf Platz 5. Zu Unrecht wird hier an mancher Stelle von einem One-Hit-Wonder geredet, denn die Band hatte mehr als nur diesen einen Hit, auch wenn diese die Verkaufszahlen der Debüt-Single nicht mehr toppen konnten.
    Insgesamt hat die Formation zwischen 1982 und 1985 drei Alben veröffentlicht, dazu diverse Singles wie "Ooh To Be Ah", "Hang On Now", "The Lion's Mouth", "Big Apple" oder "Turn Your Back On Me". Im Jahre 1985 kam das endgültige und offizielle AUS für Kajagoogoo. Die Band löste sich auf und die Musiker gingen getrennte Wege. Nick Beggs war danach der erfolgreichste von allen, war 1988 Teil der Gruppe "Ellis, Beggs & Howard", die mit dem Ethnopop-Album "Homelands" für Aufsehen sorgte und avancierte später zu einem der gefragtesten Studio- und Live-Musiker. So arbeitete er u.a. erfolgreich für Belinda Carlisle, Howard Jones, Seal, Alphaville, Gary Numan, Tina Turner und Midge Ure.
    Nach 22 Jahren gibt es endlich wieder eine neue Single von Kajagoogoo. Sie heißt "Rocket Boy" und das Video dazu können Sie sich etwas weiter unten auf dieser Seite anschauen. Seit einigen Jahren haben wir schon Kontakt zu Nick Beggs, doch erst jetzt macht eine Einladung zu einem Interview für Music-Pleasuredome richtig Sinn. Am 21.06.2007 sprachen wir mit ihm über ihn, seine Karriere, Kajagoogoo und die Zukunft...


    Für den Autor dieses Specials gehört Nick Beggs zu den Lieblingsmusikern. Nahezu jeder Fan von 80er Musik kennt ihn auch heute noch. Er ist ein richtiger Paradiesvogel in der Musikszene und gleichzeitig ein großartiger Bassist, der den Chapman Stick in der Popmusik salonfähig gemacht hat.
    Sein bürgerlicher Name ist Nicholas Beggs, er wurde am 15. Dezember 1961 in Winslow (England) geboren, und war Gründungsmitglied der allseits bekannten Band KAJAGOOGOO. Später gehörte er zu "Ellis, Beggs & Howard" und ist inzwischen ein vielgefragter Studio- und Live-Musiker.
    Am 21. Juni 2007 trafen wir Nick zu einem Interview, und bekamen Antworten auf eine Menge Fragen...


    Hallo Nick! Vielen Dank, dass Du Dir die Zeit für ein Interview bei uns nimmst. Willkommen bei Music-Pleasuredome. Wie geht's Dir?
    Lieber Christian, mir geht es sehr gut! Vielen Dank, dass Du mich für Dein Journal eingeladen hast.

    Es gibt von KAJAGOOGOO eine brandneue Single mit dem Titel "Rocket Boy". Bitte erzähl uns etwas über den Song, und wie er entstanden ist.
    Steve und ich haben den Titel vor knapp 18 Monaten für eine Girl Band geschrieben. Nachdem aber damit nichts weiter passiert ist, haben wir uns dazu entschlossen, ihn für Kajagoogoo zu nutzen. Stu's Mitwirken und Ideen machten den Song dann lebendig und wir stellten fest, dass er einfach zu gut ist, um ihn zu verschwenden. Wir sind alle sehr glücklich darüber, dass so viele Leute ihn genauso toll finden wie wir.

    Ich habe gelesen, dass er zumindest in Deutschland nicht auf CD erscheinen wird. Woher können die Fans den Titel bekommen?
    Die Single wird in England am 25. Juni auf CD veröffentlicht. Danach wird er weltweit als Download bei I-Tunes angeboten.

    Die heutige Besetzung von Kajagoogoo besteht aus Steve Askew, Stuart Croxford Neale und Dir. Habt Ihr noch Kontakt zu Jez Strode?
    Wir haben weder zu Limahl noch zu Jez Kontakt. Nicht mehr seit wir bei der Show "VH-1 Band Reunited" aufgetreten sind (Das war eine in den USA im Jahre 2003 ausgestrahlte Sendung auf VH-1, in der einige 80er Bands in Original-Besetzung live gespielt haben, u.a. Kajagoogoo, Frankie goes to Hollywood und A Flock Of Seagulls, Anm. d. Red.).

    Was macht er denn heute?
    Jez hat eine sehr erfolgreiche Firma, die sich mit dem Verleih von Musik-Austrüstungen beschäftigt. Er war schon immer ein sehr talentierter Geschäftsmann und hat damals auch bei Kajagoogoo immer unsere Buchführung gemacht.

    Die Band hat sich 1985 offiziell aufgelöst. Wann habt Ihr Euch dazu entschieden, wieder zusammen zu finden und ein "Comeback" zu starten?
    Wir dachten alle, dass Kajagoogoo tot sei. Das war die Band aber offensichtlich noch nicht so ganz. Wir wollten sie eigentlich zu Grabe tragen, stellten dann aber am Anfang diesen Jahres fest, dass noch Leben drin war. Also entschlossen wir uns, die Gruppe wieder zu beleben. Der Grund dafür ist ein nach wie vor großes Interesse an Kajagoogoo. Darüber waren wir sehr überrascht und sehr glücklich!

    ...und worauf können sich die Fans in der nächsten Zeit freuen?
    Wir wollen versuchen eine Welt-Tournee zu machen. Außerdem werden wir unsere Single in mehreren Ländern promoten. Es war unser amerikanisches Plattenlabel, das uns darauf aufmerksam gemacht hat, dass wir nach wie vor eine sehr große Fangemeinde haben, die diese Besetzung von Kajagoogoo gerne hört und sehen möchte.

    Also ist "Rocket Boy" der Vorbote für ein neues Album?
    Ja, "Rocket Boy" zeigt nur einen kleinen Ausschnitt von dem, was da kommen wird. Es wird eine Menge neues Material auf dem Album geben, auch wieder in Richtung des "White Feathers"- und "Islands"-Stils.

    Wie werden die Songs von Kajagoogoo heute klingen?
    Wir haben den Großteil der Titel bereits geschrieben, arbeiten aber noch an vier weiteren Songs. Wir sind selbst gespannt und aufgeregt, wie sie klingen werden, wenn sie fertig sind.

    In welche Richtung wird das Album gehen? Habt Ihr möglicherweise schon einige Songs gemischt?
    Ja! Up tempo, mid tempo, großartiger Chorgesang und außerdem einige herzzerreißende Texte. Ich bin schon etwas stolz, das bereits sagen zu können.

    Laß uns in der Zeit etwas zurück reisen: Was hast Du gemacht, bevor Du professioneller Musiker geworden bist?
    Ich habe Grafik an der Kunsthochschule studiert. Das habe ich an den Nagel gehängt, um mit meiner Band arbeiten zu können. Ich nahm einen Job als Müllmann an, um Geld zu verdienen. Ich konnte mich so an den Nachmittagen auf das Komponieren und Texten konzentrieren, und an den Abenden mit den Jungs proben.

    Kannst Du uns etwas über die Band "Art Nouveau" erzählen, aus der später KAJAGOOGOO entstanden ist?
    Gut, "Art Nouveau" war der erste Name der Band. Das war bevor Limahl zu uns gestoßen ist, damals 1979. Ich war gerade 17 Jahre alt und meine Mutter starb kurz vorher an Krebs. Meine Schwester war 15 und ich mußte mich fortan allein um sie kümmern. Wir waren wirklich die meiste Zeit auf uns allein gestellt. Diese Umstände haben mich sehr hart an meinem Ziel arbeiten lassen, mit dem was ich machte Erfolg zu haben. Steve, Stu und Jez wurden zu den wichtigsten Personen in meinem Leben. Sie waren meine Freunde und gleichzeitig die Leute, die den Schlüssel für meine Zukunft in Händen hielten. Das wußte ich damals schon. Also schmiss ich die Kunsthochschule, und steckte all meine Energie in die Band. Und das hat ja auch gut funktioniert, findest Du nicht auch?

    Das kann man wohl sagen, ja! Wie war der Übergang von "Art Nouveau" zu "Kajagoogoo"?
    Das ging mit dem Einstieg von Limahl einher, der für unsere Band damals die perfekte Ergänzung war. Wir hatten vorher versucht, mit "Art Nouveau" einen Plattenvertrag zu bekommen, aber irgendwie interessierte sich keiner für uns. Also schlug ich vor, einen neuen Frontmann zu suchen und es dann nochmal zu probieren.

    Ich habe diese Frage bereits Limahl in einem anderen Interview gestellt. Jetzt möchte ich das aber mal vom "Erfinder" selbst hören: Was bedeuted "Kajagoogoo" und wie wurde das Wort zum Bandnamen?
    Ich wollte einen Namen für die Band haben, der keinerlei Bedeutung hat. Also dachte ich an Geräusche, die Babies machen: "Gagagoogoo"...
    Ich brauchte nur zwei Buchstaben auszutauschen, und schon hatte ich den Namen. Das ist mir während meiner Arbeit als Müllmann auf einer meiner Touren eingefallen. Ich erinnere mich, dass ich bei mir so gedacht habe: "Wenn Du eine Band mit dem Namen KAJAGOOGOO erfolgreich vermarkten kannst, kannst Du alles an den Mann bringen". Meinst Du, ich habe eine Zukunft in der Werbebranche?

    Den Versuch solltest du zumindest unternehmen ;-)
    Nick Rhodes von DURAN DURAN produzierte Euer erstes Album. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

    Limahl traf Nick Rhodes irgendwann 1981 in einem Londoner Nacht-Club. Dieses Treffen war maßgeblich entscheidend für unsere Karriere. Als uns nahezu jedes Label abgelehnt hatte, brachte Nick Rhodes die Leute bei der EMI dazu, sich unsere Demos nochmal anzuhören. Er schlug vor, dass er uns selbst produzieren würde, wenn Legenden wie z.B. Tony Visconti uns nicht "anfassen" wollten. Nick als großer Pop-Visionär...

    Wie überraschend kam der Erfolg Eurer ersten Single und wie veränderte er Dein Leben?
    Ich hatte höchstens mit einer Platzierung in den Top 30 gerechnet. "Too Shy" verkaufte sich dann aber weltweit über drei Millionen mal, und die Single wurde in sieben Ländern ein Nummer 1 Hit. Ich ernähre noch heute meine Familie mit den Einnahmen aus den Verkäufen von Kajagoogoo-Songs. Das ist nur ein kleiner Teil von allem. Es gibt aber noch zahllose weitere Dinge, durch die sich mein Leben durch den Erfolg verändert hat.

    Limahl verließ die Band nach der ersten Tour im Jahre 1983. Warum?
    Es wurde unmöglich, weiter mit ihm zusammen zu arbeiten. Ich habe in der Vergangenheit immer versucht, das so nett wie möglich zu formulieren, wenn ich gefragt wurde. Aber jeder dachte immer, wir würden es vermeiden, die Wahrheit darüber zu sagen. Man kann es eigentlich nicht anders ausdrücken, als dass er unser Leben schlicht und ergreifend zur Hölle gemacht hat. Glaubst Du allen Ernstes, dass jemand, der bei klarem Verstand ist, seinen Leadsänger ohne gute Gründe dafür zu haben, vor die Tür setzt, wenn er gerade auf dem Höhepunkt seiner Karriere ist und weltweiten Erfolg hat? Es brach mir damals wirklich das Herz, denn alles, wofür wir so hart gearbeitet hatten, schien vor unseren Augen kaputt zu gehen. Glaub mir, wenn es irgendeine Möglichkeit gegeben hätte, mit ihm weiter zu machen, wir hätten es versucht. Aber es war vernünftiger, es ohne ihn zu tun.

    KAJAGOOGOO machte bekanntlich mit den verbliebenen Mitgliedern weiter, und veröffentlichte das Album "Islands". Wie ist dieses Album entstanden?
    Im Vergleich zu "White Feathers" eigentlich sehr schnell. Aber nicht schnell genug. Als unser Album fertig war, stahl Frankie Goes To Hollywood allen anderen Künstlern die Show. Obwohl "Big Apple" 1984 europaweit noch ein Hit wurde, landete "Lion's Mouth" nur noch auf Platz 21 in den britischen Charts, und unser Stern begann langsam zu sinken.

    Auf diesem Album hast Du das erste Mal den Chapman Stick gespielt. Was waren die Gründe für den Wechsel von der Bassgitarre zum Stick, und wie bist Du auf dieses Instrument aufmerksam geworden?
    Als Limahl weg war, haben wir uns nach einem Ersatz für die Stelle des Lead-Sängers umgesehen. Viele Musiker wurden in Betracht gezogen. David Grant (LINX) war einer der Kandidaten für den Posten. Wie auch immer, irgendwann während der Suche kamen die Jungs auf mich zu und sagten, dass, wenn ich der neue Lead-Sänger würde, es ein Instrument gäbe, das für mich und die neue Position wie geschaffen wäre, und das ich auf dem neuen Album dann auch spielen sollte. Schließlich habe ich zugestimmt. So kam es, dass ich ein Stick-Spieler wurde.

    Was ist der Unterschied zwischen einem normalen Bass und dem Stick?
    Der Chapman Stick ist weniger eine Bassgitarre. Er ist eher wie ein Piano.

    Wie lange hast Du gebraucht, um das Instrument zu erlernen?

    Ich habe es sofort spielen können, als ich es in die Finger bekam. Aber ich lerne noch heute jeden Tag etwas dazu.

    "Island" ist vom Sound ganz anders als "White Feathers", und auch die Songs sind umfangreicher und anspruchsvoller. Erinnerst Du Dich noch an die Arbeiten zu diesem Album?
    Ja, ganz gut sogar! Wir werden von diesen Songs auch welche spielen, wenn wir wieder auf Tour sind. Ich kann jedes einzelne Lied davon im Schlaf spielen. Ich habe jede einzelne Note auf diesem Album gelebt!

    Im Jahre 1985 erschien das bisher letzte Kajagoogoo-Album mit dem Titel "Crazy Peoples Right To Speak". Es war viel rockiger als seine Vorgänger und gleichzeitig seiner Zeit weit voraus. Unglücklicherweise und völlig zu unrecht, bekam es nicht die Aufmerksamkeit, die es verdient gehabt hätte. Glaubst Du, dass die Zeit für dieses Album damals noch nicht reif war?
    Das ist sehr großzügig und nett von Dir, dass Du das sagst. Aber ich glaube, dass Kaja die Fans damals nur noch gelangweilt hat. Komischerweise mochten die amerikanischen Fans das Album viel lieber, als die europäischen. Ich denke, das Album hat seine Stärken und seine Schwächen.

    Kajagoogoo änderte mit der Veröffentlichung des Albums auch zeitgleich den Namen in "Kaja" ab. Warum?
    Es schien uns falsch zu sein, weiterhin als Kajagoogoo aufzutreten, da wir inzwischen mehr Rock und weniger Popmusik machten. Aber heute empfinden wir es richtig, den Namen wieder zu verwenden. Er steht für unsere erfolgreichste Zeit, und die Leute erkennen ihn wieder.

    Rückblickend auf Deine Zeit mit Kajagoogoo in den 80ern: Was sind für Dich die schönsten Erinnerungen, und welche sind weniger angenehm?
    Die erste Zeit mit der Band war wunderbar, weil wir alle an einem Strang zogen und ein gemeinsames Ziel hatten. Nach "White Feathers" tat es mir im Herzen weh zu sehen, dass wir nicht mehr alle in die gleiche Richtung tendierten, trotzdem wir so viel Erfolg hatten. Die Band war durch ihre Mitglieder gesegnet, aber gleichzeitig auch verflucht. Das raubte uns die Möglichkeit, so groß zu werden, wie wir es hätten werden können. Wenn Limahl "Big Apple" gesungen hätte, wäre das unsere nächste Nummer 1 gewesen. Aber er haßte den Titel.
    Wenn Kajagoogoo damals "Never Ending Story" zusammen mit Limahl veröffentlicht hätte, hätte es einen weltweiten Knall gegeben und wir wären genauso groß und erfolgreich gewesen, wie WHAM! Aber Limahl haßte auch "Never Ending Story". Letztendlich sind wir getrennte Wege gegangen. Der einzig vernünftige Weg, der uns allen zwar Ruhe brachte, der uns aber auch die Chance raubte, noch erfolgreicher zu werden. Ich bereue aber gar nichts!

    Im Jahre 1988 konnten Dich die Fans dann als Teil der Gruppe "Ellis, Beggs & Howard" erleben. Du hast auch hier Bass und Chapman Stick gespielt. Was war die Idee hinter dieser Gruppe, und wie entstand sie?
    Ich wollte damals eine Funk-Rock-Band zusammenstellen. Ich traf Simon Ellis, der mir den Vorschlag machte, die Position des Sängers zu übernehmen. Aber ich sagte sofort: "Nein". Wir fanden schließlich Austin Howard, der in unserem Projekt Frontmann wurde.
    Unser größter Hit war übrigens ein Song, der auf dem Chapman Stick-Part eines Kajagoogoo Songs, nämlich "Turn Your Back On Me", basierte. Ich war immer der Meinung, dass es zu gut war, um es nicht zu verwenden.

    Nur ein Album und drei Singles wurden veröffentlicht, und die Zeit von "Ellis, Beggs & Howard" war auch schon wieder vorbei. Warum gab es nie eine Fortsetzung?
    Es gab eine weitere Zusammenarbeit, und wir hatten auch ein weiteres Album mit dem Titel "The Lost Years Vol. 1" fertig. Unglücklicherweise erkrankte unser Sänger dann an Krebs.

    Was hast Du in den 90ern gemacht?
    Als Vater von fünf Kindern war ich sehr viel beschäftigt. Das ist Arbeit genug. Aber in den Jahren nach "Ellis, Beggs & Howard" habe ich mit verschiedenen Musikern zusammen gearbeitet und bin teilweise auch mit ihnen auf Tour gegangen, z.B. mit Cliff Richard, Seal, John Paul Jones (Led Zeppelin), Robert Fripp, Toyah, Tina Turner, Emma Bunton, Engelbert Humperdinck, Howard Jones, Kim Wilde, Steve Howe (YES), Belinda Carlisle, Nick Hayward, Go West, Tony Hadley, ABC, Midge Ure, Right Said Fred, Nena und T'Pau. Außerdem habe ich einige Bands produziert, habe als Solist gearbeitet und war als A&R Mann für die Phonogram in London tätig.

    Du hast auch zwei Solo-Alben veröffentlicht: "Stick Insect" (2002) und "The Maverick Helmsman" (2004). Bitte erzähl uns etwas über diese beiden CDs.
    Das ist nur ein Auszug aus meiner Arbeit als Solokünstler. Ein drittes Solo-Album möchte ich veröffentlichen, wenn die Arbeiten an der bevorstehenden Kajagoogoo CD beendet sind.
    Wie auch immer, die beiden bereits erschienenen Alben sind sehr unterschiedlich. "Stick Insect" entstand als ein Live-Vortrag, das ich als Rahmenprogramm für meine Kunstausstellung in Tampere (Finnland) gespielt habe. Das Kulturbüro lud mich ein, meine Kunstwerke dort auszustellen, und dort gleichzeitig zwei Shows zu spielen, in denen ich mein Soloprogramm vorstellen sollte. Aufgrund dieser Einladung schrieb ich die Titel für diese CD.
    "The Maverick Helmsman" ist weniger experimentell und war das, was mir zu dieser Zeit im Kopf herumspukte. Ich denke, dass beide Alben vollwertige Arbeiten und ein ganz guter Überblick darüber sind, was man mit dem Chapman Stick alles machen kann.

    Du hast in Deiner Karriere bereits mit vielen Musikern zusammen gearbeitet. Mit wem würdest Du gerne nochmal was zusammen machen, wenn sich Dir die Gelegenheit dazu bieten würde?
    Joni Mitchell!

    Was war die letzte CD, die Du Dir gekauft hast und welche Art von Musik hörst Du gerne?
    Das letzte Album, das ich mir downgeloadet habe, war Emerson, Lake & Palmer's "Tarkus". Die letzte CD, die ich mir gekauft habe, war vermutlich eine von Pat Metheny Group.
    Meine bevorzugte Musikrichtung ist die Musik der progressiven Bands aus den 70ern. "YES" sind z.B. meine absoluten Vorbilder.

    Nick, ich danke Dir herzlich für Deine Zeit, die Du Dir für die Beantwortung meiner Fragen genommen hast. Möchtest Du unseren Lesern abschließend noch etwas sagen?
    Alles, was ich immer werden wollte, war professioneller Musiker. Ich wußte, dass ich das werden würde, seit ich 15 Jahre alt war. Es ist ganz wichtig zu wissen, was man werden möchte, um im Leben glücklich zu sein. Laßt Euch von niemandem einreden, dass Ihr nicht das werden könnt, was Ihr werden möchtet!

    http://www.chrecas.de/


    21.06.07 PLAYLIST:
    V.A. - "i love disco 80´s vol.3" (2 CD), FANGORIA - "¡viven!" (DVD & CD), RUTH ANN - "what about us", OLÉ OLÉ - "grandes éxitos y otras terapias de grupo (fase 4)", TEARS FOR FEARS - "songs from the big chair (Deluxe Edition)" (2 CD), FISCHER-Z - "highlights 1979 - 2004" (2 CD), BARBRA STREISAND - "the ultimate collection" (2 CD), KLEE - "zwischen himmel und erde", LUCIO BATTISTI - "e già", BROS - "push", THE B52´S - "cosmic thing", BONEY M. - "eye dance"

  11. #40
    Benutzerbild von bamalama

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    HERBERT GRÖNEMEYER im ausführlichen Interview!

    Die neue CD steht seit 2. März 2007 "fertig im CD-Regal". Wie sieht's in deinem Kopf aus, Herbert?

    Relative Leere, aber eine zufriedene, würde ich sagen. Man ist erschöpft, man ist glücklich, hat etwas zusammengebastelt und gibt das jetzt heraus. Das ist ein bisschen wie bei einem Kind. Man läßt es laufen und weiß nicht so recht. Man wartet auf den Moment, an dem man sich plötzlich umdrehen kann, das Ganze wieder angucken kann und weiß: Das hast du gemacht! Okay, jetzt hör's dir mal in Ruhe an.

    Was hallt denn als Echo nach?

    Ist der Text wirklich gut oder ist der vielleicht ein bisschen nachlässig? Es gibt die ersten Reaktionen von anderen, die es gehört haben, und man fragt sich: Meinen die das ernst? Versuchen die mir nur zu schmeicheln, denn die sagen natürlich: Alles gigantisch, Herbert und überhaupt du, was du alles kannst, ist ja unglaublich. Und dann versucht du zwischen den Zeilen zu hören: Wo sind die Irritationen oder was funktioniert nicht ganz richtig? Das ist so ein Wust im Kopf, ein Durcheinander im Grunde genommen, ein ganz schönes Gewusel.

    Bei "Mensch" hast du gesagt, du hast jede Zeile herausgepresst und es war wahnsinnig anstrengend. Wie lief die Arbeit diesmal?

    Deutlich leichter. Ich bin natürlich auch in einem anderen Stadium meines Lebens. "Mensch" war der Versuch, im Grunde genommen überhaupt wieder Musik zu schreiben. Da hatte ich wahnsinnige Angst, ob mir das nicht abhanden gekommen ist. Das klingt ein bisschen bescheuert jetzt im Nachhinein, aber damals war das wirklich so. Deswegen haben wir an "Mensch", glaube ich, anderthalb Jahre gearbeitet. Es wurde diesmal nicht so hart gebogen wie bei "Mensch". Also "Mensch" war ein viel stärkeres Stemmen. Ich bin noch mal fast fünf Jahre weiter, lebe jetzt auch fünf Jahre länger in England, und da nimmt man alles sowieso ein bisschen gelassener. Diese Platte ist relativ entspannt gelaufen. Weil ich früher am Theater war, gab es immer eine Premiere. Die wurde festgelegt, und bis dahin wurde geprobt. Die konnte vielleicht mal verschoben werden, aber grundsätzlich wußte man, am 7. März spielst du. Und so mache ich das auch mit der Platte. Ich setze den Termin fest, wann sie rauskommt. Ich buche sogar schon die Tour. Und mache damit natürlich alle wahnsinnig. Nicht nur ich arbeite immer bis zur letzten Nacht - deswegen hieß bei der letzten Platte auch eine Nummer "Demo letzter Tag" - auch die Leute, die mit mir zusammenarbeiten müssen, raufen sich natürlich die Haare. Nicht nur Alex Silva im Studio, auch die, die das Cover gestalten und Marketing machen, - ich mache alle irre, weil ich wirklich bis zur allerletzten Sekunde arbeite. Sonst würde ich nie eine Platte fertig kriegen. Ich kann nur arbeiten...

    Mit Deadline!

    Mit Deadline. Dann ist es auch okay, weil ich sage: Bis hierhin habe ich gearbeitet, und alles, was jetzt nicht mehr da ist, ist nicht da. Genau wie wenn im Theater der Vorhang vorgeht, dann ist die Inszenierung entweder gelungen oder misslungen. Wurscht, du musst trotzdem raus. Aber die Arbeit an sich war grundsätzlich relativ entspannt. Wir haben einen großen Teil mit meiner Band gemacht, aber auch einen sehr großen Teil mit englischen Gastmusikern. In der Regel treffen Alex und ich uns im Studio so um zwölf, also mittags, und fummeln dann bis nachts um zwölf da herum. Wir sitzen aber auch gern nebeneinander und plaudern und albern rum und schnattern so vor uns hin. Zwischendurch arbeiten wir wieder ein bisschen. Wir arbeiten seit neun Jahren zusammen und verstehen uns prächtig.

    "Radikalität" war immer ein Kriterium für dich. Ist das wichtig bei dieser Platte?

    Radikalität gibt es ja in mehreren Beziehungen. Auf der Platte haben wir probiert, die Sachen ein bisschen zu überzeichnen, also großes Orchester, ein bisschen hymnisch angelegt, viele Streicher. Da ist die Grenze zum Kitsch natürlich ganz schnell im Deutschen gegeben. Da musst du aufpassen: wie weit kannst du das zerren. Wir hatten wirklich ein 65-Mann-Orchester, allein die Streicher haben unglaubliche Eindrittel der Produktionskosten gefressen, weil das unheimlich teuer war. Das ist zum Beispiel so eine Gratwanderung.

    "Mensch" war wesentlich reduzierter und spröder vielleicht sogar, und dieses ist durch die Streicher viel erhobener. Also Radikalität an den Kitsch ran manchmal. Zum Teil steckt die auch in den Details drin. Wenn man die Platte länger hört und wenn man tiefer geht, also wenn man Zeit hat, beim dritten, vierten, fünften Hören muss immer noch eine Tiefe da sein, da muss man noch was entdecken oder sagen, oh, das habe ich noch gar nicht gehört.

    Die Platte, denke ich, springt nicht ständig hin und her, sondern ist wie ein großes Stück. Vergleichen kann man das nicht. Eine meiner Lieblingsplatten ist "Hounds of Love" von Kate Bush, das ist auch wie ein Stück, das geht so durch. Und hier sind das eher die Streicher, die diese Platte mehr oder weniger zusammenhalten. Trotzdem, denke ich, eine Nummer oder Musik muss immer kratzen.

    Meine erste erfolgreiche Platte, "Bochum", wurde gar nicht im Radio gespielt. "Männer" wurde nicht im Radio gespielt. Die haben gesagt: Wie singt der? Der singt so merkwürdig und wir verstehen ihn nicht. Was soll das? Wir müssen den Text verstehen. Der singt so hoch, dann quietscht der so und singen kann er eh nicht. Diesmal ist es eher dieses etwas Opulente. Im Radio haben sie auch schon gesagt, Herbert, ein paar weniger Streicher hätten es auch getan. Aber das finde ich dann gut. Aha, dann nerve ich wohl ein bisschen. Dann nerven euch wohl die Streicher. Also so rum. Auch damit kannst du nerven. Ein bisschen nerven musst du schon. Wie wenn du kochst, musst du es halt immer ein bisschen überwürzen, also schärfer machen, damit es am Anfang ein bisschen zu scharf ist, aber am Schluss sagst du: War gut, dass es so scharf war, sonst wird das so weggeschlabbert.

    "Mensch" hatte die Farbe grau, hast du gesagt. Welche Farbe hat diese Platte?

    Diese Platte, denke ich, ist schon wesentlich bunter, glücklich und lebensbejahend, also eher ein Orange.

    Welches ist deine Lieblingszeile auf der Platte?

    Also mein Lieblingstext ist aus "Leb in meiner Welt": ..."Deine Träume deut' ich nicht. Sie verlaufen sich. Ich höre für dich, wie das Gras wächst". Im ersten Moment denke ich: Hat der noch alle Latten aufm Zaun? Und dann geht es weiter: "Ich sag' dir, was du willst. Du sitzt einfach still. Weil ich rede jetzt." Den Einstieg finde ich absolut gelungen, weil man im ersten Moment denkt: Was ist das jetzt? Ist das ein Liebeslied? Ist der größenwahnsinnig? Also den ganzen Text finde ich klasse. Das ganze Lied mag ich halt gern.

    Immer noch etwas unsicher bin ich mit dem letzten Text "Spur". Es geht darum, dass man immer an seine Reserven geht und sich auch übernimmt, also so ein bisschen lonesome cowboy auch. Man möchte für sich sein. Und da habe ich noch gar keine Beziehung dazu. Das war der allerletzte, den ich geschrieben hab. Ich hab zwar schon gute Resonanzen gekriegt, aber bei "Leb in meiner Welt", da weiß ich heute schon, wie bei "Land unter", da wusste ich schon, als ich das geschrieben habe, das kam so leicht: das sind so Lieder, die bleiben.

    Noch mal zur Arbeit. Fangen wir mit der Musik an: Wie geht das, Komponieren? Ist der Kopf voll oder leer, wenn du anfängst?

    Ich schreibe ja nicht für eine Platte, ich schreibe sowieso Musik. Also es ist nicht so, guten Tag, ich komponiere heute. Sondern ich setze mich, nachdem ich aufgestanden bin, ans Klavier und klimper vor mich hin. Das kommt automatisch. Zum Beispiel die erste Nummer "Du bist die", die habe ich schon im Winter 2002 geschrieben, in Köln im Hotel mit Blick auf den Rhein, während ich da irgendwelche Promotiontage hatte. Dann spiele ich ein bisschen. Irgendwann gibt eine Melodie, die ich ganz schön finde, und an der bleibe ich hängen. Die spiele ich dann noch ein paar Mal, und manchmal wird es ein ganzes Lied. Am nächsten Tag setze ich mich wieder hin, nehme das, was ich gestern gemacht habe, und fange damit an. Das ist wie bei einem Puzzlespiel, immer mehr Kleinigkeiten kommen dazu.

    Es gibt also keine Strategie. Du fängst nicht mit den Balladen an und dann kommen die schnellen Stücke?

    Nein. Für diese Platte hatte ich vielleicht achtzehn, neunzehn Stücke geschrieben. Dann hast du erstmal einen Überblick. Und dann sagst du dir natürlich schon: Wie machst du das jetzt? Was fehlt zum Beispiel? Fehlt jetzt was Schnelles? Kann die Platte noch was Ruhiges vertragen? Noch was Ruhigeres, also noch was ganz Ruhiges, noch was ganz Trauriges oder was ganz Tiefes? Bei "Bleibt alles anders" war das "Bleibt alles anders" komischerweise, bei "Sprünge" "Kinder an die Macht". Und bei dieser Platte war das letzte Stück "Ohne dich" .

    Wo bleibt der Mythos des Kreativen, der sitzt und wartet? Hast du noch nie rumgebrüllt: "Kinder, verdammt, ich muss jetzt komponieren!"

    Nein. Die Kinder kennen mich so, dass ich am Klavier sitze und vor mich hinsinge. Mein Sohn hatte in seinem Zimmer ein eigenes Studio da gehabt, richtig groß, und ich hatte so eine ganz kleine Ecke bei mir oben, anderthalb Meter vom Kleiderschrank entfernt, mit Keyboard und Kopfhörer, und da habe ich meine Platte geschrieben, nachts mit Kopfhörern. Wenn ich Musik schreibe, das ist wirklich mehr so nebensächlich. Wenn ich Texte mache, das ist anders. Dann sage ich: Jetzt gehe ich texten. Dann setze ich mich wirklich hin. Aber nicht beim Musikmachen, das ist mehr Spaß.

    Darf man dich stören? Gehst du ans Telefon?

    Ja. Ich fühle mich in der Musik aber auch zuhause. Nicht weil ich das kann, sondern weil das für mich Freude und Entspannung bedeutet. Ich glaube eben auch, dass letztendlich meine Musik die Sachen erzählt. Texte sind wichtig, aber letztendlich, wenn die Musik nicht stimmen würde, könnte man die ganzen Texte auch vergessen. Die stemmt das im Grunde genommen, die bereitet das vor. Das mache ich unheimlich gerne. Ich freue mich auch immer wie ein Schneekönig, wenn ich eine Musik geschrieben habe. Das singe ich dann auch drei-, vierhundert Mal. Wir haben mal in Köln gewohnt über der Wohnung von dem Alan Bangs, der den Rockpalast moderiert hat früher. Der hat dann irgendwann angerufen und gesagt: Herbert, bist du so nett und kannst mal das Lied wechseln?

    Wie entstehen die Texte?

    Die Musik habe ich schon lange, die nehme ich auch schon früher auf, aber die Texte kommen immer ganz am Schluss. Ich singe die vorher in so einer englischen Bananensprache, und dann schreibe ich plötzlich deutsche Texte, was mich dann auch immer wundert. Da denke ich: Huch, was ist das denn jetzt? Und dann wächst das alles so zusammen. Aber das Gefühl, dass die Musik sich irgendwann über den Text setzt und dann passt das alles. Aber das dauert eine Zeit. Ich hoffe natürlich, dass der Text die Musik nicht kaputtmacht und dass ich da nicht irgendeinen Unsinn geschriebe. Man muss sich erstmal freischreiben. Ich kaufe mir Blöcke und fange an zu schreiben, also wirklich ein mechanischer Vorgang des Schreibens. Dann fange ich an Spaß zu kriegen an Sprache und an den Worten und sage: Ah, das ist lustig. Oder: Das ist gar nicht schlecht. Und dann fängt das an, sich einzuleiern.

    Die Konzentration beim Texten kann ja schrecklich quälend sein. Bist du ein großer Ablenkungskünstler? Was ist erlaubt?

    Telefonieren. Ich bin ein Telefonierer. Ich mache die Texte zusammen mit Arezu Weitholz, zumindest sehe ich sie so als Regulativ, der erzähle ich das und die hört sich das an. Dann telefoniere ich gern mit Freunden zwischendurch. Ich habe immer das Telefon da liegen, wenn ich dann merke, es staut sich so, ich komme nicht weiter, dann gehe ich ans Telefon und rufe irgendjemand an. Früher bin ich dann an den Kühlschrank gegangen; das mache ich nicht mehr. Aber Texten ist Kampf. Das bin ich gar nicht gewohnt, weil ich an sich jemand bin, der gerne arbeitet, aber beim Texten herrscht oft dieses Frustmoment. Mir sitzt immer die Angst im Nacken. Schaffst du das? Oder gibst du dir nicht genug Mühe? Oder geht dir zu früh die Geduld verloren? Oder sagst du: Ich mache noch mal eben, haue ich das eben noch mal drauf. Ich habe da unheimliche Angst, dass ich mir mit einem schlechten Text oder mit drei oder vier schlechten Texten so eine Platte kaputtschieße.

    Ist Dir beim Komponieren und vielleicht noch mehr beim Texten das Naheliegende suspekt? Wenn dir etwas zu schnell einfällt?

    Es gibt Texte, die kommen in einem Rutsch. Es gibt fünf Texte auf einer Platte, die mussten raus. Dann gibt es die andere Hälfte, da kommt es drauf an. Schaffst du die? Denn die nächsten fünf sind die, an denen sich die Platte entscheidet. Dann schreibst du halt Texte wie zum Beispiel "Ich versteh, versteh nur, was ich seh" . Du brauchst erstmal einen Reim. Das ist gar nicht so doof, was könnte das denn jetzt eigentlich heißen, was willst du damit sagen? Du willst erklären, du bist nicht jemand, der gerne theoretisiert, sondern möchtest einfach gerne was machen. Was ausprobieren. Das ist auch sicherlich etwas, wie ich denke. Ich analysiere nicht gerne ununterbrochen, sondern ich sage, lass machen, lass tun, oder auch scheitern.

    Ran!

    Ran, genau. Lass scheitern, und nicht dieses ständige Gelaber. Alex, der nun Engländer ist, sitzt manchmal in Berlin in der Kneipe abends mit Deutschen, und dann reden die über Gott und die Welt vier Stunden lang und gehen dann alle traurig nach Hause um drei Uhr morgens. Und dann sagt der immer: Das ist in England gar nicht möglich. In England machst du das fünfundzwanzig Minuten ...

    Und dann kommen die Witze...

    Genau, dann kommen die Witze. Dann muss es wieder ein bisschen spaßig werden. Also dieses Gesitze, durchzureden, nichts passiert und alle sind nur niedergeschlagen. Als ich mitten in meiner Lebenskrise steckte, habe ich angefangen, zurückzugucken, auch alte Freunde von mir gefragt: Wie war ich eigentlich früher? Weil man einfach so viel über sich nachdenkt. Und da sagte ein guter Freund von mir: Nee, du hast noch nie gerne irgendwie rumgestanden, hast immer gesagt, lass uns einen Gig spielen, lass irgendwo auftreten oder lass was machen. "Ich versteh nur, was ich seh". Und dann fängst du an, das Drumherum zu basteln. Das ging relativ schnell sogar. Das sind solche Texte, wo du dich fragst, ist der jetzt wirklich gut?

    Aber es gibt immer wieder Überraschungen für dich selber?

    Ja, absolut! Sogar beim Musikschreiben, weiß man manchmal nicht, wo kommen die Sachen eigentlich her. Gerade die, die außerhalb des eigenen normalen Standards liegen. Es gibt ja schon so ein Spektrum, wo man weiß, das kann man so ein bisschen. "Zieh deinen Weg" zum Beispiel kam völlig überraschend. Da freust du dich und sagst: Ah, das bringt dich weiter. Oder das ist anders, als du sonst geschrieben hast. Das ist nicht immer ein logischer, intellektueller Vorgang. Viel kommt völlig aus heiterem Himmel.

    Das ist so gar keine Rockplatte. Muss an London liegen.

    Na, dass mir das gut tut da, ist unbestritten. Ich meine, das ist jetzt die zweieinhalbte Platte aus London. Ich arbeite in London schon lange, aber jetzt lebe ich eben auch recht lange hier.

    Wenn du in England sagst, du bist Musiker, das ist so, als wenn du bei uns sagst, du bist Herzchirurg an der linksrheinischen Klinik. Also in England Musiker zu sein, ist wirklich eine Auszeichnung. Wenn ich im Taxi sage oder er fragt mich, was machst du, und ich sage, ich singe,- gigantisch, da freut er sich schon. So eine Anerkennung hilft dir natürlich für dein Selbstbewusstsein. In Deutschland war es früher so: Was machst du? - Ich mache Musik. - Ja, und was machst du beruflich? Dann denkst du: Ah, jetzt erkläre ich noch mal. Ich bin auch ziemlich erfolgreich schon - Ach so, kann man davon leben? - Ja, ich habe auch schon ganz schön viele Platten verkauft. Weiß ich selbst bei meinem eigenen Vater, der dann auch sagte: Jetzt musst du etwas Vernünftiges lernen. Und in England, wenn du deinem Vaters sagst, ich werde Musiker, dann sagt der: Ja, mach das! - Das ist einfach der dritte Industriezweig in England. Das ist in England ganz was Tolles, und davon kriegst du natürlich auch was mit!

    Was kommt noch so von der Straße?

    Ja, dieses britische Sich selbst auf die Schippe nehmen. Die Leute sind wahnsinnig freundlich, also du findest selten welche, die granteln. Sie gucken dir nicht ständig in die Augen, aber, sobald du jemanden etwas mehr kennst wie in meinem Zeitungsladen, wo ich mir immer Zeitungen hole, mit dem kannst du dann rumalbern. Dieses tongue-in-cheek, dieses Tennisspielen in Selbstironie. Ich mache einen Witz über mich und du machst einen Witz über dich, und dann freuen wir uns und hatten für drei Sekunden Spaß miteinander. Wie im Rheinland, die sind auch eher so, die sagen: Ja, mir geht es gut, alles dufte. Sonst geht das in Deutschland: "Wie geht's?" - "Weißt ja". Dann denkst du: Was weiß ich denn? - "Ja, weißt ja, wie alles läuft zur Zeit hier..." - "Ja, ich habe gefragt, wie geht's dir?" - "Ach so, mir persönlich, ach eigentlich ganz gut". Das war dann auch schon ein Vier-Minuten-Gespräch.

    Als nächstes kommt die Tour, die bereits äußerst erfolgreich angelaufen ist. Was wäre eine Platte ohne Tour?

    Man macht eine Platte nur für eine Tour. Du schreibst eine Platte, damit du wieder auf die Bühne gehen kannst und neue Lieder hast. Wenn du vor Publikum ausprobierst, wie funktioniert das, was du da geschrieben hast, und dich wunderst, welche Nummer plötzlich richtig gut funktioniert oder überhaupt nur funktioniert, das ist der Spaß, den du hast. Wenn ich nicht singen würde - das ist ja auch mehr so eine körperliche Angelegenheit, weil ich ein ziemlich unter Strom stehender Mensch bin -, dann wäre ich auch relativ ungenießbar. Irgendwie hat mir der liebe Gott das auch gegeben, damit ich mich entspanne.

    Ich war immer Sänger. Ich war nie im Stimmbruch, hatte immer schon eine ganz tiefe Stimme. Dafür sah ich aus wie ein Mädchen, hatte lange rote Haare und ein ziemlich weiches Gesicht. Sobald ich anfing zu singen, haben die gesagt: Huch, was ist das denn? Also ich war so eine ziemliche Röhre, bin schon früh als Sänger engagiert worden in Bands. Ich hab schon mit dreizehn in Bands gesungen, die waren alle deutlich älter, zwanzig, einundzwanzig. Wenn ich mal zwei, drei Wochen nicht singe, dann merke ich, geht es mir nicht gut. Das ist wie als hätte ich nicht trainiert.

    Das heißt, du bist dann am Ende von einem Konzert der Glücklichste?

    Ich mache das hauptsächlich für mich selber, wenn man es ganz gemein sagt. Natürlich mache ich es fürs Publikum, aber im Grunde genommen freue ich mich auch selber, dass ich da oben stehen darf und kann.

    Dass sich immer alle entschuldigen für die Eitelkeit, mit der sie auf der Bühne stehen, ist doch als angebliches Geständnis unerträglich. Steckt da nicht viel mehr dahinter bei einem Konzert?

    Das Erste, was du machst beim Konzert, selbst auch wenn du in großen Stadien spielst, ist, dass du dir Gesichter suchst.

    Du nimmst im Ernst Blickkontakt auf?

    Mit einzelnen Gesichtern, ja. An denen prüfst du, wie funktioniert der Abend. Du nimmst auch Gesichter, die nicht so begeistert sind, die einfach ruhiger sind, und guckst: Ah, wollen wir mal gucken, ob wir das nicht hinkriegen. Das ist so, als ob du mit denen redest. Es gibt zum Beispiel oft auch Pärchen, wo du siehst: Oh, der Freund wollte gar nicht mit. Oder die Freundin findet das viel zu doll, und der Typ sagt: Oh Gott, was findet die an dem! Und dann guckst du: Mal sehen, ob du das durchhältst zwei Stunden lang, da so zu stehen und zu sagen: Äh, ich finde das aber doof. Also das ist schon ein Spiel. Egal, ob Stadium oder Club, ich mach genau das gleiche. Spiele auch die hinteren Reihen an, gucke, ob die mitgehen. Und dann freust du dich natürlich wie ein Schneekönig, - nicht wenn am Schluss alles tobt, weiß Gott nicht -, aber wenn du spielst, es hat eine Leichtigkeit, die Leute sind guter Dinge und Du weißt, die gehen jetzt auch entspannt nach Hause. Es war ein schöner Abend, hat sich gelohnt, okay.

    Und wenn es schief geht?

    Klar gibt es Abende, wo du selber merkst, dass du nicht so richtig gut drauf bist. Dann passiert es aber interessanterweise, dass das Publikum übernimmt, und die merken, aha, der braucht jetzt ein bisschen, jetzt machen wir mal hier Stimmung, dann wird der schon mal auf Touren kommen. Und dann gibt es sicherlich auch Abende, wo beide Seiten etwas durchhängen. Aber grundsätzlich geht es wirklich darum, wie schafft man es gemeinsam, einen Abend zu verleben, wo man hinterher sagt, - nicht nur, die haben mich jetzt gefeiert -, sondern es hat gestimmt. Das sind manchmal sogar die ganz ruhigen Abende, die gelassenen, auch kürzeren, da, wo beide Seiten sagen: War wunderbar!

    Mag man seine Fans immer?

    Mag man seine Fans? Ist natürlich auch eine schwierige Frage. Man freut sich über die Fans.

    Schon mal erschrocken, wenn du einen Fan gesehen hast?

    Es gab natürlich auch Zeiten und es gab natürlich auch Fans, wo es nicht immer auch noch lustig war. Es gibt natürlich auch Leute, die so Figuren wie mich für ihre Psychosen hernehmen. Das ist die Kehrseite des Poptums, wenn Menschen sagen, mit dem habe ich einen ganz speziellen Kontakt oder der kann mich heilen oder auf den fixiere ich meine ganzen Aggressionen. Ich kann die Aggressiven rausfiltern, also die manischen, die sehe ich innerhalb von Sekunden. Seh ich, in der 17. Reihe, wenn da einer steht. Aber grundsätzlich "mögen"? Das klingt mir zusehr nach Fanclub. Ich habe keinen Fanclub. Es gibt Homepages, die die Leute sich selber zusammengebastelt haben. Aber ich freue mich über meine Fans. So ist es besser beschrieben. Manchmal wird es auch schwierig. Wenn auf Tourneen die erste Reihe immer die gleiche ist. Da stehen immer die gleichen. Jetzt spielst du in Kiel, am nächsten Tag spielst du in München, kommst raus, stehen da schon wieder die gleichen. Aber es gibt Fans, die kenne ich schon seit zwanzig Jahren, und die reisen auch immer mit oder nehmen sich frei, und die sind auch zum Teil wirklich sehr rührend. Mögen klingt trotzdem nach komischer Liebesbeziehung. Fans muss man nicht lieben. Man muss sich über sie freuen, denke ich, das ist besser.

    Frage: Deine Touren sind in der Regel immer sofort ausverkauft. Macht das froh oder faul?

    (lacht) Na, noch sind wir nicht ausverkauft. Die letzte Tour war überwältigend, weil wir drei Stadionkonzerte geplant hatten und dreissig gespielt. Das war wirklich jenseits von Gut und Böse. Jetzt läuft es auch unglaublich gut, die ersten Konzerte sind alle ausverkauft. Aber man muss immer aufpassen, dass man nicht in seinem eigenen Überschwang denkt, das läuft jetzt alles von selber und wir sind ganz doll. Das hatten wir mal bei "Luxus". Nach "Ö" gab es mal eine Phase, wo wir dachten, so, jetzt haben wir die Weisheit mit Löffeln gefressen. Wichtig ist, dass man die Konzerte so plant, dass man es nicht übertreibt.

    Wie gehst du mit deinem Talent um?

    Der Kopf denkt ja sowieso über alles ständig nach: wie ernst nimmst du dich, wie größenwahnsinnig bist du, wie träge bist du, wie saturiert bist du und wie selbstgefällig. Natürlich gibt es das alles. Aber letztendlich kann ich das dann immer wieder runterfahren. so wie ich in dem Lied auch singe: "Bis auf den Grund meiner Natur". Du fährst es runter und sagst: So, jetzt pass auf! Wer bist du, was machst du eigentlich? Und dann komme ich sofort auf die Musik. Das ist so ein Schatz, geh' damit vorsichtig um und dann erhältst du dir das fürs ganze Leben. Das kannst du nicht einfach so verschleudern.

    Gibt es irgendwas Abgefahrenes, was du einem Konzert in einem halbleeren Saal abgewinnen könntest?

    Das ist völlig in Ordnung. Das kennen wir. Es ist ja nicht so, dass wir immer erfolgreich waren. Meine erste Plattenfirma hat mir wegen Erfolglosigkeit gekündigt, da haben wir, ich erinnere mich gut, in der Alabama-Halle in München gespielt und nur zwei Karten verkauft. Der Inhaber sagte noch: Ich stelle mal ein paar Bänke rein, dann sieht es voller aus. Da waren zum Schluss zwölf Leute da. Oder wir haben in Berlin im Quartier Latin gespielt und hatten hinter der Bühne schon Käsebrote und Bier stehen; da waren wir schon ganz weit vorne, es gab also schon Catering. Wir fragten immer unseren Tour-Manager: Wie viele Leute sind da? Und der machte immer diese Victory-Zeichen, und wir: Spitze, es läuft gut! Er meinte aber zwei. Normalerweise, wenn weniger Leute im Publikum sind als auf der Bühne, sollte man nicht auftreten. Also wir waren zu sechst, also sechs sollten es schon sein im Publikum. Wir sind also nach oben in Cafe gegangen, haben alle Leute eingeladen und gesagt, ihr könnt umsonst kommen. Am Schluss waren es dann fünfundzwanzig oder dreissig Leute. Da spielst du aber genauso. Dafür habe ich eine zu lange Karriere als Musiker hinter mir. Dasselbe beim Theater. Ich habe zum Beispiel in Hamburg im Schauspielhaus gespielt, um meinen Vertrag auszulösen. In der Mitte von diesem Theaterstück von Dario Fo spielten da Konstantin Wecker und die ganzen Polit-Barden, und Ivan Nagel kam auf die Bühne und sagte: "Heute Abend haben wir für Sie einen ganz speziellen Gast, Herbert Grönemeyer spielt für Sie." Und alle Leute gingen raus. Komplett. Es blieben zwei Frauen sitzen, die waren beide behindert. Ich spielte da oben auf der Bühne und irgendwann sagten die ganz trocken: Tja, junger Mann da oben, spielen Sie mal schön weiter, wir zahlen Ihr Essen hier unten. Das war der einzige Kommentar, den ich da kriegte. Musste eine halbe Stunde durchhalten, dann war mein Vertrag zum Glück beendet. Also ich habe genug Gigs hinter mir, wo wirklich keiner da war. Und auch da sind wunderbare dabei. Selbst im Quartier Latin haben wir vier Zugaben gegeben. Nach dem Motto, ist mir jetzt auch egal, wie viele hier sitzen. Die werden jetzt niedergespielt.
    Dasselbe im Ruhrgebiet, wo ich herkomme. Ich habe da in Feuerwehrzelten gespielt und in Jugendheimen und auf Betriebsfesten vor liegendem, durchgetrunkenem Publikum, die kein Wort verstanden haben, auch gar nicht zuhören wollten. Aber wir hatten einen Vertrag, da musstest du weiterspielen. Also das Training habe ich hinter mir. Aber leere Häuser jetzt, wenn ich ad hoc auf Tour ginge? Da würde ich sicherlich etwas blöd gucken.

    In Deutschland bist du ein echter, totaler Mega-Star. Was bist du denn in London?

    In London bin ich ein Deutscher. Da habe ich keine Privilegien. Ich wundere mich dann eher, wenn ich in Deutschland am Flughafen stehe und merke, ich werde plötzlich beobachtet. Das kenne ich gar nicht mehr. Das ist erstmal für deinen eigenen Charakter, denke ich, unheimlich gut. Andrerseits komme ich natürlich gerne nach Deutschland, weil das für die Eitelkeit manchmal auch ganz angenehm ist, wenn man mal ein bisschen Streicheleinheiten kriegt. Aber in England bin ich ein Niemand und ich denke, das ist für mich gut, auch für meine Kinder. Aber ich bin ja nicht deshalb aus Deutschland weggegangen. Wir wollten einfach mal, dass die Kinder in einer anderen Kultur leben für eine Zeit. Dann ist das alles passiert mit meinem Bruder und mit Anna, und daraufhin haben wir entschieden, ich bleibe am besten noch ein bisschen hier.

    Wie sieht denn ein normaler Grönemeyer-Tag in London aus?

    Ein Tag, an dem ich nicht arbeite? Sieht so aus, dass ich morgens aufstehe mit den Kindern, wenn die zur Schule gehen. So um sieben, halb acht. Dann lege ich mich gerne wieder hin, weil ich ein extremer Nachtmensch bin. Ich gehe nicht vor zwei ins Bett, zwei, halb drei. Um zwölf komme ich überhaupt erst gut drauf so. Dann schlafe ich dann meistens so drei, vier Stunden, und dann schlafe ich noch mal zwei, drei am Vormittag. Und dann fängt der Tag an normal mit Zähneputzen, duschen - ich dusche wahnsinnig gern, bin Dauerduscher, schon immer gewesen. Dann hole ich mir meine Zeitung, gehe ins Café - habe sehr schöne Cafés in der Straße -, und dann telefoniere ich ein bisschen, sehe, ob jemand sich mit mir unterhalten will oder ob ich jemanden treffen kann. Ich telefoniere auch mit Deutschland viel, weil ich die Sprache vermisse. Wenn ich mir einen Überblick verschafft habe, überlege ich, was muss ich noch im Haus machen, was muss ich organisieren, gehe ich trainieren, treffe mich mit Freunden, überlege, was ich abends machen kann. Und dann wird eingekauft, Essen vorbereitet, wenn die Kinder aus der Schule kommen. Also Felix ist ja gar nicht mehr da, der kommt ab und zu noch, Marie dagegen ist gerade im Abitur. Und dann sitzt man so rum, wie andere Menschen auch im Alltag rumsitzen, wenn sie nichts zu tun haben. Denn jeder normale Mensch außer mir arbeitet natürlich auch etwas. Ich habe eben auch viel Zeit zwischen Platten. Ich höre immer: Oh, Sie sind ja so prominent, Sie haben ja bestimmt wahnsinnig viel zu tun; Sie reisen ja auch immer wahnsinnig viel rum, haben viele Interviews. Und dann muss ich denen immer erklären: Nee, habe ich ja im Grunde genommen gar nicht.

    Wie lange hältst du das aus?

    Ich kann mich wunderbar langweilen, das ist mein größter Vorteil. Ich kenne keine Langeweile, habe ich noch nie gekannt. Ich langweile mich gar nicht. Das versuche ich immer meinen Kindern zu erklären, dann sagen die immer: Du hast sie nicht alle. Ich kann unter Hochspeed arbeiten, aber ich kann auch hervorragend alleine irgendwo rumsitzen zur Langeweile von Partnern und von Familie.

    Denkst du! In Wirklichkeit arbeitet die Zeit für dich und sammelt, damit was da ist später, worüber du singen kannst?

    Das mag sein. Ich habe in der DDR zwei Filme gedreht, und da gab es die sogenannten Asozialen, das waren die Dichter. Da hab ich die gefragt: Wieso sind die denn asozial? - Die tragen nichts zum Arbeitsleben bei. Ich sage: Ja, die brauchen ja auch viel Zeit um nachzudenken. - Ja, aber in der Zeit tun die ja nichts. Und ich sagte: Nee, doch, dann denken die nach, weil sie in drei Jahren vielleicht ein Buch schreiben. Das war eine unheimliche Debatte. Ich habe fünf Jahre lang keine Platte gemacht, und in den fünf Jahren habe ich mich um meine Kinder gekümmert und eine neue Beziehung begonnen. Aber grundsätzlich habe ich nichts Effektives für das Arbeitsleben beigetragen. Und dann macht man auf einmal eine Platte, arbeitet mal kurz und hat das große Glück, dass man dafür auch noch ziemlich gut bezahlt wird.

    Welche Wahrheit über das Exilantenleben traut sich keiner auszusprechen?

    Was fehlt, ist die Bodenhaftung. Es ist wie bei einem Eisbär, der plötzlich in der Wüste sitzt, der findet das alles auch ganz spannend, aber letztendlich sehnt er sich nach dem Eis. Oder er überhöht das Eis. Nur, wenn er dann wieder ins Eis zurückkommt, denkt er: Na, so doll ist das ja auch nicht. Grundsätzlich läuft als Unterfilm immer dieses extreme Heimweh. Und das wird immer stärker, weil man es immer höher stilisiert und man immer sentimentaler wird. Deswegen lebe ich auch so ein Pendlerleben zwischen London und Berlin, um dieses Gefühl immer wieder zu relativieren und zu gucken. Die Chance habe ich. Aber die Sentimentalität und der Heimatverlust bleiben einfach, weil ich aus dem Ruhrgebiet bin und ein ziemlich westfälischer, bodenständiger Zeitgenosse. Die sitzen auch gerne mal doof auf ihrem Land rum und gucken den Hühnern zu.

    Du siehst die deutsche Wirklichkeit natürlich besser von London aus. Was siehst du denn da im Moment?

    Besser nicht. Anders. Meine Wahrnehmung ist, dass die Menschen selbst extrem motiviert sind, speziell die junge Generation. Habe ich auch geschrieben: Die Menschen sind im Grunde genommen gut drauf, selbstbewusster, die wissen, dass alles nicht so gut läuft, daß man die Wahrheit einfach ernst nehmen muss. Die Regierung hat sich dem nur nicht angepasst; die sondert sich ab von der Bevölkerung. Die ist eben nicht gut drauf. Und das ist die vergebene große Chance.

    Anstatt jetzt zuzupacken und sagen, so, hier sitzen zehn Fachleute am Tisch, völlig wurscht, woher die kommen, wir versuchen jetzt Reformen zu machen, wir wagen was, wir werden scheitern, aber der große Wurf wird zum Teil gelingen - sowie damals in der großen Koalition unter Kiesinger, Willy Brand und Karl Schiller - machen sie gar nichts in völliger Verhärmtheit. Man hat wirklich das Gefühl, dass diese Kleingeister schon jetzt wieder an die nächste Bundestagswahl denken, bei der sie aufgrund dessen, was sie zur Zeit vorlegen, überhaupt nicht mehr vorkommen sollten.

    Früher hatte man wenigstens noch einen Politiker, über den man sich ärgern konnte, sei es nun Kohl oder Schröder; die hatten beide großes Potenzial. Über diese Regierung kann man sich kaum noch aufregen, weil die so graue Gestalten sind, zu denen wir keine Beziehung mehr haben - das ist das allerschlimmste. Und gefährlich, weil sich unter großen Koalitionen gerne ein Frust einstellt. Denn wenn es in einer Demokratie keine Opposition mehr gibt, gerät das Gleichgewicht ins Wanken und Gesellschaften fangen an, sich extrem schnell und leicht nach rechts zu bewegen. Das ist die große Gefahr, und das unterschätzt man.

    Worin liegt der Unterschied zu England?

    In England, in so einer alten Demokratie, geht jeder davon aus, daß er für sein eigenes Schicksal selbst zuständig ist. Unsere Demokratie ist viel jünger, wir suchen einen Schuldigen und das ist immer die Politik.

    Anders als Bono lässt du dich nicht gerne mit Politikern fotografieren. Warum muss man als Künstler außerparlamentarische Opposition bleiben?

    Bono sitzt in Irland. Die gucken immer von draußen auf die Monarchie. Für die es so etwas, wie Sir zu werden...na, das kann ich nicht nachvollziehen. In meinen Augen wollen sich Politiker mit einem treffen, damit sie sich mit einem Promi profilieren können, und dann ist man auch schon gegessen. Das hat Helmut Kohl mit Bärbel Bohley unheimlich gut gemacht. Der ist einmal zu ihr zum Kaffeetrinken gegangen, und seitdem war sie nicht mehr existent.

    Das ist auch ein völlig anderes Terrain. Das wäre so, als wenn ich als Sänger sage, ich bin auch ein guter Kameramann. Nee, bin ich nicht! Nur, weil ich ein Popsänger bin, bin ich nicht deswegen auch gleichzeitig ein guter Politiker. Ich nerve die lieber. Rockmusik war immer angetreten, um sich mit dem Establishment auseinander zu setzen und auch wenn ich sicherlich eher eine biedere Variante davon bin, sind das für mich die Wurzeln des Rock'n'Roll.

    Ich möchte mit Politikern nichts gemein haben. Da muss es eine Instanz geben wie den Journalismus, der in England die Politiker auch viel schärfer angeht als in Deutschland. Das ist geradezu eine Wonne! Das wäre in Deutschland undenkbar, dass man in der Tagesschau anfängt, Frau Merkel auseinander zu pflücken. Tony Blair dagegen kriegt in den Hauptnachrichten regelmäßig vor den Latz. Für 80 Millionen Menschen in einer Demokratie wie Deutschland muss man sich ganz in Ruhe mal überlegen, ob es wirklich Journalisten gibt, die in der Lage sind, den Politikern das Fürchten zu lehren. Wüsste ich so schnell keinen.

    Herbert, du bist fünfzig, also zweite Halbzeit?

    Ich sehe das eher jüdisch, die sagen, wenn man fünfzig wird, wir gratulieren dir für die nächsten siebzig Jahre. Ich finde das eine nettere Art und Weise als dieses Halbzeit-Denken. Ich denke nicht in Halbzeiten. Ich denke aber in Verlängerungen, also insofern, bis hundertzwanzig habe ich Zeit, und insofern bin ich eben noch nicht an der Hälfte angekommen und mache mir da auch nicht so viele Gedanken darüber, ehrlich gesagt.

    Hast Du noch Illusionen, an denen du hängst?

    Die Illusionen sind die gleichen, seit ich sieben bin oder acht. Mein Vater hatte eine extreme Lebensfreude, obwohl er viel durchgemacht hat, seinen Arm verloren in Stalingrad, seinen Vater als kleiner Junge verloren bei einem Gaseinbruch in einer Grube, dann auch noch seinen Sohn verloren. Trotzdem war er ein Urgestein von Lebensfreude. Der hat das Leben angepackt und genossen in allen Varianten, hat gern gegessen, getrunken, geraucht, hat sich über Gäste gefreut, hatte immer Freunde. Der hat einfach das Leben geliebt.

    Wie siehst du deinen Vater vor Dir mit fünfzig?

    Vater mit fünzig war wie zweiunddreissig. Und mit zweiundachtzig noch wie einundsechzig. Er war immer voller Lebenslust und das hat mir auch in der schweren Zeit sehr geholfen, dieses Fatalistische. Der hat gesagt, das ist lustig hier, das ist ein Kinofilm, da kann man mitspielen, das ist gespickt mit Grausamkeiten und Brutalitäten, aber dennoch kann jede Sekunde etwas Gigantisches kommen. So war der drauf. Der hat sogar beim Essen geweint vor Glück vor allen Leuten, weil er es so schön fand. Dabei war er überhaupt kein Weicher, sondern ein ziemlich sturer Westfale, hart und ungerecht, wie er so schön von sich sagte.

    Was kannst du heute besser als vor zwanzig Jahren?

    Ich sehe die Dinge etwas gelassener. Ich bin ein sehr impulsiver Mensch. Kann mich extrem schnell aufregen und auch extrem schnell ungerecht behandelt fühlen. Früher bin ich direkt, wenn mich was aufregte, ans Telefon gegangen, habe rumgeschrien: " das geht gar nicht!" Jetzt lasse ich schon mal eine Nacht verstreichen und stelle am nächsten Morgen fest, entweder es lohnt sich, richtig zuzupacken, oder eben auch, gut, dass du es gestern nicht gemacht hast. Aber ich leide auch und bin im negativen, destruktiven Sinne sehr temperamentvoll. Damit gehe ich ein bisschen sanfter um hoffentlich.

    Was können deine Kinder, was du nicht kannst?

    Meine Kinder haben in ihrem Alter ein viel größeres Selbstverständnis, sind stolzer, haben durch die Erziehung an dieser internationalen Schule das Gefühl: Du schaffst das. Wenn mal einer schlecht ist, dann sagen die Lehrer nicht, du bist zu doof, sondern wir helfen dir. Marie wollte aus Jux Japanisch lernen. Wäre ich nie drauf gekommen. Hat sie dann auch gar nicht. Aber diese amerikanische Attitude ist: Ich kann das.

    Gleichzeitig die britische Debatte. Permanentes Ausdebattieren. So, du bist gegen den Irakkrieg. Ich bin dafür. Warum bist Du dagegen? Also dieses verbale Schachspielen, sich einen Spaß daraus zu machen, selbst wenn man der gleichen Meinung ist, die andere Seite zu besetzen. Das merke ich beispielsweise bei meinem Sohn ganz stark. Der lässt sich nicht abschütteln. Der fragt sofort nach, warum. Das hätte ich nie gemacht.

    Gibt es inhaltliche Auseinandersetzungen mit deinen Kindern, die dich auf neue Gedanken bringen?

    Natürlich, immer dann, wenn mir beide nicht zustimmen. Was ich natürlich nicht kenne. Ich heiße Herbert und habe Recht. (lacht). Wir streiten uns dann nicht, aber ich muss das wirklich argumentativ hinkriegen, dass ich sie überzeuge.

    Erwischst du dich denn manchmal dabei, wie dein Vater aus dir spricht?

    Ja, wenn ich ungerecht werde, was ich auch gut werden kann. Der Vater war eben auch extrem rechthaberisch. Der ließ auch uns nicht so einfach an sich vorbei. Also der hatte nun mal Recht. Der war auch ein alter Steinbock, extrem stur, und Westfale noch dazu. Und wenn ich müde bin ... Vor kurzem war ich wahnsinnig müde, kam aus dem Studio und war genervt, und meine Tochter sagte: Da ist jemand. Meine Tochter schläft schlecht, weil sie immer denkt, es kommen Einbrecher. Und ich sagte, leg dich ins Bett. - Aber da hat es gerade so gerumpelt. - Ich: Es reicht mir jetzt, geh ins Bett! - Dabei hatten wir einen Einbrecher im Haus. (lacht) Ich hätte nur aus dem Fenster gucken brauchen, dann hätte ich es gesehen. Der Typ ist dann ganz gemütlich, wir haben das alles auf Video, in die Wohnung gekommen, - die Alarmanlage sprang nicht an - und hat alles ausgeräumt. Der sah sogar gut aus, war gut gekleidet, war in Ordnung. Aber das ist eben typisch. So kann ich in einer rechthaberischen Art einfach über das Ziel hinausschießen. Und das machte mein Vater auch.

    Gibt es inhaltlich Punkte, in denen du unerbittlich bist mit den Kindern?

    Wenn es um Schnöseligkeit geht, auf jeden Fall. Diese Art, leicht die Nase anzuheben. Das ist die Kehrseite in England, liegt natürlich auch daran, wie sie groß werden, das ist nicht zu ändern, das ist nun mal so. Sobald sie anfangen, über jemanden respektlos zu reden. Mein Vater war da auch empfindlich, selbst als es ihm schon schlecht ging und er dement war. Als ich "Mensch" machte und im Krankenhaus erzählte, wie toll das läuft, das werde ich nie vergessen, sagte er: Werd' bloß nicht überheblich! - Da war ich 48. Schnöselig oder blasiert, das geht nicht.

    Blasiert ist ja ein richtiges Schimpfwort bei dir.

    Das geht gar nicht. Da komme ich auch zu sehr aus dem Ruhrgebiet. Auch dieses "ich hasse das" mag ich gar nicht. Man hasst nichts. Einfach sagen, ich mag das nicht, heißt inzwischen, ich hasse das. Ich meine, hassen ist der Inbegriff, das ist das Ende von nicht mehr mögen. Also einfach so lapidar zu sagen, "ich hasse", das geht nicht.

    Was hört ihr für Musik? Im Auto, wenn du mit den Kindern unterwegs bist, oder zuhause?

    Bei uns läuft immer Musik. Als erstes machen wir morgens das Radio an und als letztes abends aus. Im Auto BBC 1, also Radio 1 oder meine Tochter legte ihre Compilations ein. Zuhause, wenn sie da ist, Labtop auf und I-Tunes, ununterbrochen. Das Radio in England ist so unglaublich gut. Was hören wir? Snow Patrol und The Hives, Kasabian und deutschen Hip Hop. Alles quer Beet im Grunde genommen. Das kannst du nicht vergleichen mit Deutschland, da liegen Welten dazwischen, das ist wie der Unterschied zwischen der Ostsee und einem müden Teich, so einem Baggersee.

    Worauf bist du denn stolz bei deinen Kindern?

    Darauf, wie eigenständig -nicht eigenständig im Sinne von selbstständig, sondern wie eigen - sie sind. Ein eigener Kopf, eigene Sehensweise, darüber freue ich mich. Stolz ist das falsche Wort. Ich bin einfach beeindruckt.

    Wie hast du das gemacht als Vater: die Mutter ersetzt? Geht das überhaupt?

    Nee, das geht nicht. Das wird jeder Alleinerziehende wissen. Speziell als Mann mit einer Tochter. Ich hatte es nicht schwer mit ihr, das meine ich nicht, aber für sie war es schwer. Ich verstehe die Psychologie nicht. Als Vater den Sohn zu verstehen, das geht noch. Aber die Tochter macht aus dir eine Achterbahn. Als Alleinerziehender musst du beide Seiten erfüllen. Du kannst auf der einen Seite wahnsinnig streng sein, auf den Tisch hauen, aber dann fehlt zwei Stunden später vielleicht der andere Teil, der Partner, der dann zum Kind gehen kann und sagt, war echt Mist, was du gemacht hast, aber komm. So musst du halt selber überlegen, wann ist der Moment gekommen, dass du das andere machst. Also bist du immer so hin und her gerissen. Aber für ein Mädchen, der die Mutter fehlt, ist es am schwierigsten. Es fehlt ihr nicht nur das Beispiel, sondern auch das psychologische Gegenüber, jemand,

    ...den man erstmal ablehnt(?)...

    ...wo du dir eine blutige Nase holst, weil der dir immer genau sagt, das machst du nur deswegen und das machst du nur deswegen. Als Mann bist du dann streng, hast aber nur die Hälfte verstanden und wirst natürlich auch umcharmt. Für die Kinder wäre es einfacher gewesen, sie wären radikaler durch die Pubertät gegangen und hätten sich mit beiden Eltern angelegt, als ein Trio zu bilden, was durch das Schicksal zusammengeschweißt ist und aufeinander Rücksicht nimmt natürlich.

    Wie sehr haben sich denn die Kinder um dich gekümmert?

    Das meine ich damit. Man nimmt aufeinander Rücksicht, und natürlich haben sie umgekehrt einen Vater erlebt, der eben auch durch Melancholie und Stimmungsschwankungen gelaufen ist. Und dann wollen die einen wieder aufheitern. Kinder versuchen immer instinktiv bei den Eltern das zu ersetzen, was fehlt. Sie wissen gar nicht, was das ist, aber sie wollen einem immer Freude machen; sie wollen immer, dass man fröhlich ist. Da pumpen die ja immer rein. Das ist schade, weil sie das nicht sollten. Die sollten sich ja selber entwickeln und nicht noch als Therapeuten für ihre Eltern zuständig sein. Wir haben versucht, klar zu kommen, und dadurch haben sie sicherlich eine gewisse Form von Anarchie, die sonst in der Pubertät stattfindet, nicht ganz so leben können. Das kommt dann vielleicht später im Leben, oder wie auch immer.

    Das hat sich ja niemand ausgesucht. Das ist passiert. Und Ihr habt das beste draus gemacht.

    So meine ich, ja. Aber sonst sind sie guter Dinge und sind zwei köstliche Zeitgenossen.

    Könnte es nicht sein, dass sie doch nach dir schlagen? Bei Dir habe ich das Gefühl, das wird noch total wild.

    Keine Ahnung! Ich denke, dass ich immer schon extrem wild war, das hat aber keiner gemerkt.

    Diese unheimliche Fröhlichkeit, wegen der man dich zum Therapeuten geschickt hat?

    Stimmt nicht. Das ist falsch kolportiert. Alle dachten immer, der ist so fröhlich, der hat nicht alle Lappen; gleichzeitig hatte ich auch diese Fieberkrämpfe und wurde ohnmächtig. Aber zum Therapeuten hat mich keiner geschickt. Da war ich später im Leben, aber nicht, weil ich so fröhlich war.

    Das hat ja schon fast etwas Dämonisches, diese Energie, diese gute Laune und auch dieses Gottvertrauen oder, wie du sagst, Urvertrauen. An welchen Punkten kippt das denn?

    Urvertrauen darf man ja nicht verwechseln mit Selbstbewusstsein. Das ist gefährlich. Das meine ich nicht. Sondern es gibt einfach die Haltung, Dinge zumindest positiv anzugehen oder positiv zu sehen. Aber in Situationen, wo das Schicksal über einen hereinbricht, hat das mit Gottvertrauen nicht mehr viel zu tun, da stellt sich genau das Gegenteil ein. Da wird man wütend und aggressiv und sauer und findet alles überhaupt nicht spaßig. Also damit klappt auch nicht alles - nicht, dass wir uns missverstehen. Es ist auch nicht grundsätzlich der Optimist der erfolgreichere oder glücklichere Mensch. Es kann auch der Melancholiker, oder der Pessimist, der die Dinge viel realistischer und präziser sieht, letztendlich viel entspannter durchs Leben gehen. Das ist keine Qualität, dass man eine Frohnatur ist. Sondern das ist man. Das ist dummerweise genau wie bei einer Lachmöwe. Die lacht halt. Und es gibt auch andere Möwen, die lachen nicht, sind aber auch gut drauf. (lacht)

    Du lebst auf einem ziemlich hohen, energetischen Level. Wann und wie sinkt das?

    Es ist eher die Schwierigkeit, aus diesem Level rauszukommen. Das nervt zum Teil. Wenn ich wie jetzt eine Platte mache, dann geht das nochmal nach oben, und da habe ich richtig Schwierigkeiten, runter zu kommen. Da liege ich nur wach und mein Herz fängt dann zu rappeln an und will sich überhaupt nicht beruhigen, und dann brauche ich nur drei falsche Gedanken zu haben, dann geht das wieder hoch wie eine Handgranate. Also das ist dann gut, wenn ich auf der Bühne stehen darf und drei Stunden singen darf, oder ich mache fünfzig Situps, dafür ist die Energie gut. Aber grundsätzlich hat die natürlich was, was ich auch ganz am Anfang schon sagte, was Destruktives. Das ist zum Beispiel für Partner nicht besonders gut auszuhalten. Ich sage immer, es gibt balanciertere Menschen. Also im Grunde muss ja der Sinn des Lebens sein, dass man sich relativ entspannt ausbalanciert, also beides hat; auch diese Entspannungsmöglichkeiten. Denn dieses immer auf Energielevel laufen, klingt so, als wäre man irgend so ein Atomkraftwerk. Und selbst die....

    ...brauchen Kühlwasser. Ist das nicht am interessantesten, wenn man das ganze Spektrum zwischen Ruhe und Anspannung ablaufen kann?

    Absolut. Nur habe ich damit manchmal ein Problem. Deswegen umgebe ich mich dann eher mit Menschen, meinen Freunden, die in der Lage sind, mich erst mal durch ihre Nähe runter zu bringen oder auch einfach, weil sie eben auf einem anderen Energielevel laufen.

    Wie sieht denn so ein typischer Abend aus mit deinen Londoner Kumpels?

    In England gehst du viel miteinander essen. Man besucht sich leider nicht zuhause, weil der Engländer sagt ganz trocken: Ich möchte nicht, dass du siehst, wie ich wohne, sonst beurteilst du danach, wie ich bin. Für mich ist Gastfreundschaft das Gegenteil, heisst, dass man willkommen ist, und das halte ich auch für ein ganz zentrales Element. Meine Mutter kommt aus Estland, und die hat, sobald Freunde da waren, sofort aufgefahren und gekocht und Kuchen gebacken und noch Pizza gemacht, also selber gemacht. Sie konnte auch wahnsinnig gut kochen. Ich finde, ganz wichtig ist die Einstellung, du kannst jederzeit kommen und die Tür steht offen und ich habe zwar nichts im Haus, aber das kriegst du dann auch. Das gibt es in England weniger. Wir gehen essen oder ins Kino miteinander. Wenn du noch was trinken willst, mußt du entweder in Clubs gehen, Mitglied sein - bin ich auch- , da siehst du dann immer die gleichen Leute. Oder in Pubs, die haben, wenn du Glück hast, vielleicht bis zwölf auf. Da bricht man in Berlin gerade mal von zuhause auf.

    Was wird besprochen?

    Das Leben an sich. Aber eher albern. Nicht der Reihe nach: Was machst du gerade? Wie geht's dir? Was macht deine Beziehung? Schon, aber nur kurz. Das, muss ich sagen, macht Spaß. Aber natürlich ertappe ich mich selber dabei, wenn ich anfange, zu lange zu erzählen. Dann sagen die anderen: Oh Gott, Herbert. Ja, ist ja jetzt gut! Also das gewöhnt man sich ab, und deswegen schnatter ich dann, wenn ich in Deutschland bin, so viel, weil hier kann ich dann wieder so meiner Natur den freien Lauf lassen und rede mich in Grund und Boden.

    Wann verschlägt es dir denn die Sprache? Vielleicht morgens?

    Nee, morgens gar nicht. Morgens bin ich penetrant gut drauf. Kann ich schwer beantworten. Ich gebe gerne zu allem meinen Senf. Ich denke, bei Ungerechtigkeiten oder Brutalität, da wird es schwierig.

    Könntest du zurückschlagen, wenn du angegriffen würdest?

    Weiß ich nicht, habe ich noch nie ausprobiert. Verbal ja, körperlich habe ich noch nicht. Einmal habe ich mich geschlagen in meinem Leben.

    Wann war das?

    Da war ich fünfzehn. Ich könnte mir vorstellen, wenn es hart auf hart käme, wahrscheinlich. Aber ich habe mit Brutalität und körperlicher Brutalität große Probleme, auch in Filmen. Das kann ich schwer sehen.

    Was siehst du lieber: Problemfilme oder Filme mit Happy End?

    Happy End muss nicht sein.

    "Madagaskar" oder "Miami Vice"?

    Beide nicht. "Summer of love" zum Beispiel, ein guter Film.

    Hast du genug Sünden begangen in deinem Leben?

    Ich habe viele begangen und einige sind noch auf der Liste. Ich als calvinistischer Protestant muss ja dafür geradestehen später dann. Wenn der liebe Gott mir die Liste vorlegt, da werde ich irgendwie nicht in der letzten Reihe sitzen im Kino. Aber ich habe schon genügend begangen, ja.

    Nervt dich das manchmal, wenn die Leute von dir erwarten, dass Kunst immer wahr, Musik immer ehrlich ist?

    Kunst ist eine Hochstilisierung, ist unehrlich, ist eitel und ist eine Behauptung. Also Kunst ist ein Trick und nicht ehrlich. Man sollte Künstler auch am liebsten gar nicht kennen lernen. Ich glaube, die Illusion zerbricht sofort. Ich glaube, dass die meisten Künstler - mich eingeschlossen - im privaten Umgang wesentlich ekliger und unangenehmer und egoistischer sind, als ihre Kunst. Da stellen die sich wie die duften Typen dar. Ist ja eine wunderbare Chance. Aber das hat mir der Realität gar nichts zu tun. Nein.

    Ist dir das als Kunst-Konsument auch bewusst?

    Ja, darin liegt doch der Spass, auf dieser leicht zynischen Ebene. Der Künstler spielt mit den Gefühlen. Das ist viel verspielter und auch bösartiger zum Teil. Und biestiger. Ein zusammengeklopptes Etwas. Deswegen rührt es ja Menschen, weil sie dadurch die Chance haben, sich selber einzubringen, sich selber die Hauptrolle zu geben in der Kunst. Früher aus den Western sind wir mit O-Beinen gegangen: Das waren wir selber. Genauso ist es bei Liedern auch. Die Leute sind dann das Lied und sie spielen die Hauptrolle, das bin ich, das tut mir gut, das passt für mich. Wenn das alles authentisch wäre, dann könnten sie das nicht für sich interpretieren.

    Deswegen bist du aber noch nicht abgehärtet?

    Nein, im Gegenteil. Deswegen bleibt es ja verspielt. Ich glaube eher, wenn ich einen Dokumentarfilm nach dem anderen drehen müsste und nur die Härten und die Dramen des Lebens dokumentieren müßte, dann wäre ich jetzt schon wesentlich härter im Kopf. Ich kann immer noch spielen, das ist alles noch ein Spiel.

    Bist du schon erwachsen?

    Das gibt es nicht. Der Mensch wird nicht erwachsen. Ich denke, der Mensch bewegt sich zwischen zwölf und zweiundneunzig um sieben bis acht Zentimeter. Man wird älter, die Haut wird älter, die Haare fallen aus, dann sagt man, man wird weiser - glaube ich nicht dran. Man hat mehr gesehen, das heißt, das muss man irgendwo weglassen, speichern. Was ist erwachsen? Man bleibt genauso dämlich und geht auch genauso dämlich in die Klappe, wie man gekommen ist. Und zwischendurch war es hoffentlich ein guter Film.

    Wovor hast du ehrlich Angst?

    Dass meinen Kindern was zustößt. Dass die unglücklich sind oder dass ihnen das Leben in einer Form begegnet, die ich mir nicht für sie wünsche. Das ist die größte Angst, die ich habe.

    Wenn es so still wird in deinem Kopf, ist das immer schön?

    Ja, da kann ruhig Ruhe einkehren, das ist okay.

    Wie oft wirst du depressiv?

    Depressiv, da muss man aufpassen, das ist ein ernster Krankheitszustand. Aber ich neige schon zur Melancholie, so ist es nicht.

    Woran erkennst du, wenn es so weit ist?

    Wenn mir Dinge schwer werden, die Zeit schwer wird, sich ein Grau einstellt. Was man auch zulassen muss, was auch okay ist. Ich denke, dass eine Form von Stille, selbst einer etwas melancholischen Stille, sogar heilsam ist.

    Es hat also keinen Sinn, sich zu wehren?

    Sollte man nicht machen, nein.

    Wollen dir noch Mädchen an die Wäsche?

    Weiß ich nicht. Sie reissen sich nun nicht sofort die Kleider vom Leib, wenn sie mich sehen. Aber ich glaube auch nicht, dass ich so unattraktiv bin, dass man, wenn man mein Gesicht sieht, sagt, zieh dir lieber eine Mütze über.

    Worauf freust du dich jetzt gerade in diesem Moment?

    In diesem Moment freue ich mich darauf, dass ich vielleicht heute noch mal irgendwann an den Strand darf und einfach die Ostsee einatmen. Das wäre schön, wenn ich das heute noch mal hinkriege.

    Wer holt dich runter, wenn du dich zu dufte findest?

    Meine Freundin kann das mit ihrer nüchternen Schweizer Art ganz gut.

    Hält Sonja dich gut aus?

    Ja. Solange wir einer Meinung sind, hält sie mich gut aus. Meine Kinder und meine Umgebung machen das auch. Ich habe nicht nur Klatscher in meiner Umgebung, die von morgens bis abends mein Ego polieren. Dafür kennen wir uns auch zu lange.

    Glaubst du, Anna würde die Platte gefallen? Sie war ja immer deine Jury.

    Sie würde ihr sogar relativ gut gefallen, weil sie immer derjenige war, die sagte: "mach alles leichter" . Ein bisschen weniger Streicher, würde sie sagen. Aber grundsätzlich würde ihr die Gelassenheit der Platte gefallen.

    Ist es schön, wieder verliebt zu sein?

    Ja.


    04.07.07 PLAYLIST:
    BARBRA STREISAND - "guilty (The 25th Anniversary Edition)" (CD & DVD), IMAGINATION - "more than illusions / the best of" (CD & DVD), BANANARAMA - "true confessions", SHEILA - "sheila" (2 CD), THE FLIRTS - "greatest hits" ---> ÄNNIE-Pause ---> MIKE LINDUP - "changes", BONEY M. - "the best of 10 years", SINITTA - "sinitta", FRANCE JOLI - "greatest hits", EVELYN THOMAS - "standing at the crossroads", MASQUERADE - "the best of", MARKUS - "es könnt´ romantisch sein" (CD-R), VISAGE - "the anvil"

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