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Klartext!!!

Erstellt von bamalama, 25.07.2005, 15:40 Uhr · 78 Antworten · 38.474 Aufrufe

  1. #41
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    Wetten, dass Ihnen der größte Hit von Paul Mazzolini sehr gut bekannt ist? Doch, doch... Sie kennen ihn. Paul Mazzolini tritt unter dem Künstlernamen GAZEBO auf, und wohl jeder von Ihnen dürfte seine Single "I Like Chopin" kennen. Mit diesem Pianostück platzierte er einen der ersten Megahits aus dem Bereich Italo Disco auf die vordersten Plätze der internationalen Charts.
    Gazebo ist ein im Libanon geborener Musiker, der im Alter von 10 Jahren sein erstes Instrument, die Gitarre, nur deshalb erlernt hat, weil er ein deutsches Mädchen aus seiner Klasse beeindrucken wollte. Als kosmopolitischer Teenager, der durch die Diplomaten-Tätigkeit seines Vaters weit in der Welt herumgekommen ist, spielte er in unterschiedlichen Bands. Er ließ sich 1975 in Italien nieder, schloss sein Studium ab, um dann nach England zu gehen. Hier spielte er in verschiedenen Formationen, und in ihm reifte das Vorhaben, professioneller Musiker zu werden. Im Jahre 1981 ging Gazebo zurück nach Rom, wo er den DJ Paolo Micioni traf, der fortan als Produzent für ihn tätig war. Seine erste Single "Masterpiece" wurde bereits ein kleiner Achtungserfolg, der in den europäischen und asiatischen Dance-Charts Einzug hielt. Bei Baby Records unterzeichnete er 1983 einen Plattenvertrag, und seine erste LP "Gazebo" erschien. Noch heute werden seine beiden Singles aus diesem Album, "I Like Chopin" und "Lunatic", auf jeder 80er Party gespielt und auf nahezu jeder neuen Zusammenstellung mit Musik der 80er veröffentlicht. Der Erfolg von Gazebo läßt sich am besten anhand der Single "I Like Chopin" aufzeigen: Der Titel wurde Nr. 1 in Deutschland, Frankreich, Italien, Schweiz, Österreich, Dänemark, Finnland, Spanien, Belgien, Canada, Japan, Portugal, Hong-Kong, Korea, Singapur, Türkei, und platzierte sich in den Top 10 vieler anderer Länder, u.a. England. Das Lied wurde 1983 vom britischen Musikmagazin "Music Week" zum besten europäischen Titel des Jahres gewählt.
    Ein Jahr später erschien Gazebos zweites Album mit dem Titel "Telephone Mama". Es war musikalisch komplett anders gestrickt als sein Vorgänger, verkaufte sich in den Ländern, in denen es veröffentlicht wurde, trotzdem sehr gut. Im gleichen Jahr erhielt Gazebo die Auszeichnung "La Vela d'Oro" für den im Ausland am besten verkaufenden italienischen Künstler.
    Der Karriereknick ging einher mit seiner Einberufung zum Militär. Alle danach veröffentlichten Alben und Singles konnten international nicht mehr an die bisherigen Erfolge anknüpfen. Gazebo gründete sein eigenes Label und produzierte nach wie vor Platten, die in Deutschland aber relativ unbeachtet blieben.
    Im letzten Jahr meldete sich Gazebo mit der Single "Tears For Galileo" international eindrucksvoll zurück. Die Single landete in den Top 10 der europäischen Dance-Charts. Am 18.07.2007 trafen wir uns mit Gazebo zu einem Interview über seine Karriere und seine Pläne für die Zukunft...

    Es ist jetzt 24 Jahre her, dass Gazebo mit "I Like Chopin" einen weltweiten Hit hatte. Fast ein Vierteljahrhundert. Jetzt ist er zurück! Ganz zurück, mit neuem Album und Songs? Lesen Sie unser Interview mit ihm vom 18. Juli 2007, und finden Sie heraus was er heute macht und was demnächst kommen wird...

    Hallo Paul. Wilkommen bei Music-Pleasuredome! Geht's Dir gut?
    Hallo! Ja, mir geht's gut. Ich arbeite zwar hart im Moment, aber alles ist in Ordnung. Danke der Nachfrage.

    Wir haben einen überwiegend kühlen und verregneten Sommer in Deutschland. Wie ist bei Euch in Italien das Wetter?
    Es war ein sehr heißer Juni, und jetzt haben wir einen "Standard"-Juli (lächelt).

    Du bist in Deiner Karriere für Auftritte schon oft in Deutschland gewesen. Welche Erinnerungen hast Du daran?
    Ich habe ganz wundervolle Erinnerungen an Deutschland, weil es eines der Länder war, in denen ich am meisten Erfolg hatte... Ich habe eine ganz besondere Beziehung zu meinen deutschen Freunden und Fans!

    Mit der Single "Tears For Galileo #1" hattest Du sowas wie ein kleines "Comeback". Bitte erzähl uns etwas über dieses Lied, und wie es entstanden ist.
    "Tears for Galileo" ist ein Versuch, also ein Experiment, um zu sehen was passiert, wenn Du versuchst, nach über einem Jahrzehnt wieder zurück zu kommen, ohne eine große Plattenfirma im Rücken zu haben (lacht). Natürlich ist es auch ein Vorgeschmack auf mein neues Album, das ich hoffentlich in diesem Jahr noch veröffentlichen kann. Der Titel hat das heutige Verhältnis des Menschen zur Technik zum Thema... Es ist eine Geschichte über die Freundschaft zwischen dem Satelliten "Galileo" und dem Team der NASA, das hinter diesem Projekt steht...

    Wie überrascht bist Du von dem Erfolg dieses Songs, der zur Nr. 1 in den Euro-Dance-Charts wurde?
    Ich bin total überrascht, vor allem auch deshalb, weil das Lied eigentlich überhaupt keine Promotion hatte. Keine Werbung, kein Video... gar nichts!

    Und wie weit bist Du mit Deiner Arbeit am neuen Album?
    Hmm... schon sehr weit. Ich versuche, das Album im Herbst komplett fertig zu haben.

    "Tears For Galileo #1" klingt komplett anders, im Vergleich zu Deinen 80er Songs, in denen Du eher im Italo Disco-Sound daher gekommen bist. Ist der neue Sound eine natürliche Weiterentwicklung von Italo Disco, oder hast Du Deinen Stil komplett verändert?
    Ich habe mich ehrlich gesagt nie als ein Italo Disco-Künstler gesehen, denn dieser Musikstil kam erst, als ich schon wieder weg war (lacht). "Tears For Galileo" ist eigentlich das, was ich immer gemacht habe. Es ist einfach nur ein Lied.

    Laß uns mal in die ganz frühen Jahre zurück gehen: Du bist in Beirut, der Hauptstadt des Libanon, geboren. Hast Du noch eine Verbindung zu Deinem Geburtsort?
    Nein, meine Eltern und ich haben das Land verlassen, als ich drei Jahre alt war. Aber eines Tages möchte ich schon ganz gerne mal dort hin.

    Deine ersten Schritte in der Musik hast Du in den USA gemacht. Kannst Du uns etwas darüber, und über Deine erste Band "Skunk Tussle" erzählen?
    Das war eine großartige Zeit, in der wir auf vielen Schulveranstaltungen gespielt haben. "Skunk Tussle"? Das war zu der Zeit, als ich anfing Musik zu schreiben... Der Bassist aus der Band erinnert sich noch heute an jeden einzelnen Titel. Ich kann's kaum glauben...

    Anfang der 80er hast Du in Rom Dein Studium erfolgreich abgeschlossen. Was waren die Gründe für Deinen Umzug nach Italien, und welche Ziele hast Du nach dem Studium verfolgt?
    Ich hatte damals das komische Vorhaben im Kopf, dem Weg meines Vaters als Diplomat zu folgen... Offensichtlich war es aber nicht das, wofür ich auf die Welt gekommen bin (lächelt).

    Nach dem Studium hat es Dich nach England gezogen, wo Du in verschiedenen Bands gespielt hast. Kannst Du uns etwas über Deine Zeit in England erzählen?
    Ich habe dort als Kellner in Pubs und Restaurants gearbeitet und nebenbei mit verschiedenen Leuten Musik gemacht... so richtig experimentell. Es war eine aufregende Zeit damals, mit den ersten Drum-Computern und polyphonen Synthesizern.

    Wann hast Du Dich dazu entschieden, professioneller Musiker zu werden?
    Als ich damit so viel Geld verdienen konnte, um meine Rechnungen zu bezahlen (lächelt).

    Du bist 1981 wieder zurück nach Rom gezogen, und hast dort Paolo Micioni getroffen, mit dem Du auch Deine erste Single produziert hast. Wie hast Du ihn kennen gelernt?
    Über Pierluigi Giombini, mit dem ich dann später auch immer wieder Lieder zusammen geschrieben habe.

    Was macht Paolo heute?
    Ich glaube, er produziert heute immer noch...

    Wie entstand Dein erstes Album?
    Als mich Baby Records unter Vertrag genommen hatte, wollten sie von mir ein komplettes Album haben. Wir fingen an, Ideen zu sammeln und neue Songs zu schreiben... eines dieser neuen Songs war das berühmte "I Like Chopin" (lacht).

    Mit dem Du 1983 auch Deinen großen internationalen Durchbruch hattest. Heute ist es ein Klassiker. Hast Du damals das Gefühl gehabt, dass der Titel mal ein so großer Hit werden könnte, wie er letztlich wurde?
    Nein, absolut nicht! Ich war eher beunruhigt, weil der Titel komplett anders war, als meine erste Single "Masterpiece". Ich muss aber dazu sagen, dass er nur durch Freddy Naggiars Entscheidung, ihn als Single zu veröffentlichen, zum Hit geworden ist (Freddy Naggiar ist war der Eigentümer von Baby Records, Anm. d. Red.).

    Auch "Lunatic" wurde ein Hit. In wie weit haben die Erfolge damals Dein Leben verändert?
    Nun, ich konnte dadurch endgültig mein Hobby zum Beruf machen! Das war schon sehr verblüffend für mich...

    Im gleichen Jahr hast Du einen anderen Hit geschrieben, der aber nicht von Dir, sondern von Ryan Paris gesungen wurde: "Dolce Vita". Warum hast du diesen fantastischen Song an einen anderen Künstler abgegeben, statt ihn selbst zu singen?
    Freddy Naggiar dachte damals nicht, dass er großes Potential hätte. Du siehst: Auch Genies können sich mal irren (grinst).

    Würdest Du meiner Behauptung zustimmen, wenn ich sage: "Das Jahr 1983 war das erfolgreichste Jahr für Gazebo überhaupt"?
    Definitiv, ja! Aber auch 1984 war ein großartiges Jahr, denn da hatte ich die Chance, meinen Erfolg auch außerhalb von Europa zu erleben.

    Ein Jahr später hast Du Dein zweites Album "Telephone Mama" veröffentlicht. Heute ist die CD dieses Albums ein sehr gesuchtes Sammlerstück. Gibt es in naher Zukunft eine Chance für einen Re-Release?
    Das mußt Du mal die Sony/BMG fragen. Die kontrollieren heute die Rechte an dem Material!

    "Telephone Mama" war Dein letzter kommerzieller Erfolg bis heute. Was glaubst Du waren die Gründe dafür, dass alle Veröffentlichungen nach dieser LP keine vergleichbaren Kassenschlager wurden?
    Nun, um ehrlich zu sein... der Produzent hat wirklich eine schlechte Arbeit abgeliefert. Erschwerend hinzu kam, dass ich lange Zeit meinen Wehrdienst ableisten mußte, und mir danach die Unterstützung von der Plattenfirma fehlte... Ich entschloss mich, Giombini als Produzenten nach dem dritten Album, das nach "Telephone Mama" ein Totalausfall war, zu entlassen. Diese LP hat die Erwartungen in keinster Weise erfüllt. Das war zu spät, denn eigentlich hätte ich mein Team schon nach dem ersten Album komplett ändern, und einen Top-Produzenten aus der damaligen Zeit verpflichten sollen. Außerdem trennte ich mich kurz danach auch von Baby Records. Ich dachte damals wirklich, ich sei schon reif für diesen Schritt, und ich schätze, ich habe völlig daneben gelegen... Aber es war gleichzeitig auch ein neuer Abschnitt meiner Karriere, und dieser Schritt hat mich letztlich dahin gebracht, wo ich heute bin. In gewisser Weise war das wie eine Wiedergeburt.

    In den 90ern wurde es speziell in Deutschland sehr ruhig um Dich. Was hast Du nach der Veröffentlichung Deiner '91er LP gemacht?
    Nach der Veröffentlichung des Albums "Scenes From The News Broadcast" im Jahre 1991 entschloss ich mich, meinen Focus auf die Verbesserung meiner Produktions- und Arrangement-Fertigkeiten zu richten. Ich studierte, arbeitete z.B. als "Engineer" für andere Leute und baute mein eigenes Tonstudio auf. Mit dem neuen Millennium war dann glücklicherweise das Interesse an meinen Auftritten wieder so groß, dass ich anfing zu überlegen, ob ich nicht noch einmal einen Versuch als Solokünstler versuchen sollte.

    Wenn über die 80er und "Italo Disco" gesprochen wird, fällt automatisch Dein Name, auch wenn Du Dich - wie Du selbst gesagt hast - nicht als einen Italo Disco-Künstler siehst. Wie definierst Du den Begriff "Italo Disco" und was war/ist das für Dich persönlich?
    Grundsätzlich ist es ein von gierigen milanesischen "Großhändlern" erfundener Musikstil, der sich zu einem leichten Weg entwickelte, um an das schnelle Geld zu kommen. Ein Musikstil, bei dem mit Hilfe eines DJs, eines Drum-Computers und wenig Geld wirklich alles kopiert wurde, was erfolgreich war.

    Ist es ein Fluch oder ein Segen, immer wieder mit dieser Musik und den 80ern in Verbindung gebracht zu werden?
    Ich habe kein Problem damit, mit den 80ern in Verbindung gebracht zu werden. Wie Du Dir sicher denken kannst, habe ich aber sehr wohl eins mit der anderen Sache... (lacht).

    Was bedeutet Dein Künstlername? Warum nennst Du Dich selbst "Gazebo"?
    Gazebo ist der Name für diese kleinen, runden Pavillons in Gärten, in denen die Leute gerne sitzen, plaudern und vielleicht auch am Sonntagmorgen frühstücken... Das Wort ist mir in dem Text zum Song "Masterpiece" aufgefallen. Es hörte sich gut an und war definitiv geheimnisvoller als Paul Mazzolini!

    Welche Musik magst Du? Was war die letzte CD, die Du Dir gekauft hast?
    Ich mag Musik, die mit einer gehörigen Portion gutem Geschmack und gefühlvoll geschrieben worden ist. Ob es Rock, Dance oder Klassik ist, ist dabei egal.
    Ich habe mir zuletzt "Songs From The Labyrinth" von Sting gekauft.

    Herzlichen Dank für dieses Interview. Möchtest Du noch ein paar Worte an unsere Leser richten?
    Ich danke auch. Ich möchte noch anfügen, dass ich mich immer sehr auf meine Besuche in Deutschland freue. Ich habe dort eine Menge Freunde, und ich fühle mich dort immer wie Zuhause. Ein Dankeschön an meine deutschen Freunde! Ciao!



    21.07.07 PLAYLIST:
    HAZELL DEAN - "heart first", JERMAINE JACKSON - "dynamite", FANCY - "get your kicks", RIGHEIRA - "righeira", ROSE LAURENS - "diamond collection", ROBIN GIBB - "walls have eyes", SILCON DREAM - "time machine", HELEN TERRY - "blue notes", PRINCESS - "princess", AZUL Y NEGRO - "suspense", MY MINE - "stone", KING - "bitter sweet" ---> BANG!, OBERHAUSEN avec "les girls"...

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  3. #42
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    Interview mit der Musik-Ikone PETER SCHILLING zur neuen CD "Emotionen sind männlich"!

    Das Album erscheint am 14.09.07 auf dem Label "Major Ton Records" im Vertrieb von "edel"!

    Während Ihre Welterfolge wie "Major Tom … völlig losgelöst", "The Different story" , "Terra Titanic" oder "Die Wüste lebt" sich thematisch um Natur, Technik und Zukunftsvisionen bewegten, steht seit Beginn Ihrer Karrie-re als Buch-Autor zweier "Männer-Bücher" und dem inzwischen achten Studio-Album der Mensch im Mittelpunkt. Was hat Sie dazu bewegt?

    Wenn du als junger Mann beginnst, Texte zu schreiben, so wie ich das auch schon zu Zeiten der Achtziger selbst getan habe, kann man ja nicht erwarten, dass man die gesamte Bandbreite des Menschen, und wie er funktioniert, kennt. Es fehlt einem einfach die Lebenserfahrung. Deshalb standen bei mir Themen, die mich damals wie heute faszinierten, die ich verstand, nämlich Natur und Technik, im Zentrum.

    Mittlerweile jedoch bin ich 51 Jahre alt und habe ein ungeheuer dichtes Leben geführt, hab die Menschen und mich selbst vor allem in den verschiedensten Situationen erlebt und so über mich selbst und andere viel erfahren. Daraus er-gibt sich für mich eine völlig neue Sichtweise auf zutiefst menschliche Reaktio-nen und emotionale Bedürfnisse. Und davon handeln meine Texte heute.

    Das Album heißt "Emotionen sind männlich". Wie kam es zu diesem zuge-gebenermaßen provokanten Titel?

    Wenn ich nicht polarisiere, fehlt die Reibung für eine Diskussion. Also stelle ich eine These auf, nämlich "Emotionen sind männlich", die es zu bestätigen oder zu widerlegen gilt. Der Mensch an sich ist emotional, und da es nun mal nur zwei Geschlechter gibt, muss Emotionalität auch von Männern gelebt werden. Alles andere führt entweder in eine gesundheitliche oder sonstige Lebenskrise. Im internsten Familienkreis Schwächen zuzugeben, sich selbst Schwächen einge-stehen ist der erste Schritt zu einer neuen Stärke. Und glauben Sie mir: Ich weiß, wovon ich rede. Um es aus meiner Sicht auf den Punkt zu bringen, gestatten Sie mir bitte ein kurzes Zitat aus dem Titelsong: "…Emotionen sind weiblich, so sinnlich, und wenn sie stark sind, sind sie männlich."

    Ein Titel auf dem Album lautet "Ich möchte nie ein Netter sein". Polarisieren Sie gern bzw. ist der Text im Ansatz autobiographisch?

    Ich zitiere in dem Zusammenhang gern Franz Josef Strauss, ehemaliger Minis-terpräsident Bayerns, der sagte "Everybodys darling is everybodys Rindvieh. Heißt für mich in der Praxis, dass wer nie einen gesunden, sinnvollen Egoismus entwickelt, sich Freiraum schafft, zwangsläufig vom Leben pulverisiert und von seinen Mitmenschen ausgenutzt wird. Da der "nette" Mensch aber an seinen Bedürfnissen entlang lebt und das Unterbewusstsein sich nicht belügen lässt, führen solche emotionalen Schieflagen immer wieder zu persönlichen Katastro-phen. Dies kommt in dem besagten Song auf sehr zynische Art und Weise rüber. Ich selbst bin in diesem Sinne nie ein Netter gewesen. Nicht nett sein, heißt auch, sich von Menschen zu trennen, um sich selbst nicht zu behindern und auch ein gesundes Maß an Konfliktfähigkeit zu entwickeln.

    Auf sehr eindrucksvolle Weise setzen Sie sich in einer Ballade mit dem Thema Angst auseinander und plädieren dafür "Lass zu, wovor du Angst hast". Was waren die Beweggründe dafür?

    Angst ist zunächst einmal etwas sehr natürliches. Es wird dann zum Problem, wenn sie einen am täglichen Leben hindert. Ich hatte früher große Angst vor dem Fliegen. Um dem internationalen Erfolg gerecht zu werden, war Fliegen jedoch Grundvoraussetzung. Ich gewöhnte mich zwar daran und hatte meine Angst einigermaßen im Griff, aber hatte immer ein mulmiges Gefühl. Bis zu folgendem Erlebnis: Als ich Mitte der 90er Jahre in einem einmotorigen Flugzeug von Mün-chen nach Rostock flog, während heftige Stürme über Deutschland wüteten, hatte ich das Schlüsselerlebnis. Während des Flugs in der Wetterzone (unter den Wolken) hatte ich knapp vier Stunden Todesangst. Das überraschende Ergebnis jedoch war, dass ich seither keine Angst mehr vorm Fliegen habe. Nicht umsonst lassen Angsttherapeuten bei Patienten mit Angst vor Spinnen eben solche über den Arm laufen um die Angst wegzutherapieren.

    Sehen Sie sich gerade mit dem neuen Album als Botschafter für Emotionen?

    Das ist sicherlich übertrieben. Dennoch halte ich mich für einen vergleichsweise emotionalen Menschen, obwohl ich ein Mann bin. Das habe ich möglicherweise auch der Tatsache zu verdanken, dass ich keinen Vater hatte. So konnte ich frei von vorprogrammierten oder fehlgeleiteten archetypischen Eigenschaften als junger Mann heranwachsen und mich selbst finden.

    In "Was ist wenn Gott mitten unter uns wär" beschäftigen Sie sich mit der Vorstellung vom Glauben. Was verbirgt sich dahinter?

    Ich nenne es gern ein modernes Märchen, das ich in einem Song verarbeitet habe. Ein Märchen, das in letzter Konsequenz sagen soll, dass wir unsere Mit-menschen bei aller Alltäglichkeit oder Oberflächlichkeit aufmerksamer beachten sollten. Denn jeder unter uns könnte Gott sein bzw. wir alle sind ein Stück von ihm.

    "Dann schließt sich der Kreis" ist eine Zeile, die viel erahnen lässt. Was war die Geschichte dahinter?

    Es ist die Geschichte von Ursache und Wirkung. Jeder von uns setzt die Ursache für eine spezielle Wirkung. Bei Licht betrachtet, auch, wenn das jetzt hart klingt, gibt es weniger Schicksalsschläge als gemeinhin immer angenommen wird. So mancher erweist sich bei näherer Betrachtung als das Ergebnis des eigenen Handelns. Wenn jemand mit seiner Gesundheit spielt, Problematiken und Not-wendigkeiten verdrängt, ist das ein Stück weit selbst bestimmtes Schicksal. Das jeden Tag, jede Minute im Bewusstsein zu behalten, ist eine Aussage des Titels. Ich bin ein großer Anhänger der Theorie, dass annähernd einer jeden Krankheit psychosomatische Ursachen zugrunde liegen. Nehmen wir nur einmal ein Bei-spiel: Ein Sportler, der ausgeglichen ist und mit sich selbst im Reinen, ist weit weniger verletzungsanfällig. Eine Erkältungswelle geht spurlos an uns vorüber, wenn wir entspannt und zufrieden mit unserem Leben sind. Stehen wir unter Stress oder sind unausgeglichen, sind wir weit anfälliger, um nur einmal ganz harmlose Beispiele zu nennen. Oder wer sich dem Thema gänzlich verschließt, möchte ich ein einfaches Beispiel zur Hand geben: Angst-Schweiß ist nichts anderes als die psychosomatische Ursache und deren körperliche Reaktion. Wie stark wir unsere Gesundheit beeinflussen können, habe ich auch in "Der Feind in deinem Blut" beschrieben.

    Wo sieht sich Peter Schilling in 2007?

    Ich fühle mich wohl im Pop-Adult, sprich im erwachsenen Pop-Segment und sehe mich als Künstler, der die Verbindung zwischen modernen Sounds und interessanten Gesangsarrangements mit inhaltlich neuen Gedankenansätzen verbindet.

    Letzte Frage: Ist der Titel "Das gute Gefühl des richtigen Wegs" auch auto-biografisch?

    Ja, autobiographischer könnte er kaum sein. Da zeigen sich die unglaublichen Höhen, aber auch die Tiefen, die in diesem Fall mein Leben, aber übertragen auf den Hörer, ein jedes Leben mit sich bringt. Ich behaupte einmal, nur, weil man mal die falsche Richtung eingeschlagen hatte, man für sich selbst erkennen kann, wo der richtige ist. Der falsche führt manchmal zu persönlichen Krisen, an denen man wachsen und sich weiterentwickeln sollte. Ich habe gelernt, dass aus noch so aussichtslosen Situationen immer wieder Wege geführt haben und irgendwann einmal stellt sich ein Gefühl ein, das einem aufzeigt, jetzt ist man endgültig auf dem richtigen, nämlich seinem Weg und davon handelt nicht nur das Lied, sondern davon möchte ich die Menschen inspirieren, ihren Weg zu suchen und zu finden.


    09.08.07 PLAYLIST:
    FREIHEIT - "romancing in the dark", PROPAGANDA - "unreleased album 1998" (CD-R), AMANDA LEAR - "secret passion", BOLLAND & BOLLAND - "brotherlogy", LES MCKEOWN - "it´s a game", V.A. - "fisch-dagmars spanienmix" (CD-R), GARY LOW - "the best of", TOBIAS BERNSTRUP - "re-animate me", AL CORLEY - "square rooms", EIGHTH WONDER - "the best remixes", V.A. - "bamalama 12ers 03" (CD-R), RIHANNA - "good girls gone bad (Deluxe Edition)" (2 CD), MICHAEL JACKSON - "instrumental version collection", A-HA - "twelve inch club"

  4. #43
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    DUTCH my heart...

    "Ich plane, im nächsten Jahr ein Album zu machen" - Das exklusive C.C.CATCH-Interview.

    Quelle: MT-Online & Bohlenworld, 09.09.2007

    Wie wir bereits in den News berichteten, gab die Sängerin C.C.CATCH am 25.08.2007 ihr einziges Deutschland-Konzert in diesem Jahr im sächsischen Ort "Hetzdorf". BOHLENWORLD und MODERN-TALKING-ONLINE hatten nach dem Konzert die Gelegenheit, C.C.CATCH im Hotel zu treffen und für euch ein exklusives Interview mit ihr zu führen:

    [b]Bohlenworld:
    Hallo Caro, vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, um uns für ein Interview für die Seiten BOHLENWORLD & MODERN-TALKING-ONLINE zur Verfügung zu stehen! Zu allererst würde uns interessieren, was ist für deine musikalische Zukunft geplant?

    C.C.Catch:
    Also weiterhin will ich natürlich Shows machen! Ich hatte jetzt eine längere Pause gehabt und diese Show war jetzt die Einzige in Deutschland in dieses Jahr. Ich bin jetzt gerade nach England umgezogen und deshalb ist es mir auch wichtig, dass ich dafür ein bisschen Ruhe und Zeit habe, mich dort einzugewöhnen. Musikalisch plane ich, nächstes Jahr ein neues Album zu machen!

    Bohlenworld:
    Ist schon etwas spruchreif, mit welchen Personen du zusammenarbeiten wirst?


    C.C.Catch:
    Nein, das ist es nicht, weil ich mehrere Teams habe, mit denen ich arbeite. Mit einigen Leuten habe ich bisher schon gearbeitet und andere Leute sind erst jetzt neu hin zu gekommen. Ich werde dann sehen, welche Ergebnisse mir besser gefallen und wie die Zusammenarbeit funktioniert, denn das ist sehr wichtig. Anhand dieser Punkte werde ich dann die Entscheidung treffen.

    Modern-Talking-Online:
    Du hast jetzt schon unsere nächste Frage fast vorweggenommen. Du bist jetzt also nach England umgezogen? Wir erinnern uns, dass du deinen Wohnsitz schon einmal in England hattest und dann nach Deutschland umgezogen bist?


    C.C.Catch:
    Richtig! Ich habe 10 Jahre oder sogar 11 Jahre in England gewohnt und bin danach zurückgekommen, weil ich verheiratet war und wir auseinander gegangen sind. Mein Ex ist nach Amerika gegangen und ich bin nach Deutschland zurückgekehrt, da wir dann unsere eigene Wege gehen wollten. Und nun ziehe ich wieder zurück nach England.

    Bohlenworld:
    Wie viele Jahre hast du jetzt in Deutschland gewohnt?


    C.C.Catch:
    So ungefähr drei, vier Jahre. Einen Teil davon habe ich auch in Belgien gewohnt.

    Modern-Talking-Online:
    Und was ist jetzt deine Motivation, wieder nach England zurück zu gehen? Sind das berufliche oder mehr private Gründe?


    C.C.Catch:
    Also eigentlich mehr privat. Es ist aber natürlich auch eine gute Inspiration, in England zu leben. Dort ist eine vollkommen andere Energie vorhanden, für die Musik und ebenso für das Songwriting.

    Modern-Talking-Online:
    Die Fans der Bohlen-Musik haben dich nach der musikalischen Trennung von Dieter Bohlen etwas aus den Augen verloren. Man hat noch mitbekommen, dass du nach der Dieter Bohlen-Zeit noch ein Album mit mehreren Singles veröffentlicht hast, aber danach bist du aus den Medien verschwunden. Zwischendurch hat man dich bei der Pro Sieben Comebackshow gesehen und auch ab und zu von C.C.Catch-Konzerten im Ausland gehört. Kannst du unseren Lesern erzählen, was du in der Zwischenzeit gemacht hast?


    C.C.Catch:
    Ich habe damals mit der Musik aufgehört. Ich habe zwar, nachdem ich mich von Dieter Bohlen getrennt hatte, noch das Album "Hear what I say" gemacht, aber danach habe ich mich aus der Musik zurückgezogen. Das waren dann die ganzen 11 Jahre, die ich in England gelebt habe. Ich hatte zwar nach wie vor Musik gemacht, aber nur für mich privat. Ich habe mit einem Musiker zusammengearbeitet, der hat ganz andere Musik gemacht, so Richtung Live-Sound. Mein damaliger Freund war Produzent und dadurch habe ich auch viel im Studio gearbeitet und auch an Songs geschrieben. Das war eine sehr kreative Zeit für mich und meine Seele sowie für meine spirituelle Entwicklung, denn Spirituelles ist mir sehr wichtig! Und dort habe ich angefangen, mich mehr um mein inneres Leben zu kümmern, wie man das so sagt, also sozusagen "Soul-Searching".

    Modern-Talking-Online:
    Und was hast du gemacht, nachdem du wieder in Deutschland warst?


    C.C.Catch:
    Also die ersten Jahre habe ich sehr viel in Deutschland gearbeitet und sehr viele Shows gemacht, im vergangenen Jahr dann aber weniger. In den letzten Jahren habe ich schwerpunktmäßig mehr Shows im Ausland gemacht, also in der ganzen Welt. Ich war zum Beispiel in Amerika und habe dort eine Show zusammen mit Thomas Anders in Atlantic-City gemacht. Beim Konzert-Marathon 2003 in Rostock war ich auch dabei, als Dieter Bohlen die zweite Auflösung von Modern Talking bekannt gab. Als er das bekannt gegeben hat, haben wir die ganzen Reaktionen der Fans hinter der Bühne mitbekommen! Ich habe 2 Singles veröffentlicht "Shake your head" war in Spanien Platz 10 in den Charts und "SILENCE" mein erster selbst geschriebener Song mit super Video ist bei meinen Fans sehr beliebt und war in Kasachstan auf Platz 10 und auch in Russland sehr erfolgreich. In 2005 sind die 3 Alben mit DVD von der Firma "edel" aus Hamburg erschienen, "Catch The Hits", "Maxi Hit-Sensationen" und "The 80's Album"!

    Bohlenworld:
    Empfangen dich die Fans im Ostblock anders als hierzulande? Unterscheiden sich die Fans von Land zu Land?


    C.C.Catch:
    Fans sind Fans! Wenn die Menschen die Musik lieben, dann sind sie bei den Konzerten auch voll da! Das war ja heute hier beim Konzert in Hetzdorf auch so gewesen! Aber in Russland ist mein Status natürlich ein Höherer, als hier in Deutschland! Vielleicht auch deshalb, weil ich früher dort nicht so viel unterwegs war? Ich hatte dort nur ein paar Fernseh-Sachen gemacht, sonst nichts. Als ich dann jetzt das erste Mal nach Russland kam, da waren die Fans natürlich total begeistert, als da ein Star kommt, den man bislang nur von Plattencovers kannte. Und dort kommen natürlich Massen von Fans zur Show!

    Bohlenworld:
    Wie groß sind denn die Shows, bei denen du auftrittst? Das ist doch sicherlich eine ziemlich große Bandbreite?


    C.C.Catch:
    Ja, ist es auch! Es gibt Shows mit 1.500 / 2.500 / 10.000 / 50.000 oder auch bis zu 100.000 Besucher, je nach Event. Das ist dann mitunter so groß, dass man das Ende der Menschen gar nicht mehr sehen kann. Deshalb haben sie bei manchen Show auch große Video-Leinwände, damit die Leute von Hinten auch noch etwas sehen können. Ich habe dort Shows vor 100.000 Leuten gemacht, das ist echt Wahnsinn! Das ist schon extrem, dass es solche großen Konzerte überhaupt in Europa gibt. Es ist dann aber meistens so, dass bei solchen Shows mehrere Stars als Headliner auf dem Programm stehen. Das ist, auch wenn man da manchmal an abgelegenen Orten auftritt, schon der Wahnsinn! Dann geht man auf die Bühne und kann es gar nicht begreifen, dass so viele Leute da sind. Das ist ein ganz anderes Erlebnis und es macht mir Spaß, zu sehen, wie die Leute mit der Musik abgehen.

    Bohlenworld:
    Im Jahr 2004 hast du an der Pro Sieben Comeback-Show teilgenommen. Wie waren deine Erfahrungen aus der Show? Was hat es dir - im Nachhinein betrachtet - gebracht?


    C.C.Catch:
    Es hat mir auf jeden Fall viel Erfahrung gebracht! Für mich persönlich war die Show nicht so sehr geeignet. Ich war zu dieser Zeit sehr nervös und die ganze Show war sehr künstlich und ich bin eher ein Mensch, der natürlich ist und dadurch war das für mich sehr, sehr schwer gewesen! Wenn man am Anfang mitmacht, dann weiß man Vieles über die Hintergründe der Show noch nicht und dann erfährt man immer mehr, so bestimmte Sachen. Es ist einfach eine Show, die für die Medien gemacht worden ist. Aber auf jeden Fall ist es eine gute Erfahrung, die man gemacht hat. Man hat dort natürlich auch Kontakt mit den anderen Künstlern gehabt. Die Atmosphäre war generell war gut. Und es war auch eine gute Erfahrung, mit den anderen Künstlern so eng zusammen zu arbeiten.

    Bohlenworld:
    Wenn du noch einmal die Wahl hättest, dann würdest du an solch einer Show bestimmt nicht mehr teilnehmen?


    C.C.Catch:
    Also wenn ich die Wahl hätte, würde ich das Gleiche wieder tun, weil es ein Teil meines Lebens ist. Dass ich solche Shows in der Zukunft wieder mache, glaube ich aber eher nicht, weil mir das Format einfach nicht liegt. Aber gut, generell kann man so etwas nicht ausschließen, denn das liegt auch an dem jeweiligen Moment und den ganzen Begleitumständen. Ich denke also "eher nicht", aber ganz ausschließen kann man das nie!

    Modern-Talking-Online:
    Hat sich nach der Comebackshow ein Ansteigen der Buchungsanfragen bemerkbar gemacht?


    C.C.Catch:
    Ich kann jetzt nicht unbedingt sagen, dass es wesentlich mehr gewesen ist. Eine C.C.Catch gibt es nur einmal, die Anfragen nach mir sind eigentlich immer da. Aber was ich danach schon festgestellt habe ist, dass ich auf der Straße häufiger von Leuten erkannt und angesprochen wurde: "Ey, ich hab dich doch gesehen..." oder "Wow, wir standen hinter dir und haben dich unterstützt...". Und das ist es, was ich gemerkt habe, dass sehr viel Unterstützung von Seiten der Zuschauer und der Fans da war! Aus der damaligen Bohlen-Ära gibt es als "female Artist" nur mich. Ich weiß, dass es noch Andere gibt, die Dieter produziert hat, aber die machen alle heutzutage keine Shows mehr.

    Modern-Talking-Online:
    Gibt es eigentlich in den Archiven der BMG noch Bohlen-Songs, die du irgendwann einmal eingesungen hast, die aber nie zur Veröffentlichung gelangt sind?


    C.C.Catch:
    Soweit, wie ich weiß, ist eigentlich alles veröffentlicht worden. Es kann aber schon sein, dass da noch irgendwo Songs liegen. Es gab ja immer wieder Perioden, in denen wir bei Dieter ganz viele Songs am Stück aufgenommen haben. Es kann daher schon sein, dass davon vielleicht etwas nicht veröffentlicht wurde. Aber soweit ich es weiß, müsste eigentlich Alles herausgekommen sein.

    Modern-Talking-Online:
    Wenn jetzt ein Fan dieses Interview hier liest und er dir gerne etwas schreiben möchte, gibt es eine Möglichkeit, wie man dir Fanpost zukommen lassen kann? Liest du solche Post?


    C.C.Catch:
    Ja, ich lese solche Sachen selbstverständlich. Auf meiner Homepage gibt es eine Management-Adresse, dort kann man hinschreiben. Das bekomme ich dann weitergeleitet. Homepage: www.cccatch.de

    Modern-Talking-Online:
    Nutzt du selber das Internet regelmäßig und was für Themengebiete interessieren dich dort am meisten?


    C.C.Catch:
    Ja, ich habe einen Computer und nutze auch das Internet. Ich verbringe aber nicht so viel Zeit im Internet, wie vielleicht manch Anderer. Ich gucke mir dort die Homepages an. Ich bin ja auch bei euch drauf und gucke mir das so an. Mein Interessenschwerpunkt ist natürlich Musik und auch Bücher, denn ich lese sehr viel.

    Bohlenworld:
    Und liest du dir auch die Foren durch, was die Fans so schreiben?


    C.C.Catch:
    Ja, das mache ich. Vielleicht jetzt nicht jede Woche, aber doch schon relativ regelmäßig.

    Modern-Talking-Online:
    Warum hattest du bei deinem heutigen Konzert gleich dreimal einen Megamix im Programm?


    C.C.Catch:
    Es waren nur zwei Megamixe. Ein Kurzer und ein Langer. Das Dritte war der "Anniversary-Megamix", der wurde auch nicht von Dieter gemacht. In diesem Mix befinden sich Songs, die ich ansonsten nicht im Programm habe.

    Bohlenworld:
    Caro, hast du noch ein paar Worte an die Fans?


    C.C.Catch:
    Ich möchte mich generell bei meinen Fans bedanken, für ihre Treue und ihre Unterstützung, dass sie die ganzen Jahre zu mir gehalten haben und mir immer zur Seite stehen. Denn ohne meine Fans wäre ich ja auch nicht da, wo ich heute bin. Meine Fans kaufen meine Musik oder kommen zu meinen Konzerten. Das macht das Konzert natürlich auch immer ganz "special", dass die Fans da sind und sich auf die Musik freuen. Wenn ich auf der Bühne stehe und in ihren Augen sehe, wie es ihnen Spaß macht und wie sie mitsingen, dann macht mir das natürlich auch Freude! Also ein herzliches Dankeschön!

    Bohlenworld & Modern-Talking-Online:
    Herzlichen Dank für dieses Interview, Caroline!





    09.09.07 PLAYLIST:
    V.A. - "80´s remixed" (3 CD), SIOUXSIE - "mantaray", BONEY M. - "ten thousand lightyears", SILENT CIRCLE - "12"ers" (CD-R), PAUL YOUNG - "between two fires" (2 CD), DEBORAH HARRY - "necessary evil", DAVID BOWIE - "glass spider" (DVD & 2 CD), THE DONNAS - "bitchin´", IGGY POP - "blah-blah-blah", BALTIMORA - "survivor in love", GRACE JONES - "inside story", DEAD OR ALIVE - "nude", HEIDI STERN - "heidi stern"

  5. #44
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    MIKE RUTHERFORD im Gespräch über GENESIS, gestern, heute und morgen.

    Auf der Website www.innerviews.com wurden zwei aktuelle Interviews mit Mike Rutherford und Daryl Stuermer veröffentlicht. Besonders interessant ist das Interview mit Mike, in dem er ungewöhnlich tiefe Einblicke in die aktuelle Genesis-Situation gewährt. Anil Prasad führte das Interview, das wir nun mit ihrer freundlichen Genehmigung auf deutsch übersetzt haben und hier veröffentlichen können!

    Die britischen Titanen des Prog-Rock Genesis überraschten den größten Teil ihrer weltweiten Fangemeinde, als sie bekanntgaben, dass sich das hitschmiedende Lineup von Phil Collins, Mike Rutherford und Tony Banks 2007 für eine Tournee durch Europa und Nordamerika wieder zusammenfinden würde. Collins war zuletzt 1992 mit Genesis unterwegs und verließ die Gruppe 1996, um sich auf seine Solokarriere zu konzentrieren. Damit liegt die letzte Zusammenarbeit des Trios 15 Jahre zurück. Und mit Ausnahme ihrer Veröffentlichung Calling All Stations und der dazugehörigen Europatournee, bei der Banks, Rutherford mit dem neuen Sänger Ray Wilson auftraten, war Genesis selbst fast zehn Jahre lang nicht mehr aktiv.

    Collins, Rutherford und Banks bestreiten die Konzerte mit ihren altvertrauten Tourmusikern Daryl Stuermer und Chester Thompson ohne ein neues Album im Nacken. Es geht ihnen um den Spaß an der Sache, darum, das Repertoire der Band wiederzuerwecken und die Welt daran zu erinnern, dass Genesis live immer noch ein Ereignis sind. Zu diesem Zweck spielt die Band einen Querschnitt ihrer Musik, der weit über ihre vielen Top-10-Hits wie I Can’t Dance und Invisible Touch hinausgeht. Einige dunklere Epen aus den frühen 70ern, auf denen im Original auch Peter Gabriel und Steve Hackett zu hören waren, wurden ins Set aufgenommen, zum Beispiel Carpet Crawlers, In The Cage, I Know What I Like und Ripples. Die Tour fällt außerdem mit der Veröffentlichung von drei Boxsets und Wiederveröffentlichungen der Alben auf einzelnen CDs zusammen, die alle dreizehn Studioalben zusammenfassen, die die Band bislang veröffentlicht hat. Jede CD wird begleitet von einer DVD mit einer Abmischung im 5.1-Rundumklang, Videos, Konzertausschnitten und anderem Bonusmaterial.
    Innerviews begegnete Rutherford im palastähnlichen Inneren des Peninsula-Hotels in New York. Bei Tee und Gebäck erforschten wir die Motivation für die Tour, den Schöpfungsprozess bei Genesis, die Gestalt der Band nach Phil Collins und was die Zukunft für eine wiedervereinigte Band bieten könnte.

    Anil Prasad: Was war der Auslöser für die Reunion?

    Mike Rutherford: Wir haben in den letzten Jahren immer mal wieder den Plan gehabt und darüber gesprochen. Da Phil ja viel für Disney gearbeitet hat, kam es bis vor kurzem nicht in Frage. Vor zwei Jahren hatten wir uns mit Peter Gabriel und Steve Hackett getroffen, um über eine Reihe von Lamb Lies Down On Broadway-Konzerten zu sprechen, aber das mussten wir zurückstellen, weil bei Peter eine eigene Tour und Albumveröffentlichung anstand. Vielleicht schaffen wir das eines Tages noch, aber wir dachten uns, wir machen es dann zu dritt; das war ja sowieso der Hauptteil unserer Karriere. Letzten Oktober [2006] trafen wir uns, um das Ganze voranzutreiben; entschieden war da aber noch nichts. Wir spielten ein bisschen in einem Probenstudio in New York, probten die Songs und rissen Witze. Es war toll, und so entschlossen wir uns, die Tour zu machen. Von der Musik her habe ich mir überhaupt keine Sorgen gemacht, das wir das hinbekommen. Ich wusste, dass ich mir eine neue Doppelhalsgitarre bauen lassen muss, weil meine alte den Geist aufgegeben hatte und ich die Sachen ja zusammenbekommen musste. Was richtig Zeit verbraucht hat, war die Produktion selbst, besonders die Beleuchtung, der Bühnenaufbau und was auf den Bildschirmen zu sehen sein sollte. Mark Fisher hat die Bühne entworfen, Patrick Woodroffe die Beleuchtung, und es sieht toll aus.

    Anil: Tony Banks sagte, ein Grund für die Genesistour sei, dass seiner Meinung nach das Profil der Band in letzter Zeit nachgelassen habe und ihre Beiträge nicht so viel Beachtung fänden, wie sie verdienten. Wie siehst du das?

    Mike: Ich finde auch, dass wir ein wenig übersehen werden. Wir hatten nie ein Album wie Dark Side Of The Moon oder Tubular Bells, Alben, die die Laufbahn eines Musikers definieren und alles andere in den Schatten stellen. Wir hatten nie ein Album, von dem die Leute gesagt hätten: „Das ist das Genesis-Album schlechthin.“ Deswegen sitzen wir da eigentlich zwischen allen Stühlen. Als wir noch viel auf Tournee waren, spielten die Radiosender die leichtere Seite der Band, während ein großer Teil unserer Show auf den anspruchsvolleren, instrumentalen, längeren Stücken basierte. Dadurch wurde das Radioprofil von Genesis wieder ausgeglichen. Da wir jetzt lange nicht auf Tour waren, haben die Leute vergessen, wie wir live waren. Es wird schön werden, sie daran zu erinnern, auch für die, die uns noch nie von dieser anderen Seite erlebt haben.

    Anil: Mit welcher Einstellung seid ihr an die Neuabmischung des gesamten Genesiskatalogs für die neuen Wiederveröffentlichungen herangegangen?

    Mike: Es ging vor allem um Verbesserungen beim Klang. Die frühen Stücke konnten am meisten von den neuen Abmischungen in Stereo und 5.1 profitieren, denn einige von ihnen waren sehr schnell aufgenommen und abgemischt worden. Es standen ja immer eine Tour oder ein studiobezogener Abschlusstermin ins Haus. Jetzt bot sich also eine Gelegenheit, die Stücke zu verbessern, ohne sie zu verändern. Wir haben besonders viel Arbeit auf das Schlagzeug verwendet, auf den Bass und die tieferen Klangbereiche im allgemeinen; sie geben den Stücken mehr Substanz. Den Geist der originalen Abmischungen haben wir jedoch bewahrt. Dabei ist besonders Nick Davis hervorzuheben, der die ganze schwere Arbeit gemacht hat. Er hat wirklich den Drumsound hervorgehoben, ohne das Wesentliche an der Musik zu sehr zu verändern. Das Schlagzeug auf den frühen Alben klang sehr klein und kantig. Die Snare wirkte sehr schwach. Indem er an der Akustik gearbeitet hat, hat Nick dem ganzen einen größeren, wärmeren Klang verliehen. Auf den späteren Alben gab es weniger Raum für Verbesserungen, weil wir ab der Zusammenarbeit mit Hugh Padgham beim Aufnehmen besser wurden. Auf jeden Fall hatten wir Spaß daran, Sounds und Spezialeffekte in den Surroundkanälen zu platzieren.

    Anil: Die neuen Abmischungen werden die ursprünglichen Aufnahmen vollständig ersetzen. Bei manchen Fans ist das umstritten.

    Mike: Die alten, ursprünglichen Fassungen wird es da draußen ja immer noch geben. Und die Leute können die CDs kopieren, wenn sie sie unbedingt haben wollen. Insofern sind sie sicher. Ich mus zugeben, dass ich nicht überzeugt war, dass Alben wie Invisible Touch und Genesis neu abgemischt werden müssen. Ich finde, dass das unsere besten Aufnahmen sind. Ich wollte sie eigentlich nicht neu abmischen, aber habe mich dann der Mehrheitsmeinung gebeugt. Auf jeden Fall möchte ich sagen, dass es keinen Grund zur Besorgnis gibt, denn der Auftrag lautete, nichts Radikales mit der Musik zu machen.

    Anil: Wie erging es dir, als du den gesamten Output der Band wieder gehört hast?

    Mike: Das Komische ist: Ich hatte eine genaue Vorstellung davon, wie sich die Sachen auf unseren Alben anhörten. Anfangs war ich mir sicher, dass ich ein paar Stücke mag, von anderen nicht überzeugt war und den Eindruck hatte, dass ich wieder andere gar nicht mochte. Ich habe mir eine Meinung über die Stücke gebildet und daran festgehalten. Als ich aber darüber nachdachte, fiel mir auf, dass ich ein paar Stücke zehn bis zwanzig Jahre lang nicht gehört hatte. Dann hörte ich sie wieder und merkte, dass manche Stücke viel besser waren als ich gedacht hatte und umgekehrt. The Lamb beispielsweise ist viel stärker als ich es in Erinnerung hatte. Es ist wirklich ein scharfes Album voller Leidenschaft und Feuer, was mir früher gar nicht aufgefallen war.
    The Lamb war schwer aufzunehmen. Das Problem liegt darin, dass ich die Musik danach beurteilt habe, wie schwierig die Aufnahmen dafür waren. Das Konzept für The Lamb war düster und länger; es war ein echter Kampf, das Album fertigzustellen. Darum war A Trick Of The Tail einfacher. Es war leichter, Phil sang und wir hatten ein ganz neues Szenario und frische Luft. Ich neige dazu, die Alben, bei denen die Aufnahmen gut liefen, den anderen vorzuziehen; in Wirklichkeit sollte es natürlich darum gehen, wie es am Ende klingt. Im Allgemeinen sind die problemlos aufgenommenen Alben recht gut, aber es kann natürlich auch mal umgekehrt sein.
    Ansonsten fiel mir auf, dass einige Arrangements auf älteren Songs sehr vollgestopft sind, und ich dachte: „So würde ich das heute nicht machen.“ Aber ich bin heute auch jemand anderes. Vielleicht habe ich zu sehr versucht, clever und großartig auf dem frühen Material zu klingen. Mit der Zeit habe ich dann gelernt, dass beim Arrangieren eines Stückes weniger oft mehr ist.

    Anil: Du bist als ernsthafter Audiophiler bekannt und hast auch schon für Sony und andere Audiofirmen geworben. Hat sich diese Neigung bei den neuen Abmischungen bemerkbar gemacht?

    Mike: Eigentlich nicht. Vor Jahren stimmte das, was du sagst, aber ich bin eigentlich kein wirklicher Audiophiler mehr [lacht]. Ich baue gerade ein neues Haus. Vor einigen Tagen kam jemand vorbei, mit dem ich an einigen audiovisuellen Sachen dafür arbeiten wollte. Er ist ein echter Audiofreak und liebt seine Plattenspieler. Er wollte unbedingt mit mir über Audiosachen reden und ich musste sagen: „Nichts für ungut, aber wir sind da nicht auf einer Wellenlänge.“ Im Studio will ich fantastischen Sound. Ich will sicher sein, dass der Raum klar ist, und es ist mir sehr wichtig, die Sachen so zu mischen, dass sie toll klingen. Aber außerhalb des Studios bin ich einfach jemand, der die Musik genießt. Es kommt darauf an, dass es angenehm klingt. Mir ist es nicht wichtig, ob es gut oder großartig klingt. Das habe ich in den letzen anderthalb Jahrzehnten abgelegt und eine andere Einstellung dazu gewonnen.

    Anil: Wenn du ein neues Album abmischst, was benutzt du dann als Testumgebung?

    Mike: Ich hatte einen BMW mit großartigen Lautsprechern. Da wusste ich genau, wo meine Bezugspunkte lagen; aber ich habe ihn verkauft. Jetzt hat mein Auto einen gewaltigen Bass und Sub-Bass und ich kann mich gar nicht richtig auf die feineren Elemente konzentrieren; also beurteile ich die neuen Aufnahmen im Studio.

    Anil: Lass uns mal darüber sprechen, wie bei Genesis die Stücke entstehen. Wie entwickelte sich das von den Anfängen bis zu We Can’t Dance?

    Mike: Als Peter noch in der Band war, wurden viele Stücke von einem oder zwei Leuten geschrieben. Wir brachten auch Stückchen, Schnipsel und Teile von Stücken mit, an denen die Band dann arbeitete, die sie entwickelte und abschlos. The Lamb war eher eine Gemeinschaftsleistung, aber als Peter ausstieg, fingen wir an, eher jeder für sich zu schreiben. Erst auf Duke fingen wir an, als Band zu schreiben. Die meisten Leute können das nicht verstehen, aber seit Duke gehen wir ohne Musik ins Studio, mit einem leeren Blatt Papier, und jammen und improvisieren, bis sich hier und da ein paar Stückchen zeigen. Strophen und Rhythmen entwickelten sich und wuchsen zu Stücken. Es ist eine recht ungewöhnliche Methode, Stücke zu schreiben, und am ersten Tag sehr angsteinflößend.

    Anil: Wie filtert ihr das Material, um die Stücke zu finden, die zu einem vollständigen Song führen?

    Mike: Da geht es viel ums Zuhören. Phil hat immer alles auf DAT aufgenommen. Wir haben uns dann alles angehört und plötzlich Sachen entdeckt, von denen uns gar nicht bewusst war, dass wir sie gespielt haben. Wir sagen dann Sachen wie „Das klingt gut“ oder „Vergessen wir die ersten zehn Minuten und konzentrieren uns auf das, was danach kommt.“ Es geht darum, als Kollektiv das Besondere zu entdecken und zu organisieren. Man wartet darauf, dass sich die Stücke zeigen, die alle gemeinsam mögen. Wenn die beiden anderen nicht finden, dass das hier besonders ist, macht man weiter, bis der nächste starke Moment auftaucht. Üblicherweise - wenn wir als Band zusammenarbeiten und jammen und es ergibt sich etwas Gutes, dann merken wir das auch gleich.

    Anil: Man hat mir gesagt, dass viele Songtexte daraus entstanden sind, dass Phil am Mikrophon improvisiert hat.

    Mike: Das ist richtig. Wenn wir im Studio waren, lief ein Drumcomputer, weil es besser war, wenn Phil auch sang statt nur Schlagzeug zu spielen. Wir stellten also den Drumcomputer ein, dass er einen kleinen Loop oder ein Muster spielte. Das hielt uns im Tag und vermittelte einen Eindruck. Phil sang dann dazu, improvisierte, und es ergaben sich Kleinigkeiten, lyrische Ausdrücke und Wendungen. Das Wort „Mama“ ist ein großartiges Beispiel für einen dieser Ausdrücke, die sich ergaben. Manchmal ist der Text von vornherein da, dann macht man damit weiter. Es geht nichts über eine echte Gesangsstimme, wenn man schreibt; viel besser als die Musik zu schreiben, nach Hause zu gehen und sich dann die Texte zu überlegen. Wenn ich den Text schrieb, fing ich oft bei einem Ausdruck oder manchen Wörter an, oder bei dem Klang oder den Vokalen als Ausgangspunkt.
    Wenn man ein Musikstück schreibt, ohne dass die Gesangsstimme dabei ist, kann man acht Takte lang auf einem Akkord herumreiten. Aber wenn die Stimme großartig ist und toll klingt, und die Melodie auch, dann kann sich eine echte Richtung zeigen. Ansonsten schreibt man nur eine Melodie und hängt zu viele Akkorde dran, weil man nicht merkt , dass man es gar nicht so voll stopfen muss, wenn die Stimme das Lied trägt. Deshalb wollten wir, dass Phil diesen Improvisationsgesang benutzt. Wenn Phil singt, kann man außerdem auf jedem x-beliebigen Akkord bleiben; das ist zwar von den Akkorden her langweilig, schafft aber mehr Raum in dem Stück, was für uns ganz gut ist.

    Anil: Wenn sich ein Arrangement ergab, zog gewöhnlich ein einzelnes Bandmitglied los und erweiterte es. Wie habt ihr entschieden, wer woran arbeitet?

    Mike: Das war nur eine Frage, wer sagt: „Daran möchte ich gerne arbeiten, weil ich das Stück spannend finde.“ Bei manchen Sachen wussten wir, dass Phil daran arbeiten sollte, weil es da eine Gesangspassage gab, die seinem Stil entsprach. Tony nahm sich gewöhnlich die längeren Stücke vor [lacht]. Ich für meinen Teil habe meist einfache Lyrics geschrieben wie Throwing It All Away, Turn It On Again, Land Of Confusion und Follow You Follow Me.

    Anil: Welche Herausforderungen ergaben sich für dich als Gitarrist und Bassist, wenn Genesis Stücke schreiben?

    Mike: Es gab immer ein gewisses Problem, nachdem Steve Hackett gegangen war. Ich musste versuchen, zwei Rollen gleichzeitig auszufüllen. Das Problem war, dass wir sehr oft ein Stück ohne Bass geschrieben haben, nur mit Gitarre, Keyboards, Schlagzeug und Gesang. Wir nahmen also Vorversionen auf, auf denen es keinen Bass gab. Wenn es dann an der Zeit war, die Basslinie aufzunehmen, war das manchmal schwierig, denn es gab ja noch keinen Bass, der die Akkorde festlegte. Bisweilen hatte ich dann die Wahl zwischen zwei Noten auf der Gitarre – aber keine passte so richtig, weil es einfach sehr hilfreich ist, wenn der Bass den Akkord in die eine oder andere Richtung zieht und umgekehrt. Und wenn ich dann den Bass hinzugefügt habe, konnte sich die Gestalt des Stückes auch noch mal verändern. Da dann noch etwas zu finden, was auch gut klingt, ist unter Umständen sehr knifflig, aber so war das dann. Ich konnte eben nicht beides gleichzeitig machen, also nahm ich erst die Gitarre auf und danach den Bass. Wenn ich alleine schreibe, spiele ich normalerweise Gitarre und begleite mich auf den Basspedalen. Ich versuche, Gitarrist und eine Art Bassist zu sein und bemühe mich, das richtige Rhythmusgefühl unter die Melodie und die Akkorde zu legen.

    Anil: Wie hast du mit Phil die Rhythmen ausgearbeitet?

    Mike: In der Anfangszeit standen Phil und ich nebeneinander, wenn wir den Groove und das Flair des Stückes aufgebaut haben. Später haben wir erst mal die Stücke mit Gesang, Drumcomputer, Gitarre und Keyboards aufgenommen, und Phil hat dann direkt das Schlagzeug dazu entwickelt. Das ist jetzt also in der Entwicklungsphase, in der wir die Sachen aufgenommen haben, die wir uns später anhören. Ich war dann meistens dabei, die Hauptlinie im Bass aufzunehmen, während er am Schlagzeug arbeitete. So konnten wir dann voneinander Rhythmen und Klänge übernehmen.

    Anil: Wie hast du dich als Gitarrist im Laufe der Jahre entwickelt?

    Mike: Anfangs war ich ja der Bassist und Rhythmusgitarrist bei Genesis. Selbst als Steve die Leadgitarre gespielt hat, habe ich etwa die Hälfte des Sets Gitarre gespielt, mit oder ohne Basspedal. Heute spiele ich auf der Bühne vor allem Gitarre, obwohl ich den Bass liebe. Aber wenn ich auf And Then There Were Three zurückblicke – damals konnte ich, ehrlich gesagt, kaum Leadgitarre spielen. Das wird man nicht von einem Augenblick zum nächsten. Das muss man sich erarbeiten. Auf den ersten Alben nach Steves Abschied fand ich, ich hätte mich gut geschlagen. Als Songwriter hatte ich das im Griff, aber als sich die Alben entwickelten, wurde ich als Gitarrist besser. Ich fühlte mich besser, wenn ich Leadgitarre spielte. Ich bin eher ein Songwriter, der Gitarre spielt, als ein virtuoser Gitarrist, aber ich fühle mich wohl, wenn ich Leadgitarre spiele.

    Anil: Welche Gitarren spielst du auf der Tour?

    Mike: Ich benutze eine Eric Clapton Model Fender Strat aus den späten 80ern; die mag ich sehr, weil sie die Rolle von vielen Gitarren spielen kann. Man kann so eine große Bandbreite von Klängen abrufen, und das macht sie sehr anziehend als Instrument für eine Tour. Außerdem ist es eine Frage der Gewohnheit und Vertrautheit. Ich spiele seit Jahrzehnten Stratocasters, und es wäre irgendwie falsch, wenn ich etwas anderes spielen würde. Außerdem habe ich mir eine neue Doppelhalsgitarre für das alte Genesismaterial bauen lassen, die zwei Gitarren vereinigt, die ich sehr schätze. Das war mir lieber als eine komplette Neuanfertigung, bei der man nicht weiß, was man bekommt, bis das Instrument ganz fertig ist. Ich habe ein englischen Gitarrenbauerteam namens Charlie Chander’s Guitar Experience gebeten, die zwölfsaitige obere Hälfte einer Gibson EDS-1275 Doppelhalsgitarre zu nehmen und mit einem Yamaha TRB-4P Bass als unterer Hälfte zu kombinieren. Wir haben uns für die Gibson EDS-1275 entschieden, weil es nur wenige zwölfsaitige Vollkörpergitarren gibt, die man mit einem Vollkörperbass zusammenbringen kann. Man verliert ein wenig Resonanz dabei, aber der Gesamtsound der beiden Instrumente bleibt zum größten Teil erhalten.

    Anil: Während der frühen Tage von Genesis hast du viel mit alternativen gestimmten Gitarren gearbeitet. Heutzutage hast du eine sparsamere Herangehensweise.

    Mike: Ja, ich hatte eine Menge seltsamer Gitarrenstimmungen bei älteren Stücken wie Cinema Show und Ripples. Das wurde alles zu kompliziert. Wenn wir nach einer Pause wieder auf Tour gingen, konnte ich mich manchmal nicht mehr an daran erinnern, wie ich die Gitarre gestimmt hatte, also sagte ich mir dann: „Okay, Schluss damit.“ Das einzige, was ich immer noch mache, ist die tiefe E-Saite auf D zu stimmen. Die Mollakkorde klingen damit kräftiger, die anderen Akkorde satter, was ja gut zu dem Charakter der meisten Genesisstücke passt.

    Anil: Was ist das komplexeste Stück mit der größten Herausforderung, das ihr auf dieser Tour spielt?

    Mike: Wahrscheinlich Home By The Sea, denn im Instrumental ändern sich die Stimmungen so schnell. Ursprünglich haben wir es abschnittsweise aufgenommen, und in jedem Abschnitt habe ich verschiedene Klänge nach Belieben eingesetzt. Live wird das sehr schwierig. Einmal ist der Sound sehr raumgreifend mit viel Echo und viel Flange, und gleich darauf brauche ich einen sehr engen Verstärkerklang. Die Bandbreite von Klängen in diesen vier Minuten auf dem Album war gewaltig; das dann live wiederzugeben ist immer eine Herausforderung.

    Anil: Daryl Stuermer spiele auf Genesis-Tourneen immer eine wichtige Rolle. Was macht ihn für die Gruppe so unverzichtbar?

    Mike: Zuallererst kennt Daryl alle Akkorde zu allen Stücken; ich vergesse sie immer. Er ist der Meister der Songs und ich kann ihn immer fragen [lacht]. Er ist natürlich nicht deshalb in der Band. Er stieß 1978 zu uns, nachdem er zum Vorspielen nach New York kam. Ich hatte auch Pat Thrall und Elliot Randall, der bei Steely Dan spielte, eingeladen. Beide waren großartige Gitarristen, aber ich suchte einen Musiker, der Genesis erfassen konnte. Ich gab Elliot ein paar Stücke zum Einüben, und er fragte: „Wie möchtest du es haben? Möchtest du Rock? Möchtest du ein bisschen Jazz?“ Daryl dagegen kam und verstand, worum es uns ging, mit den Strukturen und Klängen. Er fragte gar nicht erst: „Wie wollt ihr es haben?“ Das wusste er schon. Er hatte verstanden, dass man diese Stücke mit einem bestimmten Sound und in einem bestimmten Genre spielen muss.
    Daryl hat außerdem einen großartigen Stil und außerordentliche Fähigkeiten an der Gitarre. Er spielt unglaublich schnell und fließend und hat ein herrlich natürliches Talent an der Gitarre. Darüber hinaus konnte er auch genug Bass spielen. Am Anfang haben wir überlegt, ob wir einen Gitarristen brauchten, der Bass spielte, oder einen Bassisten an der Gitarre. Der erste, der zum Vorspielen kam, war der Bassist Alphonso Johnson. Während wir jammten, merkten wir beide, dass es verkehrt lief. Wir merkten, dass wir einen Gitarristen brauchten, der den Bass beherrschte, weil die Gitarrenteile zu anspruchsvoll für einen Bassisten im allgemeinen waren. Ich glaube, Alphonso empfahl uns dann Daryl. Auf einer frühen Tour mit Daryl, erinnere ich mich, hat er dann den Bass richtig verstanden. Jeder Gitarrist kann Bassnoten zu einem Stück spielen, aber es gibt da etwas Einzigartiges am Bass, was das Gefühl für die Noten angeht. Man merkt sofort, ob da ein Gitarrist Bass spielt oder ein Bassist. Daryl ist jetzt neben all seinen anderen Talenten auch noch ein toller Bassist. Es ist schon seltsam, dass Chester und Daryl beide aus der Jazz-Ecke kommen. Ich denke, das liegt daran, dass wir einen bestimmten Grad an Technik verlangen, den Musiker aus dieser Richtung einfach schon mitbringen.

    Anil: Auf der aktuellen Tour, wie auch schon auf der We Can’t Dance-Tour, spielt Stuermer eine ganze Reihe von Gitarrenpartien der Zeit nach Hackett. Warum habt ihr euch dafür entschieden?

    Mike: Das kommt daher, dass ich Daryl gerne spielen höre; außerdem bin ich mir im Klaren, dass er manchmal nicht genug Gitarre spielt. Ich glaube, er sieht das ganz entspannt. Bei den neueren Kompositionen ist es mir schwergefallen, die Gitarrenteile aufzugeben, weil sie so wichtig sind für das, was ich da tue. Aber ich wollte zum Beispiel, dass Daryl das Solo am Ende von Jesus He Knows Me spielt. Er zieht das auf eine Weise durch, in der ich das nicht könnte, mit seiner unglaublichen Technik und Energie. Auf dieser Tour spielen wir möglicherweise In Too Deep in Amerika. Bei diesem Stück hat er früher Bass gespielt und ich Gitarre. Diesmal wird er eine Gitarre mit Nylonsaiten spielen und ich den Bass. Ich liebe den Bass wirklich sehr, darum sehe ich zu, dass ich ihn auf dieser Tour öfter spielen kann. Das Schöne daran ist, dass es bei Daryl keine Frage des Egos ist; da geht es nur darum, was für das Stück am besten ist.

    Anil: Warum war Stuermer auf der Calling All Stations-Tour nicht dabei?

    Mike: Das klappte nicht, weil Phil auf Tour war, und seine Tour sich mit unserer überlappte. Damit standen Daryl und Chester nicht zur Verfügung.

    Anil: Wie seid ihr auf Anthony Drennan als Gitarrist für die Calling All Stations-Tour gekommen?

    Mike: Er ist ein toller Gitarrist, der auch bei The Corrs mitspielt. In vielerlei Hinsicht ist er dort unterfordert. Er kam mal für einen Tag vorbei und jammte und improvisierte mit mir; es war offensichtlich, dass er große Fähigkeiten hat und auch Melodien spielen kann. Daneben hat er eine echte Rebellenseite, dann rockt er los und dreht total durch an der Gitarre. Anthony ist außerdem ein netter Kerl, was auch immer gut ist.

    Anil: Wie siehst du Calling All Stations heute?

    Mike: Auf dem Album sind ein paar gute Momente. Ich betrachte es als ein Album, das eine neue Phase von Genesis hätte einläuten können. Der Weg nach vorne hätte darin gelegen, schnell hintereinander zwei Alben zu veröffentlichen. Auf dem ersten Album haben wir noch gelernt, und vielleicht war es lyrisch stellenweise nicht so toll. Ich glaube, wenn wir mit Ray drei Alben gemacht hätten, hätten alle das erste Album als einen neuen Anfang gesehen – nicht berauschend, aber ein Anfang. Ray war fantastisch und er kommt oft nicht so gut weg wie er es verdient hat. Live war er großartig, und das bei einem so schwierigen Gig. Aber ich wollte einfach nicht die nächsten drei oder vier Jahre ständig Alben aufnehmen und auf Tour sein. Unglücklicherweise wird Calling All Stations jetzt als das Album einer „Nur-einmal-Besetzung“ betrachtet, und das wertet es ab. Wenn man es als Einstieg in eine neue Phase gesehen hätte, würde es anders bewertet, obwohl es ja in Europa sehr erfolgreich war. Ich bin mir auch im Klaren, wie wir das nächste Album hätten verbessern können. Ich hätte jemanden hinzugezogen, der mit uns zusammen schreibt. Calling All Stations war in manchen Aspekten nicht so stark, aber ich glaube, das zweite Album wäre viel besser gewesen. Aber mit Genesis weiterzumachen war damals sehr mühsam, und ich wollte mich darauf nicht einlassen.

    Anil: Das war dir doch sicherlich bewusst, als ihr damit anfingt?

    Mike: Ja, schon, aber wir hätten wohl weiter gehen können als wir gegangen sind. Ich denke nie so weit voraus. Ich handle einfach und schaue, was passiert [lacht]. Im Rückblick war es ein schönes Album und ein guter Einstieg in eine neue Ära, aber diese neue Ära war mir zu lang, als dass ich dazu Lust gehabt hätte. Es hätte auch bedeutet, die Mechanics auf Eis zu legen. Eine andere Sache, die mir auffiel, war, wie weit Tony und ich musikalisch ohne Phil voneinander entfernt waren. Man stellt sich ja immer vor, dass da erst mal Tony und ich sind, und dann noch Phil – weil Tony und ich uns schon so lange kennen. Aber eigentlich steht Phil zwischen Tony und mir und bringt uns zusammen. Er kitzelt aus uns beiden musikalisch eine Menge Material heraus. Schwer zu beschreiben.

    Anil: War es eine Überraschung, als Nordamerika das Album und die Tour nicht annahm?

    Mike: Ja und Nein. Es war eine Überraschung, aber ich befürchte immer das Schlimmste, deshalb war ich sozusagen nicht überrascht. Was mich überraschte, war, wie verschieden Amerika und Europa waren. Ich glaube, Amerika ging damals durch einen musikalischen Wandel und begann Genesis und wohl auch Phil anders zu sehen. Wenn wir eine kleine Tour durch Theater gemacht hätten, wären wir überall wohl gut angekommen.

    Anil: Wie stehen die Chancen für neue Musik vom wiedervereinigten Trio?

    Mike: Die Vorstellung, neue Sachen zu schreiben, gefällt uns. Das machen wir gerne. Was uns daran Sorgen bereitet, ist, das Album zu veröffentlichen. Das ist ein großes Problem. Ich denke, dass sich das Musikgeschäft verändern wird und das Albumformat jetzt veraltet ist. Vielleicht machen wir eine Kleinigkeit und veröffentlichen sie. Vielleicht gibt es einen anderen Weg vorwärts. Ein Album aufzunehmen und das große Thema der Werbung dafür – darüber machen wir uns Sorgen. Aber darum kümmern wir uns nach der Tour.

    Anil: Falls ihr am Ende die Lamb-Tour mit Gabriel macht – wie bringt ihr das Werk auf die Bühne, wo doch die Show von 1974 darauf beruhte, ihn als Ikone, als jungen Mann zu zeigen?

    Mike: Richtig, genau das ist das Problem. Die Hauptfigur ist ein junger Puertoricaner in New York. Es gab ein paar Gespräche darüber, ein Computerprogramm einzusetzen, das Peters Gesicht und seine Bewegungen aufzeichnet und auf einen Bildschirm hinter der Band projiziert. Seine Gesten würden dann ein computergeneriertes Bild einer anderen, jüngeren Person bewegen. Das ist natürlich allerneueste Technik. Es wäre schon lustig, das auf der Bühne zu machen, denn damals haben wir es mit einem Budget von ein paar tausend Dollar aufgeführt. Manchmal funktionierten die Bildschirme und Projektoren, manchmal nicht. Diese Show heutzutage zu entwickeln wäre sehr aufregend. Da ergeben sich starke Darstellungsmöglichkeiten. Ich finde, The Lamb konnte in dieser Hinsicht niemals ordentlich aufgeführt werden. Die größere Frage ist, was wir in puncto Shows machen bzw. nicht machen. Angedacht waren fünf Konzerte in Europa und fünf in Amerika. Wir sprechen wieder darüber, wenn Peter sein Album und seine Tournee beendet hat; dann werden wir mal schauen, wie wir alle darüber denken. Es liegt jetzt alles bei Pete. Wir anderen sind dabei.

    Anil: Was machst du dieser Tage Kreatives jenseits von Genesis?

    Mike: Um ehrlich zu sein: Derzeit nichts. Die Zeit der Mechanics ist vorbei. Sie war schön, aber seitdem wir Paul Young verloren haben, hat sich etwas geändert. Es war toll, diese Band zu sehen, die in Pubs spielte, dann ein Album in den USA veröffentlichte und einen gewaltigen Hit landete. Das war gar nicht beabsichtigt, aber sehr erfreulich. Einer der schönsten Momente meiner Musikerkarriere war der, als Atlantic Silent Running als Hauptstück auswählte und es sich als Riesenhit entpuppte – und keiner wusste, von wem das eigentlich war. Auf einmal konnte ein Musiker, der schon auf eine lange Laufbahn zurückblickte, neue Musik unbelastet von irgendwelchen Erwartungen veröffentlichen. Es war großartig und ich glaube, so etwas wird schwerlich je wieder zu schaffen sein. Mein Sohn, der jetzt 26 ist, managt einige Künstler, darunter einen Singer/Songwriter namens Ben Montague. Ich habe letzthin einige Stücke mit Ben geschrieben. Abgesehen davon gibt es die Genesis-Tour, und ich fühle mich derzeit ganz wohl so. Ich freue mich, mal ein bisschen Platz zwischen den Albumprojekten zu haben.


    04.10.07 PLAYLIST:
    ANNIE LENNOX - "songs of mass destruction", DEVICE - "22b3", DOLLAR - "the platinum collection", WENDY
    & LISA
    "eroica", VANESSA - "vanessa", FANCY - "i love fancy", E.L.O. - "balance of power", SHIRLEY BASSEY
    - "get the party started", DIVINE - "maid in england", BRITNEY SPEARS - "gimme more (24 Remixes)" (CD-R),
    KYLIE MINOGUE - "x" (CD-R), JOHN FARNHAM - "age of reason", ANA TORROJA - "me cuesto tanto olvidarte",
    FRANK DUVAL - "if i could fly away"

  6. #45
    Benutzerbild von Scheul

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    AW: Klartext!!!

    Sehr interessant und Mike Rutherford kommt mir unheimlich sympatisch rüber

  7. #46
    Benutzerbild von bamalama

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    Die E.A.V. (Erste Allgemeine Verunsicherung) muss man wohl kaum noch jemandem vorstellen, oder? Klaus Eberhartinger und Thomas Spitzer sind die bekanntesten Köpfe dieser österreichischen Formation, die es seit 1977 gibt. Mit Hits wie "Banküberfall", "Märchenprinz", "Küss die Hand schöne Frau" oder "3 weisse Tauben" stürmen sie seit 30 Jahren die Hitparaden in Österreich und Deutschland. Sie haben so viele Goldene und Platin-Auszeichnungen für ihre Alben bekommen, dass sie dafür sogar ein eigenes Lager einrichten könnten. Im Jahre 1991 erhielten sie gar den World Music Award, eine der höchsten Auszeichnungen überhaupt. In Österreich haben nicht einmal Michael Jackson, die Beatles oder gar Mozart so viele Tonträger verkauft, wie die Verunsicherung. Da macht es rein gar nichts, dass ihr Video zur englischen Version von "Banküberfall" ("Bankrobbery") in England 1986 zum schlechtesten Video des Jahres gewählt wurde.
    Zu uns kommen sie nicht nur, um ihre neue CD "Amore XL" vorzustellen! Es gibt viele Fragen, die wir der E.A.V. schon immer mal stellen wollten. Also luden wir Klaus Eberhartinger für ein Interview ein, und sprachen mit ihm über die Geschichte der Band, Probleme mit diversen Liedern und Personen und natürlich auch über das neue Album...


    Hallo Klaus! Neben der Musik bist Du inzwischen auch als TV-Moderator tätig, und leitest im österreichischen TV eine tägliche Sendung ("Quiz Champion"). Wie bekommst Du Deine Fernseh-Karriere mit der musikalischen unter einen Hut?
    Die "Quiz Champion"-Shows sind abgedrehte Blöcke, das ist bereits fertig. Ich mache schon etwas länger Fernsehen, immer wieder mal. Dieses Jahr war ich auch einer der Teilnehmer bei "Dancing Star" (der österreichischen Version von "Let's Dance")...

    ...wo Du am Ende Sieger warst. Meinen Glückwunsch!
    Danke schön, was soll ich dazu sagen (lacht)?

    Außerdem habe ich gelesen, dass Du seit 15 Jahren Dein Zuhause in Kenia hast. Da bist Du dann ja wohl eher selten, oder?
    Da bin ich, verteilt über das Jahr, immer fünf oder sechs Monate. Wir haben da unten ein Studio und produzieren dort auch.

    Im Dezember kann man Dich hier in Deutschland bei "Wetten dass…?" sehen, stimmt das?[/b]
    Ja, das stimmt. Für diese Sendung mache ich die Stadt-Wette in Graz zusammen mit Miriam Weichselbraun.

    Laut Eurer Bandbiographie gründete sich die E.A.V. 1977.
    Ja, stimmt...

    Das würde bedeuten, Ihr seid im Jubiläumsjahr. Habt Ihr das unter den Tisch fallen lassen - wird das gar nicht gefeiert?
    Naja, 1977 haben sich die ersten Musiker zusammen gefunden, die eigentliche Premiere war 1978. Ich kam erst 1981 dazu. Aber wir haben vor zwei Jahren erst das "100-jährige" gefeiert, damit haben wir jetzt sämtliche Jubiläen abgedeckt (lacht).

    Seit Mitte Oktober gibt es nun auch endlich ein neues EAV-Album in den Läden zu kaufen...
    Ja, Gott sei Dank!

    Bitte erzähl uns etwas über "Amore XL".
    Tja... da wo "E.A.V." drauf steht, ist natürlich auch "E.A.V." drin. Etwas anders ist bei dieser CD, dass auch etwas ernsthaftere Themen und Texte drauf sind. Aber dazwischen kommen auch Witz und Bosheit nicht zu kurz. Nach den ersten Rückmeldungen aus Österreich und dem Süden von Deutschland kommt das bei den Leuten sehr gut an. Wir sind mit dem Album seit heute die Nr. 1 in Österreich, und in den deutschen Album-Charts um Platz 40 eingestiegen. Wir können bisher damit zufrieden sein.

    Die Fans haben etwas länger auf neue Töne von Euch warten müssen. Was haben Du und Deine Kollegen in der Zwischenzeit gemacht?
    Wir haben uns eine Zeitlang zurückgezogen, weil bei uns die Batterie leer war und wir auch die Schnauze ein bisschen voll hatten. Wir haben dann alle auch andere Sachen gemacht. Thomas Spitzer hat gemalt - er kommt ja ursprünglich von der Kunst-Akademie. Außerdem hat er auch für andere Leute geschrieben, sich mit Theater-, Musical- und Fernseh-Geschichten beschäftigt.
    Es wurden immer wieder Nachfragen an uns gerichtet, da hat er dann gesagt: "Komm, dann machen wir eben noch mal was.". Daraufhin haben wir das Jubiläums-Album "100 Jahre E.A.V." gemacht (das passender Weise auch den Untertitel "Ihr habt es so gewollt" trägt), für das wir einige Titel auch neu aufgenommen hatten. Dazu haben wir eine Tour gemacht, wo keiner genau wusste: "Braucht das irgendjemand?". Diese Tour war eigentlich auf 30 Konzerte beschränkt, aber letztendlich haben wir 160 Mal gespielt.

    Also stand sogar im Raum, dass Ihr gar nichts mehr machen wolltet?
    Kurzfristig, ja… Das ist immer so, wenn mal die Batterie leer ist, dann sagt man schon mal: "Jetzt haben wir genug.". Wir haben in all den Jahren viel gearbeitet und genug verkauft. Aber das Nichtstun ist ganz schrecklich (lacht).

    Außer, dass die Platte in Österreich schon Platin-Status erreicht hat: Habt Ihr schon erste Resonanzen auf die neue CD bekommen?
    Sie kommt bisher sehr gut an. Wir waren bisher hauptsächlich im Süden Deutschlands und in Berlin unterwegs, und da waren die Meinungen zur neuen CD sehr gut. Gerade die Mischung aus ernst bis lustig und bösartig kommt gut an...

    Beim Hören von "Amore XL" fällt auf, dass Ihr auch nach 30 Jahren E.A.V. immer noch überraschen könnt. Wie ist das Album entstanden?
    Eigentlich wie jedes andere Album auch: Man hat Ideen, und man hat Demos vorliegen… Nach der Tournee "100 Jahre E.A.V.", bei der wir auch wieder sehr viel junges Publikum hatten, bekamen wir ganz tolle Resonanzen. Daraufhin haben wir gesagt: "Komm, dann machen wir gleich die nächste Platte.", und haben uns hingesetzt und geschaut, was wir für Ideen haben, diese dann ausgearbeitet, dabei sind wieder neue Ideen hinzugekommen, u.s.w… Wir haben die Platte dann relativ zügig aufgenommen. Innerhalb von zwei Monaten war sie fertig.

    Du hast es schon angesprochen: Es ist auffallend, dass auf "Amore XL" mehrere Titel mit ernsthaften Texten zu hören sind...
    Bei den Live-Shows haben wir über all die Jahre immer wieder solche Geschichten im Programm gehabt, wo es um politische und kirchliche Themen und auch um Globalisierung ging, oder auch um das Thema Rechtspopulismus, sprich Neonazis. Bei dem Lied "God Bless America" übten wir Kritik an der Bush-Familie. Auf Platte haben wir das aber nie wirklich raus gelassen. Bei der neuen CD sagten wir uns: "Jetzt sind wir alt genug, dass wir uns das auf einer Platte auch erlauben dürfen". Sonst haben wir es nur für unser Live-Publikum gemacht, jetzt auch für die Plattenkäufer. Die Resonanzen zeigen auch, dass die Leute das sehr gut aufnehmen.

    Auf dem Album "Geld oder Leben" gab es mehrere Zwischenspiele mit "Johnny". Bei "Liebe, Tod und Teufel" begleiteten die "drei verliebten Pinguine" den Hörer bis zum Ende der Platte. Auf "Amore XL" sind die "Rinderschänder" dran. Was war der Anlass dafür und wie kommt man auf so eine Idee?
    (lacht los) Das ist eine Gaudi, eine saublöde... Das ist ein Wortspiel. Wir haben im Studio immer wieder Sprüche geklopft. Am Ende haben wir gesagt: "Daraus machen wir eine Nummer". Allerdings wäre eine ganze Nummer aus dem Stoff zu viel und zu lang geworden, also sagten wir uns: "Das zerschnippeln wir und geben dem Rinderwahnsinn zwischen den Songs eine Chance".

    Was erhofft Ihr Euch für das erste Album nach vier Jahren speziell in Deutschland?
    Wir müssen jetzt mal sehen, dass wir damit möglichst viel Aufmerksamkeit und Airplay bekommen, damit die Leute in das neue Album auch möglichst viel reinhören können. "Amore XL" ist so bunt und so verschieden, dass man eigentlich auch verschiedene Nummern daraus spielen sollte, denn sonst bekommt man einen falschen Eindruck. Ich glaube aber, dass, wenn die Leute reinhören, sie ihre helle Freude daran haben werden.

    Lass uns mal zu den Anfängen zurück reisen. Du bist 1981 zur E.A.V. gestoßen. Was hast Du vor Deiner Zeit dort gemacht?
    Der Thomas hat mich damals von der Uni geholt. Ich kannte ihn schon etliche Jahre vor der E.A.V.. Ich habe Straßen-Theater und politisches Kabarett gemacht und war mit meiner Dissertation beschäftigt. Ich habe Psychologie/Soziologie studiert, und schrieb bereits an meiner Doktor-Arbeit. Ich war auf dem Weg zum diplomierten Psychologen und Soziologen. Thomas sagte damals zu mir: "Bitte spring kurz ein, bei uns ist einer ausgefallen.". Das war 1981, und ich habe meine Dissertation bis heute nicht beendet.

    Welche Stimmung herrschte in der Band, als Du eingestiegen bist?
    Trotz der Tatsache, dass kurz vorher ein Mitglied der Band durch Suizid aus dem Leben geschieden ist (Walter Hammerl), war die Band ganz gut drauf. Es war sehr tragisch, von daher war die Stimmung ein bisschen gedämpft. Außer dem Thomas kannte mich niemand von der damaligen Besetzung, so dass ich mich dort zuerst mal durch die Hackordnung beißen musste. Es hat sich dann relativ schnell die Akzeptanz eingestellt, weil ich im ersten Jahr auch ganz gut unterwegs war. Als Frontmann hast Du eine ziemliche Verantwortung, wobei wir damals noch einen anderen Sänger hatten: Gert Steinbäcker von S.T.S., der dann später auch große Erfolge mit "Fürstenfeld" gefeiert hat. Alles andere ist Geschichte. Es ging dann alles auch relativ rasch.

    Die ersten drei Alben waren in Österreich sehr erfolgreich und wurden mit Gold ausgezeichnet. Erst mit "Geld oder Leben" gelang der internationale Durchbruch. Was glaubst Du, war an diesem sehr erfolgreichen Album anders als bei seinen Vorgängern?
    Das war damals die Zeit, in der auch das erste Mal der böse und schräge Humor in der Pop-Musik vorkam. Mit Stilmitteln wie beim "Banküberfall", das war nämlich eine echt schräge Nummer, kam das in Deutschland ganz schnell an, auch zum großen Erstaunen der Plattenfirma. Dann kam der "Märchenprinz", "An der Copacabana" und auch "Küss die Hand, schöne Frau", die ebenfalls sehr erfolgreich wurden. Wir haben einfach zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Sachen gemacht.

    Der Erfolg kam für alle Beteiligten also sehr überraschend?
    Ja, schon! Aber eben weil man bereits seit Jahren Musik macht, durch Clubs getourt ist und Spaß an der Musik hat, ist das zwar toll und überraschend, aber man hebt nicht ab. Du empfindest das nicht als allzu extrem, weil Du ja von unten kommst, also eine gesunde Entwicklung durchgemacht hast. Das ist z.B. bei den Casting-Stars anders, die direkt oben einsteigen. Ich sag immer: Die mit dem Hubschrauber auf den Gipfel geflogen werden, und dann glauben, dass sie ohne die nötige Erfahrung da jetzt einfach wieder runter springen können.

    Die "Geld oder Leben"-Tour führte Euch durch viele Städte in der BRD, aber auch durch die damalige DDR. Kannst Du Dich noch an diese Tour erinnern?
    Ja, daran kann ich mich sehr gut erinnern. Damals in die DDR zu reisen war richtig spannend. Wir sind dahin gefahren und haben gedacht: "Wir lernen da jetzt das andere System, das große Konkurrenz-System zum Kapitalismus, kennen". Wir hatten ja unsere Kritik am Kapitalismus laut geäußert, und unser Programm war auch so ausgerichtet. Allerdings haben wir schnell gemerkt: "Da ist nicht viel Gold, und das glänzt auch nicht so!". Es war zu merken, dass dort sehr viel Restriktion geherrscht hat, Unfreiheit mitten in Europa. Wir konnten kaum glauben, dass die Umverteilung so funktioniert hat, dass die Leute wirklich glücklich waren. Für mich war es eine sehr große Enttäuschung, das andere System kennen zu lernen. Es wurden bei unseren Konzerten Meldungen gemacht, nach denen man uns von Agenturseite dann auch nahe gelegt hat, das Programm ein bisschen zu ändern und anders zu gestalten. Das haben wir natürlich nicht gemacht.

    Ihr seid aber auch schon 1983 in der DDR gewesen, richtig?
    Ja, das war eine kleine Tour. Man hatte uns damals eingeladen, weil man glaubte, wir seien nur eine Blödel-Combo. Schon drei Jahre später haben wir dann die nächste, wesentlich größere Tour durch die DDR gemacht. Das war zu der Zeit, als das mit Tschernobyl passierte. Da war dann schon die kritische Distanz da. Ganz schlimm empfand ich, dass man Tschernobyl in der DDR überhaupt nicht als Top-Nachricht behandelt hat. Das lief da irgendwo am Rande ab. Wir sind erst darauf gekommen, dass da etwas ganz schreckliches passiert sein muss, als wir wieder ausgereist sind und die Grenze überschritten haben. Alle PKWs und LKWs wurden dort dekonterminiert. Wir haben uns nur gefragt: "Was ist jetzt los?". Da haben wir erst begriffen, was da eigentlich passiert ist und dass da ein Super-GAU stattgefunden hat. Das wurde in der DDR nur als "kleiner Störfall" behandelt. Eine absolut menschenverachtende Politik, die da betrieben wurde...

    Eure Texte waren ja schon immer bissig und nie ohne Kritik. Gab es damit mit den Behörden der DDR keine größeren Probleme?
    Wie schon erwähnt, gab es den einen oder anderen Einspruch, speziell bei der zweiten Tour 1986. Wir haben gesagt: "Einspruch äußern dürfen sie schon, aber wir werden unser Programm deswegen nicht ändern.". Das hat dann irgendwann dazu geführt, dass bei den Konzerten die "Blauhemden" sehr massiv vertreten waren, die man offensichtlich für Kritik von außen für immun gehalten hat. Wir haben z.B. auch erst an die "nationale Paranoia" geglaubt, wo jeder dachte, dass er von jedem bespitzelt wird, bis wir selbst darauf gekommen sind, dass es tatsächlich ein unglaubliches System gab. Wir wurden immer von den gleichen Leuten abgeschirmt, es wurde genau geschaut, was wir machen, mit wem wir reden und wo wir hingehen. Das waren wir überhaupt nicht gewöhnt. Uns war damals klar, dass irgendwas in einem Staat nicht stimmen kann, wenn man so auf die eigenen Leute aufpassen muss.

    Mit der Single "Es steht ein Haus in Ostberlin" habt Ihr in der Wendezeit sogar mal das Thema "DDR" und "Republikflucht" aufgegriffen. Hatte das damals spezielle Gründe?
    (lacht) Das ist eigentlich eine schwer unterschätzte Nummer! Das war damals von uns eine Einschätzung, später hat sich heraus gestellt, dass das auch richtig war, dass die "Brüder" und "Schwestern" aus dem Osten im Endeffekt gar nicht so wirklich so willkommen waren. Wir haben seinerzeit Schelte bezogen, weil es geheißen hat: "Bei der ganzen positiven Aufbruchstimmung gebt Ihr eine böse Meldung ab!". Wir haben darauf nur entgegnet: "Das ist die Realität!". In den weiteren Jahren hat sich dann ja gezeigt, dass die Stimmen aufgekommen sind, die gesagt haben: "Naja, vielleicht hätten wir mit der Wiedervereinigung mal doch lieber noch warten sollen.".

    Mit der 1987 veröffentlichten Single "Burli" (beschäftigt sich thematisch mit den möglichen Folgen eines atomaren Super-GAUs.) habt Ihr Euch auch nicht nur Freunde gemacht, richtig?
    Das hat dazu geführt, dass wir mit unserer Kritik an der Atom-Lobby auf der schwarzen Liste des Bayrischen Rundfunks gelandet sind. Die CDU/CSU-Netzwerke waren verbandelt mit der Atom-Lobby, und das war das Resultat. Das war auch wirklich das erste Mal, dass wir geindext wurden. Das wollte man rechtfertigen mit "Verunglimpfung von Behinderten", und dagegen haben wir geklagt. Dann wollten sie Beweise antreten, und haben Behinderten-Verbände angeschrieben. Daraufhin haben wir gesagt: "Was hat das mit uns zu tun? Hier geht es gegen Atomkraft!". Am Ende haben sie diesen Prozess auch verloren. Das hat aber alles nichts daran geändert, dass die Nummer angeeckt ist. Doch "Burli" ist bis heute ein absoluter Hit bei Live-Konzerten.

    Gab's das öfter, dass Ihr mit Songs so dermaßen angeeckt seid, dass diese dann nicht gespielt wurden?
    Naja, Songs direkt nicht. Aber es hat immer wieder mal Sachen gegeben, die Anlass zur Klage oder zumindest zur rechtlichen Drohung gegeben haben. Zum Beispiel unsere Stellungnahme auf der Bühne zu unserem Präsidenten Kurt Waldheim, der als ehemaliger UN-Präsident geglaubt hat, er stünde jenseits jeglicher Kritik, und damit aufgeflogen ist, dass er doch eine Nazi-Vergangenheit hatte, und sich dann zu der Äußerung verstiegen hat, er selber sei gar kein Mitglied der Waffen-SS gewesen, sondern nur sein Pferd. Das hat natürlich allgemeines Gelächter ausgelöst. Er war ein Mann ohne Rückgrat… ich hab einmal gesagt: "Er war noch nicht mal ein aufrechter Rechter.". Er wurde dann international so angefeindet, dass er als Präsident von Österreich hat zurücktreten müssen.

    Dazu ist ja dann auch die andere Version von "Burli", nämlich "Kurti" als B-Seite entstanden...
    Ja, genau! Es gab dann auch Versuche, das zu unterbinden, und wir wurden in Österreich teilweise angefeindet. Unser Publikum hat das aber für richtig befunden, und bei uns stand damals auch der André Heller auf der Bühne, der das sehr richtig beurteilt hat. Später hatten wir ein paar Kontroversen mit dem Herrn Jörg Haider (Rechtspopulist der BZÖ in Österreich), der bei uns ja ziemlich rasant aufgestiegen und eine drohende Gefahr aus dem rechten Eck war. Er war der Wolf im Schafspelz, der mit seinem Populismus die Leute eingelullt hat. Da hat es auch zwei Klagen gegeben: Die erste hat er verloren. Die zweite habe ich verloren, weil ich ihn in einem Interview als "braunen Arsch" bezeichnet habe. Die Bezeichnung "Arsch" hat mich Geld gekostet, "braun" wurde aber nicht beanstandet (lacht). Ich hatte damals bei dem Telefon-Interview darum gebeten, das nicht abzudrucken, aber es wurde doch gedruckt.

    Eure Live-Konzerte sind seit eh und je wahre Rock- und Pop-Opern mit großer Bühnenshow, Kulissen und einem Feuerwerk an Programm. Wer ist für die Darstellung auf der Bühne bei Euch verantwortlich? Wie entsteht eine solche Show?
    Zuerst schreiben wir ein Programm, und dann schauen wir, was man machen kann und wie man es umsetzt. Früher waren unsere Shows noch viel aufwändiger, da sind wir mit fünf Trucks durchs Land gefahren. Das war finanziell ein großes Risiko, weil wir fast mit einer kleinen Theater-Produktion, was Kulisse und Vorhangs-Arie betrifft, gereist sind. Inzwischen haben wir das auf einen Truck reduziert, damit das finanzierbar ist. Aber die Leute bekommen nach wie vor eine bunte Show geboten, das stimmt.

    Wird es auch zu "Amore XL" wieder eine spezielle Bühnenshow geben? Wo kann man Euch mit dem Programm live sehen?
    Ja, wird es. Die Tour beginnt im Februar 2008, und wir sind zwischen Februar und Mai überall in Deutschland und Österreich zu sehen.

    Wenn Du auf Deine Zeit bei der E.A.V. zurückblickst: Was waren bisher für Dich die schönsten Erlebnisse, was die weniger schönen?
    Das kann ich so auf die Schnelle gar nicht sagen… Das Spannendste ist immer, eine neue Platte zu machen und eine neue Show zu kreieren, und die dann vor Publikum auszuprobieren. Wenn das durch ist, sind das herrliche Momente. Wenn dann allerdings die Routine einfährt nach dem 100. Konzert, gibt es dann und wann auch schon mal einen Durchhänger. Die weniger schönen Momente sind die, wo wir merken, dass die E.A.V. immer als Blödel-Combo abgestempelt wird. Das wird uns eigentlich nicht gerecht. Auch wenn man immer die Singles ausgekoppelt hat, die dann die lustigsten waren. Die teilweise sogar missverstanden wurden! "Küss die Hand, schöne Frau", z.B. war als bitterböser Titel gedacht und zu den ersten Gratulanten zählte eine Berliner Frauen-Emanzipations-Gruppe. Das ist dann später einfach zum Gassenhauer verkommen. Das ist halt so, denn "Männer" von Herbert Grönemeyer wurde am Ende auch von den schlimmsten Machos mitgegröhlt, weil viele Leute nicht verstehen, was wirklich gemeint ist.

    Man liest zu wenig zwischen den Zeilen, meinst Du?
    Ja, wenn sie überhaupt lesen können.

    Was hört Klaus Eberhartinger privat für Musik? Was war die letzte CD, die Du Dir gekauft hast?
    Die letzte CD, die ich mir gekauft habe, war "Fornika" von den Fantastischen Vier. Sonst höre ich mir immer irgendwelche MP3 an, die sich mein Sohn runterlädt. Ich hör eigentlich alles Mögliche. Oft höre ich Musik fast nur während der Autofahrt, und da pendle ich zwischen Klassik und Hip Hop.

    Klaus, trotz Deines Promotion-Stresses hast Du Dir die Zeit für uns genommen. Dafür unseren herzlichen Dank.
    Ja, gern geschehen!

    Möchtest Du unseren Lesern abschließend noch etwas sagen?
    Wenn die E.A.V. zu Euch in die Nähe kommt, dann müsst Ihr Euch die unbedingt anschauen, denn es wäre eine große Chance vertan in Eurem Leben, wenn Ihr das nicht tun würdet. Es ist eine Gelegenheit, Euer Leben farbig zu gestalten, es ist lustig und natürlich auch unterhaltsam. Außerdem kann ich jedem nur raten, auch als Wertanlage, die neue CD zu kaufen (lacht).


    15.11.07 PLAYLIST:
    HUBERT KAH - "best of", BAD BOYS BLUE - "around the world", VISAGE - "the anvil", FANCY - "d.i.s.c.o.",
    MICHAEL JACKSON - "invincible", THINKMAN - "the formula", THE BUGGLES - "the age of plastic", FLEETWOOD
    MAC - "the dance", MECANO - "descanso dominical", SEVERINÉ - "...und wünsch dir einen traum" (3 CD),
    JULIANE WERDING - "haus überm meer" (i-tunes), NINA HAGEN - "fearless", AZUL Y NEGRO - "babel"

  8. #47
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    Exklusiv-Interview mit JULIANE WERDING über ihr neues
    Album, Mystik und Musikpreise

    Am 28. Februar spielt
    Juliane Werding in Schwerin. Wir hatten jetzt schon
    Gelegenheit, mit der beliebten Künstlerin zu sprechen.

    Schweriner Kurier: Ihr nächstes Jahr
    erscheinendes Album wird „Ruhe vor dem Sturm“
    heißen. Bedeutet diese Metapher für Sie eher Aufbruch
    oder Endzeit?

    Juliane Werding: Beides ist angesagt. Die Bilder und
    Nachrichten über Erderwärmung sind ziemlich krass
    und beunruhigen die Menschen sehr. Ein Aufbruch
    wäre jetzt angesagt. Es muss verhindert werden, dass
    noch mehr geschieht. Dies ist wichtig und nicht das
    Streben nach immer mehr Macht.

    Die Platte „Ruhe vor dem Sturm“ wird eher ein
    Konzeptalbum als eine reine Sammlung von Liedern.
    Wird sich dies auch in einer besonderen
    Bühnenpräsentation zeigen?

    Wir werden die neuen
    Songs in der ersten Hälfte des Konzerts spielen, die
    Thematik „Ruhe vor dem Sturm“ wird sich wie ein roter
    Faden durchziehen. In der zweiten Hälfte folgen dann
    viele der alten Hits, teilweise in neuen Arrangements.
    Wahrscheinlich wird es auch noch einen Mittelteil
    geben, in dem wir mit altertümlichen Instrumenten
    spielen. Dafür muss ich mit den Musikern aber erst
    noch proben, ob das auch klappt. Mal sehen.

    Planen Sie denn für den Mittelteil auch alte Lieder
    oder nur eigene Titel?

    Es werden nur eigene Songs zu hören sein. Das
    kommt beim Publikum immer gut an, wenn wir die
    Lieder mal auf andere Weise spielen.

    Wie sieht es aus mit ihrem ersten großen Erfolg
    „Am Tag, als Conny Kramer starb“, wird der …

    Ja, der „Conny“ muss immer mit!

    Wird der Titel denn vielleicht auch wieder in einer
    neuen Version zu hören sein?

    Ich denke schon. Aber es ist jetzt noch zu früh, das
    definitiv zu sagen. Wir warten erstmal darauf, dass das
    neue Album fertiggemischt ist. Und dann werden wir
    sehen, wie wir die Titel für die Konzerte arrangieren.

    Ihren Durchbruch schafften sie mit eben „Der Tag,
    als Conny Kramer starb“, einer Coverversion. Auch
    später feierten Sie Erfolge mit deutschen Versionen
    internationaler Hits. Zuletzt, zum Beispiel, auf der CD
    „Sehnsucher“, aber gar nicht mehr. Haben Sie sich
    davon verabschiedet, Titel zu covern?

    Oh, wir spielen schon seit über zehn Jahren keine
    Coverversionen mehr.

    Dann wird sicher auch auf dem kommenden Album
    keine deutsche Version eines internationalen Hits zu
    hören sein?

    Nein, wir haben genug eigene Titel.

    In Ihren Liedern spielen Spiritualität und Mystik eine
    große Rolle. Was fasziniert Sie so am Mystischen?

    Es ist einfach aufregend, sich vorzustellen, dass es da
    noch andere Dinge gibt, Dinge, die jenseits unserer
    bekannten Welt liegen. Es wäre stinklangweilig, wenn
    es nichts anderes gäbe als Fernsehen, Arbeit, den
    Alltag. Da würde mir einfach das Abenteuer fehlen.

    Schon vom Beginn Ihrer Karriere an erhielten Sie
    regelmäßig Preise für Ihr Schaffen, zum Beispiel oft die
    Goldene Stimmgabel. Wie viel Wert legen Sie als
    ruhige, bescheidene Künstlerin auf solche
    Trophäen?

    Gar keinen. Die Preise können Sie getrost vergessen.
    Das sind für mich einfach nur Staubfänger, die ich nicht
    gebrauchen kann.

    Wo haben Sie denn die Preise? Stehen die jetzt
    rum und fangen Staub?

    Die hat mein damaliger Mann behalten. Ich weiß nicht,
    ob er sich die irgendwo schön hingestellt hat.

    Arbeiten Sie eigentlich immer noch als
    Heilpraktikerin?

    Das werde ich wohl bald wieder tun. Wahrscheinlich
    eröffne ich nächstes Jahr eine Praxis. Ich habe jetzt im
    Frühling, Sommer und Herbst eine Fortbildung
    gemacht, um mich auf den neuesten Stand zu bringen.
    Die Sache werde ich aber erst in Angriff nehmen, wenn
    ich meine musikalischen Verpflichtungen erfüllt habe.
    Wieder als Heilpraktikerin zu arbeiten, ist eine Idee, die
    mir durchaus gefällt.

    Sie legen sich da also noch nicht fest.
    Ich möchte jedenfalls nicht etwas tun, nur weil die
    Leute sagen, es stand doch in der Zeitung.

    Dabei wollte ich Sie fragen, wie man denn als
    Patient einen Termin bei Juliane Werding
    bekommt.

    Ich hatte ja schon mal eine eigene Praxis. Da haben
    sich sogar Menschen aus Kiel, Hamburg und Berlin
    gemeldet. Das ist schon ganz schön weit weg. Die
    Leute, die zu mir kommen, sollten in meinem Kreis
    (sie lebt in Starnberg/Oberbayern – d. A.)
    wohnen, damit ich sie über eine gewisse Zeit betreuen
    kann. Es wird sonst schwierig mit den
    Folgekonsultationen.

    Zurück zu Ihrer Tournee. In Schwerin spielen Sie
    am 28. Februar zwischen zwei Tour-Ruhetagen. Ist das
    ein Vorteil fürs Publikum, vielleicht, weil Sie auf der
    Bühne mehr geben können als sonst?

    Das ist eher für mich ein Vorteil, weil ich zum Beispiel
    mehr Freizeit habe, mir die Stadt anzuschauen und mit
    den Leuten zu sprechen. Vielleicht fahre ich auch noch
    ein bisschen hoch an die Küste.

    Interview: Stefan Krieg

    http://www.schwerinonline.de/aktuell/2007_47_ku_08.html


    03.12.07 PLAYLIST:
    ANNA TERNHEIM - "separation road" (Deluxe Edition) (2 CD), ROBIN GIBB - "secret agent", SAMANTHA FOX -
    "i wanna have some fun", BERLIN - "master series", KATE BUSH - "the line, the cross & the curve" (DVD-R),
    ONE 2 MANY - "mirror", WILL TO POWER - "journey home", COCK ROBIN - "live in concert" (DVD-R), DEAD OR
    ALIVE
    - "rip it up" (DVD-R), DESIRELESS - "ses plus grands succès", DEN HARROW - "i, den", SIMON COLLINS -
    "all of who you are"

  9. #48
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    Interview mit CAMPINO

    „Wir sind uns oft an die Gurgel gegangen“

    Düsseldorf (RPO) Heute bekommt die Düsseldorfer Punkband Die Toten Hosen die 1Live Krone für ihr Lebenswerk. Frontsänger Andreas Frege alias Campino bilanziert im Gespräch 25 Jahre Bandgeschichte. Sein Fußballer-Fazit: Das Spiel ist noch lange nicht vorbei

    Wie fühlt man sich, wenn man als Band, deren Musiker alle in den 40ern sind, fürs Lebenswerk geehrt wird?

    Erst sind wir schon ein wenig erschrocken. Andererseits ist das eine Anerkennung dafür, dass wir es bis hierhin geschafft haben. Wir nehmen das mit Respekt entgegen. Aber wir haben das mal durchgerechnet: Wir könnten die ersten sein, die den Preis zweimal kriegen.

    Schon Taschentücher für die Dankesrede eingepackt?

    Ich werde auf jeden Fall etwas vorbereiten, damit ich das Richtige sage und nicht das, was mir gerade durch den Kopf geht.

    Wer für sein Lebenswerk geehrt wird, hat das meiste eher hinter als vor sich. Wie sieht das bei euch aus?

    Wenn du uns mit einem Fußballspiel vergleichst, würde ich sagen, wir befinden uns in der 75. Minute. Aber ich habe so viele Spiele gesehen, wo es in der 90. noch mal richtig um die Wurst ging. Ich würde also nicht auf Halten spielen, sondern versuchen, noch ein Tor zu schießen. In unserem Fall heißt das: Wir arbeiten gerade an einem neuen Album, und wir haben den Anspruch, uns selbst zu überraschen.

    Ihr habt gerade eine Jubiläumsedition mit allen 17 Alben veröffentlicht, auf denen sich viele nie erschienene Stücke befinden. In der Rückschau: Was waren eure peinlichsten Momente?

    Sicher haben wir das eine oder andere gemacht, bei dem wir uns heute wundern, wieso wir das überlebt haben. Den „Formel-1“-Film etwa. Aber man muss das im zeitlichen Kontext sehen. Das geht schon beim Bandnamen los. Heute würden wir uns nicht mehr die Toten Hosen nennen. Früher hatte das einen Sinn, da wollten wir Klischees aufbrechen. Zu den Fehlern gehört sicher auch manche TV-Show, die wir uns hätten sparen können. Aber wer viel vor die Tür geht, tritt eben mal in Hundekot.

    Das sind doch eher Kleinigkeiten.

    Ich glaube nicht, dass wir einen kapitalen Bock geschossen haben. Obwohl wir, auch wenn man uns das unterstellt, keinen richtigen Masterplan gehabt haben. Viele Dinge haben sich einfach gut entwickelt. Die Sache mit der Heino-Persiflage zum Beispiel. Als sein Management anfing, uns zu bedrohen, war das ein Steilpass für uns.

    Was waren eure größten Triumphe, was die schwersten Stunden?

    Das kann man nicht in einem Satz sagen, viele schöne Momente waren stille Geschichten. Ich erinnere mich an ein Konzert in der Düsseldorfer Justizvollzugsanstalt Ulmer Höh’, da mussten wir nachher durch den Zellenblock und die Insassen haben mit ihren Löffeln und Tellern gegen die Gitter geschlagen. Das war so ein Sing-Sing-Feeling, wahrscheinlich der beste Applaus meines Lebens. Auf der Negativ-Seite war wohl das 1000. Konzert 1997 mit dem Tod von Rieke Lax der dickste Schlag. Aber es gab auch andere schlimme Momente, schwere Krisen, in denen man aufgeben wollte.

    Standen die Toten Hosen wirklich mal ernsthaft auf der Kippe?

    Mehrmals. Wir haben uns etliche Ultimaten gestellt, sind uns einige Male ernsthaft an die Gurgel gegangen. Wenn fünf Leute 25 Jahre zusammen sind, das ist eine ständige Arbeit wie in einer normalen Beziehung. Gottseidank liegt die Zeit, in der wir uns gegenseitig auf die Nerven gegangen sind, hinter uns. Je älter wir werden, desto mehr verstehen wir, dass wir wahnsinnig viel Glück hatten.

    Woraus ist der Kitt, der die Band zusammen hält?

    Letztendlich, dass wir Freunde waren, bevor wir als Musiker zusammen spielten. Das hat uns über künstlerische Krisen und unser anfängliches Unvermögen hinweggeholfen.

    Was ist vom rebellischen Geist der Gründungsjahre geblieben?

    Das mit den Rebellen, das haben wir nie so empfunden. Wir haben uns immer für die normalsten Menschen der Welt gehalten, es aber mit Großmäuligkeit überspielt. Heute wissen wir viel eher, was wir nicht wollen. Wenn wir uns für Dinge einsetzen, dann konkreter. Wir fühlen uns nicht mehr verpflichtet, ein Image bedienen zu müssen.

    Die Toten Hosen sind heute ein florierendes Wirtschaftsunternehmen mit etlichen Angestellten. Lähmt diese Verantwortung manchmal den künstlerischen Betrieb?

    Natürlich mussten wir auch Kompromisse eingehen, die uns künstlerische Nachteile gebracht haben. Aber wir sind eine der wenigen Plattenfirmen, die in der Branchenkrise keinen entlassen musste. In 25 Jahren lernst du viel, aber du zahlst auch viel Lehrgeld. Bis 1987 haben wir ständig vor dem Bankrott gestanden. Erst allmählich haben wir uns eine große Unabhängigkeit erkämpft, die für mich auch völlig im Einklang mit der Philosophie des Punk steht. Nett, wenn man uns wenigstens in diesem Fall Professionalität attestiert.

    Jörg Isringhaus führte das Gespräch.

    http://www.rp-online.de/public/artic...richten/508366 (06.12.2007)


    14.12.07 PLAYLIST:
    BONNIE BIANCO - "best of" (2 CD), ROY BLACK - "rosenzeit", ALASKA Y DINARAMA - "no es pecado (Edición
    Para Colleccionistas)"
    (2 CD), RHEINGOLD - "r.", MECANO - "ya viene el sol", BRITNEY SPEARS - "blackout",
    INDEEP - "the collection", DEAD OR ALIVE - "fan the flame (part I)", KATE BUSH - "lyra" (i-tunes), RUPAUL -
    "supermodel of the world", SAMANTHA FOX - "samantha fox", ALEX PARTY - "alex party", AZUCAR MORENO
    - "the sugarmix album"

  10. #49
    Benutzerbild von bamalama

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    Wenn ein Musiker die Szene der 70er und 80er in Deutschland stark geprägt hat, dann war es unser aktueller Gast! Reinhold Heil ist nicht nur Keyboarder... er war einer der kreativen Köpfe der Nina Hagen Band ("TV Glotzer", "African Reggae", "Auf'm Bahnhof Zoo") und von Spliff ("Deja Vu", "Herzlichen Glückwunsch", "Das Blech"), Produzent vieler namhafter Interpreten ("Die Ärzte", "Nena", "Mad Romeo") und seine anderen musikalischen Projekte, an denen er beteiligt war, sind nicht selten Top-Acts geworden ("Cosa Rosa", "Froon").
    Geboren am 18. Mai 1954 in Schlüchtern begann Heil schon während seines Studiums damit, aktiv in Bands Musik zu machen. Seine musikalische Reise begann beim Jazz, ging weiter über Punk, später zum Pop/Rock und ist inzwischen beim Genre Filmmusik angekommen. Aber nicht in irgend einer nichtssagenden Ortschaft in Bayern oder Niedersachsen, sondern direkt im Herzen der Traumfabrik, in Hollywood! Wer sich auch nur ein bisschen mit der Musik der 80er in Deutschland beschäftigt, stellt sehr schnell fest, dass der Name Spliff (und somit auch sein Name) nahezu überall zu finden war. Manfred Maurenbrecher, Ulla Meinecke, Rainbirds, Rio Reiser, Stephan Remmler, Marianne Rosenberg, Stefan Waggershausen, Kim Wilde, und sogar Klaus Renft sind nur einige Namen, mit denen Heil schon zusammen gearbeitet hat. Seine Markenzeichen: Hitgarantien, sowie gut durchdachte und aufwendige Produktionen.
    Umso mehr freuen wir uns, dass er uns zugesagt, und folgendes, sehr ausführliches Interview gegeben hat...

    Hallo Reinhold, Du wohnst seit 1997 in den USA und hast dort ein eigenes Studio. Wie kam es zum Umzug in die Staaten?
    1994 heiratete ich eine Amerikanerin aus Südkalifornien. Sie lebte insgesamt fünf Jahre lang in Berlin und hatte dann die Nase voll von der Deutschen Kultur und dem schlechten Wetter. Das war der oberflächliche Grund. Professionell ging es mir nicht sehr gut. Ich hatte wenig Perspektive. Keine Lust mehr, andere Musiker zu produzieren. Wenig Selbstvertrauen in meine Fähigkeiten als Komponist und Texter. Schlechte Technomusik verfolgte einen wo man auch hinging, etc. Allerdings hatte ich auch schon die ersten Theater- und Filmmusiken gemacht, und Gefallen daran gefunden. Das erste Projekt mit Tom Tykwer und Johnny Klimek war "Winterschläfer", im Sommer 1996. Danach fing ich an, mein Studio zusammenzupacken. Tom Tykwer gab mir zum Abschied im Januar 1997 das Drehbuch zu "Lola Rennt", damit ich nicht ganz wegdrifte. Der größte Teil der Musik zu diesem Film wurde dann auch ein Jahr später bei mir in Santa Barbara geschrieben und produziert. Und das Resultat war eine Art kreativer Durchbruch in Hollywood, der Johnny und mir dort ein paar Türen öffnete.

    Bist Du noch öfters in Deutschland oder sind die Besuche hier eher selten?
    Die längste Strecke ohne Deutschlandtrip war zwischen Februar 2000 ("Der Krieger Und Die Kaiserin") und Februar 2005 (Premiere von "Sophie Scholl"). Danach arbeitete ich an der Musik zu "Das Parfum", was zum größten Teil in München, aber auch in Berlin stattfand. Seit fast drei Jahren bin ich also regelmäßig wieder in Deutschland. Auch in 2008 werde ich für ca. 5 Monate da sein, für Toms nächsten Film, "The International".

    Im Jahre 2006 hast Du für den erfolgreichen Film "Das Parfüm" den nicht minder erfolgreicheren Soundtrack geschrieben. Wie kam es zu Deiner Verpflichtung als Komponist für diesen Film?
    Als Filmkomponist hat man zwar auch Agenten, aber die besten Jobs kommen aus alten Arbeitsbeziehungen. Wie gesagt, arbeiten Johnny und ich bereits seit 1996 mit Tom Tykwer. Tom hat ein ziemlich festes Team von Mitarbeitern. Wir sind eine verschworene Gruppe von hart arbeitenden Verrückten, die alle das Glück hatten, einen genialen und visionären Filmemacher kennenzulernen. Und zur Klarstellung: die Musiken zu Toms Filmen werden von uns dreien gemeinsam geschrieben. Wenn man so will, von der Band "Pale 3".

    In diesem Jahr hast Du die Musik zum Film "Blood and Chocolate" beigesteuert. Was ist das für ein Film und wo wird man ihn sehen können?
    In den USA ist er bereits vor einem Jahr angelaufen, leider mäßig erfolgreich. Deshalb geht er in Deutschland direkt auf DVD, im Februar 2008.

    Bekannt geworden bist Du aber nicht als Filmmusik-Komponist, sondern als Tastenmann bei der Nina Hagen Band und bei SPLIFF. Wann und wie kam es zu der Entscheidung, nicht mehr auf der Bühne zu stehen, und stattdessen im Hintergrund die Musik für Filme zu machen?
    Das ging in vielen kleinen Schritten. Zuerst war mir auf Tour immer langweilig. Man lebte für die zwei Stunden am Abend und musste ansonsten die Zeit mit Fahren, Warten und Soundcheck totschlagen. Und das Programm am Abend war dann im Grunde immer das Gleiche. Kleine Kathastrophen sind eigentlich dann immer die schönsten Erinnerungen, z.B. als Potsch nicht 5 Meter, sondern nur 50 cm hoch über der Bühne schwebte. Für Liebhaber Amerikanischer Filme empfehle ich "Spinal Tap" aus dem Jahre 1982. Den gibt es nicht deutsch-synchronisiert, aber er beschreibt ganz gut, was bei tourenden Rockbands so alles passiert. Als mir Kim Wilde diesen Film 1986 vorspielte, blieb mir das Lachen im Halse stecken, weil mir alles so vertraut vorkam.

    Seit ein paar Jahren sind einige Deiner ehemaligen Kollegen mit dem Projekt "Bock auf Spliff" beschäftigt. Du selbst bist nicht dabei. Warum?
    Die Lebensrhythmen der Menschen lassen sich offensichtlich schwer koordinieren. Als Spliff auf dem Zenit des Erfolges war, emtschlossen sich ebendiese Bandmitglieder, Kinder in die Welt zu setzen. Daran gibt es nichts auszusetzen. Wenn man sich diese wunderbaren Wesen anschaut, kann man natürlich nicht umhin, diese Priorität zu verstehen. Das Problem war nur, dass es obendrein dazu führte, dass sich Manne und Potsch, und später auch Herwig, Richtung Südeuropa verlagerten, weil man ja Kinder nicht in der großen, stinkenden Stadt aufziehen kann. Da kann man sich einfach nicht mehr genug auf eine Karriere konzentrieren, ganz zu schweigen von Touren und ständiger Abwesenheit von zu Hause. Bei mir hat all das viel später stattgefunden. Ich bin auch ausgewandert und habe zwei Kinder, 7 und 9 Jahre alt. Nun muss ich, wegen meiner Arbeit, schon zum zweiten Mal für mehrere Monate nach Deutschland. Glücklicherweise können mich meine Jungs während dieser Zeit für einen Monat in Berlin besuchen. Aber neben all dem noch eine Reaktivierung des Rock'n Roll Lebensstils mit Schwerpunkt in Deutschland? Das würde meine Familie nicht verkraften. Selbst mit meiner ständigen Präsenz zuhause, in meinem Studio, konnte meine Ehe nicht bestehen. Aber das ist eine andere Geschichte. Ja, ich habe noch Kontakt zu den Spliffern, wenn auch nicht sehr intensiv. Eine Reunion ist für mich nur legitim, wenn alle mitmachen, deshalb bin ich natürlich im Moment derjenige, der's verhindert. Aber wie schon damals bei Manne und Potsch, haben sich andere Prioritäten ergeben. Und vielleicht ist das auch gut so, denn ich habe keine Reunions gesehen, die mir tolle Musik beschert haben.

    Reinhold Heil der Musiker: das begann nach Deinem Studium in den 70ern bei der Gruppe "Bakmak", richtig?
    Das war während meines Studiums, von 1973 bis '78. Auch meine Zeit mit der Nina Hagen Band (1977-79) war gleichzeitig noch Studienzeit. Das waren zwei harte Jahre. Glücklicherweise verließ Nina die Band zwei Monate vor meiner Diplomprüfung. So konnte ich noch ein wenig nachlernen. Bakmak war keine wirklich professionelle Band, obwohl die Musiker aller super waren.

    Wie bist Du zur Musik und dann zu der besagten Band gekommen?
    Als ich in den Sechzigern mit den Beatles, Stones, Cream, Zeppelin und Hendrix aufwuchs, war Musik noch das große Medium der Identifikation junger Menschen. Heute ist sie ja eher schmückendes Beiwerk zu Videos, Filmen und Computerspielen. Vielleicht würde ich heute Spieleprogrammierer werden. Aber damals war Musik cool. Ich saß stundenlang wie verzaubert vor meinen Hausaufgaben, und wachte nur aus der Trance auf, um die Langspielplatten umzudrehen. Und wie sich herausstellte, hatte ich wohl auch ein wenig Talent. Also hatte ich natürlich meine Band während der Schulzeit. Und ich hatte einen Freund, der sich ab und zu auch in Städten aufhielt, die mehr als 7000 Einwohner hatten. Er fand eine Möglichkeit, meinen Vater davon zu überzeugen, dass ich durch ein Studium an einer Musikhochschule einen anständigen Beruf erlernen könnte: den des Diplom Tonmeisters. Schade eigentlich, denn ich hätte ja auch Komposition studieren können. Aber irgendwie auch gut, denn das Studium gab mir einen Überblick über Musik und die Technologie, mit der man sie machen und aufnehmen kann. Das konnte ich später - auch heute noch - gut gebrauchen. Und so kam ich dann nach dem Abi nach Berlin, schrieb mich an der Hochschule Für Musik ein (heute Teil der UdK) und suchte mir eine Band. Bakmak spielte oft im Quasimodo, war von Miles Davis und Weather Report beeinflusst und hatte keinen Keyboarder. Zu diesem Zeitpunkt verachtete ich alles, was unter Rock'n Roll fiel, weil Electric Jazz einfach das Größte war. Also: kein David Bowie, keine Roxy Music oder T-Rex. Stattdessen Mahavishnu Orchestra, Soft Machine und Herbie Hancock.

    Bei "Bakmak" bist Du nur zwei Jahre aktiv gewesen, dann kam die "Nina Hagen Band". Wie entstand diese Gruppe und wie kam der Kontakt mit Nina zustande?
    Nein, wie gesagt: bei Bakmak spielte ich von Ende 1973 bis 1977, und dann noch ein paar Auftritte in 1978, als ich bereits mit Nina spielte. In 1976 jammte ich oft mit Wolfgang Thierfeldt, der ein Super Jazzdrummer war, aber auch schon mal bei der Lok Kreuzberg gespielt hatte. Der brachte mich mit Potsch zusammen, und gemeinsam hatten wir ein kleines Projekt mit Klaus Renft, der gerade aus der DDR gekommen war. SFB 3 machte ein TV Special mit ihm, und wir waren dafür kurzzeitig seine Band. Dabei lernten Potsch und ich uns schätzen und beschlossen "irgendwannmal" was zusammen zu machen. Ein Jahr später rief er mich dann an und sagte, die Lok sei in Auflösung begriffen, aber er, Manne und Herwig würden jetzt mit der Nina aus der DDR arbeiten. Und die hätte einen Plattenvertrag mit der CBS. Das war mir dann ne Nummer zu groß, weil ich ja noch studierte. So viel Dummheit muss man sich erstmal vorstellen. Hier kamen so viele Glücksfaktoren zusammen, dass man wirklich nicht damit rechnen konnte, dass sich sowas nach meiner Diplomprüfung wiederholen könnte. Glücklicherweise passten die beiden Keyboarder, die Potsch danach anrief, nicht sehr gut in die Band. Er rief also zwei Wochen später wieder an und sagte: "Du solltest mal alle kennenlernen und die drei Stücke hören, die wir bisher geschrieben haben, und dann kannst Du Dich endgültig entscheiden". Also ging ich hin, war verblüfft, dass ich nach vier Jahren doch noch nicht das ganze Spektrum Berliner Talents kannte. Die Jamsession war wirklich der Hammer. Ich hatte noch nie mit einem Drummer gespielt, der so viel Energie hatte wie Herwig Mitteregger. Ganz zu schweigen von der Vibralartistin! Ich wusste, dass ich zwei harte Jahre vor mir hatte, denn ich hatte nicht vor, mich zu exmatrikulieren. Aber an dieser Combo kam ich nicht vorbei. Und hier konnte ich alles unterbringen, was spannend war, sogar ein paar Electric Jazz Elemente. Wir waren eine eklektische Band mit der Energie von Punk, aber besser ausgebildet.

    Die erste LP der Nina Hagen Band schlug sofort ein und wurde sehr erfolgreich. Wie entstand diese LP und woher kamen die Ideen zu den Songs?
    Die Texte kamen alle von Nina. Die Musiken von allen Fünfen, mehr oder weniger zusammengejammt. Wir hatten diese merkwürdige Arbeitsweise von der Lok Kreuzberg übernommen: Von 9 - 17 Uhr wurde im Proberaum gejammt und - was dann so entstand - wieder und wieder geprobt. Die Band war demzufolge wirklich "tight". Aber irgendwie war es nicht die produktivste Methode. Im Februar 1978 hatten wir unseren ersten Gig im Quartier Latin. Danach gab es bereits TV Auftritte, die neugierig auf das Album machten. Nina war noch immer dabei, ihr schrilles Image zu entwickeln, aber durch Wolf Biermanns Ausbürgerung aus der DDR war sie ein Tagesschau-reifes Thema. Das kommt nicht oft vor, während man ein Bandprojekt aus der Taufe hebt. Wir hatten also gute Vorraussetzungen für Erfolg, abgesehen von der Tatsache, dass wir anders, und irgendwie auch besser waren als andere deutsche Bands... Huch, jetzt ist meine jugendliche Arroganz von damals wieder durchgekommen.

    Über die Entstehungsgeschichte der zweiten Langspielplatte ranken sich einige Geschichten. Eine Version der Geschichte ist die, dass Ihr Musiker die Platte in Abwesenheit von Nina eingespielt habt, und Ninas Gesang erst später aufgenommen und dazu gemischt worden ist. Was war da los?
    Im Februar und März 1979 tourten wir durch Europa, um das erste Album zu promoten und das zweite vor Publikum zu testen. Alle Stücke waren bereits fertig und funktionierten sehr gut. Während dieser Zeit kam es zu massiven Spannungen in der Band. Manne hatte, entgegen der sinnvollen Regel: "never fuck a front person", eine Beziehung mit Nina angefangen, von deren Zustand das Wohl und Wehe der Band abhing. Und dann kamen Drogen ins Spiel und beschleunigten das Ende. Nina kriegte natürlich alle Aufmerksamkeit und das führte dann zu peinlichen Situationen, wenn die Band eifersüchtig versuchte, auch noch wahrgenommen zu werden. Nach der Tour stieg Nina aus. Es gab einen Vertrag, der die Band und Nina verband, da es zwei Verträge mit CBS gab. Ohne diesen Vertrag wären wir vier kurz mal eben zur Seite gewischt worden. Aber so konnten wir die Gegenseite erpressen, mit Hilfe des Staranwalts Axel Meyer-Wölden. Die Gegenseite war übrigens nicht nur Nina, sondern auch unsere Plattenfirma, die uns für überflüssig hielt. Stimmte natürlich irgendwie, denn Nina hatte ja auch ohne uns eine Karriere, und sicher keine schlechte. Aber wir konnten ja was und daher fanden wir uns nicht damit ab, einfach gedroppt zu werden. Wir wollten Nina natürlich nicht im Wege stehen, aber die Arbeit am zweiten Album sollte nicht umsonst gewesen sein. Also bestanden wir darauf, das Album noch zu produzieren und dann einen Bandvertrag mit CBS zu bekommen. So bekamen die Döspaddel statt einem erfolgreichen Act dann zwei auf den Tisch, wobei der kleinere am Ende sogar noch mehr Platten verkaufte (ätsch!). Die Führung bei CBS wurde glücklicherweise sehr bald ausgewechselt und wir hatten den besten A&R Manager, den man sich vorstellen konnte: Jochen Leuschner, der später zum Geschäftsführer aufsteigen sollte.
    Also produzierten wir die Playbacks zu "Unbehagen" in den Hansa Studios im Herbst 1979. Ich war endlich mit dem Studium fertig und verstand mich als Profi, weil ich mich voll auf die Arbeit konzentrieren konnte. Davon haben wir alle profitiert, weil wir ja auch Produzenten des Albums waren, gemeinsam mit dem Toning Tom Müller und seinem Arrangeur und Koproduzenten Ralf Nowy.
    Ursprünglich wollte Nina die Gesänge im Abba-Studio in Stockholm aufnehmen, ohne unsere Anwesenheit. Aus unerfindlichen Gründen änderte sie allerdings ihre Meinung und kam nach Berlin. Es war sehr spannend und nicht immer angenehm, denn sie brachte reichlich Leute mit, um uns nicht alleine gegenüberstehen zu müssen. Aber irgendwie entspannte sich alles, nicht ohne die Hilfe von hausangebautem Gras aus Berlin Britz, was das beste Cannabis war, das ich je zu mir nehmen durfte. Ich bin absolut kein Kiffer, und habe mehr unangenehme als angenehme Erfahrungen mit dem Zeug, aber der Zeitpunkt und das Gras waren genau richtig. Wir hatten ne Menge Spaß bei den Aufnahmen. Ich war wohl der am wenigsten aggressive Kollege, daher ließ mich Nina ans Mischpult und die Bandmaschine, und wir nahmen eine Menge Parts zu zweit auf. Dabei merkte ich, wie sehr ich die Studioarbeit mit Sängern mochte. Das erfordert eine Menge Geduld und Verständnis und man muss auch ein wenig Freund und Irrenarzt sein (nicht nur bei Nina).
    Jedenfalls wurde alles gut. Durch die relativ gute Atmosphäre im Studio wurde es ein wirklich authentisches und kraftvolles Album. Das Einzige, was ich heute anders machen würde, ist die zweite Hälfte von African Reggae, bei der wir eine Menge von Ninas Improvisationen wegmischten.

    Aus der Nina Hagen Band wurde im Jahre 1980 SPLIFF. Nina hatte eine neue Band und ihre ehemaligen Musiker gingen ebenfalls eigene Wege. Wer hatte die Idee zu SPLIFF und welche Ziele verfolgte man damals mit der Gründung der Band?
    Wir alle beschlossen, auch ohne Nina zusammen weiterzumachen. Daher der erzwungene Vertrag mit CBS. Wir wollten es den Schlipsen und der ganzen Welt richtig zeigen. Aber WAS sollten wir tun? Wir jammten ziemlich ziellos in der Gegend rum. Das war die Phase, in der Günther Rakete nicht nur Manager war, sondern einen kreativen Funken schlug: er hatte die Idee zur Spliff Radio Show.

    Mit besagter "The Spliff Radio Show" erschien 1980 die erste LP. Auf der Platte ist eine richtige Rock-Oper zu hören, an der nicht nur die bekannten vier Spliffer beteiligt waren, sondern auch noch weitere Musiker. Bitte erzähl uns etwas über dieses Album und die Entstehung.
    Als das Konzept da war, wurde aus dem Funken ein Feuer und die Ideen kamen endlich. Wir hatten Alf Klimek auf dem Foolsfestival kennengelernt, wo er mit einer Australischen Comedytruppe auftrat. Er war in dieser Gruppe nicht glücklich, also luden wir ihn ein, sich unser Projekt mal anzuschauen. Er wurde dann zwar kein Bandmitglied, was ihn ziemlich nervte, aber er hatte entscheidenden Anteil an der Entstehung und dem Erfolg des Projektes. Die Scheibe war zwar nie in den Charts, verkaufte aber konstant über mehrere Jahre und kam auf locker 250.000 Stück (wo ist die Goldene, CBS ???? SONY Music??? Whoever???). Wir schafften uns eine 8-Spur Maschine an und produzierten eine komplette Demo Version des Albums in unserem Proberaum. Dann spielten wir einige Liveshows und sprühten den neuen Bandnamen bei Nacht und Nebel in alle wichtigen Großstädte. Für die Produktion gingen wir dann ins Audio Studio, wo mein Freund Udo Arndt als Ingenieur arbeitete. Wir produzierten selbst, aber er war der perfekte Soundmann und Helfer. Alles wurde erstmal live eingespielt, weil wir's ja schon auf die Bühne gebracht hatten. Aber dann gab's natürlich noch reichlich Overdubs und Feinarbeit, bei der die Studiotechnik eine große Rolle spielte. Da kam das Bedürfnis auf, selbst ein Studio zu besitzen, damit wir ungebremst durch Budgets und Zeitmangel experimentieren konnten. Schon für unsere Touren mit der Radio Show hatten wir kein Livepult gekauft, sondern ein nicht sehr roadtaugliches Soundcraft 1624, das eigentlich ein Recording Pult war. Es fehlten also nur noch ein paar Kleinigkeiten wie 24 Spurmaschine, große Monitorboxen und teure Neumann Mikrofone zum heimischen Glück. Das kam dann nach der Radio Show, als wir von Kreuzberg nach Moabit umzogen, in die ehemaligen Kühlräume einer italienischen Lebensmittelgroßhandlung.

    Alf Klimek hast Du schon angesprochen. Hat er etwas mit Johnny Klimek zu tun, mit dem Du heute noch oft zusammen arbeitest?
    Er ist Johnnys großer Bruder. Als die Radio Show nach zwei Jahren ein Ende hatte, verlangte er, volles Bandmitglied zu werden. Wir waren aber immer noch so traumatisiert von Nina, dass wir Sänger als "Frontschweine" einstuften und nicht zu nah an uns ranließen. Also zog Alf wieder nach Australien und kam zwei Jahre später mit zwei Geschwistern zurück: Johnny und Jayney, die Zwillinge. Zusammen mit Berliner Musikern gründeten sie die Band "The Other Ones" und waren mit "Holiday" in den Charts. So lernte ich Johnny kennen.

    Im Jahre 1982 erschien dann das Album "85555", benannt nach der Bestellnummer der Platte. Während "The Spliff Radio Show" noch in Englisch aufgenommen wurde, erschien "85555" in Deutsch und Englisch. Was waren die Gründe dafür, dass Spliff plötzlich Deutsch sang, und die LP in zwei Sprachen veröffentlich wurde?
    Wir hatten kein Frontschwein mehr und schrieben nicht mehr gemeinsam, sondern jeder im stillen Kämmerlein. Manche Texte waren eher provisorisch, manche auf Englisch, manche auf Deutsch. Gleichzeitig streckten wir unsere Fühler nach England aus, um einen amtlichen Sänger zu finden. Mit der Neuen Deutschen Welle hatten wir nichts zu tun. Da standen wir drüber und ärgerten uns endlos, wenn wir damit in einen Topf geworfen wurden. Wir hatten zwar entscheidend dazu beigetragen, aber Nina war ja die Texterin und die Persönlichkeit, die die Deutschen Musikszene auf den Kopf gestellt hatte. Wir waren schließlich nicht völlig größenwahnsinnig. Also lieferten wir unsere Demos bei Jochen Leuschner ab, so wie sie halt entstanden waren: halb Deutsch, halb Englisch. Der englische Sänger wollte sich irgendwie nicht einstellen, also machten wir's eben selber. Jochen Leuschner war dann derjenige, der uns ermutigte, die ganze Scheibe auf Deutsch zu machen. Er fand nicht, dass ein sprachlich gemischtes Album Sinn machen würde. Ich glaube, er hatte Recht. Aber er gab uns auch die Möglichkeit, die englische Version zu machen. Wir wollten natürlich nach Amerika, aber das klappte denn doch nicht. Dazu hätten wir in Amiland rauf und runter touren müssen. So wurde die Englische Version in Deutschland am besten verkauft.
    Wir stellten das Album vier Wochen vor seinem Erscheinen in der Dortmunder Westfalenhalle vor, bei der ZDF Rocknacht, wo wir als Opener für Saga, Meat Loaf und Foreigner fungierten. Am ersten Abend spielten wir nichts von der Radio Show. Erst als Zugabe bekamen die Leute drei der bekannteren Stücke zu hören. Die Reaktion war entsprechend schlaff. Meine Freundin Rosa heulte am Mischpult und dachte: "Jetzt ist alles vorbei", und Marek Lieberberg, unser Tourpromoter, wettete mit uns, dass das Album nicht mehr als 50.000 Stück verkaufen würde. Das kostete ihn dann ein paar Monate später eine Kiste Dom Perignon. Lecker... Am zweiten Abend streuten wir dann die Radio Show Stücke locker ins Programm und die Menschen waren schon freundlicher gestimmt. Man möchte halt mitsingen können...

    Stimmt es, dass der Singlehit aus dem Album, "Carbonara", bei einem Essen in einer Pizzeria entstanden ist?
    Wie schon erwähnt, waren wir inzwischen in Berlin Moabit und hatten das Spliff Studio gebaut, mit Hilfe eines Vorschusses des April Musikverlags, der dafür die Verlagsrechte an einer ganzen Reihe von Hits erwarb, wie sich später herausstellte. Moabit ist auch heute noch nicht das Zentrum der Haute Cusine in Berlin. An der nächsten Ecke gab es einen Italiener, der von Libanesen betrieben wurde. Da gingen wir fast jeden Tag zum Essen hin und bestellten billige Gerichte, denn wir waren ja nicht reich geworden durch unsere Erfolge, und die Zukunft war mehr als ungewiss. Ich hatte das Stück auf einem Akai 4-Spur-Cassettenrecorder zuhause aufgenommen und Potsch eingeladen, mit mir den Refrainchor zu singen. Wir sangen "Heiße Würstchen und 'ne Coca Cola", was schon ziemlich gut war. Der Text für die Strophen entstand dann nach und nach, und die Ideen gingen Richtung Italien. Ich hatte schließlich Latein in der Schule und einen Italienischen Reisesprachführer zur Hand. Also wurden aus den Würstchen die Nudeln. Nur dumm, dass Coca Cola nicht zur Kasse gebeten wurde (das würde heute nicht passieren).
    Ich war unlängst mal wieder in Siena und hatte die besten Spaghetti Carbonara. Definitiv nicht die Moabit-Variante. Allerdings konnten wir auch in Moabit manchmal gut essen: unsere Kellnerin Khadra machte uns an speziellen Tagen im Jahr Libanesisches Essen, zum Tourstart oder nach Fertigstellung eines Albums. Da kam Freude auf.

    Wie kann man sich die Arbeit zu dieser Zeit vorstellen? Wer hatte die Ideen zu Songs und Texten und wie entstanden die Titel?
    Wie gesagt: jeder schrieb im stillen Kämmerlein und brachte die Ideen mehr oder weniger ausgegoren ins Studio, wo alle dann darüber herfielen und sie spliffig machten. Es war eine perfekte Kombination zwischen individueller Arbeit und dem kollektiven Touch. Daher auch getrennte Copyrights, aber gemeinsamer Verlag, damit alle einen Anteil an allen Stücken bekamen.

    Der Erfolg des zweiten Albums war im Vergleich zu dem von "The Spliff Radio Show" weit größer. Wie überrascht war die Band damals von diesem plötzlichen und enorm großen Zuspruch von Medien und Publikum?
    Jeder, der einen solchen Erfolg ernsthaft erwartet, ist ein Vollidiot. Man kann sowas nicht vorhersagen, und das ist auch gut so. Und dann muss man halt damit klarkommen. Ich habe allerdings schon größere Probleme gehabt als diesen Erfolg.

    Mit "Herzlichen Glückwunsch" kam noch im gleichen Jahr ein weiteres Album auf den Markt. Wie habt Ihr das hinbekommen, trotz Erfolg von "85555", den Auftritten und dem ganzen Rummel trotzdem in so kurzer Zeit noch ein weiteres Album dieser Qualität fertig zu stellen?
    Die Qualität ist nicht schlecht, aber nicht ganz so gut wie 85555. Manche Ideen waren schon vorher da, aber der Text war noch nicht fertig (z.B. Das Blech). Wir tourten lange nicht so viel wie unsere Kollegen von BAP oder Extrabreit. Das Spliff Studio war irgendwie spannender als die großen Hallen mit viertausend Leuten drin und einem endlos frustrierenden Wabersound.

    Nach dem "Glückwunsch"-Album machten sich Teile von Spliff selbstständig und probierten eigene Dinge aus. Herwig Mitteregger veröffentlichte seine erste Solo-LP und Du hast mit Cosa Rosa das gleichnamige Projekt gegründet. Zeichnete sich da schon das Ende von Spliff ab?
    Irgendwie schon, aber nicht zwingend. Keines der Projekte verlangte zu viel Zeit. Spliff hätte also sehr wohl weiterexistiern können. Aber da kamen Kinder und keine Touren, also suchte man sich Beschäftigung und dann kamen die Ergebnisse davon der Band in die Quere. Letztlich war es Nena, die so viel Aufmerksamkeit verlangte, dass Spliff keine Basis mehr hatte.

    Mit "Schwarz auf Weiss" erschien 1984 das letzte Studio-Album von Spliff, das leider auch nicht so erfolgreich wie seine Vorgänger war. Danach war Schluss. Mitteregger nannte als Grund für das Ende der Band: "zu viele Häuptlinge, zu wenig Indianer". Siehst Du das auch so?
    Er hat schon recht. Kollektive sind nicht die produktivste Methode. Die wirklich guten Projekte haben klare Anführer und Masterminds. Aber wie gesagt: wie soll man das Leben von vier Menschen in allen Aspekten durchsynchronisieren? BAP steht und fällt mit Wolfgang, Grönemeyer ist - trotz einer konstanten Band - Solokünstler. Spliff war immer ein chaotisches, unentschlossenes Kollektiv. Auch Günther Rakete war kein Mastermind, wenn man mal von der Radio Show absieht.

    Wir hatten die Frage schon in dem Interview über Cosa Rosa erörtert, und die Antwort hast Du eigentlich schon vor ein paar Minuten gegeben. Die gleiche Frage möchte ich Dir in Bezug auf Spliff trotzdem noch einmal stellen. War Spliff ein Teil der NDW oder hattet Ihr damit gar nichts zu tun?
    Wollten wir nicht. NDW war ursprünglich auch sehr viel spezieller und wurde dann zum großen Überbegriff für alles, was an deutschsprachigem Pop in dieser Zeit passierte. Und so zieht die Geschichte über einen hinweg und man wird nicht mehr gefragt. Mal abgesehen von alten Fans auf einer obskuren Internetseite...

    Du hast danach, Mitte der 80er, als Produzent Großes geleistet. Unter Deiner Regie entstanden Alben von Nena, Die Ärzte und anderen erfolgreichen Künstlern. Wie kamen die Kontakte zustande und wie kam es zu Deiner Tätigkeit als Produzent?
    Ich hatte eine Single von Nena und den Stripes bei Jochen Leuschner im Büro entdeckt. Er spielte mir das Stück "Ecstasy" vor und ich sagte: "Das sieht gut aus und hört sich extrem vielversprechend an". Ein paar Monate später rief mich dann Andreas Kirnberger von der CBS an. Nena und Rolf Brendel hatten sich von den Stripes getrennt und suchten nach neuen Wegen. CBS bot mir den Job des Produzenten an. Da konnte ich nicht nein sagen. Nena zog nach Berlin, jobbte bei Jim Rakete im Büro und ich nahm, zusammen mit Manne Praeker, im Spliff Studio die ersten drei Stücke auf. Die erste Single "Nur Geträumt" verkaufte so gar nicht. Im Sommer 1982 trat die Band dann bei einem NDW-Special von Mike Leckebuschs Musikladen auf. Die Single wurde mit neuem Cover wiederveröffentlicht und knallte sofort in die Charts. Kein Remix, nur ein Cover, auf dem Nena nicht kunstvoll wie ein Hungermodel aussah und die Tatsache, dass Deutschland sie in einem blauen Ledermini gesehen hatte. Erst da kam die Genialität des Produzenten voll zur Geltung.
    Für die Ärzte war ich nur einmal tätig: mein Freund Manne hatte ein Album produziert und wollte nun die Liveversion von "Gehn Wie ein Egypter" im Studio aufbereiten, so dass sie als Single veröffentlicht werden konnte. Da hab ich dann ein paar Sachen gespielt, programmiert und den Mix gemacht. Es war der erste Charterfolg der Ärzte, aber nicht wegen meiner Beiträge. Die Jungs wussten ganz genau, was sie da trieben und haben ihren Erfolg redlich verdient.

    Aber auch als Musiker bist Du weiterhin aktiv gewesen. Zwischen 1987 und 1988 gab es das Projekt FROON, bei dem Du zusammen mit den ehemaligen Spliffern Praeker und Potschka, verstärkt durch Lyndon F. Connah, zusammen gespielt hast. Wie kam es zu dieser erneuten Zusammenarbeit mit Praeker und Potschka, und warum fand das nicht wieder unter dem Namen SPLIFF statt?
    Nur wenn Spliff drin ist, steht auch Spliff drauf. Ohne Herwig war es nicht Spliff. Wir sind da nicht clever, sondern integer. "Bock Auf Spliff" ist für meinen Geschmack schon jenseits der Grenze, aber man will ja niemandem im Wege stehen.

    Was bedeutet der Name FROON?
    Verschwendung von zwei Jahren meines Lebens. Nicht, dass ich das Album nicht mag, aber es ist ein Inbegriff von Achtziger Überproduktion. Musste eigentlich nicht sein.

    Was ich Dich schon immer fragen wollte: Im Jahre 1989 erschien ein Album mit dem Titel "Love Is The Answer" von der Gruppe MAD ROMEO. Hier warst Du nicht nur als Produzent tätig, sondern hast auch aktiv als Musiker einen Beitrag geleistet. Was war MAD ROMEO für eine Band?
    Das waren ein paar ganz talentierte Bengels aus Berlin, die ich schon als "Erster Futorologischer Kongress" mochte. Aber die Arbeitsweise war immer noch eine zeitraubende, perfektionistische. Und die Jungs phantasierten immer schon vom großen Erfolg. Ich sagte ihnen, dass das bei keinem meiner großen Erfolge so war. Während man arbeitet, spricht man nicht über Limousinen und Groupies. Die Strafe dafür folgt auf dem Fuße. Dazu kam, dass die Plattenfirma ein neues Label namens "Act" war, bei dem drei Veteranen des Business alles besser machen wollten. Alle Musiker und alle Plattenfirmen, so trompeteten sie in einem Stern-Interview, seien im Prinzip Deppen, denen man jetzt mal zeige, wie's gemacht wird. Als dieses Interview von Günther Rakete, Annette Humpe und Siegfried E. Loch erschien, hätte ich eigentlich den Krempel hinschmeissen sollen. Es war ein Sargnagel meiner Produzentenkarriere. Ich hatte einfach keinen Bock mehr auf diesen Quatsch. Ich bin immer noch sehr mit Annette befreundet. Sie ist einer meiner Lieblingsmenschen und ich habe ne Menge Respekt vor ihr. Ich halte sie für die beste Pop-Produzentin der Deutschen Geschichte. Obwohl, oder vielleicht gerade weil sie keinen Schimmer von Studiotechnik hat.

    Die Liste der Musiker, für und mit denen Du zusammen gearbeitet hast, ist lang. U.a. waren da die Rainbirds, Stefan Waggershausen, Marianne Rosenberg, Annette Humpe und Thomas D. (Fanta 4), um nur ein paar Namen zu nennen. Du selbst bist nach Froon nicht mehr als Musiker auf der Bühne aktiv gewesen. Warum nicht?
    Keine Zeit.

    Was hast Du in den 90ern gemacht, wo der Name Heil nicht mehr als Musiker in irgendwelchen CD-Booklets zu lesen war?
    Ich habe im "Electric Heidiland" gesessen und ein Soloalbum produziert, das ich dann nach fünf Jahren einstampfte. Meine Freundin Rosa Precht war Anfang 1991 gestorben und mir war für ne Weile alles scheißegal. Produzent wollte ich nicht mehr sein, und Komponist traute ich mich noch nicht. Ich hing mit Schauspielern in den Berliner Szenekneipen rum und komponierte Renaissance-Musik für eine Shakespeare Inszenierung von Kathi Thalbach. Das lief vor ausverkauften Haus, bis der Berliner Senat drei Monate später ausgerechnet das Schiller Theater schloss und Kathi sich erstmal neu orientieren musste. Ich hätte sehr gerne mit ihr weiter gearbeitet. Nebenbei machte ich für umsonst die Musik für Connie Walthers Studentenfilm "Börsday Blues". Das ging ich extrem umständlich an, wie es immer so meine Art ist. Aber ich lernte 'ne Menge und leckte Blut, was die Filmmusik anging.

    "Auffällig" bist Du erst wieder 1997/1998 geworden, als Du für den Soundtrack zu dem international sehr erfolgreichen Film "Lola rennt" tätig warst. Womit wir wieder bei der Frage vom Anfang wären: Wie kam es dazu?
    Johnny Klimek hatte nach "The Other Ones" Erfolg als Produzent in der explodierenden Berliner Technoszene. DJ Motte, Paul Van Dyk, etc. Das wurde ihm aber auch irgendwann langweilig. Er fing an, mich zu nerven. Er war der Meinung, dass ich mein Talent verschendete und er hatte wohl recht. Wir experimentierten für eine Weile mit der Sängerin Jovanka von Willsdorf unter dem Projektnamen "Babyloon". In dieser Zeit lernte Johnny Tom Tykwer kennen und spielte ihm die Sachen vor. Tom konnte nicht glauben, dass ich noch existierte. Er war ein ganz alter Fan, der mit 15 in den Konzerten der Hagen Band auf die Dame und ihre Figur, aber auch auf die Arbeit des Keyboarders abgefahren war. Die Arbeit an "Winterschläfer" war dann so wunderbar, dass ich endlich wieder Wind in die Segel bekam.

    Das Kapitel "Filmmusik" ist für Dich als Musiker heute das wichtigste, oder? Wird es Reinhold Heil noch mal irgendwann als Musiker auf der Bühne geben?
    Kann gut sein. Mit einem Symphonieorchester und ohne Carbonara. Ist es das, was Du Dir vorstellst?


    Warum nicht? Aber für meinen Geschmack doch eher die andere Richtung! Fehlt Dir die Bühne, wo Du als Live-Musiker aktiv sein kannst, nicht?
    Die beste Bühnenzeit war der kurze Rausch mit Nina. Gerade mal ein gutes Jahr. Diese Energie kommt nicht wieder. Und ich bin gut beschäftgt. Es kommt nie Langeweile auf.

    Rückblickend auf Deine Karriere: Was würdest Du heute anders machen, wenn Du die Chance dazu hättest, und was würdest Du wieder so machen, wie Du es gemacht hast?
    Ich wäre selbstbewusster und reiselustiger. Ansonsten hatte ich viel Glück und bin dann instinktiv doch das eine oder andere mal in die Richtige Richtung marschiert.

    Was waren für Dich die schönsten Erlebnisse in Deiner Karriere, was die weniger schönen?
    Wie schon gesagt: die Kathastrophen waren immer spannend. Es wurde nie langweilig. Aber hier ist ein perfektes Beispiel: die Nena Band bei den Aufnahmen zum ersten Album: super motiviert, hart arbeitend, inspiriert und voller guter Laune. Beim dritten Album: alles musste "international" und teuer sein, damit es auch erfolgreich wird, damit sie ihre immensen Steuerschulden begleichen können. Und ein Gitarrist, bei dem das "Gleichgewicht der Kräfte" zwischen Kokain, Haschisch und Jack Daniels hergestellt werden musste. Der Rest kokste heimlich, weil sie wussten, wie ich darüber dachte.

    Mit Deiner Musik und Deiner Tätigkeit als Produzent hast Du stets den Nagel auf den Kopf getroffen. Die Musik hat sich inzwischen extrem verändert. Welche Veränderungen - positiv wie negativ - stellst Du im Vergleich zu den 70ern und 80ern heute fest?
    Keine Ahnung. Ich verfolge das nicht. Die Technologie spielt sicher eine Rolle. Es gab immer schon Plastikprodukte und authentische Bands. Die Industrie geht jetzt hoffentlich bald endgültig den Bach runter, damit endlich was Neues kommen kann. Radiohead ist nicht nur musikalisch meine Lieblingsband. Obwohl ihr neues Geschäftsmodell nicht generell angewandt werden kann.

    Was hörst Du privat für Musik? Was war die letzte CD, die Du Dir gekauft hast?
    Woher weißt Du, dass ich immer noch CDs kaufe? Ich warte auf die neue Radiohead, die Anfang Januar endlich auf CD kommt. Ich mag das Internet, aber der iTunes Store ist nur gut für die Labels, die die Musiker nicht an den Erlösen beteiligen wollen. Da muss noch was Besseres kommen.

    Ich nenne Dir jetzt ein paar Schlagworte. Bitte antworte spontan und in einem Satz, was Dir dazu einfällt:
    Casting Shows:

    Was?

    MP3 / Downloads:
    Wenn die Bosse keine Ahnung haben, findet die Musik ihren eigenen Weg, auch wenn's uns Musikern weh tut. Den Leuten ist's wurscht. Solange man nicht erwischt wird, nimmt man jedes Schnäppchen mit.

    Schlüchtern:
    Heimat Nummer eins. Ich fahre immer noch gerne hin. Meine halbe Familie ist immer noch dort. Mein Neffe Nico ist jetzt mit 16 schon dreimalsogut als Gitarrist wie ich im selben Alter als Keyboarder.

    Berlin:
    Heimat Nummer zwei. Da hab ich immer noch einen Koffer. Wenn ich das Geld hätte, würde ich mir das passende Loft dazu kaufen.

    Zukunftspläne:
    Meine Scheidung finanziell überleben. Mein Haus retten, abreißen und stattdessen ein energiesparendes, modernes Fertighaus bauen. Meine Kinder so viel wie möglich sehen. Und noch viele gute Filmscores schreiben. Es gibt kein schöneres Erlebnis als ein großes Orchester, das meine Musik spielt. Und wer weiß: vielleicht gibt's auch irgendwann nochmal späten Nachwuchs. Meine Freundin nervt schon. Sie ist 35, wenn Du weißt was ich meine... (Ja, kenne ich auch gut, Anm. d. Red.)

    Womit wir auch am Ende unseres Interviews angekommen sind. Möchtest Du noch ein paar Worte an unsere Leser richten?
    Nach fast 20 Jahren scheint für Manche die Wiedervereinigung immer noch ein schmerzhafter Prozess zu sein. Ich bin nach wie vor froh, dass sie stattgefunden hat und kann den Zynismus mancher Zeitgenossen nicht verstehen. Berlin ist zwar nicht mehr nur die Subkultur, aber es wird trotzdem immer besser. Alles hat seinen Platz hier. New York ist ein gutes Vorbild. Und nicht vergessen: es waren nicht Helmut Kohl und Ronald Reagan, die die Mauer überwanden, sondern Willy Brandt, Michail Gorbatschow und die DDR Bürger. Das Volk. Dazu nach wie vor: Herzlichen Glückwunsch! Und weiter so. Toi toi toi.

    Interview: Christian Reder

    http://www.music-pleasuredome.de


    31.01.2008 PLAYLIST:
    MAI TAI - "onder voorbehoud (Limited Edition)" (CD & DVD), KILLING JOKE - "brighter than a thousand suns
    (Restored Mixes)", SMASHING PUMPKINS - "zeitgeist", LAFEE - "jetzt erst recht", von C.: V.A. - "bamalamas
    youtube favoriten" (2 DVD-R), SEAL - "system", BONEY M. - "best in spain", JAN DELAY - "mercedes dance",
    NINA HAGEN - "fearless", VIDEO - "videoterapia" (vinyl), TAKE THAT - "beautiful world" , ALICE - "falsi allarmi",
    THE FLIRTS - "made in america"

  11. #50
    Benutzerbild von bamalama

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    www.julianewerding.de

    In einem unserer letzten Newsletter haben wir Euch die Möglichkeit gegeben, Juliane Werding selbst zu interviewen. 15 Fragen haben wir ausgewählt. Juliane hat Eure Fragen während der Tour-Proben beantwortet.

    Hier ist EUER INTERVIEW:

    Wäre schön, wenn Du bei Deiner nächsten Tournee auch wieder in Westdeutschland mehr Konzerte geben würdest oder ist bereits in diese Richtung etwas geplant?
    Nein, da ist leider derzeit nichts geplant. Das Problem wurde ja schon oft angesprochen. Darauf habe ich keinen Einfluss. Wir „verkaufen“ ja die Show als Komplettpaket an örtliche Veranstalter. Das wird bundesweit ausgeschrieben. Und die Ost-Veranstalter buchen da immer im großen Stil. Das gilt für viele Künstler. Eine wirkliche Erklärung dafür habe ich nicht – ich trete in Ost und West gleich gern auf.

    Ich würde gerne fragen: Hast du nach der langen Zeit Bühnenerfahrung noch
    Lampenfieber?

    Ja. Jeden Abend, am schlimmsten aber bei der Premiere. Ich fürchte immer, Texte zu vergessen und irgendwo hängenzubleiben. Die Texte der alten Songs kenne ich natürlich in- und auswendig. Aber die neuen muss ich richtig lernen – wie Vokabeln.

    Gibt es Möglichkeiten, dass etwas ältere Alben von Ihnen noch als CD erscheinen. Ich denke da „Oh Mann Oh Mann“ und „Ein Schritt weiter“.
    Die Rechte an meinen Alben habe ja nicht ich, sondern die Plattenfirmen, in diesem Fall eine frühere Plattenfirma, bei der ich in den Siebzigern unter Vertrag war. Ob und was die wann und wie veröffentlicht, kann ich gar nicht beeinflussen. Die Firma ist inzwischen längst in einer anderen aufgegangen bzw. fusioniert, daher besteht dort schon seit vielen Jahren kein Kontakt mehr.

    „Ein Spiel, das nur Verlierer kennt“. Kann man dieses Lied eventuell irgendwann nochmals als Bonus oder Ähnliches auf einer Maxi veröffentlichen, oder im Web legal zum downloaden anbieten?
    Auch hier gilt, dasselbe wie oben. Auf die Veröffentlichungen der alten Plattenfirmen habe ich keinen Einfluss. Und da es den Song schon gibt, sehe ich keinen Grund, ihn noch mal zu machen. Das Kreative am Musikmachen ist doch das Neue! Wenn ich überhaupt noch mal etwas neu aufnehmen sollte, dann sollte es auch etwas sein, das wirklich vielen Menschen gefallen hat und entsprechend bekannt ist.

    Die Texte deiner Lieder, welche du ja zum größten Teil selber schreibst, die Bücher, die schon veröffentlicht sind, Theaterauftritte uvm. Bleibt da denn noch Zeit für andere Dinge, die das Leben so lebenswert machen? Muss man nicht auf vieles verzichten?
    Abgesehen von fixen Terminen wie Tourneen oder Konzerte, wo ich mal länger nicht zuhause bin, kann ich ja als Selbstständige über meine Termine frei verfügen und von zu Hause aus arbeiten, wo die Bücher und die Songtexte entstehen. Ich habe es sicher sogar leichter, das unter einen Hut zu bringen, als die meisten anderen berufstätigen Frauen, die morgens um 7 ins Büro müssen. Und nichts davon passiert gleichzeitig, immer ein Projekt nach dem anderen. Wenn die Texte geschrieben sind, geht’s ins Studio. Danach auf Tour, zwischendurch eventuell ein Buchprojekt. Das lässt sich immer ziemlich reibungsfrei organisieren.

    Welche Art von Büchern liest Juliane gern? Und welches ist das letzte Buch, das sie gelesen hat?
    (Abgesehen von Fachbüchern aus dem Bereich der Homöopathie) grundsätzlich Romane, alles, was spannend ist. Zurzeit „Das Haus“ (House of leaves) von Mark Z. Danielewski – sehr mystisch!

    Wäre es möglich, einen deiner Fans spontan mitsingen zu lassen während deinen Konzerten?
    Na, das machen wir doch oft: Am Schluss reiche ich das Mikro immer an die Leute in der ersten Reihe weiter.

    Da wir ja so unsere Wünsche und Interessen äußern können, wie wäre es mit einer neuen DVD?
    Eine DVD-Aufzeichnung wird es nicht geben. Viele Zuschauer haben sich bei der Aufzeichnung damals negativ geäußert, weil sie sich von den Kameras gestört fühlten, was ich gut nachvollziehen kann. Und die DVD ist ja dadurch entstanden, dass ein TV-Sender, der von vielen Künstlern jeweils ein Konzert aufgezeichnet hat, als Produzent mit im Boot saß. Ohne diese finanzielle Unterstützung ist so was (wenn es professionell aussehen soll) nicht realisierbar. Abgesehen davon gibt es ja bereits eine DVD und eine Live-CD. Diese würden ihren Stellenwert als einmalige Projekte verlieren, wenn wir jede Tournee in irgendeiner Weise aufzeichnen würden.

    Gestaltest du die Arrangements und Instrumente der CD’s mit oder überlässt du die Entscheidung dabei den Produzenten?
    Ganz überwiegend überlasse ich das Leuten, die darauf spezialisiert sind. Aber wenn ich Vorschläge habe oder mich bestimmte Dinge stören, dann bringe ich das natürlich ein. Bei Advocatus Diaboli habe ich zum Beispiel viele Anregungen beigesteuert, besonders die Idee mit diesem chaotischen, fast atonalen Schluss.

    Wie lange kannst du dir noch vorstellen Musik zu machen?
    Hast du schon einmal darüber nachgedacht als Interpretin zurücktreten und nur noch aus dem Hintergrund heraus zu agieren?
    Ich bin ja überhaupt kein planender Mensch. Deshalb kann ich da keine eindeutige Antwort sagen. Alles in meinem Leben hat sich eigentlich immer „ergeben“. Jetzt ist erstmal die „Ruhe vor dem Sturm“ dran, was danach kommt, darüber mache ich mir nach der Tour Gedanken.

    Was steckt hinter dem Song "Manchmal", wer ist "sie", vor der wir stehen?
    Behandelt der Song "Schwarz" das Thema eines Komazustandes?
    Richtet sich "Deine Stimme" an ein höheres Wesen oder an einen Toten?
    Wovon hat die im Refrain angesprochene Person in "Wie im Dezember" nichts geahnt?
    Meine Songs sind ja keine Schulaufsätze, da gibt es nicht „falsch“ oder „richtig“. Das finde ich gerade das Schöne daran, dass sie nicht eine bestimmte Interpretation vorgeben, sondern jeder Hörer sich seine eigenen Gedanken machen kann.

    Wird der Auftritt bei „Menschen der Woche“ noch nachgeholt?
    Das muss die Redaktion mit dem Management absprechen. Da mische ich mich nicht ein. Stattdessen war ich ja bei ZIBB.

    Wieso "experimentierst" du nicht mehr mit deinem Aussehen, so wie in den 80ern?
    Du meinst die Haare? Wenn ich in Talkshows die alten Aufnahmen sehe, muss ich manchmal selber lachen. Das wäre heute nicht mehr mein Stil. Mir gefallen die langen blonden Haare einfach am besten. Außer morgens beim Duschen! ;-)

    Wirst Du Dir noch mal einen treuen tierischen Freund zulegen???
    Eigentlich habe ich gesagt: Nie mehr! Kein Hund könnte sein wie Bonita. Doch die Statistik sagt, dass die meisten Besitzer, deren Hunde verstorben sind, innerhalb eines Jahres sich wieder einen neuen Gefährten zulegen.

    Hat Juliane mit dem geplanten Eröffnen ihrer Heilpraktikerpraxis trotzdem vor, weiterhin Musik zu machen?
    Wieder als Heilpraktikerin zu arbeiten, könnte mir durchaus gefallen. Aber ich möchte mich da noch nicht festlegen. Die Erfahrung lehrt nämlich, dass sich diese beiden Berufe quasi nicht vereinbaren lassen. Man kann nur eines von beiden voll und ganz machen, weil sonst etwas immer auf der Strecke bleibt. Damals war es schwer für meine Patienten, wenn ich längere Strecken als Behandlerin ausfiel, weil ich auf Promoterminen unterwegs war. Man baut ja ein sehr enges Vertrauensverhältnis auf. Da kann man dann nicht mal eben vier Wochen unerreichbar sein.
    Jetzt gehe ich erstmal auf Tour – und was danach kommt, werde ich mit gründlich überlegen. Momentan habe ich den Kopf dafür nicht frei. Ich lasse mir jedenfalls alle Optionen offen und möchte nicht auf etwas festgelegt werden, was ich in einem Interview gesagt habe. Denn „Es gibt kein Zurück“, wie es so schön heißt. Darum sollte man die Tour auch nicht verpassen!



    28.02.2008 PLAYLIST:
    FUN FUN - "color my love / the best of", JANET JACKSON - "discipline", BUGGLES - "adventures in modern
    recording", , SHARPE + NUMAN - "automatic", TALK TALK - "asides besides" (2 CD), DALBELLO - "whore",
    GENGHIS KHAN - "non-stop best hits", MATIA BAZAR - "melò", RHEINGOLD - "rheingold", MONROSE - "strictly
    physical"
    , VISAGE - "the anvil", ARABESQUE - "greatest hits" (DVD)

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