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Sind wir eine aussterbende Species?

Erstellt von dancermike, 28.09.2006, 20:08 Uhr · 49 Antworten · 4.027 Aufrufe

  1. #11
    Benutzerbild von NovalisHH

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    Ich denke nicht, daß die Musik der 80er aussterben wird, ebensowenig wie das oft damit verbundene "Lebensgefühl" - wobei letzteres natürlich nur wir "Zeitzeugen" erlebt haben.

    Ich habe eine ganze Menge junger Leute - v.a. Damen gg* - um die 20 in meinem MSN-Messenger. Nicht alle, aber sehr viele können mit Bandnamen oder Liedertiteln "von damals" durchaus etwas anfangen. Immer wieder bekomme ich Anfragen der Sorte "Welches ist das beste Album von Meat Loaf? Welches soll ich mir kaufen?" oder "auf welchem Tears-for-Fears-Album befindet sich "Shout"? etc.

    Natürlich werden die "Spätgeborenen" ganz spezielle 80er-Bands - ich nenne mal als Beispiele, weil ich gerade einen LP-Sampler mit ihnen aufliegen habe, z.B. Endgames, Heaven 17, Freeez - nicht unbedingt kennen - aber ich stelle schon immer wieder hocherfreut fest, daß sich immer mehr junge Leute, die in den 80ern erst das Licht der Welt erblickten, durchaus für die Klänge ihrer Geburtsjahre interessieren - und hierbei auch nicht nur die "Allzeit-Partyhits" a'la "Live is Life", "Summer of 69" oder "Don't you (forget about me)" im Blickfeld haben (wobei mir es persönlich äußerst weh tut, daß gerade der hochathmosphärische Wave-Klassiker "Don't you" zu einem "Fetenhit" abgesunken ist - aber dies ist ein anderes Thema...)

    In der "Gothic-Szene", aus der einige meiner Chat- bzw. MSN-Bekannten stammen, sind die 80er übrigens allgegenwärtig, bei 17/18jährigen ebenso, wie bei 25/30jährigen. Und viele Vertreter der "Gothics" kennen durchaus auch speziellere Sachen... Neulich hat mit eine 18- bzw. inzwischen 19jährige Abiturientin von den Skids, den Psychedlics Furs oder den Chameleons vorgeschwärmt... ich gebe zu, nicht mehr aus dem Staunen herausgekommen zu sein.

    Meine beste Chatfreundin ist 20, stammt ebenfalls aus der "Gothic Szene" - und legte mir neulich eine brillante Interpretation der gesellschaftspolitischen Hintergründe einiger NDW-Klassiker vor... ich war begeistert
    (Gruß an Dani g*)

    Nächster Punkt:

    Daß aktuelle Produkte der Künstler "unserer Generation" nicht so häufig in Plattenläden in den Regalen stehen, liegt m.E. sicherlich auch daran, daß viele unserer einstigen Heroen heutzutage bei sehr kleinen, oft unabhängigen Labels unter Vertrag stehen. Etwa Midge Ure bzw. Cutting Crew bei "Hypertension", Saga oder Asia bei "Inside Out", Lloyd Cole oder Morrissey bei Sanctuary oder - aus einer ganz anderen musikalischen Ecke - z.B. Juliane Werding bei DA Music bzw. gar einem Unterlabel dieses musikalischen "Resteverwerters oder Tommy Steiner beim kaum auffindbaren Minilabel "Palm Records".

    Die Budgets dieser Firmen sind natürlich weitaus geringer, als die bei den sog. "Majors". Folglich werden kleinere Auflagen der CDs hergestellt und können dieselben auch nicht in dem Maß beworben werden, wie Produkte, die etwa bei SONY-BMG, Universal oder Warner erscheinen.
    Daraus folgt, daß in manchen Plattenläden höchstens (!) ein bis zwei Exemplare etwa der aktuellen (bei "Hypertension" veröffentlichten) CD von Mdige Ure stehen, während "Best of Ultravox"-Koppelungen, die von Chrysalis bzw. heutztage EMI zusammengestellt wurden, oft sieben, acht Mal in den Regalen zu finden sind.
    Produktionen kleinerer Labels finden allgemein weniger Eingang in die Kaufhäuser und Mediamärkte, was aber auch bei bei kleinen Labels erscheinenden Tonträger "heutiger" Künstler der Fall ist.

    Weiters:
    Während die 90er und "Nuller Jahre" bislang m.E. kaum "zeitlose" Bands hervorgebracht haben - wer erinnert sich von uns denn noch an die Top-10-Bands, sagen wir, von heute vor zehn Jahren?? -, enstammen den 80ern Truppen wie U2, Depeche Mode, A-Ha, Simple Minds, Pet Shop Boys, Duran Duran, die für mehrere Generationen schlicht Kult sind - wobei ich selbst z.B. mit aktuellen U2-Songs nichts anfangen kann - dennoch ziehen derartige Bands Fans aller Altersstufen in ihre Konzerte. Bei A-Ha im November 2000 in der Hamburger Sporthalle standen 16/17jährige Teenies (die die Band so eben erst durch "Summer moved on" kennengelernt hatten), neben Vertretern "unserer" Generation - und sogar noch Älteren, die vielleicht 1985 30/35 Jahre alt waren und ganz heimlich, still und leise, wenn es keiner merkte, im Jugendzimmer der zwölfjährigen Tochter "Take on me" aufgelegt hatten.

    Daran sieht man, daß sich gute Musik - egal, welcher Stilrichtung - einfach im Gespräch hält, während rein kommerzielles, mittelmäßiges Gedudel, das m.E. nach 1992/93 eindeutig Charts und Radio dominierte, schnell wieder vergessen ist (zurecht, wie ich finde!)

    Nächster Punkt:
    Daß uns "Zeitzeugen" die 176. Best-of-Nena-Kompilation nervt, ebenso wie zum 347. Male "Die größten Hits der NDW", ist klar - wir "Eingeweihten" möchten z.B. Sternhagel, Cats TV, FEE, D.Ö.F., etc. am liebsten "remastered" auf CD sehen.
    Aber genau diese stets sehr gut verkauften Best-of-Scheiben, deren Inhalt wir natürlich schon längst in mehrfacher Ausführung besitzen, tragen dazu bei, "unsere" Musik jüngeren Leuten schmackhaft zu machen, sie dafür zu begeistern.
    Da hört ein 15jähriger in der Disco "Bruttosozialprodukt" und "Goldener Reiter" - die Songs gefallen ihm - er sucht sich eine der zig Best-of-NDW-Sampler im Plattenladen, hört sich diesen in Gänze an - und stellt fest: es gab ja noch mehr Klasse NDW-Songs damals - dies berichtet er seinen Altersgenossen - und so setzt sich die Reise unserer Klänge in die Jetztzeit fort.

    Ich habe einer großen deutschen Plattenfirma - Einige von Euch wissen, worum es geht - vorgeschlagen, mal das ein oder andere CD-Set mit rareren 80er-Sachen zusammenzustellen... ich habe noch keine Rückmeldung, werde aber, falls so etwas durchsetzbar ist, zum erstmöglichen Zeitpunkt darüber berichten.
    Denn unsere Generation hat nun mal zumeist die finanziellen Möglichkeiten, für ein intensiver, liebevoller und hintergründiger zusammengestelltes CD-Set mit Rarem aus unserer Jugend, einen (dafür durchaus nötigen) höheren Preis zu entrichten... während der Teenager des Heute aus monetären Gründen natürlich lieber auf eine Best-of-Nena-CD oder Best-of-NDW-CD der konventionellen Machart zum Preis von acht oder zehn Euro zurückgreift.

    Ich denke, daß diese oft lieblos zusammengestellten Best-of-Alben eine Menge dafür tun, "unsere" Musik "Spätgeborenen" schmackhaft zu machen - auch, wenn sie uns "Zeitzeugen" längst aus dem Halse heraushängen.

    So, damit möchte ich meine Ausführungen erst mal beenden... muß nun gleich raus in die Frische Luft.
    Zu weiteren interessanten Aspekten von Euch äußere ich mich gerne zu einem späteren Zeitpunkt

    Liebe Grüße aus HH

  2.  
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  3. #12
    Benutzerbild von italomaster

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    Zitat Zitat von producer Beitrag anzeigen
    Das unterschreibe ich sofort mit dem ganz dicken Edding.
    Vielen Dank Sonny.
    Ich absolut nicht! Ich denke, dass VONKEIL Recht hat und es durchaus einen Veraenderung, ja, einen Bruch in der Entwicklung gibt.

    Wie er schon sehr richtig feststellt, wurden damals Kulturen gepraegt, konnten sich entwickeln und waren mit Entwicklungen verbunden. Das moegen die Großeltern doof gefunden haben (meine Omma hat nicht verstanden, warum "Geil" auf Platz eins war damals).
    Aber heute werden in zunehmendem Maße Beduerfnisse seitens der Industrie gepraegt und geschaffen, und die Drehzahl der Trends ist mehr als kurz.
    Fuer mich ist da einfach ein Unterschied in der kreativen Qualitaet zwischen damals und heute, wenn man sich die aktuellen Charts anschaut.

    Ich kaufe heutzutage mehr Musik als je zuvor, man muss sich halt nur sehr intensiv kuemmern, was so rauskommt. Und es kommt -abseits der Charts - viel Gutes raus...!

  4. #13
    Benutzerbild von B-Hörnchen

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    ... falsches Thema, sorry!

  5. #14
    Benutzerbild von producer

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    Zitat Zitat von italomaster Beitrag anzeigen
    Wie er schon sehr richtig feststellt, wurden damals Kulturen gepraegt, konnten sich entwickeln und waren mit Entwicklungen verbunden.
    Daran hat sich nichts geändert, nur die Zeitintervalle werden immer kürzer, die Entwicklung verläuft längst nicht mehr so schnarchig, behäbig und selbstgefällig wie früher, sondern viel schneller. Für manchen sicher zu schnell, das kann schon sein. Wie man aber der nächsten, schnelleren Generation ihr Lebensgefühl absprechen kann, nur weil man (böswillige, provozierende Unterstellung!) selbst nicht mehr so recht folgen kann, und diese Generation vielleicht gar keine Lust hat, einen Trend womöglich jahrelang durchzukauen, bis nichts mehr davon übrig ist, kann ich nicht nachvollziehen. Die Beatles haben die Popmusik beeinflusst, die Stones haben die Rockmusik beeinflusst, und Jimi Hendrix erst, Elvis, Travolta, Bee Gees, Beach Boys, wow! Ja. Vor gefühlten 1000 Jahren!

    Eine Generation hat ihre Barbie und Schlümpfe und Slimie und die anderen eben Pokemons, Klingeltöne und Web Chats.

    Zitat Zitat von italomaster Beitrag anzeigen
    Aber heute werden in zunehmendem Maße Beduerfnisse seitens der Industrie gepraegt und geschaffen, und die Drehzahl der Trends ist mehr als kurz.
    Nun wird aber niemand gezwungen, an 'Trends' gleich welcher Art teilzunehmen. Welche Bedürfnisse meinst du denn genau?

    Zitat Zitat von italomaster Beitrag anzeigen
    Fuer mich ist da einfach ein Unterschied in der kreativen Qualitaet zwischen damals und heute, wenn man sich die aktuellen Charts anschaut.
    Naja, ob nun Bruce & Bongo kreativer und höherwertiger waren als z. B. Chipz, Hot Banditoz oder Venga Boys, muß jeder für sich entscheiden. Versuch doch einfach mal (nur ganz kurz! ), im Kopf nochmal 13 oder 14 zu sein, und nicht die Charts und Trends aus deiner Erwachsenenperspektive zu sehen, dann wird das Bild gleich ein wenig klarer. Musikgeschmack ist nun mal subjektiv, die Charts bestimmen längst nicht mehr wir (oder sitzt du immer noch gespannt vor dem Radio, einen Finger auf der Aufnahmetaste, um nur ja nicht den tollen Song zu verpassen?), weshalb sie uns auch ziemlich wurscht sein dürfen.

    Wir hatten Atari mit Defender und Frogger, die Kiddies von heute haben halt ihre Handys, Playstations und IPods (R). Ich kann da beim besten Willen keinen Verfall der Kultur feststellen.

    Zitat Zitat von italomaster Beitrag anzeigen
    Ich kaufe heutzutage mehr Musik als je zuvor, man muss sich halt nur sehr intensiv kuemmern, was so rauskommt. Und es kommt -abseits der Charts - viel Gutes raus...!
    Ich kaufe aktuell so gut wie nichts mehr - weil ich das auch nicht muß, okay Aber dein letzter Halbsatz gefällt mir gut. 'Unsere' Musik findet tatsächlich abseits der Charts statt. Egal, ob wir nun gern Songs hören, die inzwischen vielleicht 25, 26 Jahre alt sind, oder uns abseits der Charts aus der Fülle bedienen, die die Industrie bietet. Aber darin sehe ich kein Problem, denn man bekommt ja (wirklich fast) alles, was das Herz begehrt, nur vielleicht nicht immer beim Sat**n um die Ecke.

  6. #15
    Benutzerbild von Timeghost

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    Ich bin sehr froh darüber diese Art der Musik der 80-er in keinem Plattenladen mehr zu finden ist (zumindest in keiner Charts-Abteilung).

    Die Nostalgie würde doch vollkommen verloren gehen. Es gab genug Songs im Laufe der Zeit. Es soll so bleiben.

  7. #16
    Benutzerbild von Torsten

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    Zitat Zitat von italomaster Beitrag anzeigen
    Ich absolut nicht! Ich denke, dass VONKEIL Recht hat und es durchaus einen Veraenderung, ja, einen Bruch in der Entwicklung gibt.

    Wie er schon sehr richtig feststellt, wurden damals Kulturen gepraegt, konnten sich entwickeln und waren mit Entwicklungen verbunden. Das moegen die Großeltern doof gefunden haben (meine Omma hat nicht verstanden, warum "Geil" auf Platz eins war damals).
    Aber heute werden in zunehmendem Maße Beduerfnisse seitens der Industrie gepraegt und geschaffen, und die Drehzahl der Trends ist mehr als kurz.
    Fuer mich ist da einfach ein Unterschied in der kreativen Qualitaet zwischen damals und heute, wenn man sich die aktuellen Charts anschaut.

    Ich kaufe heutzutage mehr Musik als je zuvor, man muss sich halt nur sehr intensiv kuemmern, was so rauskommt. Und es kommt -abseits der Charts - viel Gutes raus...!
    Volle Zustimmung - bis auf den letzten Satz: Dem muss ich an dieser Stelle mal energisch widersprechen.

    Drastisch formuliert: Ich kann diese "man-muss-sich-nur-mal-abseits-der-Charts-umschauen"-Leier nicht mehr hören. Schon seit Jahren lasse ich mir über Freunde oder andere Quellen Tipps zu unbekannteren Interpreten geben, um unter der aktuellen Musik endlich mal wieder fündig zu werden - bis auf ganz wenige Ausnahmen war die Ausbeute nahezu null. Mindestens 95 % dieser "Geheimtipps" klingen zwar ambitioniert und handwerklich gut gemacht - aber letztlich fällt das für mich alles unter die Kategorie "gepflegte Langeweile". Nur ein Beispiel: das von vielen so hochgejubelte Album "Moon Safari" von Air (wobei das ja schon längst kein Geheimtipp mehr war) - für mich allenfalls zum Einpennen geeignet.

    Zugegeben, das hängt wohl mit meinem simpel gestrickten Gemüt in Bezug auf den musikalischen Geschmack zusammen: Für mich war, ist und bleibt eine gute, eingängige Melodie das entscheidende Kriterium bei der Bewertung von Musik. Und da gibt es nach meiner Wahrnehmung seit ca. zehn bis fünfzehn Jahren kaum noch Leute, die in dieser Hinsicht was Gescheites auf die Beine stellen - völlig egal, ob im Mainstream oder Underground. Damit stehe ich auch nicht alleine - es gibt eine ganze Reihe erfahrener Musikfans, die der Meinung sind, dass die 80er das letzte Jahrzehnt waren, das noch richtig viele zeitlose Klassiker hervorgebracht hat (kein Wunder, dass die seit Jahren massenweise gecovert werden).

    Dieses ständig bemühte Argument mit der Musik "abseits der Charts" ist für mich ein klares Indiz dafür, dass die Qualität der Popmusik drastisch abgenommen hat. Denn wenn es zeitlos gute Produktionen gäbe, wie sie früher auch in den Hitparaden zu finden waren - Kommerz und Qualität sind ja nicht zwangsläufig ein Widerspruch -, dann müsste man auch nicht ständig fieberhaft nach ihnen suchen.

    In diesem Zusammenhang gab es vor einem Jahr einen interessanten Artikel auf "sueddeutsche.de":

    http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/958/56902/5/

    Liebling, sie spielen schon wieder unser Lied!

    Alles klingt nur noch nach Jetzt, also wie gestern: Warum die Popmusik keine Ahnung mehr von der Zukunft hat.


    Von Dirk Peitz

    (...)

    Das bedeutet für die Popmusik, dass sie ihre Existenzberechtigung verloren hat, jedenfalls von der Rezeptionsseite her betrachtet. Nicht das Neue, das stets das höchste Gut, das heilige Programm des Pop war, sondern das Alte wird von den Hörern goutiert, gleichsam aus neurobiologischen Gründen. Unser neuronales System ist also nicht zukunftsfähig, weil es das Neue allenfalls als Variante des Alten mit Wiedererkennungseffekt akzeptiert.

    Zugleich gibt es aber auch produktionsseitig einen offenkundigen Mangel an Zukunft, auf den naturwissenschaftliche Analyseverfahren keine Antwort kennen. Dass Zukunft auch in anderen Kunstsparten gerade kaum vorkommt, höchstens als Zitat einer vergangenen Vorstellung von Zukunft, wie im Retrofuturismus in Architektur und Design, macht die Sache nicht besser: Das Neue war im Pop über seine Funktion als Kaufanreiz für die in rasenden Zyklen verlegten Produkte hinaus vor allem ein symbolisches Versprechen. Keine andere Kunstform wollte so intensiv die aktuellste, totalste Gegenwart abbilden, herstellen und verbreiten.

    In den siebziger Jahren kam ein zweites Versprechen hinzu, als die ersten analogen Synthesizer nicht mehr nur als Ersatzinstrumente für Klavier, Orgel und Streicher eingesetzt wurden, als die sie ursprünglich mal erfunden worden waren. Sondern als Klangquelle eigenen Rechts. Da erst verfügte die Popmusik über die Mittel, eine glaubwürdige Form von Zukunft in einer futuristischen Klangästhetik zu formulieren. Die technische Geräteentwicklung, die von der Erfindung der E-Gitarre bis zu deren vielfältigen Verfremdungseffekten den Rock’n’Roll erst ermöglicht hatte, wurde allmählich zum ästhetischen Selbstzweck: Eine aus der Wirtschaftswelt stammende Vorstellung von Zukunft als ewiger Innovation zog in die Popmusik ein, je weiter sich der Gerätepark entwickelte. Mit der Verschaltung von Synthesizer, Drumbox und Sequenzer wurde vollelektronisch produzierte Musik schließlich zur alleinigen Zukunftsmusik, weil ihr ständig fortentwickelter Sound allein bereits Fortschritt zu signalisieren schien. Vollendet wurde diese Vision mit der Erfindung des Samplers, mit dem man jeden nur denkbaren Klang aufzeichnen und digital manipulieren kann, und der des Personalcomputers, der heute häufig ein komplettes Studio samt allen Musikinstrumenten ersetzt.

    Damit aber wurde die Zukunft in der Popmusik de facto abgeschafft. Die Digitalisierung und unbegrenzte Archivierung machte Klänge nicht nur allzeit verfügbar, sondern löste jede Zeitspur von ihnen ab. Vergangenheit und Zukunft existieren nicht mehr, alles klingt nach Jetzt. Während früher die jeweiligen Geräteerfindungen immer auch neue Klangspektren eröffneten, vom Moog- zum Korg-MS-20- zum Fairlight-Synthesizer, stecken all diese Musikquellen nun als Sound-Kataloge im Computer. Doch der wird von Chip-Revolution zu Chip-Revolution bloß schneller und aufnahmefähiger. Und Musiksoftware-Hersteller wenden einen Großteil ihrer Kreativität dafür auf, die alten Musikmaschinen als sogenannte „Native Instruments“ in virtueller Form auf dem Computermonitor nachzubauen. Echte Geräte-Neuentwicklungen gibt es nur für die Inszenierung elektronischer Tanzmusik: Der Techno-DJ Richie Hawtin entwickelte an der Final-Scratch-Technologie mit, die das Mixen digitaler Soundfiles in gewohnter DJ-Manier an zwei Plattenspielern ermöglicht; Jeff Mills ließ sich eine DVD-Mischmaschine bauen, mit deren Hilfe er Bilder und Töne parallel mixen und scratchen kann, als eine Art Musik-und-Film-DJ.

    Während die Innovationszyklen der Computertechnik sich also kaum auf das Klangbild elektronischer Musik auswirken, reagierte die Clubkultur mit der immer absurder werdenden Diversifikation in stilistische Sub-Subgenres. Sie crossoverte und zersplitterte sich dabei in die eigene Obskurität. Der Blick auf die Neuheiten der Saison offenbart die ganze Hilflosigkeit einer Szene, der das Neue abhanden gekommen ist, obwohl sie doch immer fürs Neue zu stehen glaubte. Selbst die Besten haben nichts Neues zu berichten: Mills’ „Three Ages“ ist musikalisch wenig erhellender Minimal-House; Rajko Müller alias Isolée macht auf „We Are Monster“ immerhin inspirierten, aber kaum wegweisenden House; die DJ-Superstars Timo Maas und Tiefschwarz versuchen, den längst abgrundtiefen Graben zwischen Clubkultur und Charts mit hemmungslos kommerziell gedachter Dance-Music zu überbrücken. Im August dann kommt mit den Alben von Deep Dish und vor allem T. Raumschmiere mit Gewalt endgültig zurück, was die elektronische Musik einst abschaffen wollte: der Rock’n’Roll. Das jedoch ist die ultimative Bankrotterklärung. Wenn nichts mehr hilft, hilft nur noch der ausgelatschteste Revolutionsgestus, der des Monsters Rock.

    (...)

  8. #17
    Benutzerbild von italomaster

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    Zitat Zitat von Torsten Beitrag anzeigen
    Volle Zustimmung - bis auf den letzten Satz: Dem muss ich an dieser Stelle mal energisch widersprechen.

    Drastisch formuliert: Ich kann diese "man-muss-sich-nur-mal-abseits-der-Charts-umschauen"-Leier nicht mehr hören.
    Und das sehe ich eben ganz anders. Wir reden hier natuerlich nicht unbedingt von der Musik, die wie in den 80ern strukturiert ist.

    Ich hoere nebenbei sehr viel elektronische Musik, da kommen grandiose Sachen raus. Da singt aber eben nicht immer einer ein paar Strophen und eine Bridge und dann den Refrenng.
    Man muss diese Sachen allerdings moegen.

    Musik, deren Wurzeln in den 80ern sind, ohne dieses Jahrzehnt aufzugreifen oder gar zu kopieren, ist wirklich nicht mehr so haeufig als gelungen zu bezeichnen, wenn sie ueberhaupt zu finden ist. Von daher kann ich Deine Argumentation nachvollziehen.

    Ich denke, hier muss man das Geschmacks-Argument ein weiteres Mal strapazieren. ICH finde die Musik von AIR sehr gelungen, Meilensteine die ersten beiden Alben.
    Kennst Du LE SOLEIL E PRES DE MOI?
    Man kann es als langweilig bezeichnen, fuer mich ist es ein ruhiges Stueck, wie es in den vergangenen Jahrzehnten (!) kaum besser zu finden ist.

  9. #18
    Benutzerbild von producer

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    Zitat Zitat von Torsten Beitrag anzeigen
    Damit stehe ich auch nicht alleine - es gibt eine ganze Reihe erfahrener Musikfans, die der Meinung sind, dass die 80er das letzte Jahrzehnt waren, das noch richtig viele zeitlose Klassiker hervorgebracht hat (kein Wunder, dass die seit Jahren massenweise gecovert werden).
    Ich liiiiebe deine ganz besondere Art und Weise, mit nur einem einzigen Satz in einem Rundumschlag jeden zu diskreditieren, der nicht deiner Meinung ist. Erfahrener Musikfan ist dann wohl nur jemand, der deine Musik toll findet, oder wie qualifiziert man sich dafür ...?

    Zitat Zitat von Torsten Beitrag anzeigen
    Denn wenn es zeitlos gute Produktionen gäbe, wie sie früher auch in den Hitparaden zu finden waren - Kommerz und Qualität sind ja nicht zwangsläufig ein Widerspruch -, dann müsste man auch nicht ständig fieberhaft nach ihnen suchen.
    Weil du nicht die Musik findest, die dir gefällt, bedeutet das im Umkehrschluß, dass es sie nicht gibt?

    Zitat Zitat von Torsten Beitrag anzeigen
    interessanten Artikel auf "sueddeutsche.de":

    Existenzberechtigung, Rezeptionsseite, heilige Programm, von den Hörern goutiert, neurobiologischen Gründen, neuronales System, Variante des Alten mit Wiedererkennungseffekt akzeptiert, naturwissenschaftliche Analyseverfahren, Retrofuturismus, Architektur, symbolisches Versprechen, futuristischen Klangästhetik, ästhetischen Selbstzweck, absurder werdenden Diversifikation in stilistische Sub-Subgenres [bla, versteigertes theoretisches Gefasel, bla, bla, bla, gähn].
    Hast du das wirklich bis zum Ende gelesen? Warum? Beeindruckt dich das? Spiegelt dieser... Artikel ... deine Einstellung zur Popmusik?

    Musik. Etwas, was im Herzen stattfindet!
    Und nicht im Fremdwörterbuch verquaster Zeitungsheinze mit Zeilenzwang.

  10. #19
    Benutzerbild von Torsten

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    Zitat Zitat von italomaster
    Und das sehe ich eben ganz anders. Wir reden hier natuerlich nicht unbedingt von der Musik, die wie in den 80ern strukturiert ist.
    Muss sie gar nicht - eingängige Melodien haben ja nicht zwangsläufig mit einer bestimmten Songstruktur zu tun. Sonst würden mir ja auch diverse Produktionen aus der Sparte Trance z. B. nicht gefallen, die haben mit dem klassischen Popsong ja nur wenig gemein. Was ich in erster Linie an der heutigen Musik kritsiere, ist die weitgehende Abwesenheit zeitlos guter Melodien.

    Zitat Zitat von italomaster
    Ich denke, hier muss man das Geschmacks-Argument ein weiteres Mal strapazieren. ICH finde die Musik von AIR sehr gelungen, Meilensteine die ersten beiden Alben.
    Kennst Du LE SOLEIL E PRES DE MOI?
    Man kann es als langweilig bezeichnen, fuer mich ist es ein ruhiges Stueck, wie es in den vergangenen Jahrzehnten (!) kaum besser zu finden ist.
    Nein, ist mir nicht bekannt. Ich schlage vor, dass du es zusammen mit einigen anderen Beispielen zum Treffen nächsten Freitag mitbringst, dann können wir ja mal reinhören und die Sache weiterdiskutieren.

    Zitat Zitat von producer
    Ich liiiiebe deine ganz besondere Art und Weise, mit nur einem einzigen Satz in einem Rundumschlag jeden zu diskreditieren, der nicht deiner Meinung ist.
    Was ich dagegen weniger liebe, ist deine platte Ironie, mangelnde Lesekompetenz und chronische Unterstelleritis (deinen geliebten Vorwurf der Stammtisch-Argumentation vermisst man ja geradezu). Solltest du irgendwann zu einem gescheiten Diskussionsstil finden, kannst du dich gerne wieder melden.

  11. #20
    Benutzerbild von Muggi

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    Zitat Zitat von Torsten Beitrag anzeigen
    Mindestens 95 % dieser "Geheimtipps" klingen zwar ambitioniert und handwerklich gut gemacht - aber letztlich fällt das für mich alles unter die Kategorie "gepflegte Langeweile". Nur ein Beispiel: das von vielen so hochgejubelte Album "Moon Safari" von Air (wobei das ja schon längst kein Geheimtipp mehr war) - für mich allenfalls zum Einpennen geeignet.
    Boah, jetzt haste bei mir aber verschissen...

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