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Deutsche Folklore?

Erstellt von röschmich, 20.09.2004, 16:15 Uhr · 9 Antworten · 860 Aufrufe

  1. #1
    Benutzerbild von röschmich

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    Was ist Volks-Musik heute?
    De Randfichten feiern heute große Triumphe. Ist das Folklore aus dem Erzgebirge oder nur Volkstümliche Musik? Hat Volkstümliche Musik was mit Folklore zu tun?
    Meiner Meinung nach nicht. Hubert von Goisern aus Österreich macht sich auch nur über den „Musikantenstadl“ lustig und hat mehr Freunde aus der „Rockerszene“ als vom volkstümlichen Fankreis.
    Folklore wird von Hassern der volkstümlichen Musik oft in den gleichen Topf mit diesen geworfen. Beide Lager sind sich aber sowieso spinnefeind.
    Von Volksmusik spricht in Deutschland sowieso fast keiner ohne eine gewisse Hähme.
    Am wenigsten im Lager der Folklore-Anhänger. Da spricht man lieber von „Folk, Lied und Weltmusik“
    International scheint es das Problem nicht zu geben. Da spielen Folkies als Gastmusiker bei Rockern und umgekehrt. Nur in Deutschland gibt es offenbar Probleme. Hat dies mit unserer Vergangenheit zu tun. Deutsche Folklore findet offenbar öffentlich nicht statt. Folklore die hier gespielt wird ist meist irisch.
    Die wichtigsten Folkbands der ex-DDR existieren heute nicht mehr so, wie sie noch vor 10 Jahren auftraten. Die Folkländer aus Leipzig haben sich nach mehrmaligen Metarmophosen zu „Sieben Leben“ gewandelt, obwohl sie noch „Volksmusik“ im eigentlichen Sine spielen. Lieder von Bob Dylan, den Rolling Stones, den Kings oder von Leonard Cohen sind doch im eigentlichen Sine mehr „Volksmusik“ als irgendwelche Primitivschlager aus dem Hause „Musikantenstadl“. Wacholder gibt es seit einiger Zeit auch nicht mehr. Andere Folkbands sind in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Liederjan (als „gesamtdeutsches Beispiel) gibt es immer noch, wenn auch in veränderter Besetzung. Horch als hallische Folk-Rock-Band laufen mir sowieso dauernd in meiner Heimatstadt über den Weg.
    Welche deutschsprachige Folkbands gibt es sonst heute noch?

    Was unterscheidet nun grundsätzlich Volkstümliche Musik von der Volksmusik und von der Folklore?


    in meinem OSTROCKFORUM /Thema Folk möchte ich ab sofort eine Diskussion dazu führen (Link siehe Signatur)

  2.  
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  3. #2
    Benutzerbild von Darkmere

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    Tolles Thema!

    LIEDERJAN sind ein gutes Beispiel für deutsche Folklore... höre die Musik recht gern... Ansonsten machen auch Bands, die in die Mittelalterecke reingedrückt werden oft die gleichen Lieder, Deutsche Folkore .. z.B. DIE STREUNER fallen mir da ein.... oder auch DIE IRRLICHTER

  4. #3
    Benutzerbild von amarok90

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    Mir fallen noch Ougenweide und Sappradi ein.

    Das, was heute als volkstümliche Musik verkauft wird, ist eher Schlager mit Anleihen bei der Volksmusik bzw. deutscher oder alpenländischer Folklore.

    Andererseits ist es z. B. bei populärer irisch-gälischer Musik so, daß sie sich lediglich ihrer traditionellen Wurzeln bedient. Die Corrs und Shows á la Riverdance haben mit irischer Volksmusik auch nicht mehr viel tun.

  5. #4
    Benutzerbild von Feenwelt

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    Es ist schon eine Weile her, da haben wir eine schottische Austauschklasse aus Edinburgh zu genau diesem Thema befragt (16 - 18-jährige). Wir wollten wissen, warum in Schottland Volksmusik einen so großen Stellenwert hat, daß sie oft gleichberechtigt gespielt wird. Und warum in vielen Pubs so viel Folksmusik zu hören ist. Und wie sie das finden.
    Das Ergebnis war eher überraschend. Es gab ungefähr 5% in dieser Klasse, die schottischen Folk auch tatsächlich gut fanden. Der Rest fand ihn bescheuert und kitschig und hörte (zu der Zeit) lieber Cure, Heavy Metal und anderes. Also exakt so wie in Deutschland.
    Irgendwann kamen wir gemeinsam darauf, daß die Deutschen nur mehr darauf schauen, weil sie schottischen Folk eben sympathisch und (im wahrsten Sinne des Wortes) "exotisch" finden. (Daß viele Pubs an der Royal Mile und anderswo nur deshalb Folk spielen, weil es bei den Touristen so gut ankommt, ist eine Folge davon.) Bei den Jugendlichen findet Folkmusik aber genauso viel oder wenig statt wie in Deutschland. Die einzige Folkband, die in den 90ern einen Nr.1-Hit in den britischen Hitparaden hatte, waren die schottischen Capercaillie, die erst erfolgreich wurden, als sie Folk mit Rock mischten. Gleiches gilt für Clannad oder Enya.
    Umgekehrt: Was wollten denn die schottischen Jugendlichen in München sehen? Schuhplattler natürlich! Und eine zünftige Wiesn-Kapelle. Weil sie das so witzig fanden. Wir taten uns extrem hart, im Juli sowas zu finden und gingen schließlich mit ihnen ins Hofbräuhaus, wo vorher noch fast niemand von uns war (!). 2 Monate später, als wir Münchener in Edinburgh waren, ging es den Schotten genauso. Wir landeten schließlich bei einem offenen Abend eines Folkmusik-Vereins, den die meisten Schotten noch nicht mal vom Namen her kannten.

    Man kann das also ungefähr mit den Bayern vergleichen. Natürlich gehört Volksmusik zum Oktoberfest oder zum Biergarten. Wenn ich zu Hause in München bin, dann lasse ich mir einen Abend mit Volksmusik auch eher gefallen. Weil es eben "irgendwie dazu gehört" und man hört's ja nicht dauernd. An sich finde ich es aber zum Kotzen. Und es gibt eine tierisch große Anhängerschaft, vor allem auf dem Land bei älteren Menschen. Aber unter Jugendlichen wird es meist nur dann gehört, wenn es...
    - witzig oder "kultig" ist bei bestimmten Gelegenheiten (die Randfichten wurden so bekannt, weil sie in Fußballstadien bei Erzgebirge Aue oder anderswo häufig gespielt wurden)
    - gemischt wird mit anderen Elementen (Haindling macht nicht nur eingängige Schmuse-Songs, sondern vermischt auch Volksmusik mit Rock oder afrikanischer Musik)

    Eine weitere These: Volksmusik ist "identitätsstiftend". Man kann sagen: "Das ist die Musik meines Landes." Deshalb wird Volksmusik besonders dort gehört, wo Menschen sich dem Land sehr verbunden fühlen (ich sage jetzt bewußt nicht "nationalistisch"). Das gilt für so ziemlich jedes Land. Und auch für Deutschland.

    Und im Übrigen gilt es auch für bestimmte Regionen. Die Randfichten kennt hier in Hamburg keiner meiner Bekannten. (Hab mal vor kurzem rumgefragt.) Oder: Haindling ist in diesem Forum zwar vom Namen her bekannt, aber zeig mir hier 5 Leute, die mehr als 3 Lieder nennen können. Dabei sind sie für mich absolute Stars.

    Und zuletzt: Es gibt immer Modeerscheinungen. Wenn Du Bob Dylan anführst, dann sage ich: Hannes Wader. Beide waren in den 70ern aktiv, als man nach Studentenunruhen und Flower-Power neue Wege gehen wollte. Da man das heute nicht mehr braucht, sind beide bedeutungslos geworden.

    Insofern finde ich es Augenwischerei zu sagen, daß bei uns Volksmusik nicht den selben Stellenwert hätte als anderswo. Ich halte das sogar für eine Form von Ethnozentrismus. Eine falsche Annahme, nur weil wir Deutschen Folk so klasse finden.

    Ganz am Rande und ein wenig Off-Topic: Ich bin mir nicht sicher, ob der Vorwurf "Dt. Volksmusik = nationalistisch" nicht nur ein Klischee ist. Wir Deutschen haben mit Sicherheit immer noch Probleme mit unserer Identität und deshalb ist Volksmusik Vielen noch suspekt. Aber ich glaube, daß sich das immer mehr verwischt, je weiter der Nationalsozialismus zurückliegt. Dazu passt vielleicht folgende kleine Beobachtung: Am letzten Wochenende war im Hamburger Hafen ein HipHop-Konzert mit den Beginners, Fettes Brot u.a.. Jetzt kennt ihr bestimmt diese typische Jugendlichen-Geste: Man streckt zur Musik den rechten Arm aus, knickt Ring- und Mittelfinger ein, und schwenkt den Arm etwas zur Musik hin und her. Das soll wohl sowas bedeuten, wie eine relaxte HipHop-Geste. Aber am Wochenende konnte man auch das beobachten: Die Finger waren nicht eingeknickt, sondern Hand und Arm waren relativ stramm in die Höhe gestreckt und "winkten" ein bißchen. Für mich sah das extrem mationalsozialistisch aus. Für die umstehenden Jugendlichen war das einfach nur eine Weiterentwicklung der HipHop-Geste. Keine Sau kam auf die gedankliche Verbindung, die mir doch sofort einfiel.

    Puh, viel Text. In 2 Stunden fahre ich in den Urlaub. Yeah!

  6. #5
    Benutzerbild von Darkmere

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    Feenwelt:
    interessanter Beitrag, doch find ich gibt es doch noch einen gravierenden Unterschied!
    iin SCHOTTLAND mag es zwar auch sein, dass die Jugendlichen die Folklore nicht mögen, aber sie kennen zumindest den RICHIGEN FOLK des Landes, was sie nicht mögen...
    aber in Deutschland denken die Kids doch an Moik und Co. und eben nicht an deutschen Folk, d.h. hier KENNEN sie ja nichtmal die einheimische Folkmusik....

    hoffe es kam rüber was ich sagen will g*

  7. #6
    Benutzerbild von sturzflug69

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    Ich kann nur Ougenweide und Qntal empfehlen.

  8. #7
    Benutzerbild von röschmich

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    Danke für die bisherigen Beiträge
    Ist wirklich sehr interessant. Bitte weiter!

    Jetzt habe ich selber die "Mittelalter"-Bands vergessen, die in der letzten Zeit eine ungeheure Renaissance erleben. Viele sind ja sowohl in der reinen akkustischen Folklore wie "In Extremo" und "Corvux Corax/Tanzwut" als auch im Metal beheimatet. Gerade die soganannte "Grufti-Szene" scheint heute die Folklore "wiederzuentdecken".

  9. #8
    Benutzerbild von Darkmere

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    röschmich postete
    Jetzt habe ich selber die "Mittelalter"-Bands vergessen, die in der letzten Zeit eine ungeheure Renaissance erleben. Viele sind ja sowohl in der reinen akkustischen Folklore wie "In Extremo" und "Corvux Corax/Tanzwut" als auch im Metal beheimatet. Gerade die soganannte "Grufti-Szene" scheint heute die Folklore "wiederzuentdecken".
    Nun, die genannten Bands haben mit Deutschem Folk wohl nicht mehr viel zu tun.... Vor allem IN EXTREMO geht mir inzwischen mächtig auf den Zeiger mit ihrem "Rammstein"-kopierten Sound.... Corvus Corax find ich da noch ganz in Ordnung, wobei es ja hunderte Bands gibt die so klingen (Saltatio Mortis, Schelmish, Wolgemut,...usw...)
    Gerade die soganannte "Grufti-Szene" scheint heute die Folklore "wiederzuentdecken".
    Nun das is sicher nicht falsch, aber auch kein Phänomen der letzten Zeit, sondern schon in den 90ern der Fall gewesen (evtl. noch früher, aber darüber weiss ich nicht viel, da ich zu jung war *g*)

  10. #9
    Benutzerbild von Feenwelt

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    Auch noch früher, aber es gab in den 80ern einfach noch nicht so viel. Corvus Corax startete gerade erst auf kleineren Märkten und in der Fantasy-Rollenspiel-Szene durch. Ougenweide war schon wieder out. Deshalb blieb es in der Regel bei irischen / schottischen Bands oder man suchte Anleihen bei anderer Volksmusik, z.B. Poems for Laila (Russisch / Slawisch) oder Leningrad Cowboys (Skandinavisch / Russisch) oder Dead Can Dance (so ziemlich alles von irisch bis arabisch).

  11. #10
    Benutzerbild von röschmich

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    Um das Thema wieder nach oben zu schieben. Ich habe heute in einer Anzeige gelesen, dass es jetzt eine Cd von Ougenweide gibt mit Live-Titeln aus den 70ern.
    Ougenweide war damals so eine Art Vorbild bei Gründung der Gruppe HORCH aus Halle. Ihr 96er Opus "Sol" wird da hingegen als sehr kommerziell eingestuft.

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