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Die Zukunft der Popmusik - der "Altersfaktor"

Erstellt von DeeTee, 19.07.2005, 09:40 Uhr · 16 Antworten · 1.964 Aufrufe

  1. #1
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    Die Süddeutsche Zeitung hat mal wieder einen sehr interessanten Artikel zur Pop-Musik veröffentlicht und geht dabei auch auf die demograpgisch bedingte 'Überalterung' der Popmusikhörer ein. (Wie war noch das Durchschnittalter hier im Forum? ).
    Link: http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/958/56902/5/

    Artikel:
    ""Pop ist alt

    Liebling, sie spielen schon wieder unser Lied!

    Alles klingt nur noch nach Jetzt, also wie gestern: Warum die Popmusik keine Ahnung mehr von der Zukunft hat. Von Dirk Peitz

    DIRK PEITZ


    Anderthalb Tage haben sie uns gegeben für die Zukunft.

    Es war an einem Wochenende im Spätfrühling, die Popakademie Baden-Württemberg hatte zu einem Kongress mit dem Titel „Zukunft Pop 2005“ geladen.

    Es saßen in einem Konferenzraum und dachten laut nach: jeweils ein Musik-, Medien- und Kommunikationswissenschaftler, ein Radiomann, ein Videoregisseur, zwei Softwareentwickler, ein Musik-Start-Upper, zwei Akademie-Studenten und zwei Journalisten.

    Wir sollten die Popkultur im Jahr 2010 voraussagen. Wie macht man das? Nun ja, so ähnlich wie Trendforscher. Man mixt die neuesten Nachrichten aus Forschung, Technik und Aberglauben zu einer nebulösen, aber unfassbar 5exy klingenden Vorhersage.

    Zu jedem Thema hatten wir mindestens fünf Meinungen: Ob die Plattenfirmen sterben oder nicht, ob das Radioprogramm noch eintöniger wird oder viel bunter, ob Handys die neuen Onlinemusik-Fernbedienungen werden oder ob man am Ende doch wieder nur mit ihnen telefoniert. Wir konnten uns fast alles vorstellen. Nur nicht, wie Musik im Jahr 2010 klingen wird.

    In einem Punkt jedoch waren sich alle einig: Ja, den sogenannten Retro-Trend wird es noch geben. It’s the demografische Entwicklung, stupid! Weil es immer mehr Alte gibt, und zwar popsozialisierte Alte, steigt der Nachfrageanteil an bekannten Klängen im Musikmarkt. Das lässt sich längst auch wissenschaftlich begründen. Die von der Musikwissenschaft stets argwöhnisch beäugte Emotionsforschung kennt seit mehr als zwei Jahrzehnten die Theorie des „Darling, they’re playing our tune“ und das entsprechende Phänomen der sogenannten „episodischen Assoziation“, wonach das menschliche Gehirn bestimmte Musik mit spezifischen Erinnerungen verknüpft. Dahinter steht eine eigentlich banale Alltagsbeobachtung, die sich die Radiostationen mit ihren Oldie-Sendern und formatierten Hit-Programmen ebenso zunutze machen wie die Plattenfirmen mit ihrer Überproduktion an Cover-Versionen: Wir mögen, was wir kennen und uns an schöne Momente erinnert.

    Das Gehirn ist ein zwangsnostalgisches Organ. Wenig stimuliert den Erinnerungsapparat so effektiv wie Musik – und bestenfalls bedankt sich das Hirn dafür mit dem Ausschütten von Dopamin-Mengen wie sonst allenfalls beim Geschlechtsakt. Musikhören vermittelt also ein ähnliches Glücksgefühl wie 5ex, und man macht sich dabei noch nicht mal schmutzig.

    Auch die Neurowissenschaften mit ihren neuen bildgebenden Verfahren – wie etwa PET-Scans des Gehirns – haben sich der neurobiologischen Wirkungsweise von Musik angenommen. Die Forschungsergebnisse besagen bisher im Groben: Musikalische Dissonanz einerseits und Konsonanz andererseits aktivieren entsprechende Hirnregionen, die für negative beziehungsweise positive Emotionen verantwortlich sind, wobei das Gehirn zwischen verschiedenen Graden von angenehmem Empfinden unterscheidet, so Manfred Spitzer in seinem Standardwerk „Musik im Kopf“. Interessant ist jedoch vor allem das Ergebnis einer Studie, welche die ebenfalls wissenschaftlich nachgewiesene emotionale Wirkung bestimmter musikalischer Strukturen wie Melodieführung und Rhythmuswechsel gezielt ausblendete und stattdessen den Gänsehaut-Effekt untersuchte, der sich beim Hören von Stücken einstellt, die den Probanden bekannt waren und von ihnen wegen genau dieses Effekts ausgesucht worden waren. Die Hörer bekamen zu 77 Prozent tatsächlich die erwartete Gänsehaut, das körpereigene Belohnungssystem schüttete wie wild Dopamin aus. Zur Kontrolle wurden den Probanden die Gänsehaut-Stücke der jeweils anderen vorgespielt. Ergebnis: keine Reaktion. Wir empfinden Musik also umso heftiger, je mehr wir sie kennen und mögen – und unabhängig davon, wie oft wir sie schon gehört haben.

    Das bedeutet für die Popmusik, dass sie ihre Existenzberechtigung verloren hat, jedenfalls von der Rezeptionsseite her betrachtet. Nicht das Neue, das stets das höchste Gut, das heilige Programm des Pop war, sondern das Alte wird von den Hörern goutiert, gleichsam aus neurobiologischen Gründen. Unser neuronales System ist also nicht zukunftsfähig, weil es das Neue allenfalls als Variante des Alten mit Wiedererkennungseffekt akzeptiert.

    Zugleich gibt es aber auch produktionsseitig einen offenkundigen Mangel an Zukunft, auf den naturwissenschaftliche Analyseverfahren keine Antwort kennen. Dass Zukunft auch in anderen Kunstsparten gerade kaum vorkommt, höchstens als Zitat einer vergangenen Vorstellung von Zukunft, wie im Retrofuturismus in Architektur und Design, macht die Sache nicht besser: Das Neue war im Pop über seine Funktion als Kaufanreiz für die in rasenden Zyklen verlegten Produkte hinaus vor allem ein symbolisches Versprechen. Keine andere Kunstform wollte so intensiv die aktuellste, totalste Gegenwart abbilden, herstellen und verbreiten.

    In den siebziger Jahren kam ein zweites Versprechen hinzu, als die ersten analogen Synthesizer nicht mehr nur als Ersatzinstrumente für Klavier, Orgel und Streicher eingesetzt wurden, als die sie ursprünglich mal erfunden worden waren. Sondern als Klangquelle eigenen Rechts. Da erst verfügte die Popmusik über die Mittel, eine glaubwürdige Form von Zukunft in einer futuristischen Klangästhetik zu formulieren. Die technische Geräteentwicklung, die von der Erfindung der E-Gitarre bis zu deren vielfältigen Verfremdungseffekten den Rock’n’Roll erst ermöglicht hatte, wurde allmählich zum ästhetischen Selbstzweck: Eine aus der Wirtschaftswelt stammende Vorstellung von Zukunft als ewiger Innovation zog in die Popmusik ein, je weiter sich der Gerätepark entwickelte. Mit der Verschaltung von Synthesizer, Drumbox und Sequenzer wurde vollelektronisch produzierte Musik schließlich zur alleinigen Zukunftsmusik, weil ihr ständig fortentwickelter Sound allein bereits Fortschritt zu signalisieren schien. Vollendet wurde diese Vision mit der Erfindung des Samplers, mit dem man jeden nur denkbaren Klang aufzeichnen und digital manipulieren kann, und der des Personalcomputers, der heute häufig ein komplettes Studio samt allen Musikinstrumenten ersetzt.

    Damit aber wurde die Zukunft in der Popmusik de facto abgeschafft. Die Digitalisierung und unbegrenzte Archivierung machte Klänge nicht nur allzeit verfügbar, sondern löste jede Zeitspur von ihnen ab. Vergangenheit und Zukunft existieren nicht mehr, alles klingt nach Jetzt. Während früher die jeweiligen Geräteerfindungen immer auch neue Klangspektren eröffneten, vom Moog- zum Korg-MS-20- zum Fairlight-Synthesizer, stecken all diese Musikquellen nun als Sound-Kataloge im Computer. Doch der wird von Chip-Revolution zu Chip-Revolution bloß schneller und aufnahmefähiger. Und Musiksoftware-Hersteller wenden einen Großteil ihrer Kreativität dafür auf, die alten Musikmaschinen als sogenannte „Native Instruments“ in virtueller Form auf dem Computermonitor nachzubauen. Echte Geräte-Neuentwicklungen gibt es nur für die Inszenierung elektronischer Tanzmusik: Der Techno-DJ Richie Hawtin entwickelte an der Final-Scratch-Technologie mit, die das Mixen digitaler Soundfiles in gewohnter DJ-Manier an zwei Plattenspielern ermöglicht; Jeff Mills ließ sich eine DVD-Mischmaschine bauen, mit deren Hilfe er Bilder und Töne parallel mixen und scratchen kann, als eine Art Musik-und-Film-DJ.

    Während die Innovationszyklen der Computertechnik sich also kaum auf das Klangbild elektronischer Musik auswirken, reagierte die Clubkultur mit der immer absurder werdenden Diversifikation in stilistische Sub-Subgenres. Sie crossoverte und zersplitterte sich dabei in die eigene Obskurität. Der Blick auf die Neuheiten der Saison offenbart die ganze Hilflosigkeit einer Szene, der das Neue abhanden gekommen ist, obwohl sie doch immer fürs Neue zu stehen glaubte. Selbst die Besten haben nichts Neues zu berichten: Mills’ „Three Ages“ ist musikalisch wenig erhellender Minimal-House; Rajko Müller alias Isolée macht auf „We Are Monster“ immerhin inspirierten, aber kaum wegweisenden House; die DJ-Superstars Timo Maas und Tiefschwarz versuchen, den längst abgrundtiefen Graben zwischen Clubkultur und Charts mit hemmungslos kommerziell gedachter Dance-Music zu überbrücken. Im August dann kommt mit den Alben von Deep Dish und vor allem T. Raumschmiere mit Gewalt endgültig zurück, was die elektronische Musik einst abschaffen wollte: der Rock’n’Roll. Das jedoch ist die ultimative Bankrotterklärung. Wenn nichts mehr hilft, hilft nur noch der ausgelatschteste Revolutionsgestus, der des Monsters Rock.

    „Es war einmal in einer fernen Zukunft“, so lauteten einst die ersten Worte von „Krieg der Sterne“. Das märchenhafte Paradox von der Zukunftserzählung in Vergangenheitsform trifft heute als Zustandsbeschreibung perfekt auf die Popmusik zu, besonders auf die elektronische. Die versinkt gerade im schwarzen Loch ihrer eigenen Bestimmung: in der ewigen, zukunfts- und vergangenheitslosen Gegenwart. ""

    (Hervorhebungen von mir.)
    DeeTee

  2.  
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  3. #2
    Benutzerbild von italomaster

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    Sehr guter, wenn auch verkopfter Artikel mit viel Wahrheitsgehalt! Wurde gern gelesen...

  4. #3
    Benutzerbild von musicola

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    Sind jetzt etwa wir "Alten" schuld daran, dass den [-]Musikern[/-] [-]Interpreten[/-] [-]Produzenten[/-] Programmierern nix neues mehr einfällt, was sich ordentlich verkaufen könnte und sie gezwungen sind alte 80er-Mukke leidlich gelungen zu covern?

  5. #4
    Benutzerbild von Torsten

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    Zu diesem interessanten Artikel fallen mir die Worte von Keith Jarrett ein, der mal sagte: "Bestseller sollten nach einer bestimmten Zeit vom Markt verschwinden, auch mein 'Köln Concert'. Genauso wie ich glaube, dass wahre Musik aus einem echten Bedürfnis heraus entsteht, so denke ich, dass man Musik auch vergessen muss. Sonst bleiben wir süchtig an Vergangenem hängen."

    Eines lässt der Artikel allerdings außer Acht: Warum gefällt mir zumeist auch unter den persönlichen Neuentdeckungen altes Material so auffallend häufig wesentlich besser als aktuelle Produktionen? Wäre es doch möglich, dass ein deutlich spürbarer Qualitätsverlust zu verzeichnen ist?

    Wie die Zukunft der Popmusik aussehen könnte, stellt auch Ulf Poschardt in seinem gestelzt verfassten, aber hochinformativen Buch "DJ Culture" dar. Ein Auszug aus dem Vorwort:
    Der Übergang des DJs vom Plattenaufleger zum Musiker steht im Mittelpunkt dieses Buches. Wie die Künstler im Mittelalter waren die DJs zunächst als Handwerker definiert. Den DJ als Star und "Autor" gibt es - von einigen Ausnahmen abgesehen - erst seit kurzem. Doch der DJ-Culture gehört die Zukunft der Popmusik. Neil Tennant von den Pet Shop Boys ist sich ganz sicher: "Auf Dauer sind zwei Plattenspieler und ein Mischpult aufregender als fünf Gitarrensaiten."

    Der DJ stellt den herkömmlichen Künstlerbegriff in Frage, sprengt ihn und wird ihn in renovierter Form re-etablieren. Der DJ ist per definitionem Eklektiker und Musik-Musiker. So wie sich der Filmemacher Jean-Luc-Godard als Organisator von Bildern und Tönen bezeichnet, so erscheint der DJ in der Musikszene, um den archaischen Gedanken der Schöpfung, der sich bis in Ästhetiken des 20. Jahrhunderts retten konnte, zu hinterfragen und zum Teil zu zerstören.

    Der Künstler als Schöpfer seines Werkes in genialischer Autonomie ist in der Renaissance entworfen und von der idealistischen Ästhetik immer wieder bestätigt worden: als "alter deus" und Übermensch. Erst die Avantgarden des 20. Jahrhunderts rüttelten an dieser Vorstellung. Duchamp, Picabia, Warhol und andere verhöhnten den Künstlergenius und konnten doch nicht verhindern, dass sie den autorenhaften Begriff des Künstlers nur modernisierten. Genau in derselben Ambivalenz von Zerstörung und Wahrung der Künstlerideee steht der DJ. Radikal legt er sein Material offen: Seine Plattenkiste steht am Ausgangspunkt aller Produktionen. Er organisiert Geschaffenes und fügt Kunstwerke zu einem neuen Ganzen zusammen. Er ist ein Künstler zweiten Grades.

    Lange Zeit war der Künstler entweder ein expressionistischer Autist, der aus sich selbst heraus, quasi als "neurotische" Zwangshandlung, Kunst produzierte, oder aber ein bewusster, rational vorgehender Schöpfer, der sich in der Tradition der gesamten Kunstgeschichte arbeiten sah. Dieser Typus hob mit seiner Kunst die bisher geschaffenen Produktionen im hegelianischen Sinne auf: Das hieß, er negierte, bewahrte und erhöhte sie zugleich.

    Der DJ nun hebt die bisher produzierte Musik im materialistischen Sinne auf: Er sammelt und archiviert sie als Rohstoff für seine eigene Arbeit. Damit gelangt er ganz direkt in ein Verhältnis zur Musikgeschichte und kann so unmittelbar mit dieser hantieren. Er kann Sounds, Beats und Melodien aus verschiedenen Liedern, von verschiedenen Komponisten, sogar aus unterschiedlichen Epochen in Verbindung bringen, sie gegenüberstellen oder miteinander vermischen. Alte Musik wird in neue Zusammenhänge gestellt; die Kontexte werden verschoben. Alte Musikstücke (sowohl im Sinne von ganzen Liedern als auch Liedelementen) lassen sich unendlich oft neu erfinden. Die Musikgeschichte scheint ihre Linearität zu verlieren: Der potenziell unbegrenzte Zugriff auf altes Material lässt alles auf das Jetzt, den Moment der Synthese, zulaufen.

  6. #5
    Benutzerbild von Christoph

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    Nun ja, hübscher Artikel! Sofort bemerkenswert fand ich die Auflistung der Diskussionsteilnehmer: Musik-, Medien- und Kommunikationswissenschaftler, ein Radiomann und den Musik-Start-Upper sind ja noch verständlich, aber dann: ein Videoregisseur, zwei Softwareentwickler, zwei Akademie-Studenten und zwei Journalisten. Auch die Gewichtung!! Schade, die Überschrift suggerierte, es sollte um Musik gehen.

    Zwei Punkte fehlen mir im Artikel völlig: zum einen der Aspekt einer möglichen Übersättigung und zum zweiten das Stichwort "Vision".

    Die mögliche Übersättigung findet hoffentlich bald statt. Es ist einfach langweilig, tagein tagaus nur das Beste irgendeines Jahrzehnts hören zu müssen oder zu sollen (und dann auch bitte nur die größten Hits, selbst wenn es auch unsere 80er sind!). Wer von uns will nur noch Pizza, nur noch Eis, nur noch Schokolade essen? Es ist ungesund, es nervt, es bringt auch niemanden voran (vielleicht den Pizzabäcker), in unserem Fall einzig und allein den Kontostand des "Musikproduzenten" (dieses Wort stört mich immer!)

    In allen anderen Lebensbereichen wird Fortschritt groß geschrieben: der neue Wagen darf nicht mehr Schleudern, der neue Kühlschrank muß umweltfreundlicher sein. Da will niemand das Alte zurück. Oder habt Ihr schon mal den Satz gehört: "Schau mal Liebling, sie liefern unseren (alten) Fernseher!" Warum soll es bei der Musik anders sein? Okay, die Sache mit dem Gefühl spielt sicher eine Rolle, Erinnerung und Verklärung des Vergangenen – na und? Will ich ständig an eine Jugendliebe erinnert werden, obwohl mir mit dem neuen Partner im zehnten Ehejahr inzwischen ganz andere Probleme im Magen liegen? Höchstens mal kurzzeitig, also irgendwann muss eine Übersättigung eintreten. Ich hoffe, bald!

    Nämlich dann kommt der zweite Aspekt, die Vision! Wo sind die Visionäre? Elvis P. ist sicher nicht auf eine Bühne gegangen mit dem Gedanken: "Hey, laß uns die Mädels verrückt machen und nebenbei Popgeschichte erfinden." Also, es sind auch unbewusste Visionäre gefragt, die einfach Musik als Musik für sich entdeckt haben. Die ein Instrument besonders gut beherrschen, und sei es im Pop auch nur das Keyboard. Die eine markante Stimme haben. Die feine Melodien fortspinnen können und daraus ihr persönliches Meisterwerk basteln wollen. Aus freien Stücken, nicht weil der Titel schon mal erfolgreich da war, der Produzent es so will oder das Aussehen die Massen verrückt machen könnte.

    Ein Glück, dass ein Radiomann vor Ort war. Dem hätte man dann mal öffentlichkeitswirksam den Hintern versohlen sollen. Denn die Musik mit Vision gibt es tatsächlich! Nur hat sie kaum eine Chance, gehört zu werden, weil der Radiomann (mindestens aber sein Chef) den Werbekunden zufrieden stellen muß. Das geht in Ordnung bei Privatradio, das ist untragbar bei den Öffentlich-Rechtlichen. Da das an anderer Stelle hier im Forum schon mehrfach diskutiert wurde, mache ich hier einen Strich. Es sollte ja um Musik gehen.

    Also, die Musik mit Vision. Gerade die Popmusik hat doch riesige Chancen, weil sie eigentlich den Massengeschmack bedient. Daß dieser sich in den vergangenen Jahren immer weiter verbreitert hat, vergrößert nur die Chancen. Kraftwerk waren die Elektronikhelden, Ofra Haza eine Ethnoikone, Bob Marley brachte Reggae, die waren Toten Hosen Punker mit rotzigen Texten, die Fantastischen Vier rappten auf deutsch, ... inzwischen alles Popmusik. Die heutigen Vertreter sind in ihrer jeweiligen Sparte nicht mehr so kompromisslos, dafür aber massenkompatibel. Popmusik.

    Insofern brauchen wir uns kaum Gedanken um den Fortbestand der Popmusik machen zu müssen. Und auch dass die Entwicklung stagnieren wird, halte ich für unwahrscheinlich. Mag sein, dass der Cover-Wahn noch ein bissel anhalten wird, vielleicht bekommt er sogar einen festen und dann hoffentlich kleinen Platz im Dauerbusiness. Gute Musik gab es, gibt es und wird es geben. Nur ob wir sie hören wollen und hören können, hängt auch zu einem nicht unerheblichen Teil von uns selber ab.

    Gruß
    Christoph

  7. #6
    Benutzerbild von Christoph

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    Torsten fragt sich
    Eines lässt der Artikel allerdings außer Acht: Warum gefällt mir zumeist auch unter den persönlichen Neuentdeckungen altes Material so auffallend häufig wesentlich besser als aktuelle Produktionen? Wäre es doch möglich, dass ein deutlich spürbarer Qualitätsverlust zu verzeichnen ist?
    Nein! Hier spielt die persönliche musikalische Vorliebe eine große Rolle. Und die ist eben geprägt von der Musik direkt und vom "Drumherum". Bsp: wenn Du mit dem Rock der 60er Jahre Deine musikalische Prägung erfahren hast, halte ich es für normal und auch okay, daß Du diese Musikrichtung (nicht die alten Gassenhauer!!!) weiter bevorzugst. Und um beim Beispiel zu bleiben: es gibt heute Bands, die klingen wie original in den Sixties aufgenommen (etwa King Khan & The BBQ Show). Sollte mich dann nicht wundern, wenn Dir das auch gefällt, obwohl es neu ist. Wenn jetzt der Einwand kommt, aha, ist aber dann nicht wirklich neu, dann sage ich okay Auch das Auto hat seit 100 Jahren 4 Räder...
    Das Ganze ist dann aber kein Qualitätsmerkmal, sondern nur Deiner Vorliebe geschuldet. Heutige Veröffentlichungen sind nicht schlechter oder besser als frühere.

    Gerade Du, Torsten, kannst Dich dann damit trösten, dass heutige Produktionen zumindest technisch ausgereifter sind

    Ansonsten wieder das alte Lied: es fehlen die Möglichkeiten (um es ganz deutlich zu sagen: Das Radio), sich neue Musik leicht ins Ohr liefern zu lassen. Es gibt wirklich klasse Sachen in allen Musikbereichen, manchmal wirklich noch nie dagewesen, manchmal einfach nur schön - nur man muß eben wirklich selber danach suchen!

    Die alte Leier
    Christoph

  8. #7
    Benutzerbild von falkenberg

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    Die Süddeutsche Zeitung schrieb
    Es war an einem Wochenende im Spätfrühling, die Popakademie Baden-Württemberg hatte zu einem Kongress mit dem Titel „Zukunft Pop 2005“ geladen.

    Es saßen in einem Konferenzraum und dachten laut nach: jeweils ein Musik-, Medien- und Kommunikationswissenschaftler , ein Radiomann, ein Videoregisseur, zwei Softwareentwickler, ein Musik-Start-Upper, zwei Akademie-Studenten und zwei Journalisten.
    Wenn ich so was schon lese (siehe eigenmächtig angebrachte Hervorhebungen), dann weiß ich schon, dass da nur intellektoides Geschwafel kommt. Wozu braucht man denn Medien- und Kommunikationswissenschaftler? Und wozu eine Popakademie? Da ist doch klar, dass die ihre Existenzberechtigung nachweisen (oder besser: vortäuschen) müssen. Und dann werden eben solche Scheinprobleme ausgegraben und breitgetreten.

    Natürlich wird es einem nicht mehr so leicht gemacht wie früher, gute Musik zu finden. Da muss man halt etwas suchen und auch mal den Mut haben, CDs blind zu bestellen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man in einigen Fällen sich einfach auf das Label verlassen kann. CDs z. B. von Black Rain bzw. Noitekk haben noch immer meinem Geschmack entsprochen.

  9. #8
    Benutzerbild von DeeTee

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    Worte von Keith Jarrett ein, der mal sagte: "Bestseller sollten nach einer bestimmten Zeit vom Markt verschwinden, auch mein 'Köln Concert'. Genauso wie ich glaube, dass wahre Musik aus einem echten Bedürfnis heraus entsteht, so denke ich, dass man Musik auch vergessen muss. Sonst bleiben wir süchtig an Vergangenem hängen."
    @Torsten: Das ist ein sehr schönes Zitat. Trotzdem möchte ich nicht auf das Köln-Konzert verzichten.

    @all:
    So verständlich und zutreffend ich Eure Kommentare finde, scheint ihr mir doch einen Faktor außer Acht zu lassen, der in dem Artikel recht deutlich hervorgehoben wird: Die Anzahl junger Menschen - und damit auch die Anzahl junger Musiker - nimmt praktisch in allen westlichen Ländern ab. So steht also dem "echten Bedürfnis" junger Menschen nach neuer "eigener" Musik zum einen die sentimentale Übermacht der ca. 30-60jährigen gegenüber und zum anderen das allgegenwärtige Kommerzialisierungsinteresse an Musik. Mit letzterem füttert man diejenigen, denen man am effizientesten die Kohle aus der Tasche ziehen kann: Das sind nämlich wir! In der Regel wollen wir unsere alten Schätze hören und die kann man uns produktionsseitig billig servieren, zum anderen sind wir häufig bereits auch für die xte Neudigitalisierung/Neukompilation unserer "großen Hits" noch Geld auszugeben. (Und die neurobiologische Erklärung finde ich durchaus einleuchtend.)

    SZ
    Damit aber wurde die Zukunft in der Popmusik de facto abgeschafft. Die Digitalisierung und unbegrenzte Archivierung machte Klänge nicht nur allzeit verfügbar, sondern löste jede Zeitspur von ihnen ab. Vergangenheit und Zukunft existieren nicht mehr, alles klingt nach Jetzt.
    Diesen Satz halte ich übrigens für bisher unterschätzt. Für jede nachkommende Generation ist allein der Umfang der schon vorhandenen Musik gigantisch. Und für die jüngere Generation ist das subjektiv neue Musik. Deshalb ist das Neu-in-Szene-setzen alter Titel so erfolgreich; es entspricht dem technischen Stand der Gegenwart (und damit unseren Hörgewohnheiten!) und subjektiv wird es als neu empfunden. Außerdem Musik in digitaler Form archivieren zu können, macht einen Unterschied zu alten Schellackplatten etc, die einfach verschleißen. Digital kann man von Medium auf Medium auf Medium verlustfrei übertragen. (Oder warum meint Ihr, kämpft die Musikindustrie so vehement gegen das Recht auf individuelle Archivierung von Musik durch Kopien, Medienwechsel, Aufzeichnen von Audiostreaming???)

    @Christoph
    Heutige Veröffentlichungen sind nicht schlechter oder besser als frühere.
    Ich mag Dir da nicht zustimmen. Ich glaube schon, dass heute mehr massenkompatibler Musikmüll schnell und billig produziert wird als zu jeder anderen Zeit. Einfach deshalb, weil wir viel umfassender multimedial erreichbar sind als zu jeder anderen Zeit. Außerdem haben wir ja schon mehrfach festgestellt, dass auch auf der Musikindustrie - quer durch alle Sparten - ein hoher Ökonomisierungsdruck lastet. So etwas hat es auch früher schon gegeben: etwa die Spätzeit des Swing in den 40ern, wo Massenorchester möglichst allgemeingeschmackskompatible Tanzmusik spielen sollten. Hat sich seinerzeit gut verkauft, ist heute weitestgehend vergessen. Entscheidend dafür: die parallel dazu verlaufende Protestbewegung des Bebop. Technisch versierte Musiker wollten andere kräftigere und lebendigere Töne als diese "parfümierte Tanzmusik" (Dizzy Gillespie).
    Etwas ähnliches hat es 15 Jahre später wiederum gegeben: Der Schnulzen-Pop der frühen 60er wurde durch das Aufkommen des elektrisch unterfütterten gitarrenlastigen Rock und des Beat quasi beendet. Auch wiederum ein erfolgreicher Protest.
    In den 70er, 80er und 90er hat's sowas nur ansatzweise gegeben. (Ja, ich weiß: Es gab den Punk, außerdem sind Metal und Techno natürlich auch im Kern gesellschaftskritisch ).
    Und was haben wir heute? Reste von Gangsta-Rap, neue deutsche Befindlichkeitsmusik und reanimierter Düdelfunk. Fast ausnahmslos durchkommerzialisiert. Na herzlichen Glückwunsch !

    Ansonsten wieder das alte Lied: es fehlen die Möglichkeiten (um es ganz deutlich zu sagen: Das Radio), sich neue Musik leicht ins Ohr liefern zu lassen. Es gibt wirklich klasse Sachen in allen Musikbereichen, manchmal wirklich noch nie dagewesen, manchmal einfach nur schön - nur man muß eben wirklich selber danach suchen!
    Das ist sicherlich nicht falsch, aber wenn man nicht gerade in London oder Berlin wohnt, ist das schwieriger ... Und wo gibt es schon mal neue Live-Musik zu hören???

    Grüße!
    DeeTee

  10. #9
    Benutzerbild von DeeTee

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    DeeTee

  11. #10
    Benutzerbild von Christoph

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    DeeTee postete
    ...Ich glaube schon, dass heute mehr massenkompatibler Musikmüll schnell und billig produziert wird als zu jeder anderen Zeit. Einfach deshalb, weil wir viel umfassender multimedial erreichbar sind als zu jeder anderen Zeit. Außerdem haben wir ja schon mehrfach festgestellt, dass auch auf der Musikindustrie - quer durch alle Sparten - ein hoher Ökonomisierungsdruck lastet. ...
    Alles richtig! Es wird viel mehr auf den Markt geworfen, eben weil es inzwischen viel einfacher und schneller geht. Wenn Du aber diesen Müll wegnimmst und dann das schlecht produzierte Zeug auch noch, bleiben immernoch ein paar Sachen über. Und da sind Perlen drin versteckt!

    Gruß
    Christoph

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