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Und mal wieder ein Altstar,...

Erstellt von Torsten, 19.11.2002, 15:18 Uhr · 5 Antworten · 698 Aufrufe

  1. #1
    Benutzerbild von Torsten

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    ...der Klartext über's aktuelle Musikbusiness spricht. Hier ein Auszug eines Interviews mit Tom Petty aus der vorletzten TV Spielfilm:


    Zu Beginn des Jahres wurden Sie und Ihre Band "The Heartbreakers" in die "Rock and Roll Hall Of Fame" aufgenommen.

    Und wenn es jemand verdient hat, dann ich. Ich habe mein Leben dem Rock'n'Roll gegeben (lacht). Letztlich wird man aber schon für die Tatsache geehrt, dass man so lange dabei ist.

    In dem Titelsong Ihres Albums beschreiben Sie einen DJ, der sich unter keinen Umständen für das Geschäft verbiegen lassen will. Singen Sie über sich?

    Nein, ich dachte dabei mehr an den allgemeinen Verfall einer Kultur, die nur noch auf Gewinnzuwachs ausgerichtet ist. Natürlich hat es diese Motivation schon immer in der Popmusik gegeben. Aber heute stehst du, wenn du Musikliebhaber bist, quasi abseits vom Business.

    Wurden die Künstler aber nicht früher sogar viel mehr ausgebeutet als heute?

    Sicher, aber es gab mal eine Zeit, da wurde das Musikbusiness immerhin von Leuten geleitet, die tatsächlich an Musik interessiert waren. Heute regieren Marketingexperten und Rechtsanwälte. Dadurch sind die Verträge vielleicht besser geworden, aber dieses Stückchen Wahrheit, das wir früher so an der Musik geschätzt haben, das ist fast vollkommen verloren gegangen.

    Junge Bands, wie etwa "The Strokes" oder "The Vines", halten doch gerade wieder die Rock-Fahne hoch.

    Von "The Strokes" kenne ich nur einen Song, und der klingt am Anfang schwer wie mein "American Girl" (lacht). Aber die Jungs sehen cool aus, und das Ganze scheint mir doch ehrlich zu sein. Eine angenehme Ausnahmeerscheinung.

    Den Verfall der Werte sehen Sie aber nicht nur in der Musikindustrie.

    Heutzutage kann man ja noch nicht einmal mehr seinem Priester trauen, denn es könnte ja sein, dass er sich an deinen Kindern vergeht. (Anmerkung von mir: Ob das allerdings früher anders war, ist dann auch noch die Frage...) Wir leben in gefährlichen Zeiten. Und viele Künstler sind offenbar zu dumm, das zu realisieren. Man gucke sich zum Beispiel nur den ganzen HipHop an, mit seinem haarsträubenden Kult um Reichtum und Gewalt.

    Haben Sie keine Angst, mit so einer Haltung als moralisierender Rock-Opa verlacht zu werden?

    Es geht mir nicht um Nostalgie, aber das Besondere ist doch, dass wir uns nach langer Zeit mal wieder Sorgen um die Zukunft unserer Kinder machen müssen.

    Hat sich die Popkultur nach dem 11. September 2001 verändert?

    Nicht im Geringsten.

    Es gibt zu dem Thema einige Songs, die sich auf den Rache-Aspekt beschränken.

    Ja, das sind die Momente, in denen ich mich um den Grad der Bildung in diesem Land sorge.

    ...


    Die Kernaussage dieses Interviews ist natürlich der Hinweis auf die Herrschaft kalter Geschäftsleute in der heutigen Musikbranche, die ihren beruflichen Erfolg einzig und allein an der Jahresbilanz messen. Auffällig dabei ist, dass dies in den letzten Jahren mehr oder weniger regelmäßig von den unterschiedlichsten etablierten Künstlern angeprangert wird – und mit Sicherheit nicht aus lauter Neid und Frustration, wie einige Zeitgenossen ja bei derlei Kritik immer mit Pawlowschem Reflex erwidern (kann mich da noch sehr gut an die Reaktionen auf das Pet Shop Boys-Interview vor einiger Zeit erinnern).

    Kritik von Altgedienten an diversen aktuellen Künstlern dürfte es schon immer gegeben haben. Aber ich frage mal diejenigen Musik-Freaks, die ein paar Tage älter sind als ich: Hat es eine solche Generalkritik an der gesamten Branche früher auch schon gegeben? Vielleicht kann ja der eine oder andere hier etwas dazu sagen...

    Für mich besteht kein Zweifel daran, dass sich da vor allem in den letzen 15 Jahren die Welt der Popmusik grundlegend verändert hat. Den vorerst absoluten Gipfel dieser nur noch auf schnellen Gewinnzuwachs ausgerichteten Entwicklung ist mit der Schwemme der Retortenbands à la No Angels oder Bro'Sis erreicht, wo auf breiter Front gar nicht mehr Wert darauf gelegt wird, echte Vollblutmusiker mit entsprechendem Background zu fördern – sondern einzig leidlich begabte, erfolgsgeile Allerwelts-Schönlinge, die ihre Platten fast ausschließlich durch ihren aufgesetzten Coolheits-Faktor unter die entsprechende Zielgruppe bringen.

    Der zweite, ganz entscheidende Grund für die Tatsache, dass der Musikmarkt seit einigen Jahren von einem riesigen Haufen Scheiße überrollt wird, liegt in der rasanten technischen Entwicklung: Mittlerweile kann jeder Depp auf einem einigermaßen ordentlich ausgestatteten PC irgendwelche "Tracks" zusammenschustern – und um heutzutage die dicke Kohle einzufahren, muss man dafür nicht einmal mehr kreativ sein. Man schnappt sich einfach die Sounds und Samples alter Hits, haut irgendwelche aktuellen Beats drunter, jagt die Stimmen völlig talentfreier Hipster durch den Vocoder – fertig ist die Soße, mit der MTV und VIVA ihre Programme garnieren...

    Da fliegt einem glatt das Blech weg: Kürzlich habe ich mir bei einem Kumpel auf dessen Rechner solche Hammer-Musikprogramme wie "REASON" oder "REACTOR" ansehen können, die der Sausack auch noch immer für lau irgendwo abgreift. Wenn man sich diese Software mal anschaut – da fällt einem wirklich die Kinnlade runter. Damit scheint quasi alles möglich, das Beherrschen von Instrumenten wird hier völlig obsolet. Da wundert es einen nicht, dass die Charts seit einigen Jahren mit einem musikalischen Junk-Food überschwemmt werden, das sogar die alten Stock/Atze/Wassermann-Kreationen in einem künstlerisch hochwertigen Licht erscheinen lässt...

    Tja, und solange sich genügend Leute mit dieser Masche noch genügend den Arsch vollverdienen, dürfte auch eine solch deftige Kritik wie im oben zitierten Interview kaum Gehör unter den Verantwortlichen finden...
    --
    --

  2.  
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  3. #2
    Benutzerbild von Lutz

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    Moin Torsten!

    Ich habe das Interview schon vor einiger Zeit mit grossem Interesse gelesen:

    Tom Petty:
    Man gucke sich zum Beispiel nur den ganzen HipHop an, mit seinem haarsträubenden Kult um Reichtum und Gewalt.
    Dazu faellt mir ein Statement ein das gestern bei "Latelounge" (eine echte Sympathensendung) auf H3 fiel. Es ging um die 80er Jahre (sicher haetten viele Stammschreiber aus diesem trefflichen Forum ihren Spass dran gehabt).
    Anyway - der sehr amuesante Gast Hennes Bender meinte, als das Gespraech auf Formel Eins und Musikvideos kam:

    "Damals standen die Rapper in den Videos um brennende Muelltonnen, heute stehen sie am Swimmingpool"



    Wie ich finde sehr treffend fuer den Zeitgeist der 80er versus 90er bis heute:

    Tom Petty: Aber heute stehst du, wenn du Musikliebhaber bist, quasi abseits vom Business.
    Genau dieses Gefuehl habe ich auch. Irgendwie habe ich das Feeling das, mit wenigen Ausnahmen, alles was in den Medien so an Zeugs laeuft *nichts* mehr mit meinen Lebensgefuehl geschweigedenn Musikgeschmack zu tun hat.

    (...)
    Retortenbands à la No Angels oder Bro'Sis erreicht, wo auf breiter Front gar nicht mehr Wert darauf gelegt wird, echte Vollblutmusiker mit entsprechendem Background zu fördern
    Was soll auch dabei rauskommen wenn Leute vom Schlage eines Dieter Bohlen, oder (in o.g. Faellen) Seelenverwandte von ihm, entscheiden was gut ist und was nicht. Wobei mir "Seele" in diesem Zusammenhang irgendwie schwer von der Feder geht...

    Tja, und solange sich genügend Leute mit dieser Masche noch genügend den Arsch vollverdienen, dürfte auch eine solch deftige Kritik wie im oben zitierten Interview kaum Gehör unter den Verantwortlichen finden...
    Von mir aus sollen sich die doch dumm und daemlich verdienen - so lange sie genug finden, die die neuesten Musikkreationen ihrer Software abnehmen -ok.
    Ich muesste es ja nicht hoeren *wenn*, ja wenn es diese quasi Gleichschaltung saemtlicher Medien nicht gaebe. Zur BLOED Zeitung gibts ja genug Alternativen - man muss den geistigen Duennsinn ja nicht lesen. Aber wie siehts im Musikbereich aus? Immer wenn ich z.B. das Autoradio anschalte oder Musikvideos sehen moechte kommen nur die neusten geklonten austauschbaren Hits kurz unterbrochen von Moderatoren die in ihrem Arbeitsvertrag stehen haben 24 Stunden am Tag *immer* dauergrinsend scheissfroehlich zu sein, egal was um sie rum passiert.

    In den 80ern z.B. gabs noch die englische Musicbox. Stellt euch das genaue Gegenteil von VIVA vor - Voila - so schoen kann MusikTV sein.

    Lutz

  4. #3
    Benutzerbild von Lutz

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    Nachtrag:

    Wobei man sich hueten muss z.B. den No Angels jegliches Gesangstalent abzusprechen. Ich habe mal in einem anderen Forum derbe Beschimpfungen in diese Richtung gelesen... Das ist IMO auch wieder Quark. Natuerlich koennen die singen! Ist aber deshalb ihre Musik automatisch gut? Es gibt exzellente Studiomusiker die ihr Geld damit verdienen irgendwelche fuerchterlichen Doedel als namenloses Fussvolk zu begleiten. Die haben in ihrem Leben aber oft nicht einen einzigen eigenen Song veroeffentlicht. Andereseits war die Drummerin von Velvet Underground, nach eigenem Bekunden nicht mal in der Lage einen Drumroll zu spielen - war die Musik deshalb schlecht? Oder die Saengerin von Belly - klar singt sie vielleicht etwas schraeg - aber vielleicht macht gerade das den Reiz aus. Das Beispiel von Bob Dylan moechte ich jetzt gar nicht erst bemuehen....

    Was ist mit Roy Black? Es spielte offenbar zeitlebens eine Rolle, tief im Inneren todungluecklich mit seinen Schnulzen, aber er spielte die Rolle perfekt. Vielleicht eine miefige 70er-Jahre-Version der industriedesignten Stars von heute... Aehnlich verlogen - aehnlich erfolgreich.

    Fazit: Seele/Soul kann man nicht kaufen und schon gar nicht durch ein 500.000 Leute casting rausfinden...

    Lutz

  5. #4
    Benutzerbild von Imaginary Boy

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    Lutz postete
    Nachtrag:

    Wobei man sich hueten muss z.B. den No Angels jegliches Gesangstalent abzusprechen. Ich habe mal in einem anderen Forum derbe Beschimpfungen in diese Richtung gelesen... Das ist IMO auch wieder Quark. Natuerlich koennen die singen!
    Hier muss ich dir einerseits zustimmen und andererseits nicht. Du sagst, dass sie gesanglich was drauf haben, wogegen man wirklich nichts sagen kann. Die Stimmen klingen ja harmonisch, nicht schief, sie treffen den Ton, also eigentlich alles wunderbar..auf den ersten Blick. Wenn ich aber, was meine Person betrifft, mal etwas genauer hinschau, dann fällt mir auf, dass mir die Stimmen/Sänger imponieren, die eben nicht diesem Ideal entsprechen, also ungeschulte Stimmen, die hier und da mal den Ton verfehlen, die aber ihre ganze STIMMUNG in ihren Gesang packen, und da finde ich die besagten Misstöne einfach nur ehrlich und passend. Die technischen Mittel diese "Fehler" rauszumischen haben ja auch sie, aber warum sollte sie das tun, wenns doch so überzeugend klingt!
    Und ganz wichtig: sie sind einzigartig!! Ich wüsste keinen, der ne ähnliche Jammer-Stimme wie Robert Smith, ne ähnlich klare wie Freddie Mercury, von mir aus ne Knödelstimme (nicht abwertend gemeint) wie der Sänger (scheiße, Name fällt mir jetzt nicht ein..) von den Petshop Boys, oder ganz extrem ne augeflippte wie der Herr Byrne von den Talking Heads hat. Heutige gecastete Bands könnten ihre Sänger beliebig untereinander austauschen und keinem würde im Radio ein Unterschied auffallen, weil wie gesagt einfach das Individuelle fehlt.
    Besonders traurig oder vielmehr ärgerlich finde ich, dass den Mädels und Jungs dieser Retorten-Bands vorgeschrieben wird, welche Stimmung sie in die Songs packen müssen, zu denen sie ja nur durch ihren Gesang ein Stück beitragen. Und wenn dann auch noch dieser kleine Beitrag an Individuellem manipuliert wird, dann ist echt Hopfen und Malz verloren. Aber das passt ja eigentlich alles ins konzept: wenn schon von höherer Instanz produziert, dann auch richtig und ohne Rücksicht auf Verluste. Scheint ja dennoch anzukommen...
    Aber was reg ich mich eigentlich so auf, die 80er haben ja genug an brauchbarem Material hervorgebrahct, von dem ich noch mein Leben lang zehren kann....

    Gruß
    Matthias

  6. #5
    Benutzerbild von Lutz

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    @Matthias


    Hier muss ich dir einerseits zustimmen und andererseits nicht. Du sagst, dass sie gesanglich was drauf haben, wogegen man wirklich nichts sagen kann. Die Stimmen klingen ja harmonisch, nicht schief, sie treffen den Ton, also eigentlich alles wunderbar..auf den ersten Blick. Wenn ich aber, was meine Person betrifft, mal etwas genauer hinschau, dann fällt mir auf, dass mir die Stimmen/Sänger imponieren, die eben nicht diesem Ideal entsprechen, also ungeschulte Stimmen, die hier und da mal den Ton verfehlen, die aber ihre ganze STIMMUNG in ihren Gesang packen, und da finde ich die besagten Misstöne einfach nur ehrlich und passend.
    Meine Rede! Genau das habe ich mit dem Statement "Ist aber deshalb ihre Musik automatisch gut?" ausdruecken wollen. Kennst Du Belly? Die Saengering bringt unglaublich viel Gefuehl in ihre Stimme. Das schlaegt genau in Deine Kerbe... Den Belly Auftritt, an einem wunderschoenen Sommertag 1994 in Roskilde, werde ich bestimmt nie vergessen. Auch ihre Stimme ist einzigartig und eben *nicht* perfekt, aalglatt.
    Was z.B. Robert Smith angeht kann ich Dir auch nur zustimmen... Im Gegensatz dazu macht die Austauschbarkeit der gesylten Acts/Stimmen sie so belanglos...
    Ist das nicht schade? Da versauern sicher auch echte Talente wenn die von POP-Zuhaeltern wie Bohlen, oder wer auch immer das produziert, die Stimmungen der Songs vorgeschrieben bekommen - wie Du ja auch trefflich beschreibst....

    Ich habe noch ein Satz im Ohr von dieser furchtbaren "Popstars" Sendung den einer der "Juroren" brachte: "Pop-Musik funktioniert eben so." Ich sage: Falsch - was ihr draus macht ist ein Missbrauch dieses Begriffs.

    Aber was reg ich mich eigentlich so auf, die 80er haben ja genug an brauchbarem Material hervorgebrahct, von dem ich noch mein Leben lang zehren kann....
    Ja und ich bin echt froh das ich mit dieser Musik aufgewachsen bin - und sogar noch einen Teil der 70er mitbekommen habe (z.B. Genesis!).

    Lutz

  7. #6
    Benutzerbild von woody

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    623
    und wenn ihr euch mal Outfield, Survivor oder andere Gruppen vornehmt, wo man nur 1-2 lieder kennt, werdet Ihr noch viel mehr schöne Sachen finden, die man nie gehört hat

    Woody

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