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Wie findet Ihr das denn ...

Erstellt von DeeTee, 27.03.2004, 10:46 Uhr · 15 Antworten · 1.378 Aufrufe

  1. #1
    Benutzerbild von DeeTee

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    Trau keinem über 40!

    Verantwortlich für den Erfolg von Stars wie Sarah Connor sind nicht etwa hysterische Teenies, sondern Menschen, die mindestens drei Jahrzehnte Zeit hatten, ihr Gehör zu schulen. Das Ende der Jugendkultur naht: Die Alten sind das neue Zielpublikum der Pop-Industrie.
    Von Tobias Kniebe

    Eigentlich dürfe sie gar nichts verraten, sagt die Quelle und senkt ihre Stimme. Das alles sei Betriebsgeheimnis. Aber man spürt: Da muss etwas raus. Also weiterfragen. Wir suchen harte, empirische Fakten. Zahlen aus dem Innern der Musikindustrie, aus der Marktforschung der Konzerne. Zum Beispiel von Alexander Klaws, 20, dem Bertelsmann-Jüngling mit den ewig kreischenden Fans. Oder von Sarah Connor, 23, der Queen des heimischen Schlampen-Soul.

    Wofür stehen diese beiden? Für das Recht der Jugend, jede Art von Pop zu mögen, auf Eltern und Kritik zu pfeifen und der Macht ihres Taschengelds zu vertrauen. Ganz klar. Aber jetzt mal ehrlich: Wie alt sind die Kids, die das kaufen, wirklich? Da lacht die Quelle und konsultiert eine Liste: Durchschnittsalter der Popkonsumenten, aufgeschlüsselt nach Interpreten. Sarah Connor: 27 Jahre! Alexander Klaws: 30!

    Was dann doch ein Schock ist. Denn anders ausgedrückt bedeutet es folgendes: 50 Prozent aller Menschen, die schon einmal einen Tonträger von Alexander Klaws erworben haben, hatten das 30. Lebensjahr bereits überschritten. Diese Käufer waren pickelfrei, standen fest im Leben und hatten mindestens drei Jahrzehnte Zeit, ihr Gehör zu schulen, ihren Geschmack zu bilden, ihren Platz in dieser Gesellschaft zu finden ? und dann das. Selbst wenn man jene abzieht, die im Auftrag ihrer Kinder gehandelt haben, möglicherweise mit Verachtung im Herzen, dann drängt sich doch eine schreckliche Erkenntnis auf: Pop, dieses ewige Ding der Erneuerung, ist nicht länger eine Sache der Jugend.

    Das gilt gleichermaßen für Deutschland, England und Amerika. Wahrscheinlich für die ganze westliche Welt. Erstmals kann man nachweisen, dass die 40-Jährigen mehr Platten kaufen als die Teenager, meldet aktuell die britische Musikindustrie. Und der amerikanische Brachenverband RIAA hat eine Langzeitstudie veröffentlicht, die dem Wandel in den USA auf den Grund geht: Bis 1998 bestand die wichtigste Käufergruppe aus Teenagern von 15 bis 19 Jahren. Inzwischen sind es die über 45-Jährigen, deren Marktsegment rasch wächst: Im letzten Jahrzehnt hat sich ihr Umsatz verdoppelt.

    Es gilt also, sich von einem heiligen Kult zu verabschieden. Die aufsässigen Halbstarken der Fünfziger, die ganze Legende des Rock?n?Roll. Die Beatles und ihre Epidemie der Pilzköpfe, die ohnmächtige Wut der Eltern und Großeltern. Trau keinem über 30. Talkin? Bout My Generation. Hope I Die Before I Get Old. Die Jugend war stets das Maß aller Dinge im Pop, anders war er nicht vorstellbar, und so sollte es bleiben bis in alle Ewigkeit. Es gab keine Erfahrung mit dem Älterwerden, Pop war ja selbst noch so jung.

    Seine Propheten riefen die permanente Revolution aus, die ewige Erneuerung zwischen Dissidenz und Mainstream ? und machten doch munter weiter, als sie selbst plötzlich älter wurden. Ein Teil der Helden starb, was der stärkstmögliche Abgang war, aber der größere Teil starb eben nicht. Ein Teil geriet, wie vorgesehen, in Vergessenheit, um der Jugend Platz zu machen. Der Rest aber machte, allen Verspottungen zum Trotz, einfach weiter. Und findet noch immer, und jetzt immer mehr, ein dankbar ergrautes Publikum.

    Hunde, wollt ihr ewig rocken?

    Die Dinoaurier-Fraktion war nie ganz verschwunden, aber in Deutschland feiern jetzt auch Leute wie Herbert Grönemeyer und Nena wieder sensationelle Erfolge. Weltstars wie Robbie Williams sprechen ohnehin zu allen Generationen, aber auch bei ihm ist ein Drittel der Fans schon über 40. Und die aktuelle Chart-Königin Norah Jones, gerade mal 22, entwickelt sich zum Pop-Erfolgsmodell der Zukunft: So unbestimmt sanft, dass keine Generation sich ausgeschlossen fühlt, so unaufdringlich, dass der Entspannung selbst im Rentenalter nichts mehr im Wege steht. Der deutsche Norah-Jones-Hörer ist im Schnitt 37 Jahre alt ? das ist, gemessen an ihrer eigenen Jugend, dann doch ein Rekord. Solchen Künstlern wird die Zukunft gehören, die Macht des globalen Marketing, die Suche der Plattenfirmen nach dem nächsten großen Ding.

    Es bringt wenig, darüber die Nase zu rümpfen, denn auch die Helden der Feuilletons sind diesem Gesetz unterworfen: Nichts an den White Stripes oder Coldplay kann ältere Semester verschrecken, und selbst Debütanten wie die Stands oder Franz Ferdinand erinnern den Kenner vor allem an früher: An die Byrds zum Beispiel oder an Kunststudenten-Pop im Glasgow der frühen Achtziger.

    Mag sein, dass diese Entwicklung schon demographisch unausweichlich ist. Im Jahr 2050 wird, nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes, die Hälfte der deutschen Bevölkerung älter als 48 Jahre sein. Dreimal darf man raten, welche Musik dann die Charts und Radiosender dominiert, wer wirklich das Musikfernsehen einschaltet, wer in den Clubs, aufgeputscht von steigender Lebenserwartung, die Tanzflächen zum Kochen bringt: We?ll Never Stop Living This Way. Dieses Motto beseelt nicht nur den unverbesserlichen Stones-Fan, der schon 20 Abschiedstourneen hinter sich hat, es wurde auch sogleich vom Love-Parade-Unternehmer Westbam adaptiert, als Techno vorbei war ? aber trotzdem weitergehen musste. So bewahrt jede Generation ihr eigenes Popgefühl, über die Jahre hinweg, in den fröhlichen Ruhestand hinein und wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit. Hunde, wollt ihr ewig rocken? Oh ja, wir wollen.


    Nur für die Jugend sieht es, ehrlich gesagt, ziemlich düster aus. Sie ist doppelt benachteiligt. Wenn nichts als Mist in den Charts ist, Casting-Bands beschimpft und Dieter-Bohlen-Melodien verhöhnt werden, gilt der Pop-Teenager immer noch als Verursacher und Sündenbock: Seine Ahnungslosigkeit und seine Geschmacksverwirrung, heißt es, machen den ganze Schrott erst möglich. Das ist, man sieht es am Beispiel von Alexander und Sarah Connor, schreiend ungerecht. Teenager kaufen diese Platten auch, keine Frage ? aber für den wahren Erfolg sorgen erst wir, die Erwachsenen. Das ist die eine Seite. Die andere ist, dass die Jugend der Zukunft wohl auf ein existenzielles Jugendgefühl verzichten muss: Teil einer globalen Popbewegung zu sein, die im Untergrund beginnt, dann aber die Charts erklimmt, die Alten schockiert, verbrauchte Legenden beiseite räumt und auf allen Kanälen die Welt erobert. Junge Menschen haben ein Recht auf dieses Gefühl. Aber ob sie noch die Masse und Kaufkraft haben, es auch durchzusetzen ? das erscheint immer fragwürdiger.

    Woran sie selbst nicht ganz unschuldig sind. Pop wird schließlich vom Markt gemacht. Wenn aber eine ganze Generation beginnt, ihre Musik illegal aus dem Netz zu saugen oder von Freunden brennen zu lassen, dann bringt sie diesen Markt allmählich zum Verschwinden. Zumindest für die eigene Altersgruppe. Die Industrie wird sich auf jene konzentrieren, mit denen sie noch Geld verdienen kann: Menschen, die zu alt, technisch zu unbegabt, zu ehrlich oder einfach zu reich sind, um sich Musik auf illegalem Weg zu besorgen. Diese Käufer bestimmen dann auch, welche Platten gehört, vermarktet und überhaupt noch herausgebracht werden.

    Im heiligen Kult des Pop ist dies die größte anzunehmende Katastrophe: Dass junge Menschen nur noch das hören können, was ihren Eltern gefällt. Weil sie ihren eigenen Markt zerstört haben, und weil es nichts anderes mehr gibt. Dieser Jugend muss die Mahnung eines großen alten Indianerhäuptlings gelten, die wir hier nur leicht abgewandelt wiedergeben: Erst wenn der letzte Kopierschutz geknackt, der letzte Song geladen, die letzte CD gebrannt ist, werdet ihr feststellen, dass man Phil Collins nicht essen kann.


    (SZ vom 27.3.2004)
    Link: http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/269/29240/


    Also, das muss ich erstmal verdauen. Und dann werde ich eine kleine empirische Erhebung unter den Musikbeständen in meinem Bekanntenkreis machen. Oder sieht man hier die Macht des Fernsehens? Fernsehen macht also nicht nur dumm, es verdirbt auch noch den Musikgeschmack? Und die Privaten können das sogar noch schneller?! Das allerdings ist bemerkenswert ...

    DeeTee

  2.  
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  3. #2
    raabi2000
    Benutzerbild von raabi2000
    Nun, das bestätigt zum einen meine eh schon vorhandene Theorie zur Bevölkerung in Deutschland, und zum anderen kann ich diese jetzt auch noch auf die gesamte westliche Welt ausweiten:

    Mindestens 90% der Menschen sind dumm.

  4. #3
    Benutzerbild von Torsten

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    @ DeeTee:

    Danke für diesen hochinteressanten Artikel!

    Er bestätigt u. a., was ich kürzlich auchma im Thread "Die Krise des Pop" bemerkte:
    Auch ich habe seit geraumer Zeit den Eindruck, dass das, was früher mal den Kernpunkt von Popmusik bildete, heutzutage kaum noch eine Rolle spielt: jugendliches Rebellieren und der Wille zur Abgrenzung.
    Ein Großteil heutiger Chartsmukke ist derart glatt und kantenlos, dass sie mühelos generationenübergreifende Wirkung erzielt. Meine Mutter hörte in den letzten Jahren ihres Lebens zu meinem Entsetzen auch teilweise Alexander und Konsorten – während ich zunehmend auf Musik aus ihrer Jugend zurückgreife…

    Allerdings ist diese Entwicklung auch zwangsläufig, denn irgendwann musste ja schließlich der Punkt erreicht sein, an dem Popmusik ein gesellschaftlich völlig anerkanntes Kulturprodukt ist. War doch klar, dass die, die mit den Anfängen dieser Bewegung aufwuchsen, es bis zu ihrem Lebensende in ihren Herzen tragen würden. Und wie's im Text erwähnt wird: Die mit neuester Technik viel vertrautere Jugend nutzt andere Kanäle, um an Musik kommen, während die älteren Semester an der Tradition des Plattenkaufens festhält.

    Einen weiteren Punkt halte ich auch für entscheidend:
    We'll Never Stop Living This Way. Dieses Motto beseelt nicht nur den unverbesserlichen Stones-Fan, der schon 20 Abschiedstourneen hinter sich hat, es wurde auch sogleich vom Love-Parade-Unternehmer Westbam adaptiert, als Techno vorbei war - aber trotzdem weitergehen musste. So bewahrt jede Generation ihr eigenes Popgefühl, über die Jahre hinweg, in den fröhlichen Ruhestand hinein und wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit. Hunde, wollt ihr ewig rocken? Oh ja, wir wollen.
    Das erinnert mich an die Worte von Norbert Bolz in einer "nachtstudio"-Sendung zum Thema "Forever Young – Das Verschwinden des Alters":
    Und was ich vermisse oder was man in unserer Gesellschaft vermissen muss – und das hat gute soziologische Gründe – ist eben dies, dass wir nicht mehr bereit sind zu wechseln, das wir unsere Orte nicht mehr bereit sind zu wechseln. Dass wir nicht bereit sind, aus der Discothek mal in eine Partei oder in irgendeinen Verband zu wechseln, um dort unsere Aufgaben zu übernehmen; sondern das wir immer Disco-Besucher bleiben wollen; dass wir immer Motorradfahrer bleiben wollen; dass wir immer Bungee-Jumping machen wollen. Statt einmal zu begreifen, es gibt Lebensabschnitte, es gibt Lebensalter mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen; und es macht auch Spaß, in sie hineinzureifen. Also solche Reifungsprozesse finden ja kaum noch statt…
    Und genau das kann man beim Thema Musik exemplarisch beobachten. 50jährige, die heute immer noch zu Konzerten der Rolling Stones tigern und dort zur Musik die merkwürdigsten Verrenkungen vollführen, empfinde ich jedenfalls nur noch als peinlich…

    Und zum Schluss noch was hierzu:
    Dieser Jugend muss die Mahnung eines großen alten Indianerhäuptlings gelten, die wir hier nur leicht abgewandelt wiedergeben: Erst wenn der letzte Kopierschutz geknackt, der letzte Song geladen, die letzte CD gebrannt ist, werdet ihr feststellen, dass man Phil Collins nicht essen kann.
    Das wäre auf jeden Fall eine wesentlich eindringlichere Variante als der nichtssagend-betuliche Slogan "Copy kills music"!

    Ein wahrlich nachdenklich stimmender Einwurf. So hatte ich das Ganze bisher jedenfalls noch nicht betrachtet…

  5. #4
    Benutzerbild von ihkawimsns

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    Bei den Küblböck-Fans haben wir dieses Phänomen ja selbst schon festgestellt. Aber das diese These quasi allgemein gültig ist...

    Da kann ich nur noch sagen:

    Pfui!!! Schämt euch!!!

  6. #5
    Benutzerbild von bubu

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    Zu diesem Thema auch ein Artikel aus der FAS:

    Jugendkultur am Ende? Das Durchschnittsalter des Plattenkäufers hat die Vierzig überschritten.

    Es gab eine Zeit, da gehörte die Jugendkultur noch der Jugend. Das muß irgendwann An-fang der sechziger Jahre gewesen sein, als erwachsene Menschen noch Klassik hörten oder Schlager oder zumindest Jazz. Und auch auf die, die damals geboren wurden, schien eine Jugend zuzukommen, die mit dreizehn, vierzehn beginnen würde. Und spätestens mit fünfundzwanzig würde Schluß damit sein.

    Aber mit Ende zwanzig gingen diese Leute in die Clubs und hielten sich in der Nähe des DJs frisch; die Sache mit dem Ausgehen fing erst richtig an. In ihren Dreißigern blickten sie auf eine Biographie zurück, die parallel zur Geschichte des Pop verlaufen war, und noch immer kauften sie die neuesten Platten. Und wenn sie heute auf Konzerte gehen, steht da immer schon jemand vor ihnen, dessen Haar etwas silbern unter der sich immer weiterdrehenden Discokugel schimmert. Neulich meldete die britische Zeitung "The Guardian", daß zum erstenmal deutlich mehr Vierzigjährige als Teenager unter den Käufern von Pop-Platten sind.

    Was ist passiert? Ist die Jugendkultur inversiv? Wird, je weiter man sich auf dem Zeitstrahl des Alters fortbewegt, man durch einen Umkehrschluß, kulturell gesehen, immer jünger? Hat das Älter-, Vernünftig- und Erfahrenwerden evolutionstheoretisch gar keinen Zweck mehr, wenn doch nur das Kindliche, das heißt für alles Aufgeschlossene, als progressiv gilt? Vermutlich zählt heute, nach Zehntausenden Jahren Menschheitsgeschichte, die Erfahrung, die man kürzlich auf einem Coldplay-Konzert machte, mehr als die, mit der man eine Eiszeit überleben könnte. Und: Was passiert eigentlich mit der Jugendkultur, wenn die Jugendlichen heute vierzig sind? Verschwindet sie einfach wie eine untergegangene Kultur?


    Auch die neusten Zahlen aus Deutschland belegen im Vergleich zu den von vor zehn Jahren, das stete Altern der Popkonsumenten.Verschiebung der Haupthörerschaft in die Gruppe der Dreißigjährigen. Im Jahr 2002 waren etwa 21 Prozent der Pophörer vierzig, und nur noch 14 Prozent waren Teenager - jene Altersklasse also, für welche die Popmusik doch ursprünglich gemacht war. Dafür gibt es zwei einfache Gründe: Die Vierzigjährigen haben mehr Geld als die Teenager, und zugleich wissen sie oft einfach nicht, wie man kostenfrei eine MP3-Datei aus dem Internet herunterlädt. Die perfekten Käufer, die zudem offen für Neues sind. "Wir haben es hier", sagt Peter Zombik, Geschäftsführer des deutschen Phono-verbands, "nicht mit älter gewordenen Rolling-Stones-Fans zu tun, die nur Rolling-Stones-Platten kaufen." Im Grunde bestimmen längst die Vierzigjährigen, welche Musik im Radio gespielt wird und was in die Charts kommt. Wie ein breiter Keil hat sich die Generation der Babyboomer in die Geschmacksindustrie getrieben, und seitlich bricht die Jugendkultur wie ein morscher Knochen weg.

    Deshalb ist im Moment auf Platz eins in den deutschen Alben-Charts auch Norah Jones zu finden: eine Musik zum Mitsummen bei der Autofahrt ins Büro, die einen träumen läßt, aber nicht zu heftig. In den Single-Top-Ten kam durch die Grand-Prix-Vorauswahl jener Max ganz nach oben, der sich so anhört, als wollte er Tina Turner und Joe Cocker zugleich gerecht werden, und genau so sieht er auch aus. Der Soulstimmen-Imitator, wie man ihn in der Fern-sehsendung "Blondes Gift" nannte, ist eine Erfindung von Stefan Raab, und der ist der Ralph Siegel der Vierzigjährigen.

    Mit diesem Publikum ist noch Geld zu verdienen: "Es ist die erste Generation", sagt Baltha-sar Schramm, der Chef von Sony Music Deutschland, die immer weiter Popmusik hören werde: "Pop ist ihr Gedächtnis, ihre kulturelle Heimat" - der 43jährige spricht da auch von sich selbst. Das einzige Problem bei dieser Gruppe, die der Plattenindustrie so wichtig geworden ist, sei, daß man den Leuten Orientierung geben müsse. Denn manche trauten sich nicht mehr in den coolen Plattenladen.


    In England gibt es deshalb nun das erste, hippe Popmagazin für die "etwas ältere Generation". Der Herausgeber von "Word", David Hepworth, der früher bei anderen Musikmagazinen wie dem "New Musical Express" gearbeitet hat, die sich jetzt um das kleine Grüppchen junger Leser schlagen, nennt seine Zielgruppe: "The 50 pounds type". Und er kennt diesen Typ, der sich am Freitagabend nach einem Feierabendbier noch in ein Kaufhaus schleicht, zwei CDs, eine DVD und vielleicht noch ein Buch für insgesamt rund fünfzig Pfund mitnimmt und sich an der Kasse überlegt, wie er seiner Lebensgefährtin das neue George-Michael-Album als wichtige Investition verkaufen soll.

    David Hepworth erzählt am Telefon, was er auch den Leuten von der britischen Plattenindustrie immer wieder zu erklären versucht noch einmal die Kurzfassung eines Vortrags, den schon mer der britschen Plattenindustrie bereits gehalten hat, über diese so wichtige Käuferschicht.. Die Lebenswelt dieses neuen Vierzigjährigen, der seine Jugend, als gäbe es auch dafür eine Rewind-Taste, in die Länge zieht, kann er genau beschreiben: Es sei dieser Typ, der im Auto laut Musik hört und seine Plattensammlung wie einen neuen Volvo pflegt. Er liest anspruchsvolle Romane, aber er kennt auch die Vornamen der Simpsons. Er kann beim Abendessen mit Freunden aus Filmen und Liedern zitieren, er liebt die Fernsehserie "Friends" und haßt die "Superstar"-Sendungen. Meist habe er mehr als einen DVD-Spieler zu Hause; er weiß auch nicht genau, warum. Aber DVDs sind eben eine Wertanlage. Und eines ist sicher: "Er hat den Nick-Hornby-Chip in seinem Kopf eingebaut." Denn seine Plattensammlung wächst wie von selbst.


    Natürlich kauft er die Alben, die er sich früher nicht leisten konnte, nun in der Spezialedition. Er wird auch immer den Pet Shop Boys und Madonna treu sein, die seiner Vorstellung von ewiger Jugend am nächsten kommen. Aber auch mit neuen Bands hat er kein Problem, da sie sich oft ohnehin - so würde er vor seinem Plattenschrank argumentieren und The Strokes mit Velvet Underground vergleichen - wie die alten anhören. Wenn nun in einem aktuellen Geschmackskonsens die Gruppe Franz Ferdinand in den Himmel gelobt wird, könnte das auch daran liegen, daß Popjournalisten nicht immer zwanzig bleiben. Was die Sache jeden-falls erleichterte: Franz Ferdinand klingen wie die Band, die man damals auf der Abiturfeier verpaßt hat.


    Während das Bild der kaufkräftigen Vierzigjährigen klare Konturen annimmt, scheint das von der sogenannten Jugend immer mehr zu verschwimmen. Schließt man vom Angebot auf den Webpages der Plattenindustrie darauf, was die Experten über den Teenager wissen, dann scheint dieser im wesentlichen damit beschäftigt zu sein, sich die Hits als Klingelton auf die Mobiltelefone zu laden.

    Es ist aber auch nicht einfach, jedenfalls nicht im Moment, jung zu sein, wenn da immer schon einer ist, der alles längst kennt und besser weiß, was man gerade hört und trägt und trinkt. Und dann auch noch behauptet, seit Techno hätte es ohnehin nichts Neues mehr gegeben; selbst der Kleidungsstil der Neunziger-Jahre-Designer hätte das Jahr 2004 locker überdauert.

    Vielleicht ist Popmusik aber tatsächlich zur Klassik geworden, ein in sich abgeschlossenes Kapitel Kulturgeschichte wie das Barock oder Dixieland. Techno wäre folglich die letzte Avantgarde gewesen - so etwas wie die Zwölftonmusik des Pop und Djs wie Hell eine Art Stockhausen der elektronischen Tanzmusik. Nun spielen neue Interpreten Variationen bekannter Melodien. Und in dieser Musikkonserve von Coverversionen hält sich der heute Vierzigjährige jung, für alles, was danach kommen mag.

    Madonna, die vorgeführt hat, wie schön das Älterwerden sein kann, hat das wieder einmal als erste erkannt. Ihre neue Tour hat sie "re-Invention" genannt. Auf einem Bild, das die Sache ankündigen soll, sieht man sie mit einer weißen Perücke aus einer historischen Kulisse herauskriechen. Hier könnte man auch gut eine Arie singen, ein Kammerorchester aufbauen. Im Hintergrund steht ein altertümliches Sofa, das auch im Schloß Versaille stehen könnte, selbstverständlich aber neu ist, man sieht gediegene Gardinen und einen Edelstahl-Torso, der an die Achtziger erinnert.

    Es wird eine Zeit kommen, in der die Popkultur und mit ihr ihre Hörer unvergänglich werden - oder zumindest, wie das, jedenfalls, das haben Klassiker so an sich haben, nicht mehr älter.

    Sabine Magerl

  7. #6
    Benutzerbild von bubu

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    Torsten postete:
    Und was ich vermisse oder was man in unserer Gesellschaft vermissen muss – und das hat gute soziologische Gründe – ist eben dies, dass wir nicht mehr bereit sind zu wechseln, das wir unsere Orte nicht mehr bereit sind zu wechseln. Dass wir nicht bereit sind, aus der Discothek mal in eine Partei oder in irgendeinen Verband zu wechseln, um dort unsere Aufgaben zu übernehmen; sondern das wir immer Disco-Besucher bleiben wollen; dass wir immer Motorradfahrer bleiben wollen; dass wir immer Bungee-Jumping machen wollen. Statt einmal zu begreifen, es gibt Lebensabschnitte, es gibt Lebensalter mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen; und es macht auch Spaß, in sie hineinzureifen. Also solche Reifungsprozesse finden ja kaum noch statt…
    Seufz. Bolzens Worte in Gottes Ohr. Wie lautet doch das Motto dieses beknackten neuen Heftes NEON, das unsere Generation für unsere Generation gemacht hat und das, genau wie unsere Generation, sich ausschließlich mit sich selbst beschäftigt:

    "Eigentlich sollten wir erwachsen werden"

    Nur ja keine Verantwortung übernehmen, nur ja nichts mal wirklich ernsthaft sagen, fühlen, denken, tun.

    Und die (oder wir?) scheinen auch noch stolz darauf zu sein... peinlich

  8. #7
    Benutzerbild von Die Luftgitarre

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    Daß "die Alten" die Charts bestimmen, begann teilweise schon in den 80ern: Die kommerziellen Erfolge z. B. von Bruce Springsteen mit "Born in the USA" 1984 oder von Dire Straits mit "Money for Nothing" 1985 verdankten sich ganz wesentlich der Kaufkraft der damals 30- bis 40-jährigen (also sozusagen der RollingStones-Generation).

    Das Gewicht jener RollingStones-Generation muß in den 80ern ungleich stärker gewesen sein, als das Gewicht der ehem. 80er-Jugend in der Gegenwart, denn die damaligen 30- bis 40-jährigen waren nicht nur naturgemäß besser bei Kasse als die damaligen Jugendlichen, sie waren auch zahlreicher (Stichwort: "Pillenknick"). Und auch damals gab's Kritik an der starken Präsens der Alten in den Popmedien. Stock/Aitken/Waterman ließen die ReynoldsGirls 1989 trällern: "Cant they see that every generation has music for it's own identity? But why's the DJ on the radio station allways twice the age than me? (...) Demograhic Radio, they never play the Songs we know."

    Spätesten Mitte der 80er war doch erkennbar, daß die Vorstellung unserer Großeltern, derzufolge "das mit der Beatmusik" bei unseren Eltern "nur so eine Phase" sein würde, sich nicht bewahrheiten sollte. Die Platten, die unsere Eltern Mitte der 80er kauften waren zwar meist ruhiger und gesetzter, aber es blieb doch grundsätzlich im Bereich der 60er/70er-basierten Rockmusik. Und entsprechend verhält es sich mit den Musik-Konsumgewohnheiten der ehem. 80er-Jugend.

    Soziologen staunen über solche Vorgänge dann immer, aber im Grunde hätte man sich das doch denken können, wenn man sich nur eine Frage mal gestellt hatte: "Was sollen diese Leute denn ab 30 stattdessen aufeinmal hören?"

    Der Punkt scheint mir zu sein: Daß man die Musik seiner Jugend auch "im Alter" noch hört ist kein Widerspruch, sondern das natürlichste der Welt! Schließlich war es schon immer so, daß die Jugend bei einem Menschen die prägende Zeit war. Insofern war die Vorstellung einer auf Dauer "reinen" Jugendkultur von Anfang an in sich sich unlogisch.

  9. #8
    Benutzerbild von Torsten

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    Die Luftgitarre postete
    [Soziologen staunen über solche Vorgänge dann immer, aber im Grunde hätte man sich das doch denken können, wenn man sich nur eine Frage mal gestellt hatte: "Was sollen diese Leute denn ab 30 stattdessen aufeinmal hören?"

    Der Punkt scheint mir zu sein: Daß man die Musik seiner Jugend auch "im Alter" noch hört ist kein Widerspruch, sondern das natürlichste der Welt! Schließlich war es schon immer so, daß die Jugend bei einem Menschen die prägende Zeit war. Insofern war die Vorstellung einer auf Dauer "reinen" Jugendkultur von Anfang an in sich sich unlogisch.
    Sach ich doch:
    Allerdings ist diese Entwicklung auch zwangsläufig, denn irgendwann musste ja schließlich der Punkt erreicht sein, an dem Popmusik ein gesellschaftlich völlig anerkanntes Kulturprodukt ist. War doch klar, dass die, die mit den Anfängen dieser Bewegung aufwuchsen, es bis zu ihrem Lebensende in ihren Herzen tragen würden.
    Wir erleben nun schlicht die ersten Generationen, die bis zu ihrem Tode Rock-/Popmusik hören werden - und nicht Klassik oder Jazz...

  10. #9
    Benutzerbild von musicola

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    ...oder Schlager, wie bspw. die Eltern der älteren User hier oder die Großeltern der etwas jüngeren!

    Meine inzwischen verstorbenen Eltern jedenfalls (Jahrgänge 30 u. 35)
    haben fast nur deutschen Schlager gehört mit ganz seltenen Ausnahmen.
    Meine Mom erzählte mir einmal dass sie die Bee Gees, Abba und Boney M ganz gern hörte.

  11. #10
    Benutzerbild von Torsten

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    musicola postete
    ...oder Schlager, wie bspw. die Eltern der älteren User hier oder die Großeltern der etwas jüngeren!
    Stimmt, und die Volksmusik hab ich auch noch vergessen...

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