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9/11

Erstellt von musicola, 11.09.2006, 22:59 Uhr · 69 Antworten · 6.183 Aufrufe

  1. #21
    Benutzerbild von PostMortem

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    Unglücklich

    Ich war am 11.09.2001 beim Einschlag des ersten Flugzeugs auch auf der Arbeit und hörte die Nachricht von Kollegen. Da wir kein Radio parat hatten, surfte ich Spiegel Online & Co an. Die Seiten waren ziemlich ausgelastet und die Nachrichtenlage noch wirr. Viele gingen ja anfangs noch von einem Unglück aus.

    Als ich dann zu Hause war, setzte ich mich natürlich erstmal vor den Fernseher - und kam dann natürlich auch nicht mehr davon los. Natürlich war ich betroffen angesichts des Elends, dass einem dort hautnah präsentiert wurde. Unvergessen die vielen weinenden Menschen, die nach dem Zusammenbruch der Türme davon ausgehen mussten, dass es viele Freunde und Kollegen nicht geschafft haben. Bedrückend natürlich die Bilder der Menschen, die sich aus den obersten Stockwerken in den Tod stürzten um nicht zu verbrennen. Anfangs musste ich erstmal begreifen, dass diese Szenen nicht dem neuesten Wolfgang Petersen Actionreisser entsprangen, sondern bittere Realität waren. Schließlich hat man als Hollywood-Film-Konsument gegenüber explodierenden Häusern und fliegenden Menschen eine gewisse Gewöhnung antrainiert bekommen - da weiss man ja, dass es nur ein Film ist und nimmt es einfach als "Action" hin.

    Die Berichterstattung blieb allgegenwärtig, sämtliche Programm wurden geändert und es sollte ja auch noch auf Wochen so bleiben, dass das Fernsehen kein Lachen zu ließ. Grundtenor: Die Welt wird nie mehr so sein wie sie einmal war.

    Ohne Frage, der 11. September ist mit das schrecklichste, was die westliche Welt seit dem letzten Krieg erfahren hat. Allerdings befanden wir uns damit in einer sehr komfortablen und sehr priviligierten Position. Nachdem die Gewissheit da war, dass es sich um Terroranschläge handelte, richtete sich in Form der Peter Klöppels & Co schon am Abend des 11.09.2001 ein Pathos an den Zuschauer, der einem Glauben machen wollte, die Welt würde sich nun ab sofort nie mehr drehen.

    Angesichts der historischen Ereignisse die die Welt überlebt hatte ohne stehen zu bleiben und angesichts des auch heute noch stattfindenden Massensterbens an allen Ecken der Welt, ekelte mich das schon damals bei allem Mitgefühl, allem "beeindruckt sein" und allem Mitleid für die Einzelschicksale, einfach nur an.

    Es geht nicht darum Opfer in Relation zu setzen, aber war es nicht eben genau jene Überheblichkeit, die mit zu den heute nach wie vor aktuellen Problemen beigetragen hat?

    Niemand hat das ganze Programm umgekrempelt wenn in Afrika binnen Wochen Millionen von Menschen gemetzelt wurden, niemand ist so nah mit der Kamera dran, wenn in "bösen Staaten" zehn- oder hunderttausende bei Naturkatastrophen ums leben kommen und niemand ist bei den alltäglich sterbenden zehntausenden Menschen in den Elendsländern der Welt dabei.

    Im Irak, einem Land das ein mieses Regime hatte aber als sichere Bank GEGEN den Terror eines Bin Laden keinen Anlass zur Vergeltung des 9/11 gegeben hat, sterben derzeit jeden Monat 2000 Menschen durch fehlgeschlagene Militäöraktionen oder die überbordenden Terrorakte in diesem Land - voll auf Kosten der Zivilbevölkerung die man angeblich befreien wollte.

    Diese Menschen verrecken alle genauso elendig, wie jene die am 11.9. im WTC ihr Leben ließen. Sie sind genauso unschuldig und ihr Leben sollte genauso viel wert sein. Doch wo sind die Kameras in solchen Momenten? Warum lachen wir weiter über unsere Comedians, während diese nach 9/11 Sendepause hatten? Wer trauert um diese Toten und nimmt sie nicht nur als monatlich gemeldete anonyme Zahl wahr? Tatsache ist: Das können wir gar nicht! Wir müssen auch unser normales Leben leben.

    Also: Niemand betrauert diese Menschen hier, niemand bricht jeden Tag in Weinkrämpfen aus und kann dieses Sterben nicht ertragen. Wir in den entwickelten Ländern sind es eben gewohnt, dass ausserhalb unserer Wohlstandsgrenzen, in der sog. "dritten Welt" oder dem Pulverfass in Nahost täglich kräftig gestorben wird. Dafür spendet man ja an Weihnachten... Doch am 11.09.2001 war es anders. Da starben welche "von uns", welche aus "unserer Welt", welche mit denen wir uns identifizieren konnten.

    Ich verstehe deshalb jeden der am 11.09.2001 bitterlich geweint hat, an mir sind diese Tage auch nicht spurlos vorbei gegangen. Es ist normal, dass man umso mehr trauert, desto näher einem jemand war. Und die Amerikaner sind uns nunmal näher als die Somalesen. Aber gerade weil das so ist, habe ich auch schon in jener Nacht vor dem Fernseher den bitteren Beigeschmack geschmeckt, dass diese tief empfundene und ausgelebte Trauer im Grunde ganz dick "zweierlei Maß" ist und es gar nicht zu leugnen ist, dass unsere Welt auch ganz aktiv von uns aus nicht mehr in Ost und West, sondern in Arm und Reich und Christlich/Agnostisch vs. Islam(ist)isch geteilt wird.

    PM

  2.  
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  3. #22
    Benutzerbild von secret72

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    danke PM!!

  4. #23
    Benutzerbild von Torsten

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    Zitat Zitat von PostMortem
    Ich verstehe deshalb jeden der am 11.09.2001 bitterlich geweint hat, an mir sind diese Tage auch nicht spurlos vorbei gegangen. Es ist normal, dass man umso mehr trauert, desto näher einem jemand war. Und die Amerikaner sind uns nunmal näher als die Somalesen. Aber gerade weil das so ist, habe ich auch schon in jener Nacht vor dem Fernseher den bitteren Beigeschmack geschmeckt, dass diese tief empfundene und ausgelebte Trauer im Grunde ganz dick "zweierlei Maß" ist und es gar nicht zu leugnen ist, dass unsere Welt auch ganz aktiv von uns aus nicht mehr in Ost und West, sondern in Arm und Reich und Christlich/Agnostisch vs. Islam(ist)isch geteilt wird.
    Und nebenbei bekam man besonders deutlich vor Augen geführt, wie die Massenmedien im Allgemeinen und Bilder im Speziellen das Denken und Handeln der Menschen bestimmen. Neben allen ethischen und politischen Konsequenzen, die man aus diesem schrecklichen Szenario gewinnen kann, ist es dieses Verhältnis zu den Medien, das es zu überdenken gilt.

  5. #24
    Benutzerbild von PostMortem

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    Zitat Zitat von Torsten
    Und nebenbei bekam man besonders deutlich vor Augen geführt, wie die Massenmedien im Allgemeinen und Bilder im Speziellen das Denken und Handeln der Menschen bestimmen. Neben allen ethischen und politischen Konsequenzen, die man aus diesem schrecklichen Szenario gewinnen kann, ist es dieses Verhältnis zu den Medien, das es zu überdenken gilt.
    Ja, ohne Zweifel... eigentlich traue ich es diesem scheinbar unkoordiniert tobenden Medienmob (manchmal schreibt ja sogar bild.de das Gegenteil von dem was BILD schreibt und die WELT schreibt nochmal was anders, obwohl aus gleichem Hause...) nicht zu, dass die heute leider über die Berichterstattung dominierende Meinungsmache gezielt und "im Auftrag" erfolgt.

    Aber andererseits werde ich das Gefühl nicht los, dass die zu jedem traurigen Ereignis berufsbetroffen kommentierenden Journalisten (ob das nun ein 9/11 ist oder ein lehrermetzelnder Jugendlicher aus Erfurth), bereits gezielt derart überzeichnen, dass ihnen zu unterstellen ist, der Politik bereits bewusst den Boden zu bereiten, damit diese freie Fahrt zu weiteren Einschränkungen unserer Freiheit hat und dabei noch den Anstrich verliehen bekommt, dass Zepter des Handelns in die Hand zu nehmen.

    Damit da kein Zweifel aufkommt: Ereignisse wie den terroristischen Massenmord kann man kaum übertrieben darstellen. Überzeichnet waren für mich stets nur die Schlüsse die daraus in den Medien in Windeseile mit Hilfe sog. Experten gezogen wurden und die die Meinungsbildung der insgesamt kaum durchs Weltgeschehen durchblickenden Menschen ganz gezielt in eine Richtung manipulieren. Es ist ja auch so einfach: Leute die solche Anschläge verüben braucht man nicht zu verstehen. Jeder der Zusammenhänge und Rückschlüsse auf unser eigenes Handeln aufzeigen will, setzt sich dem Verdacht aus, Partei für Terroristen zu ergreifen - die Nazikeule des 21. Jahrhunderts.

    Die meisten Menschen spüren allerdings auch im Alltag kaum, um was alles sie in den letzten fünf Jahren entrechtet wurden - im Kampf gegen einen Terror, der für unseren Boden bis heute ein Glück nur Schreckgespenst geblieben ist. Angesichts der Entscheidungen der aktuell politisch handelnden, darf man natürlich "gespannt" sein wie lange noch...

    Zitat Zitat von secret72
    danke PM!!
    Habe ich Dir einen Beitrag gespart?

    PM

  6. #25
    DocJones
    Benutzerbild von DocJones
    Zitat Zitat von PostMortem
    Es ist ja auch so einfach: Leute die solche Anschläge verüben braucht man nicht zu verstehen. Jeder der Zusammenhänge und Rückschlüsse auf unser eigenes Handeln aufzeigen will, setzt sich dem Verdacht aus, Partei für Terroristen zu ergreifen - die Nazikeule des 21. Jahrhunderts.
    genau richtig erkannt , pm !
    der sogenannte "krieg gegen den terror" ist letztendlich doch auch nur staatlich sanktionierter "gegenterror" - ob nun in afghanistan , im irak oder auch im libanon !
    einen wirklichen "krieg gegen den terror" wird man aber NUR DANN gewinnen können , wenn man den terroristen die gründe dafür nimmt , um überhaupt jemanden zu terrorisieren ... aber das ist wohl leider absolut unmöglich wegen der eigentlich schon vor dem 11. sept. 2001 total festgefahrenen situation weltweit !

    btw : die wahren (beweg)gründe für den terroranschlag des 11. sept. 2001 gehen nämlich schon bis weit in die 70er jahre zurück ...

    "der doc"

  7. #26
    Benutzerbild von J.B.

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    Zitat Zitat von DocJones
    ...btw : die wahren (beweg)gründe für den terroranschlag des 11. sept. 2001 gehen nämlich schon bis weit in die 70er jahre zurück ...
    Genau genommen bis zu den Zeiten der Kreuzzüge.

    Gruß

    J.B.

  8. #27
    Benutzerbild von stoni

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    Das traurige an der Sache ist/war,das Unschuldige Zivilisten mal wieder für die verfehlte größenwahnsinnige USA Politik sterben mußten.
    Im Gedächtniß hängen geblieben sind mir aber auch noch die Jubelszenen im Gazastreifen von hysterischen palästinensischen Frauen.Für die ist USA=Israel ....also war's verständlicherweise ein Grund zur Freude.
    Fragt mal Euren freundlichen Dönerverkäufer unter 4 Augen nach seiner Meinung zum 9.11.Meine Erfahrung ist,das die Muslime immer noch von einen durch die USA selbstinzenierten Anschlag sprechen.Traurig aber wahr.

  9. #28
    Benutzerbild von ihkawimsns

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    Zitat Zitat von stoni
    Im Gedächtniß hängen geblieben sind mir aber auch noch die Jubelszenen im Gazastreifen von hysterischen palästinensischen Frauen.Für die ist USA=Israel ....also war's verständlicherweise ein Grund zur Freude.
    So weit ich weiß, kam später heraus, dass das Archivszenen waren, die mit den aktuellen Ereignissen gar nichts zu tun hatten. Eine Quelle dafür kann ich allerdings nicht benennen.
    Irgendwie haben Matthias und ich versucht uns neben wirrer Spekulationen Mut zu machen, versucht uns einzureden, dass das Unvermeidliche, der Zusammenbruch des Nordturms, nicht kommen würde. Wir dachten an all die Menschen dort, die wir hatten springen sehen, die just in den Momenten starben, als wir telefonierten, erkannten dass während unserer Worte weitere Menschen starben und waren zutiefst erschüttert und soooo unendlich hilflos.

    Ist nun natürlich müßig, darüber zu diskutieren, aber vielleicht wäre es in dieser Situation gerade vernünftig gewesen, die Glotze einmal auszumachen und sich irgendwie abzulenken. Wie du schon geschrieben hast: Ändern konntest du's eh nicht, es hat dich nur runter gezogen.

  10. #29
    DocJones
    Benutzerbild von DocJones
    Zitat Zitat von ihkawimsns
    vielleicht wäre es in dieser Situation gerade vernünftig gewesen, die Glotze einmal auszumachen und sich irgendwie abzulenken. Wie du schon geschrieben hast: Ändern konntest du's eh nicht, es hat dich nur runter gezogen.
    natürlich kann man der realität ( welche man in diesem fall live im tv gesehen hat ) für eine weile entfliehen & sich mehr oder weniger von ihr zurückziehen , aber irgendwann holt sie einen dann doch wieder mit mächtigen schritten ein !
    ich finde , daß es irgendwie sogar besser - wenn auch oftmals extrem hart - ist , sich den dingen so zu stellen , wie sie auch tatsächlich sind - ohne wenn & aber !
    die wahrheit schmerzt halt immer am meisten , aber man lernt auch ( hoffentlich ! ) etwas für die zukunft daraus ...

    "der doc"

  11. #30
    Benutzerbild von ihkawimsns

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    Es lohnt sich, der Sache zu stellen, wenn man direkt davon betroffen ist. So wie ich das verstanden habe, war das bei J.B. aber nicht der Fall.