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Das Lebenswerk des Johannes Rau

Erstellt von PostMortem, 29.01.2006, 22:12 Uhr · 2 Antworten · 581 Aufrufe

  1. #1
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    Fast zwei Jahrzehnte war er Ministerpräsident von NRW. In einem Alter, in dem Adenauer Kanzler wurde, trat er vorletztes Jahr als Bundespräsident von der politischen Bühne ab. Das Leben des Politikers Johannes Rau war lang und ereignisreich, dass des Menschen Johannes Rau endete vergangenen Freitag nach langer Krankheit relativ früh im Alter von 75 Jahren.

    Als sein politisch höchster Verdienst, gilt vielen seine Rede vor der Knesset im Jahr 2000. Vielleicht haben alle Kanzler und Präsidenten unseres Landes, ihre größten Stunden bei der Bitte um Versöhnung und Vergebung für die Taten unserer Groß- und Urgroßelterngeneration gehabt. Ich denke da z. B. an den historischen Kniefall Brandts oder das ergreifende Bild von Kohl und Mitterand Hand in Hand im Gedenken an die Opfer des 2. Weltrkriegs. Das sind Bilder und Gesten gewesen, die um die Welt gingen. Raus historische Rede war weniger Geste. Er nutzte sein Talent zur Rede und baute eine Brücke bis nach Israel.

    Ich habe Johannes Rau als immer besonnen sprechenden Mann in Erinnerung. Nicht zuletzt seine faire Streitkultur, wurde in den Nachrufen der politischen Gegner immer wieder gelobt. Persönlich halte ich Johannes Rau noch etwas zu gute, dass ihm zunächst den Ruf eines Geldverschwenders und Kleingeistes einbrachte. Es mag eine Kleinigkeit sein, aber ich persönlich habe ein viel besseres Gefühl dabei, dass unsere Regierungsmitglieder nun mit Regierungsmaschinen zu unseren Gastgebern reisen, die den Anstrich "Bundesrepublik Deutschland" tragen und nicht "Luftwaffe". Letztendlich sagt das für mich auch mehr über die friedliche und einende Gesinnung des Joannes Rau aus, als jedes gesprochene Wort.

    Doch es gibt da einen wunden Punkt beim "Bruder Johannes", den ich nie so ganz vergessen konnte. Dabei geht es um seine Rolle hinter den Kullissen im Zuge der Schließung von Krupp Rheinhausen. Die Arbeiter haben sich damals viel von seinem Einsatz als NRW-Ministerpräsident versprochen. Man kann nicht sagen, dass er sie damals angelogen hätte oder ihnen die Aussichten als zu blumig dargestellt hätte. Doch während er zu verstehen gab auf der Seite der Arbeiter zu sein und ihnen signalisierte mit Cromme (Krupp-Vorstandvorsitzender) über die Erhaltung von Arbeitsplätzen bei Krupp Rheinhausen zu sprechen, ereignete es sich, dass Aufzeichungen eines Telefongesprächs zwischen Rau und Cromme an die Öffentlichkeit kamen, in denen Rau den Krupp-Vorstand schlicht und einfach darum bat, die Sache (die Schließung!) jetzt schnell über die Bühne zu bringen.

    An Raus besserer Einsicht in die Lage des Werkes kann es kaum gelegen haben, muss man doch rückblickend feststellen, dass Rheinhausen bei schwarzen Zahlen zugunsten der in den Konzern gerückten Hoeschianer geschlossen wurde (heute bullert in Dortmund allerdings nicht ein Ofen mehr). Dieses Verhalten ist mir bis heute als bittere Pille des politischen Wirkens des Johannes Rau im Gedächtnis eingebrannt geblieben. Dazu muss man heute feststellen, dass von den erstrittenen und versprochenen Ersatzarbeitsplätzen bis heute (18 Jahre nachdem sie erstritten wurden!) nicht wirklich viele geschaffen worden sind. Der auf dem ehemaligen Hüttengelände enstandene Gewerbepark, beherbergt außer dem Vorzeigeprojekt "Logport" (ein Logistikumschlagplatz mit einiger Fläche und Technik, aber relativ wenig Arbeitsplätzen) und einigen kleineren Ansiedlungen zu 2/3 gähnende Leere. Nach den medienwirksamen Auftritten der Spät-80iger, überließ man Rheinhausen mehr oder weniger sich selbst.

    Ich weiss also ehrlich gesagt nicht, wie Johannes Raus politisches Erbe zu bewerten ist. Viele ehren in zum Abschied als jemanden, der als Politiker immer Mensch geblieben ist. Und auch ich ertappe mich bei dem Gedanken (man erinnere sich an Raus Globalisierungsrede vom Mai 2002), dass mit Rau der letzte große alte Sozialdemokrat von Bord gegangen ist und man nun wird zusehen müssen, wie die SPD ungebremst immer weiter in einen neoliberal handelnen und nur noch aus Folkloregründen sozial angestrichenen Brauchtumsverein transformiert wird.

    Was meint ihr... wie ist das Lebenswerk von Johannes Rau zu bewerten?

    PM

  2.  
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  3. #2
    Benutzerbild von compagnies

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    PostMortem postete
    Und auch ich ertappe mich bei dem Gedanken (man erinnere sich an Raus Globalisierungsrede vom Mai 2002), dass mit Rau der letzte große alte Sozialdemokrat von Bord gegangen ist und man nun wird zusehen müssen, wie die SPD ungebremst immer weiter in einen neoliberal handelnen und nur noch aus Folkloregründen sozial angestrichenen Brauchtumsverein transformiert wird.

    Was meint ihr... wie ist das Lebenswerk von Johannes Rau zu bewerten?

    PM
    Du lebst in NRW oder?

    Ausserhalb des Bundeslandes, in dem er Landesvater war, ist vielen J. Rau nur als Bundespräsi bekannt - wenn überhaupt!
    Ich empfand seine Wahl zum Republikvorsteher seinerzeit auch als Konsensentscheidung zu Gunsten eines Mannes aus einem starken Landesverband. Münte wäre ohne diesen starken Stimmenverbund vermutlich auch nie Vorsitzender der SPD geworden.

    Worin sich Rau vom neoliberalen Kurs der SPD abheben soll bleibst Du aus Deiner Vorrede aber schuldig - im Gegenteil!

    Ich muss gestehen: Unschlanken Menschen traue ich meistens sehr wenig zu, wie bei Rau hatte ich auch bei Kohl immer etwas Mitleid und war dann ganz entsetzt über ihre politische Potenz!

    Was viel einschläfernder sein soll, als ein Raurede, das fällt mir auch gerade gar nicht ein ...

    Aber vermutlich war sein ausgleichender Charakter, was ihn schuf, dieses Amt zu bekleiden, vor allem im persönlichen Gespräch oder bei "naher Distanz" erkennbar. zumindest schien er gottesfürchtig, was ich bei Staatsrepräsentanten noch immer schätze!

  4. #3
    Benutzerbild von PostMortem

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    Du lebst in NRW oder?

    Ausserhalb des Bundeslandes, in dem er Landesvater war, ist vielen J. Rau nur als Bundespräsi bekannt - wenn überhaupt!
    Hmmm... zu MP-Zeiten Raus war ich noch kein NRW-Bürger, aber ich denke mal, dass es auch davon abhängt, wie sehr man sich für Politik interessiert. An den Ministerpräsidenten Koch, Beck und Stoiber beispielsweise ist ja heute eigentlich auch nur schwer vorbei zu kommen und Clement war als MP doch vermutlich auch außerhalb NRWs (das kann ich wiederum nur als NRW-Bürger vermuten) bekannt. Bei Rüttgers ist es andersrum, aber ich werde es jedem verzeihen, der vergisst, dass ein ehem. Bundesminister derzeit unser Bundesland regiert ;-)

    Ich empfand seine Wahl zum Republikvorsteher seinerzeit auch als Konsensentscheidung zu Gunsten eines Mannes aus einem starken Landesverband. Münte wäre ohne diesen starken Stimmenverbund vermutlich auch nie Vorsitzender der SPD geworden.
    Ja, es gibt anscheinend gerade in NRW nicht so wenige die sagen, dass Johannes Rau als Ex-MP genug für sein Lebenswerk getan hätte und sich den Bundespräsi mal lieber gespart hätte. Vor allem in den letzten Wochen seiner Amtszeit, las ich so manches Schmähposting in diversen politisch orientierten Foren. So ganz verstanden habe ich das nicht, waren doch m. E. eher die ersten Jahre seiner Amtszeit etwas verschenkt. Die letzten Jahre hingegen hat er sich oft und sehr beachtlich zu Wort gemeldet. Schröder dürfte das oft nicht gepasst haben. Und wenn ich mir heute vor Augen führe, was nach drei Monaten großer Koalition aus unserem, zum Amtsantritt hoch gelobten Bundespräsidenten Köhler geworden ist, kann ich das gar nicht so recht in Worte fassen.... lebt er noch?

    Worin sich Rau vom neoliberalen Kurs der SPD abheben soll bleibst Du aus Deiner Vorrede aber schuldig - im Gegenteil!
    Das muss auch daran liegen, dass ich ja auch insgeheim selbst immer noch den gegenteiligen Vorwurf hege... Es war nicht meine Absicht Rau einen Persilschein als letzten sozialdemokratischen Menschenfreund auszustellen. Eher wollte ich wohl selbst mal überzeugt werden. Die Frage ist, ob das hier gelingen wird ;-)

    Aber nun gut, ich will ihm da mal was zu Gute halten: Johannes Rau war als höchster Mann im Staat einer der wenigen, der ansprach, was ich mir auch immer denke, wenn die vielen schlauen Spitzenpolitiker anfangen davon zu schwafeln, dass allein immer mehr Bildung uns in Zeiten der Globalisierung und der Verlagerung einfacher Tätigkeiten retten wird. Rau erkannte es und traute sich zu sagen, dass das vielen nicht helfen wird. In einer Rede auf dem DGB Bundeskongress 2002 sagte Rau hierzu: "Aber eine Gesellschaft kann nicht funktionieren, wenn sie sich nur um die kümmert, die Spitzenleistungen bringen können. Wir müssen uns auch mehr Gedanken darüber machen, wie diejenigen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht mitkommen, denen das Lernen schwer fällt, trotzdem Arbeit finden. Das wird mit der hohen Innovationsgeschwindigkeit in der globalisierten Wirtschaft ein immer drängenderes Problem werden. Wir müssen es lösen.". Richtige Lösungen sind ihm hierfür nicht eingefallen, er verwies auch eher hilflos auf Programme wie "Arbeit statt Sozialhilfe" u. ä., aber das ist letztendlich auch nicht sein Job. Persönlich bin ich auch schon sehr zufrieden damit, wenn die höchsten Männer und Frauen im Staat solche Probleme beim Namen nennen, sich trauen sie auszusprechen und Lösungen anregen. Das ist mir immer noch sympathischer, als die Politiker, die auf alles sofort eine Patentlösung haben und sich anmaßen, sie hätte die Lage so im Griff (z. B. nach "Amokläufen" sog. "Killerspiele" verbieten oder bei zunehmender Gewalt an Schulen dort Handys verbieten, weil damit in letzter Zeit einige "Folter"videos von Schülern gedreht worden sind).

    zumindest schien er gottesfürchtig, was ich bei Staatsrepräsentanten noch immer schätze!
    Ja, der "Bruder Johannes" war auch immer durchaus so zu verstehen. Mir persönlich ist das eher immer etwas suspekt, da sich die tatsächliche Trennung von Kirche und Staat (und die ist ja Gesetz), so nur sehr schwer nachvollziehen lässt. Wie das mit gottesfürchtigen Staatschefs ausgehen kann, sieht man ja bei Bush jr., der vor dem zweiten Irakkrieg nicht mit seinem, sondern mit einem "höheren" Vater Zwiesprache gehalten haben will. Wo da noch der Unterschied zu den "Gottesstaaten" sein soll, lässt sich für mich da manchmal schwer erkennen...

    PM