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Der Niedergang der Hörkultur

Erstellt von Torsten, 02.08.2004, 17:04 Uhr · 22 Antworten · 1.318 Aufrufe

  1. #21
    Benutzerbild von
    Christoph postete
    Ich selber bin mit der CD sehr zufrieden, die darauf speicherbare Datenmenge ist riesig und wird nur deshalb in den letzten Jahren relativiert, weil inzwischen jedes Mobiltelefon offenbar unzählige Gigabytes Speicherkapazität haben muss. Und auch gerade deshalb ist es doch paradox, dass zwar Rechnerleistung und Speicherkapazität immer gigantischer werden, die Musikdatenmenge aber komprimiert - weil reduziert - werden muss. Wo ist da die Logik?
    Das war (und ist) gar nicht so paradox und unlogisch, wie es aus diesem Blickwinkel heraus scheint. Schließlich gab es sehr wohl einen Grund hochgezüchtete PCs mit ultrakomprimierten Musik-Dateien zu versorgen: Geringe Bandbreite für die Datenübertragung. Bei einem Großteil der Leute ist das auch heute noch so. D. h. ohne diese äußerst effiziente Komprimierung, könnte ein Normal- ISDN oder Modemuser jeglichen Musikdownload aus dem Internet vergessen. Das sollte und wollte er aber wohl nicht und so kam es, dass eines Tages nicht mehr speicherhungrige WAV-Schnipsel, sondern komplette MP3-Titel im Netz landeten. Der Siegeszug von MP3 begann auf diese Weise und dutzende bis hunderte Millionen Menschen hielten diese Klangqualität für so brauchbar, dass sie Milliarden Songs zu tauschen begannen und heute auch bereit sind Geld dafür zu bezahlen. So hat sich dieses Format durchgesetzt und das war nicht unbedingt paradox, sondern absolut basisdemokratisch. Eine Abstimmung mit der Maus in der Hand, aber auch mit den Ohren.

    Fast alle vorgebrachten Einwände dagegen, sind aus Sicht eines "wahren Musikfans" natürlich bestimmt berechtigt. Aber die meisten Leute essen eben doch relativ viel Nudeln und Pizzen aus Basis von Fertigprodukten aus dem Supermarkt und relativ selten beim guten Italiener. So konsumieren sie auch Musik: Meinetwegen 100 AAC/MP3 Titel auf ein oder zwei gute CD-Alben vom absoluten Lieblingssänger / der absoluten Lieblingsgruppe. Ist doch auch egal, die Frevler haben dann ja auch nur ihren ollen 1000-Euro-HiFi-Turm - kaum Ernst zu nehmen für einen wahren Musikfreak. Übrigens gabs im Fernsehen ja schon oft genug Tests mit Restaurantkritikern, denen von Sternenköchen Fertigprodukte zum verkosten serviert wurden. Den Unterschied haben sie selten bemerkt. Am wichtigsten scheint eben immer noch zu sein, was dabei raus und in diesem Fall am Gaumen ankommt - ob der Koch viel oder wenig Aufwand oder gar "Liebe" reingesteckt hat. Beim Otto-Normal-Ohr ist das wahrscheinlich kaum anders.

    Aber klar: Ich bin auch beeindruckt, wenn ich mal eine richtig gute Anlage in Aktion höre. Deshalb brauche ich so etwas selbst zu Hause trotzdem nicht. Andere Leute finden meine Kamera auch total super und haben selbst nur eine kleine Knipse. Die fotografieren aber auch nicht so viel und so ambitioniert wie ich. Andere Leute fahren auch dickere Autos als ich. Hätte ich gerne. Ginge bestimmt auch, wenn ich auf andere Dinge verzichte die mir wichtig sind. Das will ich aber eben nicht. Man setzt also seine Prioritäten und geht Kompromisse ein. Das gilt fürs Auto, vielleicht für die Größe oder Lage der Wohnung und für viele andere Dinge. Auch für den Musikkonsum. Wenn viele Leute sich also entscheiden eine ziemlich gewöhnliche Stereoanlagen-Ausstattung von Saturn oder aus dem Supermarkt zu besitzen und sich von dieser aus Sicht eines 10.000 Euro Anlagenfreaks absolut beschi***nen Gurke mit MP3s berieseln zu lassen, woher kommt da eigentlich dieser spezielle Missionarsdrang?

    Ist es am Ende nicht nur pures Eigeninteresse? Gehts gar nicht um die anderen? Eigentlich hat sich das Thema doch mit wenigen Worten erledigt: "Ey Ihr Idioten, kauft ma richtige Musik, sonst gibts bald nur noch diesen komprimierten Scheiss und ich gehe kaputt!!!" Oder doch nicht? Kann es wirklich eine Sorge um die Ohren anderer Leute geben?

    Ich halte Leuten mit 100 Euro ALDI-Kamera auch nicht die ganze Zeit Predigten, dass sie ja nur Dosenfutter-Fotografie betreiben und ich mit meiner dicken Knipse und nach viel Übung Feinkostkäfer-Fotos mache. Beide Arten zu fotografieren haben ihre Berechtigung und sie gehen schlichtweg von unterschiedlichen Ansprüchen und unterschiedlichen Zielsetzungen aus - nicht von guten oder schlechten oder gar falschen. Übirgens bin ich nach dem Komplettumstieg auf die digitale Fotografie ohnehin schonwieder viel zu sehr damit beschäftigt mir das Gejaule von Analog-Fotografen anzuhören, die ihre gute alte Technik immer noch für das einzig wahre halten.... Es kommt übrigens immer super, wenn ich zwei Digital-Bilder nebeneinander hänge und behaupte eins von beiden sei ein Dia-Abzug von meiner alten analogen EOS. Den Unterschied sehen die wahren Analog-Fotografen dann nämlich auch ganz klar vor sich *g*

    Ob man nach längerem Konsum digitaler Bilder auch in Stress gerät? Naja, bei Akt vielleicht ;-)

    Und ich denke sehr wohl, dass man diese beiden Themen sehr gut miteinander vergleichen kann. Der Kreis der Leute der anspruchsvolle Fotografie betreibt, ist im Vergleich zur Gesamtzahl der Menschen die eine Kamera besitzen vermutlich ähnlich gering. Beides hat was mit Kunst zu tun, wobei sie bei den Fotografen sogar aktiv betrieben und nicht nur konsumiert wird. Beide Gruppen sind bereit eine Menge Geld für ihr Hobby in die Hand zu nehmen. Anschließend hören die Gemeinsamkeiten aber wohl auf. Während ich locker jeden akzeptieren und in Ruhe lassen kann der mir auf Sessions mit seiner Medion Popelknipse begegnet und jedes gute Bild schon im Ansatz zublitzt, weil er sich nichtmal ein billiges Stativ geleistet hat, scheinen wahre Musikfreaks es nicht ertragen zu können, dass der größte Teil der Menschheit beim Musikkonsum im Mittelmaß versinkt.
    Warum? Und warum wird es immer gleich mit Respektlosigkeit gleichgesetzt? Das ist eben das gewöhnliche Publikum und die meisten Musiker können damit offenbar sehr gut leben - manche bieten gar selbst MP3 Songs im Internet an und rebellieren mit Aufrufen zum Downloden gegen ihre Labels.

    Dave

  2.  
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  3. #22
    Benutzerbild von Torsten

    Registriert seit
    05.10.2001
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    6.613
    Dave Bowman postete
    Ist es am Ende nicht nur pures Eigeninteresse? Gehts gar nicht um die anderen? Eigentlich hat sich das Thema doch mit wenigen Worten erledigt: "Ey Ihr Idioten, kauft ma richtige Musik, sonst gibts bald nur noch diesen komprimierten Scheiss und ich gehe kaputt!!!"
    Abgesehen vom "Kaputtgehen" durchaus richtig, und ist auch kein bisschen verwerflich. Schließlich stellt sich die Frage, wie andere Leute denn reagieren würden, wenn die Gefahr bestünde, dass man irgendwann nur noch Tiefkühlkost zur Auswahl hätte. Oder nur noch billige ALDI-Kameras und keine hochwertigen Fotogeräte. Oder keine vernünftigen Filme mehr, sondern nur noch hohlraumversiegelte Blockbuster à la "Matrix". Oder, oder, oder... die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

    Bei CD-Playern beispielsweise ergibt sich bereits jetzt ein echtes Problem: Aufgrund der alles fressenden DVD-Geräte, die in punkto CD-Wiedergabe mit einem preislich vergleichbaren Spezialisten in keinster Weise mithalten können, ist die Auswahl an CD-Playern im für Normalbürger bezahlbaren Bereich bedenklich ausgedünnt - echte Alternativen bieten sich nur den High-Endern, die ab 1.000 Euro aufwärts zu investieren bereit sind.

    Die Entwicklung ist und bleibt paradox: Klanglicher Rückschritt bei technischem Fortschritt. Möglicherweise lässt Letzterer in Zukunft aber auch irgendwann wieder unsere Sorgen vergessen, und man wird über MP3 und dessen Nutzer amüsiert den Kopf schütteln...

  4. #23
    Benutzerbild von bubu

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    So wie ich das sehe, hat allein die beschränkte Bandbreite des Internets und die gleichzeitige Sehnsucht nach schneller und kostenloser Verfügbarkeit Komprimier-Formaten wie MP3 (oder DivX im Film-Bereich) den Boden bereitet. Da aber in Sachen Internet-Technologie ein weiterer technischer Fortschritt zu erwarten ist, dürfte sich das Problem mit Sicherheit sehr bald von selbst erledigt haben.

    Im Übrigen: es gibt immer mehr MP3-Player, die - parallel zu immer mehr Hardware-Leistungsfähigkeit - auch das WAV-Format schlucken.

    Spätestens, wenn es nur noch ein Lächeln kostet, eine CD oder eine DVD im Original-Format herunterzuladen (ist übrigens bei CDs heute schon der Fall, schaut einfach mal in den "Tauschbörsen"), ist diese Debatte obsolet.

    Ein Beispiel: Vor ein paar Jahren war im Film-Bereich noch das (stark komprimierte und qualitativ miserable) ASF-Format verbreitet. Heute ist es fast ausgestorben, weil die Bandbreiten in DSL-Zeiten kostengünstiger geworden sind.

    Insofern, macht euch keine Sorgen um den Verlust von möglicher Qualität. Es mag traurig sein, aber die Leute werden immer das Bestmögliche zu gerade noch tolerablen Bedingungen herunter laden. Und das wird in Zukunft die Bedingungen des Marktes und seine Formate bestimmen.

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