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Der Sinn-Thread oder die Frage nach dem Warum

Erstellt von bubu, 10.08.2003, 13:53 Uhr · 33 Antworten · 3.220 Aufrufe

  1. #1
    Benutzerbild von bubu

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    Habt ihr euch eigentlich auch schon mal gefragt, was das ganze hier soll?

    Bei mir fing es vor ein paar Jahren an. Den Auslöser kann ich ziemlich genau festmachen. Es war eine Begebenheit mit fast schon tiefenpsychologischen Metaphorik:

    Während meines Zivildienstes an einer Schule mussten wir Zivis eines Tages für eine Faschingsveranstaltung den alten Schulkeller nach geeigneten Utensilien durchstöbern. Ich musste alleine in den feuchten kalten Schulkeller runter. Ich war verständlicherweise recht lustlos. Aber was ich dort sehen sollte, verschlug mir buchstäblich den Atem:

    Es war fast wie im Film, unter allerlei Gerümpel, bemalten Bildern, Kostümen aus unzähligen Schulprojektwochen, riesigen Lautsprecherboxen, Spinnweben, Müll, Essensresten, alten ausgemusterten Stühlen halb verdeckt, sah ich ein altes bekanntes Schmutzigbraungrau funkeln: nicht weniger als zwanzig alte 64er standen lieblos aufgetürmt, seit an seit mit ihren 1541er-Floppys. Offenbar seit Jahren vergessen und verstoßen. Alle in hervorragendem Zustand, und mit den legendären Originalverpackungen aus feinstem Commodore-Styropor. Und damit nicht genug: Vereinzelt fanden sich noch olle Commodore-MPS801(?)-Nadeldrucker, Monitore, Data-Becker-Handbücher, Eproms, Kabel, Steinzeit-Joysticks. In einer Ecke meinte ich sogar einen alten Schneider CPC gesehen zu haben. Überall zeugten krakelig beschriebene Disketten, zerknitterte Magazine, zusammengelötete Module davon, dass diese 64er einmal lebhaft im Unterricht eingesetzt worden waren, damals, zur gleichen Zeit, als ich, 450 Kilometer entfernt in einer Kleinstadt und mit mir Millionen andere Kids begeistert damit rumgespielt hatten. Kurzum: es verschlug mir den Atem. Ich blieb da bestimmt eine Stunde da unten in diesem Mausoleum und kam mir vor, wie Howard Carter, der gerade auf eine geheimnisvolle Pharaonen-Grabkammer gestoßen war. Schließlich wurde ich von den anderen vermisst. Doch hätte ich gekonnt, ich wäre lange dort unten geblieben. Damit hatte ich die Tür zu meiner Vergangenheit aufgestoßen.

    Als ich in diesem Keller stand, musste alles ganz schnell gehen. Ich folgte meinem Instinkt: ohne einen 64er würde ich dort nicht mehr rausgehen. Also schnappte ich mir einen Handwagen und schmuggelte einen 64er mit einer 1541 und einigen Disks, die ich noch greifen konnte, leidlich getarnt unter sehr viel Faschingszeug raus, ins Jahr 1998. Man möge mir hier diesen kleinen Anflug von Kriminalität an dieser Stelle verzeihen, aber ich wusste genau, wäre ich den offiziellen Weg gegangen, wären ich und die 64er in den Mühlen der Schulbürokratie kläglich zermahlen worden. Später kam mir dann die traurige Nachricht zu Ohren, dass ein großer Regen namens Sperrmüll über den gesamten Keller niedergegangen war und alles weggewaschen hatte. All diese Schätze, achtlos von der Schule weggeworfen waren unwiederbringlich auf der Müllkippe gelandet. Es war zum heulen! Nur einen hatte ich retten können...

    Da war ich nun und hatte eine der größten Ikonen meiner Kindheit wieder in meinem Zimmer stehen. Das war der Beginn. Und da war das Internet.

    Irgendwann entdeckte ich, dass ein großartiger Mensch sich die Mühe gemacht hatte, einen 64er-Emulator zu programmieren. Unglaublich war das, die alten Spiele aus meiner Kindheit wieder zum Leben zu erwecken! Und das tollste: man hatte nun auch die Möglichkeit, Sachen zu entdecken, die man damals versäumt hatte.

    Irgendwann kam Napster und dadurch öffneten sich die Türen zu all den herrlichen Musiksachen aus dieser Zeit, die man heute entweder nicht mehr kaufen konnte, oder, da es sich meist nur um einzelne Hits aus den 80er-Charts handelte, nur mit größter Mühe hätte zusammenbekommen. Ich begann mir meine eigene 80er-Jahre-Musikkollektion zu erstellen und immer schmerzlicher wurde mir bewusst, wie stark ich emotional an der Musik von damals hing. Und zugleich, wie wenig ich mit heutiger Musik anfangen konnte.

    Irgendwann fing der Sammeltrieb an: und auch hier hatte man nun im globalen Dorf alle Möglichkeiten. Ebay macht's möglich. Bald darauf war der 64er nicht mehr allein - die zweite Kindheitsikone, die Atari VCS 2600 folgte. Und später rettete ich auch einen Amiga 500 aus einem Keller in Hamburg-Harburg. Damit hatte ich dann quasi die Chronologie meine Jugendjahre 1982-1989 komplett abgedeckt.

    Schließlich kam die allgemeine Retro-Welle, Pseudo-80er-Mode wurde wieder salonfähig, 80er-Parties wurden gefeiert, im Fernsehen lief die Pseudo-80er-Show. Pseudo-80er-Bücher wurden Bestseller. Aber alles war Pseudo, weil keine ernsthafte Intention dahinter stand, alles lief immer unter dieser belächelnden Ja-ja-was-war-das-damals-doch-alles-so-naiv-und –eigentlich-albern-Attitüde. Und dann war es wieder cool.

    Irgendwann entdeckte ich, dass ich nicht der Einzige war, der so drauf war. Und wieder war's das Internet, dass es möglich machte. In diesem Forum. Eine ganze Weile glaubte ich aber, dass ich der Einzige war, denn in meinem Freundeskreis fanden es die meisten zwar ganz nett, die Musik von damals mal wieder zu hören und sich an Details aus den 80ern zu erinnern, aber mehr war das auch nicht. Emotional berührte das eigentlich keinen.

    Aber seitdem ich im Keller der Schule den 64er wieder gefunden habe, habe ich noch immer keine Antwort auf die Frage nach dem Warum finden können. Und ich habe sie auch in diesem Forum noch immer nicht ausgemacht. Warum das Ganze? Warum gibt es offenbar so viele Leute in unserer Generation, die sich so wehmütig an die 80er, ihre Kindheit, erinnern? Oder um es mit Florian Illies' zu sagen: " ... ob wir wirklich schon so alt waren, dass Glücksgefühle immer zugleich Kindheitserinnerungen sein müssen."

    Ich frage mich, ob das etwas Spezielles unserer Generation ist, oder etwas ganz gewöhnliches, das unzählige Generationen vor uns durchgemacht haben. Werden sich die Jahrgänge 1977-1985 in zehn Jahren darüber unterhalten, wie geil "Nirvana", "Pearl Jam", die "Stone Temple Pilots", "Wayne's World", "Beavis and Butthead", "Terminator 2", "Titanic" und "Matrix" doch waren? (Gibt es eigentlich auch 90er-Jahre-Foren???)

    Werden sich die heute 15-jährigen mit 30 Tränen verkneifen müssen, wenn sie sich daran erinnern, ganze Beziehungsdramen per SMS erlebt oder ihre erste X-Box zu Weihnachten geschenkt bekommen zu haben?

    Ist das alles ganz normal und geht das jeder Generation so? Dass man angesichts von angehendem Berufsleben, Steuererklärungen, Familiengründung und all den Schwierigkeiten, die das reale Leben bietet, wieder unter die Schutzglocke der unbeschwerten verspielten Kindheit zurück möchte? Ist das das Altwerden?

    Oder war an den 80ern doch etwas anders? Etwas Besonderes?

    Warum seid ihr hier in diesem Forum? Was erhofft ihr euch hier?

    Und die nächste Frage lautet – wie geht es weiter?

    Grüße
    bubu

  2.  
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  3. #2
    Benutzerbild von dj.forklift

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    Also, wenn ich ehrlich sein soll, so wie mache andere hier a la "80er sind das geilste wo gibt, alles andere ist Sch****". So einer bin ich nicht. Ich sehe es etwas nüchtern in bezug auf mich (das kann bei anderen anders sein): Ich bin 68 geboren, was bedeutet, ich kam irgendwann in den 80ern in die Pubertät. Und auch wieder raus. Es ist dies die Zeit beim Menschen, die die größten Veränderungen in ihm bewirkt, in der man auf Einflüsse aller Art irgendwie intensiver reagiert. Egal was es ist: der erste 5ex, das erste eigene Tonbandgerät, vielleicht das eigene Zimmer, was man vorher noch nicht hatte,... Die 80er waren eine Zeit, wo Wellen, Moden etc. ihre Zeit hatten und sich Zeit nahmen. Sie kamen, waren da und gingen wieder. All das hat man irgendwie erleben können, wenn man dann noch in den "Flegeljahren" ist intensiviert sich das noch. Später dann in den 90ern, war alles schon viel hektischer und man konnte gar nicht so schnell reagieren um immer "in" zu sein. Wären wir vielleicht alle 10 Jahre eher oder später geboren, ich denke, wir hätten vielleicht ein anderes Lieblingsjahrzehnt. Ich lass mich da aber auch gerne eines besseren belehren.

  4. #3
    Benutzerbild von Die Luftgitarre

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    Ich glaube NICHT, daß alles nur ein ewiger Kreislauf des im Prinzip immer Gleichen ist, daß einfach jede Generation ihre Jugend- und Teen-Zeit nostalgisch bedenkt.

    Wenn ich etwa meine Eltern und deren Freundeskreis betrachte - alles 68er-Generation (geb. 48/49/50) -, dann stelle ich fest: Die Kindheit und die frühe Teenager-zeit ist dort nicht so sehr Gegenstand von Nostalgie, sondern mehr die späte Teen- und frühe Twen-Zeit (= 65/66 - 75). Es scheint alles, was vor den Beatles war, ist für die vergessen.

    Ist ja auch verständlich: 65 - 75 war 1-A-Rockmusik, immer freakigere Mode und die 5exuelle Revolution; vor 65 war Kindheit/Pubertät im spießig-kleinbürgerlichen Mief, mit strengen Lehrern, ödem TV-Programm und Konfirmanten-Look. UND V.A.: Als diese Generation ins Berufsleben trat, war in Deutschland Vollbeschäftigung! Der jugendkulturelle Aufbruch fiel für sie zeitlich zusammen mit einem einfacheren Berufseinstieg, der ersten eigenen Wohnung = Aufbruchsstimmung in jeder Hinsicht.

    Wir dagegen hatten eine vergleichsweise lockere Kindheit/Teenzeit bei insgesamt liberaleren Eltern mit tollen Filmen, Spielsachen und Musik. Doch dann in den 90ern traten wir hinaus in eine immer unfreundlichere Umwelt mit Massenarbeitslosigkeit, Yuppie-Zeitgeist ect. Und in der Popkultur zählten bald anstelle von Inspiration, Feeling und Witz nur noch technische Superlative (beat-per-minute, computer-animierte Action-Szenen).

  5. #4
    Benutzerbild von Torsten

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    Da bubu und ich dieses Thema vor einigen Wochen bereits per PM diskutiert haben und mir im Moment die Motivation fehlt, die relevanten Punkte noch einmal neu zu formulieren, zitiere ich der Einfachheit halber aus unserem PM-Wechsel. Den Text von bubu habe ich mit blauer Schriftfarbe gekennzeichnet, meine Ausführungen in dunkelgrün.


    Es ist für mich, wenn ich mich mal neben mich stelle und mal aus dem Kreis heraus trete um auf mich zu schauen, eigentlich ein sehr seltsames Gefühl in solchen Kommunikationsstrukturen wie den heutigen gelandet zu sein. Wie verrückt ist das eigentlich, was wir hier tun?

    Wenn du mit "Kommunikationsstruktur" in diesem Fall ein Internet-Forum meinst: Als "verrückt" würde ich das jetzt nicht bezeichnen. Es ist doch eigentlich eine schöne Sache, im Netz quasi zu den beklopptesten Themen Gleichgesinnte zu finden und mit ihnen über gemeinsame Interessen zu plaudern. Jeder Mensch sucht ja irgendwie nach einem Sinn in seinem Leben, und in einer Zeit wie unserer, die von sich selbst so sehr gelangweilt ist (sonst würde es beispielsweise auch keine Extremsportarten geben), braucht man gewisse Beschäftigungen, um zumindest einige glückliche Momente der Selbstbestätigung zu erleben.

    Das ist auch nichts Verwerfliches - man muss sich über seine Motivation nur selbst im Klaren sein, dazu stehen und seine Vorlieben dennoch nicht zu wichtig nehmen. Ich unterhalte mich beizeiten gerne über 80er-Themen, möchte aber niemals zu einem Freak werden, der quasi noch in dieser Zeit lebt und allen Dingen hinterherjammert. Solche Menschen kann ich nicht ernst nehmen.


    Der einzige Grund, warum ich in diesem Forum bin, ist für mich die Beantwortung der Frage, warum mich diese Zeit, die 80er-Jahre, so beschäftigen. Was ist das, was ich dort suche.

    Die Gründe für das Interesse an den 80ern dürften äußerst unterschiedlich sein. Bei den meisten (wie auch bei mir) ist wohl die Musik der entscheidende Faktor, das sieht man ja auch an der Frequentierung der entsprechenden Boards. Über das damalige Lebensgefühl wird relativ wenig gesprochen, und auch hier dürften die Ansichten äußerst verschieden sein. Man erinnere sich an Florian Illies, der die 80er in seinem Buch "Generation Golf" als äußerst langweilig beschreibt. Scheint also eine Sache des individuellen Standpunktes zu sein. Wer damals viel Schönes erlebt hat, wird sich entsprechend gerne zurückerinnern und gelegentlich zur Verklärung der damaligen Zeit neigen.

    Ich persönlich sehe das wesentlich nüchterner. Die 80er waren meine Jugendzeit, in der mich meine Eltern eigentlich völlig wider meiner Natur erzogen haben und sich heute immer fragen, warum ich denn so überhaupt nix von ihnen habe. Von daher kann ich nicht behaupten, mit dieser Dekade außergewöhnlich viele schöne Erinnerungen zu verknüpfen. So richtig ausgetobt habe ich mich (Jahrgang '71) eigentlich erst ab Ende der 80er/Anfang der 90er, nachdem ich bei meinen Eltern ausgezogen bin.

    Aber wie gesagt, das sind ja nur meine persönlichen Erfahrungen. Andere werden in diesem Jahrzehnt wohl die bisher schönste Zeit ihres Lebens verbracht haben und schwelgen daher gerne in Erinnerungen. Solange man dennoch mit beiden Beinen in der Gegenwart steht, ist dagegen auch nix zu sagen. Jeder lebt von und mit seinen Erinnerungen.

    Ein weiterer Punkt, der einen gelegentlich sehnsüchtig auf die Vergangenheit blicken lässt, ist die gelegentliche oder gar oft aufkeimende Unzufriedenheit mit unserer heutigen Zeit. Vor allem die Dinge, die ich in meinem Zeitlichkeits-Thread angesprochen habe. Je älter man wird, umso mehr geht einem meistens die wachsende Hektik des gegenwärtigen Alltags auf den Senkel, und man denkt an die Zeit zurück, als alles noch wenigstens etwas beschaulicher und wertebeständiger war. Als noch nicht jeder Depp im TV auftreten und zum gehypten Star avancieren konnte. Als die Computertechnologie in ihren drolligen Anfängen steckte und man sich noch nicht völlig erschlagen fühlte vor lauter digitalem Chaos. Als die Musik-Charts noch nicht so einen blutleeren Einheitsbrei boten wie jetzt. Als Individualisierung noch den Anschluss an eine Gruppe bedeutete und nicht, panisch darauf bedacht zu sein, bloß anders zu sein als alle anderen und ständig geschwollen von "Selbstverwirklichung" zu schwafeln. Und als Deutschland in Fußball und Tennis noch Aushängeschilder hatte...


    Ich ertappe mich dabei, mich an Ikonen dieser Zeit festzuklammern. Seien das die Musik oder die Fernsehserien von damals oder dass ich mit Gänsehaut wieder über die Rundungen eines 64ers streiche. Es sind aber auch Personen aus dieser Zeit.

    Ich denke, das geht fast allen Menschen so. Wir sind nur die Generation, die erstmalig die Möglichkeit hat, in einem Massenmedium wie dem Internet mit fremden Gleichgesinnten Erinnerungen und Gedanken zur Jugendzeit auszutauschen. Auch unsere Eltern und Großeltern erzählen gerne von früher, erinnern sich oftmals wohlwollend an Menschen und Erlebnisse aus "ihrer" Zeit. Ich halte dies für ein grundlegendes menschliches Bedürfnis, woraus natürlich auch oft die "Früher war alles besser"-Attitüde resultiert. Nüchtern betrachtet, halten sich gesellschaftliche Rück- und Fortschritte wohl ungefähr die Waage. Vieles ist ja auch nur ein ständiges Auf und Ab – selbst Dinge wie Moral, Ethik oder Etikette unterliegen modischen Schwankungen.

    Wenn ich zum Beispiel an die TV-Show "Dalli Dalli" denke, werde ich ganz rührselig. Ist für mich bis heute die Unterhaltungs-Ikone des deutschen Fernsehens geblieben. Die Sendung hatte einen Charme, den die hochglanzpolierten Formate dieser Tage nicht mal ansatzweise ausstrahlen. Dennoch wird man sich in 20 Jahren wahrscheinlich auch wehmütig an die Zeiten von Günther Jauch erinnern, der eine Sendung wie "Wer wird Millionär" zu einem nationalen Ereignis macht. Ich glaube auch in der Tat, dass z. B. die junge Generation in absehbarer Zeit ein 90er-Revival starten wird (musikalisch hat's in Ansätzen ja bereits begonnen). Es ist wohl, wie der Medienwissenschaftler Norbert Bolz es beschreibt: Wir leben in einer Ära des Zeiten-Recyclings. Denn rein gesellschaftlich betrachtet passiert eigentlich schon seit längerem nix wirklich Neues mehr. Hier einige entsprechende Zitate:

    "Postmoderne, Posthistoire, postindustrielle Gesellschaft, postmaterielle Werte, Postfeminismus, posthumane Kunst – die Komposita mit 'post-' haben Konjunktur. Welcher Wunsch meldet sich hier? Und wie sieht die Zeit aus, die sich selbst als 'post', d. h. ja als 'danach', erfährt? Hier lohnt es sich, einen Blick zurück auf die Soziologie des 19. Jahrhunderts zu werfen. Antoine Cournot hat erstmals das Bild einer zivilisatorischen Phase entworfen, die man das Posthistoire, also Nachgeschichte, nennen wird: die Zeit nach dem Ende der Geschichte. Die Leidenschaften des politischen Lebens haben sich beruhigt; alle Interessen haben als gemeinsamen Nenner die Aufrechterhaltung des status quo. Das Gesellschaftssystem stellt sich auf Dauer, indem es alle politischen Kräfte neutralisiert; dadurch werden alle Lebensenergien abgespannt. Und das bedeutet eben schon für Antoine Cournot: Die Geschichte löst sich auf wie ein Strom, der in tausend Bewegungskanäle einfließt."

    und

    "Die Zeit, da Geschichte mit Großbuchstaben geschrieben wurde, ist nun endgültig vorbei. Geschichte ist heute nur noch ein Farbspektrum der Modepalette. Man könnte von einer Placebo-Version der Geschichte sprechen. Was sich in der Welt ereignet, erscheint als kaleidoskopischer Bilderwechsel, und Hollywood ist die Schule dieser 'imagification' der Geschichte. Wir können deshalb unser Leben und unsere Welt nicht mehr aus der Geschichte heraus verstehen. Die historische Form ist ausgehöhlt. Gerade deshalb aber gibt es Heimweh nach Geschichte. Pilgerscharen ziehen ins Museum, um die Geschichte der Staufer und Etrusker zu erleben. Und im Recycling der Mode kehren die Jahrzehnte wieder, in denen wir geboren wurden.

    All das ist nicht das Zeichen eines historischen Bewusstseins. Wir sind dabei, ein ironisches Verhältnis zur Geschichte zu entwickeln. Im Karneval der Zeiten bedienen wir uns ungezwungen aus der Requisitenkammer der Vergangenheit. Man benutzt postmodern die vergangenen Zeiten wie Mode-Farben, die man neu kombinieren kann. 'Decade-Blending', Verschnitt der Epochen, nennen das die Designer der Generation X. Wer noch einen Sinn für historische Zeit hat, könnte sagen: Das Recycling der Mode ist eine Farce auf die zyklische Geschichtsschreibung."


    und

    "(...) Es gibt keinen Grund und Ansatzpunkt mehr für 'Negativität'. Nun beginnt das Posthistoire; der nachgeschichtliche Mensch betritt die Weltbühne. 'Was verschwindet, ist der Mensch im eigentlichen Sinn. Das Ende der menschlichen Zeit oder der Geschichte bedeutet ja ganz einfach das Aufhören des Handelns im eigentliche Sinne des Wortes. Das heißt praktisch: das Verschwinden der Kriege und blutigen Revolutionen. Und auch das Verschwinden der Philosophie; denn da der Mensch sich nicht mehr wesentlich selbst ändert, gibt es keinen Grund mehr, die Grundsätze zu verändern, die die Basis der Welterkenntnis und Selbsterkenntnis bilden. Aber alles Übrige kann sich unbegrenzt erhalten: die Kunst, die Liebe, das Spiel.' Alexandere Kojève hat selbst radikale Konsequenzen aus dieser Diagnose gezogen und seine wissenschaftliche Karriere beendet. Denn wenn die Geschichte am Ende ist, endet auch die 'große Politik' – und damit ist auch die Philosophie am Ende. Kojève wurde Beamter in der Europäischen Gemeinschaft. Die EG war für ihn ein 'angemessenes Symbol für das Ende der Geschichte'. Alles geschieht nur noch, als ob etwas geschehe. Die Fülle der Ereignisse gehorcht einem stabilen Muster. Man könnte sagen: Seitdem hört die Geschichte nicht auf zu enden. Die wohl berühmteste Figuration des Posthistoire ist Zarathustras Lehre vom Letzten Menschen. 'Alle sehr gleich, sehr klein, sehr rund, sehr verträglich, sehr langweilig. Ein kleines, schwaches, dämmerndes Wohlgefühl über alle gleichmäßig verbreitet, ein verbessertes und auf die Spitze getriebenes Chinesentum'".

    Und deshalb der Reiz von Retro-Bewegungen. Deshalb die Extremsportarten, die wie Pilze aus dem Boden schießen. Deshalb dieser mittlerweile abstrus übertriebene Körperkult. Deshalb Filme wie "Jack Ass". Deshalb jugendliche Amokläufer, die unvermittelt ausrasten: Symptome einer Gesellschaft, die chronisch gelangweilt ist. Denn irgendwas muss man mit seinem Leben ja anfangen...

    Natürlich kommen zu dieser Motivation noch ganz eigene, persönliche Gründe für das Zurücksehnen nach "damals" dazu. Bei mir hat es z. B. möglicherweise einen kompensatorischen Hintergrund: Da meine eigenen 80er nicht so toll waren und mir vieles aus den Bereichen Musik, Film, TV oder Computertechnologie verwehrt blieb, versuche ich nunmehr, diesbezüglich einiges nachzuholen. Ob das letztlich der Hauptanlass ist, vermag ich nicht zu sagen. Bin ja kein Psychologe.



    Soviel zu unserem PM-Wechsel. Abschließend noch ein Lob an bubu, der den Mut hat, die grundsätzliche Motivation einer solchen Internet-Seite und deren User zu hinterfragen. Könnte mir durchaus vorstellen, dass dieser Thread manch einem etwas sauer aufstößt...

  6. #5
    Benutzerbild von Die Luftgitarre

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    Torsten postete
    Ein weiterer Punkt, der einen gelegentlich sehnsüchtig auf die Vergangenheit blicken lässt, ist die gelegentliche oder gar oft aufkeimende Unzufriedenheit mit unserer heutigen Zeit. Vor allem die Dinge, die ich in meinem Zeitlichkeits-Thread angesprochen habe. Je älter man wird, umso mehr geht einem meistens die wachsende Hektik des gegenwärtigen Alltags auf den Senkel, und man denkt an die Zeit zurück, als alles noch wenigstens etwas beschaulicher und wertebeständiger war. Als noch nicht jeder Depp im TV auftreten und zum gehypten Star avancieren konnte. Als die Computertechnologie in ihren drolligen Anfängen steckte und man sich noch nicht völlig erschlagen fühlte vor lauter digitalem Chaos. Als die Musik-Charts noch nicht so einen blutleeren Einheitsbrei boten wie jetzt. Als Individualisierung noch den Anschluss an eine Gruppe bedeutete und nicht, panisch darauf bedacht zu sein, bloß anders zu sein als alle anderen und ständig geschwollen von "Selbstverwirklichung" zu schwafeln. [/color]
    Das halte ich selber für den wichtigsten Faktor bei der ganzen Sache.

    [b]
    Es ist wohl, wie der Medienwissenschaftler Norbert Bolz es beschreibt: Wir leben in einer Ära des Zeiten-Recyclings. Denn rein gesellschaftlich betrachtet passiert eigentlich schon seit längerem nix wirklich Neues mehr.
    Einspruch, Einspruch! Gerade in unserer Zeit gibt es hochdramatische Veränderungen in Politik und Gesellschaft. Die Vorstellung von einem harmonisch-langweiligem "Ende der Geschichte" (alles pendelt sich irgendwie in einer Mitte ein), wie sie die postmodernen Philosophen pflegen, hat nichts, aber auch gar nichts mit der Realität unserer Zeit zu tun.

    - Ende der Kriege und blutigen Revolutionen? Die politischen Gegensätze haben sich abgekühlt? Doch gerade erst vor wenigen Monaten spielte sich vor unseren Augen ein gewaltiger Krieg um einen strategischen Rohstoff ab. Auch insgesamt haben Kriege seit 1990 nicht ab-, sondern zugenommen.

    - Alle Interessen in Einklang gebracht? Der Sozialstaat wird gerade abgeschafft. Unser Leben wird wieder zunehmend risiko-überschattet.

    - Die Menschen ändern sich nicht weiter? Es gilt seit neuestem als Quoten-Knüller wenn in Container- und Castings-Shows Leute vor leufender Kamera gedemütigt werden. Schönheitsoperationen und Magersucht werden langsam normal. Wenn das kein dramatischer Mentalitätenwandel ist ...

    - Dann die ganze Thematik um wünschenswerte und nicht so wünschenswerte Anwendungsmöglichkeiten der Gent-Technik.

    Postmoderne Philosophen mögen sich da dösig zurücklehnen, versonnen lächeln und vom "Ende der Geschichte" erzählen, tatsächlich aber leben wir in einer dramatischen Umbruchszeit. Das Ende der Geschichte ist bloß das Ende ihrer kritischen Reflexion.

  7. #6
    Sven Hoëk
    Benutzerbild von Sven Hoëk
    Mein Rückfall in die 80er Jahre hat einerseits mit den Computern zu tun, andererseits aber auch mit der Musik. Angefangen hat es im Sommer 2000, als ich morgens durch Radio FFN geweckt wurde mit dem Song

    "Catch me I'm Falling" von Real Life. Das Lied hatte ich seit meiner Kindheit nicht mehr gehört (damals war ich "8"). Und da habe ich so im Bett gelegen und diesem unglaublich melancholischen Synthie-Pop zugehört und bin auf einmal richtig traurig geworden, dass diese Zeit vorbei war und nicht wieder kommen würde.

    Na ja, und dann habe ich angefangen, die Musik von damals zu sammeln und Gleichgesinnte zu suchen. Und dann kam die Sache mit den Homecomputern und dann das Forum hier.

    Postmoderne Philosophen mögen sich da dösig zurücklehnen, versonnen lächeln und vom "Ende der Geschichte" erzählen, tatsächlich aber leben wir in einer dramatischen Umbruchszeit. Das Ende der Geschichte ist bloß das Ende ihrer kritischen Reflexion.
    Darüber könnten wir uns jetzt streiten

    Sven

  8. #7
    Benutzerbild von Torsten

    Registriert seit
    05.10.2001
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    6.613
    @ Sven Hoek:
    Darüber könnten wir uns jetzt streiten
    Allerdings...

  9. #8
    Benutzerbild von DeeTee

    Registriert seit
    19.12.2001
    Beiträge
    1.928
    @Sven & Torsten:

    Da würde ich mitstreiten!

    Grüße!
    DeeTee

  10. #9
    Benutzerbild von musicola

    Registriert seit
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    13.850
    Also mein Interesse an den Achtzigern wurde im Spätsommer 1998 wiedergeweckt, als ich zum ersten mal einen eigenen Internet Zugang hatte,
    mit einem Amiga 1200 übrigens!

    Ich gab in einem Anflug von Nostalgie "Nik Kershaw" in der Suchmaschine ein
    und erfuhr erst dadurch dass der gute Mann gerade einige Live Konzerte in England gab mit Songs die mir nichts sagten, bis ich herausfand dass das alles brandneue Titel sind und in Kürze mit einem neuen Album zu rechnen sei!!

    Jetzt hatte ich neben meinem damaligen Hobby Amiga, noch einen weiteren
    Anlass mich näher mit dem Medium Internet zu befassen. In der darauffolgenden Zeit kramte ich im Keller meine alten Nik Singles hervor und
    wie ein abgerutschter Bohrer beim Zahnarzt traf mich der Schmerz der Erinnerung wieder, dass mir bei einem Umzug, Anfang der Neunziger, sämtliche
    Maxi Singles und LP's von Nik und so einige andere 80er Sachen unter
    mysteriösen Umständen abhanden kamen. All die schönen extended remixes dahin... Nur meine CD's, die hatte ich Gottseidank noch!

    Nun, sei es wie es sei. Hat man erst mal Internet, stolpert man früher oder später auch über ebay. Und so meldete ich mich am 01. April 1999 dort an
    und habe nun wieder sämtliche verlorenen Nik Maxis und noch so einige mehr, von denen ich nicht mal wusste dass es sie gab!
    Auch www.totalrecall.de und www.klaeng.de halfen mir beim Wiedervervollständigen meiner Sammlung!

    Erst Jahre später (2001) stiess ich auf Heiko's Mitstreiter Gero und seine
    Site www.achtzger.de, wo ich mich verstärkt aufhielt, mitpostete (hauptsächlich im Musik Forum) und so langsam kamen auch wieder Erinnerungen an die Zeit neben der Musik in meiner Jugend zurück...

    Zum Bsp. dass ich mich in der Schule nicht gegen andere durchsetzen konnte, eher ein Aussenseiter war, mir nur selten aktuelle Markenklamotten leisten
    konnte (Mutter geschieden, nur Unterhalt und Sozialhilfe) und auch sonst nur wenige Handverlesene gute Freunde hatte. Aber auch die guten Erinnerungen
    kamen immer stärker zurück!

    Anfang 2002 fand ich dieses Forum hier und meldete mich auch direkt an.
    Hier fand ich ausser ner Menge gleichgesinnten noch mehr Erinnerungen
    meiner Jugend wieder. Und abgesehen davon, ist hier wesentlich mehr los
    (sorry, Gero) als auf www.achtziger.de weshalb ich beschloss die meiste Zeit
    zum träumen und wiederaufleben meiner Teenagerzeit hier zu verbringen und nur ab und an noch Gero's Site zu besuchen!

    Dieses Forum ist viel mehr als nur oberflächliches Geschreibsel, um die 80er
    zu verklären, es hat richtig Tiefgang, noch tiefer geht es gar nicht mehr.
    Es berührt sozusagen die Seele!

    Ich hoffe, der Mehrheit hier aus derselben gesprochen zu haben!

    musicola

  11. #10
    Benutzerbild von bubu

    Registriert seit
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    1.632
    @all
    Was mich zu diesem Thread bewegt hat, ist die Klärung der Frage, warum wir so sehr an den Achzigern hängen.

    Was sind eure ganz persönlichen Beweggründe und glaubt ihr, dass das jeder Generation so geht, oder ob das evt. andere Ursachen hat?!

    Worüber ich mir auch Gedanken mache, ist: Worum geht es in diesem Forum eigentlich?
    Klar, wie Torsten auch schon schrieb, Musik ist ein dominantes Thema und war ein wichtiger Teil in den 80ern und unserer Jugend. Viele Threads behandeln drehen sich auch um 80er-Ikonen, -Institutionen, -Mode, -Charakteristika und wie unterschiedlich die Leute sie erlebt haben, was ich sehr spannend finde.

    Doch ich frage mich: ist das alles? Wie geht es weiter? Wohin entwickelt sich das ganze? Glaubt ihr, mit 40 oder 50 wird das auch noch so sein? Werden wir uns ewig gerne daran erinnern?

    Würde mich sehr interessieren, wie ihr das seht...

    Grüße
    bubu

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