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Die 80er und der Spocht, Vol. 1

Erstellt von Torsten, 28.01.2002, 18:41 Uhr · 16 Antworten · 2.343 Aufrufe

  1. #1
    Benutzerbild von Torsten

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    So, nachdem ich mich nun lange genug darüber gewundert habe, dass das Thema Sport auf diesem Board überhaupt noch nicht aufs Tapet kam und ich einfach nicht glauben will, dass sich hier nur völlig hoffnungslose Sportmuffel herumtreiben, ist es mir einfach ein Bedürfnis, hier mal einige entsprechende Erinnerungen herauszukramen...
    In diesem Thread soll es um die unvergesslichen Sportereignisse gehen, die man damals in den 80ern gebannt am Fernseher verfolgt hat. Sicher kann sich jeder an bestimmte Highlights erinnern, die sich für immer in ihr oder sein Gedächtnis gebrannt haben; Momente, die in nostalgischen Diskussionsrunden immer wieder neu erzählt werden...
    Wie immer mache ich selbst den Anfang und liste meine persönlichen Top Five auf:

    1. Fußball-Weltmeisterschaft 1982 in Spanien: Das legendäre Halbfinale zwischen Frankreich und Deutschland, das zu meinem persönlichen „Jahrhundertspiel“ wurde. Bis kurz vor Mitternacht saß ich als Zehnjähriger vor dem Kasten, um unseren Jungs dabei zuzusehen, wie sie Platini & Co. nach einer unglaublichen Aufholjagd in der Verlängerung per Elfmeterschießen doch noch nach Hause schickten. 1:3 lagen „wir“ schon zurück, ehe Karl-Heinz Rummenigge und Klaus Fischer mit einem seiner typischen Fallrückzieher die Kugel noch zweimal in die Hütte der „Blauen“ jagten. Die unvergesslichsten Bilder dieses Spiels lieferten allerdings andere: zum einen Toni Schumacher, der dem armen Battiston so nachdrücklich seine gnadenlose Entschlossenheit demonstrierte, dass dieser sich wenig später mit gebrochenem Kiefer und einigen Zähnen weniger im Krankenhaus wiederfand (und Schumacher es dann für viele Jahre nicht für nötig befand, sich zu entschuldigen); zum anderen Uli Stielike, der nach seinem verschossenen Elfmeter wie ein Häufchen Elend im Strafraum hockte und heulte wie sonst nur Gäste von Vera am Mittag. Aber da Toni Schumacher nicht nur Gegenspieler, sondern auch auf sein Tor abgefeuerte Elfmeter raushauen konnte, musste sich der spätere Ribbeck-Assi am Ende doch nicht an der Torlatte aufhängen...

    2. Der 7. Juli 1985: An diesem Sonntag hätte man sich nachmittags stundenlang auf eine deutsche Straße legen können, ohne überfahren zu werden. Denn anstatt sich im Schwimmbad abzukühlen oder bei einem nervigen Familienausflug zu langweilen, saßen die Menschen vor dem Fernseher und starrten auf einen Tennisplatz. Unbegreifliches war passiert: In Wimbledon stand ein 17jähriger Milchbubi auf dem Centre Court, der aussah wie eine Kreuzung aus Pumuckl und ’nem Riesenbaby. Boris hieß er, und weil er seinen Gegnern den Aufschlag mit Geschwindigkeiten um die Ohren prügelte, die man sonst nur von Sportwagen-Tachos kannte, nannte man ihn „Bum-Bum-Boris“. Sein südafrikanischer Final-Gegner Kevin Curren (der danach völlig in der Versenkung verschwand) konnte einem ob dieser jugendlichen Urgewalt fast schon Leid tun. „Boris, Du bist ein Tennis-Gott“ titelte die BILD-Zeitung am darauffolgenden Montag (kein Witz: diese Schlagzeile habe ich nie vergessen!), ohne zu wissen, dass da gerade jemand für eine Sensation gesorgt hatte, der 14 Jahre später als populärster und charismatischster Sportler dieses Landes abtreten sollte. Plötzlich wussten Menschen, für die „Service“ bis dato nur etwas war, was sie bei der Post vermissten, dass das Wort „Love“ nicht immer unbedingt was mit Liebe und ein „Tie-Break“ nicht wirklich etwas mit Krawatten zu tun hat...

    3. Rom 1987 / Seoul 1988: Bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft 1987 in Rom trat ein Mann in Erscheinung, der ein Jahr später bei den Olympischen Spielen in Seoul zum Inbegriff des Dopings werden sollte. Der Kanadier Ben Johnson spurtete so schnell über die Tartan-Bahn, dass die restliche Weltelite einschließlich des großen Carl Lewis dagegen aussah wie übergewichtige Schüler bei den Bundesjugendspielen. „Guck auf die Zeit, guck auf die Zeit“ brüllte ich meiner nicht minder sportbegeisterten Mutter damals zu, als am unteren Bildrand „9,83 – New WR“ aufblinkte. So unfassbar waren diese Zahlen damals, dass sie sich für immer in mein Gedächtnis brannten. Ein Jahr später kam es dann zum erneuten Showdown im Olympia-Finale: Wegen der Zeitverschiebung klingelte der Wecker bereits um fünf Uhr morgens – die Schule konnte man ja notfalls schwänzen. Da standen sie wieder, die beiden vieldiskutierten Kontrahenten: Der gazellenartige, hoch aufgeschossene Lewis und das Muskelpaket Johnson. Aufgrund der Vorläufe war nicht unbedingt auf einen Sieg von Johnson zu schließen; man glaubte schon, dass sein Weltrekord ein Jahr zuvor quasi ein Betriebsunfall gewesen sei. Aber spätestens, als der Kanadier nach dem Startschuss wie eine Raubkatze aus den Blöcken geschossen kam, war klar, dass er seine Konkurrenten vorher hübsch an der Nase herumgeführt hatte. Und wer geglaubt hatte, dass die 9,83 Sekunden von Rom das Ende der Fahnenstange sein würden, wurde ebenfalls eines Besseren belehrt: Nun blieb die Uhr gar bei 9,79 stehen. War das noch normal? War das noch menschlich? Gerüchte gab es schon länger, die positiven Doping-Proben in den Tagen danach brachten dann endgültig Gewissheit: Alles Pfusch, alles Betrug! 16 kg Zuwachs von Muskelmasse binnen eines Jahres konnten einfach nicht durch pures Training entstanden sein – was für ein Skandal...

    4. Und nochma Tennis: Es war das Jahr 1989, es waren die French Open in Paris – und es war ein kleines, asiatisch aussehendes Kerlchen, das einfach nicht aufgeben wollte. Ich glaube, es war das Achtel- oder Viertelfinale, als sich der berühmte Ivan Lendl wahrscheinlich schon als sicherer Sieger fühlte, nachdem er die ersten beiden Sätze locker gewonnen hatte. Aber dieser unbekannte Michael Chang auf der anderen Seite des Netzes fing auf einmal an, Zicken zu machen und erdreistete sich gar, den dritten Satz zu gewinnen. Noch schlimmer – er holte sich auch noch den vierten. Okay, dachte man, jetzt muss aber ma gut sein. Und überhaupt – „guck ma, der Kleene hat ja ständig Muskelkrämpfe, das kann nich’ mehr lange gut gehen... Meine Güte, die wievielte Banane stopft der eigentlich schon in sich rein?“ All das ging einem durch den Kopf, während man Zeuge wurde, wie „Ivan der Schreckliche“ nach und nach auf perfideste Art und Weise in den Wahnsinn getrieben wurde: Der Nobody rutschte wie ein Irrwisch über den Platz und brachte die platziertesten Bälle des Meisters zurück, als würde der gegen die Chinesische Mauer spielen. Als dieser milchgesichtige Rotzbengel seinen Gegner schließlich mit einem Aufschlag von unten veräppelte, packten sich die Zuschauer im Stadion fassungslos an die Köpfe, während Lendl vor Wut schnaubte wie das NDR-Walross Antje. Wir zu Hause lachten uns jedenfalls halb tot, soviel geballte Tennis-Komik kannte man bis dahin nur von Yannick Noah. Und das Märchen nahm kein Ende: Michael Chang besiegte nicht nur Ivan Lendl, sondern im Endspiel dann auch noch den nicht minder berühmten Stefan Edberg. Wie das Leben so spielt: Bis heute blieb dies der einzige Grand-Slam-Titel des kleinen Amerikaners...

    5. Fußball-Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko: Das Endspiel Argentinien – Deutschland. Was für eine Berg- und Talfahrt der Gefühle im atemberaubenden Aztekenstadion – wieder schaffte es die deutsche Mannschaft, einen 2-Tore-Rückstand aufzuholen. Um dann wenige Minuten später das alles entscheidende Gegentor zu kassieren... Angefangen hatte es mit einem Patzer von Toni Schumacher: Der sonst so zuverlässige Weltklasse-Torhüter unterlief eine Freistoß-Flanke und ermöglichte den Südamerikanern so das Führungstor. In der Folgezeit erwiesen diese sich als die deutlich bessere, da spielerisch klar überlegene Mannschaft mit einem Diego Maradona in seinen Glanztagen. Logische Folge war dann das 2:0, über das sich mein Vater damals freute wie ein kleines Kind („Jawoll – Argentinien ist Weltmeister!“) – er war nie ein Freund der deutschen Mannschaft. Aber er unterschätzte die berühmten deutschen Tugenden: Nach zwei Eckbällen mit anschließenden Treffern von Rummenigge und Völler stand es plötzlich 2:2, und der Titel schien wieder greifbar nahe. Das ließ die Mannen um Teamchef Franz Beckenbauer dann allerdings zu euphorisch und unvorsichtig werden – ein einziger genialer Pass von Maradona beendete alle Träume. „Toni, halt den Ball“, rief der Fernseh-Kommentator noch, als der argentinische Stürmer auf Schumacher zulief, aber der schob den Ball eiskalt an ihm vorbei ins lange Eck... und ich schrie vor Ärger so laut „Scheiße“, dass unser Nymphensittich fast von der Stange fiel... Letztendlich war es aber auch ein wirklich verdienter Sieg der Argentinier, denn sie erwiesen sich im Laufe des Turniers als die spielstärkste Mannschaft, auch wenn sie die Engländer im Viertelfinale nur durch die berüchtigte „Hand Gottes“ bezwangen... Naja, vier Jahre später hat sich die deutsche Mannschaft mit einem ebenso verdienten Sieg dann ja revanchiert, ausgleichende Gerechtigkeit also...

    So, dies sind meine markantesten Sport-Erinnerungen aus den 80ern. Es gibt sicher noch viele andere, vielleicht könnt Ihr die Liste ja ein bisschen erweitern... Übrigens: Ereignisse wie die Katastrophe im Brüsseler Heysel-Stadion 1985 habe ich bewusst ausgelassen, denn trotz aller Widrigkeiten bringe ich Sport immer noch mit positiven Aspekten in Verbindung...

  2.  
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  3. #2
    Benutzerbild von Michi

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    Der Torsten und seine Monsterbeiträge...
    Man kann nur gratulieren.
    Hmm, also, ich war und bin ein Sportmuffel und hab mich auch in den 80ern nicht allzu besonders dafür interessiert. Naja, außer Skispringen '88 in Calgary - das konnt ich gerade noch so ertragen
    Aber sonst denke ich, war damals auch der Sport noch ne Nummer "atemberaubender", aufregender, auch etwas weniger kommerziell, als heute. Die Formel 1 hatte Turbo-Motoren, die Carving-Skier waren noch nicht erfunden (oder?)... alles halt etwas einfacher und purer. So muss das auch sein.

  4. #3
    Benutzerbild von monofreak

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    auch ich bin gar nicht für sport zu haben - aber wenn's so schön beschrieben wird wie hier von torsten macht's auch mir spaß!!!

  5. #4
    Benutzerbild von Kazalla

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    Also,was mir besonders in Erinnerung in Sachen Spocht der 80er geblieben ist,das waren die Olympischen Spiele 84 in L.A.
    Die Eröffnungszeremonie mit den ganzen Fahnen vom Publikum dargestellt,das war einfach genial.
    Na und dann unser Besenkammer Bobele,was der in Wimbledon erreicht hat und dadurch für einen Aufschwung im deutschen Tennis gesorgt hat,also Hut ab!

  6. #5
    Benutzerbild von cater78

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    Woran ich mich auch noch gut erinnern kann, obwohl ich damals erst 9 Jahre alt war, war das Spiel zwischen Boris Becker und John McEnroe im Davis-Cup 1987, als Deutschland gegen die USA gegen den Abstieg aus der A-Gruppe spielte. Eric Jelen (dem meine Mutter immer mal eine Tube Salbe gegen seine Akne schicken wollte) hatte das erste Spiel gegen Tim Mayotte in 5 Sätzen gewonnen. Nach diesem Spiel hatte ich schon viereckige Augen, aber das Spiel Becker gegen McEnroe anschließend hat alles übertroffen. Damals gabs im Davis-Cup noch keinen Tie-Break und Boris gewann in einer Rekordzeit von 6,5 Studen das Match mit 4:6, 16:14, 8:10, 6:2, 6:2. Am nächsten Tag verloren dann Becker und Jelen das Doppel gegen Rick Leach und Robert Seguso, Jelen verlor auch gegen McEnroe. Becker schaffte dann aber mit seinem 5-Satz-Sieg gegen Mayotte das 3:2 für Deutschland.

  7. #6
    Benutzerbild von Kazalla

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    Kann mich da auch noch an ein Daviscupmatch erinnern,Deutschland gegen Tchechoslovakei.Das Spiel Michael Westphal(leider schon verstorben und der Ex von Jessica Stich)gegen Thomas Schmid.Das ging auch über 5 Sätze und war das bis dahin längste Daviscupmatch,bis es vom oben genannten Becker Mc Enroe übertroffen wurde.Hab mir damals das ganze Match reingezogen,wear danach total Platt.An das Ergebniss kann ich mich allerdings nicht mehr erinnern.

  8. #7
    Benutzerbild von Torsten

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    Na, das ist ja lustig...
    Insgesamt scheint der Sport der 80er ab 1985 vor allem von Tennis geprägt zu sein... Ist aber auch kein Wunder, so eine herrliche Zeit wie mit Steffi und Boris wird's wohl nie wieder geben...
    Danke, dass sich hier offensichtlich DOCH Sportinteressierte herumtreiben, hatte die Hoffnung fast schon aufgegeben...

  9. #8
    Benutzerbild von Michi

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    Hmm, da hast du absolut Recht. Die Steffi-und-Bobbele-Zeit war schon echt stark.
    Heute ham wa ja den Maddin und den Svenne und den Schumi, aber ob Skispringen und Formel 1 jemals so viele Interessierte locken wird, wie der Tennis, ist doch sehr fraglich.

  10. #9
    Benutzerbild von Gosef

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    Hurra, ein Spocht-Thread mit ordentlich Tennis drin! Dazu werde ich mir noch was einfallen lassen...so als Ankündigung schonmal vorweg...
    Gruß
    Gosef

  11. #10
    Benutzerbild von Torsten

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    Och nee, Gosef... Mein Vol. 2 ist schon in Arbeit und dreht sich hauptsächlich auch um Tennis... Im Ernst: Da freue ich mich aber schon drauf, ist wirklich schön, mit Gleichgesinnten auchma über dieses Thema schwadronieren zu können...

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