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Die am meisten überschätzten Filme

Erstellt von Torsten, 04.12.2003, 15:14 Uhr · 140 Antworten · 16.928 Aufrufe

  1. #31
    Benutzerbild von bubu

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    Kleine Anekdote am Rande:

    Alien – Treffen der Generationen

    Neulich im Cinemaxx Hamburg: Alien. Director's Cut.

    Bubu nichts wie hin, da diesen Film noch nie im Kino gesehen – und dann auch noch in einer nie gezeigten Version. Freude schöner Götterfunken!

    Lief natürlich im kleinen Kinosaal, aber egal. Dann geht ihr doch ruhig alle in Kill Bill oder Bad Boys 20...

    Kleiner Kinosaal fast leer, gerade mal vier Reihen belegt – umso besser. Alien mal ganz ungestört genießen. Herrlich!

    Schön auf den besten Mittelplatz im Parkett gesetzt. Keine störenden Köpfe, keine spitzen Knie im Rücken, keine tütenraschelnden Popcornschmatzer – was will man mehr.

    Jetzt kann's los gehen!

    Es wird dunkel, der Vorhang zieht gerade auf, da öffnet sich die Eingangstür. Sieben Teenies, lass sie höchstens 19 sein, strömen rein und setzen sich wohin? Genau, Reihe hinter mir. Shit. Und da bohren sich auch schon die spitzen Knie zwischen meine Schulterblätter, da cruncht schon der erste Nacho mit dem flüssigen Plastikkäse drauf.

    Okay, vielleicht wird's trotzdem ein schöner Kinoabend.

    Aber dann geht's erst richtig los. Zwei der Blondie-Girls sind offensichtlich ziemlich ungehalten und zicken ihre männlichen Begleiter an:

    "Ich hab' keinen Bock auf Alien! Das ist total der Scheißfilm."

    Ich schaue meinen Kumpel an, Schulterzucken. Ja, so sind sie halt, die Kids. Wissen einfach nicht, was gut ist.

    "Warum hast du denn einfach die Karten gekauft, ohne uns zu fragen? Alien ist total ätzend. Da passiert erst mal 45 Minuten gar nichts. Hab ich gelesen."

    "Ich hab echt kein Bock auf so einen Scheißfilm. Ich wollte in Kill Bill"

    Etwas kleinlauter eine andere Stimme:
    "Kill Bill war ausverkauft. Jetzt wart doch mal ab, das ist echt ein guter Film."

    "Nein, der ist voll langweilig. Da passiert 45 Minuten erst mal gar nichts. Scheiß-Alien. Warum kaufst du einfach Karten für so einen Scheißfilm?"

    Ja, die Jugend von heute, denke ich mir. Doch leiser Zweifel regt sich in mir: Ist Alien denn wirklich schon sooo alt? (mit anderen Worten: bin ich denn wirklich schon sooo alt?) Offensichtlich. Gerade mal 24 (bzw. 30) Jahre auf dem Buckel und schon von der übernächsten Generation vergessen. Stand nicht in der Rezension auf Spiegel-Online, die ich vorher noch gelesen hatte, wie toll das doch sei, dass Alien, Director's Cut noch mal in die Kinos kommt. Dies sei eine große Chance für die heutige Jugend, einen echten Klassiker mal auf der Leinwand kennenzulernen? Doch offenbar kommt das "unheimliche Wesen" wohl doch aus einer gar zu "fremden Welt"...

    Eine halbe Stunde später, die Werbung ist endlich rum. Da rauscht es auch schon so herrlich langsam heran, das Frachtschiff "Nostromo". Doch eines fällt mir sofort auf: das tiefe Schwarz der unendlichen Schwärze des Raums knistert und rauscht so gar nicht tiefschwarz – so sehr bin also auch ich schon von der allseits umgreifenden digitalen Reinheit konditioniert, dass mir die Unvollkommenheit des analogen Weltalls sofort ins Auge sticht. Wie fremdartig muss das dann erst der digital gesäugten Jugend hinter mir erscheinen, frage ich mich?

    45 Minuten später. Nicht das Ei anfassen, Kane!, möchte man ihm am liebsten zurufen. Natürlich hat er's trotzdem getan. Und da bewegt sich doch schon was. Da wird doch schon die Eihülle transparent. Ja, ja, jaaaaaaaaaaa, gleich, gleich, denke ich mir und zack!

    Ein Zucken, ein kleiner Schrei des Erschreckens in der Reihe hinter mir.

    Zufrieden grinse ich vor mich hin.


    Er ist doch immer noch ein Klassiker!

  2.  
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  3. #32
    Benutzerbild von icebomb_de

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    Also ich kann auch mit dem Kafka Kram nix anfangen... deshalb entzieht sich auch Brazil völlig meiner Geistigen Greifbarkeit - die man ansonsten wirklich nicht als beschränkt bezeichnen kann ;-)

    So Long
    Ice

  4. #33
    Benutzerbild von Lutz

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    bubu postete
    Kleine Anekdote am Rande:

    Alien – Treffen der Generationen

    Neulich im Cinemaxx Hamburg: Alien. Director's Cut.

    Schön auf den besten Mittelplatz im Parkett gesetzt. Keine störenden Köpfe, keine spitzen Knie im Rücken, keine tütenraschelnden Popcornschmatzer – was will man mehr.

    Jetzt kann's los gehen!

    Es wird dunkel, der Vorhang zieht gerade auf, da öffnet sich die Eingangstür. Sieben Teenies, lass sie höchstens 19 sein, strömen rein und setzen sich wohin? Genau, Reihe hinter mir. Shit. Und da bohren sich auch schon die spitzen Knie zwischen meine Schulterblätter, da cruncht schon der erste Nacho mit dem flüssigen Plastikkäse drauf.
    Das war ja Murphys Gesetz wie’s im Buche steht

    Na schön das es trotzdem noch ein netter Kinoabend geworden ist

    Lutz

  5. #34
    Benutzerbild von Torsten

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    Nach einer längeren Auszeit möchte ich mal wieder ins Thema einsteigen...

    Tja, mit meiner Einschätzung bezüglich Pulp Fiction hab' ich ja offensichtlich gründlich ins Klo gegriffen!

    Als bekennender Tarantino-Fan kann ich die ganzen Verrisse hier natürlich nicht unbeantwortet lassen. Als erstes möchte ich mal voranschicken, dass man nicht bekifft sein muss, um Pulp Fiction zu mögen...

    Frage von icebomb_de:
    Pulp Fiction:
    Ich mag Bruce Willis sehr - ebenso Samuel L.J. und sogar John Travolta - aber was bitte schön soll das sein????
    Antwort: Der Film, der das Kino der 90er am nachhaltigsten veränderte. Und deshalb der Kultfilm der vergangenen Dekade.

    Einigermaßen schleierhaft sind mir die erwähnten Verständnisprobleme, die hier geäußert wurden. Filme, deren Inhalt nicht streng chronologisch abläuft, sind doch mittlerweile gar nicht mehr so selten. Insofern sollte man sich daran doch eigentlich schon gewöhnt haben...

    Die Tatsache, dass hier drei Geschichten verschachtelt ineinander verwoben sind, macht den Film ja gerade so interessant. Hauptfiguren werden zu Nebenfiguren und umgekehrt, Tote stehen scheinbar wieder auf und die Fragen folgen ihren Antworten. Tarantino hat hier sämtliche bis dato geltenden Regeln des Kinos gebrochen und schert sich nicht um einen stringenten, logisch nacheinander erzählten Plot.

    Ich werde aber nun nicht versuchen, diejenigen von diesem Film zu überzeugen, die mit ihm nix anfangen können - würde mir eh nicht gelingen. Ich kann hier nur die Punkte nennen, die mir an Pulp Fiction im Speziellen und den Tarantino-Streifen im Allgemeinen gefallen: Die markant gelassene Atmosphäre, die durch ungewöhnliche Kameraperspektiven, charismatische Figuren und nicht zuletzt den stets gelungenen Soundtracks entsteht. Zudem werden dem Zuschauer meines Erachtens einige der schrägsten, aber gleichzeitig auch interessantesten Dialoge der Filmgeschichte geboten (in Pulp Fiction z. B. ein Gespräch über Fußmassagen, in Reservoir Dogs eine Grundsatzdebatte über Trinkgeld und der Bedeutung des Madonna-Songs Like A Virgin ). Die Faszination liegt also in der Mixtur all dieser atypischen, gleichermaßen originellen Elemente.

    Was ich nicht zurückweisen kann, ist Tarantinos Hang zur exzessiven Gewaltdarstellung und deren "Ästhetisierung". Äußerst schwierig zu entkräften ist auch die daran immer wieder laut werdende Kritik; allenfalls kann ich entgegnen, dass sowohl (Medien-)Realität als auch frühere Filmwerke regelmäßig mindestens genauso brutale Bilder liefer(te)n. Insofern ragen die entsprechenden Szenen in ihrer Härte meines Erachtens auch nicht explizit aus der medialen Reizüberflutung heraus. Was den Vorwurf bezüglich der Verkoppelung von Gewalt und Komik angeht: Dies ist für mich nichts anderes als auf die Spitze getriebener schwarzer Humor englischer Prägung, den ich nicht überbewerten würde. Wobei man natürlich darüber streiten kann, ob derlei Szenarien zu einer emotionalen Abstumpfung des Publikums beitragen.

    Bei der Frage, warum mir solche Filme dennoch gefallen, stoße ich auf Antworten, die mir durchaus ein wenig Unbehagen bereiten. Die Ursachen dürften dieselben sein, die auch meine Vorliebe für Mafiafilme begründen: Mich fasziniert die Amoralität und Outlaw-Attitüde der Protagonisten, die auf Recht und Gesetz scheißen, sich stets nehmen, was sie wollen und denen ethische Grundsätze völlig fremd sind.

    Ist diese Sehnsucht nach Gangster-Romantik ein Zeichen für eine kriminelle Energie, die latent in meinem Unterbewusstsein schlummert? Falls ja, hab ich sie zumindest bis heute ziemlich gut unter Kontrolle gehabt. Aber wer weiß, was passiert, wenn man mir bei Film-Debatten zu sehr widerspricht...

    Übrigens: Wer mit der Koppelung von Komik und Gewalt in Pulp Fiction nicht zurechtkommt, sollte sich besser niemals ARTE-Streifen wie Funny Games oder Mann beißt Hund anschauen...


    @ bubu:
    Vermeintlich tiefsinniger Film, gefeiert als große neue deutsche Filmhoffnung. Für mich einfach ein zu lang geratener Videoclip, der von sich selbst glaubt, Tiefgang zu besitzen. Was ist "das Geheimnis des Erfolgs" von Lola?
    Der Einschätzung, der Film würde sich ernster nehmen, als ihm zusteht, kann ich mich nicht anschließen. Er handelt von einem einzigen Thema, das auch mich immer wieder mal beschäftigt: Wie wenige Momente ein ganzes Leben verändern können und wie abhängig wir alle von Zufällen sind. Oder anders gesagt: Glück ist nix anderes als der Umstand, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein.

    Und diese Thematik hat der Streifen für meinen Geschmack sehr ansprechend umgesetzt. Sein Erfolg begründet sich wohl eben gerade auf die Videoclip-Ästhetik, die die dem Film innewohnende Hektik einfach nur visuell unterstreichen soll. Dauerhaft könnte ich mir solchermaßen inszenierte Werke auch nicht antun, aber als einzelnen cineastischen Querschläger lass' ich mir das durchaus gefallen. Als wesentlich nerviger empfinde ich da die übernervöse Stakkato-Schnitt-Technik, mit der sich heutzutage manche Filme den Anstrich von Modernität verpassen wollen...
    Mulholland Drive
    Siehe oben.
    Bevor jemand denkt, ich finde David Lynch scheiße: "Dune" habe ich geliebt! Und "Lost Highway" hat mir auch sehr gut gefallen.
    Um Himmels Willen... Völlig wurscht, ob Blue Velvet, Mulholland Drive oder Lost Highway: Ich warte immer noch auf den Arzt, der David Lynch endlich von seiner chronischen Metapheritis heilt. Wer sich einbildet, besonders wertvolle Filme zeichneten sich durch überbordende und verkünstelte Symbolik aus, bekommt von mir jedenfalls nur den altbekannten Lehrer-Spruch: "Setzen, sechs!"

    Dass der Mann es aber besser kann, bewies er mit dem bemerkenswerten Roadmovie The Straight Story. Ein ganz stiller, unprätentiöser Film, der wirklich berührt.

    Und was Dune angeht, so lasse ich hier einfach mal die Einschätzung aus einem Filmlexikon zu Wort kommen, die meines Erachtens den Nagel auf den Kopf trifft:

    "Wenn die Science Fiction je ein echtes Epos hervorgebracht hat, ist dies unzweifelhaft 'Der Wüstenplanet', das Porträt der Existenz, des Charakters und der Kultur einer ganzen Welt. Was David Lynch aus dem kompliziert-verschachtelten Roman Frank Herberts gemacht hat, ist dagegen purer und unverständlicher Krampf, den niemand, der das Buch nicht kennt, verstehen wird und ein Musterbeispiel dafür, wie man Millionen verpulvert, ohne dass man sieht, wo sie geblieben sind: 'Er verzichtete darauf, alle Zusammenhänge zu erklären (...), ließ vieles offen (...), scherte sich nicht um Logik und Folgerichtigkeit.' (Claudius Seidl, DIE ZEIT). Und genau das versetzt dem Film dann auch den Todesstoß, zumal Lynch auch noch Elemente einführt, die das Roman-Original nicht kennt: 'Die Grenze des Stumpfsinns überschreitet er bei der Darstellung der Bösewichte, deren Ekligkeit durch Suhlen in Blut, Schweiß und Eiter zweifellos unterstrichen wird. Die Guten sind ebenso fade: immer flauschig toupiert, adrette Weltraumpopper, gegen die die bösen Zukunftspunks natürlich gewaltig abstinken. Darum weiß man leider in der Mitte, was kommt: Die Guten besiegen die Bösen in einer viel zu langen, stumpfsinnigen Knallerei.' (Michael Kobald, UNSERE ZEIT). Ratschlag für frustrierte Kinogänger: die Romanversion lesen!"

    Genau!
    Basic Instinct
    Subtrahiert man die freizügigen 5exszenen mal weg, was bleibt dann? Ein spannender Thriller, aber mehr nicht.
    Richtig. Aber wer hat denn je etwas anderes behauptet...?
    Independence Day
    Gute Tricks, sonst Müll
    Das einzig Gute an diesem hochnotpeinlichen Schmu sind die ersten fünf Minuten. Wie der Schatten des riesigen Raumschiffs über die Mondoberfläche donnert, vermittelt eine selten eindringliche Bedrohlichkeit. Dummerweise hatte ich kurz vor dem Kinobesuch zum zweiten Mal einen völlig überdosierten Tee zu mir genommen - so hatte ich tatsächlich das Gefühl, mich würden gleich die Aliens holen...
    Schindlers Liste / Der Soldat James Ryan
    Warum, Herr Spielberg, müssen Sie in allen Ihren ernsthaften Filmprojekten, die so klasse sein könnten, immer so dermaßen viel Kitsch und Pathos reindrücken?
    Bei Saving Private Ryan kann ich dir noch folgen (dazu später mehr). Aber "Kitsch und Pathos" bei Schindlers Liste??? "Kitsch" bezeichnet Pseudo-Kunst, und die kann ich bei diesem Werk nicht mal ansatzweise feststellen. "Pathos" bedeutet übertriebene Gefühlsregung bzw. Ergriffenheit. Ich habe diesen Film ca. zehn Mal gesehen und bilde mir ein, den Inhalt noch einigermaßen präsent zu haben. Pathos kann man ihm allenfalls in der Abschiedsszene kurz vor Schluss attestieren (die trotzdem eine der erschütterndsten der Filmgeschichte sein dürfte!); ansonsten wüsste ich nicht, wo man diesen Vorwurf ansetzen sollte.
    Ich fand aber schon den Ansatz, das Thema anhand der Geschichte von Oskar Schindler zu erzählen, verfehlt. Schindler war die Ausnahme, nicht die Regel, insofern verzerrt der Film meiner Meinung nach die historische Realität.
    Wie bitte? Angesichts des Ausmaßes, mit dem die Grausamkeiten des Nazi-Regimes in diesem Film gezeigt werden, von einer "verzerrten Realität" zu sprechen, empfinde ich nicht nur als gewollt kritisch, sondern auch als regelrecht hanebüchen. Die Story um Oskar Schindler war hier nur der Aufhänger, um dem Zuschauer in bisher nicht dagewesener cineastischer Qualität die damaligen Verhältnisse so eindringlich zu vermitteln, wie es Kino eben kann. Da schließe ich mich dann auch waschbaers Aussage an, dass wohl kaum ein künftiger Film zu diesem Thema hier heranreichen wird.
    Und ich glaube, Steven Spielberg ist einfach nicht der richtige Regisseur für solch ein Thema.
    Für mich beweist der Film, dass er offensichtlich genau der Richtige war. Wer hätte den Job deiner Ansicht nach denn besser erledigt?
    Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wie man dieses Thema verfilmen sollte. Vielleicht ist es auch gar nicht möglich?
    Dann wäre es genauso unmöglich wie die Darstellung jeglichen anderen historischen Themas! An die Realität wird kein Film jemals völlig heranreichen, und das kann auch niemand ernsthaft erwarten. Filme wie Schindlers Liste müssen neben größtmöglicher Authenzität nun mal auch gewisse Elemente aufweisen, die den Zuschauer "bei Laune" halten. Nur so erreicht man für schwer verdauliche Kost ein möglichst breites Publikum, um eine moralisch-ethische Botschaft massenwirksam unters Volk zu bringen.
    Jedenfalls ist der meiner Meinung nach beste Film über das Thema Nazizeit und Holocaust ein Dokumentarfilm: "Die Nazis" von Erwin Leiser.
    Das mag sein (ich kenne den Film nicht), aber man kann Dokumentation und Fiktion (auch wenn sie weitestgehend auf Tatsachen beruht) nicht miteinander vergleichen. Zumal der Lerneffekt eines populären Kinofilms wesentlich breitenwirksamer einzuschätzen ist als ein nur mäßig bekannter Doku-Streifen.

    Zu Der Soldat James Ryan: Ohne Zweifel nerven die pathetisch aufgeblasenen Szenen auf dem Friedhof, ebenso übertrieben erscheint einem die eigentliche Story um die aufwändige Rettung eines einzelnen Soldaten (obwohl sie, leicht abgeändert, auf Tatsachen beruht). Es empfiehlt sich aber, dieses Werk als zwei Filme in einem zu betrachten: Zunächst die 20minütige Anfangssequenz - die Anfahrt der Landungsboote, die Überwindung des kahlen Sandstrandes, der den Angreifern keinerlei Schutz bietet -, die von vorher nie gesehener, schockierender Intensität ist. Im Grunde deuten diese 20 Minuten zum ersten Mal in der Filmgeschichte an, was ein echter Antikriegsfilm leisten muss: nämlich den Krieg so langweilig, ekelhaft, sinnlos und zermürbend wie möglich darzustellen - ohne dass das Publikum desertiert.

    Bei dieser Sequenz bekam ich zum ersten Mal den Hauch einer Ahnung, was Krieg wirklich bedeutet - und erwischte mich dabei, wie ich während dieser Szenerie im Kinosessel ähnlich verkrampfte wie bei einer Zahnbehandlung. Wozu natürlich auch vor allem die perfekte Tontechnik beitrug, die das Geschehen so realistisch wiedergab, dass man gelegentlich fast schon selbst in Deckung gehen wollte. Allein das Einschlagen der Kugeln in menschliches Fleisch wirkt hier so fies und wirklichkeitsnah wie nie zuvor auf einer Kinoleinwand.

    Aber nach diesen 20 Minuten muss Der Soldat James Ryan zur Sache kommen, er muss eine Geschichte erzählen. Und das tut Spielberg nicht besser und nicht schlechter als viele Kriegsfilmer vor ihm.
    Warum hast du hier "Blade Runner" eigentlich nicht nochmal mit aufgeführt? Hätte da gerne noch weiter drüber mit dir diskutiert.
    Weil ich ihn nach einiger Überlegung nicht in die Rubrik "überschätzte Filme" einordne. Bezüglich seiner Aussage und der optischen Umsetzung - und genau diese beiden Punkte sind es, die ihn auszeichnen - gibt es hier nix zu mosern; die in meinen Augen zähe Inszenierung ist dann wirklich nur Geschmackssache. Und da halte ich es für wichtig, objektive Kriterien von subjektiven zu unterscheiden.
    Puh, eins ist schon mal klar - "Matrix" hat dir nicht wirklich gefallen. Gibt's eigentlich irgend etwas positives für dich an diesem Film?
    Doch - nämlich dass hier exemplarisch belegt wird, was für ein völlig überschätzter, da allenfalls mittelmäßiger Schauspieler Keanu Reeves ist...
    Oje, wo hast du denn dieses Zitat her? Stand in diesem Artikel zufällig auch noch, dass Rockmusik zersetzend und gefährlich ist?
    Richtig, speziell die der Rolling Stones soll besonders fatale Wirkung haben...
    Vielleicht war genau das Kubricks Absicht?
    Das würde an meiner Kritik nichts ändern. Denn diesem offensichtlich sehr ernsthaften Filmprojekt eine letztlich bedeutungslose Pseudo-Philosophie überzustülpen, wäre geradezu fahrlässig.
    Ganz genau! Und das ist meiner Meinung nach eine der größten Auszeichnungen, die man einem Film machen kann.
    Das sehe ich etwas anders. Ohne Frage - ein offenes Ende bietet interessanten Diskussionsstoff, der den Film lange Zeit im Gespräch hält. Andererseits ist mir Beliebigkeit grundsätzlich ein Gräuel, ich bin vielmehr ein Verfechter klarer Aussagen. Aus diesem Grunde ist mir der geistige Gehalt von "2001 - Odyssey im Weltraum" zu sehr verwässert und spekulativ.

    Und vor allem wirft dieser Film Fragen auf, die naturgemäß kein Mensch beantworten kann. Daher auch mein Vorwurf, der Film sei "mystisch verquast".
    Ich finde genau das das Faszinierende an "2001". Ich kann mir diesen Film immer wieder ansehen und jedes Mal entdecke ich eine neue Facette, eine andere Ebene, wie man ihn auch sehen kann.
    Der Witz ist doch: Du entdeckst neue Fragen, die sich dir stellen. Die wird dir aber niemand beantworten können, denn die Rätsel, die sich um Sinn, Ursprung, Zukunft und Stellenwert menschlicher Existenz auftun, kann selbst das größte Genie dieses Planeten nicht lösen.

    Mit kühlem Herzen gefragt: Welchen Sinn haben dann überhaupt philosophische Ansätze, die sich stets nur in einem spekulativen Raum bewegen werden? Für die emotionale Faszination derlei Fragen bin ich durchaus empfänglich - aber bei nüchterner Betrachtung verlieren solche Debatten in meinen Augen ganz schnell an Substanz.

    Wenn mir beispielweise jemand erzählt, er könne sich vorstellen, was der Begriff "Unendlichkeit des Weltraums" bedeutet, fange ich lauthals an zu lachen. Unendlichkeit ist in seiner Bedeutung und Konsequenz für keinen Verstand auf diesem Erdball zu erfassen - aus diesem Grunde sind derlei Diskussionen eigentlich so überflüssig wie die berühmte Cherry Coke...

    Aber es scheint wohl in der menschlichen Natur zu liegen, bei einem zunehmend verwissenschaftlichten Weltbild eine Sehnsucht nach Mystik und unlösbaren Fragen zu entwickeln...
    Ist es nicht egal, ob das Bild ein Schimpanse oder ein Mensch gemalt hat? Das Werk steht für sich! Es zählt einzig und allein, was DU darin siehst! Nicht, was der Künstler wohl damit gemeint haben könnte.
    Dies ist ein liberales Kunstverständnis, für das ich noch nie etwas übrig hatte. Wie ich oben bereits bemerkte: Beliebigkeit ist mir ein Gräuel. Deine Definition dagegen impliziert, dass quasi jeder ein Künstler ist oder sein kann - Hauptsache, irgendjemand kann irgendwas in das entsprechende Werk hineinprojezieren. Wegen dieser Attitüde hab' ich schon seit jeher mit unserem Krefelder Pseudo-Künstler Joseph Beuys nix anfangen können.

    Meine Auffassung von Kunst konzentriert sich in dem viel zitierten Satz: "Kunst kommt von Können und nicht von Wollen." Echte Künstler sind in meinen Augen Genies, die ganz Außergewöhnliches leisten und von denen es deshalb naturgemäß nur wenige gibt. Ich vertretete zwar nicht die radikale These eines Georg Hegel, der alle Kunst nach der Antike als Kultur des Verfalls verhöhnte; aber wenn ich mir speziell mal die Dinge ansehe, die unter den Begriff der "modernen Kunst" fallen, kann ich meist nur noch mit'm Kopp schütteln. Angesichts mancher Gemälde, die einem da beispielsweise zugemutet werden, erstrahlt selbst das Werk eines mittelmäßig begabten Pflaster-Malers als die Krönung künstlerischer Schöpfung...

    Wenn du selbst von Schimpansen hingekrickelten Farbklecksen zugestehst, als Kunst interpretiert zu werden, dann kann man auch die am Himmel zufällig entstandenen Wolkengebilde oder wirre Muster in Tapeten oder Badezimmerkacheln als Kunst ansehen. Nun will ich es niemandem nehmen, sich ein wenig in derlei Träumereien zu ergehen - nur ernst nehmen muss ich das noch lange nicht.

    Überhaupt sind Interpretationen ja ein Thema für sich. Ich habe mich schon als Schüler gelegentlich über Lehrer und Mitschüler amüsiert, die aus literarischen Werken die absurdesten Deutungen herauszogen oder für interessant befanden. Ich bin überzeugt: Wenn die verstorbenen Autoren hören würden, was für absurde und abgehobene Theorien rund um ihre Werke kursieren - sie würden vor Lachen oder Entsetzen im Grab rotieren...

    Auf den Punkt gebracht: Der Wert eines Kunstwerkes begründet sich für mich nicht daraus, was man alles hineininterpretieren kann. Er hängt in meinen Augen vielmehr davon ab, wie sehr es beim Betrachter oder Zuhörer einerseits eine Ergriffenheit aufgrund der Ästhetik und andererseits einen Respekt vor dem Genius des Künstlers auslöst. Die meisten Interpretationen sind Teil einer in meinen Augen viel zu kopflastigen Auffassung von Kunst, die damit einhergehende Erwartungen gar nicht erfüllen kann.

    In diesem Zusammenhang hat der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich ein Buch namens Tiefer hängen! herausgebracht, dessen Titel ein Rat für den Umgang mit Kunst darstellen soll. Gelesen hab' ich's noch nicht, aber die Ausführungen des Autors in einer nachtstudio-Sendung zum Thema "Kunst und Kommerz" klangen so interessant wie plausibel. Ich bin nämlich auch der Meinung, dass man die Kunst schon um ihrer selbst willen entmystifizieren und bezüglich ihres intellektuellen Gehalts relativieren sollte...

  6. #35
    Benutzerbild von musicola

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    Torsten postete
    Frage von icebomb_de:
    Pulp Fiction:
    Ich mag Bruce Willis sehr - ebenso Samuel L.J. und sogar John Travolta - aber was bitte schön soll das sein????
    Antwort: Der Film, der das Kino der 90er am nachhaltigsten veränderte. Und deshalb der Kultfilm der vergangenen Dekade.

    Einigermaßen schleierhaft sind mir die erwähnten Verständnisprobleme, die hier geäußert wurden. Filme, deren Inhalt nicht streng chronologisch abläuft, sind doch mittlerweile gar nicht mehr so selten. Insofern sollte man sich daran doch eigentlich schon gewöhnt haben...

    Die Tatsache, dass hier drei Geschichten verschachtelt ineinander verwoben sind, macht den Film ja gerade so interessant. Hauptfiguren werden zu Nebenfiguren und umgekehrt, Tote stehen scheinbar wieder auf und die Fragen folgen ihren Antworten. Tarantino hat hier sämtliche bis dato geltenden Regeln des Kinos gebrochen und schert sich nicht um einen stringenten, logisch nacheinander erzählten Plot.

    Ich werde aber nun nicht versuchen, diejenigen von diesem Film zu überzeugen, die mit ihm nix anfangen können - würde mir eh nicht gelingen. Ich kann hier nur die Punkte nennen, die mir an Pulp Fiction im Speziellen und den Tarantino-Streifen im Allgemeinen gefallen: Die markant gelassene Atmosphäre, die durch ungewöhnliche Kameraperspektiven, charismatische Figuren und nicht zuletzt den stets gelungenen Soundtracks entsteht. Zudem werden dem Zuschauer meines Erachtens einige der schrägsten, aber gleichzeitig auch interessantesten Dialoge der Filmgeschichte geboten (in Pulp Fiction z. B. ein Gespräch über Fußmassagen, in Reservoir Dogs eine Grundsatzdebatte über Trinkgeld und der Bedeutung des Madonna-Songs Like A Virgin ). Die Faszination liegt also in der Mixtur all dieser atypischen, gleichermaßen originellen Elemente.

    Was ich nicht zurückweisen kann, ist Tarantinos Hang zur exzessiven Gewaltdarstellung und deren "Ästhetisierung". Äußerst schwierig zu entkräften ist auch die daran immer wieder laut werdende Kritik; allenfalls kann ich entgegnen, dass sowohl (Medien-)Realität als auch frühere Filmwerke regelmäßig mindestens genauso brutale Bilder liefer(te)n. Insofern ragen die entsprechenden Szenen in ihrer Härte meines Erachtens auch nicht explizit aus der medialen Reizüberflutung heraus. Was den Vorwurf bezüglich der Verkoppelung von Gewalt und Komik angeht: Dies ist für mich nichts anderes als auf die Spitze getriebener schwarzer Humor englischer Prägung, den ich nicht überbewerten würde. Wobei man natürlich darüber streiten kann, ob derlei Szenarien zu einer emotionalen Abstumpfung des Publikums beitragen.
    @ Torsten

    Dem ist wahrlich nichts hinzuzufügen! Man hätte es nicht besser
    formulieren können. Ich sowieso nicht... öhm...



    Bei der Frage, warum mir solche Filme dennoch gefallen, stoße ich auf Antworten, die mir durchaus ein wenig Unbehagen bereiten. Die Ursachen dürften dieselben sein, die auch meine Vorliebe für Mafiafilme begründen: Mich fasziniert die Amoralität und Outlaw-Attitüde der Protagonisten, die auf Recht und Gesetz scheißen, sich stets nehmen, was sie wollen und denen ethische Grundsätze völlig fremd sind.
    Apropos Mafiafilme:

    Auf der AVFBild Ausg. 1/04 Heft-DVD "The Fan" ist ein Trailer
    von "Donnie Brasco"!

    Die Ausschnitte lassen auf einen interessanten Film schließen,
    kennst du den zufällig? Wenn ja, lohnt es sich ihn anzuschauen?

  7. #36
    Benutzerbild von bubu

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    @Torsten

    Torsten schrieb:
    Was ich nicht zurückweisen kann, ist Tarantinos Hang zur exzessiven Gewaltdarstellung und deren "Ästhetisierung". Äußerst schwierig zu entkräften ist auch die daran immer wieder laut werdende Kritik; allenfalls kann ich entgegnen, dass sowohl (Medien-)Realität als auch frühere Filmwerke regelmäßig mindestens genauso brutale Bilder liefer(te)n.
    Man muss unterscheiden, wie Gewalt eingesetzt wird: unreflektiert aus Gründen der Action (z.B. Schwarzenegger/Stallone-Streifen), realistisch, um anzuprangern (gute Anti-Kriegsfilme wie "Platoon") oder als stilistisches Mittel. Ich habe nichts gegen realistische Gewaltdarstellung und - klar - es gibt wesentlich härtere Filme als "Pulp Fiction" und die Realität übertrifft leider Gottes auch oft noch die übelsten Hollywood-Phantasien. Aber ich habe was dagegen, Gewalt und das Töten als ästhetischen Akt regelrecht zu zelebrieren.

    In Tarantinos Filmen war das Bestreben, die Gewalt und den Akt des Tötens in einer coolen Ästhetik darzustellen, ja gar nicht mal so neu. Da steht er auf den ersten Blick in der Tradition der Mafia-Filme. Der entscheidende Unterschied ist aber, dass alle guten Filme dieses Genres ("Der Pate", "Goodfellas", "Es war einmal in Amerika") trotz dieser Art der Gewalt-Darstellung (der ich mich als bekennender Mafia-Filme-Fan übrigens auch nicht entziehen kann), die handelnden Personen als Gefangene des dogmatischen und machismoischen Familiensystems mit seinen Methoden entlarven und letztlich daran scheitern lassen.

    Neu war, das Töten selbst als realistisch und zugleich komisches Element darzustellen, bzw. sogar fast noch schlimmer: das Töten als eine Nebensächlichkeit, die bei den von dir angesprochenen Diskussionen über Banalitäten einfach "passiert". Was für ein menschenverachtendes und zynisches Bild! Schwarzer englischer Humor? Nein. Das war doch schon ein Quantensprung.

    Es war wohl diese Verbindung, die den Zeitgeist der 90er so perfekt getroffen hat: coole Ästhetik, cooler Soundtrack und coole Dialoge. Aber leider auch: cooles Töten. Und ich finde, am Töten ist nichts, aber auch gar nichts Cooles!

    Darüber hinaus halte ich Tarantino für einen der am meist überschätzten Regisseure. Zwar besitzt er unstrittig Talent, sogar eine ganze Menge, und bei allen von dir angesprochenen Elementen, die seine Filme so besonders machen, stimme ich dir zu. Es sind dies aber trotz allem vorwiegend stilistische Qualitäten, die ihn auszeichnen, und nicht inhaltliche. Angesichts seines Könnens finde ich es umso bedauerlicher, dass Tarantino sein Talent salopp gesagt für solch hohle Filme vergeudet. Auch nach dem Sehen von "Kill Bill Vol.1" komme ich zu dem Schluss: Tarantino hat bislang viermal?, fünfmal? nur den einen, gleichen Film gedreht. Entweder interessiert ihn nichts anderes, oder, was ich eher geneigt bin zu glauben: er kann einfach nichts anderes.

    Übrigens: Wer mit der Koppelung von Komik und Gewalt in Pulp Fiction nicht zurechtkommt, sollte sich besser niemals ARTE-Streifen wie Funny Games oder Mann beißt Hund anschauen...
    Na, das werde ich mir doch glatt mal ansehen.

    @ bubu:

    bubu schrieb:
    Zitat:
    Vermeintlich tiefsinniger Film, gefeiert als große neue deutsche Filmhoffnung. Für mich einfach ein zu lang geratener Videoclip, der von sich selbst glaubt, Tiefgang zu besitzen. Was ist "das Geheimnis des Erfolgs" von Lola?
    Der Einschätzung, der Film würde sich ernster nehmen, als ihm zusteht, kann ich mich nicht anschließen. Er handelt von einem einzigen Thema, das auch mich immer wieder mal beschäftigt: Wie wenige Momente ein ganzes Leben verändern können und wie abhängig wir alle von Zufällen sind. Oder anders gesagt: Glück ist nix anderes als der Umstand, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein.

    Und diese Thematik hat der Streifen für meinen Geschmack sehr ansprechend umgesetzt. Sein Erfolg begründet sich wohl eben gerade auf die Videoclip-Ästhetik, die die dem Film innewohnende Hektik einfach nur visuell unterstreichen soll. Dauerhaft könnte ich mir solchermaßen inszenierte Werke auch nicht antun, aber als einzelnen cineastischen Querschläger lass' ich mir das durchaus gefallen. Als wesentlich nerviger empfinde ich da die übernervöse Stakkato-Schnitt-Technik, mit der sich heutzutage manche Filme den Anstrich von Modernität verpassen wollen...
    Was ich an Tom Tykwer und allgemein an Regisseuren sehr schätze, ist, wenn sie sich immer wieder den unterschiedlichsten Herausforderungen stellen. Das hat Stanley Kubrick mit Bravour getan. Nicht nur, dass er in so ziemlich jedem Genre reüssiert hat, nein, er hat auch fast immer Maßstäbe gesetzt, sich dann aber nicht weiter damit aufgehalten (das ist eben für mich auch so enttäuschend an Regisseuren wie Scorsese und Tarantino. Scorsese, der mit "Gangs of New York" zum vierten Mal "Hexenkessel" gedreht hat und zu Tarantinos Wiederholungsschleifen habe ich ja oben geschrieben).

    Nachdem ich mir jetzt kürzlich "Heaven" von Tykwer angesehen habe, war ich doch sehr überrascht. Einen größeren Kontrast zu "Lola rennt" kann man sich mit diesem ruhigen und überaus poetischen Film nicht vorstellen! Auch "Der Krieger und die Kaiserin" war schon recht beeindruckend. Letzterer und "Heaven" haben meiner Meinung nach wesentlich mehr Qualität als "Lola". Aber ist wohl einfach Geschmackssache... Jedenfalls darf man auf seine nächsten Filme sehr gespannt sein.

    Um Himmels Willen... Völlig wurscht, ob Blue Velvet, Mulholland Drive oder Lost Highway: Ich warte immer noch auf den Arzt, der David Lynch endlich von seiner chronischen Metapheritis heilt. Wer sich einbildet, besonders wertvolle Filme zeichneten sich durch überbordende und verkünstelte Symbolik aus, bekommt von mir jedenfalls nur den altbekannten Lehrer-Spruch: "Setzen, sechs!"
    Das tolle an "Lost Highway" war, dass er im Prinzip ein Puzzle war. Solche Filme finde ich sehr reizvoll, wo sich beim zweiten, dritten Sehen nach und nach alles ineinander fügt und Sinn ergibt.

    Und was Dune angeht, so lasse ich hier einfach mal die Einschätzung aus einem Filmlexikon zu Wort kommen, die meines Erachtens den Nagel auf den Kopf trifft:

    "Wenn die Science Fiction je ein echtes Epos hervorgebracht hat, ist dies unzweifelhaft 'Der Wüstenplanet', das Porträt der Existenz, des Charakters und der Kultur einer ganzen Welt. Was David Lynch aus dem kompliziert-verschachtelten Roman Frank Herberts gemacht hat, ist dagegen purer und unverständlicher Krampf, den niemand, der das Buch nicht kennt, verstehen wird und ein Musterbeispiel dafür, wie man Millionen verpulvert, ohne dass man sieht, wo sie geblieben sind: 'Er verzichtete darauf, alle Zusammenhänge zu erklären (...), ließ vieles offen (...), scherte sich nicht um Logik und Folgerichtigkeit.' (Claudius Seidl, DIE ZEIT).

    Und genau das versetzt dem Film dann auch den Todesstoß, zumal Lynch auch noch Elemente einführt, die das Roman-Original nicht kennt: 'Die Grenze des Stumpfsinns überschreitet er bei der Darstellung der Bösewichte, deren Ekligkeit durch Suhlen in Blut, Schweiß und Eiter zweifellos unterstrichen wird. Die Guten sind ebenso fade: immer flauschig toupiert, adrette Weltraumpopper, gegen die die bösen Zukunftspunks natürlich gewaltig abstinken. Darum weiß man leider in der Mitte, was kommt: Die Guten besiegen die Bösen in einer viel zu langen, stumpfsinnigen Knallerei.' (Michael Kobald, UNSERE ZEIT). Ratschlag für frustrierte Kinogänger: die Romanversion lesen!"


    Genau!
    Torsten, hast du eigentlich "Dune" selbst gelesen? Du als bekennender Nicht-Sci-Fi-Fan wohl eher nicht. Umso ärgerlicher finde ich es daher, dass du dann Zitate heranziehst, die sich auf den Vergleich mit der Buchvorlage beziehen. Zumal sich der erste Autor als Nichtkenner des Genres verrät. Die Sci-Fi wimmelt nur so von Epen, "Dune" ist eines von vielen, wenn auch eins der berühmtesten. Im Übrigen habe ich den Film gesehen bevor ich Herberts Roman gelesen hatte. Ich hatte keine Verständnisprobleme, wie übrigens einige Bekannte auch, die von Lynchs Verfilmung ebenfalls sehr beeindruckt waren. Der Film braucht den Vergleich mit dem Buch in keinster Weise scheuen. Die Vorwürfe der streckenweisen nicht romangetreuen Verfilmung muss sich wohl jeder Film gefallen lassen, der sich die Freiheit der Eigeninterpretation nimmt. Ich kann nur sagen - ähnlich wie beim "Herrn der Ringe" - ist "Dune" teilweise zähe Kost, darüber hinaus viel zu umfangreich für einen Film im Kinoformat. Es ist nur ratsam, sich hie und da vom Buch zu lösen, da Herberts Texte zuweilen filmisch schwer umzusetzen sind. Da tappt man sonst schnell in die Langeweile-Falle, wie die neue, sehr werkgetreue dreiteilige Verfilmung, die unlängst im Fernsehen lief, leider gezeigt hat.

    Das zweite Zitat muss aus den frühen 80ern stammen. Das hat die Zeit - denke ich - mittlerweile ganz einfach überholt.


    bubu schrieb:
    Zitat:
    Ich fand aber schon den Ansatz, das Thema anhand der Geschichte von Oskar Schindler zu erzählen, verfehlt. Schindler war die Ausnahme, nicht die Regel, insofern verzerrt der Film meiner Meinung nach die historische Realität.
    Wie bitte? Angesichts des Ausmaßes, mit dem die Grausamkeiten des Nazi-Regimes in diesem Film gezeigt werden, von einer "verzerrten Realität" zu sprechen, empfinde ich nicht nur als gewollt kritisch, sondern auch als regelrecht hanebüchen. Die Story um Oskar Schindler war hier nur der Aufhänger, um dem Zuschauer in bisher nicht dagewesener cineastischer Qualität die damaligen Verhältnisse so eindringlich zu vermitteln, wie es Kino eben kann. Da schließe ich mich dann auch waschbaers Aussage an, dass wohl kaum ein künftiger Film zu diesem Thema hier heranreichen wird.
    Und eben das mache ich dem Film zum Vorwurf. Eine "Story" mit Happy-End als Aufhänger zu verwenden, um das sich jenseits allen Verständnisses bewegende Thema "Holocaust" quasi verdaulich einzuflößen, ist einfach der falsche Ansatz. Verzerrung historischer Realität insofern, als dass die Geschichte Oskar Schindlers nicht beispielhaft für den Holocaust ist. Aber das suggeriert der Film. Helden wie Schindler waren die absolute Ausnahme, nicht die Regel. Ein paar hundert Gerettete stehen Millionen von Toten gegenüber. "Schindlers Liste" entlässt den Zuschauer mit einem guten Gefühl. Der Holocaust hatte aber kein Happy-End.

    Sowas kann nur einem typischen Hollywood-Regisseur einfallen. Und genau das verstehe ich unter Kitsch. Immer alles auf gut und positiv glattbügeln. Durch und durch amerikanisch. Aber was willst du von jemandem erwarten, der sogar seinen zwanzig Jahre alten Kinderfilm E.T. digital auf politische Korrektheit nachpoliert?

    Für mich beweist der Film, dass er offensichtlich genau der Richtige war. Wer hätte den Job deiner Ansicht nach denn besser erledigt?
    Vor ein paar Jahren hätte ich noch Wim Wenders für den Job vorgeschlagen. Jetzt eher Lars von Trier.


    Zitat:
    Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wie man dieses Thema verfilmen sollte. Vielleicht ist es auch gar nicht möglich?

    Dann wäre es genauso unmöglich wie die Darstellung jeglichen anderen historischen Themas!
    Quatsch!

    An die Realität wird kein Film jemals völlig heranreichen, und das kann auch niemand ernsthaft erwarten.
    Jeder Film (übrigens auch eine Dokumentation) ist eine Fiktion. Du hast mich falsch verstanden. Es geht um den Blickwinkel. Wenn ich den zu eng halte und zu viel vereinfache, laufe ich Gefahr zu verfälschen.

    Filme wie Schindlers Liste müssen neben größtmöglicher Authenzität nun mal auch gewisse Elemente aufweisen, die den Zuschauer "bei Laune" halten. Nur so erreicht man für schwer verdauliche Kost ein möglichst breites Publikum, um eine moralisch-ethische Botschaft massenwirksam unters Volk zu bringen.
    Ich möchte vom Regisseur keine moralisch-ethische Botschaft bekommen. Und schon gar nicht von Herrn Spielberg. Die bilde ich mir am liebsten selber. Solche Filme scheitern ohnehin meistens. Aber auch dieses Streben, permanent zu moralisieren, ist ein durch und durch amerikanischer Zug. Da beginnt das Pathos.

    Aber nochmal: das Thema Holocaust eignet sich nicht für einen Film, der unterhalten will.

    Zu Der Soldat James Ryan: Ohne Zweifel nerven die pathetisch aufgeblasenen Szenen auf dem Friedhof, ebenso übertrieben erscheint einem die eigentliche Story um die aufwändige Rettung eines einzelnen Soldaten (obwohl sie, leicht abgeändert, auf Tatsachen beruht). Es empfiehlt sich aber, dieses Werk als zwei Filme in einem zu betrachten: Zunächst die 20minütige Anfangssequenz - die Anfahrt der Landungsboote, die Überwindung des kahlen Sandstrandes, der den Angreifern keinerlei Schutz bietet -, die von vorher nie gesehener, schockierender Intensität ist. Im Grunde deuten diese 20 Minuten zum ersten Mal in der Filmgeschichte an, was ein echter Antikriegsfilm leisten muss: nämlich den Krieg so langweilig, ekelhaft, sinnlos und zermürbend wie möglich darzustellen - ohne dass das Publikum desertiert.

    Bei dieser Sequenz bekam ich zum ersten Mal den Hauch einer Ahnung, was Krieg wirklich bedeutet - und erwischte mich dabei, wie ich während dieser Szenerie im Kinosessel ähnlich verkrampfte wie bei einer Zahnbehandlung. Wozu natürlich auch vor allem die perfekte Tontechnik beitrug, die das Geschehen so realistisch wiedergab, dass man gelegentlich fast schon selbst in Deckung gehen wollte. Allein das Einschlagen der Kugeln in menschliches Fleisch wirkt hier so fies und wirklichkeitsnah wie nie zuvor auf einer Kinoleinwand.

    Aber nach diesen 20 Minuten muss Der Soldat James Ryan zur Sache kommen, er muss eine Geschichte erzählen. Und das tut Spielberg nicht besser und nicht schlechter als viele Kriegsfilmer vor ihm.
    Die ersten 20 Minuten sind in der Tat eindrucksvoll. Mein (filmisches) Aha-Erlebnis in Sachen Krieg hatte ich allerdings schon bei "Platoon" und "Apocalypse Now".


    Ohne Frage - ein offenes Ende bietet interessanten Diskussionsstoff, der den Film lange Zeit im Gespräch hält. Andererseits ist mir Beliebigkeit grundsätzlich ein Gräuel, ich bin vielmehr ein Verfechter klarer Aussagen. Aus diesem Grunde ist mir der geistige Gehalt von "2001 - Odyssey im Weltraum" zu sehr verwässert und spekulativ.

    Und vor allem wirft dieser Film Fragen auf, die naturgemäß kein Mensch beantworten kann. Daher auch mein Vorwurf, der Film sei "mystisch verquast".

    Der Witz ist doch: Du entdeckst neue Fragen, die sich dir stellen. Die wird dir aber niemand beantworten können, denn die Rätsel, die sich um Sinn, Ursprung, Zukunft und Stellenwert menschlicher Existenz auftun, kann selbst das größte Genie dieses Planeten nicht lösen.
    Deswegen darf man sich aber doch die "großen Fragen" aber weiterhin stellen, oder nicht? Und genauso gut darf das auch ein Film.
    Klare Aussagen? Versucht ein Film, diese Fragen zu beantworten, wird das oft ganz schnell lächerlich. Beispiele gibt es genug: "A.I.", "Mission to Mars", und leider auch die Fortsetzung von "2001", "2010".

    Mit kühlem Herzen gefragt: Welchen Sinn haben dann überhaupt philosophische Ansätze, die sich stets nur in einem spekulativen Raum bewegen werden? Für die emotionale Faszination derlei Fragen bin ich durchaus empfänglich - aber bei nüchterner Betrachtung verlieren solche Debatten in meinen Augen ganz schnell an Substanz.
    Torsten, ist dir klar, dass du mit dieser Einstellung über 2000 Jahre abendländische Philosophie in Frage stellst? Dächten alle so, käme die Menschheit ja nie weiter...

  8. #37
    Benutzerbild von Muggi

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    Hm, der Großteil der Postings ist ja eigentlich am Threadthema vorbei, einfach schlechte Filme aufzählen reicht ja nicht, sondern es sollten ja die sein, die durch Hype, unbegründetem "Kult"-Faktor oder ähnlichem sauer aufstoßen. Einem Großteil der hier aufgezählten Meinungen konnte ich mich nun überhaupt nicht anschließen, aber was solls, über Geschmack läßt sich nun mal nicht streiten...

    Hier mal meine Favoriten:

    Herr der Ringe

    Vielleicht bin ich einfach nicht mystisch genug veranlagt, um so etwas toll zu finden, aber ich werde mit Fantasy einfach nicht warm. Irgendwelche Überhelden in ach so nebelverhangenen Landschaften rumlatschen sehen...nee, nix für mich! Und dann noch natürlich Schlachten von zehntausenden computeranimierten "gar erschröcklichen" Gestalten, aber natürlich ganz familienfreundlich halbwegs sauber gehalten. Blut versaut die FSK-Einstufung...

    [b]Dancer In The Dark[b/]

    Tut mir leid, Lars von Trier mag ja noch so toll sein und die Dogma-Filme was ganz Besonderes, aber nach 25 Minuten Wackeldackel-Kamera habe ich entnervt und mit Kopfschmerzen ausgeschaltet.

    Dies zum Ersten, mir fällt bestimmt noch was ein. Da hier schon mehrfach über die Matrix gesprochen wurde: Wer mal sehen will, was man alles in diese Trilogie hineininterpretieren kann (und auch ein wenig Sitzfleisch besitzt) sollte mal das Mammutposting von Mirko Hübner lesen (vorletzter Beitrag der Seite) - Hammer!

    http://www.depechemode-forum.de/phpB...=asc&start=210

  9. #38
    Benutzerbild von bubu

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    Muggi postete
    Dies zum Ersten, mir fällt bestimmt noch was ein. Da hier schon mehrfach über die Matrix gesprochen wurde: Wer mal sehen will, was man alles in diese Trilogie hineininterpretieren kann (und auch ein wenig Sitzfleisch besitzt) sollte mal das Mammutposting von Mirko Hübner lesen (vorletzter Beitrag der Seite) - Hammer!

    http://www.depechemode-forum.de/phpB...=asc&start=210
    Ich hab leider nicht genug Sitzfleisch für diese Möchtegern-Dissertation gehabt...
    Mannomann, erstaunlich wie die Leute ihre Zeit mit der Fast-Food-Philosophie von "Matrix" verschwenden, statt sich einfach mal ein gutes Buch zu krallen und darüber zu sinnieren....

  10. #39
    Benutzerbild von Torsten

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    @ musicola:

    Sorry, dass ich deine Frage übersehen hatte:
    Apropos Mafiafilme:

    Auf der AVFBild Ausg. 1/04 Heft-DVD "The Fan" ist ein Trailer von "Donnie Brasco"!

    Die Ausschnitte lassen auf einen interessanten Film schließen, kennst du den zufällig? Wenn ja, lohnt es sich ihn anzuschauen?
    Ja, hab den Streifen vor einiger Zeit mal gesehen. Soweit ich mich erinnere, war ich ganz zufrieden – das war doch der, in dem Al Pacino und Johnny Depp mitspielen, oder?

    Für einen netten Filmabend kann man den auf jeden Fall mal in Betracht ziehen...

    Ah, noch was:
    Wenn ich großes Kino sehen will, ziehe ich mir "Die Verurteilten" rein! Der ist Extraklasse!
    Aber hallo! Für mich einer der besten Streifen überhaupt. Wie sagte mein Kumpel damals, als der Abspann lief: "Ein Film, in dem nichts, aber auch gar nichts gefehlt hat!"

    So isses!


    @ bubu:

    Auf dein Posting 035 werde ich in einigen Tagen eingehen. Vorher aber schon mal was hierzu:
    Torsten postete
    Übrigens: Wer mit der Koppelung von Komik und Gewalt in Pulp Fiction nicht zurechtkommt, sollte sich besser niemals ARTE-Streifen wie Funny Games oder Mann beißt Hund anschauen...
    bubu postete
    Na, das werde ich mir doch glatt mal ansehen.
    Schade, dass wir räumlich so weit voneinander getrennt sind - diese Streifen würde ich mir gerne mal mit dir zusammen anschauen. Allerdings sind die gar nicht so einfach zu bekommen, jedenfalls hier bei uns nicht. Habe sie mir damals auf Empfehlung einer TV-Zeitschrift in einer Videothek ausgeliehen (sogar mehrmals), sie aber dummerweise nie überspielt. Das bedauere ich außerordentlich, weil ich z. B. "Funny Games" endlich mal gerne mit bamalama schauen würde. Die größte Düsseldorfer Videothek hat zwar die entsprechende Kassette – nur mussten wir nach dem Ausleihen feststellen, dass da irgendein Arsch den Film tatsächlich mit einer RTL-Sendung überspielt hatte...

    Und die letzten Male, als "Funny Games" im TV lief, konnte mir den Streifen niemand aufnehmen, weil keiner die Sender ORF bzw. TELE 5 empfängt...

    "Funny Games" hat für mich und ein paar andere Leute, mit denen ich ihn gesehen habe, eine ganz besondere Bedeutung. Kein anderer Film, der auf einer völlig fiktiven Geschichte beruht, hat bei mir einen derart bleibenden Eindruck hinterlassen. Auf dem Cover steht auch völlig zurecht: "Ein Film wie ein Tritt in die Magengrube". Selbst die vermeintlich Coolsten und Hartgesottensten derjenigen, mit denen ich mir diese Produktion angeschaut habe (insgesamt vier Mal), waren hinterher ziemlich fertig - auch wenn sie teilweise vergeblich versuchten, das zu überspielen. Ab dem zweiten Mal habe ich fast mehr auf die Reaktionen meiner Freunde geachtet als auf die Filmhandlung – das war schon sehr vielsagend, was man da so beobachten konnte...

    Das Ekelhafte an "Funny Games" ist der trotz fiktiver Handlung beklemmende Realismus, der den Zuschauer deutlich spüren lässt, dass er in ähnlicher Situation genauso hilflos wäre wie die Protagonisten im Film. Dieser Streifen kennt keine Gnade – am wenigsten mit dem Publikum...

    Vor einiger Zeit habe ich im Netz mal eine Rezension von Günter H. Jekubzik
    gefunden, die Inhalt und Wirkung des Films genau auf den Punkt bringt (in eckigen Klammern von mir eingefügte Bemerkungen):

    Österreich 1997. Buch und Regie: Michael Haneke. Mit Susanne Lothar, Ulrich Mühe, Arno Frisch, Frank Giering, Stefan Clapczynski. 103 Min.

    Der entscheidende Satz zu "Funny Games" kommt vom Regisseur: "Ich versuche Wege zu finden, um Gewalt als das darzustellen, was sie immer ist: als nicht konsumierbar. Ich gebe der Gewalt zurück, was sie ist: Schmerz, eine Verletzung anderer."

    "Funny Games" ist ein unerträglicher Albtraum. Deshalb müsste man allen Horror- und Gewaltfans zumindest eine Sichtung des Film verschreiben - ohne Chance zur Flucht. Eine Familie fährt in Urlaub, alles ganz normal, außer dass ihr Urlaubshäuschen anderswo als üppige Villa durchgehen würde. In den Alltag mit nervigen Details und Routinen brechen zwei klebrig freundliche Jungens mit weißen Handschuhen ein, die irgendwann den Spaß an der latenten Gewalt verlieren und die Familie in ihrem eigenen Ferienhaus kidnappen. Sie kann noch bis zum Morgen überleben - wenn sie sich gut benimmt.

    Die Bestandteile des Thrillers - Messer, Golfschläger, Handy, Beil, abgeschlossener Raum - sind deutlich im Bild. Doch mit der Form des Genres unterläuft "Funny Games" dessen simplifizierende Mechanismen. Die sadistischen und sarkastischen Drecksschweine Peter und Paul (oder wie auch immer sie heißen mögen) wenden sich direkt ans Publikum: "Sie sind doch auf ihrer Seite?" und "Ist es schon genug? Wir sind noch unter Spielfilmlänge. Sie wollen doch ein richtiges Ende mit plausibler Entwicklung?" Michael Hanekes schockierende "Funny Games" sind nicht unerträglich spannend. Das träfe auf den üblichen Thriller zu. Sie sind spannend, unerträglich und gnadenlos. Nach dem Tod des Jungen lässt Haneke das schreiende Grauen minutenlang im Bild stehen. Hilflos müssen Eltern und Publikum den Tod des Sohnes vor ihren Augen ertragen. Eine Chance auf Rettung spult Paul mit einer herumliegenden Fernbedienung für den Videorecorder wieder zurück
    [ein genial-fieses, cineastisches Stilmittel!]. Die sich dem Zuschauer unweigerlich stellende Frage "Warum tut ihr das?" wird mit den üblichen soziologischen Klischees verhöhnt und bleibt im ganzen Film unbeantwortet. Hinzu kommt eine gnadenlose Musik von John Zorn und Bone Head.

    Cineastisch bietet der Horror, den mehrere österreichische Urlaubsfamilien nicht überleben, wenig. Doch das hochintensive Spiel von Susanne Lothar und Ulrich Mühe als Eltern bereitete das intensivste Filmerlebnis im Wettbewerb von Cannes '97. Eine kluge, unerträgliche und rettungslose Gewaltdemonstration mit ungewöhnlichen Mitteln. Regisseur und Hauptdarsteller bilden ein eingespieltes Team: Zuletzt versuchten sie gemeinsam, "Das Schloss" von Kafka zu erreichen, mit dem mörderischen "Bennys Video"
    [ähnlich verstörend wie "Funny Games"] musste sich Mühe als Vater des moralisch haltlosen Benny auseinandersetzen.


    Es lohnt sich, nach diesem Film Ausschau zu halten!

    Und zu "Mann beißt Hund": Den habe ich nur wenige Wochen nach "Funny Games" gesehen. Während des Films meistgehörte Bemerkung beim Schauen mit Freunden: "Unglaublich!". Eine belgische Produktion, trotz zeitgenössischer Handlung in schwarz-weiß gedreht. Inhalt: Ein (fiktiver) Berufskiller - dessen Opfer keine hochrangigen Persönlichkeiten, sondern Normalbürger sind – lässt sich von einem Kamerateam bei seiner "Arbeit" begleiten und filmen (dieses Kamerateam gehört zur fiktiven Handlung des Plots – es dreht also quasi einen Film im Film). Im Verlaufe des Geschehens werden diese Beobachter zu Handlangern ihres "Hauptdarstellers" und lassen sich von dessen Taten faszinieren. Zwischendurch sinniert der Killer über's Leben; sarkastisch-surreale Begebenheiten lassen den Zuschauer erst auflachen, bis ihm das Lachen zunehmend im Halse stecken bleibt und er sich selbst beim Ausleben puren Voyeurismus' erwischt...

    Bis vor zwei Jahren lief der Film immer wieder mal auf ARTE. Seit einiger Zeit habe ich ihn dort aber nicht mehr entdecken können; es lohnt sich aber genau wie bei "Funny Games", danach zu suchen...

  11. #40
    Benutzerbild von bubu

    Registriert seit
    29.05.2002
    Beiträge
    1.632
    So, ich reanimiere diese Thread-Perle hiermit.

    Der am meisten überschätzte Film der letzten Zeit und völlig zu Unrecht mit dem Oscar gekrönt ist...

    "The Departed"

    Gründe für dieses Urteil lest bitte im Thread "Kritik von Kinofilmen"

Seite 4 von 15 ErsteErste 1234567814 ... LetzteLetzte

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