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Die Ebayisierung des Lebens

Erstellt von Muggi, 10.03.2006, 00:15 Uhr · 16 Antworten · 1.691 Aufrufe

  1. #11
    Benutzerbild von Muggi

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    Sehr lesenswerter Beitrag, J.B.. Ich hatte dieses Thema auch anderswo angesprochen und erntete überwiegend Unverständnis. "Ebay ist doch toll" war da der Tenor. Vielleicht habe ich mich im Eingangsposting auch etwas mißverständlich ausgedrückt. Mein Hauptansatzpunkt war eher der, dass in meinen Augen heute wohl alles schon beim Erwerb auf seinen Wiederverkaufswert bei Ebay geschätzt wird. Der von Torsten verwendete Begriff "Wertbemessungsgesellschaft" umschreibt das sehr gut. Gerade das hier angeführte Beispiel des Wolfsburg-Trikots ist geradezu exemplarisch. Wozu schnorrt man sich so etwas, wenn man weder mit dem Spieler, noch dem Verein etwas anfangen kann?

    Da mir eingangs erwähnte Sequenz nach dem WM-Finale 1990 noch einmal einfällt: Auch früher wurden durch Zufall erhaltene Souvenirs wieder verkauft oder versteigert. Aber meistens diente das dann einem guten Zweck. Heute scheint der eigene Geldbeutel der neue Gott zu sein. Das sich der eine oder andere sein karges Einkommen per Ebay aufbessert, ist mir klar. Aber nicht jeder Versteigerer ist gleich ein Hartz IV-Empfänger. Auch das manchmal gebrauchte Argument der Arbeitsplatzschaffung durch Ebay-Agenturen oder selbstständige Powerseller lasse ich nicht gelten. Ich sehe eher einen Schaden für den Staat durch massive Hintergehung des Finanzamts und die Abwürgung des Einzelhandels. Da gehen in letzterem eher Arbeitsplätze verloren.

    Im Grunde genommen ist der Ebay-Erfolg zumindestens in Deutschland ein weiterer Ausdruck des grassierenden "Geiz ist geil!"-Wahns. Dieses "Billig um jeden Preis"-Prinzip wird uns eines Tages noch das Genick brechen...

  2.  
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  3. #12
    Benutzerbild von Babooshka

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    Geldgier und der Wunsch, aus Scheiße bzw. jeder Kleinigkeit Geld zu machen, ist in den meisten Menschen tief verwurzelt. Mir fällt dazu ein Erlebnis ein, das ich vor einigen Jahren in Marokko hatte.

    Ich war in einem Ort mit einem kleinen Marktplatz, drumrum Geschäfte. Dort traf ich ein paar Kinder, die mich ansprachen und - mal wieder - Kugelschreiber haben wollten. Ich sagte, Kugelschreiber hab ich keine, dafür aber Freundschaftsbändchen, solche, wie Wolle Petry sie trägt, tun die's auch? Ja, die wollten sie gerne haben. Im nächsten Moment umrundete mich die gesamte Kinderschar des Orts und riss sich um die Bändchen, um immer mehr und mehr bettelnd, selbst dann, als ich keine mehr hatte.

    Etwas später, ich bin wieder an dem Marktplatz, gehe in das eine oder andere Geschäft. Einer von den Verkäufern hat zwei meiner Freundschaftsbändchen am Arm. "Wo hast du die denn her?" - "Ach, die haben mir ein paar Kinder verkauft."

    Genau so fängt es an. Ein Geschenk nicht mehr als Geschenk annehmen (oder gar erschnorren), weil man es schön findet oder gut gebrauchen kann, sondern weil man es zu Geld machen kann. Genau das, was mit dem Fußballspieler-Trikot passiert ist. Wenn die marokkanischen Kinder bereits so sind, dann wundert es mich gar nicht, dass die Leute in der westlichen Welt so sind.

    Ich verkaufe phasenweise auch bei ebay, aber nur Sachen, die ich nicht mehr brauche oder die meine Eltern nicht mehr brauchen. Klamotten, von denen ich weiß, dass sie nichts erbringen, kommen gleich in den Kleidersammlungssack. Was die Shops angeht, so sehe ich das genauso wie Zachi. Bei bestimmten Dingen, nach denen ich immer mal suche (normalerweise keine CDs), nervt das unheimlich, zumal da auch viel Plunder dabei ist. Wenn ich ein paar Plastikschuhe günstig kaufen will, kann ich das auch im Laden tun, dazu brauch ich nicht über einen ebay-Händler zu gehen, denn im Laden gibt's davon eine Riesenauswahl zum gleichen Preis wie beim ebay-Händler. Bei ebay hingegen erwarte ich Artikel, die ich im Laden nicht bzw. nicht zu einem bezahlbaren Preis kriege, sowie Ausgefallenes. Damit meine ich übrigens immer noch hauptsächlich Schuhe und Klamotten, nicht Elektrogeräte oder sowas.

  4. #13
    Benutzerbild von Fraenkie

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    Muggi postete
    ... Ich sehe eher einen Schaden für den Staat durch massive Hintergehung des Finanzamts und die Abwürgung des Einzelhandels. ... Dieses "Billig um jeden Preis"-Prinzip wird uns eines Tages noch das Genick brechen...
    Hat es das nicht längst getan? Und an den Staat denkt doch heutzutage kaum noch einer, jedenfalls nicht, solange der Ehrliche letztendlich immer wieder der Dumme, der Naive ist und der Unehrliche über den Dummen lacht. Ich finde das auch nicht gut, aber man kann nichts anderes tun, als für sich selbst den richtigen Weg zu finden. Laß Dich davon nicht so runterziehen. Es wäre schade um Deine kostbare Lebenszeit.
    Gruß,
    Fraenkie

  5. #14
    Benutzerbild von falkenberg

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    Muggi postete
    Ich sehe eher einen Schaden für den Staat durch massive Hintergehung des Finanzamts und die Abwürgung des Einzelhandels. Da gehen in letzterem eher Arbeitsplätze verloren.
    Woran erkennst Du denn, dass das Finanzamt hintergangen wird?

  6. #15
    Benutzerbild von PostMortem

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    falkenberg postete
    Muggi postete
    Ich sehe eher einen Schaden für den Staat durch massive Hintergehung des Finanzamts und die Abwürgung des Einzelhandels. Da gehen in letzterem eher Arbeitsplätze verloren.
    Woran erkennst Du denn, dass das Finanzamt hintergangen wird?
    Ich denke mal, dass trifft höchstens auf jene unseriösen Händler zu, die es mit der MwSt.-Ausweisung nicht so genau nehmen. Dafür hat man dann später aber sicherlich auch Probleme mit Garantieansprüchen usw. und so gleicht sich das durch baldige Neukäufe auch wieder aus. Aber das gabs schon immer, wenn man zu Zeiten knallharter Rabattgesetze im Laden des Vertrauens etwas billiger haben wollte, bekam man "zufällig" immer exakt den Prozentsatz des gerade geltenden MwSt.-Satzes nachgelassen.....

    Ich glaube deshalb auch nicht, dass das ein neues, großes Problem der Staatsfinanzen ist! Ganz im Gegenteil, meine Konsumfreude hat ebay enorm gesteigert. Ich kaufe heute sehr viel früher und nach weitaus weniger nervigem "Rumgehirne" und endlosem Rumrecherchieren teurere Konsumgüter. Alles was sich im Einsatz bei mir als nicht so toll wie erwartet erweist, landet ruckzuck bei ebay. Der Verlust ist meistens äußerst gering, manchmal gar nicht vorhanden. Früher saß man nach dem Kauf auf so einem Gerät. Der Verkauf über den Kleinanzeigenmarkt kam nur mit hohen Verlusten in Betracht.

    Sämtliche Geräte, die sich momentan immer noch durch schnelle Innovationszyklen auszeichnen (hochwertige Digitalkameras, Festplattenrecorder etc.), bleiben bei mir so auch stets auf einem sehr jungen Stand. Wenn neue tolle Geräte zum interessanten Preis rauskommen und man fürs alte noch genügend bekommt, tausche ich eben in meinem "Fuhrpark" mal was aus. So ist man immer auf einem akuellen Stand, hat immer Garantie, selten was mit Defekten zu tun und hat einfach was neues zum "Spielen". Ohne ebay, wäre das *so* gar nicht möglich! Und teurer als alle x Jahre komplett neu zu kaufen, ohne fürs Vorgängergerät noch was zu bekommen, ist es am Ende eigentlich auch nicht.

    Neben der Tatsache, dass man als Sammler bei ebay auch die seltensten Sachen irgendwann noch findet, ist das also für mich eine sehr positive "Ebayisierung des Lebens".

    Das gewisse Dinge aber für viele Leute keinen ideellen Wert mehr besitzen, finde ich sehr schade. Ich schleppe mein Leben und diverse Umzüge lang schon so manche Dinge mit mir rum, die andere wohl schon längst weggeschmissen hätten. Es liegt eben am Anlass zu dem man etwas mal bekommen hat oder schlichtweg an der Person von der man etwas bekommen hat. Es ist schade, dass das für viele wohl nichts mehr gilt. So wird die Weisheit, dass man nicht alles mit Geld kaufen kann, eben immer wieder etwas weniger wahr...

    PM

  7. #16
    Benutzerbild von Torsten

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    PostMortem postete
    Ich glaube deshalb auch nicht, dass das ein neues, großes Problem der Staatsfinanzen ist! Ganz im Gegenteil, meine Konsumfreude hat ebay enorm gesteigert. Ich kaufe heute sehr viel früher und nach weitaus weniger nervigem "Rumgehirne" und endlosem Rumrecherchieren teurere Konsumgüter. Alles was sich im Einsatz bei mir als nicht so toll wie erwartet erweist, landet ruckzuck bei ebay. Der Verlust ist meistens äußerst gering, manchmal gar nicht vorhanden. Früher saß man nach dem Kauf auf so einem Gerät. Der Verkauf über den Kleinanzeigenmarkt kam nur mit hohen Verlusten in Betracht.
    Ah, genau. Dieses "Testkaufen", einziger in J.B.s gelungenem Beitrag fehlender Aspekt, ist für mich auch ein entscheidender Vorteil von ebay - quasi risikolos kann man sich viele Produkte an Land ziehen, um sie erst mal auszuprobieren. Ob CDs, DVDs, Unterhaltungselektronik, Klamotten oder sonstwas - solange man angemessene Preise zahlt und den Verkaufswert durch rasches Wiederveräußern bei Nichtgefallen hoch hält, ist das eine wunderbare Möglichkeit, den aus der Vergangenheit bekannten Ärger über Fehlanschaffungen zu vermeiden.

    So riet ich brandbrief kürzlich im Zusammenhang mit der "Stromberg"-DVD auch:
    Torsten postete
    brandbrief postete
    Ich überlege nun ernsthaft, ob ich mir die erste Staffel, bei dem recht günstigen Preis, auf DVD zulege.
    Is' ja kein Risiko dabei. Wenn's nicht gefällt, kannste das Ganze immer noch fast zum Einkaufspreis bei ebay verticken.
    Hab das auch schon dahingehend genutzt, dass ich rare, hoch gehandelte CDs dort erworben, mir kopiert und anschließend ohne nennenswerten Verlust - oder gar mit Gewinn - wieder verkloppt habe. Schließlich geht's mir in solchen Fällen nur um die Musik, nicht um den Besitz eines originalen Tonträgers. Und so kommt man dann auch bequem an Sachen, die andernfalls völlig außer Reichweite wären.

    PostMortem postete
    Das gewisse Dinge aber für viele Leute keinen ideellen Wert mehr besitzen, finde ich sehr schade. Ich schleppe mein Leben und diverse Umzüge lang schon so manche Dinge mit mir rum, die andere wohl schon längst weggeschmissen hätten. Es liegt eben am Anlass zu dem man etwas mal bekommen hat oder schlichtweg an der Person von der man etwas bekommen hat. Es ist schade, dass das für viele wohl nichts mehr gilt. So wird die Weisheit, dass man nicht alles mit Geld kaufen kann, eben immer wieder etwas weniger wahr...
    Sachen mit ideellem Wert, vor allem die in Verbindung mit anderen Menschen, gebe ich auch nicht weg. Ansonsten aber bin ich mittlerweile das blanke Gegenteil eines "Messies" und bewahre nichts mehr auf, das nicht regelmäßig gebraucht wird (bis auf Sachen wie Werkzeug natürlich). Ich finde diesen Minimalismus ungemein befreeiend, nur selten habe ich mich in der Vergangenheit über entsorgte Dinge geärgert.

    Von echter Sammelleidenschaft halte ich ohnehin wenig bis gar nichts, oft werden die Objekte der Begierde nur zur Befriedigung des Habenwollens angeschafft, fristen lediglich zum Vorzeigen ihr Dasein in den Regalen und dienen letztlich zur Kompensation persönlicher Defizite. Die Zahl der Sammler, die ihre Schätzchen im Sinne der eigentlichen Bestimmung regelmäßig nutzen, hält sich nach meiner Erfahrung jedenfalls in überschaubaren Grenzen.

  8. #17
    Benutzerbild von Torsten

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    Muggi postete
    Im Grunde genommen ist der Ebay-Erfolg zumindestens in Deutschland ein weiterer Ausdruck des grassierenden "Geiz ist geil!"-Wahns. Dieses "Billig um jeden Preis"-Prinzip wird uns eines Tages noch das Genick brechen...
    Dieses Verhalten des kleinen Mannes bzw. Normalverdieners erinnert mich ein wenig an die Selbstmordattentäter der Islamisten: Deren Taten sind für sie der einzige Weg, sich gegen das von ihnen empfundene Unrecht zu wehren, mit den Mitteln des Gegners können sie schließlich nicht mithalten. Ähnlich verhält es sich mit der erwähnten Schnäppchenmentalität - sie ist für die Betroffenen des wirtschaftlichen Niedergangs das einzige Mittel, um eine bestimmte Lebensqualität einigermaßen aufrecht zu erhalten. Und wie bei den bombenden Islamisten entsteht so ein Teufelskreis, aus dem es kaum einen Ausweg zu geben scheint.

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