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Die Fussball-WM-Klassikersammlung auf DVD

Erstellt von Muggi, 09.03.2006, 12:14 Uhr · 57 Antworten · 7.534 Aufrufe

  1. #31
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    Nachdem beide DVDs der letzten Lieferung Mängel (Blasen an der Unterseite!!!) aufwiesen und ich sie zurückschicken und neu ordern mußte, gibt es die Rezis halt ein wenig verspätet. Nun denn:

    DVD 6 Halbfinale 1982 Deutschland - Frankreich

    Obwohl die Partie an Dramatik und stellenweise auch an Klasse nichts zu wünschen übrig lässt, wollte sich beim Anschauen bei mir keine wirkliche Begeisterung einstellen und das gar nicht mal ausschließlich wegen Toni Schumachers vieldiskutierten Attacke auf Patrick Battiston, auf die ich noch später zurückkommen werde. Sondern vielmehr wegen einer ganzen Ansammlung von unschönen Dingen, die sich bekanntlich auch schon im Vorfeld des Spiels beim Turnier in Spanien abgespielt hatten. Da wäre zuallererst die sogenannte "Schande von Gijon", beschönigend auch manchmal "Der Nichtangriffspakt von Gijon" genannt. Ich erinnere mich noch gut, dass ich damals als 10jähriger nachmittags (das Halbfinale durfte ich dann selbstredend nicht sehen, mit langem Aufbleiben gingen meine Eltern zu dieser Zeit sehr restriktiv um) völlig fassungslos vor dem Fernseher saß und die Welt nicht mehr verstand. Das deutsch-österreichische Ballgeschiebe zu begreifen, war ja schließlich auch einem Erwachsenen nahezu unmöglich, einem Kind erschloß sich das nun gleich gar nicht.

    Das Begleitheft zitiert wohl völlig zu Recht Harry Valerien:

    Es gab wohl noch nie eine derart verhaßte Mannschaft, die bei einer WM so weit gekommen ist.
    Doch damit nicht genug, gleich mehrere Szenen im Spiel machen diese kaltschnäuzige Art, die in so eklatantem Widerspruch zum "Gentlemen-Fußball" der letzten DVDs steht, sehr deutlich, nur kurz zwei Beispiele:

    34. Minute: Schumacher gibt dem längst vor ihm stehengebliebenen und sich bereits umgedreht habenden Michel Platini im Vorbeilaufen noch völlig unmotiviert einen "Pferdekuß" mit.

    46. Minute: Bernd Förster springt Rocheteau mit einem Kung Fu-Tritt von hinten an und kassiert Gelb (heute wohl klares Rot) und geht ohne die geringste Geste der Entschuldigung wieder in Richtung des eigenen Strafraums.

    Und über dieses unglaubliche Foul an Battiston braucht man eigentlich überhaupt keine Diskussionen mehr führen. Der Ball war längst gespielt, der Angriff gilt (gerade aus der Hintertorperspektive wird das ganz klar deutlich) ausschließlich dem Mann, brutaler geht es kaum. Unverständlich ist erstens, dass der Schiedsrichter Schumacher in keinster Weise bestrafte und das zweitens ZDF-Kommentator Rolf Kramer wohl gigantische Tomaten auf den Augen hatte, sprach er doch im weiteren Spielverlauf ununterbrochen von "Zusammenprall", "unbeabsichtigt" oder "unglücklich". Erstaunlich, dass die Franzosen danach ihre stärkste Phase hatten, was wohl dann aber auch zu ihrem Kräfteeinbruch in der Verlängerung führte, da ein Einwechselspieler (Battiston) erneut ausgetauscht werden mußte und somit das Kontingent frühzeitig erschöpft war.

    Zugegeben: Ein 1:3 in der Verlängerung noch auszugleichen, verdient Respekt. Aber irgendwie vermiesen mir diese ganzen Vorkommnisse die große Begeisterung für dieses Halbfinale. Zumindestens bleibt den sensationell aufspielenden Franzosen die 2 Jahre darauf gewonnene EM im eigenen Land als kleiner Trost.

    Auf jedem Fall sind noch Paul Breitner und vor allem Hans-Peter Briegel zu erwähnen, die ein wirklich grandioses Spiel geleistet haben. Gerade letzterer war ja nur am rackern und rennen... Dagegen hatte der aktuelle Bayern-Coach einen sehr indisponierten Tag...

    Geradezu wie die Faust aufs Auge zu dieser ganzen verkorksten Angelegenheit passt das wiederum überaus schlampig zusammengestellte Begleitheft. Da wird auf dem Foto des Anschlußtreffers durch Rummenigge Lopez zu Genghini (der zu diesem Zeitpunkt längst ausgewechselt war), Bernd und Karl-Heinz Förster bekommen bei der Austellung das gleiche Foto zugewiesen (nämlich das von Karl-Heinz) und Bernd Förster wird auf einem anderen Foto glatt zu Bernd Schuster. Dumm nur, das wenige Seiten zuvor über das unfreiwillige Nationalmannschafts-Aus Bernd Schusters berichtet wurde...

    Ums nicht ganz so verbittert zu sehen, noch ein wenig amüsante Beobachtungen zum Schluß: Paul Breitner geht auf dem Aufstellungs-Foto glatt als Reinhold Messner-Double durch, der damalige französische Präsident Francois Mitterand soll auf der Tribüne die unerwartete Einwechslung des angeschlagenen Rummenigges mit den Worten "Mon Dieu, Rümmeniesch!" begleitet haben und prollige Goldketten waren wohl anno '82 für Fußballspieler nahezu Pflicht...

    DVD 7 Viertelfinale 1970 Deutschland - England

    Schon kurios, ein Match, das den Titel "Jahrhundertspiel" für genau 3 Tage getragen hat. Und ja, man kann über den im Vergleich zu heute geradezu in Zeitlupe ablaufenden Fußball sagen, was man will - ich mag das eben! Was mir als erstes auffiel: Der später so bieder und hölzern auftretende Berti Vogts war als Spieler ein mächtiger Giftzwerg mit starker Tendenz zur Hinterhältigkeit. Nicht fein, ganz und gar nicht. Da war der nach der Halbzeit für Höttges eingewechselte Willi Schulz sehr viel eleganter in seinen Mitteln. Soweit ich das mitbekommen habe, ist dieses Spiel bis heute in England ein nationales Trauma. So gilt Trainer Alf Ramsey als Hauptschuldiger an der Niederlage, da er Bobby Charlton beim Stand von 2:0 frühzeitig aus dem Spiel nahm, was noch in der selben Minute durch den Anschlußtreffer des unmittelbaren Gegenspielers Charltons, Franz Beckenbauer, führte. Aber diese Verbitterung ist wohl eher der Tatsache geschuldet, dass England erst 1986 wieder eine nennenswerte Rolle bei einer WM spielte und sogar bei den Endrunden 1974 und 1978 ganz fehlte (kann sich hierzulande jemand so etwas vorstellen? Ich glaube, da wäre Revolution im Lande... ).

    Das (Hinter-)Kopfballtor von Uwe Seeler ist wirklich eines der kuriosesten, die ich je gesehen habe. Legendär! Und beim 3:2 durch Gerd Müller fiel mir wieder eines auf: Der Mann hat eine Toranzahl für die Ewigkeit geschossen, aber ich habe noch nicht ein Müller-Tor gesehen, dass ich in die Kategorie "attraktiv" einordnen würde. Irgendwie und mit welchem Körperteil auch immer über die Linie bugsieren reicht ja schließlich auch...

    Als kleine Kuriosität gibt es bei diesem Spiel eingeblendete Wahlergebnisse aus Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und dem Saarland zu sehen. Andere Zeiten, andere Sitten, da wurde die DKP noch extra erwähnt (auch wenn die Stimmanteile nur minimal waren).

    Für das Begleitheft gibt es diesmal ein Lob, jede Menge nette Anekdoten, so zum Beispiel über die Diebstahlsvorwürfe an Bobby Moore.

    Bester Spieler auf dem Platz war für mich Hannes Löhr. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was für eine körperliche Leistung dieses Dauergerenne in der Mittagshitze und in 1800 Meter Höhe war. Ich war vor ein paar Jahren im mexikanischen Flachland unterwegs und habe nicht Fußball gespielt und das war schon anstrengend genug...

    Fazit: Dieses und das Italien-Spiel im Doppelpack - ein wahrer Klassiker!

    Kleine Vorschau auf die nächsten vier Scheiben:

    Finale 1986 D-ARG
    Finale 2002 D-BRA
    Halbfinale 1986 D-FRA
    Zwischenrunde 1974 D-SWE

  2.  
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  3. #32
    Benutzerbild von Torsten

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    Muggi schrieb
    Und über dieses unglaubliche Foul an Battiston braucht man eigentlich überhaupt keine Diskussionen mehr führen. Der Ball war längst gespielt, der Angriff gilt (gerade aus der Hintertorperspektive wird das ganz klar deutlich) ausschließlich dem Mann, brutaler geht es kaum. Unverständlich ist erstens, dass der Schiedsrichter Schumacher in keinster Weise bestrafte und das zweitens ZDF-Kommentator Rolf Kramer wohl gigantische Tomaten auf den Augen hatte, sprach er doch im weiteren Spielverlauf ununterbrochen von "Zusammenprall", "unbeabsichtigt" oder "unglücklich".
    Ich kenne übrigens kaum einen anderen Promi, der später eine solche Charakterwandlung durchlebt hat wie Toni Schumacher. In seinen ersten Jahren das personifizierte Arschloch, erlebte man ihn spätestens seit Anfang der 90er als netten und unprätentiösen "Kölner Jung". Da sage mal noch einer, ein Mensch könne sich nicht ändern.

    Ansonsten bleibt diese Begegnung für mich mein persönliches "Jahrhundertspiel", zumal ich es damals bis zum Schluss gesehen habe (ging meiner Erinnerung nach über Mitternacht hinaus). Lebte zu dem Zeitpunkt bei meinen Großeltern, und die waren in solchen Sachen immer mehr als großzügig.

  4. #33
    Benutzerbild von Muggi

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    Ja, meine Eltern eben nicht. Selbst zwei Jahre später bei der EM in Frankreich war das noch so, da war ich 12. Ich hab das dann so gelöst, dass ich die Radioübertragung gehört habe (erinnere mich noch an das grandiose Halbfinale FRA-POR) und dann beim Torschrei des Reporters ins Wohnzimmer zu meinem genervten Vater gerannt kam, um noch die Zeitlupe sehen zu können. Irgendwann hat er mir dann die letzten Minuten doch noch gegönnt...

    Das mit der Charakterwandlung Toni Schumachers sehe ich ähnlich. heute mag ich ihn recht gerne. Aber wahrscheinlich muß man als Torwart der Spitzenklasse etwas "anders" sein, siehe Uli Stein früher oder das aktuelle Duell Lehmann-Kahn.

  5. #34
    Benutzerbild von SportGoofy

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    Ich kenne übrigens kaum einen anderen Promi, der später eine solche Charakterwandlung durchlebt hat wie Toni Schumacher. In seinen ersten Jahren das personifizierte Arschloch, erlebte man ihn spätestens seit Anfang der 90er als netten und unprätentiösen "Kölner Jung". Da sage mal noch einer, ein Mensch könne sich nicht ändern.
    Das mit der Charakterwandlung Toni Schumachers sehe ich ähnlich. heute mag ich ihn recht gerne. Aber wahrscheinlich muß man als Torwart der Spitzenklasse etwas "anders" sein, siehe Uli Stein früher oder das aktuelle Duell Lehmann-Kahn.
    Während meiner Glanzzeit im "Vor-die-Wand-schiessen-und-nach-dem-Ball-hechten" war Toni Schumacher mein Jugendsportidol (neben Klaus Fischer). Selbstverständlich habe ich mir auch das legendäre Buch "Anpfiff" geholt,
    auch wenn mein Vater meinte ich würde damit nur seine Taschen voll machen (grins). Das war mir da egal.

    Allerdings ist mir auch sein schönes Zitat ähm ich glaube es war bei "Wetten dass" in Erinnerung geblieben

    ".... wenn man vom Fußball nach Hause kommt und schlechte Laune hat kann man ja nicht seine Frau verprügeln,
    da gehe ich lieber in den Keller und schlage auf den Sandsack ein .... " so ungefähr.

    War das nicht schon in den 90ern (überleg)

  6. #35
    Benutzerbild von Muggi

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    Lohnt sich die Anschaffung des Buches (sofern man das noch irgendwo auftreiben kann)?

  7. #36
    Benutzerbild von Torsten

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    Muggi postete
    Lohnt sich die Anschaffung des Buches (sofern man das noch irgendwo auftreiben kann)?
    Ich schlage vor, du ziehst dir den Schinken für'n Euro über ebay und schreibst hinterher eine kleine Rezension.

  8. #37
    Benutzerbild von Muggi

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    Torsten postete
    Muggi postete
    Lohnt sich die Anschaffung des Buches (sofern man das noch irgendwo auftreiben kann)?
    Ich schlage vor, du ziehst dir den Schinken für'n Euro über ebay...
    Habe ich.

    ...und schreibst hinterher eine kleine Rezension.
    Werde ich.

  9. #38
    Benutzerbild von Tünn

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    Hallo! Ich bin dringend auf der Suche nach O-Ton-Material oder O-Bild-Material von Toni Schumacher. Vielleicht kann mir jemand weiterhelfen.
    Freue mich über Rückmeldungen.

  10. #39
    Benutzerbild von Muggi

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    Muggi postete
    Torsten postete
    Muggi postete
    Lohnt sich die Anschaffung des Buches (sofern man das noch irgendwo auftreiben kann)?
    Ich schlage vor, du ziehst dir den Schinken für'n Euro über ebay...
    Habe ich.

    ...und schreibst hinterher eine kleine Rezension.
    Werde ich.
    Also dann:

    Selbsternannte Enthüllungsbücher zu lesen, macht in meinen Augen an für sich nur mit dem Abstand einiger Jahre Sinn, da sich erst im Nachhinein der Wahrheitsgehalt der Behauptungen überprüfen lässt. Schon so mancher journalistische "Schnellschuß" hat sich im Laufe der nächsten Monate als Rohrkrepierer entpuppt. Was gibt es also 19 Jahre "danach" über Toni Schumachers "Anpfiff" zu sagen?

    Die Fakten sind bekannt. Die Veröffentlichung mit dem Untertitel "Enthüllungen über den deutschen Fußball" führten zum Rausschmiß aus Nationalmannschaft und dem 1. FC Köln. Galt Schumacher nach dem '82er WM-Foul an Patrick Battiston als Brutalo der Nation, hatte er sich nun mit "Anpfiff" den Ruf des "Nestbeschmutzers" erworben. Zu Recht?

    Das Buch ist keine Autobiographie. Kindheit und Jugend Schumachers werden nur gestreift, ebenso der Weg zum Bundesligaprofi und Nationalspieler. Umso mehr Platz wird den Jahren von 1982 bis 1986 eingeräumt, die Weltmeisterschaften beider Jahre bilden gewissermaßen eine Klammer des Inhalts. Die konsequente Setzung des Worts "Foul" in Anführungszeichen bei der Beschreibung der Attacke gegen Battiston hinterlässt einen faden Beigeschmack. So oft sich Schumacher auch verteidigen und seine Unschuld beteuern will, dem Fernsehen mit seinen Zeitlupen die Schuld gibt - diese Aktion wird wohl nur er als unabsichtich ansehen. Die Geschichte der medieninszenierten "Versöhnung" der beiden liest sich auch recht bitter. Umso interessanter der Rest:

    Schumacher teilt keine Rundumschläge aus sondern differenziert. Kritisiert Paul Breitner ob seines wenig professionellen Lebenswandels mit Zigarren, Alkohol und Pokerrunden, zollt im aber den höchsten sportlichen Respekt. Wer trotz seiner Laster Höchstleistungen auf dem Platz bringt, erntet durchaus lobende Worte. Ebenso Journalisten. Kritiker werden respektiert, unbewiesene Kampagnen fahrende Schreiberlinge beim Namen genannt. Die von Schumacher aufgestellte Behauptung, dass gewisse Medien bei verweigerter Zusammenarbeit mit Negativberichterstattung drohen, darf man aufgrund diverser Vorfälle in den letzten Jahren (beispielsweise BILD und Charlotte Roche) als gegeben ansehen.

    Ein Hauptgrund des damaligen Skandals war die angesprochene Dopingproblematik, besser ausgedrückt als "fit spritzen". Einst als dreiste Lüge abgetan, weiß man es heute wohl besser. Im Mai 2005 erschien im SPIEGEL ein (heute kostenpflichtig abrufbarer) Artikel mit dem Titel "Füße im Eiskübel". Ein Auszug:

    Sie hatten scheinbar einen Traumjob: die Spieler jener Generation, die es in der Bundesliga erstmals zum Millionär bringen konnten. Dass viele dafür ihre Gesundheit opferten, gilt in der Branche als Tabu. So mancher Ex-Profi kann ohne die tägliche Dosis Schmerzmittel nicht mehr leben.
    Darin schildert unter anderem der ehemalige Nationalspieler Karlheinz Förster seine Profizeit als Mißbrauch seiner Gesundheit. Unvollständig ausgeheilte Verletzungen wurden schmerzfrei gespritzt, mit zum Teil verheerenden Spätfolgen. Förster beispielsweise leidet heute an einer teilweisen Versteifung des Fußgelenks.

    Geradezu verblüffend sind Schumachers Ausführungen zur Unprofessionalität in DFB und den Bundesligaclubs. Seine Vorstellungen von modernen Fußballarenen mit angeschlossener Infrastruktur wirken aus heutiger Perspektive geradezu seherisch. Besonderes Lob bekommen schon damals die Münchener Bayern und im Speziellen Uli Hoeneß, Schelte dagegen verknöcherte DFB-Funktionäre, größenwahnsinnige Clubpräsidenten und satte Jungprofis. Ebenfalls bestürzend aktuell.

    Richtig persönlich angegriffen werden im Buch nur zwei damals aktive Fußballer: Karl-Heinz Rummenigge und Uli Stein. Bei beiden spielen die Vorkommnisse bei der WM in Mexiko eine Rolle. Das die Zeit viele Wunden heilt, beweist die Tatsache, dass Schumacher, der laut Buchtext keinerlei Chance mehr auf eine Verständigung mit Uli Stein sah und "keine Zeile mehr für diese Type verschwenden" wollte, kürzlich eben diesem in einer WM-Show der ARD um den Hals fiel und mit Stein launige Geschichten aus dem damaligen deutschen Mannschaftsquartier zum Besten gab, so ganz nach dem Motto "Weißt Du noch?"

    Fazit: Sieht man einmal von den Erklärungsversuchen zu Battiston ab, ist "Anpfiff" eine unheimlich aktuell wirkende Lagebeurteilung des deutschen Fußballs, zu Unrecht fast vergessen. Einige Entwicklungen wie das Bosman-Urteil oder der TV-Gelder-Irrsinn durch das Pay-TV waren noch nicht vorhersehbar, aber viele andere Dinge verblüffen durch ihre fortbestehende Gültigkeit. Wer die Gelegenheit zum Erwerb hat - kaufen!

    PS: Geradezu mit offenem Mund saß ich da, als ich im Buch eine Passage las, die mir schon auf der DVD des 1986er Finales peinlich aufgefallen war, doch dazu mehr in der Rezension zum Spiel...



    Tünn postete
    Hallo! Ich bin dringend auf der Suche nach O-Ton-Material oder O-Bild-Material von Toni Schumacher. Vielleicht kann mir jemand weiterhelfen.
    Freue mich über Rückmeldungen.
    Nö, da hab ich leider nix...

  11. #40
    Benutzerbild von Muggi

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    Nun sind gestern schon die nächsten zwei Silberlinge eingetroffen und die Berichte zu den Vorangegangenen immer noch nicht geschrieben. Ich glaub, ich brauch mehr Freizeit...

    DVD 8 Finale 1986 Deutschland - Argentinien

    Die Szene der DVD hat überhaupt nichts mit den dramatischen 90 Spielminuten zu tun. Wie ich schon in der Rezension zu Toni Schumachers "Anpfiff" schrieb, fiel diesem eine Peinlichkeit ohnegleichen ebenso auf. Was war passiert? Zu den undankbaren Aufgaben des Verlierers gehört die Entgegennahme von Silbermedaillen und tröstenden Wünschen der Offiziellen. Eine ziemlich deprimierende und daher auch verständlicherweise sehr unbeliebte Tortur für Sportler, die sich wohl lieber heulend irgendwo verkriechen würden. Kaum verwunderlich, dass die Meisten ihre Medaillen unmittelbar nach dem Umhängen wieder abnehmen. Heute wird so etwas immer auf einem Podest im Innenraum erledigt, damals mußte man noch die Tribüne erklimmen. Ein noch recht jugendlich wirkender Sepp Blatter lotste alle durch den schmalen Gang, auf dessen einer Seite unter anderem der damalige Kanzler Helmut Kohl wartete. Der fiel dem einen oder anderen verdatterten Spieler um den Hals, leistete sich den größten Klops jedoch beim Teamchef Franz Beckenbauer, den er doch allen Ernstes nach der Umarmung bei den Schultern packte, um ihn für ein besseres Pressefotomotiv um 180 Grad in die Kamera zu drehen, was der völlig perplexe Kaiser mit sich auch machen ließ. Gott, wie peinlich...

    Nun aber zum Geschehen auf dem Rasen. Eine Parallele zur nächsten DVD ist der Fakt, dass in beiden Fällen das deutsche Team ohne Erwartungen zu den jeweiligen Turnieren reiste und völlig überraschend in die Finals einzog. Und in beiden Fällen gilt wohl auch, das es den Turnierverläufen entsprechend wohl auch die verdienteren Weltmeister gab, 1986 wohl mehr als 2002, als Brasilien keineswegs glänzte. Doch der Mexiko-World Cup hat einen einzigen Namen - Diego Maradona. Mit dem Wissen um seinen weiteren Karriereverlauf ist der Gewinn der Weltmeisterschaft als Höhepunkt geradezu tragisch anzusehen. Zum Glück hat er scheinbar nach den vielen Tiefschlägen sein Leben derzeit wieder im Griff. Im Finale 1986 war er jedoch bei Matthäus und Förster größtenteils bestens bewacht. Doch das machte die Mannschaft aus, dass dann eben andere das Spiel entschieden. Ohne die beiden von der Klasse vergleichen zu können, stelle man sich die gleiche Situation im aktuellen deutschen Team vor, bei der mit der Tagesleistung von Michael Ballack nahezu alles steht oder fällt.

    Toni Schumacher widmet im Buch seinem Fehler beim 0:1 viel Raum und auch die anderen beiden argentinischen Tore hielt er an guten Tagen für verhinderbar. Davon abgesehen war das Kassieren von Burruchagas K.O.-Treffer zum 3:2 einfach nur dämlich, denn vor lauter Euphorie über den erkämpften Ausgleich pennte die gesamte Hintermannschaft und rückte zu weit auf.

    Das Aufholen des 0:2-Rückstands war wirklich vom Einsatz beeindruckend, aber Hand aufs Herz - ein Sieg wäre des Guten sicher zu viel gewesen...

    Die Tragik des Ausgangs wird etwas durch die Tatsache gemildert, dass immerhin 4 der im Spiel eingesetzten und noch 3 der im Aufgebot befindlichen Spieler 4 Jahre später den Titel holten.

    DVD 9 Finale 2002 Deutschland - Brasilien

    Soweit ich weiß, ist diese Partie wegen äußerst happiger Lizenzgebühren nach 2002 nie wieder im Fernsehen gezeigt worden. Ein Grinsen überkommt einen schon, wenn auf einmal in der Austellung die Namen genannt werden, welche man gemeinhin mit dem Begriff "Rumpelfußball" assoziiert. Ich glaube, Carsten Ramelow ist geradezu ein Synonym dafür...

    Trotzdem: Ich kann mich noch an die Euphorie erinnern, die vor 4 Jahren im Laufe des Turniers aufkam. Die Mannschaft spielte nicht gut, hatte wahnsinniges Losglück und kam nur mit Minimalergebnissen weiter. Doch weil eben die Erwartungen so klein waren und Olli Kahn die brillianteste Leistung seiner Karriere ablieferte, stand ein ganzes Land Kopf. Die ehemalige Numero Uno ist übrigens auch der Beweis, wie leichtfertig man erworbene Sympathien verspielen kann. Selbst der größte Bayern-Hasser lag dem "Titan" nach diesem Turnier zu Füßen, insbesondere nach dessen tragischer Rolle im Finale. Und dann? Wieder ungeahndete Ausraster auf dem Platz, Discomäuschen Verena und (möglicherweise darauf basierende?) Formschwäche begleitet von großmäuligen Äußerungen...mußte das sein? Es mag ein absurder Vergleich sein, aber den USA wären wir nach dem 11.09. auch überallhin gefolgt, bis sie sich die weltweite Anteilnahme und Sympathie grandios selbst verscherzt haben.

    Das Finale hatte sicherlich einen verdienten Sieger, aber Brasilien überzeugte nicht, stand sogar in den jeweils ersten 20 Minuten beider Halbzeiten mächtig unter Druck. Das dann ausgerechnet der bis dahin völlig wirkungslose Rivaldo mit seinem Fernschuß das 1:0 vorbereitete, dazu der in mehreren Spielen nahezu fehlerlose Kahn einen solchen Bock fabriziert, hat was von einer klassischen Tragödie. Gerade den Brasilianer hatte ich seit dem Vorrundenspiel gegen die Türkei mächtig auf dem Kieker, erinnert sich noch jemand an die Situation, als er einen Kullerball eines Türken an die Beine (!) bekam, die Hände vors Gesicht (!!!) schlug, zusammenbrach und der Türke daraufhin Rot sah? Sowas kennt man vielleicht von diversen südeuropäischen Mannschaften, aber Brasilien?
    Wie schon beim vorherigen Spiel geäußert, ein Weltmeister Deutschland wäre des Guten einfach zuviel gewesen. Die Mannschaft spielte gegen Brasilien ihr bestes Match des Turniers, mehr war einfach nicht drin. Aber ein Unterschied war im Gegensatz zu 1986 auszumachen: Nach dem 2:0 gab sich die Mannschaft auf.

    Die DVD bietet insgesamt 3 Stunden Material. Beim Anstoß stehen bereits 44 Minuten auf der Uhr, dazu die Halbzeitpause mit Kommentaren von Jürgen Klinsmann, Otto Rehhagel, Hans Meyer und Guido Westerwelle (!). Gerade Hans Meyer beweist mit seiner Analyse in der Halbzeit, was für ein Meister seines Fachs und zudem äußerst sympathischer Zeitgenosse er ist. Im Gegensatz zu den völlig euphorischen Wolf-Dieter Poschmann (der eh besser bei der Leichtathletik aufgehoben ist) und "König Otto" will er sich den Lobeshymnen ob des offensiven deutschen Spiels nicht anschließen und verweist richtigerweise auf die Anzahl der klaren Torchancen und fordert lieber mehr Defensive, um das Spiel nicht zu verlieren. Wie man inzwischen weiß - der Mann hatte zu 100% recht...

    Bei den Brasilianern muß man natürlich Ronaldo und vor allem Kleberson lobend erwähnen, bei der deutschen Mannschaft gilt mein Respekt Jens Jeremies, der trotz blutendem, aufgeschlitzten Bein weiterspielte.

    Man mag von Bela Rethy halten was man will, aber von ihm stammt der Satz der DVD. Gesagt beim Einblenden der Ehrentribüne mit einem Jahrhundertfußballer und einem daneben sitzenden ehemaligen Kanzlerkandidaten:

    "Pelé...und neben ihm Edmund Stoiber. Im Gegensatz zu ihm ist Pelé schon mal Weltmeister geworden..."

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