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Die neue Zeitlichkeit!?!

Erstellt von Torsten, 05.02.2003, 23:59 Uhr · 29 Antworten · 2.845 Aufrufe

  1. #1
    Benutzerbild von Torsten

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    Dieser Thread richtet sich an diejenigen, die Lust haben, a bisserl über das Phänomen unserer schnelllebigen Zeit zu philosophieren...

    Als Grundlage dieser Diskussion soll der gleich im Anschluss zitierte Textabschnitt des Medienwissenschaftlers Norbert Bolz dienen, der meine eigene persönliche Einschätzung teilt und sie in geschliffenere Worte packt, als ich es vermag...

    Mich interessiert dieses Thema deshalb so sehr, weil ich in den letzten Jahren in immer zunehmenderem Maße gemerkt habe, wie sehr mir die Hektik und Schnelllebigkeit unserer Zeit mittlerweile auf den Senkel geht. Gelegentlich habe ich bereits jetzt - mit gerade mal 31 Jahren - das Gefühl, der unglaublichen medialen Reizüberflutung mit ihrer Fülle an Informationen kaum noch Herr zu werden. Von den immer rasanteren technologischen, modischen und sozialen Entwicklungen ganz zu schweigen.

    Wobei mich dieser Zustand weniger ängstigt als vielmehr nervt - mehr als jemals zuvor ist man gezwungen, aus der Masse von Trends und Innovationen die entscheidenden und für sich relevanten Teile herauszufiltern. Computerfreaks oder Käufer von Surround-Anlagen beispielsweise werden davon sicher ein Lied singen können...

    Nun aber zum angekündigten Zitat:

    "Im 20. Jahrhundert gibt es kein Traditionskontinuum mehr. Die Zukunft ist immer radikal neu, d. h. ganz anders als die Vergangenheit. Deshalb erscheint jede Gegenwart als Bruch. Dadurch wird die Zeit knapp und alles, was zu tun ist, eilt. Hinzu kommt, dass wir uns daran gewöhnt haben, alles, was eilig ist, für wichtig zu halten. So entsteht Zeitdruck, und Tempo wird zum absoluten Wert. Und an ein Weiteres haben wir uns in diesem Zusammenhang gewöhnt, nämlich Terminnot und Zeitmangel als einen Ausdruck von Leistungsfähigkeit zu deuten. In der Leistungsgesellschaft macht es keinen guten Eindruck, viel Zeit zu haben.

    Wenn man sich in vergangenen Jahrhunderten ein Bild von der historischen Zeit machen wollte, hat man oft einen Pfeil gezeichnet, der aus der Vergangenheit durch den Gegenwartspunkt in die Zukunft zielt. Dieser Zeitpfeil zerbricht heute - wir haben Zukünfte im Plural. Und eben deshalb kann man die Zukunft nicht voraussagen. Wer heute auf Futurologen hört, handelt genauso rational wie der Abergläubige, der sein Leben nach dem Horoskop einrichtet. Denn vor uns steht nicht die Zukunft, sondern es tut sich ein Horizont vieler möglicher Zukünfte auf, die miteinander konkurrieren. Wir leben in einem Zeitpluralismus.

    Das spiegelt sich in den Begriffen Trend und Zeitgeist. Die neue Zeitlichkeit, in der wir leben, hat nichts mehr mit dem linearen Fortschritt der Geschichte zu tun. Zeit, so empfinden wir heute, ist kein Pfeil, der in eine immer bessere Zukunft weist, sondern eine seltsame Schleife, in der Gleiches wiederkehrt. Fraktale Selbstähnlichkeit, der zentrale Begriff aus Benoit Mandelbrots Chaos-Theorie, eignet sich durchaus als absolute Metapher unserer neuen Zeiterfahrung.

    Die extreme Beschleunigung unseres gesellschaftlichen Lebens verändert aber nicht nur die Gestalt der Zukunft von der Planutopie zum Chaos-Risiko. Auch die Art, wie wir vergangene Zeit erleben, ändert sich radikal. Meine These lautet: Die Vergangenheit rückt der Gegenwart immer näher auf den Leib - und zwar erstens durch schnelles Veralten und zweitens durch Mode-Recycling.

    Betrachten wir zunächst einmal das Phänomen des raschen Veraltens. Hier kann man eine erstaunliche Beobachtung machen. Das Veraltete wirkt in gewisser Weise sogar 'älter' als chronologisch ältere Dinge. Wir können daraus lernen: Nichts ist älter als das gerade Vergangene. Und das heißt eben auch: Was veraltet ist, muss nicht alt sein. Das Veralten beschleunigt sich. Wer nicht mithält, sieht rasch alt aus!

    Schnelles Veralten also ist der eine Mechanismus, durch den die Vergangenheit der Gegenwart immer näher auf den Leib rückt. Der zweite Mechanismus ist das Mode-Recycling. Die Funktionsweise der Mode ist ganz einfach: Sie verneint das Jüngstvergangene, d. h. sie erklärt das, was gerade noch 'angesagt' war, als völlig 'untragbar'. An dessen Stelle setzt sie nun aber nichts Neues, sondern sie wählt aus dem Repertoire der Vergangenheit. So kommt es zu einem Recycling der Zeiten.

    Die Mode ist das Immunsystem der Gesellschaft gegen den Virus der Langeweile. Es ist deshalb dumm und in jedem Fall ökonomisch tödlich, gegen den Strom der Mode zu schwimmen oder das Modische mit intellektuellem Dünkel zu ignorieren. Es ist aber auch nicht erfolgversprechend, mit dem Strom der Mode zu schwimmen - dann kommt man nämlich immer zu spät."


    Bemerkenswert an diesem Zitat ist, dass die Erkenntnis über das "Recyling der Zeiten" und der Hinweis auf die Ablehnung des "Jüngstvergangenen" eigentlich nichts dramatisch Neues bietet - schon lange kennt man den Spruch "Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern!" Auffällig aber ist, dass diese Entwicklung nun quasi alle Lebensbereiche erfasst - von der Kleidermode über die Musik bis hin zum TV-Programm.

    Mich würde nun interessieren, wie ihr diese rasant-nervöse Zeit erlebt. Im Großen und Ganzen hat man sich eigentlich dran gewöhnt, dass nichts von langer Dauer ist, und jeder dürfte da seinen ganz eigenen "Schutzmechanismus" entwickelt haben. Ich für meinen Teil z. B. muss mir längst nicht ständig die neuesten Handys, Computer oder Hosen kaufen - abgesehen vom finanziellen Aufwand hält man sich so auch einigen Stress vom Leib. Außerdem habe ich in der jüngeren Vergangenheit einen Hang zum Minimalismus entwickelt, der die meisten Lebensbereiche erfasst - oder mit anderen Worten: Ich konzentriere mich auf das Wesentliche.

    Wie empfindet ihr also unsere moderne Zeit? Interessant wären - gemäß dem Thema dieser Seite - sicher auch Vergleiche zu den 80er-Jahren, die meines Erachtens schon sehr deutlich zeigten, wohin die Reise gehen würde...
    --

  2.  
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  3. #2
    Benutzerbild von DeeTee

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    @Torsten:
    Ein schönes Thema, aber nicht ohne Anspruch ...

    @all:
    Mich beschäftigt dieses Thema schon seit geraumer Zeit. Die von Torsten vorgebrachte Ansicht, die ja letztlich eine Lebenshaltung ausdrückt, kommt meiner eigenen durchaus nahe. Als etwas gesetzterer 30er habe ich schon vor einigen Jahren das Gefühl bekommen, "der unglaublichen medialen Reizüberflutung mit ihrer Fülle an Informationen kaum noch Herr zu werden" (Torsten). Auch wenn mich der so entstehende Aufwand, nämlich das wichtige und bedeutende aus der schieren Unmenge des fakultativ Vorhandenen herauszufiltern, gelegentlich nervt, so betrachte ich diesen Vorgang im großen und ganzen eher als Herausforderung. Dies mag damit zusammenhängen, dass der Bereich des 'Informationsmanagement' sicherlich einen Teil meiner beruflichen Tätigkeit darstellt. Ich bemühe mich, hier gelassen zu sein und eben diese Gelassenheit auch nach außen zu zeigen - ohne dabei unfreiwillig komisch zu wirken.

    Ich werde jetzt ersteinmal auf das Zitat von Norbert Bolz eingehen, um dann auch noch etwas zur subjektiven Zeitwahrnehmung zu sagen. Ich finde Bolz' Aussagen nur teilweise zutreffend und insgesamt nicht allzusehr überzeugend; soll ja nur ein Denkanstoß sein

    Ich gestehe, die ersten vier Sätze verstehe ich in ihrer Logik nicht. Möglicherweise fehlt hier ein Zusammenhang.
    Hinzu kommt, dass wir uns daran gewöhnt haben, alles, was eilig ist, für wichtig zu halten. So entsteht Zeitdruck, und Tempo wird zum absoluten Wert. Und an ein Weiteres haben wir uns in diesem Zusammenhang gewöhnt, nämlich Terminnot und Zeitmangel als einen Ausdruck von Leistungsfähigkeit zu deuten. In der Leistungsgesellschaft macht es keinen guten Eindruck, viel Zeit zu haben.
    Diese Beobachtung ist sicher zutreffend, aber nicht besonders originell. Schön finde ich den letzten Satz, wenn gesagt wird, dass Zeit zu haben als befremdlich gilt. Das ist doch bemerkenswert. Wer Zeit hat, ist faul. Wer Zeit hat, ist langweilig. Wer Zeit hat, ... mit dem stimmt doch irgendwas nicht. Viele Menschen haben nicht begriffen, dass man nicht Zeit hat, sondern dass man sich Zeit nimmt. Vielen Menschen ist dass Bewusstsein für diesen Vorgang abhanden gekommen; sie sind dann eilig und das ständig.


    Dieser Zeitpfeil zerbricht heute - wir haben Zukünfte im Plural. (...) Wir leben in einem Zeitpluralismus.
    Bei dieser interessanten Schlussfolgerung hat Bolz m. E. den entscheidenden Punkt vergessen, nämlich die Ursache dieser Entwicklung zu benennen. Da sind dreierlei Ausgangspunkte zu nennen: 1. Kommunikation; 2. Information; 3. Mobilität.
    Die ersten beiden hängen eng zusammen. Seit ca. 100-150 Jahren hat die Geschwindigkeit, mit der wir kommunizieren können, sich ständig erhöht. (Briefbeförderung - Telegraph - Telefon - Telefax - E-Mail - Handy - Icq - ...). Zugleich sind wir damit uns näher gekommen und haben uns von einander entfremdet.
    In dem gleichen Zeitraum und bedingt durch die gleichen Mittel hat die Menge und die Geschwindigkeit der Information in unglaublichem Maße zugenommen (Zeitung - Kino - Fernsehen - Multikanalprivatfernsehen - Internet - ...) Wir erfahren immer mehr Dinge aus aller Welt und dies immer schneller. Dies ist zum Selbstzweck geworden. Die Frage nach der Sinnhaftigkeit stellt sich nicht mehr (oder nur wenigen).
    Die Menschheit ist mobil geworden. Unsere Technik erlaubt uns, fast jederzeit an fast jeden Ort zu gelangen; auch dies in immer kürzerer Zeit (Fuß - Kutsche - Bahn - Auto - Flugzeug - ICE/Transrapid - ...).
    Was ich sagen will: den Zeitpluralismus hat es früher auch gegeben, aber man hat ihn nicht bemerkt, weil er nicht zu den Menschen gelangt ist. Nur wenige Menschen (Politiker, Militär, Wissenschaftler) hatten die Gelegenheit, "soweit zu schauen". Heute können wir das im Prinzip alle, nur zu erkennen vermögen wir nichts mehr. Im Prinzip sind wir wie der Esel zwischen den zwei Heuhaufen; allerdings verhungern wir nicht. Wir werden vielmehr in schnellen Tempo durch eine Welt getrieben, die scheinbar nur aus Heuhaufen besteht ... große, kleine, gelbe, grüne, blaue, singende, stinkende, echte , künstliche, ..., ..., ... - und manchmal laufen die Heuhaufen dem Esel sogar nach mit den Worten "Friß mich, friß mich!".


    Das spiegelt sich in den Begriffen Trend und Zeitgeist. Die neue Zeitlichkeit, in der wir leben, hat nichts mehr mit dem linearen Fortschritt der Geschichte zu tun.
    Die Begriffe "Trend" und "Zeitgeist" finde ich passend, aber sie hat es früher auch gegeben, nur eben sehr viel langsamer (s. o.). Einen linearen Fortschritt der Geschichte hat es nie gegeben. Dies ist nur ein Konstrukt der Historiker; insofern hinkt dann auch der Vergleich mit der Chaostheorie.

    Auch die Art, wie wir vergangene Zeit erleben, ändert sich radikal. Meine These lautet: Die Vergangenheit rückt der Gegenwart immer näher auf den Leib - und zwar erstens durch schnelles Veralten und zweitens durch Mode-Recycling.
    Betrachten wir zunächst einmal das Phänomen des raschen Veraltens. Hier kann man eine erstaunliche Beobachtung machen. Das Veraltete wirkt in gewisser Weise sogar 'älter' als chronologisch ältere Dinge. Wir können daraus lernen: Nichts ist älter als das gerade Vergangene. Und das heißt eben auch: Was veraltet ist, muss nicht alt sein. Das Veralten beschleunigt sich. Wer nicht mithält, sieht rasch alt aus!
    Irgendwo am Schluss verlässt den Verfasser die Logik und verwandelt sich in Polemik, aber im Kern hat er sicherlich recht. Was heißt denn in diesem Zusammenhang "alt" und "veraltet"?
    "Veraltet" ist das, was eben noch neu war und jetzt alt geworden ist. In unseren Fall die Musik von gestern Ein Revival der Spät-90er-Musik wäre jetzt sicherlich undenkbar, obwohl wir schon 2003 haben. Das ist eben nur veraltet, nicht mehr aktuell, mit dem Geruch des leicht Angestaubten versehen, mit dem leicht angewiderten Gefühl "ach ne, das hatten wir doch gerade erst".
    Das "alte" hingegen ist wieder neu, es scheint unbekannt mit Wiedererkennungswert.Gefühl: "Oh schön, daran habe ich ja lange nicht mehr gedacht." Zu diesem positiven Gefühl hinzu kommt der Filter, den die Alterung darstellt. Bestimmte Dinge kommen eben nicht wieder, werden nicht mehr re-aktuell werden; meistens solche, die zu ihrer Entstehungszeit schon eher minderwertig waren. (es gibt Ausnahmen, 'Modern Talking' z. B.).
    Letztlich kann man das oben gesagte auch auf das von Bolz so benannte "Modereceycling" anwenden. Weil wir nicht mehr die Zeit haben, etwas neues zu entwickeln, wärmen wir die vergangenen Zeiten wieder auf. Ich persönlich empfinde hier auch sehr stark den Aspekt der totalen Kommerzialiserung aller Bereiche unseres Lebens und unserer Gesellschaft. Der galoppierende Neoliberalismus ist nicht vorbei, er tarnt sich nur besser. In den Zeiten des Mangels erscheint er uns im Gewand der Notwendigkeit - ebenso wie der Zeitmangel.

    Torsten schrieb: Mich würde nun interessieren, wie ihr diese rasant-nervöse Zeit erlebt.
    Ich nehme mal an, dass man mein Missfallen aus meinen obigen Worten schon herauslesen kann. Mir gefällt die Schnellebigkeit unserer Zeit nicht. Ich halte mich eher für beständig und bodenständig. Und ich nehme mir Zeit. Es wird allerdings schwieriger sich zu entziehen. Ähnlich wie Torsten mache ich modische Trends schon lange nicht mehr mit, habe ich allerdings eigentlich auch früher nur wenig getan. Das Geld hätte eh nicht gereicht. Ich kaufe seit 15 Jahren die gleichen Jeans, habe noch nie mehr als 100,- DM für einen Pullover ausgegeben und nie mehr als 200,- DM für ein Paar Schuhe. Ob da irgendwo Adidas oder Asics draufsteht, ist mir egal wie irgendwas. Technische Trends mache ich mit, so wie sie mir nützlich erscheinen. Ich schätze mal, eine Digicam steht vielleicht dieses Jahr noch an .

    Was mich mehr umtreibt - und ich hoffe , dass es sich nicht um die Midlife-Crisis handelt -, ist die Frage, wohin soll das eigene Leben weitergehen. Beschleunigung erzeugt immer auch einen Sog. Wieweit kann/will/muss ich mich widersetzen? Manche Dinge sind einfach: manches muss man nicht haben oder etwa das Privatfernsehen, dass man nicht anschauen muss (und das ich recht konsequent meide) oder eben die Reaktanz auf nervige Dinge (z. B. Werbung).
    So bei Mitte 30 scheint die Zeit zu beginnen, wo man überlegt, welche Dinge und Gelegenheiten man ausgelassen hat, was man vielleicht doch noch mal nachholen möchte. Und man beginnt zu merken, dass gefühltes Alter und tatsächliches Alter sowohl in der Selbst- als auch in der Fremdwahrnehmung auseinanderzuklaffen beginnen.
    Aber kann solche Gedanken auch jemand in Ruhe bedenken, der voll berufstätig ist und vielleicht noch Familie mit Kindern hat??? Jene sind gigantische Zeitbeschleuniger, denn sie nehmen die Ruhezeit des einzelnen in Anspruch. Durch Kommunikation und Mobilität ist die Familie größer geworden - und die Ruhezeiten immer nur kleiner.

    Nachdenken über die Zeit ist zum Luxus geworden.

    Grüße!
    DeeTee

  4. #3
    Benutzerbild von JJ28

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    Ist es wirklich um das Maß schnelllebiger geworden, das man subjektiv empfindet? In meiner Kindheit waren die Nachmittage fast unendlich lange.
    Heute vergeht eine Stunde wie im Flug.
    Ob es nicht ein Teil der Entwicklung des Menschen ist, die Zeit in unterschiedlichen Lebensabschnitten anders wahrzunehmen?
    Wenn ich an meine Strafarbeit denke, ich musste 40 mal den Satz schreiben"
    Ich darf nicht ungezogen sein und.......?"
    Da saß ich eine Stunde daran; die Zeit verging nicht.
    Der Weg zur Schule war auch jedes Mal ein Erlebnis, heute laufe "mal" geschwind zum Zug oder in die Stadt, nehme es aber nicht mehr so bewusst war wie damals. Subjektiv empfunden ein kurze Zeitspanne. Obwohl der Zeiger der Uhr objektiv eine größere Zeitspanne anzeigt.
    Nun, ich hatte in meiner Kindheit das "Privileg", nicht konsumorientiert zu leben. Meine Spielkameraden von damals durften schon alle Video gucken, hatten BMX-Räder, tauschten diese Knibbelbilder aus den Getränkeflaschen ( und fielen den Eltern natürlich in die Ohren " kauf das"). So gesehen hatten die schon damals vor zwanzig Jahren viel weniger "Zeit". Die frei verfügbare Zeit. Und warum? Um "IN" zu sein? Um Freunde zu haben, mit denen man den mitgebrachten Zombifilm auf Papis Videorekorder ansehen konnte?
    Nun, mit denen hatte ich nie großen Kontakt. War mir damals auch nicht so wichtig.
    Der Sommerurlaub war auch schön. Im Aldi noch geschwind eingekauft, Schutzbrief, Pässe, und der andere Krimskram war schnell im VW-Bus und dann
    gings ab nach Portugal. Badeurlaub. Herrliche Sandburgen bauen. Und tiefe Löcher buddeln, da nervte kein Bademeister rum von wegen "Sicherheitsrisiko". Einfach mal 4 Wochen "abhängen" und am Abend ein paar ausgeliehene Bücher lesen.

    Vor einigen Jahren war ich mit ein paar Freunden auf einem Kurztrip nach Prag. Wir hatten einen Tag Zeit. Mit der Parkplatzsuche gings schon los.
    Ich war der Meinung, dass man diese "Schrottkarre" ( auch Diebe haben ihren Stolz ) doch einfach in einer Seitenstraße abstellen sollte, da kostet es nichts. Nein, wir mußten auf einen bewachten Parkplatz fahren, der nur für Touris gedacht war. Dann gings im Eiltempo in die Stadt, Sehenswürdigkeiten gucken gehen. Und ständig die Kamera gezückt. Man will ja auch was erzählen können. Dann ging die Jagd noch auf Nippes-Nepp-Kram los, der auf der Karlsbrücke angeboten wurde. Zu abenteuerlichen Preisen. Da ich das Geld verwaltete, krähen meine Begleiter jedes Mal über die halbe Brücke; damit auch jeder es mitbekam ( schäm). Zum Schluss schleppten mich die anderen noch in diverse Läden rein, in denen es angeblich sehr günstigen Zeichen- und Malartikel gab.
    Joh, schon war der Tach auch rum. Hatte es mir anders vorgestellt. Einfach mal etwas rumbummeln, auf der Brücke mal ein nettes Schwätzchen halten und die Eindrücke wirken zu lassen. Das fanden die anderen "langweilig" und als Student sollte man doch kulturbeflissen sein.

    Nun ja, die Wege trennten sich dann nach ein paar Monaten.....

    Allerdings packte mich zwei Jahre danach auch ein gewisser Aktionismus, als ich ein Mädel kennenlernte. Oberflächliches Gequatsche und gemeinsame Tätigkeiten wie Kinobesuch und Treffen in Kneipen oder Cafes.
    Als sie eine Aussprache über die Beziehung haben wollte,trat ein Vakuum auf, da konnte ich auf einmal nichts mehr sagen. Sie sagte es nicht direkt, es waren so Hinweise darauf, dass sie auch mal gerne ausspannen würde.
    Und dann wars auf einmal aus.

    Wer Zeit hat, der ist langweilig....MH


    Ein paar meiner Klassenkameraden sind in eine Glaubensgemeinschaft abgedriftet, dort bekommen sie unter Aufsicht eines Gruppenleiters ihre privaten Kontakte. Bei diesen Treffen kommt in der Regel nicht viel dabei herum, so wird als Higlight das Autogene Training in der Gruppe auf einem kindlichen Niveau vermittelt. Und viel seltsames pseudoalternatives Geschwätz. DIe Gruppe wird über "freiwillige" Geldspenden der Mitglieder, überteuerte Produkte und "ehrenamtliche" Mitarbeit realisiert.
    Die Mitglieder können dann sagen, dass sie Termine bzw. Verpflichtungen haben.
    Ihr Privatleben wird durch Treffen bestimmt, die an den Wochenenden, an Weihnachten und sogar im Urlaub stattfinden.
    Diese Menschen haben ihr Leben total verplant. Und machen es auch noch freiwillig - aus einer Unfähigkeit heraus selbst mal etwas zu unternehmen.

    Joh, ich muss dann mal weg

    Cu JJ

  5. #4
    Benutzerbild von
    Hm, wie erlebe ich diese rasant-schnelllebige Zeit? Gute Frage Torsten. Die Frage ist vielleicht sogar, wie lebt man sie ohne dabei das leben zu vergessen...

    Deinen Technik-Minimalismus teile ich nicht. Ich brauche keinen solchen Schutzmechanismus. Im Gegenteil: Ich trauere manchmal zwar der guten alten Zeit nach, als HighTech noch 8-Bit hatte, aber im großen und ganzen bin ich heutzutage für "das Neueste" immer zu haben. Sobald es erschwinglich ist allerdings, doch selbst dann bin ich meistens noch recht früh dran. Internet, Handy, DVD-Player, Digitalkamera... in meinem Bekanntenkreis war ich immer einer der Ersten der sich diese Errungenschaften der Technik zulegte, dabei waren sie zu dieser Zeit schon nicht mehr der allerneueste Schrei. Ich muss also nicht immer sofort das Neueste haben, aber wenn es denn dann erschwinglich wird und ich weiss, was ich damit anfangen kann, dann kommt es auch ins Haus und ich wills dann auch bald nicht mehr missen. Ich habe da auch einen gewissen Spieltrieb. Manchmal kaufe ich mir auch einfach n' technisches Spielzeug weils mir Spaß macht und nicht weil ich es wirklich brauche. Wahrscheinlich bin ich in dieser Beziehung eher japanisch veranlagt und ganz schön undeutsch (ein Glück ;o). Für mich ist ein Handy eben nicht nur zum Telefonieren da. Wenn ich damit auch in Farbe spielen kann und mal n' nettes Foto aufs Display kriege, ja warum denn nicht? Das macht mir Spaß und das ist dann auch gut so. Leider gibts immer Leute die einem das madig machen wollen. Ich denke da immer eher: Wenn ihrs nicht braucht, ist doch ok. Aber deswegen müsst ihr Euch doch nicht über mich aufregen, lasst mich doch einfach in Ruhe mit meinem Spielkram?!

    Für mich hat das aber nichts mit einer schnelllebigen Zeit zu tun. Diese Dinge benutze ich und wenn es bessere Sachen gibt, werden sie eben ausgetauscht. Daran hängt mein Herz nicht.

    Schnelllebig ist die Zeit für mich oft eher im zwischenmenschlichen Bereich geworden. Wie hier schon geschrieben wurde: "Keine Zeit haben" ist fast schon ein Ideal geworden. Irgendwie meint mittlerweile ja sogar jeder keine Zeit mehr zu haben. Auch Studenten oder sogar Rentner leben uns vor, dass sie tierisch im Stress sind und zu gar nichts mehr kommen. Ich kann dann immer nur grinsen, denn es ist ganz offensichtlich, dass eigentlich noch Zeit vorhanden wäre, wenn man sie denn haben wollte. Oft wird sogar die Freizeit noch zum Stress. Alle gehen ins Fitness-Studio, also ich auch. Alle gehen nach Feierabend da und da noch was trinken, also ich auch. Freundin kriegt n' Kultur-Drang, also Musical-Besuch hier und Museum da. Und dann, nachdem man seine wertvolle Zeit mit solchem Getue vertan hat und die Leute merken, dass sie ständig mit Sachen beschäftigt sind, die ihnen in Wahrheit gar nichts bringen heisst es: Oh, ich hab ja gaaaaaaaaaar keine Zeit, ich weiss gar nicht mehr wann ich das letzte Mal.....! *lol*

    Auch unter Angestellten ist es ja mittlerweile eine Wettbewerb geworden, sich gegenseitig über seine vielen angehäuften Überstunden zu beschweren. Dabei ist das oft mehr Angabe als Leid klagen. Wenns beim Flurgespräch heisst: "Ääääääääächz, ich habe schonwieder 200 Überstunden auf dem Gleitzeitkonto", "Ach, hast Du es gut, ich bin schon bei 320, die werden mir alle verfallen *heul*", könnte man das eigentlich auch übersetzen mit "Ey Du, ich bin hier ne' ganz tolle Nummer, unentbehrlich und warts mal ab, ich werde bestimmt mal Dein Chef!", "Ach, das glaubst Du doch selbst nicht, ich bin doch n' viel tollerer Typ als Du, das ist jawohl klar!".

    Mir ist dieses Ritual ehrlich gesagt ziemlich egal. Ich arbeite um zu leben und die Zeiten als mich Sprüche wie "Ach, machste n' halben Tag frei?" geärgert haben, wenn man es wagte um halb sechs das Büro zu verlassen sind schon lange vorbei. Diese Leute sind kaputt, sie leben nicht und sie sind neidisch. Neidisch auf mich, weil ich ein Privatleben habe, ne' hübsche liebe Freundin und wir auch noch privat was mit uns anzufangen wissen. Diese Leute haben entweder niemanden oder kennen nur oberflächliche Leute. Und wenn nicht, dann haben sie vorschnell geheiratet und sind froh wenn sie noch nicht wieder nach Hause müssen. Und ansonsten werden schnell Bindungen geschlossen, aber sobald es mal schwierig wird, werden sie auch genauso schnell wieder beendet. Das ist meine Sache nicht. Wenn man die schönen Zeiten mitnimmt, muss man auch mal gemeinsam die schlechten durchstehen können, irgendwann kommt wieder Sonne. Das Problem: Für sowas braucht man Zeit und die haben die Leute ja nicht.

    Das ist für mich das Merkmal einer schnelllebigen Zeit. Oberflächlichkeit und Missgunst und Neid auf jene die noch ein Leben leben. Doch da halte ich es ganz einfach: Lieber Neid als Mitleid. Mir gehts gut in dieser schnelllebigen Zeit, aber ich komme mir manchmal vor wie ein Außerirdischer. Wenn jemand zu mir kommt und mal ernsthaft reden will (oberflächliches Blabla ist mir ein Greuel), habe ich Zeit. Wenn jemand Hilfe braucht habe ich Zeit. Viele Dinge können dann einfach auch zurücksetehen, es ist ja nicht so, dass ich rumsitze und warte das mich mal jemand braucht. Andere kennen solche Prioritäten nicht, da ist immer alles wichtig, wichtig, wichtig, dringend, stress. Es kommt selten vor, aber wenn ich mal wen brauche, dann merke ich meistens: Hey, die meinen alle sie hätten keine Zeit und viele Probleme. Gleichzeitig glauben diese Leute, ich hätte keine Probleme, denn ich komme ja immer super klar. Klar, ich lasse mich auch nicht von jedem Steinchen aus der Bahn werfen und meine mein Leben wäre zu Ende.... Die Leute kommen mit sich selbst aber nicht mehr klar. Die sind den ganzen Tag mit irgendwelchen "wichtigen" Dingen beschäftigt und sei es das Logo auf Management Report XY, das noch 1mm weiter nach rechts oben muss, weil Dr. Müller das so will. Dann Wichtig-Meeting hier, Wichtig-Meeting da. Da strampeln sie dann den ganzen Tag rum, wie ein Hamster im Rad. Und wenn sie dann nach Hause kommen, ist das alles was sie zu erzählen hätten. Privatleben gibts nicht, Leben um zu Arbeiten und wenn überhaupt hält man sich einen Partner weils praktisch ist oder zum repräsentieren. Ich kenne Leute des aufstrebenden mittleren Managements, die haben nur geheiratet und Kinder bekommen, weil sich das in Bewerbungen für höhere Positionen so gehört...... Arm, arm und nochmal arm kann ich da nur sagen. Wenn diese Leute mal auf dem Sterbebett liegen, werden sie wahrscheinlich wissen was sie falsch gemacht haben, aber dann ist es zu spät. Ich versuche es lieber jetzt richtig zu machen und die Prioritäten richtig zu setzen. Ich geh arbeiten, mache meinen Job gut, aber dann ist auch mal Feierabend und ich lebe. Ich bin damit immer gut gefahren und im Gegensatz zu anderen, packe ichs so auch bis zur Rente, während andere mit 40 ihren ersten Herzinfarkt und den dritten Burnout haben, wahrscheinlich sind sie dann schon zweimal geschieden, ihre Kinder wollen nix mehr von ihnen wissen und die Blumen fürs Krankenbett, bestellen sie sich selbst online bei Fleurop. Na' Herzlichen Glückwunsch ;o)

    QBert

  6. #5
    Sven Hoëk
    Benutzerbild von Sven Hoëk
    Bolz liefert reinen Gegenwartspessimismus. Den findet man bei Paul Virilio analytisch genauer und bei Jean Baudrillard stilistisch brillanter

    Sven

  7. #6
    Benutzerbild von Heinzi

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    QBert postete
    Diese Leute sind kaputt, sie leben nicht und sie sind neidisch. Neidisch auf mich, weil ich ein Privatleben habe, ne' hübsche liebe Freundin und wir auch noch privat was mit uns anzufangen wissen.
    Klar, alles nur der blanke Neid...

    Ich etwa wünschte mir ja so sehr, ebenfalls mehrfach täglich reihenweise Bildschirm füllende Texte fast gänzlich ohne Absätze, Interpunktion und sonstige unnötig-ordinäre Ablenkungen vom Inhalt auf die Reihe zu kriegen...


    Gibt's eigentlich irgendwo ein optisches Zeugnis deiner "hübschen" Freundin zu sehen..?

  8. #7
    Benutzerbild von DeeTee

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    Sven Hoëk postete
    (...) Gegenwartspessimismus. Den findet man bei Paul Virilio analytisch genauer und bei Jean Baudrillard stilistisch brillanter
    Waaaaaaaaaaaas??? Ich hoffe mal, dass Du das selbst nicht glaubst. Nun ausgerechnet Virilio und Baudrillard als bessere Belege für (akzeptablen) Zukunftspessimismus heranzuziehen, kann man höchstens selbst als solchen deuten.
    Mal im ernst: Die beiden Herren schreiben zwar viel und es klingt ja auch imposant und durchaus beeindruckend. Leider ist der größte Teil davon aber schlichter Unfug, weil sachlich unzulänglich bzw. einfach falsch. Beide neigen dazu zur Darstellung ihrer "Philosophie" Begriffe aus der Naturwissenschaft zu entnehmen ... und sie dann völlig sinnentleert oder eben falsch zu verwenden. Entsprechende Begriffe oder Theorienfragmente werden aus dem Zusammenhang gerissen, sie werden metaphorisch entfremdet und dann willkürlich und offensichtlich unverstanden in andere Zusammenhänge gesetzt. Bemerkenswerte Unkenntnis vermischt sich mit nachlässigen Verwechslungen von physikalischen Fakten und Begriffen und einer überbordenden Phantasie seitens der Verfasser. Was Baudrillard und Virilio schreiben, ist schlechte Philosophie vermischt mit pseudowissenschaftlichem Selbstverständnis.
    Richtig ist nur, dass beide versucht haben, sich mit 'Raum und Zeit' auseinander zu setzen. Das ist ihnen aber nicht gelungen. Eine lesenswerte Vivisektion der Gedanken von Baudrillard und Virilio findet sich in
    Sokal, Alan und Bricmont, Jean: Eleganter Unsinn. Wie die Denker der Postmoderne die Wissenschaften mißbrauchen. München 1999.

    @sven: Ist nicht persönlich gemeint.

    Grüße!
    DeeTee

  9. #8
    Benutzerbild von bubu

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    Hi Torsten,

    dieses Thema trifft auch bei mir einen wunden Punkt. Du fragst, wie wir diese rasant-nervöse Zeit erleben. Es ist zum einen nicht so leicht zu sagen, weil sich das altersbedingte Zeitempfinden verändert hat, was JJ28 auch schon ansprach. Je älter man wird, desto schneller vergeht die Zeit - für mich ist das noch immer ein unglaubliches Phänomen. Wenn ich mir überlege, wie lange mir die Sommerferien damals vorkamen und wie sehr wir uns schon verändert hatten, als die Schule wieder losging. Heute sind 6 Wochen nichts. Muss ich dann nicht alles um mich herum zwangsläufig hektischer erleben, nur aus dem Grund, weil ich älter geworden bin? Wahrscheinlich schon. Aber dennoch ist ja unbestritten, dass das gesellschaftliche Tempo stark angezogen hat, und zwar exponentiell.

    Wie erlebe ich diese rasant-nervöse Zeit? Ebenso. Sie MACHT mich nervös. Ich bemerke, wie ich mich immer schlechter auf nur eine Sache konzentrieren kann. Ich habe einfach viel weniger innere Ruhe als früher. Ich bin auch viel ungeduldiger geworden. Ich denke, nicht unwesentlich trägt dazu mein Beruf bei - ich arbeite als Online-Redakteur. Ich schätze das Medium Internet sehr, aber ich spüre, wie ich diese Schnelllebigkeit, dieses rasante Tempo mehr und mehr verinnerliche. Und je älter ich werde, desto anstrengender wird das. Parallele Prozesse, sofortige Ergebnisse. So wird es auch zusehends in meinem Leben. Alles muss SOFORT geschehen, auf etwas oder jemanden warten ist mir ein Gräuel.

    Mir geht es ähnlich wie QBert. Auch ich mache viele technische Mätzchen mit, auch mir macht das Spaß - z.B. auch immer die neuesten PC-Angebote zu studieren, immer schnellere Rechner zu haben, mehr Megahertz, mehr RAM, mehr Gigabyte. Das Basteln, z.B. zum perfekten, schnellen, stabilen Betriebssystem, ist zum Selbstzweck geworden. Wenn ich das perfekte, schnellste, stabilste System denn mal endlich habe, weiß cih gar nicht, was ich damit nun eigentlich anfangen soll. Eigentlich total schwachsinnig. Ok, es macht mir Spaß, aber wenn ich mir die Frage nach dem Warum stelle - Ratlosigkeit. Zwar argumentiere ich manchmal so vor mir: schnellerer/größerer Rechner/Fahrrad/Fernseher/Stereoanlage etc. = entweder Zeitersparnis oder erfüllendere Zeitausnutzung. Ersparte Zeit wofür? Was mache ich mit der gesparten Zeit? Oftmals verplempere ich sie. Oder habe ich wirklich die Zeit, die tolle neue Stereoanlage überhaupt zu nutzen? Nein. Parallel dazu beginne ich zu sammeln. Ich nehme mir vor, tausende von Büchern zu lesen, bestelle wie ein Blöder bei Amazon, staple Zeitschriften und DVD, nehme Stunden an interessanten Sendungen im Fernsehen auf - doch ich werde nie dazu kommen, dass alles auch nur mal annähernd zu lesen/gucken/hören.

    Und wie QBert gibt es da ein Sehnen zurück - vielleicht ist das bei uns die 8-Bit-Welt, der 64er, der bei uns im Schrank steht, der in uns nostalgische Gefühle hervorruft, der uns beruhigt, weil er uns an all die Nachmittage erinnert, die wir davor mit Freunden verbacht haben. Die Spiele von damals, die wir mit Gänsehaut über die Emulatoren auf unseren High-End-PCs spielen, die Hits von damals, die wir alle auf unseren CD sammeln und horten und beim Hören feuchte Augen bekommen, das Diskutieren in diesem Forum über Ereignisse von einst. Symbole unserer Jugend, an denen wir uns doch letztlich festhalten, Felsen in dieser rasant-nervösen Brandung. Zurücksehnen in eine Zeit, wo wir noch unter der Schutzglocke waren - Elternhaus, Schule, Uni. Für uns wurde gesorgt, man musste sich um nichts kümmern, musste nicht um seine Existenz kämpfen, keine Bewerbungsgespräche, Jobsuche, musste nicht arbeiten, keine Steuererklärung machen. Klar, Leistungsdruck, ab unnd zu eine Prüfung abgelegt, aber dafür war alles durchgeplant. Man hatte ein ganz konkretes Ziel vor Augen - den Schulabschluss. Zuckerbrot und Peitsche. Lernen, Prüfung, und hoffentlich Erfolg und kein Versagen -aber dafür dann auch jede Menge Freizeit.

    Ist es nicht in letzter Konsequenz ein Zurücksehen in die warme schützende Gebärmutter?

    Als ich JJs Urlaubsgeschichte las, fand ich das fast gleichnishaft für das Leben, wie ich es heute oft empfinde. Ich fühle mich nicht selten wie ein Tourist, der duch das Leben getrieben wird. Und im Reiseführer steht irgendwie alles, was man sehen, erleben, tun, anziehen, probieren, essen und kaufen muss, um nichts verpasst zu haben, trendy, cool, 5exy, ausgeglichen, gebildet, intelligent und glücklich zu sein. Und man denkt, wenn man das nicht alles so schnell wie möglich schafft, hat man verdammt was verpasst. Deshalb hetzt man von hier nach da, will möglichst alles sehen, alles fotografieren, alles "abklappern". Und dann? Dann ist man fertig. Und man selbst ist fertig. Und die Fotos verschwinden in der Schublade. Und alles geht von vorne los.

    Ein großes Problem für mich war der Beginn des Berufslebens. Ganz plötzlich zu merken, dass man eigentlich gar keine Zeit mehr hat. Wenn du irgendwann mal beruflich so gesettlet bist, dass du dir nicht mehr um Geld Sorgen machen musst, dann merkst du, dass Zeit wertvoller als Geld geworden ist. Du beginnst zwangsläufig deine Freundschaften und Bekanntschaften auf ein stimmiges "Preis-Leistungs-Verhältnis" hin zu überprüfen (ist jetzt sehr zynisch formuliert, aber ich kann´s grade nicht besser ausdrücken). Es war hart zu sehen, wie viele Leute einen plötzlich vergessen, wenn sie anfangen zu arbeiten. Alle haben auf einmal soooooo viel zu tun und gar keine Zeit mehr. Bei vielem was QBert darüber und über die Arbeitswelt geschrieben hat, kann ich nur voll und ganz zustimmen. Man findet doch wenn man berufstätig ist, immer einen Grund, keine Zeit zu haben. Zeit muss man sich nehmen. Aber diese ganzen Sprüche der Leute, dass sie keine Zeit haben, bedeuten im Prinzip: es ist es ihnen nicht wert, sich dafür (oder für jemanden) die Zeit zu nehmen. Aber das können oder wollen sie natürlich nicht so sagen. Ich gebe aber zu - ich mache es nicht viel anders.

    Doch wenn man dann mal hört, wofür die Leute ihre Zeit verwenden, versteht man die Welt auch nicht mehr. Die sitzen alle nach Feierabend vor der Glotze, schauen Schmidt, Raab, Kerner, Beckmann, DSDS oder was weiß ich. Oder sie leben von einem Discoabend zum nächsten. Und am nächsten Tag ist dann die Sendung, die Party, das Besäufnis von gestern das Gesprächsthema. Dafür haben sie merkwürdigerweise immer Zeit. Dafür ist es ihnen also wert, ihre Zeit zu verwenden. Daran siehst du, was die Leute für Werte haben. Und das ist das eigentlich traurige.

    Aber eine Selbstberuhigung bleibt mir: ich verbringe meine Zeit vor der Glotze wenigstens mit Anspruch, jawohl! Ich schaue nur Arte. Oder ich nehme zumindest alles von Arte auf, und wenn auch nur, um letztlich die Videokassetten zu stapeln

    Super, oder?

    Doch ich will auch noch eins sagen: was Bolz geschrieben hat, dass es kein Kontinuum mehr gibt, dass es im Prinzip keine vorhersagbare Entwicklung mehr gibt, dass Vergangenheit zunehmends recyclet wird, ist, denke ich richtig. Und ich kann es verstehen, wenn man das bedauert und als negativ empfindet. Aber alles hat seine zwei Seiten. Man hat weniger Sicherheit, Traditionen, Familien, die einem früher Halt gaben, brechen immer mehr weg, über allem steht das Streben nach Individualität und dem (vermeintlich) Neuen.

    Aber ist es nicht auch verdammt spannend, NICHT abschätzen zu können, was in 10, 20 Jahren sein wird? Und bedeutet es nicht auch ein erhöhtes Maß an zumindest potenzieller Freiheit des Einzelnen? Ob die jeder nutzt, wage ich zu bezweifeln (s.o.) - aber letztlich ist es das alte Spannungsfeld zwischen Chaos und Ordnung. Chaos = mehr Möglichkeiten, mehr Freiheit aber weniger Sicherheit. Ordnung = weniger Möglichkeiten, weniger Freiheit, aber mehr Sicherheit.

    bubu

  10. #9
    Benutzerbild von
    @ Heinzelmaennchen

    Hast Du so ein Bashing eigentlich nötig? Was soll Dein dümmliches Wadenbeisser-Posting Nr. 005? Null Inhalt, nur mal eben ans Bein pinkeln. Was soll das bezwecken? Hast Du Frust und brauchst einen Blitzableiter? Naja, vielleicht habe ich Dich bisher falsch eingeschätzt. Sorry, auch ich kann mich irren.

    Wie dumm von mir, dass ich zu solchen Themen überhaupt noch was ehrlich gemeintes schreibe und mir ZEIT dafür nehme. Wie ich sehe, lohnt es sich nicht. Man kriegt eher noch einen auf die Fresse dafür. Danke Wackel(kopp)dackel...

    QBert

  11. #10
    Benutzerbild von DeeTee

    Registriert seit
    19.12.2001
    Beiträge
    1.928
    @QBert:
    Hehe, komm mal wieder runter! Was schert es den Mond, wenn Ihn die Hunde anbellen?! Vielleicht gibt es andere, die mit Interesse lesen, was Du schreibst.?!! Ich zum Beispiel, und ich nehme an, dass ich nicht der Einzige bin. Also versuch' ein bißchen was für Deinen Blutdruck zu tun, damit Deine Herzallerliebste auch länger was von Dir hat, gelle ...

    Grüße!
    DeeTee

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