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Dumm in Deutschland

Erstellt von bubu, 26.09.2005, 21:44 Uhr · 107 Antworten · 8.802 Aufrufe

  1. #1
    Benutzerbild von bubu

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    Bildung ist ein hohes Gut. Nicht mehr im Jahre 2005.

    Ich möchte diesen Thread als Panoptikum der Unfassbarkeiten starten. Aber nicht nur das: Ich erhoffe mir Antworten.

    PISA ist mittlerweile ein totgerittenes Synonym geworden für gegenseitiges Bezichtigen der Dumm- bzw. Unwissenheit. Ich kann's ehrlich gesagt nicht mehr hören und ich bin diese Leserbriefe leid, die diese Wortkeule bemühen, sobald mal ein Rechtschreibfehler entdeckt wird (Wie manche hier schon mitbekommen haben, arbeite ich in einer Redaktion). Der Deutsche ist ein Besserwisser, aber hier geht's mir nicht um Besserwisserei, denn wir wissen mittlerweile alle, dass es mit unserer Jugend wahrlich nicht zum Besten steht. Hier geht's mir aber nicht um Schüler, sondern um Gleichaltrige bzw. folgende Generationen jenseits der Volljährigkeit. Ich will hier nicht den "Unsere-Jugend"-Thread kannibalisieren.

    Ich habe nun so einige Praktikanten erlebt, zumeist vom Alterspektrum um die 25-30 Jahre alt. Gut, Wissenslücken seien jedem gegönnt, aber selten habe ich einen erlebt, dessen Allgemeinbildung ich als gut bezeichnen würde. So weit so schlecht, aber ich habe teilweise Dinger erlebt, die mir fast schon Gänsehaut bereitet haben.

    Eine fertig studierte Politikwissenschaftlerin (!) der Uni Münster hält bislang die Hitliste der Unfassbarkeiten.

    Hier die Begebenheiten:

    In unserer Kaffeeküche hängt eine Titanic-Satire der BILD-Selbstbeweihräucherungskampagne "Danke, Deutschland". Die kennt ihr sicher noch. Z.B. gab's ein Porträt von Helmut Kohl mit der Unterzeile "Danke für die Einheit" u.ä.
    Die Titanic-Satire zeigt einen blutenden Benno Ohnesorg mit der Unterzeile "Danke für die Kugel"


    Die Praktikantin verstand den Witz nicht und fragte, wer das da am Boden sei. Na gut, das muss nicht jeder gleich erkennen. Als wir ihr sagten, das sei Benno Ohnesorg kam von ihr nur Verständnislosigkeit: "Wer ist Benno Ohnesorg?", fragte sie. Ich wiederhole - es handelt sich um eine absolvierte Politikstudentin.

    Selbige Praktikantin fragte mich auch noch folgende Sachen:

    - Ist der Dalai Lama der König der Tibeter?

    - Wann waren eigentlich die 80er-Jahre? 1971-1981 ?

    - Wer ist Ulf Merbold?

    Bei den drei Fragezeichen kannte sie sich allerdings ganz gut aus - obwohl sie die nach eigenem Bekunden immer zum Einschlafen höre.

    Eine andere Praktikantin, die gerade eine Meldung zum Hurrikan "Rita" bearbeiete, fragte mich kürzlich, ob New Orleans eine Stadt oder ein US-Bundesstaat sei. Ich war so fassungslos, dass ich glaubte, sie wolle mich verarschen. Ich konnte sie nur kopfschüttelnd fragen, ob sie das ernst meine. Ja, sie meinte es ernst. Ich fragte sie, ob sie die letzten Wochen auf dem Merkur verbracht habe. Ich bin mir nicht sicher, ob sie wusste, dass Merkur ein Planet unsere Sonnensystems ist...

    Man kann über solche Sachen im ersten Moment vielleicht noch lachen. Doch bei längerem Nachdenken bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Was ist hier nur los? Das waren jetzt besonders krasse Fälle, aber in den fünf Jahren, die ich nun in dieser Redaktion arbeite habe ich rund 20-30 Praktikanten erlebt. Und bestimmt hätten dir 80 Prozent von ihnen nicht Fragen beantworten können, die man für meine Begriffe mit einer guten Schulbildung und einem unbedingt für diesen Beruf vorauszusetzenden Grundinteresse hätte mit Leichtigkeit beantworten können. Es geht nicht um Spezialwissen. Frag sie, wer momentan Premierminister von Großbritannien ist. Das kriegen vielleicht nicht zwei Drittel hin. Aber wenn du fragst, wer die Torys sind, müssen schon die Häfte von ihnen passen. Dass Kurt Georg Kiesinger mal Kanzler war, glauben dir die meisten schon nicht mehr (70 Prozent haben diesen Namen noch nie gehört). Sie könnten dir noch weniger sagen, welcher Partei er angehörte. Ja, den Willy Brandt kennt dafür fast jeder. Aber wer sein Nachfolger im Amt war - da wird's schon schwieriger. Ok, verlassen wir mal die Politik. Einfache Geografiekenntnisse. Wo ist der Gazastreifen? Welches Land grenzt im Süden an die Vereinigten Staaten? Liegt Libyen im Norden oder Süden Afrikas?

    Man könnte meinen, leichtere lifestyligere Kost würde besser ankommen. Fehlanzeige. Ich musste neulich derselben Praktikantin, die nicht wusste, ob New Orleans eine Stadt ist, erklären, wer Charlize Theron ist. Nicht so schlimm fand' ich, dass sie mir nicht glaubte, dass Viagra kein Aphrodisiakum, sondern ein hartes (oh ja!) Medikament ist.

    Die eklatantesten Bildungslücken zeigen sich im geschichtlichen und naturwissenschaftlichen Bereich. Wohlgemerkt: ich rede zunächst nur von Inhaltlichem. Die Beherrschung der deutschen (Schrift-)Sprache will ich schon gar nicht mehr ankreiden.

    Das schlimmste allerdings ist das Nichtbewusstsein derselben. Sie stellen sich keine Fragen mehr. Das ist kein Wissensdurst. Ich frage mich, mit welchem Bewusstsein unsere zukünftigen "Entscheidungsträger" durch dieses, ihr Leben taumeln. Fragen sie sich nie, woher dieses Land kommt, woher sie selbst stammen? Wie alles miteinander zusammenhängt? Wie sie selbst in diese Gesellschaft, diese Welt eingebettet sind?

    Wie kann man sich nur so auf papiernem Grund bewegen, ohne sich selbst zu wundern? Erwachsene Menschen... Will man nicht mehr wissen? Was ist da nur los?

    Es geht hier nicht um Ätschi-bätschi-Denunziantentum. Es geht um den Versuch einer Bestandsanalyse.

  2.  
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  3. #2
    Benutzerbild von DeeTee

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    Frag mal den Waschbär, der kann Dir da aus seiner Unterrichtpraxis bestimmt auch ein paar Knaller nennen. Aber ich habe auch häufiger mit recht frisch gebackenen Abiturienten zu tun. Und sie haben zu 99 % etwas gemeinsam: sie haben sich zum und durchs Abi durchgemogelt. Die übereinstimmenden Aussagen, etwas vereinfachend dargestellt, lauten: Abitur ist ein Schulabschluss, den man mit geringstmöglichem Aufwand erreicht, um hinterher studieren zu können; Student sein ist nämlich cool. Außerdem wollen Mama und Papa das so.

    Und das Schlimme dabei: Es hat schon zu meiner Schulzeit so angefangen. Ich habe 1988 Abitur gemacht. Wir waren ein Jahrgang von 101 Schülern. Einer ist durchgefallen, alle anderen haben bestanden. Ich würde sagen, so etwa 10-15 haben sich nur an der untersten Leistungsgrenze durchgemogelt und mit Charme, punktuellen Gerade-nochmal-geschafft-Leistungen und viel Hilfe von älteren Geschwistern usw. die Prüfungen bestanden. Viel gelernt haben sie imho nicht - außer sich durchzumogeln - und damit kann man im Leben weit kommen (wenn man in die richtigen Netzwerke eingebunden ist - aber das ist eine andere Baustelle).

    Die Leistungsanforderungen in der Schule sind in den letzten Jahren nicht gestiegen, die Zahl der Gymnasiasten schon. Wenn zu viele Schüler sitzenbleiben oder durch das Abi fallen, ist das schlecht für den Ruf der Schule und ruft (hier in Niedersachsen) die Schulbehörde auf den Plan. Da geht dann die Existenzsicherung der Schule vor.
    Und dass heute häufiger als früher "Gnadennoten" gegeben werden, haben mir diverse Lehrer bestätigt: "Man will den Jugendlichen ja nicht die Existenz verbauen ..." Oder auch: "Hauptsache, ich bin den Schüler los!"

    So, nun gehen die studieren oder in die Lehre. Was soll dabei rauskommen??? Wenn Lernen und Wissen und dieses gemeinsam anzuwenden nicht begeistert, sondern man - vielleicht noch von Papa gesponsert - ein Pflichtstudium abreißt, ständig stöhnend, wie anstrengend das doch ist (Und die Betroffenen empfinden das subjektiv wirklich als anstrengend; da habe ich keinen Zweifel dran), wie sollen dabei gebildete und kompetente Menschen herauskommen.

    Es reicht nicht, intelligent zu sein (aber es hilft).
    Es reicht nicht, gebildet zu sein (aber es hilft).
    Es reicht nicht, begeistert zu sein (aber es hilft).
    Alles drei zusammen macht kompetente Menschen aus.

    Hinzukommt der Leistungsdruck und das Spezialistentum. Ich kenne einige Ingenieure sowie Führungskräfte im ÖD in meinem Alter oder etwas älter, die sicherlich fachlich einwandfreie Arbeit machen. Aber von Zeit zu Zeit erschrecke ich über ihre Ahnungslosigkeit in Fragen, die nicht zu ihrem Fachgebiet gehören. Und ich meine nicht Spezialwissen, sondern Dinge, die in der Zeitung stehen. Man sollte meinen, alle Fragen, die außerhalb des Medienmainstreams stehen, existieren nicht.
    (Aufklärungsarbeit macht da übrigens auch nicht immer beliebt )


    Am Rande: Wir sehen heute auch die Auswirkungen der Medienkultur von Edutainment und Infotainment. Wie man aus einer Fernsehsendung pragmatisch Informationen herausfiltert, lernen die Kids idR selbst heute nicht in der Schule.
    Die Mehrheit der Studenten in den ersten Semestern sind nach meiner Beobachtung nicht in der Lage, einen gutstrukturierten Vortrag in seinen Kernaussagen mitzuschreiben. Sie können es nicht! Stattdessen wird gefragt, wo man denn die Folien oder Präsentation herunterladen könne ...

    Soviel jetzt mal aus der Hüfte geschossen

    DeeTee

  4. #3
    Benutzerbild von ihkawimsns

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    Wo wir gerade bei Studenten sind: Ich kann in diesem Bereich auch einige Anekdoten erzählen. Nicht im Hauptfach (Statistik), das ist anspruchsvoll genug, dass innerhalb weniger Monate die, die wirklich nichts können, weg waren, abgesehen von wenigen Ausnahmen, die nicht mehr ernsthaft ins Gewicht fallen. Im Nebenfach (VWL) sieht's da schon anders aus, zumindest im Grundstudium. Was man da in manchen Übungen erlebt, ist schon heftig. Einige Beispiele:

    - Die Übungsgruppenleiterin schreibt sinngemäß folgenden Sachverhalt an: a:b=c:d. Anschließend formt sie die Gleichung um in b:a=d:c. Dieser Sachverhalt wurde angezweifelt, die Übungsgruppenleiterin musste einen schriftlichen Beweis vorführen, bis ihr geglaubt wurde.
    - Manche VWLer können nicht kürzen.
    - Andere wiederum sind nicht in der Lage, einen Funktionsgraphen zu zeichnen - bei gegebener Funktionsgleichung sowie vorliegender Wertetabelle!

    Wie schaffen solche Leute einen Schulabschluss???

    Auch bei den Unis wird über einen Verfall der Anforderungen diskutiert ("Kuschel-Unis"). Doch sind diese, zumindest in Dortmund, immer noch hoch genug, um solche Vollpfosten durch die Klausuren fliegen zu lassen, was mich durchaus mit Genugtuung erfüllt. In den Hauptstudiumsveranstaltungen, die ich seit letztem Semester besuche, ist man vor solchen Erlebnissen jedenfalls gefeit.

    Im kommenden Semester übernehme ich eine Stelle als wissenschaftliche Hilfskraft, wie einige von euch aus dem Tücken-des-Alltags-Threads wissen. Ich werde den Raumplanern ein wenig die Elementare Statistik nahebringen. Und wenn ich "elementar" sage, meine ich das auch, über die vier Grundrechenarten geht der mathematische Aufwand wirklich nicht hinaus. Trotzdem wurde ich bereits vorgewarnt: Offenbar gehört ein Großteil der Raumplanungs-Studenten zu der Spezies Studenten, die sich ihren Studiengang nicht zuletzt deshalb ausgesucht haben, weil sie der Auffassung sind, dabei kein Mathe mehr zu brauchen, sich dabei aber offensichtlich irren. Dementsprechend wurde ich bereits vorgewarnt, dass die Schwierigkeiten der Stelle eher im didaktischen denn im fachlichen Bereich liegen. Nun ja, ich lasse mich mal überraschen und unterstelle meinen Schützlingen erst einmal, dass mir Szenarien wie oben beschrieben erspart bleiben. Und wenn nicht, lasse ich es euch wissen.

  5. #4
    Benutzerbild von Die Luftgitarre

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    Man muss dazu sagen, daß die Signale, die der einzelne beim Thema Bildung aus der Gesellschaft bekommt, auch widersprüchlich sind: Einerseits muss man in bestimmten Kreisen aufpassen, nicht als PISA-Trottel vorgeführt zu werden, andererseits heißt es überall in der näheren Umgebung des Erwerbslebens (Schülerpraktika, Studienführer, Berufsinformationszentren ect.), seit Jahren, daß man v. a. "praxisnah", "praxisorientiert" sein muss, viele "Praktika machen muss" muss. Heute ist nicht mehr die Schule die ´Schule der Nation´, sondern die Privatwirtschaft; die Botschaft: (Berufs-)"Praxis" ist gut, "graue Theorie" und "Lehrbuchwissen" sind quatsch; die Vergangenheit ist vorbei, die Zukunft kommt eh anders als man denkt, also lebt man am besten einfach in der Gegenwart und konzentriert sich erstmal darauf, daß zu lernen, was im Arbeitsalltag regelmäßig und mit Sicherheit braucht. An die Stelle eines systematisch ausgerichteten Wissensbegriff ("Wie funktioniert die Welt?") tritt ein kurzfristig-instrumenteller Wissensbegriff ("Was muss ich wissen, um über die Runden zu kommen?") Alles andere wird nur als quasi ausgedachter Lehr- und Prüfungs"stoff" ohne Wirklichkeitsbezug wahrgenommen.

  6. #5
    Benutzerbild von ihkawimsns

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    Die Luftgitarre postete
    An die Stelle eines systematisch ausgerichteten Wissensbegriff ("Wie funktioniert die Welt?") tritt ein kurzfristig-instrumenteller Wissensbegriff ("Was muss ich wissen, um über die Runden zu kommen?") Alles andere wird nur als quasi ausgedachter Lehr- und Prüfungs"stoff" ohne Wirklichkeitsbezug wahrgenommen.
    Und das ist irgendwo eine traurige Entwicklung. Auch wenn man längst nicht alles Wissen braucht, was man erwirbt, so erwarte ich zumindest Interesse für einige Wissensbereiche (und nein, damit meine ich nicht die Klatschspalte in der Tageszeitung oder ähnliches). Der Mensch ist doch eigentlich von Natur aus neu- und wissbegierig. Wie langweilig wäre es doch, nicht ab und zu über den eigenen Tellerrand zu schauen!

  7. #6
    Benutzerbild von Torsten

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    Die Luftgitarre postete
    Heute ist nicht mehr die Schule die ´Schule der Nation´, sondern die Privatwirtschaft; die Botschaft: (Berufs-)"Praxis" ist gut, "graue Theorie" und "Lehrbuchwissen" sind quatsch; die Vergangenheit ist vorbei, die Zukunft kommt eh anders als man denkt, also lebt man am besten einfach in der Gegenwart und konzentriert sich erstmal darauf, daß zu lernen, was im Arbeitsalltag regelmäßig und mit Sicherheit braucht. An die Stelle eines systematisch ausgerichteten Wissensbegriff ("Wie funktioniert die Welt?") tritt ein kurzfristig-instrumenteller Wissensbegriff ("Was muss ich wissen, um über die Runden zu kommen?") Alles andere wird nur als quasi ausgedachter Lehr- und Prüfungs"stoff" ohne Wirklichkeitsbezug wahrgenommen.
    Treffend aufgedröselt. Das Beschriebene konzentriert sich ja auch im Bildungsbegriff der Internet-Generation: "Wichtig ist nicht mehr, etwas zu wissen, sondern nur noch zu wissen, wo man es nachschlägt."

    Die auf solche Weise produzierten Fachidioten erweisen sich im Alltag dann aber als kapitale Langweiler. Und es gibt kaum etwas Öderes als Menschen mit einseitigen Interessen und minimalem Gesprächspotenzial.

  8. #7
    Benutzerbild von bubu

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    Die Luftgitarre postete
    Heute ist nicht mehr die Schule die ´Schule der Nation´, sondern die Privatwirtschaft; die Botschaft: (Berufs-)"Praxis" ist gut, "graue Theorie" und "Lehrbuchwissen" sind quatsch; die Vergangenheit ist vorbei, die Zukunft kommt eh anders als man denkt, also lebt man am besten einfach in der Gegenwart und konzentriert sich erstmal darauf, daß zu lernen, was im Arbeitsalltag regelmäßig und mit Sicherheit braucht. An die Stelle eines systematisch ausgerichteten Wissensbegriff ("Wie funktioniert die Welt?") tritt ein kurzfristig-instrumenteller Wissensbegriff ("Was muss ich wissen, um über die Runden zu kommen?") Alles andere wird nur als quasi ausgedachter Lehr- und Prüfungs"stoff" ohne Wirklichkeitsbezug wahrgenommen.
    Das ist doch mal eine treffende Bestandsaufnahme! Das traurige ist, dass diese Taktik auch zum Ziel führt - denn diese Entwicklung hat nicht erst gestern eingesetzt, sondern schon seit Jahren, wie auch DeeTee richtig beschrieben hat. Deshalb weisen heutzutage viele Entscheider in der Privatwirtschaft selbst so eklatante Wissenslücken auf, dass sie natürlich keinerlei "Siebfunktion" mehr ausüben können.

    Um das zu untermauern, vergaß ich oben folgende Anekdote zu erzählen: Ein Kollege von mir hat einen Pullover, der die Flagge Kanadas zeigt. Als wir einmal zu einer Besprechung in das Büro meiner Chefin mussten, fragte sie ihn, was das denn dieses Zeichen zu bedeuten habe, das er da auf seinem Pullover trage...

  9. #8
    Benutzerbild von Babooshka

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    Waschbär schrieb ja irgendwo schon mal, dass er heute so manche Klausur nicht mehr schreiben lassen kann, die vor einigen Jahren noch ganz normal war, weil sie viel zu schlecht ausfällt. Und das ist BAYERN! Ein Bundesland, dessen Kultusministerium immer wieder betont, wie toll doch die Bildung dort sei, wie sehr viel besser sie doch im Vergleich zu den anderen Bundesländern sei und dass man in Bayern sein Abi ja nicht geschenkt kriegen würde (im Gegensatz zu den anderen Bundesländern).

    Ich als freiberufliche Teleworkerin kriege ja nicht so viel von Kollegen usw. um mich rum mit. Manchmal kriege ich aber doch den einen oder anderen Klops zu hören.

    Vor einigen Jahren gab's folgende Situation:
    Mein damaliger sehr guter Kumpel hatte eine kleine Fete veranstaltet, zu der auch meine Freundin eingeladen war. Sie, sehr kultiviert, sehr gebildet, erzählte von einem Blind Date mit einem Mann, das sie erlebt hatte. "Wir unterhielten uns so über Kulturelles, als ich zu ihm meinte, ich würde ganz gerne mal nach Italien fahren, um in die Arena di Verona zu gehen. Und wisst ihr, was der Typ mich fragte? 'Arena di Verona, ist das nicht da, wo immer die Ritterfestspiele stattfinden?'" Großes Gelächter unter den Anwesenden. Nur der Kumpel grinste etwas sparsam. Einige Tage später, ich bin beim Kumpel zu Besuch, wir reden über die Party. "Hihi, haste das gehört, der Typ von M.s Blind Date wusste nicht, was die Arena di Verona ist und was da stattfindet." Antwort vom Kumpel: "Wieso, was is'n da? Ich wusste das auch nicht." Der Mann ist ebenfalls recht gebildet, er ist jedoch ein Fachidiot. Kennt sich mit Wirtschaft, Computern und anderem technischen Schnickschnack sowie damit aus, wie man eine Firma gründet, studiert regelmäßig die Zeitschrift Markt und Technik, hat aber noch nie einen Roman zu Ende gelesen. "Das ist so langweilig, dabei schlafe ich immer gleich ein."

    Und das ist nämlich auch so ein Punkt: Das Fachidiotentum. Fachidioten sind auf ihrem Gebiet die Topchecker, während alle anderen Bereiche bisweilen völlig leer sind. Ich nehme mich da nicht aus und denke, auch ich bin in gewisser Weise Fachidiotin. Vor allem, was Politiker und ihre Ämter gestern und heute sowie nicht allzu wichtige historische Ereignisse angeht, bin ich ziemlich aufgeschmissen. Möglicherweise hätte ich Benno Ohnesorg auch nicht gleich erkannt. Nach der Nennung seines Namens hätte ich dann aber schon weitergewusst.

  10. #9
    Benutzerbild von Muggi

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    Babooshka postete
    Vor einigen Jahren gab's folgende Situation:
    Mein damaliger sehr guter Kumpel hatte eine kleine Fete veranstaltet, zu der auch meine Freundin eingeladen war. Sie, sehr kultiviert, sehr gebildet, erzählte von einem Blind Date mit einem Mann, das sie erlebt hatte. "Wir unterhielten uns so über Kulturelles, als ich zu ihm meinte, ich würde ganz gerne mal nach Italien fahren, um in die Arena di Verona zu gehen. Und wisst ihr, was der Typ mich fragte? 'Arena di Verona, ist das nicht da, wo immer die Ritterfestspiele stattfinden?'" Großes Gelächter unter den Anwesenden.


    Erinnert mich etwas an den Spruch, den jemand im DM-Forum in seiner Sig stehen hat. Ist aber natürlich ein Scherz!

    "Hey, hast gehört, Depeche Mode spielen am 20.01.06 in der LTU-Arena"

    "Na und? Die Fortuna haut denen sicher 3 Dinger rein"




  11. #10
    Benutzerbild von bubu

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    Was ich auch so bemerkenswert finde: galt es früher als peinlich, wenn man Wissenslücken offenbarte, ist das den meisten Leuten heute ziemlich egal. Oder die Unbildung wird sogar ganz offensiv vorgetragen. Befeuert wird so eine Geisteshaltung meiner Meinung nach durch Leute wie Dieter Bohlen oder Verona Feldbusch, die offensichtlich stolz drauf sind, keine Bildung zu haben. Zu allem Unglück transportieren sie das über die Medien. Sie vermitteln damit vielen die Illusion, dass man auch ohne Bildung Erfolg haben kann. In einzelnen Fällen mag das ja stimmen und wie wir gesehen haben, kann man leider mit kurzfristig-instrumentellem Wissen heutzutage auch weit kommen. Für das Gros der Leute wird das aber nicht der Fall sein.

    Und wenn selbst unser Bundeskanzler kein Problem mit seinen Wissenslücken hat, sehe ich schwarz, dass sich an dieser Einstellung bald was ändert. Gibt es nicht die Anekdote: Schröder vor der Berliner Siegessäule gesteht, noch nie etwas vom deutsch-französischen Krieg 1870/1871 gehört zu haben? Seine einzige Frage war nur: "Und? Wer hat gewonnen?"

    Übrigens sehr anschaulich sichtbar wird der von Lufgitarre beschriebene Wertewandel vom strukturellen Wissen hin zum instrumentellen, wenn man in Interviews oder Talkrunden mal Chefs alter Familienunternehmen reden hört. Die haben meistens zu vielen Themen etwas zu sagen und man spürt die Lebenserfahrung. Was für ein Kontrast zu den gelackmeierten Manager-Hoppern von heute, die meist in unerträglichen Anglizismen vieles reden, aber nichts sagen. Das sind in der Tat totale Fachidioten - natürlich mit dem entsprechenden Wertebild. Ähnlich ist das auch in der Politik. Man sehe oder höre sich nur mal alte Polit-Diskussionen an. Mit was für einer rhetorischen Wucht und einem Hintergrundwissen die da aufeinander eindroschen. Das sucht man heute fast vergebens. Mit Joschka Fischer tritt eines der letzten rhetorischen Talente dieser alten Schule nun ab. Stattdessen haben wir heute Politiker vom Schlage einer Silvana Koch-Mehrin. Die wäre damals das reinste Gespött gewesen - wenn sie denn jemals so weit gekommen wäre.

    Es ist meiner Meinung nach daher auch kein Zufall, dass sich frühere Kanzler auch mit Leichtigkeit auf den verschiedensten Parketten bewegen konnten. Ein Schmidt oder Brandt waren belesen, konnten mit Literaten, Künstlern und Philosophen diskutieren. Und Kohl und Schröder? Fehlanzeige... Es sieht auch nicht so aus, als ob sich das bald ändern sollte... Eine Angela Merkel mag sich in Physik und Machtpolitik auskennen - auf mich macht sie aber nicht den Eindruck, dass sie darüber hinaus reichhaltiges Wissen oder vielseitige Interessen besäße.

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