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echt heftig ... für eine, wie O-Geißen sagt, Versöhnungssendung

Erstellt von Heiko, 07.03.2004, 18:15 Uhr · 20 Antworten · 1.870 Aufrufe

  1. #11
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    Aber eines möchte ich den Medien auch zu Gute halten. Hätten wir sie nicht, würden solche Ereignisse wie dieser Mord unter den Teppich gekehrt werden. Niemand würde es sehen, und keiner wüsste, welche grausamen Dinge in dieser Welt geschehen.
    Durch die Medien wird aber auch eine Art künstlicher Hysterie geschürt. Ein paar Mal im Jahr stürzt z.B. irgendwo auf der Welt ein Flugzeug ab, es werden verkohlte Wrackteile gezeigt, Opferzahlen werden genannt, und schon denkt ein nicht unbedingt kleiner Teil der Bevölkerung, Fliegen wäre gefährlich. Von den Tausenden Flügen, die jedes Jahr ihr Ziel unbeschadet erreichen, redet kein Mensch.

    Aber zum Thema Medienhysterie fällt mir als Erfurter noch ein anderes Beispiel ein. Erfurt?! Da war doch was...

    Richtig. Reden wir mal über Gutenberg. Ich weiß nicht, aber irgendwie hatte man damals das Gefühl, dass insbesondere die Fernsehstationen so richtig froh waren, dass mal wieder was richtig "Großes" passiert war. In den Chefetagen mögen einige sich gesagt haben: "Ein Amoklauf? 17 Tote? In Erfurt? Wo liegt das - mitten in Deutschland? Klasse - sofort alle dorthin!"

    Zumindest hat man das damals so empfunden. Am Montag danach (die Tat fand bekanntlich an einem Freitag statt) waren wir mit der Klasse dort, um ein paar Blumen abzulegen. Ich hatte keinen rechten Bezug zu den Opfern und konnte mir schon denken, dass halb Thüringen dorthin pilgern würde. Dementsprechend hatte ich auch keine große Lust dazu, aber da die Klassenmehrheit einschließlich der Klassenleiterin dafür plädierten, stiefelte man eben mit. Dort angekommen, musste man sich erst einmal einen Weg durch ein halbes Dutzend Übertragungswagen bahnen, bevor man am Portal ankam, wo man ca. 30 Sekunden in der ersten Reihe stehen konnte, bevor einen die Menge weiterschob.

    Und so ähnlich ging das noch einige Wochen weiter. Sondersendungen im Fernsehen, Diskussionsrunden in denen sich irgendwelche Pseudo-Experten über Ursachen der Tat im Besonderen und unsere Gesellschaft im Allgemeinen ausließen und große Forderungen aufstellten, und Auftritte der hohen Politik (Schröder und Stoiber sowieso, und auch Westerwelle ließ sich mal zwei Stunden blicken, weil er als Kanzlerkandidat uns Erfurter in dieser schweren Stunde natürlich nicht allein lassen konnte...). Wenn dann noch Sätze fielen wie "Eine Stadt, die ihr Lachen verloren hat", konnte man schlichtweg .

    Die Krönung des Ganzen war dann natürlich noch der Herr Heise, der "Held von Erfurt". Der passte aber auch einfach perfekt in das Konzept der Medien, ein Lehrer, der "womöglich unzählige weitere Opfer verhindert hat" und sich bereitwillig den Medien anvertraute. Der Typ hat ja am Jahresende sogar noch einen Preis dafür bekommen, auch wenn es für's Bundesverdienstkreuz nicht gereicht hat. Wenn Ihr aber mich fragt, hat er einfach nur Glück gehabt. Wäre er ihm fünf Minuten eher begegnet, hätte er selber ein Loch im Kopf gehabt. Aus der Tatsache, dass Herr Steinhäuser den Heise verschont hat, folgere ich, dass der Täter auch ohne diese Begegnung höchstens noch auf sich selbst geschossen hätte. Ich kenne ein paar Leute, die früher mal auf der Schule waren und erzählten, dass der Heise schon vorher unbeliebt war. Und andere, wesentlich beliebtere Lehrer hat es ja erwischt.

    Dies setzte sich so für einige Wochen fort. Dann schritt noch die hohe Politik zu ein wenig Aktionismus - es war immerhin einige Monate vor der Wahl, das darf man nicht vergessen - und beschloss ein paar Gesetzchen, die die Welt verbessern sollten. Ja, und nach einem halben Jahr krähte kein Haar mehr danach. Vielleicht noch ein bisschen in Erfurt selbst, wenn es um Themen wie psychologische Betreuung oder die Sanierung der Schule ging, aber das war's dann auch schon. Nach der Tat bekam man ja große Töne zu hören, dass sich das Verhältnis zwischen Lehrern, Schülern und Eltern grundlegend ändern solle und alle für ein besseres Schulsystem zusammen arbeiten sollen, ja sogar wollen. Über Ansätze ist das aber nie hinaus gekommen. Irgend einer Initiative, die sich im Mai zu diesem Zweck gegründet hatte, sind bis Oktober schon wieder fast alle Mitglieder davon gelaufen. Erfurt?! Da war doch was...

    Ja, und was war nun Schuld am "Amoklauf von Erfurt" (auch wenn das nun kein Amoklauf im eigentlichen Sinne war)?
    Die Musik vielleicht? Der Täter war Slipknot-Fan, aber das sind Tausende andere auch und ziehen deswegen trotzdem nicht mit Pistole und Pumpgun durch die Schulen. Das Argument ist schlicht und einfach Schwachsinn.
    Die Computerspiele vielleicht? Selbe Begründung wie oben - davon sind sogar Hunderttausende betroffen und drehen deshalb trotzdem nicht durch.
    Dass Herr Steinhäuser Zugang zu Waffen hatte? Jein, eine Verschärfung, wie sie geschehen ist, war eine vernünftige Entscheidung, aber das Hauptproblem sind die illegalen Waffen, die sehr viel zahlreicher sind.
    Fehler im Schulsystem? Die waren - und sind - sicherlich vorhanden, aber an seiner Situation war er nun auch irgendwo selbst Schuld.

    Dies sind die vier wichtigsten Kritikpunkte an der Gesellschaft, die man damals als mögliche Ursachen diskutiert hat. Kein einziger - und auch nicht die Kombination aus allen - ist eine Rechtfertigung für einen Massenmord. Dafür ist vor allem, finde ich, eine gehörige Störung im Oberstübchen von Nöten, wie sie wohl ohne Zweifel vorhanden war. Und so lange man die nicht diagnostiziert, ist es auch in Zukunft illusionär, mit irgendwelchen Gesetzen solche Taten zu verhindern. Schließlich gibt es noch unzählige weitere Möglichkeiten, einen Massenmord zu begehen.

    Ich meine, man darf das Geschehene nicht überbewerten. Sicherlich, wenn man selbst davon betroffen ist, ist es schlimm, aber es passiert halt. Früher hat eben mal einer mit der Axt um sich geschlagen, heute nimmt man die Schusswaffe, und in Zukunft vielleicht einen Handlaser. So etwas gab es schon immer und wird es auch immer geben.

    Unter den Tisch kehren sollte man solche Vorfälle nicht, aber den Medien ging es auf keinen Fall darum, die Massen zu informieren. Das war reine, unverfälschte Sensationsgier, und damit indirekt auch Profitgier.

  2.  
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  3. #12
    Benutzerbild von Arcadia

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    Diese Sensationsgier ist wirklich zum , und nachdem ich einmal live erlebt habe, was da abgeht, war ich auch bedient, aber habe dadurch Gott sei Dank auch kapiert, was Sache ist.
    Ich habe mal ein Praktikum bei einem dieser grossen Fernsehsendergemacht. Obwohl ich es nicht wollte, wo bin ich gelandet? Abteilung "Klatschmagazin".
    Eines Tages bekam der Redakteur einen Anruf, und schrie danach zu einem Kollegen durchs Zimmer:"ey, ....., da hat sich schon wieder ein Teenager in....umgebracht. Fahr ma hin, und guck, ob sich die Story lohnt!"

    Ich war so sauer, dass ich direkt meine Tasche gepackt hab und gegangen bin. War seit dem auch nie wieder dort. Vielleicht bin ich mit den Gefühlen zu schnell dabei, aber diese Profit- und Sensationsgier konnte und wollte ich meinerseits nicht unterstützen.
    Finde das einfach nur krank.

  4. #13
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    @ Arcadia

    Wo Du das mit der "sicheren Wirtschaft" her hast und warum Du mir das unter die Nase reibst, weiss ich nicht. Ich schrieb von einem sicheren Land und das im Zusammenhang mit Kriminalität / Gewaltstraftaten und der Tatsache, dass die Lage diesbezüglich naturgemäß schlimmer wahrgenommen wird als sie im Grunde ist (was nie ausschließt, dass es besser sein könnte). Wirtschaft ist für mich als Kaufmann natürlich auch ein interessantes Thema, aber nicht unbedingt im Zusammenhang mit Suizid, Suizidgefährdung und den Folgen von Gewaltdarstellungen und Gewalt.

    Ansonsten halte ich mich an Argumente und empfehle die Verwendung von Gegenargumenten bei Nichtgefallen eher als haltlose Unterstellungen die nichts zur Sache beitragen...

    Dave

  5. #14
    Benutzerbild von Arcadia

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    Weisst du, selbst wenn ich Dir Gegenargumente bringe, kommt das doch nicht bei Dir an. Statistiken, die ich aus sämtlichen Psychologiebüchern bezüglich Missbrauch und Gewalt kenne (die auch alle das gleiche besagen) sind ja doch nicht anwendbar. Wenn Du wirklich meinst, dass es den Menschen in unserem Land gut geht, dann kann ich Dir nur raten mal genauer hinzuschauen. Du meinst tatsächlich, wir sind noch relativ sicher vor Gewaltstraftaten? Dann erklär mir mal, warum jedes 4. !!!!! Kind in Deutschland 5exuell missbraucht wird! Dunkelziffer natürlich ausgeschlossen. Das klingt für mich gar nicht sicher, sondern katastrophal!
    Nochmal zu Gewalt und Medien. Ich habe auch nie behauptet, dass die Gewalt erst mit den Medien kam. Hättest Du richtig gelesen, hättest Du bemerkt, dass ich Dir da recht gebe, dass ein Mensch, der Gewalt ausübt, das Potenzial sowieso schon in sich getragen hat. Meine Behauptung ist aber die, dass die Gewalt weiter durch Medien geschürt wird. Ein potentieller Täter wird nicht auch zwangsläufig zum reellen Täter, aber unter anderem durch Gewaltverherrlichung diverser Medien, denke ich, dass die Möglichkeit, dass er dazu wird, erhöht wird.
    Also denke ich, dass ich zu Deiner Frage bezüglich Hitler (der im Übrigen an der Borderline-Persönlichkeitsstärung litt) nicht mehr grossartig antworten muss. Gewalt gab es schon immer. Das streite ich gar nicht ab, und will es auch nicht schön reden.
    Aber weisst Du, was mir hier persönlich sehr Nahe geht? Ich hoffe, dass es ok ist, wenn ich das hier so ehrlich schreibe, und jetzt nicht noch einen Rüffel dafür kriege. Es tut mir persönlich verdammt weh, dass es Dich so eiskalt lässt, was der besagte Werbespot ausgelöst hat, und dass Du ihn für gut heisst. Ja, das verletzt mich persönlich. Die Aussage, die er haben sollte, kann ich nur befürworten, aber die Umsetzung hat sehr viel Schaden angerichtet, und der wird hier nicht gesehen. Aber ich habe ihn live mitbekommen, und bin daher froh, dass er nicht weiter ausgestrahlt wurde.
    Neben diesem Forum verbringe ich die meiste Zeit in einem anderen Forum, dass ein Treffpunkt ist für Menschen, die Gewalt, Missbrauch, Vergewaltigungen und Misshandlungen erfahren haben, und jeden Tag um ihr überleben kämpfen und ich weiss noch sehr wohl, was dieser Werbespot bei diesen Menschen ausgelöst hat. Manche erlitten Angstzustände, andere Flashbacks und wieder andere fühlten sich in ihrer Hoffnungslosigkeit bestätigt, und versanken tiefer in ihren Depressionen, fügten sich Wunden zu oder ähnliches. Und ich bin daher mehr als dankbar, dass dieser Spot relativ schnell in der Versenkung endete.
    Vielleicht kannst Du aufgrund dieser Schilderung verstehen, warum ich diesem Spot, der so viel Schaden angerichtet hat, nichts Gutes abgewinnen kann...
    ich hoffe einfach mal, dass Du es verstehst. Leider wurde bei dem Thema ein sehr wunder Punkt bei mir getroffen.
    Jetzt hab ich so viel geschrieben, und weiss, dass ich gleich sowieso wieder bereuen werde, dass ich all das erzählt habe, weil das alles Informationen über mich sind, die ich eigentlich nicht so öffentlich darlegen wollte. Aber ich dachte mir, dass Du so am ehesten meine Sicht der Dinge verstehen könntest.

    Arcadia

  6. #15
    Benutzerbild von
    @ Arcadia

    Du willst mir also erklären, dass Du kompetent bist was Selbstmordgefährdete angeht und ich nicht? Es würde ganz offensichtlich sowieso nicht in Dein Weltbild passen, dass ein indirekt Betroffener eine Meinung vertreten kann, wie ich sie vertrete. Ich werde hier Deinen Seelenstriptease auch aus diesem Grund nicht nachahmen um Dir das Gegenteil zu belegen. Wenn Du aber schon so im Thema bist, wirst Du wissen, dass 90% aller Selbstmorde durch Depressionen / Psychosen, also Krankheiten(!) ausgelöst werden und nicht durch verdi-Provokationsspots. Betroffene solcher Krankheiten sind im übrigen durch so ziemlich alles und jeden (also auch völlig unbewusst und unbeabsichtigt) in ihren Handlungen beeinflussbar, das geht bis zu banalsten Dingen, die sich plötzlich zu Auslösern von unvorhersehbaren Handlungen und Gedankengängen hochschaukeln. Die Auslöser werden dadurch allerdings u. U. austauschbar, d. h. es macht keinen Sinn ihnen Schuld an Geschehnissen zu geben (und so verhält es sich für mich im übrigen auch mit Oliver Geissen und dem Ursprungsthema dieses Threads).

    Die Menschen, die in diesem Land das Zusammenleben regeln müssen, können es sich ein Glück nicht erlauben, aus Betroffenheit über einseitig gewichtete Schicksale emotional überzogene Entscheidungen zu treffen. Man muss die Gesamtheit im Auge behalten und dann abwägen

    Wenn Du nach Deiner Meinung einen geeigneten Umgang mit diesem Thema pflegst, dann mach das doch weiter so. Aber Du musst nicht anderen Leuten eiseskälte und Gefühlsarmut unterstellen, nur weil sie Situationen trotzdem sachlich/nüchtern beurteilen können, während Du das anscheinend nicht kannst. Andere können es. So wird Dir auch ein Wolfgang Schäuble, der wegen einem Attentat im Rollstuhl sitzt, weiterhin bestätigen können, dass wir in einem relativ sicheren Land leben. "Nur" dadurch das er selbst von einem Verbrechen betroffen war, hat sich dadurch noch nichts geändert. Es gehört bei solchen Aussagen natürlich dazu, dass man sich bei der Beruteilung von Gesamtzusammenhängen nicht durch eigene Erlebnisse übermannen lässt und in diesem Fall z. B. realistisch davon ausgeht, dass Verbrechen sich nicht ausrotten lassen und man mit einem gewissen Level leben muss, von dem aus man relativ niedrige, mittlere und relativ hohe Kriminalität/Gewalt aus misst. Das es umgekehrt allen Menschen in unserem Land gut geht, habe ich im übrigen nicht behauptet. Ich weiss deshalb auch eigentlich nicht, warum Du Dich immer ausgerechnet über die Dinge am meisten aufregst, die ich gar nicht geschrieben habe. Das war ein Posting vorher schon bei der "sicheren Wirtschaft" so. Wenn Du meinst, mein Diskussionsstil sei nicht in Ordnung, frage ich mich doch echt was das dann ist.

    Es ist für mich keinesfalls neu, dass Bilder Macht haben. Und es gibt für diverse Gruppen von Menschen bei diverse Arten von (TV-) Bildern durchaus eine Menge auszuhalten, durchzustehen und vor dem geistigen Auge wiederzuerleben, bei dem sich andere Menschen gar nichts denken. Die Wahrscheinlichkeit ist bei provokativen Bildern naturgemäß sogar sehr hoch.

    Ob ein erfolgreiches wachrütteln der Politik zum Nutzen von Hunderttausenden Jugendlichen und jungen Erwachsenen, evtl. vorübergehenden Stress von Betroffenen der geschilderten Handlungen hätte rechtfertigen können, vermag ich nicht zu beurteilen (das Thema ist ja mit dem Spot wieder ziemlich von der Bildfläche verschwunden). Es wird solche Situationen immer geben, so z. B. auch im Gerichtssaal, wenn ein Vergewaltigungsopfer nochmal in allen Details durch die Hölle muss, um den Täter seiner gerechten Bestrafung zuzuführen. Rechtfertigt dieser Nutzen diese seelische Grausamkeit? Ich glaube darüber besteht kein Zweifel. Inwieweit sich das auf Menschen übertragen lässt, die durch eine Aktion, die Hunderttausenden den potenziellen Nährboden für eine Suizidversuchs-Karriere ersparen soll, wieder an ihre eigenen Erlebnisse erinnert werden, kann man unterschiedlich beurteilen und dabei trotzdem sachlich bleiben.

    Dave

  7. #16
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    Arcadia postete
    Dann erklär mir mal, warum jedes 4. !!!!! Kind in Deutschland 5exuell missbraucht wird! Dunkelziffer natürlich ausgeschlossen.
    Mal im Ernst: Wo hast Du denn diese Zahl her?! Das erscheint mir aber schon sehr unrealistisch!

  8. #17
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    ihkawimsns postete
    Arcadia postete
    Dann erklär mir mal, warum jedes 4. !!!!! Kind in Deutschland 5exuell missbraucht wird! Dunkelziffer natürlich ausgeschlossen.
    Mal im Ernst: Wo hast Du denn diese Zahl her?! Das erscheint mir aber schon sehr unrealistisch!
    Das Problem ist, dass bei solchen Dingen jeder mit anderen Zahlen operiert.
    Da Arcadia die Dunkelziffer allerdings explizit ausgeschlossen hat, müsste man schon mit den polizeilich bekannt gewordenen Fällen arbeiten. Die Polizeiliche Kriminalitätsstatistik gibt demgegenüber allerdings ziemlich genau 20 Fälle pro 100.000 Einwohner her. Das ist dann übrigens weniger als in den 70er Jahren (was es nicht besser macht, das muss ich ja dazu schreiben). Damit möchte ich nichts relativieren oder verharmlosen, aber es wird heute gerne so hingestellt, als wäre es noch nie so schlimm gewesen wie jetzt und das stimmt so betrachtet einfach nicht.

    Nehmen wir eine seriös ermittelte Dunkelziffer mit dazu, kommen wir u. U. näher an Arcadias Zahl. Doch da liegt auch gleich schon die Falle: Wo fängt Missbrauch an und wo hört Missbrauch auf? Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen hat in einer Studie Zahlen ermittelt, mit der man sowohl auf Zahlen kommen kann, nach denen jedes 5. Kind betroffen ist, als auch auf Zahlen nach denen "nur" jedes 30. Kind durch einen oder mehrere Vorfälle betroffen ist. Es kommt drauf an wonach gefragt wird und ob die Zahlen nach Männern und Frauen getrennt ermittelt werden. Incl. Erlebnissen von Frauen mit Exhibitionisten oder verbalen Anzüglichkeiten bis zum 16. Lebensjahr kommst Du auf die horrende Zahl von 1/5 Betroffenen. Wird bei beiden Geschlechtern absolut auf das eingeschränkt, was man gemeinhin unter Missbrauch versteht, kommt die Zahl von 4% raus - das wären dann immer noch schlimme 4 von 100 Kindern, aber das ist sehr sehr weit von "jedem 4. Kind" entfernt.

    Die Kriminalstatistik zeigt also einen Rückgang der festgestellten Straftaten und seriös ermittelte Studien die kriminologischen und wissenschaftlichen Maßstäben genügen ergeben bei weitem nicht das Ausmaß, dass man uns von verschiedenen Stellen in den letzten Jahren vermittelt.

    Solche möglichst hohen Zahlen werden immer wieder gerne von Politikern, die eigentlich ganz andere Interessen verfolgen (Gesellschaftlich akzeptierte Einführung von Internet-Zensurmöglichkeiten, Durchsetzung von allgemeinen Überwachungsmaßmahmen etc.), Sensations-Medien (Quote / Auflage, menschelndes Image) und von Gruppen die man nicht kritisieren darf verwendet, da sie natürlich nur helfen wollen und gutes im Schilde führen. Das ganze hat zu einer Hysterie geführt, die mittlerweile hunderte Kindergärtnerinnen beim kleinsten blauen Fleck oder einer wortkargen Phase ihrer Schützlinge sofort an häuslichen Missbrauch denken lässt. Gerade Vereine die sich motiviert dieses Themas annehmen, haben nachweislich schon Dutzende Männer, Familien und Kinder unter falschen Anschuldigungen ins Unglück gestürzt und gänzlich unangetasteten Kindern jahrelange Heimaufenthalte eingebrockt.

    Siehe auch:
    http://www.pappa.com/mmdm/main3gf.htm
    http://www.pappa.com/mmdm/pfedder.htm

    Das operieren mit unseriösen, völlig übertriebenen Zahlen und Darstellungen hat zu dieser Fehlentwicklung geführt und nachweislich schon mehr geschadet als es genutzt hätte.

    Ich finde diese Diskrepanz deshalb ausserordentlich interessant, weil wir hier ja nun gerade die Diskussion hatten, dass ein gewisser TV-Spot natürlich schädlich wäre, weil er schlimme Dinge darstellt und auf der anderen Seite mit völliger Selbstverständlichkeit übertriebene Zahlen zur Erzielung von Schockeffekten in die Welt gesetzt werden, die nachweislich schon zu zahlreichen Fällen gerichts- und TV-bekannten Unglücks geführt haben (siehe eben auch die obigen Links).

    Wie schon gesagt.... m. E. sind Emotionen bei solchen Themen sehr schlechte Berater. Da kann man es noch so gut meinen, machen tut man es meistens schlecht!

    Dave

  9. #18
    Benutzerbild von DeeTee

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    @arcadia & all:

    Zum Thema des vermeintlichen Kindesmissbrauchs gibt es bereits sehr viel Material, um dieses Phänomen zu erklären. Dave hat etwas zu den Fakten in Deutschland gesagt. Hier noch etwas zu den Hintergründen:

    http://www.novo-magazin.de/41/novo4134.htm
    http://www.novo-magazin.de/63/novo6332.htm
    http://www.neuro24.de/glossarf.htm Stichwort "false memory syndrom"

    Grüße!
    DeeTee

  10. #19
    Benutzerbild von ihkawimsns

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    Dave Bowman postete
    Solche möglichst hohen Zahlen werden immer wieder gerne von Politikern, die eigentlich ganz andere Interessen verfolgen (Gesellschaftlich akzeptierte Einführung von Internet-Zensurmöglichkeiten, Durchsetzung von allgemeinen Überwachungsmaßmahmen etc.), Sensations-Medien (Quote / Auflage, menschelndes Image) und von Gruppen die man nicht kritisieren darf verwendet, da sie natürlich nur helfen wollen und gutes im Schilde führen.
    Das sehe ich ganz genauso (siehe den obigen Beitrag).

  11. #20
    Benutzerbild von ihkawimsns

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    Zu meinen obigen Worten habe ich hier noch einen aktuellen Artikel aus der Thüringer Allgemeine:



    Viel versprochen



    "Schrei nach Veränderung". Jene Erfurter Schülergruppe, die sich nach dem Massaker am Gutenberg-Gymnasium gründete, gab dem Film seinen Namen. Heute Abend wird er um 19 Uhr in der Universität Erfurt erstmals öffentlich gezeigt und gewiss werden viele fragen, was sich seit jenem 26. April 2002 geändert hat.


    "Ich denke, ich stehe noch am Anfang meines Lebens." Der das schrieb, war Robert Steinhäuser, Schüler am Gutenberg-Gymnasium, Deutschaufsatz 11. Klasse. Monate später brachte er 16 Menschen um und dann sich selbst. Sehr viele Menschen, nicht nur in Erfurt, sagten danach, wie das denn geschehen konnte und dass sich etwas ändern müsste. Im Predigerkeller trafen sich nach jenem 26. April täglich fast 30 Schüler. Ihr Thema wurde ihr Name: Schrei nach Veränderung.

    Sören Becker (heute 20) war damals dabei. "Unser Grundappell: Schule sollte menschlicher sein. Kleine Klassen, mehr nach Interessen lernen. Vor allem wollten wir mehr Respekt, eben auch Respekt gegenüber Schülern." Sören hatte gerade Abitur am Erfurter Heinrich-Mann-Gymnasium gemacht. Nein, sagt er, glücklich sei er dort nicht gerade gewesen. Sein Mühen um Gespräche mit der Schulleitung fand er letztlich sinnlos, er hatte schon fast resigniert. Und hatte dann doch plötzlich Hoffnung.

    Auf dem Domplatz formierte sich Schüler-Widerspruch. Es wurde diskutiert, geschimpft. Politiker kamen, beruhigten, zeigten Verständnis für alle, die sich über das Thüringer Schulsystem ärgerten, das Gymnasiasten, die kein Abitur schafften, ohne Schulabschluss entließ.

    Fast zwei Jahre sind vergangen. Es ist ruhig geworden. So mancher ist darüber richtig froh. Laut sind nur die Bagger am Gutenberg-Gymnasium, das sich bis Jahresende neu präsentieren soll. Seit vorigen Sommer gilt in Thüringen ein neues Schulgesetz. Das sieht unter anderem Prüfungen für Zehnt-klässler am Gymnasium vor. Ab diesem Schuljahr verbindlich für alle. Das neue Gesetz, betont Kultusminister Michael Krapp (CDU), sei keineswegs eine "Schnellreparatur" nach dem Anschlag gewesen. Und eine "tiefgreifende öffentliche Debatte zur Bildungspolitik" habe es sehr wohl gegeben. Schließlich habe sich sogar eine Enquetekommission Bildung im Landtag gegründet. Die legt noch diesen Monat ihren Abschlussbericht vor - ein "Spiegelbild der Debatte", so Minister Krapp schon jetzt anerkennend.

    Allerdings: Kleine Klassen gibt es in Thüringen auch weiter nicht. Die Klassenleiterstunde darf jetzt zwar gehalten werden, aber es gibt sie nur, wo sich Schulen dies im Stundendeputat abzweigen. Von den 16 Schulpsychologen, die nach der Bluttat in den Schulämtern zusätzlich eingestellt wurden, durften nur fünf bleiben. Nicht ein entlassener Lehrer kam zurück. Neue Schulsozialarbeiter - Fehlanzeige.

    Nur drei Wochen, sagt Sören, habe man damals offen geredet und Gesprächspartner gefunden, die zuhörten. Auch in der Politik. Dann war alles vorbei. Der Kultusminister habe Schülern von "Schrei nach Veränderung" zwar versprochen, sie zu Debatten um Änderungen im Schulgesetz einzuladen. Passiert sei aber nichts. Gar nichts. "Über die politischen Prozesse etwas zu verändern, haben wir aufgegeben", so Sören. Schon bald waren von 30 nur noch 15 Mitglieder in der Gruppe.

    Uwe Röpcke ist Vater eines Achtklässlers und Landeselternsprecher für Gymnasien. Er ist froh, dass es überhaupt eine öffentliche Debatte über Schule gab, dass danach Kopfnoten eingeführt wurden und über das Ganztagsschulprogramm des Bundes endlich in ein paar Schulen die Handwerker einrücken. Aber er sagt auch, dass es für viele Familien unverändert schwer ist, ihre Kinder, die oft fast erwachsen sind, nicht zu verlieren. Dass es schwer ist, ihre Sorgen noch zu hören, zu verstehen, sie nicht allein zu lassen, statt nur eigenen Problemen nachzuhängen. Dass Schule da besser helfen, einspringen müsste, ist seine ungebrochene Hoffnung. Und dass Lehrer dafür in der Schule einfach länger da sein müssten. Bis nachmittags. An einem Schreibtisch für jeden Lehrer könne es doch nicht liegen.

    Wir sind, sagt der Erfurter Jugendpfarrer Jeremias Treu, irgendwann doch alle wieder in unseren Alltag zurückgekehrt. "Nur, es war nicht mehr der selbe." Wochenlang hatte er betroffene Schüler betreut und erst später überlegt, in welchem Kontext das Schreckliche passiert war. Nicht vieles von dem, was er für Jugendliche herbei wünschte, trat auch ein. "Aber es gab einen Impuls, Veränderungen. Nicht messbar, kaum spürbar, aber doch vorhanden." Zumindest in Erfurt, wo alles sehr nah ist und man sich kennt. Der Jugendpfarrer hat den Versuch nicht aufgegeben, Jugendlichen ans Herz zu legen: Schimpfe nicht über deinen Nächsten, zeige nicht mit Fingern auf Politiker, die du selbst gewählt hast, frage nicht dauernd, wann sich endlich etwas ändert. Tu selbst etwas.

    Sören Becker hat etwas getan. Er ging im vorigen Jahr nach Südafrika und hat dort in einer Schule in einem sozialen Projekt mitgearbeitet. Über 50 Kinder je Klasse, erzählt er, dass es zu wenig Lehrer gibt und dafür viele soziale Probleme. Dass sich Schüler nachmittags in der Schule treffen, um dort zu lernen. Denn daheim haben sie keinen Platz für ihre Hefte. Unvergessen ist ihm, wie eine Schülerin in die erste Volleyball-Liga aufgenommen wurde, die Schule verließ und alle auf dem Schulhof applaudierten. Sie hatte es geschafft. Begriffe wie Reichtum, Armut, Sicherheit haben seitdem für Sören irgendwie einen neuen Inhalt.

    Schrei nach Veränderung, eine handvoll Jugendlicher ist geblieben. Man trifft sich privat, von Zeit zu Zeit. Manchmal verlässt einer die Gruppe zum Studium, zum Bund, kehrt zurück. Was sie eint ist die Hoffnung auf Veränderung. Denn sie alle stehen ja noch am Anfang ihres Lebens.


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