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Gibt es heute eigentlich noch jugendliche Subkulturen?

Erstellt von Die Luftgitarre, 15.02.2004, 23:41 Uhr · 9 Antworten · 3.267 Aufrufe

  1. #1
    Benutzerbild von Die Luftgitarre

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    Man ist es ja gewohnt, bei jugendkulturellen Stilrichtungen immer auch gleich von "Subkulturen" zu sprechen. Aber macht es heute wirklich noch Sinn, von "den Skatern", "den Ravern", den "den Gothics", den "HipHopern"(???) zu sprechen, oder projizieren da 68er-Soziologen ein damals vielleicht sinnvolles Ordnungsmuster auf die heutige Jugend?

    Könnt Ihr folgende Eindrücke bestätigen?:

    - Es gibt zwar von der Angebotsseite her nach wie vor unterschiedliche Musikrichtungen, aber die allermeisten antworten heutzutage auf die Frage nach ihrem Musikgeschmack einfach nur noch: "Och, alles querbeet."

    - Was die Outfits angeht, so kann ich auf der Straße keine wirklichen Stilgrenzen und -gruppen mehr erkennen. Es tragen im wesentlichen alle die eine, jeweils aktuelle Mode in unterschiedlich teuren Ausführungen und mit der einen oder anderen individuellen Stilnuance

    - Inbesondere ist es kaum noch möglich, von der Kleidung und der Frisur auf den Musikgeschmack zu schließen.

    - Die Jugendlichen definieren sich auch selber nicht als "Raver", "HipHopper" o. ä.

    - Überhaupt scheint der "kulturkämpferischer Ernst" aus dem Thema Jugendkultur verschwunden zu sein. Skateboard-fahren ist einfach ein Hobby, die Love-Parade ein moderner Karnevalsumzug, HipHop einfach nur eine persönlich bevorzugte Musikrichtung - das alles sind keine Themen, für die man Konflikte (mit anderen Jugendlichen, den Eltern, der Schule, dem Ausbilder ...) in Kauf nehmen wollte oder müßte. Selbst mit Kiffen oder Tätowierungen kann man allenfalls noch in der tiefsten Provinz provozieren.

    - Auch in den Medien wird heute i. d. R. einfach über "die Jugend", bzw. über "Problemjugendliche" geredet, aber nur in seltenen Fällen über vermeintliche subkulturelle Szenen. D. h. Jugend wird zunehmend als homogene Masse wahrgenommen (nur noch unterschieden nach Bildungsgrad und Berufschancen).


    Diese Entwicklung scheint mir v. a. zwei Ursachen zu haben:

    - Einerseits hat die erwachsene Normalbevölkerung mittlerweile gemerkt, daß der ganze Medienwirbel, den es in den 50ern ("Halbstarke", "Existenzialisten"), 60ern ("Gammler"/"Hippies"), 70ern ("Spontis", "Rocker") bis 80ern ("Punks", "Popper", "Grufties", "Metalls") um jugendliche Subkulturen gegeben hatte, maßlos übertrieben gewesen war. Egal ob Drogen, Okkultismus, Auflösung der Familie, Sci-Fi-mäßige Großstadt-Bandenkriegs-Szenarien oder Kommune-Leben und Revolution - all das hatte sich in 99,999% aller Fälle als Koketterie oder allenfalls als "so ´ne Phase" entpuppt. Also wurde die erwachsene Normalbevölkerung gelassener.

    - Umgekehrt sahen sich Jugendliche immer weniger auf Grund ihrer Freizeitgestaltung stigmatisiert und in die Subkultur-Ecke gedrängt.

    So war irgendwann in den 90ern aus dem Thema "Subkultur" endgültig "die Luft raus."

  2.  
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  3. #2
    Benutzerbild von compagnies

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    Subkulturen werden m. E. noch immer sehr gepflegt; lediglich nicht mehr so offensichtlich nach außen getragen (wie bspw. durch ein "offenes" Bekenntnis mittels Kleidung o. ä.). Das mag der Tatsache einer größeren Offenheit geschuldet sein, weil es eine gewisse Erreichbarkeit der meisten sozialen Gruppen gibt; die Schnittstellen sind weicher geworden. Es ist heuer kein Widerspruch mehr, in der Gewerkschaft und in der CDU zu sein (in Ermangelung eines besseren Bsp.). Es gibt auch einen erkennbaren Vorbehalt gegen diese "Veröffentlichung" der eigenen Meinung durch "Kulturinsignien" wie die Kleidung, weil der Freiheit, seine Meinung zu einem anderen Lebenszeitpunkt zu ändern, eine größere Wertschätzung beigemessen wird.

    Auf der anderen Seite haben Riesenveranstaltungen wie Konzerte (für die Karten teilweise nicht zu bezahlen sind) einen ebensolchen Zulauf, wie vermeintliche "Kult"-Geschichten. Seit Jahren laufen ans Millerntor Kiddies, von denen viele eher zum *** gehörten.

    Ich denke, die Größe der Gemeinschaft hat sich verändert. Partielle Gemeinschaft in großen Veranstaltungen und sonst einem (oder mehreren) verschworenen Haufen angehören; das scheint mir modern.

  4. #3
    Engel_07
    Benutzerbild von Engel_07
    Ich habe beruflich mit vielen Auszubildenden (also i.d.R. jungen Menschen im Alter zwischen 17 und 21 Jahren) zu tun.

    Deshalb mal ein paar Anmerkungen hierzu:

    Die Luftgitarre postete
    Könnt Ihr folgende Eindrücke bestätigen?:

    - Es gibt zwar von der Angebotsseite her nach wie vor unterschiedliche Musikrichtungen, aber die allermeisten antworten heutzutage auf die Frage nach ihrem Musikgeschmack einfach nur noch: "Och, alles querbeet."
    Das kann ich so nicht beobachten! Da gibt es schon teilweise ganz klare Abgrenzungen. Es gibt immer noch die Technokids, die das K*tzen bekommen, wenn über Bands wie Hosen oder Metallica gesprochen wird. Und es gibt auch die HipHopper, die sich über alles aufregen, was nichts mit Hip Hop zu tun hat.
    Die Mehrheit scheint aber tatsächlich auf diese R´n´B-Schiene abzufahren und meckert sowohl bei Techno/Dance, als auch bei allem, was irgendwie nach Rockmusik klingt.

    Ach so, ein paar Leute, die eher auf die alternativen rockigen Sachen stehen, gibt es zum Glück auch noch! Allerdings hören von denen auch sehr viele Böhse Onkelz, wo ich dann immer muss!

    Die Luftgitarre postete
    - Was die Outfits angeht, so kann ich auf der Straße keine wirklichen Stilgrenzen und -gruppen mehr erkennen. Es tragen im wesentlichen alle die eine, jeweils aktuelle Mode in unterschiedlich teuren Ausführungen und mit der einen oder anderen individuellen Stilnuance

    - Inbesondere ist es kaum noch möglich, von der Kleidung und der Frisur auf den Musikgeschmack zu schließen.

    - Die Jugendlichen definieren sich auch selber nicht als "Raver", "HipHopper" o. ä.
    Das kann ich dann wieder bestätigen (auch wenn ich oben von HipHoppern geschrieben habe). Vor allem diese Einheitsmode ist manchmal echt nervend!


    Die Luftgitarre postete
    - Überhaupt scheint der "kulturkämpferische Ernst" aus dem Thema Jugendkultur verschwunden zu sein. Skateboard-fahren ist einfach ein Hobby, die Love-Parade ein moderner Karnevalsumzug, HipHop einfach nur eine persönlich bevorzugte Musikrichtung - das alles sind keine Themen, für die man Konflikte (mit anderen Jugendlichen, den Eltern, der Schule, dem Ausbilder ...) in Kauf nehmen wollte oder müßte. Selbst mit Kiffen oder Tätowierungen kann man allenfalls noch in der tiefsten Provinz provozieren.
    Generell interessieren sich die wenigsten Jugendlichen noch für Politik!
    Das macht sich auch bei Berufsschülern vor allem an den Schulnoten in den Fächern Politik und Wirtschaftslehre bemerkbar. Letzteres ist in allen Ausbildungsberufen Prüfungsfach, aber es hat erstmal nicht direkt etwas mit der täglichen Arbeit zu tun und wird somit meistens als "langweilig" und "uninteressant" abgetan.

    Ich habe da manchmal schon arge Probleme, meinen Schützlingen den Unterschied zwischen Bundeskanzler und Bundespräsidenten klar zu machen!
    Wie soll man da noch von einem politischen Hintergedanken bei der Mehrheit der Teilnehmer von Großveranstaltungen wie der Loveparade ausgehen?

    Der Punkt Kiffen schockt zwar heute keinen Lehrer mehr, aber ich kann mir vorstellen, dass es ein ziemliches Problem an Schulen darstellt! Ich höre auch von Berufsschullehrern, dass einige Schüler regelmäßig "gedoped" in den Unterricht kommen.

    Die Luftgitarre postete
    - Auch in den Medien wird heute i. d. R. einfach über "die Jugend", bzw. über "Problemjugendliche" geredet, aber nur in seltenen Fällen über vermeintliche subkulturelle Szenen. D. h. Jugend wird zunehmend als homogene Masse wahrgenommen (nur noch unterschieden nach Bildungsgrad und Berufschancen).
    Vor allem der Zusatz in den Klammern wird in den nächsten Jahren meiner Einschätzung nach noch viel stärker deutlich werden. Und irgendwie warte ich da auch auf den großen Knall! Irgendwie scheint es immer mehr Jugendliche mit schlechten Schulabschlüssen oder ohne Schulabschluss zu geben (beweisen kann ich das jetzt nicht, aber es scheint so).

    Die Besseren bekommen hier vor Ort die begehrten Ausbildungsplätze bei den großen Firmen, die sich noch aussuchen können, wen sie nehmen werden. Kleinere Handwerksbetriebe bekommen dann den Rest. Und die fluchen über die ungebildeten Jugendlichen, die zudem oft auch noch rotzfrech sind und die es manchmal scheinbar auch gar nicht zu schätzen wissen, dass sie noch einen Ausbildungsplatz bekommen haben. Dadurch büßen einzelne Handwerksberufe nach und nach deutlich an Ansehen ein. Viele Meister haben mittlerweile schon keine Lust mehr, überhaupt noch auszubilden!

    Die Luftgitarre postete

    Diese Entwicklung scheint mir v. a. zwei Ursachen zu haben:

    - Einerseits hat die erwachsene Normalbevölkerung mittlerweile gemerkt, daß der ganze Medienwirbel, den es in den 50ern ("Halbstarke", "Existenzialisten"), 60ern ("Gammler"/"Hippies"), 70ern ("Spontis", "Rocker") bis 80ern ("Punks", "Popper", "Grufties", "Metalls") um jugendliche Subkulturen gegeben hatte, maßlos übertrieben gewesen war.
    Wahrscheinlich können uns die Kids von heute damit am meisten schocken, dass sie eben keine Jugendbewegungen und Subkulturen haben!

    Irgendwie hat es mich früher auch immer schon genervt, das ich nie wirklich Teil einer Jugendbewegungn war (Grüße an Tocotronic)

  5. #4
    Benutzerbild von Die Luftgitarre

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    Neben-Thread-Verzweigung zum Thema Ausbildungsproblematik:

    Engel_07 postete
    Irgendwie scheint es immer mehr Jugendliche mit schlechten Schulabschlüssen oder ohne Schulabschluss zu geben (beweisen kann ich das jetzt nicht, aber es scheint so).

    Die Besseren bekommen hier vor Ort die begehrten Ausbildungsplätze bei den großen Firmen, die sich noch aussuchen können, wen sie nehmen werden. Kleinere Handwerksbetriebe bekommen dann den Rest. Und die fluchen über die ungebildeten Jugendlichen, die zudem oft auch noch rotzfrech sind und die es manchmal scheinbar auch gar nicht zu schätzen wissen, dass sie noch einen Ausbildungsplatz bekommen haben. Dadurch büßen einzelne Handwerksberufe nach und nach deutlich an Ansehen ein. Viele Meister haben mittlerweile schon keine Lust mehr, überhaupt noch auszubilden!
    Ich glaube, die Wahrnehmung einer immer schlechteren Schulbildung und Ausbildungs-Eignung vieler Jugendlicher beruht auf einem Missverständnis: In Wirklichkeit sind einfach nur die Auswahlkriterien bei der Lehrstellenvergabe strenger geworden, und dies nicht so sehr aufgrund gestiegener praktischer Anforderungen bei der realen Berufsausübung, sondern einfach nur weil es sich die Ausbilder aufgrund der Massenarbeitslosigkeit leisten können, immer wählerischer zu werden.

    Insbesondere hat die hohe Abiturienten- und Akademiker-Arbeitslosigkeit zu einer verschärften Konkurrenz auch im Bereich der Lehr-Berufe geführt, indirekt bis in den Bereich der früheren Hauptschulabsolventen-Berufe!

    - Früher (bis ungefähr 1975) war z. B. der Journalismus das klassische Auffangbecken für Uni-Abbrecher (Logisch: Wozu braucht ein Lokalredakteur etwa den "letzten wissenschaftlichen Schliff", den die Examensphase mit sich bringt!?). Heute, wo es arbeitslose Uni-Absolventen wie Sand am Meer gibt, ist der Uni-Abschluß die bloß notwendige Grund--Voraussetzung, um für ein Volontariat auch nur in Betracht gezogen zu werden!

    - Der Domino-Effekt: Die Studienabbrecher, ebenso wie die einfachen Abiturienten kloppen sich nun wiederum um die Lehr- (bzw. Umschulungs-)Stellen etwa im kaufmännischen/Verwaltungs- oder technischen Bereich, für den früher oft noch der Realschulabschluß genügt hat. (Früher hat man sich noch gesagt: Wozu soll z. B. ein Verwaltungsfachangesteller oder ein Feinmechaniker Abiturwissen über Goethes "Faust" oder Einsteins Relativitätstheorie besitzen!?) Die Realschul-Absolventen werden dadurch "nach unten" abgedrängt ...

    - ... und verdrängen dort wiederum die Hauptschul-Absolventen aus den handwerklichen Berufen!

    Die Folge: Die weniger begehrten Ausbilder, die nicht unter Bewerbern mit Abi oder Realschul-Abschluß wählen können, nehmen jene trotzdem als Maßstab und empfinden es auf einmal als Zumutung, Lehrstellen mit Hauptschulabsolventen besetzen zu müssen - auch wenn sie dies in den Jahrzehnten zuvor ganz selbstverständlich getan haben!

    Und manche Firmen, die (mangels gesellschaftlichem Verantwortungsbewußtseins) sowieso keine Lust haben, auszubilden, greifen diese Hauptschüler-Schelte dann auf, und schieben sie in der Öffentlichkeit als Ausrede vor.

  6. #5
    Benutzerbild von Die Luftgitarre

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    Wieder zum Hauptthread-Thema jugendliche Subkulturen:

    [b]
    Da gibt es schon teilweise ganz klare Abgrenzungen. Es gibt immer noch die Technokids, die das K*tzen bekommen, wenn über Bands wie Hosen oder Metallica gesprochen wird. Und es gibt auch die HipHopper, die sich über alles aufregen, was nichts mit Hip Hop zu tun hat.
    Die Mehrheit scheint aber tatsächlich auf diese R´n´B-Schiene abzufahren und meckert sowohl bei Techno/Dance, als auch bei allem, was irgendwie nach Rockmusik klingt.
    Kann man das irgendwie näher charakterisieren, welche Jugendliche worauf stehen (nach Bildung, Geschlecht, Stadt/Land-Jugend o. ä.) oder wie die Fans dieser verschiedenen Musikrichtungen "so drauf sind"?

    [b]
    Ach so, ein paar Leute, die eher auf die alternativen rockigen Sachen stehen, gibt es zum Glück auch noch! Allerdings hören von denen auch sehr viele Böhse Onkelz, wo ich dann immer muss!
    Ja, den Eindruck hab ich auch in den letzten Jahren bekommen, daß die "Böhsen Onkelz" sehr viel populärer sind, als man Angesichts ihrer geringen Radio/MTV-Präsenz anhenommen hätte! Auf jeden Fall weit über die Neonazi-Szene hinaus, (und übrigens auch durchaus unter Mädchen, was zunächst vielleicht überraschen mag)! Milieumäßg kann ich das aber nicht näher einordnen.

    Ich finde den heimlichen Mega-Kult um diese Band schon ziemlich befremdlich. Nicht wegen ihrer Vergangen (von der haben sie sich ja schon seit längerem distanziert, was ich sogar für halbwegs glaubwürdig halte, denn ich glaube nicht, daß die Bandmitglieder in irgendeiner Weise politisch interessiert sind!), sondern weil ihre billige Masche darin besteht, Hass-Texte zu vertonen, die so diffus und unkonkret sind, daß sie irgendwie jeder für sich verstehen kann und sich dabei noch als gaaanz gefährlicher Rebell verstehen mag, weil "die ja von MTV boykottiert werden!"


    [b]Generell interessieren sich die wenigsten Jugendlichen noch für Politik!
    Das macht sich auch bei Berufsschülern vor allem an den Schulnoten in den Fächern Politik und Wirtschaftslehre bemerkbar. Letzteres ist in allen Ausbildungsberufen Prüfungsfach, aber es hat erstmal nicht direkt etwas mit der täglichen Arbeit zu tun und wird somit meistens als "langweilig" und "uninteressant" abgetan.

    Ich habe da manchmal schon arge Probleme, meinen Schützlingen den Unterschied zwischen Bundeskanzler und Bundespräsidenten klar zu machen!
    Wie soll man da noch von einem politischen Hintergedanken bei der Mehrheit der Teilnehmer von Großveranstaltungen wie der Loveparade ausgehen?
    Naja, unpolitisch waren ja auch die allermeisten Hippies oder Punks. Aber ihr Lebensstil wurde von der Gesellschaft so sehr angefeindet, daß das jeweilige Outfit gewissermaßen Bekenntnis-Charakter bekam.

  7. #6
    Benutzerbild von Die Luftgitarre

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    compagnies postete
    Subkulturen werden m. E. noch immer sehr gepflegt; lediglich nicht mehr so offensichtlich nach außen getragen (wie bspw. durch ein "offenes" Bekenntnis mittels Kleidung o. ä.).
    Ja, insbesondere der Typus "langhaariger (männlicher) Rockmusik-Fan" ist praktisch ausgestorben! Die Frage ist nun, ob dies nur eine Veränderung im visuellen Stil einer Jugendkultur bedeutet oder aber ihr Aufgehen in der (nunmehr musikmäßig pluralistischen) "Normalbevölkerung".

    Was im Grunde zu der Frage führt: Was genau macht eine jugendliche Subkultur eigentlich aus?

    Das gemeinsame Merkmal aller jugendlichen Subkulturen, von den "Halbstarken" und "Exis" bis zu den Punks und Popper, scheint mir gewesen zu sein, daß die Subkultur von ihren Anhängern sehr ernst genommen wurde, daß man nicht einfach einen Musikgeschmack hatte, sondern sich über ihn definierte, und daß man in der jeweiligen "Szene" lebte wie in einer kompletten Parallelwelt: mit eigener Kleiderordnung, eigenen Sprachregelungen und Umgangsformen, eigenen Feiertagen (Musik-Festivals) und eigenen Instsitutionen (Fanzines, Treffpunkte), ja sogar einem eigenen Traditionsbewußtsein ("als alles anfing": "San Francisco ´67", "London ´77" ect.; das Grab von So-und-so ...)

    Dies setzte doch eine innere, aber auch reale Distanz zur "profanen Normalwelt" der jeweiligen Elterngeneration - mit ihren Büros, Bausparverträgen, Versicherungen, Elternabenden und Behördengängen - voraus. In der zeithistorischen Fachliteratur wird ja das Entstehen der Subkulturen oft mit der "verlängerten Jugendzeit" der nach dem II. Weltkrieg geborenen erklärt (wegen der im Schnitt längeren Ausbildungszeiten).

    Aber kann man nicht sagen, daß sich dieser Trend zur "verlängerten Jugendzeit" mittlerweile wieder umgekehrt hat? Die Ausbildungszeiten sind zwar (noch) nicht wesentlich kürzer geworden, aber die Jugendlichen werden heute doch schon sehr frühzeitig bombardiert mit Schlagwörtern wie "PISA-Studie!", "Lehrstellen-Misere!", "Uni-Ranking", "rechtzeitig Praktika und Firmenkontakte!", "privat versichern!" Die wachsen heute wahrscheinlich in einer viel stressigeren Atmosphäre auf als wir damals in den 80ern! - Da ist es mit der Distanz zur "profanen Normalwelt" der Erwachsenen nicht mehr weit her, aus der "verlängerten Jugendzeit" wird vielmehr ein vorgezogene Erwachsen-werden, und für Subkultur bleibt nicht nur keine Zeit, sondern auch im Kopf kein Platz.

    Der ausgeprägteste Wesenszug dieser jungen Generation scheint mir zu sein, daß sie - ganz entgegen der unter Soziologen heute so angesagten "postmodernen" Zeitdiagnosen von wegen "Experimentieren mit der eigenen Biographie" oder "sich täglich neu erfinden" o. ä.! - im Grunde gnadenlos "bodenständig" ist.

  8. #7
    Engel_07
    Benutzerbild von Engel_07
    Die Luftgitarre postete
    Kann man das irgendwie näher charakterisieren, welche Jugendliche worauf stehen (nach Bildung, Geschlecht, Stadt/Land-Jugend o. ä.) oder wie die Fans dieser verschiedenen Musikrichtungen "so drauf sind"?
    Ich habe jetzt schon ein paar Stunden Zeit gehabt, über diese Frage nachzudenken. Aber ich tu mich da sehr schwer, die Jugendlichen zu kategorisieren. Mit Bildung hat der Musikgeschmack, denke ich, am wenigsten zu tun. (Ich betreue beruflich die eher schwachen Azubis, deren Ausbildungsabschluss gefährdet ist. Und da sind alle Musikrichtungen vertreten!)

    Am ehesten kann man noch musikalische Schwerpunkte bei Jungs und Mädels
    ausmachen. R´n´B ist eher Musik, die von Mädels bevorzugt wird. Die etwas härtere Gangart der schwarzen Musik, also z.B. dieser Ami-Ganoven-HipHop, wird eher von den Jungs gehört. Viele von uns könnten das wahrscheinlich gar nicht auseinander halten Also Mädels hören eher Sachen wie Atomic Kitten, Destinys Child; Jungs Eminem, Outkast (auch wenn letztere natürlich keinen Gangster-HipHop machen!) etc.

    Optisch kann ich da fast keine Unterschiede ausmachen. Vielleicht ist das am Wochenende eher der Fall, wenn die Leute in ihre Discos gehen, oder mit ihren Cliquen unterwegs sind.

    Allerdings kann man die "Technos" noch am ehesten an ihren etwas flippigeren Frisuren erkennen und die Klamotten fallen etwas mehr auf (heller). Das sind einzelne Exoten, die aber trotzdem immer wieder vorkommen.

    Die Damen und Herren, die eher Rockmusik/Alternative-Musik hören erkennt man immer noch daran, dass sie T-Shirts und Pullis ihrer Idole tragen.
    Da gehören vor allem (leider) die Blöden Onkelz zu (auch sehr beliebt überdimensional große Aufkleber für Auto-Heckscheiben, ähnlich wie bei Pur), aber auch Bands wie Korn oder NOFX.

    Die Luftgitarre postete
    Ja, den Eindruck hab ich auch in den letzten Jahren bekommen, daß die "Böhsen Onkelz" sehr viel populärer sind, als man Angesichts ihrer geringen Radio/MTV-Präsenz anhenommen hätte! (...)
    Ich finde den heimlichen Mega-Kult um diese Band schon ziemlich befremdlich.
    So heimlich ist das gar nicht mehr! Die führen mit ihren Singles und Alben in den letzten Jahren immer wieder die Charts an (wie auch immer man zu den Charts steht). Und das hat anscheinend auch dazu geführt, dass die Kids immer weniger darüber nachdenken, was sie da hören. Es ist nichts Verbotenes mehr! Auch wenn alle wissen, das da mal irgendwann was gewesen sein muss! "Meine" Jungs und Mädels wissen auf jeden Fall, dass sie mich damit prima ärgern können. Aber immerhin kann man darüber wieder ins Gespräch kommen!

    Und da kommt immer wieder folgender Spruch: "Ich kann mich mit ihren Texten absolut identifizieren!" Also, das ,was du auch schon geschrieben hast, dass eigentlich jeder die Texte für sich irgendwie passend auslegen kann.

  9. #8
    Benutzerbild von Muggi

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    AW: Gibt es heute eigentlich noch jugendliche Subkulturen?

    Hab mich beim Lesen dieses Artikels köstlich amüsiert...

  10. #9
    Benutzerbild von Torsten

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    AW: Gibt es heute eigentlich noch jugendliche Subkulturen?

    Zitat Zitat von Muggi Beitrag anzeigen
    Hab mich beim Lesen dieses Artikels köstlich amüsiert...
    Ich auch, und ständig zustimmend genickt.

  11. #10
    Benutzerbild von PostMortem

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    AW: Gibt es heute eigentlich noch jugendliche Subkulturen?

    Man kann ja über Tokio Hotel, Cinema Bizzare usw. denken wie man will. Aber erstmal ist der androgyne Bill zum stärksten Botschafter der deutschen Sprache seit Goethe geworden und treibt die Franzosen zu hunderttausenden in die Sprachkurse, mehr Bewegung geht für einen französisch sprechenden Franzosen wohl kaum, und nun kommen noch die "Visus".

    Als ich den Bericht bei Polylux gesehen habe, musste ich schon an die 80er zurückdenken. Rückblickend werden Punks, Anarchos usw. immer sehr ernst genommen und idealisiert. Aber im Grunde waren davon auch nur sehr wenige echte Überzeugungstäter, viele wollten nur irgendwo dazu gehören und rebellieren indem sie anders aussehen. Diese Mechanismen greifen bei den "Visus" genauso und es ist wohl richtig, dass solche Jugendbewegungen durch das Rückschwenken des Pendels hin zum Konservativismus in Deutschland geradezu als Gegen-Reaktion heraufbeschworen werden. In den 80ern wars nicht anders. Die Probleme die es mit sich bringt "anders zu sein" sind zudem auch wieder genau die gleichen.

    Schaut Euch das mal die 5 Minuten an und beurteilt es doch mal ganz objektiv. Mir kommen diese Leute weder versponnener noch weniger "subkulturiger" vor, als die bunten und schrillen Jugend-Bewegungen der 80er.

    http://www.polylog.tv/videothek/videocast/8611/

    PM

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