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Hardcore-Nostalgie?

Erstellt von Chris P., 25.03.2009, 20:01 Uhr · 22 Antworten · 3.227 Aufrufe

  1. #1
    Benutzerbild von Chris P.

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    Hardcore-Nostalgie?

    Wie mir jetzt beim Mitlesen im Forum aufgefallen ist, gehen viele (bzw. alle?) Leute hier ja doch auffallend mit der aktuellen Zeit und ihrem Zeitgeist, trotz Retro- und 80er-Nostalgiegedanken: Windows XP und Vista, Terabyte-Platten, iPods, Tausende von MP3s, Filmen, DVD, Internetradio, youtube, Emulatoren etc. scheinen doch eher die Regel zu sein. Da komme ich mir doch wieder vor wie ein Spezialfall aus der antiquierten Mottenkiste ;-).

    Wie schon an verschiedenen anderen Stellen wortreich geschrieben, bin ich persönlich absolut kein Freund der Mentalität der aktuellen Zeit. Ich habe kein Handy, keinen anderen Kram, den man allgemein mit "digitaler Revolution" gleichsetzt, mein neuester Rechner ist ein Pentium 166 mit MS-DOS, mein Auto hat nur Kassettenradio. Auf meinem Röhrenfernseher laufen Filme gerne auch von VHS, und das nicht aus nostalgischen Gründen, sondern schlicht, weil ich gute Filme auf VHS habe und es für mich keinen Unterschied macht. Ab und zu läuft auch mal eine DVD (aka Schnickschnackscheibe), aber der Scheibendreher steht auch öfter mal länger im Schrank. Objekte aus früherer Zeit (seien es Technik, Bücher, Zeitschrifen, Comics etc.) habe ich doch gerne greifbar im Original und nicht als digitales Abziehbild oder Emulation.

    Natürlich ist es jedem selbst überlassen, wie er sein "modernes Leben" lebt, aber ich sehe immer irgendwie eine Diskrepanz zwischen gewissen "nostalgischen Idealen" (ein Begriff, den ich eher philosophisch, als kommerziell orientiert sehen möchte) einerseits und einer häufig unkritischen Zuwendung an digitale Pseudo-Perfektion und Glattbügelung, Beliebigkeit und Entstofflichung auf der anderen Seite. Ich habe leider schon öfter gesehen, daß Leute, die sich früher engagiert haben, nun im digitalen Ozean quasi "untergegangen" sind und sich mehr für Gigabyte-Downloads und Reizüberflutung interessieren, als z.B. für die kleinen Dinge oder mediale Schätze. Allein schon deswegen bin ich wohl stets wenig glücklich über solche Tendenzen. Und angebliche Web-2.0-Segnungen wie Twitter mit seiner Wortbegrenzung bringen uns IMO eher näher an Orwells Neusprech heran, als an wirklichen Fortschritt.

    Kurz gesagt: ich sehe einfach mehr Gefahren, als wirklichen Fortschritt im momentanen Zeitgeist, der so vieles als "veraltet" und "antiquiert" beiseite schiebt, daß nicht in sein Weltbild passt (und diese Mentalität durch Werbung & Co an eine ganze Generation weitergibt) und im Gegenzug nichts bietet, als den schönen digitalen Schein der Oberfläche und die Gefahr des Verlustes sovieler Dinge. Was ich mich auch frage: wenn selbst Leute die "80er-Nostalgiker" oder "Retro" sind, heutzutage ganz selbstverständlich Terabyte und Co benutzen, wozu sollte man dann Hardcore-Ablehner wie mich zählen? Mache ich da alles falsch oder doch irgendetwas richtig? Meinungen?

    Chris

  2.  
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  3. #2
    Benutzerbild von SonnyB.

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    AW: Hardcore-Nostalgie?

    Na ja... du nutzt das Internet, oder? Das gabs damals noch nicht. Und ganz davon ab: Mann sollte sich immer aus der aktuellen Zeit das raussuchen, was einem nützt. Wenn ich alles "moderne" ablehnen würde, müsste ich mir ne Höhle suchen und mit der Keule einkaufen gehen.

    Ich habs auch schon zig Mal hier geschrieben: Jede Generation glorifiziert seine eigene Jugendzeit. Das ist ganz normal Unsere Eltern konnten mit unserem Zeitgeist nichts anfangen und deren Eltern wiederum nichts mit den "68ern".

  4. #3
    Benutzerbild von Babooshka

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    AW: Hardcore-Nostalgie?

    Also so nach dem Motto, wer A (Nostalgiker) sagt, muss auch rsch sagen (moderne Technik ablehnen)? Tja, es ist nun mal so - und so wird es den Meisten hier gehen - , dass ich zahlreiche Erfindungen und Errungenschaften der heutigen Zeit einfach praktisch finde. Aber nur, weil ich Handys nützlich finde, um z. B. Notrufe zu tätigen oder vor einer Verabredung mal kurz "komme etwas später" zu funken, weil man im Stau steht oder "wo bist du denn" zu fragen, wenn die Freundin anscheinend an einem anderen U-Bahnausgang wartet, bedeutet dies noch lange nicht, dass ich ein Handyholic bin, wie so mancher Teenager, oder stets das allerneueste Modell oder nervige Klingeltöne haben muss. Einen guten, schnellen PC brauche ich für die Arbeit, denn ich mache ganz modern Teleworking. Und wenn ich auf etwas wirklich nicht mehr verzichten will und kann, dann ist es das Internet, denn das ist alleine schon aus beruflichen Gründen lebenswichtig für mich. Ich bin froh, dass es moderne PCs und Internet gibt, andernfalls müsste ich mich Tag für Tag an einen Arbeitsplatz begeben und meine Arbeit auf der Schreibmaschine erledigen. Ganz zu schweigen von der ganzen Recherchearbeit, die weitaus zeitraubender und umständlicher wäre. Jedoch, wenn mein altes Autoradio mit Cassettenteil nicht vor ein paar Jahren kaputtgegangen wäre, hätte ich es heute noch und ich würde meine Cassetten im Auto hören. Auch habe ich keine topmoderne Anlage, sondern eine sehr schöne aus den 80-ern - mit Tapedeck, jawohl - und beabsichtige nicht, sie auszutauschen. Und einigen anderen Kram aus der heutigen Zeit brauche ich auch nicht. Bin ich damit als Nostalgikerin legitimiert, Chris?

  5. #4
    Benutzerbild von Laschek

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    AW: Hardcore-Nostalgie?

    Ich mag ja auch alte Technik, sammle alles Mögliche aus der Richtung, hab bis vor kurzem 'nen Oldtimer gefahren (mein "Neuwagen" ist grad mal 16 Jahre alt ) etc., nutze sie also auch. Aber mich völlig den technischen Neuerungen zu verschliessen empfände ich ein Stück weit als Stillstand, vor allem wenn mir neuere Technik praktikabler und komfortabler erscheint. So bevorzuge ich die DVD bei weitem der Videokassette (nutze aber auch weiterhin noch meinen alten Bestand an VHS Tapes). Ich bin absoluter Befürworter von anfassbaren Originaltonträgern, nutze aber auch MP3 (SD Karte im Autoradio). Ich hab mein Handy immer dabei, nutze es aber hauptsächlich als Uhr (und muss nicht immer das neueste Modell haben).
    Ich hab vor 5 Jahren meinen heiss geliebten Amiga als Haupt- und Internetrechner ausgemustert weil ich einfach keine Lust mehr hatte viel Zeit und Geld zu investieren um halbwegs im Netz noch mitzukommen oder extra Software beschaffen zu müssen um mit Mühe und Not z.B. eine Excel Datei zu öffnen. Ich habe mich damit dem sogenannten Mainstream hingegeben, aber übertriebener Idealismus kann einem auch im Weg stehen.

    Die Beatles würden heutzutage auch ein Harddisc-Recording System nutzen und ihre 4-Spur Bandmaschinen in der Ecke stehen lassen.

  6. #5
    Benutzerbild von Lutz

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    AW: Hardcore-Nostalgie?

    Zitat Zitat von Chris P. Beitrag anzeigen
    Ich habe leider schon öfter gesehen, daß Leute, die sich früher engagiert haben, nun im digitalen Ozean quasi "untergegangen" sind und sich mehr für Gigabyte-Downloads und Reizüberflutung interessieren, als z.B. für die kleinen Dinge oder mediale Schätze. Allein schon deswegen bin ich wohl stets wenig glücklich über solche Tendenzen. Und angebliche Web-2.0-Segnungen wie Twitter mit seiner Wortbegrenzung bringen uns IMO eher näher an Orwells Neusprech heran, als an wirklichen Fortschritt.

    Kurz gesagt: ich sehe einfach mehr Gefahren, als wirklichen Fortschritt im momentanen Zeitgeist, der so vieles als "veraltet" und "antiquiert" beiseite schiebt, daß nicht in sein Weltbild passt (und diese Mentalität durch Werbung & Co an eine ganze Generation weitergibt) und im Gegenzug nichts bietet, als den schönen digitalen Schein der Oberfläche und die Gefahr des Verlustes sovieler Dinge. Was ich mich auch frage: wenn selbst Leute die "80er-Nostalgiker" oder "Retro" sind, heutzutage ganz selbstverständlich Terabyte und Co benutzen, wozu sollte man dann Hardcore-Ablehner wie mich zählen? Mache ich da alles falsch oder doch irgendetwas richtig? Meinungen?
    Tja ich bin wahrscheinlich der weltgrößte Chat, SMS + Twitter Muffel und .pdf Hasser, mit 170 KB Disketten und 64 kb RAM aufgewachsen und habe die Vorläufer des Internets (1) aktiv genutzt (BBS, Fidonet, etc). Neben der Brotkiste hab ich auch noch einen Amiga 1000 + 1200 (2) in Benutzung. Mein Handy ist ein ganz bestimmtes Modell was vom Profil her etwas bietet was heute nur die wenigsten haben: Man kann mit ihm fast ausschließlich nur telefonieren! Keine Kamera, kein mp3 Player, und anderen Schickimicki.
    Mein top erhaltenes AIWA AD F660 80s-Edel-Tapedeck, welches soundmässig manchen warz MP3/CD-Player locker wegbläst, halte ich immer noch in Ehren. Ich besitze einen VHS Rekorder den ich gerne und oft mit Video-Tapes füttere. Mein Dos-PC (3) hat noch zwei ISA-Slots und wird von mir regelmäßig genutzt um Games aus der Monkey Island-Ära auf den Röhrenmonitor zu zaubern.

    Zieh Dir den Schuh nicht an das alles was älter als 2 Jahre ist in den Sondermüll gehört, nur weil irgendwelche strunzdoofen aalglatten Zeitgeist-Mags und Blöd-Märkte diesen Blödsinn durch die Medien plärren.

    Kein Mensch braucht einen 3 GHz Core 2 Duo Rechner (ein Rechenknecht der vor 10 Jahren noch manchen Großrechner platt gemacht hätte) mit 2 GB Ram + GF 9800 Monster GPU um in diesem Forum zu schreiben. Trotzdem tue ich genau dieses gerade. Warum? Nun, ich daddel mit dieser Kiste sehr gerne z.B. Rennsimulationen. Auch habe ich ne Digicam (4), die aber im Gegensatz zu vielem Handyschrott *richtig* gute Fotos macht (wenn der Fotograf es zuläßt *g*). Meinen DVD Player/Rekorder (5) möchte nicht mehr missen, weil ich es liebe Originalfassungen statt mieser .de Synchros zu schauen. Außerdem sichere ich damit viele VHS-Tapes auf DVD.
    Meine PS2 (wunderbar zum Abtauchen in die virtuellen ViceCity-80s (6)) wird sicher bald durch die PS3 ergänzt, die dann später auch als Medienzentrale (HD.avi) und Blu-ray Player fungieren wird.
    Demnächst werde ich mir wohl einen XXL-TFT gönnen, welches auch als TV missbraucht werden kann.

    Fazit: Ich möchte beide Welten nicht missen, und sehe da auch keinen Widerspruch in sich.
    Dass man sich im Internet wunderbar verlieren kann stimmt. Nur das ist nicht die Schuld des Mediums, sondern die Schuld von dem der vor dem Bildschirm sitzt (IMO genau wie beim TV)

    Wenn man sich beim Internet (und sonst) die Rosinen rauspickt (zu dem sicher auch dieses werte Forum hier zu weiten Teilen gehört) war die Computer+Online-Zeit (und Technik-Welt) nie schöner und großartiger als heute!

    Lutz

    (1) http://web.archive.org/web/200801171...e/c64dfue.html

    (2) Amiga-Fans aufgepasst!

    (3) Retro PC!

    (4) Gibt's hier auch Fotofreaks?

    (5) Wann kommt die Zeit der DVD-Recorder?

    (6) Die virtuellen 80er

  7. #6
    Benutzerbild von McFly

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    Vergangenheitskult

    Zitat Zitat von Chris P. Beitrag anzeigen
    Mache ich da alles falsch oder doch irgendetwas richtig? Meinungen?

    Chris
    Falsch und richtig ist hier gewiss eine Auslegungssache.

    Deine Lebens- und Denkweise ist das, was man den Kult der Vergangenheit nennt. Diese Geschichtssehsucht und Zukunftsverweigerung ist ein deutsches Phänomen, das in den letzten Jahren zunehmend Raum in der Medienlandschaft gewonnen hat (du bist also nicht allein). Die Angst vor einer ungewissen Zukunft, ist es offenbar die den Erhalt des Vergangenen erfordert:

    Immer mehr Reportagen, Magazine und TV-Serien beschäftigen sich mit der Vergangenheit. Von Hitlers Putzkolonne bis zu den Essgewohnheiten römischer Herrscher, Historiker finden derweil in allem ein Beschäftigungsalibi. Nach Hans-Ulrich Wehler, für den "Geschichte das einzige Lernmaterial" darstellt, bestimmen "historische Erfahrungen den Denkhorizont des Menschen". Dabei führt er die Existenzberechtigung seiner Berufsgruppe fast schon ad absurdum, denn es ist offensichtlich, dass sich für den gemeinen Historiker jener Denkhorizont eben nur in die Vergangenheit erstreckt. Die Tatsache, dass besagter Historiker in einem Artikel der FAZ im Frühjahr 2003 die Möglichkeit nordrhein-westfälischer Abiturienten, das Fach Geschichte abwählen zu können beklagte, spricht dafür, dass die Kultur des Erinnerns offenbar krampfhaft aufrecht erhalten werden muss.

    Der rückwärtsgewandte Blick reicht z. B. auch in den Bereich der Architektur:

    Deutschland scheint ein Paradies für Restauratoren und Denkmalschützer zu sein. Nirgendwo sonst wird der Erhalt der Vergangenheit so konsequent eingefordert: Allein in Bayern gab es 2003 über 800 naturkundliche Museen und gut zwei Dutzend Freilichtmuseen. Der deutsche Museumsführer verzeichnete für das gesamte Bundesgebiet ca. 2500 Museen im gleichen Zeitraum.

    Beispiel Essener Zeche „Zollverein“: Im Jahr 1986 stillgelegt, wurde es wenige Jahre später von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt, ungeachtet der Tatsache, dass dieses ohne Zweifel pompöse Bauwerk sowohl Wohlstand als auch Lungentod in seiner Geschichte eint. Für Bestanderhaltung konnte man sich über die Überweisung von 90 Millionen Euro freuen. Da man nicht wusste was man mit dem großen Maschinenfriedhof anfangen sollte, preiste man es zunächst erstmal als „Kulturzentrum“ aus. Inzwischen eine gängige Praxis in ganz Deutschland.
    Beispiel Allianz-Haus in Frankfurt am Main: noch vor wenigen Jahrzehnten nannte man die Architektur „faschistoid“. Und dennoch: weil die Frankfurter Bevölkerung mangels denkmalgeschützter Bauten den Bau zu schätzen gelernt hatte, wollte man ihn erhalten. Es scheint also egal zu sein, wie hässlich ein Bau ist – Hauptsache alt, dann muss es bleiben.

    Dieser Erinnerungs- und Erhaltungskult führt in eine Sackgasse: Wer sich konsequent der Zukunft und seinen Neuerungen verweigert, riskiert zwangsläufig bei Zeiten den Verlust seiner Gesellschaftsfähigkeit. Abgesehen davon, dass man schnell zum Sonderling abgestempelt wird, besteht auch die Gefahr, das trotzige Verhalten quasi zu vererben. Wenn Kinder statt mit mp3-Player mit einem Monoplattenspieler aufwachsen, oder einen Brief schreiben mangels der Fähigkeit das Internet zu bedienen, werden sie zu Unangepassten und Nörglern erzogen.

    Turbo-Nostalgie ist allerdings nicht nur ein rein gesellschaftlicher Stolperstein. Sie wird in nicht allzu ferner Zukunft zu einem ernsthaften Hindernis für all jene, die sich der technisierten Gegenwart verwehren: Es wird der Tag kommen, an dem beispielsweise alle behördlichen Vorgänge nur noch online abgewickelt werden (können). Schon heute ist der Besitz eines Mobiltelefons bei vielen Arbeitgebern quasi eine Grundvorrausetzung. Das Trauern und Jammern um „die guten alten Zeiten“ sollte jedoch nicht so weit gehen, dass man den Verlust des Arbeitsplatzes bzw. Erwerb einen solchen riskiert.

    Wo liegt also Lösung, was ist der Mittelweg?
    Jeder muss letztlich für sich entscheiden wie er leben möchte. Dennoch: die german Angst lässt sich mit dem ständigen Blick in den Rückspiegel nicht überwinden. Man muss das Alte und Vergangene nicht ignorieren oder gar leugnen. Aber man muss in einer sich entwickelnden Gesellschaft auch Raum für neue „(Kultur)güter“ schaffen. Dabei darf man keine Scheu haben, sich von einstigen Bahnbrechern zu verabschieden. Man muss Goethes „Faust“ nicht mehr gelesen haben. Man muss auch keinen Walkman mehr benutzen, weil er mal „das neueste vom neuen“ und zudem „schweineteuer“ war. Man muss auch nicht mehr jeden verfallenden Mauerrest teuer restaurieren, nur weil er vor 1500 Jahren mal Teil eines pompösen Schlosses war, dessen Erbauer eh niemanden mehr interessieren. Es ist auch nicht nötig, „aussterbenden Sprachen“ einen Träne hinterher zutrauern.
    Erinnerungen sollten der Zukunft und nicht der Vergangenheit verpflichtet sein.

    Gustav Mahler, deutscher Komponist, hat mal was Interessantes zu diesem Thema gesagt:

    Tradition ist das Weiterreichen des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.



  8. #7
    Benutzerbild von Chris P.

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    AW: Hardcore-Nostalgie?

    Danke für die umfangreichen Antworten. Ich hatte selbstverständlich nicht erwartet, daß mir jemand 100%ig zustimmen wird, aber es ist interessant, durchaus aufgeschloßene Meinungen zu hören, die auf eine gewisse Versöhnung von sogenannter "Nostalgie" und Fortschritt abzielen. Das Problem dabei ist, das ich im momentanen Zeitgeist des 21. Jahrhunderts eben keinen wirklichen Fortschritt sehe, sondern eher eine sich ausbreitete Dunkelheit (man verzeihe mir die Melodramatik ;-)), die sich hinter glattgebügelten Fassaden und digitalem Schein verbirgt.

    Besonders interessant waren natürlich die Ausführungen von McFly, der seinen Standpunkt sehr gelungen dargelegt hat. Das bedeutet aber nicht, daß ich den Ausführungen zustimme, denn ich erkenne mich und meine Gründe darin nicht wirklich wieder. Nostalgie in Medien und Fernsehen? Irgendwelche Musikdudeleien und Pseudo-Promi-Gebabbel in RTL-80er-Shows? Meh. Ich sehe seit etlichen Jahren privat kein Fernsehen mehr, der ganze Nostalgie-Medienapparat rollt also an mir vorbei. Grund: es sind Betrachtungen von einem (häufig oberflächlich amüsierten) Standpunkt des 21. Jahrhunderts aus. Und diesen zeitgeistigen Standpunkt betrachte als Ausgangspunkt für einen Blick auf die Vergangenheit im Moment als nicht zu gebrauchen bzw. nur verzerrte "Bilder" liefernd.

    Gesellschaftlicher Ausschluß und berufliche Probleme durch sogenannte "Rückständigkeit"? Der erste Punkt mag durchaus zutreffen, aber dann lege ich auch persönlich keinen Wert auf gesellschaftliche Interaktion mit Menschen, die andere Menschen anhand ihrer technologischen Aktualität und "hipness" messen und dann bei Abweichung entsprechend mit Mißachtung oder Spott "strafen". Ich habe in der Tat auch online Kontakte verloren oder kalt werden lassen, weil ich keine Lust auf Kommunikation mit Leuten habe, die mir persönliche wichtige Dinge als "antiquierten Dreck von vorgestern" betrachten. Ich gebrauche dafür gerne den Begriff "indoktrinierte Apologeten des 21. Jahrhunderts".

    Berufliche Probleme? Ich arbeite in der Firma natürlich z.B. mit XP und aktuellen Office-Paketen und habe keine Probleme damit (ich bin nebenbei gesagt *der* PC-Experte in der Firma). Es interessiert mich aber privat schlicht und einfach absolut nicht, und wenn ich nach Hause komme, bin ich mehr als froh, einen C64 oder einen alten DOS-PC vorzufinden und damit "lebendig" arbeiten zu können und aktiv zu sehen, was Basteln und Computern bedeutet. Die Menschen heutzutage begnügen sich doch damit, vor undurchschauber Black-Box-Hardware mit undurchschaubarer Black-Box-Software zu sitzen. Und fast jeder betrachtet das nicht-wissen-wollen und die Zufriedenheit mit geschlossenen Deckeln mit Lifestyle-Hardware dahinter als völlig normal. Hätte sich etwa ein wahrer Funken des elektronischen Experimentiergeistes z.B. der 70er retten können, hätten wir vielleicht eine bessere Gegenwart. Aber so?

    Technologischer Fortschritt ist prinzipiell eine feine Sache. Prinzipiell. Ich bringe einem vermeintlichen Fortschritt, der auf der materiellen und ideellen Zerstörung seiner Wurzeln und seiner Vergangenheit zu beruhen trachtet, jedoch keinerlei Sympathien entgegnet. Wenn der Fortschritt technokratische Kinder gebiert, deren Weltbild lautet "Alles Alte ist Schrott und muß entfernt/entstofflicht/digitalisiert/perfektioniert" werden, dann kann das IMO nur auf eine schöne neue Welt im dystopischten Sinne hinauslaufen. Und dem stelle ich mich auf einer ganz persönlichen Ebene durch passiven Widerstand in den Weg, denn für mich (und das ist nun eine rein persönliche Ansicht) ist im Moment das Beharren auf einem nicht nur technologischen Status Quo aus früheren Jahrzehnten der am besten funktionierende Schlüssel zur persönlichen Freiheit.

    Ich versperre mir damit Wege? Vielleicht. Aber vielleicht öffne ich mir auch Wege, die so mancher Freund des "Fortschritts" nicht mehr sieht und sehen mag, weil sie vom digitalen Ozean überflutet und weggespült worden sind.

    Wie ich an anderer Stelle geschrieben habe, sollte das Inviduum immer das unveränderliche Recht auf Imperfektion haben. Wenn die Welt nun sagt, daß sie die Imperfektion abschaffen möchte (und die Glattbügelung von stofflosen Medien in Optik, Klang und Inhalt ist nur eine Facette) dann heiße ich das nicht gut und werde es niemals tun. Es zeigt keinen Respekt vor der Materie, keinen Respekt vor dem subjektiven Wert der Imperfektion und last but not least (um McFlys Punkt zu bedienen) keinen Respekt vor der Vergangenheit. Würde sich dieser Respekt in die Gegenwart transferieren lassen, wäre sie erneut ein Stückchen weniger dunkel.

    Fürchte ich mich vor der Zukunft und betreibe daher einen rückwärts gewandten Kult der Vergangenheit? Schwierig zu sagen. Tendenziell eher nicht. Ich fürchte mich nicht vor der Zukunft, ich fürchte mich im Moment eher vor der Gegenwart und vor dem, was sie aus Menschen macht. Sollte sich daran etwas ändern, heiße ich die Zukunft willkommen. Bis dahin lasse ich sie aber lieber vor der Tür stehen. Das ist sicherlich nicht die Motivation, die andere Leute hier antreibt, deswegen werde ich wohl auch hier ein sonderlicher Sonderling bleiben ;-).

    Chris

  9. #8
    Benutzerbild von Lutz

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    AW: Hardcore-Nostalgie?

    Zitat Zitat von Chris P. Beitrag anzeigen
    Nostalgie in Medien und Fernsehen? Irgendwelche Musikdudeleien und Pseudo-Promi-Gebabbel in RTL-80er-Shows? Meh. Ich sehe seit etlichen Jahren privat kein Fernsehen mehr, der ganze Nostalgie-Medienapparat rollt also an mir vorbei.
    Diese Tendenz sehe ich auch in meinem Freundeskreis und auch bei mir.
    Wer wirklich interessante TV-Sendungen sehen will, dem bietet jetzt der (wirklich) mediale Fortschritt schöne Alternativen. Traditionelle TV-Kanäle werden bald nicht mehr nötig sein. Wolfgang Back und Wolfgang Rudolph, die lebenden Anachronismen des "Computer Club", von den Betonköpfen der (WDR) Öfis geschasst (da wohl nicht aalglatt und klickibunti genug), haben sich das Internet als neues TV-Medium erschlossen (1). Dort läuft jetzt, als Download in feinster 16:9 Qualität, der Computer Club 2. So eine (echte) Medienvielfalt hätte ich schon gerne in den 80s gehabt. Sollen doch die 9Live dieser Welt mit ihrem Idiocracy-TV (2) weiter die Bandbreitenverschwender NO1 sein. Was wirklich interessant ist gibts in den neuen Medien - und auch ansonsten ist in der TV-Welt das Netz Dein Freund

    Was den Rückblick in die 80s angeht bevorzuge ich weitgehend ungeschnittene bzw. ohne "Breaks" verunstaltete Originalsendungen.
    So sind z.B. diverse "Rock aus dem Alabama" Konzerte sehr genial - beispielsweise das grandiose von Cock Robin (3).

    "Comebacks" a la OMD, die aufgedunsen bei RTL (?) vor kreischenden Transparente schwenkenden Hausfrauen ihre Lippen zu einem 25 Jahre alten Playback bewegen, sind in der Tat kaum noch zu unterbieten.

    Ich nenne sowas das "Die Flippers" bzw "Truckstop" Syndrom - so ein Revival sollte doch unseren 80s erspart bleiben. Bitte fahrt nicht nach Bad Segeberg wenn dort eine 50 jährige Nena "nur geträumt" zum Vollplayback ihrer Debütsingle "singt".

    Zitat Zitat von Chris P. Beitrag anzeigen
    Grund: es sind Betrachtungen von einem (häufig oberflächlich amüsierten) Standpunkt des 21. Jahrhunderts aus. Und diesen zeitgeistigen Standpunkt betrachte als Ausgangspunkt für einen Blick auf die Vergangenheit im Moment als nicht zu gebrauchen bzw. nur verzerrte "Bilder" liefernd.
    Ist nicht jeder Rückblick auch irgendwie verzerrt? Vieleicht hast auch Du eine gewisse rosarote Brille auf wenn Du zurück schaust?

    Lutz

    (1) http://www.cczwei.de/

    (2) http://de.wikipedia.org/wiki/Idiocracy

    (3) Cock Robin Konzert vom 27.6

  10. #9
    Benutzerbild von Laschek

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    AW: Hardcore-Nostalgie?

    Zitat Zitat von Chris P. Beitrag anzeigen
    Wenn die Welt nun sagt, daß sie die Imperfektion abschaffen möchte (und die Glattbügelung von stofflosen Medien in Optik, Klang und Inhalt ist nur eine Facette) dann heiße ich das nicht gut und werde es niemals tun.
    Dabei wird beim Abschaffen der Imperfektion manchmal übersehen dass der Fortschritt einen Rückschritt produziert:
    Beispiel MP3 - die (digitale) Tontechnik schreitet mit Riesenschritten voran, mit geringen Mitteln kann man heute im eigenen Klo Aufnahmen machen für die noch vor ein paar Jahren ein sündteures, spezialisiertes Studio nötig war. In den richtigen Händen ist es also viel einfacher geworden gut (und theoretisch immer besser) klingende Aufnahmen zu veröffentlichen. Auf der anderen Seite werden diese Aufnahmen dann in MP3 Dateien in geringer Auflösung mit deutlich hörbaren Artefakten gewandelt, sei es aus Unwissenheit oder um möglichst viel Inhalt auf den MP3 Player zu ballern, nach dem Motto "Masse statt Klasse".

  11. #10
    Benutzerbild von Stormrider

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    AW: Hardcore-Nostalgie?

    Ich kann für mich persönlich weder behaupten zu den "Ewig-gestrigen" zu gehören, aber genau so wenige würde ich mich (nicht mehr) zu den Freaks zählen die alles neue haben müssen - und dies dan auch entsprechend gut finden müssen.

    Ich hab da für mich einen Mittelweg gefunden, der sich ausschließlich daran misst, ob die jeweilige (technische oder sonstige) Entwicklung mir gefällt bzw. ob sie mir einen wirklichen Nutzen bietet.

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