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"Historische Bundestagsdebatten" auf PHOENIX

Erstellt von Die Luftgitarre, 12.10.2003, 17:31 Uhr · 8 Antworten · 2.638 Aufrufe

  1. #1
    Benutzerbild von Die Luftgitarre

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    Ich guck gerade auf PHOENIX aus der Reihe "Historische Debatten" die Bundestagssitzung vom 13. Okt. 1982: Die erste Sitzung nach der Wahl von Kohl zum Bundestag.

    Sehr sehenswert *g*:

    - Erstmal das Personal: Helmut Kohl damals noch geradezu schlank; die ganzen alten Haudegen: Dregger, Genscher, Baum, Schmidt. Brandt, Wehner; einige später wichtige Politiker noch blutjung: Möllemann, Schäuble.

    - Dann die Outfits: triste Anzüge in grau, dunkelblau oder braun, oder auch bäsche Karos; interessante Kotlettenfrisuren + fiese Scheitel (größtenteils ergraut); unmögliche Brillen; dazu das technische Inventar: Riesen-Mikrophone, Riesen-Telephon-Hörer.

    - Der Rede-Stil: Noch richtig ernste Mienen und lange Sätze, Dichter- und Philosophen-Zitate, die man sich gegenseitig um die Ohren haute; weitschweifige Reflexionen über Fragen des Demokratie-Verständnisses, über historische Vergleiche, und z. T. heftige Anfeindungen. Man merkt sofort: Das war noch vor der "Spaßgesellschaft"!

    - Und die ständige Erwähnung der "unruhigen, protestierenden, kritischen Jugend" in den Debatten. Dies sind Bildaufnahmen aus einer fernen Welt!

    - Dann die erregte Debatte über dramatische Massenerwerbslosigkeit von - ja man glaubt es kaum: - 1,8 mio!!! Das warem noch Zeiten! lol

    - Und am Horizont der Debatten dämmerte noch eine neue Gefahr herauf: "Die Grünen". Das Gespenst der Revolution ging um ... Jetzt sind sie schon im hessischen Landtag. Schalten sie vielleicht morgen schon den Strom ab? Und kommen dann die Russen? Überhaupt sah CDU-Dregger die Bundessrepublik im Fadenkreuz kommunistischer Verschwörungen!

    - SPD-Ehmke ging im Rahmen der Ausprache über die Regierungserklärung Kohls auf die Dritte Welt ein. "Dritte Welt"? Ach ja, Afrika, Südamerika und so! Stimmt ... hat man irgendwie auch lange nichts mehr von gehört.

    - Dann längst vergessene verfassungstheoretische Fragen: War der Koalitionswechsel der FDP mitten in der Legislaturperiode legitim?

    - In einem Aspekt könnten diese Debatten aber auch von heute sein: "Wir müssen sparen und privatisieren, dann geht die Arbeitslosigkeit zurück." Wie gesagt: 1982 *g*

  2.  
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  3. #2
    Benutzerbild von crossrog

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    Ja, das habe ich mir auch angesehen *g* in letzter Zeit gucke ich mir sowas regelmäßig an (kommt öfters zur nächtlicher Stunde). Naja gucken ... läuft halt nebenbei beim Bügeln oder so. Ich finds genial, weil ich die Zeit ja nie so miterlebt habe. Übers Optische kann man sich streiten, aber ich habe mir fast in die Hose gemacht als SPD, FDP und die Union an ihren Tischen saßen und (ich glaube es war Schmidt) eine Fluppe nach der anderen angezündet hat. Sowas wäre heute doch undenkbar, was ich aber auch schade finde. Der Wahlkampf geht immer mehr in Richtung, wie er in den USA betrieben wird. Find ich sehr bedenklich, weil sich doch die meisten Leute erst kurz vor einer Wahl mit dem Thema befassen (oder auch nicht) und sich dadurch beeinflussen lassen, wie man sich gibt (und nicht was man von sich gibt). Schweift aber zu sehr ab Kohl habe ich immer klasse gefunden. Kein Wunder, wenn ich meine ersten 16 Jahre mit ihm verbringen musste. Fand es immer genial, wie er nahezu ausgerastet war wenn jemand was äußerte, was ihm mißfiel. Göttlich.

  4. #3
    Benutzerbild von compagnies

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    Ich persönlich bin ja der Meinung, wir müssen verstaatlichen, um die Arbeitslosigkeit zu verringern. Die lag seinerzeit bei 14 %, was prozentual höher ist als heute ...

    Ich habe mir den Dicken auch angeschaut, aber konnte das nicht länger als zehn Minuten ertragen. Schade, das der Wehner nicht mehr dabei sein kann; der konnte die BT-Debatten so fantastisch ausführen ...

  5. #4
    Benutzerbild von Die Luftgitarre

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    crossrog postete
    aber ich habe mir fast in die Hose gemacht als SPD, FDP und die Union an ihren Tischen saßen und (ich glaube es war Schmidt) eine Fluppe nach der anderen angezündet hat. Sowas wäre heute doch undenkbar, was ich aber auch schade finde
    Naja, das Rumhacken auf den bösen Rauchern begann aber auch schon Mitte/Ende 80er.

    Aber Du must Dir mal TV-Diskussionsrunden aus den 70er Jahren angucken. Da qualmten die Politiker (aller Partein) so doll, daß man manchmal richtig die Rachschwaden vor der Kamera sah! lol Und das war irgendwie ganz normal.

    Oder zum Thema Gesundheitsbewußtsein allgemein: In den US-Spielfilmen aus der Hitchcock-Zeit begrüßen sich die Gentlemen im Büro grundsätzlich mit: "Ach, darf ich ihnen was anbieten?" "Oh ja, einen doppelten X bitte!" Auch am frühen Nachmittag! Und die Zigarrette nehmen sie eigentlich nur aus dem Mund, wenn sie das Whisky-Glas an denselben führen wollen.

  6. #5
    Benutzerbild von crossrog

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    @Luftgitarre

    Aus den 70ern hab ich noch nix gesehen (erinner mich zumindest nicht dran). Kann ich mir auch irgendwie gar nich vorstellen *gg* Ich bin zwar Raucher, aber gutheißen tu ich des auch nicht. Ich mein, sieht halt gewöhnungsbedürftig aus *g*

    An so Hitchcock-Filme kann ich nich noch dunkel dran erinnern. Jetzt, wo du es schreibst ... stimmt irgendwie. hat mich wohl als "Kleiner" damals irgendwie fasziniert gehabt. [Und nein, kein Drehbuch war Schuld, dass ich zum Raucher mutierte *g*]

  7. #6
    Benutzerbild von Die Luftgitarre

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    compagnies postete
    Ich persönlich bin ja der Meinung, wir müssen verstaatlichen, um die Arbeitslosigkeit zu verringern.
    Ich bin für drastische Arbeitszeitverkürzungen (bei vollem Lohnausgleich). Es ist doch absolut hirnrissig, daß bei der heutigen Massenerwerbslosigkeit die einen Überstunden schieben müssen, während die anderen ohne Job sind. (Und die Debatte um Raufsetzung des Rentenalters zielt doch im Grunde nur auf eine faktische Kürzung der Rentenbezüge ab!)

    Man kann allerdings nicht genug betonen, daß die jetzt in den Medien gehypten "neuen" Patentrezepte (Sparen, Privatisieren, Deregulieren, niedrige Tarifabschlüsse) schon seit 1982/83 durchgehend - wenn auch nicht in "Reinform" - praktiziert werden!

    [b]
    Die lag seinerzeit bei 14 %, was prozentual höher ist als heute ...
    Nach meinem Statistik-Handbuch lag die Arbeitslosenquote 1982 bei 7,5%, absolut 1,8 mio. Die aktuelle Quote hab ich nicht (die Formel wurde zwischenzeitig eh mehrmals geändert), aber die absolute Zahl liegt doch irgendwo bei 4 mio. Aber mehr als das doppelte, abwohl die Bevölkerung durch die Wiedervereinigung nur um ein knapp drittel (von rund 60 auf knapp 80 mio) zugenommen hat. Die Quote müßte also bei Anwendung der gleichen Formel heute mehrere Prozentpunkte höher sein als damals.

    [b]
    Ich habe mir den Dicken auch angeschaut, aber konnte das nicht länger als zehn Minuten ertragen. Schade, das der Wehner nicht mehr dabei sein kann; der konnte die BT-Debatten so fantastisch ausführen ...
    Wehner war noch bis zu den vorgezogenen Neuwahlen vom März 1983 dabei, dann gab er seinen Wahlkreis Hamburg-Harburg - ich glaube - an den ehemaligen Bürgermeister Klose ab ... und zog sich pfeiffe-rauchend und vor sich hingrummelnd ins Privatleben zurück. Um die Tuchfühlungsgespräche mit den neu-einziehenden "Grünen" zu führen, wäre er wohl auch nicht "der richtige Typ" gewesen (Muss man sich mal bildlich ausmalen!)*g*

  8. #7
    Benutzerbild von compagnies

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    Mit den Grünen kann jeder sprechen, dazu muß er/sie kein Typ sein & die 14% sind ein Zitat vom Dicken aus der Übertragung! Da habe ich nämlich anschließend ausschalten müssen!

    Mit Arbeitszeitverkürzung wirst Du in dieser entsolidarisierten Gesellschaft nichts erreichen. Das ist der Trugschluß, der auch die Gewerkschaften kaputt und funktionsunfähig macht. Hier ist doch jede/r bereit, die Beine breit zu machen, wenn die Entlohnung für einen neuen Gartenzwerg reicht, der größer ist, als der der Nachbarn.

  9. #8
    Benutzerbild von Die Luftgitarre

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    compagnies postete
    Mit den Grünen kann jeder sprechen, dazu muß er/sie kein Typ sein
    LOL, Hast Du mal die Mülsi-Zausel und Öko-Gusteln gesehen, die die "Grünen" 1983 in den Bundestag entsandt haben?! Und stell Dir mal daneben jetzt mal Herbert Wehner vor, der doch im Grunde aussah, wie eine von diesen Politbüro-Mumien aus dem Ostblock!

    Und auch wenn Du die Optik wegläßt: Der Sprach-Stil, die Mentalitäten! Stell Dir mal vor, so ´ne Grüne fängt in der Besprechung an, zu stricken oder ihr Baby zu stillen! Und der Typ neben ihr: "Du, Herbert, lass uns das nochmal ausdiskutieren. Außerdem ... dieser Tisch hier ist aus einer bedrohten Baum-Art, Du."

    [b]
    & die 14% sind ein Zitat vom Dicken aus der Übertragung! Da habe ich nämlich anschließend ausschalten müssen!
    Dann wurde die Arbeitslosenquoten-Formel wohl kurz danach geändert und mein Statistik-Handbuch geht rückwirkend von der neuen Formel aus. Sicher sind aber die absoluten Zahlen und nach denen hat die Erwerbslosigkeit massiv zugenommen.

    [b]
    Mit Arbeitszeitverkürzung wirst Du in dieser entsolidarisierten Gesellschaft nichts erreichen. Das ist der Trugschluß, der auch die Gewerkschaften kaputt und funktionsunfähig macht. Hier ist doch jede/r bereit, die Beine breit zu machen, wenn die Entlohnung für einen neuen Gartenzwerg reicht, der größer ist, als der der Nachbarn.
    Moment, Dein Argument erklärt doch nur, warum es schwierig ist, die Arbeitszeitverkürzung zu erreichen, nicht jedoch, warum es schwierig sein sollte, MIT DER Arbeitszeitverkürzung was zu erreichen! Dies ist also nur ein Hinweis auf Schwierigkeiten der Durchsetzung, nicht jedoch ein Argument gegen die Richtigkeit dieses Weges.

  10. #9
    Benutzerbild von Topas12

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    im Prinzip ist der ganze Laden doch schon zum großen Teil verstaatlicht, wenn man sich die Subventionen betrachtet, wo ja der Staat schon ziemlich versucht etwas in irgendwelche Bahnen zu lenken, was aber ziemlich schief läuft. Ich war gestern auf einem Seminar wo mir wieder mal die Probleme und Zusammenhänge zwischen Inflation- Steuern- Altersvorsorge deutlich geworden sind.

    Topas12

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