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Inkompetente Berichterstattung über Spezialthemen => z. B. Raumfahrt

Erstellt von PostMortem, 09.08.2005, 23:00 Uhr · 22 Antworten · 1.746 Aufrufe

  1. #1
    Benutzerbild von PostMortem

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    Hallo zusammen,

    nun ist der Vogel (die Discovery) also wieder unten! Gut so! Dem vorangegangen ist eine beispiellos reisserische Berichterstattung, in der sich BILD, RTL und auch ÖR-Sender wie die ARD nichts schenkten. Wie so oft, wenn nicht alltägliche Themen berichtet und kommentiert werden müssen, gräbt man Experten aus die keine sind, reimen sich fachfremde Redakteure den größten Mumpitz aus ihren "zusammengegoogelten" Infos zusammen. Obs um die psychologische Analyse der Tatgründe eines Amokläufers geht, der zufällig Slipknot-Musik-Konsument ist (aber genauso zufällig kurz vor der Tat einen Apfel gegessen oder sich auf den neuesten Playboy noch schnell einen geschüttelt hat) oder eben um eine der am besten untersuchten Raumfahrt-Missionen der Menschheitsgeschichte ist den Journalisten da gleich - sie kennen sich mit beidem nicht aus, müssen aber so tun und es dem vermeintlich noch dümmeren Medien-Konsumenten verkaufen. Ich bin da nicht pingelig, ich weiss, dass die Berichterstattung heute immer schnelllebiger zu funktionieren hat. Kleine Fehler zu Exotenthemen die in Randspalten erscheinen muss man manchmal verzeihen. Aber wenn ein Thema zwei Wochen lang die Medien beherrscht und gar in den Hauptnachrichten der Radio- und Fernsehsender auf Platz 1 landet, dann erwarte ich astreine Kompetenz und objektive, nicht verfälschende Berichterstattung - vor allem im Gegenzug für meine GEZ-Gebühren.

    Doch das findet nicht statt! Erst heute bemühte der offenbar besonders helle (zumindest in den kahlen Stellen auf dem Kopf) Walter Sucher vom SWR in seinem neunmalklugen Tagesthemen-Kommentar malwieder die Teflon-Pfanne als vermeintliche Rechtfertigung der Raumfahrt-Lobby für ihre Sache. Nur weil man solchen Mumpitz dauernd wiederkäut - und damit seine Unwissenheit und Inkompetent unter Beweis stellt - wird er nicht wahrer und Raumfahrt-Experten würden eher den Akku-Schrauber oder den Handstaubsauger als Nebenprodukte der Raumfahrt nennen, als dem Chemiker Roy Plunkett und der Firma DuPont ihre geniale (versehentliche) Erfindung der 1930er Jahre abspenstig zu machen.

    Doch das ist es nicht, was einen als Raumfahrt-Enthusiasten ärgert. Diese Qualität der Kompetenz bei den Medien ist man gewohnt, das Ärgernis ein altes. Doch dieses Mal, haben die Medien ihre eigene Naivität und Dummheit der NASA zum Vorwurf gemacht. Jahrelang haben sie sich nicht für Shuttlestarts interessiert, jahrelang wurde der Eindruck erweckt (NICHT von der NASA), als sei Raumfahrt ein Routine-Unternehmen, auch heute bei den Tagesthemen war ganz lapidar vom "Taxibetrieb zur ISS" die Rede, der nun in Gefahr sei. Der Normalbürger und der Normaljournalist misst eine solche, manchmal milliardenschwere Mission mittlerweile anscheinend an einem Linienflug Köln - Palma de Mallorca und meint es harsch kritisieren zu dürfen, wen so eine Shuttle-Mission zu sehr von ihren Vorstellungen abweicht. Doch so ein Shuttleflug ist eben eine komplizierte Mission. Da gleich von lahmen Vögeln und schrottreifen Raumfähren zu sinnieren ist deplatziert, denn diese Probleme hat es immer und vor allem auch in den letzten Jahren immer wieder gegeben - nicht weil die Fähren besonders alt sind, ganz im Gegenteil bestehen die meisten Shuttles heute nur zu im Grundgerüst aus dem 80er Jahre Material auf dem sie einst aufgebaut wurden, sondern weil man der Sicherheit immer mehr Platz einräumte und Risiken im Gegensatz zu den frühen Tagen der Raumfahrt immer weniger selbstverständlich eingeht. Manche Shuttle-Missionen sind über Monate immer wieder verschoben worden und es kam bestenfalls kurz vorm Wetter als Thema dran. Das war immer ein Tribut an die Sicherheit, eine Lehre aus dem Challenger-Explosion. Was wollen die Medien also? Der NASA Druck machen ihnen verzögerungsfreie und scheinbar perfekte Missionen zu liefern? Das wird die NASA nicht tun, denn dort weiss man was für ein kompliziertes Zusammenspiel von Nicht-Routine-Teilen und Nicht-Routine-Tätigkeiten wie ein riesiges Uhrwerk ineinander greifen muss, damit am Ende alles klappt - und ausserdem ist es tödlich für den Etat gegenüber dem Kongress den Eindruck von Routine zu erwecken.

    Nein, Raumfahrt ist keine Routine. Und ob sie für den einen Sinn oder für den anderen Unsinn sein mag ist zur Beurteilung der Tatsache, dass in diesen fliegenden Kisten 6-8 Persönchen sitzen, die ganz genau wissen, dass es das letzte sein könnte was sie tun, nicht so wichtig. Sie wissen es nicht ohne Grund. Und das nicht weil es besonders gefährlich ist, aber es ist mit Gefahr und Risiko verbunden - weil es eben nicht Routine ist. Uns Deutschen ist sowas zwischenzeitlich nur völlig unbekannt und unverständlich, da wir uns von solchen Wagnissen heute komplett fernhalten. Das heisst nur nicht, dass wir unsere Maßstäbe daran anlegen müssen, wenn andere zivilisierte Nationen versuchen Grenzbereiche auszuloten und ggf. zu verschieben. Alles hat mal klein angefangen, auch die heute selbstverständliche Fliegerei. Wieviele mussten unter halsbrecherischen Bedingungen Versuche durchführen oder auch sterben, bis die Gebrüder Wright endlich mal einen sauberen Flug hinlegen konnten? Und wie lange hat es gedauert, bis Otto-Normal-Bürger für 30 Euro im Airbus nach London fliegen konnte?

    Manchmal glaube ich, die heutigen Journalisten fühlen sich nicht zu Erst der Wahrheit verpflichtet, sondern ihrer Story. Wenn die nicht reisserisch oder spöttelnd daher kommen kann, dann ist sie nicht "gut". Diese Effektheischerei nervt und ist leider tendenziell dabei, die Gewalt über die gesamte Berichterstattung zu übernehmen. Mir kommts ja manchmal schon so vor, als müssten selbst die WetteransagerInnen in einen Wettbewerb eintreten, wer im Winter oder im Sommer die höchste oder tiefste Temperatur und den stärksten Wind für den nächsten Tag vorher sagt. Wenn man da bei einer drohenden warmen Woche nicht auf die zu erwartende Rekordtemperatur nochmal 5 Grad drauflegt, dann reden die Leute nicht genug übers Wetter und schalten nicht wieder ein um sich am nächsten Tag wieder aufgeregt zu erzählen "BOAH, HEUTE SOLLN FÜÜÜÜÜNFZIG GRAD WERDEN HAMSE ANGESAGT!!!!".

    Kein Wunder, dass immer mehr Menschen die Berichterstattung selbst in die Hand nehmen wollen und sich die BLOGGER-Szene großer Beliebtheit erfreut.

    PM

  2.  
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  3. #2
    Benutzerbild von djrene

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    Hm, n-tv hatte Thomas Reiter als Experten da und der ist wohl durchaus kompetent. Man muß sich halt auch die richtigen Sender aussuchen, daß RTL (und zukünftig vermehr natürlich die Springer-Sender) vor allem auf Schlagzeilen und Massenresonanz setzt ist ja nichts neues.

  4. #3
    Mumie
    Benutzerbild von Mumie
    @Post Mortem

    Stimme Dir grundsätzlich zu !
    Man muss aber auch sagen das nicht alles im argen bei der Berichtserstattung lag,sondern daß auch Leute eingeladen waren die sich auskanten z.b Jesco von Puttkammer oder Ulrich Hans Walter.

  5. #4
    Benutzerbild von producer

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    Zu allererst: Klasse Beitrag! Hat mich sehr gefreut, you made my day.

    PostMortem postete
    Manchmal glaube ich, die heutigen Journalisten fühlen sich nicht zu Erst der Wahrheit verpflichtet, sondern ihrer Story.
    Inzwischen ist leider sehr häufig zu beobachten, daß die sogenannten Journalisten längst keine mehr sind/nie welche waren bzw. nicht nach journalistischen Prinzipien arbeiten (z. B. weil sie sie gar nicht kennen).

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  6. #5
    Benutzerbild von producer

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    djrene postete
    Hm, n-tv hatte Thomas Reiter als Experten da und der ist wohl durchaus kompetent. Man muß sich halt auch die richtigen Sender aussuchen, daß RTL (und zukünftig vermehr natürlich die Springer-Sender) vor allem auf Schlagzeilen und Massenresonanz setzt ist ja nichts neues.
    Ausgerechnet n-tv gegen RTL zu positionieren und als Beispiel für heeren Journalismus anzuführen ist mindestens mutig.

    Zumal PMs erster Aufreger in seinem Beitrag der Tagesthemen-Kommentator des SWR war.

    Schnell zurück zu n-tv. Es ehrt die Redaktion sicherlich, daß man einen kompetenten Experten im Studio vorzeigen und damit Kompetenz vortäuschen konnte. Leider durfte er sich nicht selbst befragen, und war somit wieder dem Halb- bzw. Unwissen der Befrager und deren halbgaren, effekthascherischen Fragen zwischen den Werbebreaks ausgeliefert. Mit Journalismus hat das jedenfalls nichts zu tun.

  7. #6
    Benutzerbild von Torsten

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    Ich kann mich über den beschriebenen Zustand der Berichterstattung nur wenig echauffieren. Wer nur einigermaßen klar bei Verstand ist, weiß auch ohne tiefschürfende Kenntnisse, dass die Raumfahrt grundsätzlich nie auszuschließende Risiken birgt und angesichts ihrer noch jungen Geschichte längst keine wie auch immer vermutete Routine vorhanden sein kann. Über die Erwartungshaltung, die manche Medien da schüren, kann man sich schon seit langem nur wundern. Und das, ohne von einem Ulrich Walter oder Jesco von Puttkamer darüber aufgeklärt werden zu müssen (auch wenn sie mir sympathisch sind und ich ihnen gerne zuhöre).

    Ansonsten sei noch angemerkt, dass in den vergangenen Tagen auf diversen internationalen TV-Kanälen immer wieder mal Raumfahrt-Experten zu Wort kamen, die zum Teil deutliche Kritik an der NASA äußerten (u.a. sogar ehemalige Mitarbeiter). Insofern halte ich eine Glorifizierung dieser Institution für genauso unangemessen wie die übersteigerte Empörungshaltung schlecht informierter Medienvertreter.

    Dass die Berichterstattung vielfach inkompetent ist, dürfte eine Folge des knallharten Wettbewerbs sein, in dem alle Medienorgane ums Überleben kämpfen. Statt sorgfältig und somit zeitaufwändig recherchierter Fakten buhlt man lieber mit Sensationsgeilheit, Empörungsgenuss, gnadenloser Personalisierung und bedeutungsschwangeren Übertreibungsorgien um die Gunst der Konsumenten.

    Und sie wären aus ihrer Sicht ja auch schön blöd, wenn sie das bei anhaltend hoher Quote/Auflage ändern würden. Ein Volk hat letztlich eben genau die Medien, die es verdient...

  8. #7
    Benutzerbild von new-waver

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    Also ich habe gestern Abend die Tagesthemen gesehen - das Top-Thema war die OV-103 Discovery - das "alte, schlachtreife Schlachtross" (Zitat).

    Was mich an diesen Berichterstattungen kolosal ärgert ist die Tatsache, dass diese Mission STS-114 als Fehlschlag für die NASA ausgelegt und die Shuttles als quasi schrottreif dargestellt werden. Selbst die Landung in Edward AFB wird als Rückschlag angekreidet.
    Dabei war der Grund für das Ausweichen ja nur das schlechte Wetter am Cape und dafür kann die NASA wohl nichts.
    Früher war das Routine, dass man die Shuttles in Edwards landete und via 747 huckepack ans Cape zurück flog.
    Das ist wohl ehr ein Kostenfrage, als eine Frage der Zuverlässigkeit des Shuttlesystems.
    Auch wurden alle Shuttle-Flüge der Discovery zugeschrieben, dabei war es "erst" ihr 31er Flug. Man vergaß vollends, dass es noch die Columbia, Challenger, Atlantis und die Endeavour gibt/gab.
    Seit dem Columbia-Unglück sind zahlreiche Verbesserungen und Änderungen durchgeführt worden und haben das System sicherer gemacht.
    Dass bemannte Raumfahrt kein Spaziergang ist sollte den Herren Journalisten auch klar sein. Es gibt immer ein Risiko!
    Ich bin der Ansicht, dass es seit dem Columbia-Unglück dieses Thema zu sehr aufgebauscht wird. Hitzeschutzkacheln gingen schon immer verloren und bei allen startenden Raketen lösen sich Teile beim Start in Form von Eis oder Verkleidungen.
    Bei der Columbia war es wohl dummer Weise eine Verkettung unglücklicher Umstände.

    Die Reparatur der Discovery im All war in meinen Augen eine Meisterleistung. Ob es tatsächlich notwendig gewesen war wissen die Götter. Ich glaube, dass bei den bisherigen Missionen einiges an "normalen" Beschädigungen auftrat, nach denen kein Hahn krähte.
    Klar, stammt die Shuttletechnik aus den 70ern aber das ist bei vielen Flugzeugen genauso, ganz gleich ob zivil oder militärisch. Es wird halt ständig und ständig dran verbessert.
    Das erste raumtaugliche Shuttle Columbia flog 1981; es folgten 1983 die Challenger (STS-6), 1984 die Discovery (STS 41-D) und 1985 die Atlantis (STS 51-J); das jüngste, die Endeavour hatte 1992 mit STS-49 ihren Erstflug und gehört mit 19 Flügen wohl noch nicht zum alten Eisen.

    Fakt ist dass es keine wirkliche Alternative zu Shuttle-System der Amis gibt.
    Die Russen haben ihren Raumfährenprogramm bereits in den 80er eingestellt. Die Buran und die anderen halbfertigen Prototypen wurden eingemottet.
    Da der Kommunismus im Osten damals langsam aber sicher Auflösungserscheinungen zeigte, hatte man ganz andere Probleme und das bedeutete das Aus für diese Technik.

    Ich betrachte die bemannte Raumfahrt für Wissenschaft und Technik als sehr wichtig.
    Irgendwann wir die Erde zu eng für uns alle werden und wir werden auch auf die Resourcen anderer Planeten angewiesen sein.
    Das klingt jetzt vielleicht alles etwas nach Star Trek, aber ich denke das ist der Weg der Menschheit.
    Klar, dass wird eine Entwicklung sein, die wir hier im Forum wohl nimma mehr erleben werden, aber es werden in unserer Zeit Grundlagen hierfür geschaffen.

    Enttäuscht haben mich allerdings die ersten Entwürfe der NASA in puncto neue Mondmission(en). Das Projekt sieht wie Apollo Mark II aus und die Trägersysteme basieren auf der Shuttle-Technologie.

    Ciao
    Frank

  9. #8
    Benutzerbild von bubu

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    Gutes Thema, PM.

    Ja, du hast Recht: in den Medien, vor allem mal wieder im Fernsehen, wurde das ganze unerträglich aufgebauscht. Ich habe die Berichterstattung im ZDF und auf N24 verfolgt, fand dort aber die Auswahl der "Experten" ok.

    Auch nervten wirklich die gleichgeschalteten besserwisserischen und oberflächlichen Kommentare im Nachhinein. Die meisten haben es sich zu einfach gemacht, wenn sie nur von "alter Rostlaube" sprechen und damit mal wieder einen wunderbaren Vorwand gefunden haben, die bemannte Raumfahrt an sich in Frage zu stellen.

    Obwohl es mehr als 200 Shuttle-Flüge bislang gegeben hat, ist die bemannte Raumfahrt keine Routine. Wenn man das mit der Flugzeugentwicklung vergleichen möchte, wäre es sicher interessant hochzurechnen, wie die Risiken hier im Vergleich aussähen. Man hat auch heute noch dauernd Flugzeugabstürze. Es heben aber auch viel mehr Flugzeuge ab. Shuttles nicht. Bei mehr als 200 Flügen "nur" zwei Abstürze zu verzeichnen, ist so gesehen eigentlich keine schlechte Bilanz, wenn auch die Todesfälle natürlich tragisch sind. Aber du hast es schon gesagt: bei solchen riskanten neuen Technologien haben immer Menschen ihr Leben gelassen. Jeder Astronaut weiß, worauf er sich einlässt und kennt die Risiken, wenn er in einem Shuttle mitfliegt.

    Nach der Columbia-Katastrophe stand die Nasa unter einem erheblichen Druck. Es ging nicht nur um einen wissenschaftlich-technischen Erfolg, sondern - und das vergessen viele - angesichts der hochfliegenden Pläne von Präsident Bush (Mondbasis, bemannte Marsmission, etc.) und den vielen Geldern, die geflossen sind, und angesichts der Pläne der Chinesen (und Europäer), eine bemannte Marsmission zu starten, ist das Raumfahrtprogramm - wie auch damals in den 60ern - mal wieder zu einem enormen Prestigeobjekt avanciert.

    Dies war der bestbeobachtetste Shuttle-Flug aller Zeiten. Die Offenheit, mit der die Nasa alle Probleme sofort offenlegte und eingestand, fand' ich beachtlich und respektabel. Die Probleme, die man jetzt in aller Öffentlichkeit erleben konnte, hat es aber immer gegeben, bzw. man hat sie in der Vergangenheit sogar gar nicht bemerkt. Ich mache da weniger den Medien den Vorwurf, dass sie sich all die Jahre für die Shuttle-Flüge nicht interessiert haben, als vielmehr der Nasa und der US-Regierung, dass sie im Rausche des Erfolgs einfach risikoblind und übermütig geworden ist.

    (Ein aufschlussreiches Interview mit dem Shuttle-Experten des DLR: "Das Shuttle ist noch immer ein Experimentalflugzeug")

    Dennoch, dass die Shuttle technisch veraltet sind und Materialermüdung zeigen und Nasa-Techniker teilweise selbst nicht mehr damit zurechtkommen, ist ein Fakt und hat die Nasa selbst zugegeben. Das ist aber nicht das Hauptproblem.

    Der wichtigste Punkt nämlich, den ich der Nasa zum Vorwurf mache, ist, dass sie das Hauptproblem - die Schaumstoffisolierung, die beim Start vom Treibstofftank abplatzt und das Shuttle beschädigen kann - noch immer nicht im Griff hat. Und das, obwohl sie wussten, dass dies der Grund für die Columbia-Katastrophe war und obwohl sie zweieinhalb Jahre Zeit und über eine Milliarde Dollar zur Verfügung hatten, um das Problem zu lösen. Ich mache es dem neuen Nasa-Chef Michael Griffin zum Vorwurf, dass er vor diesem Hintergrund einen weiteren Shuttle-Start gewagt hat - ich vermute, es war auch sein ganz persönlicher Geltungsdrang, der ihn als neuen Nasa-Chef so handeln ließ.

    Die Shuttle sind ein Auslaufmodell - aber das müssten sie nicht sein, wenn man nur das Isolierschaumproblem in den Griff bekäme. Dass die Shuttle zu alt sind, ist nicht das Hauptproblem. Aber es gibt ja neue Ideen.

  10. #9
    Benutzerbild von PostMortem

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    @ Torsten / djrene

    Die Berichterstattung an sich könnte mir und jedem an sich herzlich egal sein. Und natürlich kann man sich persönlich gezielt die höherwertige Berichterstattung auswählen. Aber da hängt ja nunmal einiges dran.

    Das Problem dabei ist doch, dass gewisse Themen von der Akzeptanz in der Bevölkerung abhängen und somit auch die Etat-Verwendung davon abhängt, wie das Volk zur Sache steht. In Sachen Raumfahrt bleibt den Überzeugungstätern so immer nur übrig einen Wettlauf gegen irgendwen (gestern Russen, heute Chinesen) daraus zu veranstalten, um an den Patriotismus und Vorherrschaftsansprüche zu appelieren. Die Marschrichtung der Clinton-Administration, alle Partner friedlich und gemeinschaftlich einzubinden und Projekte gemeinsam zu stemmen, hat mir da erheblich besser gefallen. Doch auch da stand leider immer der Friedensaspekt der freundschaftlichen Zusammenarbeit im Vordergrund und nicht der wissenschaftliche Nutzen. Hätte er im Vordergrund gestanden, hätte man mit der ISS ggf. auch sehr viel mehr anfangen können als das heute der Fall ist.

    Raumfahrt wurde in den letzten 50 Jahren immer nur über politische und militärische Aspekte gerechtfertigt. Das hat uns auf Dauer genau den Rückstand eingebracht, den die Menschheit heute im Vergleich zu den an sich nicht irrealen Plänen eines Wernher von Braun für die heutige Zeit hat. Deswegen finde ich eine informierende, objektive, durchaus auch kritische, aber nicht unfaire Berichterstattung wichtig. Wenns um politische Themen geht, erwarten wir das ja auch ganz selbstverständlich, um uns ein Bild machen zu können.

    Es geht nicht um Glorifizierung der NASA. Allerdings brauchen wir da gar nicht mit dem Finger auf die USA zeigen - und ggf. frustrierte Ex-Mitarbeiter sind auch nicht immer die objektivsten Quellen, haben ggf. alte Rechnungen offen. Die NASA hat in den letzten Jahren eine Menge alter Haudegen an die Luft gesetzt und sie durch junge Nachwuchswissenschaftler ersetzt. Unsere Institutionen arbeiten jedenfalls kaum effizienter mit dem Geld und bleiben dabei weit hinter den Leistungen der NASA zurück - wir erreichen ja international nichtmal die Stellung der unter weit bescheideneren Budgets operierenden Roskosmos. Vielleicht sollte man sich da einfach immer mal wieder vor Augen halten, was wir einst zum Ziel hatten und was Europa tatsächlich erreicht hat: Noch 1987 wollte man ein 60 Mrd. DM schweres Programm auflegen, um bis zum heutigen Tage mit der ESA als (bemannte) Raumfahrtmacht neben Amerika und Russland gleichberechtigt in der Welt zu sein. Nichts davon hat die lähmende EU-Bürokratie dann auf die Kette bekommen, da sich wieder alle zerstritten haben. Wir haben für vergleichsweise teures Geld das winzigste Modul für die ISS gebaut und davon noch die Hälfte den Amerikaner abgetreten, wir haben keine eigene Möglichkeit es hoch zu bringen und schauen nun dumm aus der Wäsche (am Ende landets als teuerstes Exponat im Deutschen Museum) und unsere Astronauten haben bei diesem winzigen Anteil nichtmal das Recht sich ganzjährig auf der Station aufzuhalten...... Es ist keine Glorifizierung der NASA, ihnen zuzugestehen, dass sie da viel weiter sind. Es ist jedoch Geringschätzung der Leistung, wenn man unwissend anfängt zu spötteln und diese Leistungen mal eben so wegwischt und alles ins lächerliche zieht. Die Amerikaner sind momentan die einzigen, die einen solchen Zugang ins All haben und die ohne Station Forschung betreiben können. Sie gehen dafür bewusst Risiken ein, dass hat niemals jemand verschwiegen. Es existieren seit 20 Jahren Studien, dass das Shuttle eine Verlässlichkeit von 94% aufweist. D. h. nichts anderes, als das man rein rechnerisch seit langem mit dem Wissen Raumfahrt betreibt, dass 6 von 100 Missionen Totalverluste sein können. Nur weil irgendwelchen SWR-Fuzzies das nicht bekannt oder zu hoch ist und sie Menschen nicht verstehen, die lieber in einem 40 oder 50jährig vielleicht beendeten Leben ein Mal den blauen Planeten aus dem All gesehen haben, als bis ins hohe Alter als SWR-Frühstücksdirektor zu vergreisen, muss das ja nicht darin ausufern Blödsinn in die Welt zu setzen.

    @ bubu und new-waver

    Jedem der sich damit nicht erst seit gestern beschäftigt (so wohl auch ihr) weiss, dass das Shuttle so wie es heute fliegt, eine Fehlkonstruktion war. Die Booster-Lösung mit dem riesigen Tank war so ursprünglich ja gar nicht geplant. Und eine Menge Leute haben sich den Mund fusselig geredet, dass das eine absolut schlechte Idee ist, als es darum ging angesichts überschrittener Budgets den Vogel in einer abgespeckten Variante fertig zu bauen. Die Empörung der Medien kommt also mindestens ein Vierteljahrhundert zu spät - vor allem gemessen an ihrem Selbstanspruch auf sowas als kontrollierende Instanz zu wirken und Missstände aufzudecken..... Das Konzept war also schon veraltet, als es angegangen wurde. Das die Medien es jetzt aber so hinstellen, als würde das Shuttle nicht mehr durch den TÜV kommen weil es so alt ist, ist - wie ihr ja auch sagt - ziemlicher Unsinn. Das Shuttle wird im Grunde immer wieder neu aufgebaut und wurde oft umfangreich nachgerüstet und modernisiert. Die Shuttles altern also im Grunde eher gar nicht. Man kann es deshalb am ehesten mit einem großen Militärflugzeug vergleichen und die B-52 flog viele Jahrzehnte mit Atomwaffen an Bord über unseren Köpfen. Alt ist deshalb nur das Konzept und natürlich mutet es in Zeiten der Standardisierung reichlich altmodisch an, wenn jedes Teil am Shuttle ein Spezialteil ist, dass nur mit einem Spezialwerkzeug montiert werden kann. Das macht das ganze ja auch so kompliziert und zeitaufwändig. Aber: Es ist eben das modernste was "wir" haben. Und das liegt eben nicht zuletzt an der Berichterstattung und der dadurch schwindenden Akzeptanz bzw. dem Fehlen des Interesses für das Thema..... Erst gerät das Thema aus dem Fokus, da dieser Routinebetrieb zu langweilig für große Berichterstattung ist und dann wird das ganze zu Tode geschrieben und gesendet. Das ist nicht ganz fair und richtig..... die von der NASA nun bis zum Äußerste getriebene Transparenz durch so schamlose Hähme zu Danken, wird dort auch seine Konsequenzen haben. Schade, hätte es den Raumfahrtbetrieb doch interessanter für die Medien machen können, weil er eben ja auch keine Routine ist.

    So wird es wohl leider erst wieder einen Technologiesprung geben, wenn die Chinesen den Mars für sich reklamieren wollen. Das wirft uns in die Zeiten des kalten Krieges zurück. Besser wären kontinuierliche Forschung um der Forschung willen, kontinuierliche Etats und ein kontinuierliches Interesse in der Welt daran, wie sich der Mensch weiter in den Weltraum aufmacht.

    Das tragische daran: Eben WEIL wir heute mit diesem fetten Tank und den Feststoffboostern als Notlösung leben müssen und das jeder weiss, haben wir noch keinen Nachfolger fürs Shuttle und die NASA wegen der schwindenden Akzeptanz immer weniger Budget zur Verfügung. Die X-33 / der "Venture Star" sollte ja genau dieses Manko beheben und als "Single Stage"-Lösung mit völlig neuartigen Triebwerken starten (dem "Linear Aerospike Motor"). Das ganze ging in die Hose nachdem es eine Menge Geld gefressen hate. Das Projekt wurde eingestellt und die NASA ist bei gleichzeitig immer teurer werdenden Shuttle-Flügen so klamm, dass sie nichts weltbewegend neues als Nachfolger hinbekommt... da sie das nicht schafft, erhält sie immer weniger Ansehen, die Sache immer weniger Rückhalt und damit weniger Geld - ein Teufelskreis!

    PM

  11. #10
    Benutzerbild von new-waver

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    Naja, ob das gesamte Shuttle eine Fehlkonstruktion war, wage ich zu bezeifeln. Es war schon ein gewaltiger Satz nach vorne. Sicher, anfangs war das ganze etwas anders geplant und die Booster-Tank-Lösung war sicherlich nicht die cleverste, aber dass das Prinzip gar nicht so verkehrt war (für die 70er) zeigt ja auch die Tatsache, dass die Russen ein fast identisches System gebaut hatten. Das Buran Trägersystem bestand ebenfalls aus einem Huckepackshuttel und einem Boostersystem. Wobei hier im Gegensatz zum US Shuttle der Tank durch eine leistungsstarke Rakete ersetzt wurde und das Shuttle selbst keine Starttriebwerke hatte.
    Nachdem die Amis mit Apollo 11 den Mond erreicht hatten, schwand das weltweite Interesse an der Raumfahrt und somit auch das Geld.
    Also wurde beim Shuttle der Rotstift angesetzt.
    Das Shuttle selbst war eine Konsequenz aus den Testflugkörpern, den sogenannten lifting-bodies X-24A, M2-F3, HL-10 die in Edwards AFB/Dryden in den 60er und frühen 70er ihre Runden drehten.
    Die Air Force entwickelte ja in den 60er Raketenflugzeuge wie die X-15, welche won Trägerflugzeugen (B-52) gestartet in den Weltraum vordringen sollten. Diesem Programm wurde zu Gunsten von Gemini und Apollo hefigst die Gelder entzogen.

    Die aktuellen Pläne des Mr. Bush halte ich für etwas hochgegriffen. Es fehlt einfach das Geld und der Anreiz für die Öffentlichkeit. Ein auf Shuttle-Technologie basierendes Apollo Mark II Programm macht wenig Sinn, denn die Raumfahrt brachte doch stets einen Technologiesprung mit sich.

    Es ist schon drollig, wenn man die SF-Filme aus den 60er oder 70er sieht. Es schien alles machbar zu sein - Raumstationen, eine Mondbasis Alpha 1 mit Adler, die gerade mal so ohne Trägersystem auf Planeten landen können usw.
    Irgendwie tritt die bemannte Raumfahrt in Sachen Entwicklung sein 40 Jahren auf der Stelle - schade!

    Ciao
    Frank

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