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Was ist "postmodern" ?

Erstellt von bubu, 21.07.2011, 20:20 Uhr · 24 Antworten · 4.539 Aufrufe

  1. #21
    Benutzerbild von PostMortem

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    AW: Was ist "postmodern" ?

    Zitat Zitat von bubu Beitrag anzeigen
    Anders Breivik ist postmodern:

    Manifest für einen erbarmungslosen "Kreuzzug" gegen den Multikulturalismus | Telepolis

    Das wirft die interessante Frage auf, ob Amokläufe und Terrorismus ein postmodernes Phänomen sind. Und wenn ja – warum?
    Seltsame Artikel, die nach solchen Geschehnissen blitzschnell "klug" zusammengeschrieben werden. Seltsam, wegen z. B. solcher Passagen:

    "Die Weltfremdheit in diesen Bewegungen zeigt sich vor allem daran, dass sie an wirtschaftliche Zusammenhänge keine großen Gedanken verschwenden. Auch bei Breivik spielt Ökonomie keine Rolle - und er hat sich jahrelang in der Fortschrittspartei engagiert."

    Denn welchen Gedanken verschwenden die meisten Umweltbewegungen an Ökonomie? Keinen einzigen, sonst wüssten sie, dass viele "Sofort!"-Forderungen unrealistisch sind. Auch Piraten haben andere Ziele als Ökonomie. Selbst die Grünen interessieren sich vergleichsweise kurz für Wirtschaftspolitik. Trotzdem bzw. gerade deshalb sind Bewegungen, die sich nicht bereits durch Öknomie selbst im Denken beschneiden, nicht gleich gefährlich.

    Auch den Freispruch davon einfach nur "wirr" zu sein, spricht TP mir hier zu früh. Denn was ist nicht total wirr daran, im vermeintlichen Kampf gegen Multikulturalismus die Kinder seiner Landsleute zu töten, d. h. die eigene Nationalität zu dezimieren? Zumindest besteht hier doch der Verdacht nach reichlicher Verwirrung und damit erstmal Klärungsbedarf.

    Von daher finde ich solche Artikel meistens etwas bemüht zusammenkonstruiert. Aber wie bei den Politikern, haben wohl auch Journalisten immer den Anspruch schon Stunden nach einem solchen Vorfall eine vollständige Erklärung für das Geschehene (re)konstruieren zu müssen. Dabei wird man vermutlich auch in einigen Monaten noch nicht bzw. vielleicht niemals erfahren wie dieser Breivik wurde was er ist. Für die politisch Handelnden, die aus solchen Vorfällen immer irgendwelche Maßnahmen ableiten müssen, macht es vermutlich auch keinen Sinn sich um die Befindlichkeiten einer einzelnen Persönlichkeit Gedanken zu machen, auch wenn die Opferzahlen hoch sind. Es wird immer solche menschlichen Zeitbomben geben. Es fällt schwer, aber man muss solche Extremvorfälle wohl als das nehmen was sie sind, nämlich seltene Extremvorfälle. Was soll man sonst tun? Überall den Polizeistaat ausrufen und hinter jeden Kopf einen Polizisten stellen? Extremvorfälle jeglicher Art binden viel zu viel Energie, Zeit und Kraft unter den politisch gestaltenden. Dabei sind sie diejenigen, die im Gegensatz zum Volk den kühlen Kopf bewaren und besonnene Entscheidungen treffen müssten. Man kann Politik nicht immer aktionistisch an Extremvorfällen ausrichten (auch wenn das Volk das kurzfristig oft honoriert), sondern müsste, bezgogen auf die angeblichen Motive dieses Täters, versuchen sich endlich einer vernünftigen Einwandersungs- und Integrationspolitik zu widmen. Dann hat man die sich bereits im Alltag ausbreitenden Fehlentwicklungen misslungener Integration ggf. im Laufe von ein paar Jahren abgemildert und nimmt gewaltbereiten Extremisten langsam den Nährboden. Andererseits braucht man sich keine Illusionen machen: Persönlichkeiten wie Breivik sind wahrscheinlich von ihren Anlagen darauf programmiert so zu werden wie sie sind und sie werden immer eine "Berufung" finden, in deren "Dienst" sie ihre Gewaltbereitschaft "verteitigend" zu stellen glauben. Man kann solche Ausnahmetaten nicht verhindern, egal wieviele Gesetze man erlässt.

    Da die Geschichte schon Amokläufe vor hunderten Jahren verzeichnet, teils aus religiösem Antrieb, gehe ich nicht davon aus, dass das ein Problem unserer Zeit ist. Wir sind heute nur bei jedem Amoklauf auf der Welt und in jeder Ecke Deutschlands sofort live dabei. Früher erfuhr man komprimiert in der Tagesschau oder Tageszeitung davon und es spielte auch keine Rolle, dass der Täter "Mensch ärgere Dich nicht" (heute "World of Warcrarft") gespielt hat. Man hatte auch viel weniger Bilder vor Augen und anschließend im Kopf. Es kam alles abgemilderter und weniger direkt zu uns nach Hause. Irgendwann werden wir noch erfahren, welche Farbe die Unterhose eines Amokläufers hatte. Ich wünsche mir da manchmal die entschleunigte und weniger detailverliebte Berichterstattung der 1980er zurück. Es geht nicht darum in Dummheit gehalten zu werden. Aber es fehlt langsam an Distanz und viele stündliche neue Erkenntnisse in Dutzenden Sondersendungen und "Schalten", sind bei näherer Betrachtung völlig nutzlose Informationen. Man ist mittlerweile jeden Tag von Katastrophen, Unglücken und Verbrechen mit betroffen, egal wo auf der Welt sie geschehen. Gesund und einer objektiven Wahrnehmung und Gestaltung des Lebens auf diesem Planeten förderlich ist das nicht gerade. Dieses Phänomen würde ich unserer Zeit zuordnen.

  2.  
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  3. #22
    Benutzerbild von Die Luftgitarre

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    AW: Was ist "postmodern" ?

    Der Begriff wird sehr unterschiedlich verwendet, bezieht sich aber meistens auf eine Abgrenzung gegenüber der sog. "klassischen" Moderne, die gekennzeichnet war durch Industrialisierung, Fortschrittsglauben, Rationalismus, in der Architektur und im Design durch strenge geometrische, funktionale Formen. Der Höhepunkt dieser klassischen Moderne waren wohl die 1950er/1960er Jahre.



    Der Begriff "Postmoderne" bezieht sich auf alles, was seit den späten 1960ern quer zu dieser sozusagen quadratischen und sterilen modernistischen Welt lief: die Hippies, die Esoterik-Welle, die Grünen, das Interesse an außereuropäischen Kulturen oder am Fantasy-Genre, die Philosophie der "neuen Unübersichtlichkeit", die Denkmalschutz-Initiativen, das Design von Hundertwasser. D. h. die für die 1950er Jahre typische Idee einer alternativlosen Moderne, die wie eine Dampfwalze alles historisch gewachsene einebnet (bildlich: die Antragung ganzer Dörfer zugunsten einer Autobahn) und wurde zunehmend skeptisch gesehen.



    Die 80er waren (trotz der betonten Abgrenzung von der Mode und Musik der Hippies) sehr postmodern!
    - Es gab einen regelrechten Hype um das Thema Naturvölker, immer mit dem Tenor: Hier die Edlen Wilden, dort die böse, zerstörerische Zivilisation (z. B. in "Crocodile Dundee" oder in den Bowie-Videoclip "Let´s dance")
    - Dann der ganze New-Age-Kram und der Hype um den Daia Lama.
    - Dann die Grünen, die Bio-Bauernhöfe usw.
    - Der Feminismus: Hier die empfindsamen Frauen, dort die Männer die "Raketen bauen" (Grönemeyer)
    - Das in dieser Zeit aufkommende Misstrauen gegen die "Schulmedizin" und die Hinwendung zu alternativen Heilmethoden
    - und dann Fantasyfilme wie "Momo" und "Die Unendliche Geschichte"

  4. #23
    Benutzerbild von bubu

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    AW: Was ist "postmodern" ?

    Das bringt doch endlich mal Klarheit.

    Sehe ich das richtig, dass die DDR dann quasi jahrzehntelang in der Moderne steckengeblieben war? Oder war der Arbeiter-und-Bauern-Staat ein neo-prämoderner Staat?

  5. #24
    Benutzerbild von Die Luftgitarre

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    AW: Was ist "postmodern" ?

    Zitat Zitat von Dr. Peter Venkman Beitrag anzeigen
    Sehe ich das richtig, dass die DDR dann quasi jahrzehntelang in der Moderne steckengeblieben war?
    Das könnte man so sagen, das angestrebte Planungsparadies wird (rückblickend) auch manchmal als sozialistischer Modernismus bezeichnet.



    Die Grundidee des Marxismus ist ja, die Moderne sozusagen arbeiterfreundlich zu machen, nicht aber sie abzuschaffen. Die ganze Symbolik der Ostblockstaaten war industriell-technisch (Hammer & Zirkel im Wappen, auf den Geldscheinen fleißig lernende Schulkinder, Fabrikschornsteine), die Sprache war sehr modernistisch ("Entwicklung der Produktivkräfte", Abkürzungen für alles mögliche, ect.)

    Alles, was hingegen nach Industriefeindlichkeit oder Romantik klang, war in der DDR als "kleinbürgerlicher Irrationalismus" verpönt. Die Postmoderne in den 70ern und 80ern wurde allenfalls als alberne westliche Mode zur Kenntnis genommen und als Anzeichen dafür, dass es mit dem Kapitalismus zu Ende ging. Das Wort Postmoderne selber existierte im offiziellen DDR-Sprachgebrauch gar nicht.

  6. #25
    Benutzerbild von PostMortem

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    AW: Was ist "postmodern" ?

    Zitat Zitat von Die Luftgitarre Beitrag anzeigen
    Alles, was hingegen nach Industriefeindlichkeit oder Romantik klang, war in der DDR als "kleinbürgerlicher Irrationalismus" verpönt. Die Postmoderne in den 70ern und 80ern wurde allenfalls als alberne westliche Mode zur Kenntnis genommen und als Anzeichen dafür, dass es mit dem Kapitalismus zu Ende ging.
    Wird Zeit, dass in dieser Richtung einmal neue, moderne Einflüsse entstehen. Nachdem der "Kampf der Systeme" zu Ende ist, hatte ich ja gehofft, dass der Aufstieg Chinas zur Wirtschaftsmacht aufgrund der politischen Reform-Resistenz (Zensur, Diktatur, Meinungsfreiheit, Menschenrechtsverstöße, politische Häftlinge etc. etc.) hierzulande zu einem Umdenken führt. Während die Anti-AKW- und Umweltbewegung eine Bürgerbewegung ist, blieb Industriefreundlichkeit eine reine Lobbyarbeit von Wirtschaftsverbänden und mehr oder weniger offiziellen Bündnissen der Manager"kaste". Das war in den 1950ern bis frühen 1980ern noch ganz anders. Viele Städte zeigten ihre Industrieunternehmen gar Stolz auf ihren Ansichtskarten, weil es zur Moderne dazu gehörte sie zu haben.

    In der breiten Bevölkerung hat diese Lobby-Lastigkeit der Industrie jedoch zusammen mit der starken Umweltbewegung zu einer industriefeindlichen Grundeinstellung geführt. Industrie hat keinen Rückhalt mehr in der Bevölkerung, wohl auch weil nicht mehr so viele Menschen das Gefühl haben von ihr abhängig zu sein - als Kunde und auch als Dienstleister allerdings ein großer Irrtum. Während hierzulande ehem. Industriestandorte mit Parks, Gewässern, Baumärkten, Supermärkten und Event-Gedöns überbaut werden, wird der verbliebene industrielle Kern Deutschlands umso kritischer gesehen und trotz weitaus höherer Umweltstandards und damit verbundenen Mehrkosten gegenüber z. B. China, Indien oder ehem. Sowjet-Republiken als profitgieriger Umweltverschmutzer angegangen. Der Eindruck ist so, dass jeder hierzulande stillgelegte, seit den 1980ern relativ sauber gefilterte Schlot ein Gewinn für die Menschheit ist. Die drei dafür ausgelasteten, überhaupt nicht gefilterten Schlote in China sieht man hier ja nicht.

    Mittlerweile ist es bei manchemn Menschen schon soweit, dass jedes überbaute Stück Land schon als Verbrechen und Sünde an der Natur wahrgenommen wird, während in Schwellenländern das eigene Wachstum und damit verbundene moderne Neubauten als positiver Fortschritt gesehen werden.

    Ich frage mich, wann und wie hier einige Auswüchse der Protestbewegungen einmal wieder einen bürgerlichen Gegenpol erhalten und der Zeitgeist wieder etwas ausgewogener wird. SPD, Gewerkschaften und andere ehem. "Freunde" des Industrie-Arbeiters haben die Arbeit an der positiven Wahrnehmung von Arbeitern und Industrie ja anscheinend mittlerweile eingestellt. Besonders positiv für unsere Zukunft stimmt mich das nicht. Wir können uns ja nicht alle gegenseitig die Haare schneiden und "moderne Berufe" wie Software-Entwicklung, Kundenservice und selbst Buchhaltung, Abrechnung etc. werden zunehemend nach Asien und Ost-Europa verlagert. Der verbliebene Kern industrieller Wertschöpfung in Deutschland ist eigentlich eine unschätzbare Errungenschaft, die uns auch ganz gut durch die Krise geholfen hat. Die in der neoliberalen Welle deindustrialisierten Länder, wie UK, sehen im Vergleich zu Deutschland immer noch ziemlich alt aus. Ich sehne eines eeeeeetwas industriefreundlichere Gesinnung in Deutschland deshalb regelrecht herbei.... Sie wäre nötig um das zu Erhalten. In vielen Städten, wie z. B. Düsseldorf, gilt es aber als schick sich der verbliebenen Industrie zu entledigen. Man hofiert nur Büro-Etagen-Anmieter. Alles was einen Schlot hat darf gerne gehen. Woher soll da eine industriefreundliche Wahrnehmung der Bevölkerung kommen?

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