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Lässig, zu lässig, unzuverlässig...

Erstellt von Torsten, 17.09.2003, 20:34 Uhr · 41 Antworten · 2.643 Aufrufe

  1. #1
    Benutzerbild von Torsten

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    Kürzlich bekam ich bei meinem Friseur die Juli-Ausgabe der Zeitschrift GQ in die Finger, in der ein Artikel zu lesen war, der mir zutiefst aus der Seele sprach. Da mich mal eure Meinungen, Erfahrungen und Wahrnehmungen zum Thema interessieren würden, zitiere ich hier den entsprechenden Essay. Zur Sicherheit von Heiko (Stichwort Abmahnwelle) und zur Beruhigung chronischer Bedenkenträger habe ich mir von der zuständigen Redaktion eine entsprechende Genehmigung eingeholt...

    Eckhart Nickel: "Lässig, zu lässig, unzuverlässig"

    Am Anfang war das Wort; und das Wort war gut. Nur seine Gültigkeit ist irgendwann abhanden gekommen: Zu Beginn des dritten Jahrtausends fühlt sich endgültig niemand mehr an Versprechen, Verabredungen und Vereinbarungen gebunden. Zur Not ist eben das Handynetz schuld...

    In Afrika gibt es eine Kirche, über deren Eingangsportal in großen Buchstaben das Wort "Forget" steht. Es besteht begründete Annahme zu dem Verdacht, dass die meisten von uns längst Anhänger dieser Religion geworden sind, ob sie es nun wissen oder nicht.

    Leider ist hier nicht vom Gleichmut die Rede, der sich dann einstellt, wenn man das Motto des Glaubensorts wörtlich nimmt und die große Zivilisationsleistung des denkenden Menschen bewältigt: sich einzuüben in die Kunst, das, was einen – zu Ende gedacht – umbringen würde, zu vergessen, sei es der Tod eines Menschen, einer Liebe oder der Tod an sich. Und so in der Lage zu sein, das Leben von neuem anzugehen. Nein, es ist vielmehr ein markanter Verlust anzuzeigen, der immer weitere Teile der Gesellschaft ereilt hat: der Verlust der Zuverlässigkeit.

    Das Vergessen ist wesentlicher Bestandteil dieses Phänomens. Jeder kennt das: Wollte der Freund einen nicht nochmal anrufen, bevor er zur Eröffnung eines brandneuen Clubs aufbricht? Am nächsten Tag spricht man sich und plötzlich taucht das Wort auf: Oh, wollte ja noch Bescheid geben, hab ich einfach vergessen, sorry! Da wird gleich klar, dass es sich nicht um das übliche Vergessen handelt, diese markante Abnahme des Kurzzeitgedächtnisses bei Menschen, die gerade mal die 30 überschritten haben. Es geht um das kalkulierte Vergessen. Ob es nun die Tatsache ist, dass der gute Freund einfach allein gehen wollte und mal wieder nicht das Rückgrat hatte, die Wahrheit zu sagen. Oder einfach nur der Umstand, dass er den Besitzer doch nicht so gut kennt, wie er immer behauptet hat. In beiden Fällen gibt jemand nicht das eigentliche Motiv zu erkennen, das ihn dazu geführt hat, sich einfach nicht zu melden, obwohl er es versprochen hat. Diese Unzuverlässigkeit ist das Resultat einer grundfeigen Einstellung: nicht dazu stehen zu wollen oder zu können, was man denkt, fühlt und tut.

    Diese Wurschtigkeit an wesentlicher Stelle gab es schon immer, verteilt auf einige schlechte Charaktere, um deren Bekanntschaft man im Leben kaum herumkommt. Neu hingegen ist die flächendeckende Verbreitung dieses abstoßenden Zugs. Ob es der freundliche Herr vom Kreditkarteninstitut ist, der eine schief gelaufene Buchung zu korrigieren verspricht, was sich seltsamerweise beim Überprüfen der nächsten Abrechnung als leeres Versprechen herausstellt. Oder die nette Dame bei der Behörde, die achselzuckend auf den Umstand hinweist, dass sie trotz gegenteiliger Auskunft am Telefon Stundem vorher nun gerade diesen Vorgang weder bearbeiten darf noch kann, wohlgemerkt: nach einiger Wartezeit im Vorzimmer mit einer Nummer, unter der ganz klein geschrieben stand: "Vor Ihnen warten noch 34 weitere Personen."

    Wo kommt dieses ungebührliche Verhalten her und was hat es uns zu sagen? Es ist kein Zufall, dass der Höhepunkt dieser allumfassenden Entgleisung, dass dieser Verlust an Haltung heute zu einem Zeitpunkt erreicht ist, da Benimmbücher und Etikette-Guides gefragt sind wie nie. Das Leben zwischen Sybil Gräfin Schönfeldt und Gloria von Thurn und Taxis macht die Menschen jedoch anscheinend keinen Deut wohlerzogener. Solche Broschüren verführen eben zu der Annahme, ein Buch im Schrank und ein paar nachgestöberte Verhaltensregeln zu Tisch reichten schon, um im Handumdrehen eine Dame oder ein Gentleman zu werden. Ganz abgesehen davon, dass es immer noch streitbar ist, ob so elementare Eigenschaften wie Stil, Geschmack und Hochanständigkeit überhaupt erlernbar sind, verbreiten diese Fibeln prinzipiell den Charme von blümerantem Tanzschulenbiedermeier.

    Das wirklich Empörende an der Misere aber ist die Selbstverständlichkeit, mit der über Aussagen, Vereinbarungen und Versprechen hinweggesehen wird, wenn sie gerade nicht in den Kram passen. Die Faulheit, die sich darin verbirgt, ist nicht umsonst von jeher als eine der Todsünden gebrandmarkt. Sie macht einen großen Teil der Unzuverlässigkeit aus. Haltung entsteht aus Arbeit an der eigenen Persönlichkeit und diese unterbezahlte Anstrengung ist eben nun mal keine leichte Übung. Dieser Dienst an sich selbst und den anderen ist eine Leistung, die in der viel beschworenen Dienstleistungswüste Deutschland Not tut.

    Wer sich fragt, wann es anfing mit der Egalheit, muss sich ins Zentrum der Zwischenmenschlichkeit begeben. Es hat nämlich viel mit den Umgangsformen zu tun, die mit dem Aufkommen und der Verbreitung von Internet und SMS Einzug hielten. Verdankte sich der Siegeszug des Mobiltelefons und der E-Mail-Adresse zu Beginn noch der Verheißung modernster Kommunikation, muss heute festgestellt werden: Das Gegenteil ist eingetreten. Die archaischen Impulse sind zurück und mit ihnen eine Bequemlichkeit, die kein Brief und kein Telefongespräch früherer Zeiten je erlaubt hätten. Dank der Kennung der Teilnehmer können unerwünschte Anrufe ohne schlechtes Gewissen einfach weggedrückt, im Display-Jargon: "abgewiesen" werden.

    Und die Leichtigkeit, mit der Menschen die elektronisch empfangene Eingangsmail von unerwünschten Absendern in den Papierkorb ziehen und löschen, hat nichts mehr von den Skrupeln, die ein Briefempfänger empfand, bevor er ein handschriftlich verfasstes Dokument in den echten Papierkorb warf oder auch zerriss. Von den grammatikalischen Entgleisungen, bei denen jede Beherrschung der Rechtschreibregeln nonchalant ignoriert wird, ganz zu schweigen. Wenn man mal nicht erreichbar ist, hilft die Schwäche des Systems: Die nicht immer hundertprozentig funktionierenden Netze erlauben jederzeit die dahingeworfene Entschuldigung: "Du, ich war temporarily not available, tut mir Leid." Und wird das Telefon ausgestellt, war eben der Akku leer oder der PIN-Code kurzfristig aus dem Gedächtnis verschwunden. Kommt die Mail nicht an, hat es einen Absturz am Computer gegeben, mit dem es kein noch so geschickt über ein Dokument aus Papier verschüttetes Getränk aufnehmen kann.

    Der andere Aspekt der Unzuverlässigkeit ist die Diversifizierung der Arbeit an sich. Die Aufhebung von Verantwortung, die durch möglichst viele beteiligte Personen geschieht, führt dazu, dass niemand überhaupt mehr den Mut hat, dafür geradezustehen, was er durch sein Wirken ausgelöst hat. Hauptsache, es gibt eigentlich jemand ganz anderen, der zuständig ist und an den man, wie in jedem ordentlichen Call-Center, weiterverweisen kann.

    Firmen haben nicht den Mut, ein Produkt auf den Markt zu bringen, von dem sie überzeugt sind, und schalten die Marktforschung ein. Wenn es trotz Empfehlung floppt, war eben die Truppe schuld, die den Test durchgeführt hat. Unternehmen haben nicht den Mut, ihre Entscheidungen in Personal- und Wirtschaftspolitik selbst zu verantworten, und holen sich Berater ins Haus, die ihnen die unangenehmen Begleitumstände von Kürzungen, Entlassungen und Umstrukturierungen aus der Hand nehmen. Sie werden sinnbildlich zur Exekutive der Entscheider, die sich das, was sie insgeheim denken, selbst nicht trauen durchzusetzen. Die spezifisch deutsche Problematik an der Unzuverlässigkeit ist der neokonservative Ton, den fast jede Argumentation gegen sie anschlägt. Denn die Alternative zum Verfall von Haltung, Verlässlichkeit und Verantwortung kommt aus dem Kleinhirn direkt in griffigen Formulierungen wie "Ein Mann, ein Wort", "Meine Ehre heißt Treue" und "Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige".

    Was also hilft gegen das große EGAL unserer Zeit? Nur mit gutem Beispiel vorangehen allein genügt nicht, wenn die Abstumpfung der anderen einen Grad erreicht hat, der manche Menschen ein bei klarem Verstand als normal und höflich empfundenes Kommunikationsverhalten schon als befremdlich oder zumindest als verdächtig einstufen lässt. Vielleicht hilft unserer Zeit nur so etwas wie ein Bonusmeilensystem der Zuverlässigkeit, bei dem man mit jedem gehaltenen Versprechen seinem imaginären Haltungskonto einen Zuwachs sichert, den man irgendwann einlösen kann mit einem großen Wunsch an alle: dass sich Menschen nicht weiter so verhalten, dass man sie am liebsten gleich ganz vergessen würde.


    Was im letzten Absatz anklingt, fällt mir auch schon seit längerem immer häufiger auf: dass viele Zeitgenossen es nämlich nicht nur an grundlegender Höflichkeit vermissen lassen, sondern zudem auch ihnen entgegengebrachte Freundlichkeit, Rücksichtnahme und Zuverlässigkeit gar nicht mehr zu schätzen wissen...

  2.  
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  3. #2
    Benutzerbild von DeeTee

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    Ohne mich zum Inhalt des obigen Textes weiter äußern zu wollen, sei doch an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass der Satz "Meine E*re heißt T*eue" das Motto der Waffen-SS im Dritten Reich war!! Und das ist in dem obigen Artikel absolut fehl am Platze. Das öffentliche Propagieren dieses Satzes fällt übrigens unter §86a StGB.

    DeeTee

  4. #3
    Benutzerbild von bubu

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    Jau, DeeTee, dann schreib das doch mal den Edelfedern von GQ!

  5. #4
    Benutzerbild von compagnies

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    Ich kenne GQ nicht, aber dieser Mangel scheint kein Verlust zu sein, wenn ein solch polemischer Text darin veröffentlicht wird.

    Dem Autor mag ich empfehlen, seinen Frust über mangelndes Fortkommen nicht Dritten in die Schuhe zu schieben, sondern mal ein ehrenamtliches Engagement zu übernehmen, das ihm soziale Komepetenz vermitteln könnte!

    Der von DeeTee kritisierte Teil (juristische Aspekte außer Acht gelassen) ist die Quintessenz, die ich mit dem Entwurf teile und die auch Teil der Selbstoffenbarung des Schreibers ist: Eine per se als oberflächlich empfundene Umfeld polarisiert und/oder fordert (oder fördert zumindest) die Abgrenzung von dieser. Aus dieser falschen Wahrnehmung entsteht wiederum tatsächlich der Wunsch, in einer unsicheren Situation Wertmaßstäbe vermittelt zu bekommen, an denen (Stäben) sich der Wankende halten kann. Je morbider, je besser: "Meine Ehre ..." war das Beispiel; ein provokantes!

    Insgesamt hinterlässt dieser Artikel ein undemokratisches Weltbild nach dem weiterführenden Motto: "Wer an das Volk glaubt, den züchtigt das Volk, wer aber das Volk züchtigt, an den glaubt es". Diese Worte sind nicht von mir, sondern von einem Anti-Demokraten!

    Gutes Nächtle, ich gehe erst zum Friseur, wenn Sonne im Playboy ist!

  6. #5
    Benutzerbild von Stingray

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    Also, ich habe den text irgendwie ganz anders verstanden als z.b. compagnies, will sagen, mich hat er wirklich mal wieder zum nachdenken angeregt, und wenn ich zum nachdenken angeregt werden, lerne ich meist dazu oder lerne neue perspektiven kennen.
    Danke torsten mehr davon!

  7. #6
    Benutzerbild von J.B.

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    Mir geht es wie Stingray! Ich gebe offen zu, mich in einigen der Aussagen ein Stück weit erkannt zu haben und das ist, gelinde gesagt, nicht gut! Dieser Artikel regt wirklich zum Nachdenken an und den einen oder anderen Teil davon werde ich mir zu Herzen nehmen. Vielleicht muss einem wirklich manchmal erst der Spiegel der eigenen Bequemlichkeit vorgehalten werden, um zu erkennen, was man zeitweise für ein A****loch sein kann.

    Besonders interessant fand ich folgenden Abschnitt:

    Der andere Aspekt der Unzuverlässigkeit ist die Diversifizierung der Arbeit an sich. Die Aufhebung von Verantwortung, die durch möglichst viele beteiligte Personen geschieht, führt dazu, dass niemand überhaupt mehr den Mut hat, dafür geradezustehen, was er durch sein Wirken ausgelöst hat. Hauptsache, es gibt eigentlich jemand ganz anderen, der zuständig ist und an den man, wie in jedem ordentlichen Call-Center, weiterverweisen kann.

    Kann ich nur bestätigen, denn just mit genau diesen Problemen schlage ich mich seit Wochen herum . Manchmal gibt es Momente, da würde man sich wünschen, dass wenn schon von "Teamarbeit" gesprochen wird, auch wie ein Team gehandelt wird und man gemeinsam für das, was man geleistet oder eben nicht geleistet hat, gerade steht und nicht einen alleine im Regen stehen lässt.

    Es ist einfach jemand anderen für sich reden und argumentieren zu lassen. Er vertritt ja die gleiche Meinung und wenn es dafür auf den Deckel gibt, betrifft es einen nicht selbst, nein man kann sich noch am Unglück der Betroffenen weiden. (Stichwort: Die schweigende Masse)

    Das in dem Text ein unerlaubtes Zitat verwendet wurde ist schade, denn der Artikel an sich ist wirklich gut und enthält einiges an Wahrheit!

    Die Frage, die sich mir stellt ist, warum neigen wir manchmal dazu so zu handeln wie es da beschrieben wird? Sind wir zu gestresst? Fühlen wir uns einem Kommunikationszwang unterworfen? Es ist doch so, das man durch die neuen Medien auch ständig erreichbar ist und vielleicht ist so ein Verhalten teilweise nichts anderes als ein Schutzfunktion. Man hat diese Kommunikation quasi aufgenötigt bekommen und versucht sich davon, wie der Autor richtig sagte, ohne Rückgrat und Ehrlichkeit zu befreien. Aber mal ehrlich, ist das nicht auch der Weg des geringsten Widerstandes? Ich muss mich nicht mit der Person auseinandersetzen, wenn ich es auf etwas anderes schieben kann. Das wiederum erspart neuen Streß und nnicht gewollten Ärger, sowie Missverständnisse.

    Nur noch dann zu kommunizieren wenn man selbst es will und bereit dazu ist, ist doch heutzutage kaum noch umsetzbar. Leider!

    Denn auch der Druck der anderen ist nicht zu unterschätzen. Wenn man sich eine Zeit lang nicht meldet, denkt der andere doch oftmals solche Sachen wie: "Der/Die kann mich nicht mehr leiden/will nichts mehr mit mir zu tun haben", "Ist er/sie irgendwie sauer auf mich/Habe ich etwas falsch gemacht", "Wenn er sie sich nicht mehr meldet kann er/sie mir gestohlen bleiben" usw. usw. . Das heisst, man wird für zeitweiliges Nicht-Kommunizieren teilweise heftig abgestraft und man begreift eigentlich gar nicht warum!

    Warum kann der andere dann nicht selbst den Hörer in die Hand nehmen, eine Mail schreiben oder eine SMS? Weil die meisten nach dem Sandkasten-Prinzip denken und handeln."Wenn er/sie sich nicht meldet, warum soll ich das dann tun?" Das finde ich ist ein sehr zentraler Satz. Anscheinend macht man von sich aus auch im Bereich der Kommunikation gar nichts mehr, wenn vermutlich keine Gegenleistung zu erwarten ist.

    Wir rechnen komischerweise immer mehr gegeneinander auf. Frei nach dem Motto:"Das letzte Mal habe ich mich gemeldet, jetzt ist er/sie dran". Und wenn das so nicht passiert, wird eben geschwiegen, bis man sich nichts mehr zu sagen hat. Wer sich so verhält, dem kann der andere auch nicht wirklich wichtig sein. Dennoch verhalten wir uns manches Mal fast alle so!

    So long

    J.B.

  8. #7
    Benutzerbild von musicola

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    Vielleicht sollte man besagtes Zitat in Torsten Beitrag sicherheitshalber
    mit Sternchen verfremden, wer weiss schon welche Abmahnadvokaten mit diesem Zitat bei Google auf die Jagd gehen...

    musicola

  9. #8
    Benutzerbild von DeeTee

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    @musicola:
    Das dürfte nicht nötig sein, denn im § 86 StGB heißt "[Die Strafwürdigkeit] gilt nicht, wenn das Propagandamittel oder die Handlung der staatsbürgerlichen Aufklärung, der Abwehr verfassungswidriger Bestrebungen, der Kunst oder der Wissenschaft, der Forschung oder der Lehre, der Berichterstattung über Vorgänge des Zeitgeschehens oder der Geschichte oder ähnlichen Zwecken dient."

    Unter einen der vorgenannten Fälle dürfte auch unser Forum fallen. Ich habe es in meinem Beitrag nur deshalb unkenntlich gemacht, damit es von Suchmaschinen nicht indiziert wird. Aus diesem Grunde würde ich musicola zustimmen. Vielleicht liest Heiko ja mit oder Torsten mag das bitte selbst editieren.

    Grüße!
    DeeTee

  10. #9
    Benutzerbild von
    Eckhart Nickel ist schlicht und ergreifend der absolute Kenner der Kehrseiten aller Medaillen dieser Welt. Selbst ausgeschaltete Mobiltelefone, sind jetzt also schon einen Abzug auf dem "Bonusmeilensystem der Zuverlässigkeit" wert. Hauptsache man braucht seinerseits kein Verständnis dafür aufbringen, dass andere Menschen auch einmal ungestört sein wollen. Mir scheint es dem Autor sowieso an mancher Einsicht zu mangeln. Es ist nicht Faulheit und es ist nicht mangelnde Zuverlässigkeit, wenn eine Vielzahl von Menschen heutzutage, nach stillschweigend wieder eingeführten und (natürlich inoffiziell) nicht mehr ganz so seltenen 50 bis 60 Stundenwochen, ein zwischen Tür und Angel abgerungenes Versprechen bis zum Ende eines trubelgeschwängerten Arbeitstages und im Laufe des Überganges zum wohlverdienten Feierabend bis ins Bettchen, temporär verdrängt haben.

    Dann kommt die versprochene CD für den Kollegen oder Bekannten eben drei Tage später. Na und? Die Leute die auf die Erfüllung jeder Nichtigkeit zum dringendsten Termin pochen, sollten sich vielleicht auch mal selbst etwas zurücknehmen und klare Prioritäten setzen, was sie nun wirklich dringend von Anderen benötigen und was eigentlich nicht wirklich so dringend. Wer ständig Alarm und Szenen wegen Nonens macht, braucht sich doch nun wirklich nicht wundern, wenn niemand mehr springt - aber er wird sich natürlich umso mehr darüber beklagen und noch unverstandener fühlen.

    Es sitzen in unserer lahmenden Republik zwar immer mehr Menschen mit dem Hintern zu Hause und auch der Autor dürfte sich als fleißig reisender und offenbar nach Lust und Laune schreibender Schriftsteller auch selten unter Stress gesetzt sehen. Doch es soll in dieser Gesellschaft gleichzeitig immer mehr Menschen geben, die am sog. "Burn Out"-Syndrom leiden oder mit ihrem Stress ohne professionelle Hilfe das eigene Leben nicht mehr in geregelte Bahnen kriegen. Da bricht 3x die Woche wegen Kleinigkeiten die Welt zusammen, weil die Nerven reissen. In Kliniken werden 24 Stunden Schichten geschoben (teilweise auf den Stationen des Grauens, ohne dass das Personal irgendeine psychologische Betreuung erhielte um das dauerhaft zu verkraften), in Großkonzernen werden Projekttermine um jeden Preis gehalten, Leute gehen aus Angst vor Kündigung noch mit Lungenentzündung arbeiten (ist aber "super", der niedrigste Krankenstand seit Gründung der BRD!) und es brennt Licht in Büros bis 1h nachts (weil noch jemand drin sitzt, nicht weil jemand vergessen hat es auszumachen...). In kleinen Firmen schieben Mitarbeiter jenseits aller Arbeitszeitgesetze freiwillig unbezahlte Extra-Schichten für den Chef, damit die Firma nicht (wie so viele wie niemals zu vor) Pleite geht und nach zu langer Lenkzeit erwischte LKW-Fahrer fressen ihre Fahrtenschreiberscheiben auf bevor die Polizei sie in die Finger bekommt - irgendwer muss den Job von den Leuten die schon stempeln gehen, ja schließlich mitmachen. Die Arbeit ist nunmal kaum weniger geworden.

    Und da wo es vorne und hinten nicht reicht, boomt auch noch die Schwarzarbeit. Da hat Papa dann zwar um 16h vielleicht regulär Feierabend, damit es zu Hause aber nicht nur Suppe gibt, malocht er noch bis zum späten Abend an der Elektroinstallation der Nachbarn oder schraubt "für n' Fuffi" unter Nachbars Auto, weil das in diesem Lande durchschnittlich mittlerweile auch schon 8 Jahre alt ist.

    Zu Hause sitzen währenddessen die auf sich allein gestellten Ehefrauen und Mütter oder selten auch die erziehenden Männer, können Haushalt und Kinder allein versorgen, teilweise selbst erst nach Feierabend. Auch die dürfen sich dann, nachdem ihnen selbstverständlich alles über den Kopf gewachsen ist - auch die Hoffnung, dass malwieder bessere Zeiten kommen -, von einem Eckhart Nickel anhören, dass sie keine guten Menschen sind, weil ihnen bei all diesen Strapazen zwischendurch einfach auch mal die Gesichtszüge entgleiten oder mal keinen Bock auf das Geplärre anderer Leute haben, die eigentlich nur selbst noch dran glauben auch Stress zu haben.

    Gerade letztere haben natürlich kein Verständnis, für das Bedürfnis anderer Menschen, die wenigen Stunden gemeinsamen Beisammenseins ungestört zu verbringen und alles was einem über die Zeit auf die Schultern gepackt wurde für einen Moment zu vergessen.

    M. E. sollte jeder bei sich selbst anfangen, mehr Verständnis für die Situation anderer aufbringen und nicht immer nur fordern, fordern, fordern. Man muss andere auch nicht wegen jeder Kleinigkeit penetrieren. Viele Menschen, die sich beklagen, dass andere nicht an sie gedacht hätten, sind doch oft selbst nur zu faul gewesen und haben deshalb andere für ihre Zwecke eingespannt. Mit dem wesentlichen und wichtigen kann und soll man auf andere Leute zugehen und dann sollte man sich auch auf sie verlassen können. I. d. R. ist das auch der Fall. Wer immer wieder von seinem Umfeld enttäuscht wird und das halbe Leben damit verbringt, sich über das Selbige zu beklagen, muss sich fragen lassen, ob er sich nicht vielleicht aus Bequemlichkeit an die falschen Leute hängt oder ob es ihm nicht im Gegenteil nicht sogar ganz lieb ist, die meiste Zeit an anderen herumkritiseren zu können.

    Dave

  11. #10
    Benutzerbild von Feenwelt

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    Gute und richtige Antwort, Dave. Ich glaube zwar nicht, daß der Artikel an sich, der ja erstmal dazu aufruft sich wieder über Zuverlässigkeit Gedanken zu machen, einer solchen scharfen und wortreichen Antwort bedurft hätte. Aber ich hatte diese andere Seite der Medaille ebenfalls vermisst.

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