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Mein politisch korrektes Tagebuch

Erstellt von musicola, 14.02.2007, 01:23 Uhr · 0 Antworten · 914 Aufrufe

  1. #1
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    Mein politisch korrektes Tagebuch

    Das fand ich die Tage im Netz:

    Vormittag:


    07:30
    Guten morgen! Fröhlich weckt mich die Hähnin des nachbarschaftlichen Öko-Bauernhofs aus meinem Schlaf mit einem stolzen Schrei. Auch Hinnerk, der Landwirt mit den Bodenhaltungshühnern ist schon zu Gange und bringt verbraucheraufklärende Stempel auf den frisch gelegten Hühnereiern an.

    07:35
    Ich putz mir den Hintern mit Recycling-Toilettenpapier ab. Ich muss irgendwie ständig an die Umwelt denken, wenn ich so da sitze.... Der Mensch ist leider immer noch der gefährlichste Umweltverschmutzer/in. Drüben drücken Bauer Hinnerks Kühe Methangas in die Luft.

    07:50
    Nach ausgiebiger Morgentoilette hole ich meine persönlichen Eier bei Hinnerk ab. Siehe da: Im Körbchen ist ein braunes Ei. Haben die jetzt also auch schon auf Hinnerks Hof Einzug gehalten. Ich bringe das Ei zurück, nicht, ohne Hinnerk vor der braunen Gefahr zu warnen. Wir müssen wachsam
    bleiben! "Jaja" sagt Hinnerk, und ich kann mich des Endrucks nicht erwehren, dass er mich nicht ganz ernst nimmt. Ob er heimlich DVU wählt?

    08:30
    Ich radle über die Standspur der Autobahn zur Arbeit. Es ist nicht meine Schuld, dass es immer noch keine Fahrradwege gibt. Aber ich möchte damit ein Zeichen setzen und die Autofahrer/Innen, die an mir vorbeirasen, auf die immer größer werdende Verkehrsproblematik hinweisen.
    Verständnisvoll winken mir viele Auto- und LKW-Fahrer/Innen zu und machen mit der Faust das „Rotfront-Zeichen.

    08:50
    In der Innenstadt pflüge ich durch die Fußgängerzone, weil auch hier keine Fahrradwege vorhanden sind. An der Straßenecke streiten sich ein weißes Kind und ein afroamerikanischer Jugendlicher um ein Fahrrad. Offensichtlich weigert sich der kleine Arier, seine Jacke dem unterprivilegierten
    Zuwanderer auszuleihen. Ich steige kurz ab und schaller dem blonden Jungen eine. Er muss lernen, dass es in unserem Land keinen Platz für Ausländerfeindlichkeit gibt.

    08.51
    Während der Afroamerikaner blitzschnell mit dem Fahrrad um die Ecke biegt, kommt die entgeisterte Mutter des Minifaschisten um die Ecke und behauptet, der Afroamerikaner hätte das Fahrrad gestohlen. Das macht mich sehr betroffen. Ich versuche, der verständnislosen Mutter zu erklären, dass wir in Deutschland teilen und dieses permanente Misstrauen gegenüber Menschen mit anderer Hautfarbe endlich ablegen müssen. Ich schlage ihr vor, mit ihrem Balg zu warten, bis der Afroamerikaner das Fahrrad zurückbringt. Dies lehnt sie ab und tritt mich vors Knie. Soweit sind wir also schon in Deutschland.

    09.00
    Endlich am Arbeitsplatz im Frauenbuchladen. Frauke und Gundula sind auch schon da. Wir haben eine neue Lieferung bekommen. "Frauen an die Macht", "die Macht des Mondes", "Mondfrauen" und "Frauenmond" sowie "Machtfrauen" und "Frauen machen Mond". Liebevoll stapeln wir die Bücher in unserem kleinen Schaufenster. Frauke erzählt, dass sie ein neues Gedichtbändchen fertig geschrieben hat und Gundula berichtet von ihrem Batik-Kurs.

    10:30
    Wir trinken gemeinsam einen Kaffee aus frischen Bohnen aus dem "eine-Welt" -Laden nebenan. Frauke scheitert beim Versuch, den Kaffee gegen eine handsignierte Ausgabe ihres Gedichtbändchens einzutauschen. "Steck Dir Dein Gedichtbändchen sonstwohin" blökt sie Sören, der Verkäufer, an. Typisch Mann. Ob er wohl heimlich die REP´s wählt?

    12:00
    Ich habe Hunger. Also schnell ums Eck zu Yussufs Dönerbude. Natürlich schmeiße ich den Döner gleich wieder weg, schließlich bin ich Veganerin (alles außer Eier), aber es geht darum, Flagge zu zeigen.

    Mittag:

    12:03
    Huch? Yussufs Dönerbude existiert nicht mehr. "Wir sind umgezogen" steht am Kioskfenster. Kann ich verstehen. Das Umfeld in Deutschland ist sehr rassistisch geworden. Da blieb dem armen Yussuf wahrscheinlich keine andere Wahl.... Wieder ein Stück Multi-Kultur weniger. Verdammte Faschisten/Innen. Ich werde aus Solidarität heute mittag zum Chinesen/in ausweichen. Ich bin
    sehr betroffen.

    12:10
    Auf dem Weg zum Chinesen/in treffe ich Yussuf. Er erzählt mir, seine Umsätze hätten sich so toll entwickelt, er habe einen neuen Laden am Hauptbahnhof. Wir plaudern ein wenig und er klagt über die hohen Steuern. Wieder mal typisch. Ausländer/Innen werden in Deutschland immer noch mit hohen Steuersätzen diskriminiert. Das macht mich wütend. Hoffentlich haben wir in Bayern auch bald eine SPD-Regierung.

    12:17
    Während wir plaudern, schreibt ein Polizist Yussufs BMW auf, nur, weil der im Halteverbot steht. Yussuf und ich stellen den Polizisten zur Rede. Wir machen ihm beide klar, dass es höchst ausländerfeindlich ist, wenn er hier willkürlich Strafzettel an Yussuf verteilt. Der Bulle versucht, sich damit herauszureden, dass der Wagen eben im Halteverbot stünde UND er doch gar nicht erkennen könne, ob der Wagen einem, wie er sich ausdrückt, "ausländischen Mitbürger" gehöre.....
    Alleine schon die rassistische Ausdrucksweise macht mich betroffen. Als Yussuf von seinem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch macht und den Polizisten richtig als "Nazibulle" bezeichnet, will ihm der Faschist auch noch eine Klage wegen Beamtenbeleidigung aufs Auge drücken. Während sich immer mehr Bekannte von Yussuf einfinden und das Faschoschwein umzingeln, drohe ich damit, den Fall und den Namen des Polizisten in der Springer-Presse und der FAZ zu veröffentlichen. Hierauf sieht er von einem Strafzettel ab. So einfach geht Courage.

    12:30
    Zurück im Laden. Ich erzähle von Yussuf und dem Umzug seines Dönerstandes. Frauke, Gundula und ich beschließen, heute Abend eine Mahnwache gegen Rassismus und Fremdenhass am alten Stand zu initiieren. Es ist nicht wichtig, dass Yussuf aus betrieblichen Gründen umgezogen ist. Fakt ist doch,
    dass es fremdenfeindliche Gründe HÄTTEN SEIN KÖNNEN, die Yussuf zum Umzug bewegten! Und nur darum geht es. Zeichen setzen.

    13:00
    Nachrichten im Radio. Israelische Panzer/Innen haben eine palästinensische Polizeistation beschossen, aus der ANGEBLICH auf sie gefeuert wurde. Diese verdammten Imperialisten/innen. Das macht mich traurig. Und betroffen.

    13:01
    Nachrichten im Radio. Eine Mehrzahl der Deutschen/innen ist gegen ein Holocaust-Denkmal in dieser Größe. Aha. Anscheinend wollen alle lieber vergessen und verdrängen. Die Rechte ist auf dem Vormarsch. Das macht mich traurig: Und betroffen. Ist es schon wieder so weit?

    13:02
    Nachrichten im Radio. Michael Schumacher ist Formel-I Weltmeister/In geworden. Aha. Ganz Deutschland schwankt also in besoffenem Nationalstolz und feiert den Kerpener/die Kerpenerin. Das macht mich traurig. Und betroffen. Ist es schon wieder so weit?


    13:03
    Wetterbericht im Radio. Eine Sturm- und Regenfront wird aus Südosteuropa bis heute abend erwartet. Na klar. Woher auch sonst? Schlechtes Wetter kommt in Deutschland immer aus dem Ausland. Wie gehabt. Fällt nur mir diese ausländerfeindliche Wettervorhersagerei auf? Das macht mich traurig. Und
    betroffen.

    13:05
    Bespreche mich mit Gundula und Frauke. Wir beschließen, unser Schaufenster mit Sonnenblumen als stummem Protest gegen fremdenfeindliche Wetterprognosen zu dekorieren.

    Nachmittag:


    14:08
    Endlich eine Kundin. Ein Mädchen um die 17 Jahre. Sie fragt, ob wir eine Biographie von Prinz/essin Diana hätten. Ich weise sie darauf hin, dass sie sich in einem Frauenbuchladen befände und wir keine Belletristik führten. Dann verlangt sie auch noch das Buch "Frauen im dritten Reich". Ich
    schmeiße dieses Jungmädel raus. Solche Faschist/Innen brauchen wir hier Weißgott nicht. Frauke pflaumt mich an, dass wir heute noch keinen Umsatz gemacht hätten. Ich erkläre ihr, dass ich mit Nazis keinen Umsatz machen WILL und mir ihre kapitalistische Einstellung auf den Zeiger geht.
    Betroffen und nachdenklich hält sie die Klappe.

    15:10
    Ich glaube, ich werde verrückt. Draußen ziehen zwei Jugendliche in Windjacken und mit Baseballschlägern vorbei. Ich stürze aus dem Laden, sofort den beiden hinterher. Während ich die Faschos noch durch die Fußgängerzone verfolge, sehe ich den Polizisten von heute mittag und weise ihn auf die beiden Nazis hin. Er weigert sich, die Faschisten in Gewahrsam zu nehmen mit der Ausrede, weil die beiden „Eagles-Baseball-Team“ auf dem Rücken stehen hätten, wären sie tatsächlich Baseballsportler auf dem Weg ins Training und keine Glatzen. War mir mal wieder klar, dass der Bulle nix unternimmt. Die Bullenschweine stecken doch mit den Faschos unter einem Deckel! Deutsche und Baseball. So ein Quatsch. Das ist, wie Amerikaner und Fußball.

    16:20
    Draußen vor der Fußgängerzone klappen drei Senioren ein Tischchen auf und legen Infomaterial aus. „Entschädigung für Zwangsarbeit JETZT“ steht auf einem Poster, das sie hinter sich entfalten. Auf einem anderen Plakat steht: „Für die Opfer von Flucht und Vertreibung“
    Das finde ich prima. Ich bin auch der Ansicht, dass die Zwangsarbeiter/Innen endlich von der Bundesrepublik für die ihnen im deutschen Namen aufgezwungenen Zwangsarbeiterdienste entschädigt werden müssen und die kapitalistische deutsche Industrie in ihrer menschenverachtenden Ignoranz einen nicht unerheblichen Teil dazu beitragen muss. Schön, dass gerade ältere Mitbürger/Innen ein entsprechendes Engagement zeigen. Ich bin sehr bewegt.

    16:25
    Ich war gerade draußen am „Zwangsarbeiter“ - Stand, weil ich ursprünglich unterschreiben wollte.
    Auf meine Frage an einen älteren Herren, wo er in Deutschland zur Zwangsarbeit gezwungen worden wäre, sah er mich irritiert an und antwortete, er habe in einem russischen Lager bis zu seiner Kriegsgefangenenentlassung 1954 Sklavendienste leisten müssen.
    So ein alter Depp. Auch die anderen sind gar keine Opfer von Vertreibung, sondern kommen aus dem Sudetenland und Ost-Preußen. Ausgerechnet diese Alt-Nazis wollen Entschädigung. Ein Hohn und ein Schlag ins Gesicht aller ehrlich Vertriebenen. Das habe ich gerne. Erst einen Krieg anzetteln und dann nicht verlieren können. Ich bin sehr betroffen. Ist es in Deutschland wieder soweit?

    17:30
    Wir machen heute früher zu, wegen unserer Mahnwache.

    18:30
    Frauke, Gundula und ich stehen mit Kerzen vor der Dönerbude. Wir waren kurz noch bei dem geschiedenen Ex von Frauke, der natürlich wieder keinen Unterhalt zahlt und haben Maike, ihre 10-Jährige Tochter und deren Freund/in abgeholt. Die beiden waren von unserer Mahnwache total begeistert und haben uns tolle Transparente gemalt. Anschließend gingen sie ins Kino.

    19:10
    Also, ich habe schon viel erlebt. Aber solche Anfeindungen denn nun doch nicht. Die Leute spucken vor uns aus, einer brüllt „solche Schweine wie Ihr haben uns noch gefehlt!“ und es fehlt nicht viel und wir beziehen Prügel. Ich hätte nie gedacht, dass es in Deutschland so viele Rassisten und Nazis gibt. Ich komme mir vor wie im dritten Reich. Aber wir werden standhaft bleiben. Lediglich eine alte Frau gibt uns einen 10-Mark-Schein, drückt meinen Arm und sagt „gut, dass es noch Menschen wie Euch gibt“. Wir sind alle drei zu Tränen gerührt.

    19:30
    Eine Gruppe junger Türken taucht auf und droht uns Schläge an, wenn wir weiter vor dem Laden stehen bleiben, wir sind total perplex. Auf Gundulas Frage, warum sie ein solch hohes Gewaltpotential und eine solche Eskalationsbereitschaft hätten, bekommt sie eine geknallt und wir flüchten samt Plakaten und Kerzen... Ich bin schwer enttäuscht. Unsere ausländischen Mitbürger scheinen unser Ansinnen nicht zu würdigen. Aber trotzdem werde ich den Kampf gegen Rassismus nicht aufgeben!!!!

    Abend:

    19:35
    Während wir Gundulas blutende Lippe verbinden, fängt sie laut zu gackern an. Wir denken schon, sie ist jetzt durchgeknallt aber sie deutet auf die von Maike und ihrer Freund/in gemalten zwei Transparente. Diese kleinen Luder haben uns reingelegt. Auf den Transparenten steht in krakeliger Schrift: „Für mehr Ausländerfeindlichkeit in Deutschland“ und „Gegen Gewalt und für Toleranz für Rassisten.“ Frauke schwört, dass sie die beiden heute abend noch durchprügelt.
    Immerhin. Die Absicht zählte.

    20:20
    Endlich wieder zu Hause. Auf meinem Telefax liegt ein Blatt mit dem Text „Demokratie jetzt: Sind Sie für oder gegen eine Verschärfung des Ausländerwahlrechts. Bitte kreuzen Sie Ihre Meinung an und senden Sie Ihre Antwort an jene Nummer: XXXXXX“ Natürlich bin ich für eine Verschärfung des Ausländerwahlrechts. Oder bin ich dagegen? Ich verstehe die Frage nicht......

    20:30
    Ich bin dafür. Ich schicke das Fax zurück.

    21:30
    Wenn ich so darüber nachdenke..... Verschärfung ist ja eigentlich etwas Negatives. Aber ich bin ja nicht für negative Sachen. Nicht im Bezug auf Ausländer/innen. Ich streiche meine Antwort durch und verbessere auf „dagegen“. Und schicke das Fax erneut ab.

    21:31
    Als ich das Fax noch mal lese, stelle ich fest, dass mich jede Fax-Absendung 3,65 DM gekostet hat, weil die Nummer gebührenpflichtig war. Ich ärgere mich kurz und kreuze auf dem Fax „ich bitte, von weiteren Zusendungen und Umfragen abzusehen“ an. Das wollen wir ja mal sehen. Ich lass mich doch nicht verar.schen.

    21:32
    Ich schicke das Fax mit meiner Unterlassungsbitte an die angegebene Rufnummer. So geht’s ja nicht.

    22:00
    Im Fernsehen läuft nichts. Nur Müll und Werbung

    22:05
    Ich gehe ins Internet. In mein Lieblingsforum. Ein gewisser ThiloS hat einen politischen Artikel gepostet, über den ich nicht lachen kann.

  2.  
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