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Momentaufnahmen

Erstellt von karinwfan, 18.03.2005, 22:53 Uhr · 10 Antworten · 1.283 Aufrufe

  1. #11
    Benutzerbild von Babooshka

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    Weil's gerade wieder kurz bevorsteht, fällt's mir wieder ein:

    25. März 1980, 6:30 Uhr. Ich bin 15 Jahre alt und betrete zum ersten Mal in meinem Leben französischen Boden. Paris, Gare du Nord. Nach 14 Stunden Zugfahrt übernächtigt und von DDR-Reinigungsmittel umwölkt (denn damals reiste man als Westberliner selbstverständlich in Reichsbahn-Waggons), trottle ich mit meinen Mitreisenden den Bahnsteig runter - Gott, ist der verdammte Koffer schwer (wahrscheinlich war das der Beginn meiner HWS-Skoliose) - und warte gespannt darauf, von meiner Gastfamilie in Empfang genommen zu werden. Da diese ca. 50 km außerhalb von Paris wohnt und sich den Weg in aller Herrgottsfrühe nicht antun wollte, werde ich von einer anderen Gastmutter aus demselben Ort mitgenommen, bei der eine meiner Mitreisenden wohnen wird. Erste Impressionen von Paris: Es ist grau, kühl und regnerisch, der Verkehr ist dicht und hektisch, die Stadt macht dennoch einen reizvollen Eindruck.

    Nach einer Stunde dann Ankunft in dem kleinen Vorort und Inempfangnahme durch meine Gastmutter, die mir sofort sympathisch ist. Im Laufe des Tages lerne ich dann auch meinen Gastvater und die drei Kinder: zwei Mädchen, 12 und 14 und ein Junge, 13 Jahre alt, kennen, mit denen ich mich ebenfalls gut verstehen sollte.

    Was mir sonst noch in Erinnerung geblieben ist:
    - Ein eisig kaltes, höchstwahrscheinlich nicht unterkellertes Haus mit einem Fußboden aus weißen 3x3 cm-Badezimmerkacheln im Basement, ungeheizt, allein der abends angezündete Kamin verschafft etwas Wärme und das Heißwasser, das ich mir alle 5 Minuten über meine steif gefrorenen Hände laufen lasse; im Bad selber ist es so kalt, dass ich meinen Atem sehen kann
    - Mein allererster Parisbesuch mit Eiffelturm, Musée Grévin und einem Couscous mit Huhn, das mir einen Tag später - natürlich genau an Ostern - die Kotzerei meines Lebens bescheren sollte (3 Tage Rekonvaleszenz)
    - Besuch einer französischen Schule mitsamt Teilnahme am Unterricht und das Gefühl, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen (nicht immer angenehm)
    - Das Radio läuft den ganzen Tag, die 12-Jährige ist so ein Musikfan, dass sie sich selbst beim Fernsehen ein Kofferradio ans Ohr drückt.
    So bekomme ich täglich auf Europe 1 zu hören:

    Gangsters - Specials
    One step beyond - Madness
    Macao - Le Grand Orchestre du Splendid
    OK Fred - Errol Dunkley
    Sur ma mob - Lili Drop
    Echo Beach - Martha and the Muffins
    Banana Split - Lio
    Tchoo Tchoo - Karen Cheryl
    Spacer - Sheila B. Devotion
    Gaby oh Gaby - Alain Bashung
    Atomic - Blondie

    Lieder, die für mich untrennbar mit jenen drei Wochen im Herbst/April '80 verbunden sind.

    Außer oui, non, merci, bonjour und au revoir habe ich in den drei Wochen wohl nicht viel gesprochen (dafür habe ich gelernt, Französisch zu verstehen). Aber sie waren der Beginn einer intensiven Liebe zu Frankreich, die bis heute andauert - leider komme ich nicht mehr so oft hin wie früher.

  2.  
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