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Politikverdrossenheit

Erstellt von Lutz, 22.06.2011, 11:44 Uhr · 94 Antworten · 8.904 Aufrufe

  1. #91
    Benutzerbild von Lutz

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    AW: Politikverdrossenheit

    Letzte Woche musste ich im Auto ein wenig Zeit totschlagen, und ich hörte seit Ewigkeiten mal wieder Radio. In einer Sendung der Öfis war TV-Urgestein Friedrich Nowottny zu vernehmen. Und was da an meine Ohren drang fand ich sehr verstörend...

    In der Sendung über die Bundestagswahl "Es gibt keine kontroversen Themen" schwadronierte Nowottny wörtlich: "Uns gehts eben allen gut".

    Hallo? Da ich in letzter Zeit viel mit der Bahn fuhr (Auto in der Werkstatt - wäre auch mal ein Thema für einen Thread ) beobachtete ich viel häufiger als früher recht gut gekleidete ältere Menschen (augenscheinlich keine Obdachlosen), die plötzlich anfingen verschämt in Papierkörben zu stöbern. Was sie IMO sicherlich nicht machen müssen, weil es ihnen blendend geht und sie daran Spaß haben. Ich finde diese Szenen unendlich traurig.

    Nowottny wird Recht haben - in seiner Welt geht es allen gut. Ich nehme mal an alle seine Nachbarn haben auch ein fettes Haus, etc. Noch viel schlimmer als Nowottnys realitätsfernes Geschwafel fand ich die (Nicht) Reaktion vom NDR (?) Moderator. Kein "aber Herr Nowottny - wie ist es mit der offensichtlich immer größer werdenden Kluft zwischen Arm und Reich?" Keine Silbe des Widerspruchs - nur ein zustimmendes "so ist es - es gibt keine Themen", etc... Interessant was für eine Qualität das Öfi-Radio mit der neuen Zwangsgebühr abliefert, btw....

    Mindestlohn? Unmenschliche Behandlung der Menschen, die die ihnen zustehende Unterstützung wahrnehmen müssen, die weit über "bedauerliche Einzelfällle" hinaus geht? Altersarmut? Die Rente? Menschen müssen von ihrem Job leben können? Ausbeutung durch Zeitarbeit? Die Pflegeberufe müssen anständig bezahlt werden. Alles keine Themen.

    Erschreckend und deprimierend.

    Auch an dieser Stelle ein Appell (speziell an die 30 (!) Prozent Nichtwähler!) - geht wählen, und überlegt euch welche Partei inbesondere die Situation der vielen vielen Menschen, denen es nicht gut geht verbessern könnte.

    Daaamals (TM) in den 70s + 80s waren es, wenn ich mich recht entsinne , übrigens um die 80 (und mehr) Prozent die wählen gingen...

  2.  
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  3. #92
    Benutzerbild von SportGoofy

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    AW: Politikverdrossenheit

    https://de.wikipedia.org/wiki/Wahlbe...ndestagswahlen

    Die Idee der Wahlpflicht finde ich gar nicht so schlecht, aber da haben wohl einige Angst vor.
    Weil die Wähler sich dann wirklich Gedanken machen würden, was sie denn wohl wählen.

  4. #93
    Benutzerbild von Lutz

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    AW: Politikverdrossenheit

    Thx für den Link!

    Die Statistik ist hochinteressant:


    Bundestagswahl Wahlbeteiligung in %

    1949 78,5
    1953 86,0
    1957 87,8
    1961 87,7
    1965 86,8
    1969 86,7
    1972 91,1
    1976 90,7
    1980 88,6
    1983 89,1
    1987 84,3

    1990 77,8
    1994 79,0
    1998 82,2
    2002 79,1
    2005 77,7
    2009 70,8



    Genau wie ich es auch beobachtet und vom Zeitgeist mitbekommen hatte - die 70s und 80s waren von großem Interesse (90.7 ! Prozent 1976) geprägt. Ab den booring 90s (TM) ging es rapide bergab (hab ich so auch an der Uni (!) erlebt "man kann ja eh nix ändern"). Den Leuten gehts immer schlechter, und immer weniger gehen wählen. Schon pervers.

    Ich möchte wirklich niemandem hier zu nahe treten - aber IMO ist es eine Form von Dummheit nicht zu wählen. Wie gesagt - der Bezirksabgeordnete, mit dem ich regelmäßig schnacke, steckt mir u.a., dass kaum jemand in den Parteien mit "seinen" Leuten intern voll konform geht. Auch der Wähler muss halt (wie gesagt) einen Kompromiss finden, der schmerzlich sein kann...

    Nicht zu wählen und dann in der Astra Stube nach dem 5. Bier (oder auch auf dem Campus! (s.o.)) rumzujammern "man kann ja sowieo nix ändern - die da oben machen sowieo das was sie wollen (...)" ist einfach dämlich - Punkt.

    Wie gerne hätte ich einen Willy Brandt in o.g. Sendung sitzen gehabt (oder auch Gysi ).

    So wird die Merkel haushoch gewinnen "ich bedanke mich herzlich für den denkbar klaren Auftrag der Wählerinnen und Wähler (...)" und alles bleibt wie es ist. Ich könnte kotzen.

  5. #94
    Benutzerbild von brandbrief

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    AW: Politikverdrossenheit

    Wahlpflicht halte ich für absoluten Blödsinn. Dass dadurch mehr Stimmen anfallen und der Wahlausgang dadurch sozusagen "gerechter" wird, ist ein Märchen. Es geht nicht um die Anzahl der abgegebenen Stimmen, sondern um die gültigen Stimmen.
    Was ist denn, wenn die zur Abstimmung genötigten Nichtwähler ihre Wahlzettel ungültig machen? Dann haben wir eine schöne Wahlbeteiligung nach DDR-Muster, aber immer noch den selben Brei.
    Ich lasse mir auch nicht vorhalten: "Ihr wolltet 89 freie Wahlen. Jetzt habt ihr sie, also schleicht euch gefälligst zur Urne!"
    Falsch! In einer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft sollte ich auch das Recht des Nicht-Wählens haben. Das gab es zu DDR-Zeiten nämlich auch nicht. Ein Urnenzwang schmeckt etwas diktatorisch. Stattdessen sollten sich die Abgeordneten mal fragen, warum Politikverdrossenheit im Volk herrscht.

    Ansonsten habe ich grad mal den Wahl-o-mat bemüht, da es mir zeitlich nicht möglich ist, sämtliche Parteiprogramme zu verinnerlichen und mir daraus eine Meinung zu bilden. So ist das Gerät eine willkommene Erfindung.
    Die "Partei der Nichtwähler" kommt bei mir auf über 73%. Aber wenn ich dann zu meinen gewählten, wichtigsten Punkte immer lesen muss: Hierzu hat die Partei keine Begründung abgegeben, kann ich gern auf diese Trittbrettfahrer-Vereinigung verzichten. So bleiben noch Linke und SPD. Erstaunlich, dass die NPD noch vor den Grünen rangiert. Aber wer beim Verbot verfassungsfeindlicher Organisationen mit "Das Verbot von Parteien, die den Herrschenden nicht genehm sind, ist einer Demokratie nicht würdig." antwortet, gibt also offen zu, dass man selber verfassungsfeindlich und damit unwählbar ist. Und wenn ich den pseudoaggressiven Holger im Wahl-Werbespot sehe, muss ich daran denken, dass ich noch Apfelmus im Kühlschrank habe.

    Weit abgeschlagen ist die Partei mit dem führenden Hosenanzug nebst bayrischer Schwester.

    Zum CDU-Hoch habe ich ja eine gewagte These.
    Viele Ossis denken sich: "Ach na ja, is ja eene von uns, de Angela."
    Da spielen Inhalte eine untergeordnete Rolle. ;-)

    Für mich ist Bundestagswahl fast wie Fußball:
    Man geht hin, wird enttäuscht.
    Man hat Hoffnung, geht wieder hin, wird wieder enttäuscht.....

  6. #95
    Benutzerbild von PostMortem

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    AW: Politikverdrossenheit

    Zitat Zitat von Lutz Beitrag anzeigen

    1949 78,5
    1953 86,0
    1957 87,8
    1961 87,7
    1965 86,8
    1969 86,7
    1972 91,1
    1976 90,7
    1980 88,6
    1983 89,1
    1987 84,3

    1990 77,8
    1994 79,0
    1998 82,2
    2002 79,1
    2005 77,7
    2009 70,8

    Ich möchte wirklich niemandem hier zu nahe treten - aber IMO ist es eine Form von Dummheit nicht zu wählen. Wie gesagt - der Bezirksabgeordnete, mit dem ich regelmäßig schnacke, steckt mir u.a., dass kaum jemand in den Parteien mit "seinen" Leuten intern voll konform geht. Auch der Wähler muss halt (wie gesagt) einen Kompromiss finden, der schmerzlich sein kann...
    Was genau ändert denn eine hohe Wahlbeteiligung *wirklich*, wenn keine Wechselstimmung vorherrscht? 1998 herrschte eine Wechselstimmung vor, prompt stieg die Wahlebeteiligung wieder über 80%. 2013 werden wir wohl wieder keine Wechselstimmung haben. Ob da nun 35tausend oder 35 Millionen Menschen wählen gehen, die Wahl wird ungefähr gleich ausgehen. Und wieso darf sich dann hinterher keiner beschweren, obwohl es auf das Ergebnis praktisch(!) keinen Einfluß mehr hat ob man persönlich wählen gegangen ist oder nicht? Dazu kommt, dass die allermeisten Wahlprogramme ohnehin nicht mehr der Real-Politik in der Regierungszeit entsprechen und Wähler wie Nicht-Wähler besch..... werden.

    Nicht zu wählen und dann in der Astra Stube nach dem 5. Bier (oder auch auf dem Campus! (s.o.)) rumzujammern "man kann ja sowieo nix ändern - die da oben machen sowieo das was sie wollen (...)" ist einfach dämlich - Punkt.
    Dieser Aussage fehlt es an Argumenten Solche unbelegten, eher emotionalen Aussagen erlebt man zwar gerade in der Politik heute immer öfter (z. B. in Sachen Nachwuchs, Energiewende oder Asylpolitik), aber die Demokratie verbessern sie deshalb nicht gerade. Die SPD wollte vor der Bundestagswahl 2005 ausdrücklich keine Mehrwertsteuererhöhung, die CDU 2% und in der Großen Koalition wurden es im "Kompromiss" dann 3%! Wähler wie Nichtwähler haben beide nicht bekommen was sie gewählt oder auch nicht gewählt haben. Es spielt also für die Regierungspolitik offenbar gar keine Rolle ob man Wähler oder Nichtwähler ist. Ist es da nicht völlig an den Haaren herbeigezogen von Dummheit und Dämlichkeit zu sprechen, wenn der Akt der vermeintlichen Wahl des Bürgers überhaupt nichts mehr mit dem Ergebnis und der umgesetzten Regierungspolitik zu tun hat? Ist es nicht eher dumm der Sache alle Jahre wieder auf den Leim zu gehen und das Märchen von der sog. Demokratie in Deutschland nicht nur zu glauben, sondern auch noch weiterzuverbreiten?

    So wird die Merkel haushoch gewinnen "ich bedanke mich herzlich für den denkbar klaren Auftrag der Wählerinnen und Wähler (...)" und alles bleibt wie es ist. Ich könnte kotzen.
    Glaubst Du wirklich, dass Merkel bei einer hohen Wahlbeteiligung verlieren würde? Das ist m. E. eine gründliche Fehleinschätzung. Im Gegenteil: Viele Stammwähler der SPD sind seit 2009 so vornehm sich wenigstens nur der Stimme zu enthalten. Hätte man sie gezwungen oder würde man sie nun zwingen zu wählen, würden sie sicherlich nicht das SPD-Schmierentheater wählen, sondern entweder direkt CDU oder indirekt über die Linke auch CDU (die Grünen haben m. E. schon abgeschöpft was ging und schrumpfen sich durch ihre Gängelungs-Kapriolen nun selbst). Die Wahlbeteiligung wird deshalb keinen Unterschied bei Merkels weiterer Kanzler(innen)schaft machen. Es gehört zu einem der merkwürdigsten Phänomene Deutschlands, dass die große Mehrheit der Menschen links denkt, aber nicht links wählt. Daran würde eine höhere Wahlbeteiligung aber nichts ändern. Die gleichen Gründe für die Nichtwahl, würden sehr wahrscheinlich zu einem nicht linken Wahlsieg führen - und bei dem merkwürdigen Mischmasch den wir "links der Mitte" in Deutschland dann als Mehrparteien- oder Minderheitsregierung hätten, dürfte das vielen auch ein Graus sein.

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