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Politikverdrossenheit

Erstellt von Lutz, 22.06.2011, 11:44 Uhr · 94 Antworten · 8.913 Aufrufe

  1. #11
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    AW: Politikverdrossenheit

    Gerade im Abendblatt gelesen:

    CDU hält am Slogan "C wie Zukunft" fest


    Irgendwie muss ich jetzt wieder an die Partei denken





    Lutz

  2.  
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  3. #12
    Benutzerbild von chris74

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    AW: Politikverdrossenheit

    Zitat Zitat von PostMortem Beitrag anzeigen
    Letztendlich werden so in Deutschland, wie bei den Nachbarn, die Gesetze mittlerweile u. a. von Banken & Co. verfasst und nicht mehr von Ministerien und Ministern.
    Da lob ich mir doch mal wieder meine Freunde von meiner Lieblingspartei, der FDP: die lassen die Gesetztestexte mittlerweile von Lobbyisten schreiben. (Da ging vor einiger Zeit was durch die Presse, die genauen Zusammenhänge krieg ich leider nicht mehr hin.) Das klingt jetzt erst mal komisch, ist aber in Wirklichkeit ein ganz toller Ansatz zur Kostensenkung! Endlich müssen wir keine hochbezahlten Staatsbediensteten mehr mit sowas beschäftigen. Nein! Die Lobbyisten machen's sogar umsonst! Da freut sich mein Steuerzahlergeldbeutel! Man könnte z. B. das Arbeitsrecht vom Arbeitgeberverband neu überarbeiten lassen. Ich könnte mir vorstellen, daß die das bestimmt auf kleine, verständlich Häppchen reduzieren, die auch jeder versteht. Und das Ganz wie immer zum fast Nulltarif.

  4. #13
    Benutzerbild von Lutz

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    AW: Politikverdrossenheit

    Zitat Zitat von chris74 Beitrag anzeigen
    Man könnte z. B. das Arbeitsrecht vom Arbeitgeberverband neu überarbeiten lassen. Ich könnte mir vorstellen, daß die das bestimmt auf kleine, verständlich Häppchen reduzieren, die auch jeder versteht. Und das Ganz wie immer zum fast Nulltarif.
    Wieso Konjunktiv? Kommt mir schon so vor, als ob es so gemacht wird. Am Mittwoch gibts übrigens eine interessante Doku: Das Hermes-Prinzip

    -snip-

    Zwei deutsche Existenzen: Der Hermes-Paketbote Peter und der Milliardär Michael Otto.
    Peter arbeitet für 60 Cent pro Paket, nach einem 10 Stunden Tag hat er etwa 60 Euro verdient. Fast die Hälfte davon geht für Sprit und Auto drauf.

    Der Paketbote Peter arbeitet ohne Pause, oft fährt er zu schnell, um wenigstens das Existenzminimum einzufahren. Wenn er Pech hat, ist der Paketempfänger nicht da, dann bekommt er gar kein Geld. Wenn er falsch oder zu spät ausliefert, drohen Strafabzüge bis zu 100 Euro.
    Michael Otto und die Otto Group werden derweil überall gelobt als vorbildliches Unternehmen, das sich sogar einen Verhaltenskodex gegeben hat. Von "sozialer Verantwortung" ist da die Rede und von "Würde und Respekt"


    DasErste.de - Reportage & Dokumentation - ARD-exclusiv: Das Hermes-Prinzip (03.08.2011)

    -snap-

    Und hier noch was feines:

    -snip-

    CDU-Politiker für "Vermummungsverbot im Internet"

    Der CDU-Bundestagsabgeordnete Axel E. Fischer kritisiert die gängige Praxis, sich in Internet-Diskussionsforen mit einem Fantasienamen zu Wort zu melden.
    "Vermummungsverbot im Internet" müsse her, forderte der Vorsitzende der Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft des Bundestags. Es könne nicht sein, dass sich Bürger hinter selbstgewählten Pseudonymen versteckten und sich so der Verantwortung entzögen

    heise online - CDU-Politiker für "Vermummungsverbot im Internet" [2. Update]

    -snap-

    Genau ihr bubus - äh - TAFKABS - Venkmans! Es kann doch nicht sein, daß ihr hier einfach unter einem Pseudonym schreibt! Und sogar ein *selbstgewähltes*! Wo kommen wir denn da hin? Mit Fantasienamen! Sogar mehrere!


    Unverantwortlich!

    Aber wie gut, dass es solche hochbezahlten Poliker wie A.E. Neumann - äh - Fischer gibt, die sich in der Onlinewelt seit Jahrzehnten wie in ihrer Westentasche auskennen. Spezialisten des Cyberspace!




    Und immer dran denken:

    C wie Zukunft

    -snip-

    Schwerin. Trotz des Spotts über den Wahlslogan "C wie Zukunft" wird die CDU Mecklenburg-Vorpommerns nicht davon abrücken.

    -snap-


    Lutz

  5. #14
    Benutzerbild von PostMortem

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    AW: Politikverdrossenheit

    In London geht die Post ab, in Spanien siehts teilweise genauso aus. Aus Frankreich kennt man Aufstände in manchen Vierteln langsam schon. Nun nehmen in Berlin die Krawalle an Fahrt auf und selbst in deutschen Kleinstädten werden schonmal ein paar Autos abgefackelt.

    Was macht unsere Kanzlerin, was sagen Polizei und Innenminister?

    Sie reagieren reflexhaft wie immer, teilen uns ihr Lagerdenken und ihre Sorge mit. Sie glauben allen Ernstes noch, solche Phänomene ließen sich Link5extremen zuordnen oder eben auch Chaoten anlasten, da sie eben nicht link5extrem sein.

    Na prima! Dann werden wir hier ja mittelfristig wohl die gleiche althergebrachte Law&Order-Schei.... erleben wie in England. Wenn man es unbedingt zementieren will, dass Menschen unzufrieden mit der Gesellschaft sind und Aggressionen wirken lassen wenn das niemanden kümmert, muss man es genau so machen. Dann kann das tatsächlich die Vorstufe von Terror sein. Dummerweise hat der RAF-Terror wenigstens einigermaßen intellektuelle Köpfe gehabt, die meistens drüber nachgedacht hatten was sie überhaupt tun. Bei denen die heute pure Gewalt und Zerstörung walten lassen, darf man da wohl nicht mit rechnen. Deshalb sollte man das ganze auch nicht zum politischen Widerstand verklären. Es sind Krawalle, vielleicht sind es sogar Chaoten. Aber sie wären wohl weniger chaotisch unterwegs, wenn sie gebraucht würde und in unserem Bildungssystem wenigstens noch irgendeinen Abschluss oder irgendeine Berufsausbildung geschafft hätten. Das dürfte oft nicht der Fall sein, eine gewisse Ohnmacht und durchaus auch viel Langeweile vorhanden sein.

    Wenn unsere Politiker nicht schnallen, dass sie gerade die letzte Chance bekommen etwas gegen die Politikverdrossenheit und den Aufstand einer abgeschriebenen Generation/Schicht zu unternehmen, kann das ja noch "lustig" werden.

  6. #15
    Benutzerbild von Torsten

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    AW: Politikverdrossenheit

    Zitat Zitat von PostMortem Beitrag anzeigen
    Deshalb sollte man das ganze auch nicht zum politischen Widerstand verklären. Es sind Krawalle, vielleicht sind es sogar Chaoten. Aber sie wären wohl weniger chaotisch unterwegs, wenn sie gebraucht würde und in unserem Bildungssystem wenigstens noch irgendeinen Abschluss oder irgendeine Berufsausbildung geschafft hätten. Das dürfte oft nicht der Fall sein, eine gewisse Ohnmacht und durchaus auch viel Langeweile vorhanden sein.
    Gab dazu in den letzten Tagen zwei Beiträge eines "ioff"-Users, die mir aus der Seele sprechen.

    Es gab am 30. Juni 2011 in London eine riesige Demonstration mit vermutlich um die 300.000 Teilnehmern, die Anti-cut-protests,

    /watch?v=5ZP26sp9eFQ

    da waren Familien aus allen Schichten, die sich über Streichungen in Schulen und Kindergärten aufregten; Rentner, die mit ihren Renten nicht mehr auskommen und trotzdem finanziell beschnitten werden sollen; Jugendliche und junge Erwachsene aus allen Schichten, die gegen die Massenarbeitslosigkeit und Perspektivlosgkeit protestierten. Außerdem Hunderte kleine Demonstrationen übers ganze Land verteilt.

    Es gab massivste Beschwerden, dass diese Demonstrationen kaum in den Medien Beachtung fanden, und ein paar Tage später konnten die Bürger dann live im TV verfogen, wie wieder einmal im Parlament gigantische Summen für Banken durchgewunken und Rüstungsausgaben erhöht wurden. Man haut dem Volk kalt lächelnd den Fehdehandschuh ins Gesicht und schreit jetzt auf, dass der Baum brennt.

    Wer so herablassend mit seinem Volk umgeht, der nimmt das, was jetzt passiert, kalt lächelnd in Kauf.

    Und in Tel Aviv waren neulich 500.000 auf der Straße, um gegen Armut und Obdachlosigkeit zu protestieren, 500.000 bei gerade mal 7,5 Millionen Einwohnern in ganz Israel! Was ist da los? Massenspaziergang? In Spanien gab es Massendemos, Immobilienkollaps, Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit. Mann, die halbe Welt dreht am Rad und ihr tut hier so, als wären da nur ein paar Idioten auf der Straße.

    Das ist ein Zahn, der innen komplett ausgehöhlt ist und schmerzt, aber keiner geht zum Zahnarzt. Das Ignorieren, Niederprügeln oder Aussitzen dieser Probleme wird den Druck, mit dem uns dieser Kessel Scheiße in absehbarer Zeit um die Ohren fliegen wird, nur erhöhen. Da muss man sofort das Ventil aufmachen - und das tut man nicht, indem man oben vergoldete Wasserhähne spendiert, aber in Schulen die Fensterrahmen durchfaulen oder schimmelige Platten von den Decken der Klassen auf die Köpfe der Kinder krachen lässt.
    IOFF - Einzelnen Beitrag anzeigen - Krawalle in London!

    Eine gesellschaftliche Fehlentwicklung kann man allen anlasten, außer den Jugendlichen, denn die erziehen sich nicht selber, den moralischen Verfall der Jugendlichen haben in erster Linie die zu verantworten, die jetzt nach harten Bandagen schreien.

    Kannst du mir noch guten Gewissens eine Partei, eine öffentliche Person, irgendeinen Promi nennen, der als moralische Instanz geeignet ist? Nöh? Ich auch nicht. Wenn du in der Öffentlichkeit das Wort "Moral" in den Mund genommen hast, wurdest du in den letzten Jahren ausgelacht. Und auf einmal entdecken alle die Moral für sich wieder, weil sie bei der Bankenkrise ihre Kohle verloren haben oder es auf den Straßen ungemütlich wird.

    Seit 15 Jahren wird der Nachwuchs mit Dumpfbackenphrasen zu einer willfährigen Konsum- und Abzieharmee erzogen, "...wer Erfolg hat, hat Recht...", "...jeder muss sehen wo er bleibt...", "was gehen mich die Probleme anderer Leute an...". Den Mist hat unsere Generation verzapft, so ein Hirndurchfall ist den Jugendlichen weder angeboren noch wächst er auf Bäumen.

    Und an dem Problem sind wir alle mit schuldig, weil wir teilnahmslos zusehen, wie alles vor die Wand gefahren wird, damit ein paar Profilneurotiker Pimmelfechten spielen können.
    IOFF - Einzelnen Beitrag anzeigen - Krawalle in London!

  7. #16
    Benutzerbild von PostMortem

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    AW: Politikverdrossenheit

    Das altbekannte Spiel..... über friedliche Demos wird kaum berichtet, nebenher aufgetretene Ausschreitungen in den Vordergrund gestellt und Polizei und Medien stellen die Teilnehmerzahlen gerne niedriger dar als sie waren. Tatsächlich hat man hier ja so gut wie nichts davon lesen können.

    Die Frage ob das System hat, wird so immer wieder gestellt werden müssen.

    Aber es ist schon was komisches passiert mit dem Journalismus bei uns. Während früher Journalisten am liebsten im Bus oder Fluchtwagen der Gladbeck-Entführer mitgefahren wären/sind, jegliche Distanz zum Geschehen vermissen liessen, werden heute kaum noch die Handelnden aufgespürt und befragt. Es wird nur noch über sie geredet und es werden Märchen und Bildchen aus Social Networks verbreitet - alles was man vom CallCenter-mäßigen Arbeitsplatz in der Billig-Redaktion aus eben erreichen kann. Seit Tagen versuche ich irgendwo etwas über die zu erfahren, die da ausrasten. Für die Medien ist alles ganz einfach, alles Chaoten. Für die Politiker ist es noch einfacher. Was die Briten innerhalb von ein paar Tagen aus ihrer Justiz gemacht haben, ist zudem für einen Rechtsstaat eine Farce. Für mich unglaublich, aber den Stammtischen wird es wohl sogar noch gefallen. Die gleichen Mechanismen wie beim Aufhetzen der Mittelschicht gegen ALG2-Empfänger ist im Gange. Alles wird schon auf Krawall gebürstet und als völlig unpolitisch hingestellt.

    Ich heisse es sicherlich nicht gut was passiert. Allerdings hat sich das nun lange angekündigt und die Regierungen haben nichts getan. Viele europäische Staaten sind überschuldet, haben es seit Jahrzehnten auch bei gutem Wachstum nicht geschafft mal Schulden zurückzuzahlen. Überall wird gespart, nicht zuletzt an Bildung und Sozialarbeit. Die Jugendarbeitslosigkeit in vielen Ländern ist unglaublich hoch. Wenn jeder 3. bis 4. junge Mensch arbeitslos und perspektivlos ist, was sollen die denken wenn sich nichts gutes für sie tut? Wenn man dann heute noch sieht wofür wieder auf Pump die Milliardenpakete geschnürt werden... Die Leute auf der Straße wissen genau das sie schon verloren und deshalb nichts weiter mehr zu verlieren haben. In Deutschland stehen wir da noch recht gut da. Aber trotzdem ist die Jugendarbeitslosigkeit höher als die des Durchschnitts. Und die Quote ist wie immer geschönt. Sicherlich ist ein Trittbrettfahrer-Effekt nicht auszuschließen. Aber wenn ich diesen Christian Pfeiffer nun wieder täglich seine schwachsinnigen Thesen ("Actionlust!") in die Nachrichtenkameras plappern sehe, kommt mir (wie schon nach irgendwelchen einfachst gestrickten Amoklauferklärungen) die Kotze hoch.... Natürlich randalieren sich da Menschen in einen Rausch und findens wahrscheinlich noch geil. Aber die Auslöser und Ur-Motive sind sicherlich andere.

  8. #17
    Benutzerbild von bubu

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    AW: Politikverdrossenheit

    Zitat Zitat von PostMortem Beitrag anzeigen
    Während früher Journalisten am liebsten im Bus oder Fluchtwagen der Gladbeck-Entführer mitgefahren wären/sind, jegliche Distanz zum Geschehen vermissen liessen, werden heute kaum noch die Handelnden aufgespürt und befragt. Es wird nur noch über sie geredet und es werden Märchen und Bildchen aus Social Networks verbreitet - alles was man vom CallCenter-mäßigen Arbeitsplatz in der Billig-Redaktion aus eben erreichen kann.
    Dann solltest Du vielleicht auch mal die Printmedien studieren und nicht nur die kostenlosen Online-Angebote. Kurze Zwischenbemerkung: Die Medienlandschaft hat sich dramatisch verändert. Daran haben sowohl die Verlagshäuser, die Leser und das Internet ihren Anteil. Aber das führt jetzt vom Thema ab...

  9. #18
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    AW: Politikverdrossenheit

    Zitat Zitat von Dr. Peter Venkman Beitrag anzeigen
    Dann solltest Du vielleicht auch mal die Printmedien studieren und nicht nur die kostenlosen Online-Angebote. Kurze Zwischenbemerkung: Die Medienlandschaft hat sich dramatisch verändert. Daran haben sowohl die Verlagshäuser, die Leser und das Internet ihren Anteil. Aber das führt jetzt vom Thema ab...
    Also Verlage verdienen gut an mir. Dennoch nehme ich die ehem. Skandalaufdecker von Spiegel, Stern & Co. nicht mehr als vierte Gewalt im Staate wahr. Diesen Job übernehmen jetzt Netzaktivisten und ausländische Medien. Eine gute Zustandsbeschreibung lieferte unsere Presse zu Schäubles Amtsantritt. Es brauchte für diese sich so herrlich anbietende Vorlage schon Hilfe aus den Niederlanden und die deutsche Presse begnügte sich damit darüber zu berichten. Das ist bis heute so geblieben. In der Welt passiert unheimlich viel, in Deutschland geschieht einiges fragwürdiges, aber wir spüren hier ernsthaft ein Sommerloch und die Medien stürzen sich tagelang auf Klatschberichterstattung über die Beziehung eines CDU-Landeschefs. Der Stern macht diese Woche mit Charlotte Roche auf! Hallo???? Es beschränkt sich vieles auf Klatschthemen, reine Berichterstattung, oft aus zweiter Hand und noch öfter mit inhaltlichen Fehlern. Dabei muss man ja schon froh sein, wenn man es mit echter Berichterstattung zu tun hat. Selbst beim einst preisgekrönten Bericht von Seehofers Märklin-Eisenbahn musst man ja später erkennen, dass der Redakteur sie nie gesehen hat. Augstein muss in seinem Grab rotieren, wenn er sieht was seine quasi selbst verwaltete Truppe aus seinem Blatt macht. Da ist nichtmal ein böser BWLer am Hebel des Verlags schuld. Es ist kein Vergleich mehr mit Ausgaben, die ich noch aus den 60er, 70er und 80er Jahren zu Hause zum Vergleich liegen haben.

  10. #19
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    AW: Politikverdrossenheit

    In manchen Punkten hast Du Recht, glaube aber nicht, dass die Journalisten von heute unkritischer sind als ihre Kollegen von früher. Es liegt an den Strukturen. Es ist alles zum einen viel kurzlebiger geworden, und es ist auch schlicht eine Geldfrage: Investigative Recherche braucht aber beides – viel Zeit und viel Geld. Und das sind immer weniger Verlagshäuser bereit zu investieren, auch die Flagschiffe Spiegel, Stern erodieren massiv in ihren Auflagenzahlen. Hier stellt sich die Frage nach der Henne und dem Ei – haben diese Magazine inhaltlich nachgelassen, weil sie keiner mehr kaufen will? Oder verhält es sich genau umgekehrt?

    Fakt ist: Früher war die Medienlandschaft überschaubar. Ähnliches Problem wie bei den ÖR. Nun gibt es auch noch Privatfernsehen und Internet und noch unzählige andere Medien (Handy, Videospiele...), mit denen man man um die Zeit und das Geld des Konsumenten konkurriert.

    Fakt ist auch: Es gibt (leider) heute auch ziemlich guten Journalismus für lau im Netz zu haben. Ein historischer Fehler, der nun zaghaft mit ersten Paid-Content-Angeboten – vor allem für iPad – versucht wird wenigstens ein bisschen zu korrigieren. So etwas ließe sich aber nur in einer konzertierten Aktion aller Verlagshäuser rückgängig machen, wenn alle von heute auf morgen die Paid-Content-Schranke runterlassen würden (bevor das aber geschieht, dürfte erst die Hölle zufrieren). Grund für diesen historischen Lapsus: Die Verlagshäuser haben das journalistische Potenzial des Netzes seinerzeit grandios unterschätzt. Damit aber wurde in den Hirnen der Leuten endgültig die fatale Verknüpfung angelegt, dass Journalismus ja nichts kostet (und nichts wert ist?). Daran ist aber nicht nur das Netz Schuld, wie altgediente Print-Verlagsmanager und frustierte Tageszeitungs-Verleger immer wieder gerne beteuern. Sondern es ist nur die konsequente Fortführung eines Trends, der im deutschen Journalismus schon lange existierte: Mit immer höher sprudelnden Anzeigeneinahmen die Copypreise der Zeitungen und vor allem Magazine zu subventionieren – und damit mehr AUflage zu machen und noch mehr Anzeigengelder zu kassieren. Aber dass man damit dem Leser das Gefühl dafür nimmt, wie teuer und kostbar guter Journalismus eigentlich ist, hat man beim sektfeuchten Scheine-Zählen wohl nicht bedacht. Ein anzeigenfreier Spiegel oder Stern würde nicht 4 sondern mindestens über 15 Euro kosten.

    Und so stehen stern und Spiegel unter solch ökonomischem Druck, dass eine (teure) Marktforschung nach der anderen gemacht wird, um herauszufinden, was der Leser will und welche Cover-Themen und -Farben denn am besten verkaufen. Daher ist der Roche-Titel ökonomisch sicher ein Gewinn, aber journalistisch eine Bankrotterklärung. Nur könnte man sich ja auch hier wieder fragen: Wieso kaufen die Leute denn nun lieber sowas als "echte" Themen? Es ist wieder die Frage nach der Henne und dem Ei.

  11. #20
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    AW: Politikverdrossenheit

    Zitat Zitat von Dr. Peter Venkman Beitrag anzeigen
    In manchen Punkten hast Du Recht, glaube aber nicht, dass die Journalisten von heute unkritischer sind als ihre Kollegen von früher.
    Ich glaube zumindest auch, dass viele mehr wollen als sie dürfen. Immerhin träumt ein Journalist doch wohl noch von DER Story, jedenfalls in dem Bereich um den es hier geht. Aber irgendwann ist das Bild des Journalismus den wir heute kennen zementiert und dann werden kommende Generationen sich daran orientieren.

    Es liegt an den Strukturen. Es ist alles zum einen viel kurzlebiger geworden, und es ist auch schlicht eine Geldfrage: Investigative Recherche braucht aber beides – viel Zeit und viel Geld. Und das sind immer weniger Verlagshäuser bereit zu investieren, auch die Flagschiffe Spiegel, Stern erodieren massiv in ihren Auflagenzahlen. Hier stellt sich die Frage nach der Henne und dem Ei – haben diese Magazine inhaltlich nachgelassen, weil sie keiner mehr kaufen will? Oder verhält es sich genau umgekehrt?
    Vieles was früher noch intellektuelle Wertarbeit war ist zur Massenware verkommen. Natürlich ist die Frage zu stellen wie es zu den bedauerlichen Entwicklungen kam und ob sie noch umkehrbar sind. Aber sie bleiben eben bedauerlich. Ich möchte über den politischen Dreck lesen den Politiker am Stecken haben. Wen sie wann über Facebook gedatet haben, ob es zum GV kam und ob das moralisch verwerflich ist, ist mir in erster Linie mal egal. In zweiter Linie grinse ich natürlich trotzdem, weil es eben malwieder einer aus der konservativen Christlichen Partei war, der sich nicht konservativ und christlich genug verhalten hat. Aber das sollten Randthemen bleiben. Konzerne und Banken gehen in Ministerien ein und aus, soufflieren Gesetzestexte die ahnungslose Minister und Abgeordnete abnicken und die Jahre später erst ihre volkswirtschaftliche Sprengkraft entfalten. Sowas interessiert mich. Mich interessiert wer Deals einfädelt um sich für später ein Pöstchen zu sichern. Mich interessiert wer irgendwo nur deshalb abgesägt wird, weil er/sie eine unbequeme Meinung hat oder jemandem im Weg war. Mich interessieren unsere kranken Sozialsysteme, wie wird unser Gesundheitssystem denn nun endlich mal umgebaut und warum ist das während Legislaturperioden kaum ein Thema? Was wird aus Hartz IV, warum tut sich da nichts und wer verhindert das sich was ändert? Welche Wirtschaftsbosse haben welche Fehlentscheidungen getroffen und dadurch tausende auf die Straße geschickt? Wie unterwandert China mit seinen Staatsfonds die Weltwirtschaft?

    Klar, auch diese Themen kommen immer wieder mal vor. Aber es bleibt oft flach. Nun legt sich auch nicht jede Woche ein Spitzenpolitiker in die Wanne. Aber das war alles mal härter, hartnäckiger, tiefer. Und das hätte ich gerne wieder, was auch immer die Gründe dafür sind, dass Magazine zahmer und seichter gewiorden sind.


    Fakt ist: Früher war die Medienlandschaft überschaubar. Ähnliches Problem wie bei den ÖR. Nun gibt es auch noch Privatfernsehen und Internet und noch unzählige andere Medien (Handy, Videospiele...), mit denen man man um die Zeit und das Geld des Konsumenten konkurriert.

    Fakt ist auch: Es gibt (leider) heute auch ziemlich guten Journalismus für lau im Netz zu haben. Ein historischer Fehler, der nun zaghaft mit ersten Paid-Content-Angeboten – vor allem für iPad – versucht wird wenigstens ein bisschen zu korrigieren. So etwas ließe sich aber nur in einer konzertierten Aktion aller Verlagshäuser rückgängig machen, wenn alle von heute auf morgen die Paid-Content-Schranke runterlassen würden (bevor das aber geschieht, dürfte erst die Hölle zufrieren). Grund für diesen historischen Lapsus: Die Verlagshäuser haben das journalistische Potenzial des Netzes seinerzeit grandios unterschätzt. Damit aber wurde in den Hirnen der Leuten endgültig die fatale Verknüpfung angelegt, dass Journalismus ja nichts kostet (und nichts wert ist?). Daran ist aber nicht nur das Netz Schuld, wie altgediente Print-Verlagsmanager und frustierte Tageszeitungs-Verleger immer wieder gerne beteuern. Sondern es ist nur die konsequente Fortführung eines Trends, der im deutschen Journalismus schon lange existierte: Mit immer höher sprudelnden Anzeigeneinahmen die Copypreise der Zeitungen und vor allem Magazine zu subventionieren
    Man wird sehen.... Spiegel Online stellt ein - Wo bleibt die Verstärkung? | The European

    Wie auch immer sie es drehen und ob online oder offline, paid oder free: Bessere Recherche und spannende Themen haben sich schon immer gut verkauft. Irgendeine umstrittene Person aufs Cover zu drucken und das neue Buch auseinander zu nehmen ist natürlich billiger und einfacher. Aber es gibt einem Magazin auf Dauer kein Profil. Ich hoffe Formate wie bildblog, SpiegelKritik usw. haben eine gewisse Wirkung auf die Verantwortlichen gehabt, sich inhaltlich und qualitativ zu hinterfragen.

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