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Politikverdrossenheit

Erstellt von Lutz, 22.06.2011, 11:44 Uhr · 94 Antworten · 8.895 Aufrufe

  1. #51
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    AW: Politikverdrossenheit




    Lutz

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  3. #52
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    AW: Politikverdrossenheit

    Meine Politikverdrossenheit erreicht ihr Maximum, wenn irgendwelche ideologisch vorbelasteten Sesselpupser auf Moralapostel machen und die Political Correctness auf die Spitze treiben. Wie verweichlicht und weltfremd leben die eigentlich?

    Da schafft man in Deutschland die Wehrpflicht ab (eine super Sache wie ich finde, ich habe sie immer gehasst!), braucht aber, wenn man nicht auf beiden Augen blond und naiv ist, letztendlich als NATO-Mitglied und größte Mittelmacht mitten in Europa durchaus immer noch ein einigermaßen handlungsfähiges Militär. Die Welt ist eben kein Hort des Friedens. Unsere Bundeswehr muss sich also um ihren Nachwuchs kümmern und sie braucht Leute, die genau wissen worauf sie sich einlassen: Kriseneinsätze, Interventionen usw. Natürlich zeigt man als werbendes Militär da keine Leichensäcke, sondern Armee-Action mit Kawumm und Coolness-Faktor. Was erwartet man denn um für den Job des Soldaten zu werben? Ich finds ganz erfrischend was die Bundeswehr da auf die Beine gestellt hat. Es ist mal was unerwartet unspießiges und frisches. Aber wenns cool wird, ist bei den Moralaposteln schnell Schluß mit lustig.

    Wenn unsere Bundeswehr daran gehindert wird sich nach Abschaffung der Wehrpflicht mündiges, freiwilliges Berufspersonal anzuwerben und bei einem Hochglanz-Imagevideo dann direkt wieder die Moralkeule geschwungen wird, kann ich echt nur noch den Kopf schütteln. Was darf man in unserem Land eigentlich überhaupt noch sagen, machen oder zeigen, ohne dass irgendjemand aufjault und es politisch unkorrekt oder irgendwas ungehöriges verherrlichend findet? Ja, Krieg ist scheis*e. Tiere schlachten ist auch schei*se. Trotzdem bin ich übers leckere Steak genauso froh, wie über eine Armee die militärisch adäquat eingreifen kann, wenn das völkerrechtlich legitimiert wird. Und so wie man Metzger nicht mit Blutlachen und Fotos von Tiertransporten anwirbt, lockt man Soldaten eben mit Technik, Abenteuer und Image an. Wie auch sonst?

    http://www.stern.de/video/offizielle...r-1752625.html

  4. #53
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    AW: Politikverdrossenheit

    Zitat Zitat von PostMortem Beitrag anzeigen
    Und so wie man Metzger nicht mit Blutlachen und Fotos von Tiertransporten anwirbt, lockt man Soldaten eben mit Technik, Abenteuer und Image an. Wie auch sonst?
    Jaawoohhhl!



    Lutz

  5. #54
    Benutzerbild von PostMortem

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    AW: Politikverdrossenheit

    Zu den dunkelsten Kapiteln deutscher Geschichte gehören die Jahre, in denen man in Deutschland Menschen mit großen Nasen und Warzen malte. Es war eine Zeit, in der man Klischees über Schlitzohrigkeit und Betrug durch eine häufig im kaufmännischen oder Finanz-Bereich tätige Bevölkerungshruppe bis zum Rassenwahn hochschaukelte. Heute gilt das nicht nur als verpöhnt, es gilt als Antisemitismus härtester Güte.

    Doch was ist in diesen Tagen mit uns Deutschen? Die europäische Presse ist voll von Karrikaturen deutscher Politiker in Uniformen der NS-Zeit, es werden wieder Vergleiche mit Panzern bemüht usw. usf. Nun ist man das aus Großbritannien ja gewohnt. Aber erstens macht es das nicht besser und zweitens erreicht dieses "Anti-Deutsch-sein" im Moment einen ungeahnten Höhepunkt.

    Der Gipfel ist aber, dass es plötzlich für viele ein gutes Argument ist, dass wir daran selbst Schuld wären (weil da ein international wenig wiegender Kauder seinerseits mal ein flaches Sprüchlein abgelassen hat). Doch beim Antisemitismus ist allein der Versuch Opfern Schuld am Antisemitismus zu geben schon Antisemtismus. Nichts und niemand spricht mal deutliche Worte an die aufmüpfigen Mit-Europäer. Deutschland kann es nicht richtig machen. Ergreift Deutschland die Initiative und zahlt Europa maßgeblich gesund, sind wir die bösen Deutschen auf Eroberungsfeldzug. Lässt Deutschland die anderen agieren, heißt es wir kümmern uns nicht. Oben drauf nun wieder von Polen über Griechenland bis UK die flachen Klischees von Merkel in NS-Uniformen, als Runenverzierte Domina usw. usf.

    Das ist tief unter der Gürtellinie und sollte wirklich langsam mal ein Ende finden. Hat Deutschland sich in den letzten 66 Jahren kein anderes Ansehen erarbeitet? Ich denke schon! Warum ist dieses Anti-Deutsche dann noch so salonfähig? Deutschland hat die EU mit gebaut, seine bewunderte und geliebte D-Mark geopfert, die EG/EU maßgeblich mit finanziert, auf Wunsch der anderen Staaten sogar wieder schmerzhafte militärische Aufgaben in der Welt übernommen. Nun schultern wir riesige Rettungsfonds. Das ist für uns deutsche Bürger, die seit Jahren zu allem möglichen hören, dass kein Geld da wäre, ja auch ein Opfer und schwer nachzuvollziehen. Und alles was den Politikern und Medien der Pleitestaaten und neoliberalen Finanz-Profiteure in London einfällt, ist diesen ollen NS-, Panzer-, Blitzkriegs- und Pickelhauben-Karikaturen Mist über uns auszukippen? Pah!

    Ich finds einfach schade, dass unsere Merkel da so einen zurückhaltenden Weicheier-Kurs fährt. Ihre Vorgänger hätten bei aller Initiative für die europäische Einigung sicher schonmal auf den Tisch gehauen und die Pöbler darauf hingewiesen, welch kleine Brötchen sie am EU-Katzentisch vielleicht mal lieber im Augenblick backen sollten.

  6. #55
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    AW: Politikverdrossenheit

    Ich stimme zwar zu, dass die Nazi-Vergleiche in den ausländischen Boulevardmedien polemisch sind und v. a. der Ablenkung von internen Konflikten dienen. Aber in zwei Punkten sehe ich die Dinge völlig anders:

    Zitat Zitat von PostMortem Beitrag anzeigen
    Ergreift Deutschland die Initiative und zahlt Europa maßgeblich gesund, sind wir die bösen Deutschen auf Eroberungsfeldzug.
    Die Bundesregierung hilft den Regierungen der EU-Pleitekandidaten ja nicht aus Nächstenliebe, sondern um eine auch für die deutsche Wirtschaft gefährliche Kettenreaktion von Staats- und Bankenpleiten zu verhindern. Und in der Tat wird damit in der EU zwischen den Staaten ein hierarchischeres Verhältnis hergestellt als es bisher bestanden hat. Während die Deutschen und die Franzosen immerhin noch halbwegs souverän über ihre Regierungen und verschiedene wirtschaftspolitische Richtungen abstimmen können, gibt es in Griechenland und Italien jetzt "Technokraten"-Regierungen (eine höfliche Umschreibung für Regierungen, die nicht demokratisch gewählt worden sind) und bei deren Finanzministerien klopfen nun regelmäßig EU-Kontrolleure an die Tür. Und trotz objektiv längerer Arbeitszeiten müssen sich die Südeuropäer nun als Müßiggänger beschimpfen lassen und extreme Kaufkraftverluste hinnehmen. Es ist also schon nachvollziehbar, dass die Leute in diesen Ländern sich wie in einem neokolonialen Hinterhof der Deutschen und Franzosen fühlen.

    Ich finds einfach schade, dass unsere Merkel da so einen zurückhaltenden Weicheier-Kurs fährt.
    Merkel als Regierungschefin muss natürlich diplomatisch sein. Für die markigen Sprüche ist die Bildzeitung zuständig ("Ihr griecht nix!", "Pleitegriechen", "Nehmt den Griechen den Euro weg!"). Genauso wie die antideutsche Polemik ja auch auch nicht von den auswärtigen Regierungschefs kommt, sondern nur von der auswärtigen Boulevardpresse. Das sind einfach zwei unterschiedliche Kommunikationsebenen.

    Und auch wenn Merkel als Regierungschefin eine gewisse Etikette und gewisse Sprachregelungen einhalten muss, ist sie keineswegs 'soft'! Im Verein mit Sarkozy hat sie immerhin mal eben die Regierungschefs von Griechenland und Italien demontiert. Man muss ja bei Diplomatie auf die Details achten: Wenn Merkel und Sarkozy auf einer Pressekonferenz nach ihrem Vertauen in Berlusconi einander zugrinsen und die anwesenden Journalisten dabei kichern, dann ist das schon ein ziemlich starkes Auftreten und zeugt davon, wer in der EU Herr im Haus ist.

  7. #56
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    Zitat Zitat von Die Luftgitarre Beitrag anzeigen
    Ich stimme zwar zu, dass die Nazi-Vergleiche in den ausländischen Boulevardmedien polemisch sind und v. a. der Ablenkung von internen Konflikten dienen. Aber in zwei Punkten sehe ich die Dinge völlig anders:

    Die Bundesregierung hilft den Regierungen der EU-Pleitekandidaten ja nicht aus Nächstenliebe
    Nächstenliebe ist in solchen Dingen doch kein Kriterium. Dürfen wir jetzt jeden als Nazi beschimpfen, der uns nicht aus Nächstenliebe hilft? Deinen Urologen, wenn der seinen Finger nicht aus Nächstenliebe Richtung Prostata durch den Enddarm bewegt? Den Müllmann, der nicht aus Nächstenliebe auf dem stinkenden Bock steht, sondern weil es wenigstens noch einigermaßen gut bezahlt ist? Nie war es so einfach als Nazi zu gelten...

    Und trotz objektiv längerer Arbeitszeiten müssen sich die Südeuropäer nun als Müßiggänger beschimpfen lassen und extreme Kaufkraftverluste hinnehmen. Es ist also schon nachvollziehbar, dass die Leute in diesen Ländern sich wie in einem neokolonialen Hinterhof der Deutschen und Franzosen fühlen.
    Das ist doch unbestritten. Allerdings darf man auch nicht vergessen, dass einige dieser Staaten sich noch vor ein paar Jahren dem neoliberalen Bush-Amerika an den Hals warfen und auf dem absoluten neoliberalen Trip waren. Deutschland mit seinem industriellen Kern und der störenden sozialen Marktwirtschaft haben sie verspottet, Steuergeschenke verteilt, Reformen verpennt usw. usf. Deutschland ist u. a. deshalb wieder so konkurrenzfähig geworden, weil wir diese neoliberale Geisterfahrt immerhin nicht in diesen Extremen mitgemacht haben. Dadurch sanken unsere Realeinkommen in den letzten Jahren sogar teilweise, die Erhöhung des Renteneintrittsalters haben wir längst hinter uns (wo südeuropäischen Ministerinnen heute dann Pippi in die Augen schießt) und so manches andere schmerzhafte auch. Wir sind ein Land, dass als einziges Land in Europa einen kompletten maroden sozialistischen Staat "übernommen" und die Lasten dieser (Wieder)vereinigung komplett gestemmt hat. Gleichzeitig zahlen wir mächtig in die EU ein und finanzieren so auch noch zu einem Großteil die Töpfe aus denen Polen, Ungarn & Co. sich schneller an Westeuropa angleichen konnten/können. Trotz dieser eigentlich unvorstellbaren Leistung sind wir nicht so hoch verschuldet wie die Staaten in denen nun über uns hergezogen wird. Da muss man sich doch schon wundern, wenn die Probleme dort dann nicht hausgemacht sein sollen.

    Die Unzufriedenheit der Bürger anderer Länder also in allen Ehren. Erstens ist sie auf ihrem eigenen Mist gewachsen und zweitens sollen sie dann ihre Unzufriedenheit äußern und keine dumpfen anti-deutschen Parolen gröhlen. Etwas Respekt dafür was Deutschland für Europa leistet, geleistet hat und welche Lasten wir bereits gestemmt haben sollte m. E. schon da sein. Und wo es fehlt, sollten die dortigen Regierungschefs dafür werben und das Deutschen-Bashing nicht noch mit anheizen.

    Merkel als Regierungschefin muss natürlich diplomatisch sein. Für die markigen Sprüche ist die Bildzeitung zuständig ("Ihr griecht nix!", "Pleitegriechen", "Nehmt den Griechen den Euro weg!"). Genauso wie die antideutsche Polemik ja auch auch nicht von den auswärtigen Regierungschefs kommt, sondern nur von der auswärtigen Boulevardpresse. Das sind einfach zwei unterschiedliche Kommunikationsebenen.
    Ich denke nicht, dass ein israelischer Staatschef es als Diplomatie empfinden würde, antisemitische Angriffe ausländischer Politiker oder auch nur großangelegte antisemtische Kanpagnen ausländischer Medien unwidersprochen zu lassen. Er würde zu Recht verlangen, dass andere Regierungschefs alles unterlassen was anti-israelische Kampagnen fördert und, dass sie ihre Medien ein wenig zur Ordnung und Besonnenheit rufen. Alles andere ist doch Verrat an der europäischen Idee.

    Und mittlerweile sind es ja nunmal wirklich auch einige europäische Regierungschefs, die diese anti-deutsche Stimmung aus eigenem Kalkül (auch nicht etwa aus Nächstenliebe) bewusst anheizen. Was hat sowas in einer europäischen Union zu suchen? Das kommt aus Großbritannien von ganz oben, kam und kommt aus Polen immer wieder aus der höheren Politik und ein Berlusconi ließ es sich ja schon vor vielen Jahren nicht nehmen einen deutschen EU-Abgeordneten mit einem KZ-Aufseher zu vergleichen. Das ist etabliert, weil Deutschland sich sowas auch heute noch aus Demut und histoprischer Schuld gefallen lässt. Früher hat Genschman dann direkt noch den Geldkoffer zur Besänftigung eingeflogen. Heute läuft es subtiler, aber die Mechanismen des schlechten deutschen Nachkriegsgewissens funktionieren auch 2011 noch.

    Diplomatie und alles mit sich machen lassen sind aber immer noch zwei Paar Schuhe. Diplomatie ist es nicht, wenn dieses unwidersprochene Deutschen-Bashing in Europa uns auf Jahre und Jahrzehnte den Ruf versaut und sich das Image des hässlichen Deutschen erstmal wieder zementiert. Sowas dürfte keinen Platz in einer politischen Union haben. Und wir bezahlen am Ende auch noch dafür... Kein normaler Mensch macht sowas, ausser es geht darum die eigenen mißratenen Kinder trotzdem durchzufüttern.

  8. #57
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    AW: Politikverdrossenheit

    Dürfen wir jetzt jeden als Nazi beschimpfen, der uns nicht aus Nächstenliebe hilft?
    Der Nazi-Vergleich ist wie gesagt populistischer Blödsinn (denn es gibt ja keine Besatzungstruppen, keine Gemetzel, keine Rassengesetze o. ä.)

    Aber es ist eben auch populistischer Blödsinn, wenn die Bildzeitung sagt: Wir Deutschen sind solche Wohltäter und dann sind die im Süden auch noch undankbar. Denn wahr ist vielmehr: Wir stützen an der EU-Peripherie Regierungen, die für unsere Wirtschaft sehr nützlich sind, aber ihren eigenen Völkern Armut verordnen.


    Allerdings darf man auch nicht vergessen, dass einige dieser Staaten sich noch vor ein paar Jahren dem neoliberalen Bush-Amerika an den Hals warfen und auf dem absoluten neoliberalen Trip waren.
    Italien und Griechenland hatten zwar in den letzten 20 Jahren überwiegend Rechtsregierungen, aber nicht wirklich im amerikanisch-neoliberalen Sinne; die Wirtschaft blieb eher protektionistisch-klientelistisch verfasst. Rechts oder links, es gab in diesen Ländern immer für die jeweiligen Wählergruppen zunftähnliche Monopole, reine Versorgungsposten in den Behörden, Bauaufträge u. v. m. Genau deshalb drängen ja IWF, Merkel und Sarkozy jetzt auf Reformen im neoliberalen Sinne von Haushaltskürzungen und Marktliberalisierung.

    Deutschland ist u. a. deshalb wieder so konkurrenzfähig geworden, weil wir diese neoliberale Geisterfahrt immerhin nicht in diesen Extremen mitgemacht haben. Dadurch sanken unsere Realeinkommen in den letzten Jahren sogar teilweise, die Erhöhung des Renteneintrittsalters haben wir längst hinter uns (wo südeuropäischen Ministerinnen heute dann Pippi in die Augen schießt) und so manches andere schmerzhafte auch.
    Ich denke eher, Deutschland ist konkurrenzfähig, weil durch HarztIV und Leiharbeit das gesamte Lohngefüge runtergezogen wurde und das Schrumpfen der Binnenkaufkraft durch eine Dumpingexportstrategie ausgeglichen wurde. Und jetzt versucht die zutiefst im neoliberalen Dogma feststeckende deutsche Regierung, dieselben Rezepte, die schon im Inland zu fragwürdigen Erfolgen geführt haben (Exportgewinne für die einen, Billigjobs für die anderen) auch noch dem Rest Europas aufzuoktroyieren. Dabei kann sie sich des Beifalls des verarmenden und demoralisierten deutschen Stammtischpublikums sicher sein, nach dem Motto: Uns hat man ohne Gegenwehr die Rente und die Arbeitslosenversicherung wegnehmen können, dann sollen die im Ausland sich auch nicht wehren!

    Ich denke nicht, dass ein israelischer Staatschef es als Diplomatie empfinden würde, antisemitische Angriffe ausländischer Politiker oder auch nur großangelegte antisemtische Kanpagnen ausländischer Medien unwidersprochen zu lassen. Er würde zu Recht verlangen, dass andere Regierungschefs alles unterlassen was anti-israelische Kampagnen fördert und, dass sie ihre Medien ein wenig zur Ordnung und Besonnenheit rufen.
    Bei dem Hintergrund der 5 Millionen ermordeten Juden mag im Fall des Antisemitismus ein Sonderfall vorliegen, aber ich erinnere mich an einen anderen Fall: Als im Karikaturenstreit beleidete Moslems von der dänischen Regierung eine Entschuldigung oder gar ein Einschreiten forderten, entgegnete die dänische Regierung (ganz zu recht), dass in einer westlichen Demokratie die Regierung die Presse nicht zu maßregeln hat oder für sie Verantwortung zu übernehmen hat.

  9. #58
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    AW: Politikverdrossenheit

    Zitat Zitat von Die Luftgitarre Beitrag anzeigen
    Der Nazi-Vergleich ist wie gesagt populistischer Blödsinn (denn es gibt ja keine Besatzungstruppen, keine Gemetzel, keine Rassengesetze o. ä.)
    Im Grunde ist es astreines Mobbing und ich frage mich, wie lange unsere lieben Nachbarn noch diese Nazi-Platte auflegen wollen, wenn ihnen irgendein Vorstoß aus Deutschland nicht passt?

    Italien und Griechenland hatten zwar in den letzten 20 Jahren überwiegend Rechtsregierungen, aber nicht wirklich im amerikanisch-neoliberalen Sinne
    Aber Großbritannien, Irland, Spanien..... Die "Koalition der Willigen" wurde damals belohnt und warf sich Bush nicht nur militärisch, sondern auch wirtschaftlich mit einem neoliberalen, Bush-Amerika-freundlichen Kurs an den Hals. Diese Länder haben keine gesünderen Haushalte als Italien. Lediglich Irland scheint die Lage selbst in den Griff zu bekommen. Auch Polen hat sich damals ziemlich streberhaft darin versucht den Bush-USA zu gefallen und wollte die geschwächte Position Deutschlands in der vermeintlich anti-amerikanischen Schmudelecke des "alten Europa" (mit Deutschland, Frankreich und Belgien) ausnutzen. Die haben sich alle schon auf der Sonnenseite des globalen Raubtierkapitalismus gesehen und uns nur müde belächelt. In ihren Augen war Deutschland eine unverbesserliche Wachstums- und Renditebremse. Man hielt sich für wirtschaftlich überlegen und hielt damit auch nicht hinterm Berg, wenn man z. B. José María Aznar hieß. Heute will man ausgerechnet seine Partido Popular in Spanien wieder in die Regierung wählen. Der beste Weg um den Euro-Rettungsschirm bald auch in Spanien noch nötig zu haben. Und dann, sind wir Deutschen dann wieder Schuld, wenn Spanien sich wie die anderen Staaten selbst hinein manövriert hat? Erst belächelt, dann beliehen, dann beschimpft?

    Ich denke eher, Deutschland ist konkurrenzfähig, weil durch HarztIV und Leiharbeit das gesamte Lohngefüge runtergezogen wurde und das Schrumpfen der Binnenkaufkraft durch eine Dumpingexportstrategie ausgeglichen wurde.
    Genau so ist es! Und so hart das auch war und so unglaublich es ist, dass ausgerechnet ein nun Vorbestrafter Typ wie Peter Hartz da seine Finger im Spiel hatte, so notwendig war es die Fehler zu korrigieren, die in den 1980ern begangen wurden. Das Wirtschaftswunder war längst vorbei, aber Deutschlands Regierungen verteilten weiterhin Wohltaten und die Kreditaufnahme stieg und stieg. Das also Ausgaben gestrichen werden mussten und das auch immer Sozialetats trifft, ist deshalb erstmal nicht weiter verwunderlich. Es ist nunmal einer der mit Abstand größten Etats in jedem Staatshaushalt und im deutschen ganz besonders. Was teilweise daraus geworden ist, ist nicht ok und es hätte im Falle mancher sozialer Härten Korrekturen geben müssen. Doch unterm Strich sind wir so wettbewerbsfähiger geworden und sind nur deshalb heute überhaupt in der Lage anderen Staaten zu helfen. Die steuerliche Begünstigung von Veräußerungsgewinnen und insbesondere die breite Zulassung der Zeitarbeit waren genauso große Fehler wie die viel zu kurze Bezugsdauer von ALG1 für jahrzehntelang einzahlende Beschäftigte. Aber sollen wir deshalb anderen Staaten mit diesen schmerzhaften Einschnitten ihren eigenen Reformstau sponsern?

    Und jetzt versucht die zutiefst im neoliberalen Dogma feststeckende deutsche Regierung, dieselben Rezepte, die schon im Inland zu fragwürdigen Erfolgen geführt haben (Exportgewinne für die einen, Billigjobs für die anderen) auch noch dem Rest Europas aufzuoktroyieren. Dabei kann sie sich des Beifalls des verarmenden und demoralisierten deutschen Stammtischpublikums sicher sein, nach dem Motto: Uns hat man ohne Gegenwehr die Rente und die Arbeitslosenversicherung wegnehmen können, dann sollen die im Ausland sich auch nicht wehren!
    Also die Rente und die Arbeitslosenversicherung hat uns nun keiner genommen. Nichtsdestotrotz muss man sich beim demografischen Wandel eben überall in Europa Gedanken machen wie man damit umgeht. Einfach alles weiter durch höhere Nettokreditaufnahmen zu finanzieren, kann doch nicht funktionieren. Ist es da ungerechtfertigt, wenn man als bürgendes Land vom ins Trudeln geratene Land verlangt, seinen Haushalt so in Ordnung zu bringen? Man kann doch nicht stumm und naiv hinnehmen, dass das ganze ein Fass ohne Boden wird und damit ganz sicher ein Problem für den eigenen Haushalt wird. Also müssen die ins Trudeln geratenen Staaten sparen. Das ist doch ganz normal. Wie soll es denn sonst funktionieren?

  10. #59
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    Nichtsdestotrotz muss man sich beim demografischen Wandel eben überall in Europa Gedanken machen wie man damit umgeht. Einfach alles weiter durch höhere Nettokreditaufnahmen zu finanzieren, kann doch nicht funktionieren.
    Bei dem Argument mit dem demographischen Wandel wird immer ausgeblendet, dass auch die Produktivität pro Einwohner heute eine viel höhere ist als vor ein paar Jahrzehnten (Automatisierung, Computer und so). Das Problem ist halt nur, dass diese Wohlstandszuwächse durch Technologie weder zu entsprechenden Gehaltserhöhungen geführt haben, noch angemessen besteuert wurden, und daher nicht unmittelbar zur Finanzierung der Rente zur Verfügung stehen.

    Die "Koalition der Willigen" wurde damals belohnt und warf sich Bush nicht nur militärisch, sondern auch wirtschaftlich mit einem neoliberalen, Bush-Amerika-freundlichen Kurs an den Hals.
    Das stimmt so nicht. Berlusconi zum Beispiel hat sich zwar außenpolitisch bei Bush eingeschleimt, aber die Wirtschaftsstukturen in Italien blieben mafiös-protektionistisch, der Marktzugang für internationale Unternehmen ist meist nur auf dem Papier möglich (z. B. findet man in ital. Städten bis heute kaum die weltweit bekannten Kaufhaus- und Restaurantketten) und Berlusconi hat sich nie getraut, z. B. die Rente anzutasten. Im übrigen gehen die Exporte Südeuropas ja hauptsächlich nach Nordeuropa und nicht in die USA. Ich denke, der Bush-Administration war bei Irak-Krieg ziemlich egal, wie ihre "Willigen" innerhalb der EU ihre Wirtschaftspolitik handhabten.

    Doch unterm Strich sind wir so wettbewerbsfähiger geworden und sind nur deshalb heute überhaupt in der Lage anderen Staaten zu helfen. (...) Aber sollen wir deshalb anderen Staaten mit diesen schmerzhaften Einschnitten ihren eigenen Reformstau sponsern?
    Mit dem "wir" ist es immer so eine Sache, eine Frage des Blickwinkels. Ich sehe es so:

    1. Wir, die große Mehrheit der Lohnanhängigen in Deutschland haben uns ohne sachliche Not, nur einer Zeitgeistwelle folgend, von der deutschen Wirtschaftslobby einen Teil der Renten- und Arbeitslosenversicherungsansprüche widerstandslos wegnehmen lassen und uns niedrigere Löhne und prekäre Beschäftigungsverhältnisse als was ganz modernes und hippes aufschwatzen lassen.

    2. Durch diese Kombination von traditionell hohem Ausbildungsstand und neuer Bescheidenheit und Demut der Arbeitnehmer wurden die deutschen Firmen in die Lage versetzt, in Europa alles in Grund und Boden zu konkurrieren, und der deutsche Staat in die Lage, anschließend als der (neben Frankreich) einzige finanziell potente Staat der EU den Pleitestaaten an der Peripherie neoliberale Reformen zu verordnen.

    3. Und jetzt stellen wir, die Lohnabhängigen in Deutschland, verduzt fest, dass die Lohnabhänigen in Griechenland und auch in Spanien gegen die neoliberalen Reformen einfach auf die Straße gehen, streiken oder vorm Parlament rumrandalieren. Das hätten wir uns nicht erlaubt! Diese Südeuropäer sollten sich an unserem Duckmäusertum doch mal ein Beispiel nehmen! *g*

  11. #60
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    Zitat Zitat von Die Luftgitarre Beitrag anzeigen
    Bei dem Argument mit dem demographischen Wandel wird immer ausgeblendet, dass auch die Produktivität pro Einwohner heute eine viel höhere ist als vor ein paar Jahrzehnten (Automatisierung, Computer und so). Das Problem ist halt nur, dass diese Wohlstandszuwächse durch Technologie weder zu entsprechenden Gehaltserhöhungen geführt haben, noch angemessen besteuert wurden, und daher nicht unmittelbar zur Finanzierung der Rente zur Verfügung stehen.
    Nö nicht immer, dieses Problem habe ich hier in unserem Politikforum () ja auch schon öfters thematisiert Da sind wir also völlig einer Meinung. Sowohl Kapitalerträge, als auch Wertschöpfung aus Maschinen dürfen nicht so viel attraktiver sein als Menschen Arbeit und Gelegenheit zur Wertschöpfung zu geben - jedenfalls nicht in einer Gesellschaft die auf Erwerbseinkommen aufgebaut ist.

    Das ist auch ein Problem. Es muss durch Steuern gelöst werden, nicht dadurch sich selbst und anderen versäumte Modernisierungen zu subventionieren (Frankreich hat da in den frühen 1990ern schmerzhafte Erfahrungen mit gemacht). Produktivitätssteigerungen und Modernisierung sind nicht schlecht. Mit weniger Maschinen und mehr Muskelkraft kämen wir heute in der Massenproduktion erst Recht nicht mehr gegen chinesische Mega-Fabriken an und unsere Arbeitsbedingungen wären längst nicht so gut und gesund.

    Griechenland jedenfalls zeigt, dass die Alternative auf besonders billige Arbeitskräfte zu setzen um wettbewerbsfähig zu sein keine ist. Im Gegensatz zum Stammtisch-Geblubber über ein Land aus Feta und Oliven, nimmt die Industrie in Griechenland ja durchaus eine wichtige Position ein. Rund 50% der griechischen Einnahmen stammen aus industrieller Produktion. Nur reicht das zusammen mit dem großen Tourismus-Sektor nicht um den Staat zu finanzieren und die Schulden zu bedienen. Bitter ist, dass die Griechen dadurch sowieso schon sehr niedrige Durchschnittseinkommen hatten. Aber was sollen wir anderen Europäer denn jetzt machen, ausser Griechenland das Sparen aufzutragen und sie zu einer klügeren Wirtschaftspolitik zu bewegen? Es ist doch nunmal nicht zu ändern, dass man nicht mehr ausgeben kann als man hat. Und selbst wir Deutschen tun uns - wie ganz Europa - sehr schwer nach dem Ende der Nachkriegsboom-Zeiten und des unaufhaltbaren Aufstiegs Asiens an dieses Ziel zu gelangen. Durch die Finanzkrisen der letzten Jahre ist es noch schwerer geworden endlich einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen. Wir können es uns schlicht nicht leisten andere Länder dauerhaft an unseren Tropf zu legen. Das ist ein Faß ohne Boden.

    Ich denke, der Bush-Administration war bei Irak-Krieg ziemlich egal, wie ihre "Willigen" innerhalb der EU ihre Wirtschaftspolitik handhabten.
    .... was europäische Staatschefs aber eben noch nie davon abgehalten hat zum eigenen oder europäischen Nachteil auf einer Schleimspur nach Washington zu kriechen und Dinge zu tun, die die Amerikaner noch nichtmal verlangt haben. Ziel: Ein noch besserer Freund der Amerikaner zu werden, als die anderen Europäer. Durch solchen unverlangten Übereifer ist ja auch Deutschland in den Afghanistan-Krieg geschlittert. Aznar, Blair und Kaczynski haben das dann in G.W. Bush's kriegstreiberischer Amtszeit auf die Spitze getrieben. Natürlich dürfen wir Deutschen uns nicht zu viel drauf einbilden da nicht mitgemacht zu haben, war Schröders spätere Verweigerungshaltung gegenüber Bush doch nur reine Wahlkampftaktik und innenpolitisches Kalkül. Nichts anderes macht nun David Cameron, nur dauerhaft wahrscheinlich eher nur zum Nachteil seines Landes.

    3. Und jetzt stellen wir, die Lohnabhängigen in Deutschland, verduzt fest, dass die Lohnabhänigen in Griechenland und auch in Spanien gegen die neoliberalen Reformen einfach auf die Straße gehen, streiken oder vorm Parlament rumrandalieren. Das hätten wir uns nicht erlaubt! Diese Südeuropäer sollten sich an unserem Duckmäusertum doch mal ein Beispiel nehmen! *g*
    Ich glaube nicht, dass irgendein deutscher Durchschnittsverdiener mit einem Durchschnittsgriechen vor der Finanzkrise das Einkommen hätte tauschen wollen. Deswegen kann man das m. E. auch überhaupt nicht vergleichen. Das BIP in Griechenland lag pro Kopf nur 1/4 niedriger als in Deutschland. Die Gehälter von durchaus qualifizierten Ingenieuren, Programmierern usw. lagen aber 2/3 niedriger als in Deutschland. Da ist was schief gelaufen. Wenn wir hier jammern, dass der Aufschwung mal nicht bei allen Menschen ankam, kam bei den Griechen in Sachen Teilhabe schon lange gar nichts an. So einen funktionierenden Staat zu erhalten, geht eigentlich nur in einer Militär-Diktatur und die hat Griechenland ja glücklicherweise überwunden. Wenn dieses Gehaltsniveau nun nach der Staatspleite noch weiter gedrückt wird, obwohl das Leben in der EU nunmal teuer ist, kann ich Proteste verstehen. Die Misere ist aber nicht unsere Schuld und es wird nicht besser, wenn man sich diejenigen die das angerichtet haben wieder zur Regierung wählen will und die Deutschen als Nazis beschimpft. Menschlich verstehen kann ich ja vieles was passiert. Aber deswegen ist es ja noch nicht richtig und gut. Ich unterstelle aber, griechischer Regierung und griechischer Opposition kommt es sehr gelegen, dass sich viel Hass und Wut auf Deutschland entlädt und nicht auf sie. Das ist unanständig für vereinigte Europäer.

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