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Quo Vadis, Deutschland?

Erstellt von bubu, 22.12.2004, 18:20 Uhr · 293 Antworten · 19.131 Aufrufe

  1. #161
    Benutzerbild von PostMortem

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    Zitat Zitat von Tim45 Beitrag anzeigen
    Du versuchst mir Ausländerfeindlichkeit, wenn nicht gar Rassismus unterschieben, und das ist eine persönliche Beleidigung.
    Ich nehme mal an, Du beziehst Dich auf diese Konversation hier:

    Zitat von Tim45
    Weil dann überhaupt etwas reformiert wird. Es wird nur auf Katastrophen, die nur einen Ausweg übriglassen, reagiert. Probleme werden nicht gelöst, sondern vertagt. Sobald Kommunen glauben etwas Geld übrig zu haben, wird ein Hallenbad oder ein Kongresszentrum gebaut ...
    Jaja und Ausländer leben alle vom Kindergeld. Selten auf so wenig Zeilen komprimiert soviel von Klischees befeuerten Populismus gelesen Und was die tollen Alternativen denn nun sein sollen, wurde natürlich auch wieder aussen vor gelassen. .... obwohl Du eigentlich nichts anderes als die Abschaffung unseres demokratischen Staatssystems forderst?! Wer solls richten? Einen Kaiser? Eine Diktatur? Einen Deutschland AG CEO? Einen Zentralstaat? Anarchie? Was hättens denn gern, wie soll das laufen und warum ist es besser?

    PM
    Das Du gewisse Ansichten niveauvoller auszudrücken vermagst als der typische Stammtischredenschwinger, bedeutet für mich nicht, dass ich nicht gewisse Deiner Ansichten populistisch finden darf.

    Ein an Stammtischen gepflegtes Vorurteil ist, dass in Deutschland jede Menge Ausländer ja nur vom Kindergeld leben. Die Akzeptanz und der unterstellte Populismus dieses Vorurteils ist bei mir ungefähr gleich hoch, wie der von stets hirnlos prassenen Städten vor denen wir nur durch endgültige Pleite gerettet werden könnten . Mehr habe ich damit gar nicht ausgedrückt bzw. nicht ausdrücken wollen.

    Da es aber nunmal vorkommen kann, dass man Dinge anders versteht als der Schreiber sich das gedacht hat und ich auch nicht für mich in Anspruch nehmen kann im Eifer des "Gefechts" niemals missverständliche Formulierungen zu wählen, bitte ich um Verzeihung, wenn meine Formulierung den Eindruck erweckt haben sollte, ich würde Dich als Rassisten oder Ausländerfeind darstellen wollen. Das war weder meine Absicht, noch entspricht das meiner Meinung.

    Beispiel Erfurt: Der Bahnhofsvorplatz wird erneut renoviert, der noch gute Asphalt abgetragen und durch Pflaster ersetzt, sieht zwar schön aus, aber man hört angesichts der Baustelle häufig Stimmen, die Gelder doch lieber für notwendige Sanierungen von Schulen oder Kindergärten zu verwenden. Erfurts Straßenbahn ist flächendeckend mit elektronischen Hinweistafeln ausgestattet, die die Zeit bis zum Eintreffen der Linien melden. Ein Papierfahrplan tut's genauso und sit mitsamt dem Streckenplan ohnehin vorhanden; Verspätungen werden ohnehin über Lautsprecher durchgesagt. Durch derartige Luxusausstattungen (z.B. auch Leuchten in den Bordsteinen) werden m.E.n nicht mehr Fahrgäste angelockt, der ÖPV arbeitet dadurch nicht effizienter oder wirtschaftlicher.
    In etwa die gleichen Argumente führen Transrapid-Gegner ins Feld, da so ziemlich keine innerdeutsche Strecke angesichts der Weiterentwicklungen die die klassische Schiene parallel zur Entwicklung der Magnetschwebebahn hinter sich gebracht hat, Vorteile erfahren würde, die die Mehrkosten rechtfertigen würden.

    Wie schon vor ein paar Postings geäußert: Die Ausgaben von Städten für Investitionen können mich nicht so sehr stören wie die Erhöhung von Ausgaben für die Beschäftigung der Politik mit sich selbst. Wenn Leipzig am Bahnhof baut, dann verdient auch jemand, dann zahlt jemand Steuern und nicht zuletzt erhöht ein top saniertes und hochwertiges Bahnhofsumfeld die Hemmschwelle für Vandalismus und die Ansammlung dunkler Gestalten. Das ist wenigstens sinniger, als die Kohle z. B. dauernd in die Polizei zu stecken, um ein graues Bahnhofs-Problemviertel aufwändig zu bewachen. Und was technische Finessen angeht, ist das eben auch das sonst ins Feld geführte Allheilmittel gegen die Billigkonkurrenz. So eine elektronische Hinweistafel ist im Vergleich zum Papierplan eben Innovation und ein hochwertigeres Produkt für hochwertige Arbeitsplätze. Wir tun also gut daran, moderne Technologie auch einzusetzen und nicht am falschen Ende (dem eigenen Ast) zu sparen. Oder nicht? Es reicht doch schon, wenn die Parteien ihre Wahlplakate an Billiglohnstandorten drucken lassen um Geld zu sparen....

    Es geht nicht um Neufünfland, sondern um strukturschwache Gebiete in Zeiten des Bevölkerungsrückgangs und der Mobilität der Arbeitssuchenden.
    Ich hatte das halt anders verstanden:

    Zitat von Tim45
    Was spricht dagegen, wenn sich die Industriejobs im Westen ballen und der Osten weitgehend auf Landwirtschaft umsteigt?


    PM

  2.  
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  3. #162
    Benutzerbild von Tim45

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    Zitat Zitat von PostMortem Beitrag anzeigen
    Die Ausgaben von Städten für Investitionen können mich nicht so sehr stören wie die Erhöhung von Ausgaben für die Beschäftigung der Politik mit sich selbst. Wenn Leipzig am Bahnhof baut, dann verdient auch jemand, dann zahlt jemand Steuern und nicht zuletzt erhöht ein top saniertes und hochwertiges Bahnhofsumfeld die Hemmschwelle für Vandalismus und die Ansammlung dunkler Gestalten. (...)
    So eine elektronische Hinweistafel ist im Vergleich zum Papierplan eben Innovation und ein hochwertigeres Produkt für hochwertige Arbeitsplätze. Wir tun also gut daran, moderne Technologie auch einzusetzen und nicht am falschen Ende (dem eigenen Ast) zu sparen.
    Der Bahnhofsvorplatz war noch gut. Die Bahnhofsunterführung hingegen sieht verfallen aus, aber vieleicht wird's später noch gemacht. Wenn man aber gerne Tiefbaufirmen beschäftigt, wäre es sinnvoller, die bei Nässe extrem rutschigen kopfsteingepflasterte Durchgangsstraßen mit griffigem Asphalt auszustatten. Statt nur punktuell einige Vorzeigeplätze herauszuputzen, wäre es sinnvoller, die Stadt insgesamt auf einem guten Niveau zu halten.
    Kompliziertere Technologie allein ist nicht unbedingt besser, sondern nur sinnvoll eingesetzte. Elektronische Anzeigetafeln sind sinnvoll auf häufig von unterschiedlichen Linien frequentierten Haltestellen, z.B. in der Berliner U-Bahn, wo sich ein Fahrplan in dem Sinne ohnehin nicht realisieren lässt: Für den Kunden fährt die Linie XY eben alle 7 Minuten, dazwischen kommen 2-3 andere Linien durch. Hingegen halte ich moderne Niederflurtrams oder die neuen Kasseler Regiotrams für sinnvolle Investitionen.

  4. #163
    Benutzerbild von DeeTee

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    Idee 8% Unterschicht in Deutschland

    Der Focus berichtet vorab:
    Nach einer Studie im Auftrag der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung gehören dieser neuen gesellschaftlichen Unterschicht acht Prozent der Bevölkerung an. (...) Zur neuen Unterschicht zählen demnach 20 Prozent der Ostdeutschen und 4 Prozent der Westdeutschen. Die Wissenschaftler sprechen in der Studie „Gesellschaft im Reformprozess“ vom „abgehängten Prekariat“.

    Wie das Blatt weiter berichtet, bewertet die SPD-Spitze die Ergebnisse als „handfesten gesellschaftlichen Skandal“. Die Studie fließe jetzt in die Debatte über das neue SPD-Grundsatzprogramm ein. Parteichef Beck wolle einen „Bildungsaufbruch“ mit beitragsfreien Kindergärten und einem Ausbau von Ganztagsschulen organisieren, um Kindern der Unterschicht den Aufstieg zu ermöglichen.
    (...)
    Laut Studie empfinden viele der Betroffenen ihr Leben als „gesellschaftlichen Abstieg“. Ihr Bildungsgrad sei überwiegend einfach, berufliche Mobilität und Aufstiegswillen seien nur gering ausgeprägt. Zwei Drittel der „neuen Unterschicht“ hätten ihren Job bereits verloren, die anderen empfänden den Arbeitsplatz „häufig als nicht sicher“. Die Betroffenen litten unter „größter finanzieller Unsicherheit: sehr niedriges monatliches Haushaltseinkommen, kaum Wohneigentum oder finanzielle Rücklagen, Schulden, wenig familiärer Rückhalt“. Vom Staat fühlen sie sich allein gelassen, so die Studie. Viele glaubten, „Abschottung gegenüber Ausländern“ löse die Probleme.
    Hervorhebung von mir. Sobald die Studie von der FES ins Internet gestellt wurde, verlinke ich sie hier.

    DeeTee

  5. #164
    Benutzerbild von ihkawimsns

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    Zitat Zitat von Tim45 Beitrag anzeigen
    Sinnvoller wären m.E. an Wochenenden oder bei Veranstaltungen wirklich späte Nachtlinien, um Trunkenheitsfahrten derjenigen, die das Taxigeld sparen wollen, überflüssig zu machen.
    Nun ja, auf vier von sechs Linien werden auch 2/3 Uhr noch Fahrten angeboten. Damit wird fast die gesamte Stadt abgedeckt.

  6. #165
    Benutzerbild von PostMortem

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    Nach einer Studie im Auftrag der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung gehören dieser neuen gesellschaftlichen Unterschicht acht Prozent der Bevölkerung an. (...) Zur neuen Unterschicht zählen demnach 20 Prozent der Ostdeutschen und 4 Prozent der Westdeutschen. Die Wissenschaftler sprechen in der Studie „Gesellschaft im Reformprozess“ vom „abgehängten Prekariat“.

    Wie das Blatt weiter berichtet, bewertet die SPD-Spitze die Ergebnisse als „handfesten gesellschaftlichen Skandal“. Die Studie fließe jetzt in die Debatte über das neue SPD-Grundsatzprogramm ein. Parteichef Beck wolle einen „Bildungsaufbruch“ mit beitragsfreien Kindergärten und einem Ausbau von Ganztagsschulen organisieren, um Kindern der Unterschicht den Aufstieg zu ermöglichen.
    Oh man... da haben wir es ja wieder: Das Allheilmittel Bildung! Aber selten war es in einer Reaktion eher Fehl am Platz als hier?! Ist Herrn Beck etwa der von den Wissenschaftlern eingebrachte Begriff des "abgehängten Prekariats" nicht geläufig? Er gab und gibt doch seit Jahren zunehmend gerade jener Schicht einen Namen, die nicht ohne Bildungs- und Ausbildungsabschluss abrutscht oder aus schlechten sozialen Verhältnissen stammend nie eine Chance bekam.

    Er bezeichnet eine neue Art von Unterschicht, die in der "Generation Praktikum" festhängt oder durch sinkende Zumutbarkeitsgrenzen von der Arbeitsagentur in den sozialen Abstieg vermittelt oder nach dreissig Beitragsjahren in der Arbeitslosenversicherung innerhalb von 12 Monaten in die HartzIV-Falle geschickt wird.

    Das sind Leute die mit Mitte 40 in ihrem Job keine Beschäftigung mehr finden, da es genügend junge ungebundene Leute gibt, die sie ausfüllen, wenns sein muss überall, rund um die Uhr und ohne Murren Sonn- und Feiertags - auch das gehört zum sog. "Prekariat", das letztlich nur eine zunehmend prekärere Arbeitswelt beschreibt. Und so gehören beide dazu: Der 25jährige Frischling, der von allen hört, dass er froh sein soll das er Arbeit hat und das dann auch ist und jede unbezahlte Überstunde bei einem ängstlich weit unter Marktwert verhandelten Gehalt aufsaugt (da wundert man sich, warum er keine Zeit, kein Geld und evtl. keine Frau zum Kinder kriegen hat) und der 45jährige "Oldie" leider 27 Jahre vor seinem Renteneintrittsalter bereits zum alten Eisen gehörende Ex-Berufskollege in HartzIV.

    Ich glaube kaum, dass diese Leute regen Gebrauch von Ganztagsschulen oder kostenlosen Kindergartenplätzen machen werden. Ich glaube auch nicht, dass man diesen Leuten und einer Lösung für dieses ernste und immer ernster werdende Problem gerecht wird, wenn man bei jedem von Sachverständigen gesetzten noch dramatischeren Warnpunkt anfängt, die seit x Jahren einstudierten Floskeln von immer mehr Bildung und Hochqualifizierung runterzubeten.

    Klar, macht Bildung! Her mit den Elite-Unis, her mit der Ganztagsschule, her mit vernünftigen Lehrmitteln für jeden Schüler in jedem Bundesland, her mit mehr Lehrkräften für Gruppenarbeit in Schulen und vernünftige Nachhilfe/Förderung, weg mit dem Sitzen bleiben usw. usf. - wie es beliebt und was der Haushalt her gibt!

    Aber letztendlich ist es für eben dieses "abgehängte Prekariat" nur ein Schlag ins Gesichts, wenn über die Betroffenen geredet wird, als wären sie für ihren verlorenen Wohlstand zu dumm oder zu asozial und man könnte es nur an ihren Kindern besser machen. Diese Leute stammen mitten aus der Gesellschaft, waren geachtete Ingenieure die freigesetzt wurden, weil ihr Management versagt oder ein "Investor" den Laden ausgepresst hat oder es sind frisch ausgebildete Ingenieure die Mangels Berufserfahrung leider niemand gebrauchen kann, es sind auch ausgebildete Kaufleute oder Handwerker die aus einem befristeten Arbeitsverhältnis heraus der Bund zog und die danach mit ihrem halben Jahr Berufserfahrung auf der Straße landeten, es sind Mütter die wieder in den Beruf einsteigen wollen und nicht können, weil sie angeblich "raus" sind oder ihrem Wunsch nach Teilzeitarbeit nicht entsprochen werden kann........ usw. usf.

    Diesen Leuten ist nur mit Wachstum, sinkenden Lohnnebenkosten und einer insgesamt vernünftigen Reform unserer Sozialsysteme geholfen. Doch die kommt nicht. Weil Bayern und seine CSU Bundespolitik machen will, weil die große Koalition mehr Partei- als Bundespolitik betreibt usw. usf. Davon, von diesem Kindergarten sollte Beck sprechen und sich am Riemen reissen, dann wäre den Leuten geholfen, die mit dieser Studie gemeint sind.

    PM

  7. #166
    Benutzerbild von DeeTee

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    Idee Ein guter und schlechter Kommentar aus der SZ

    Zitat Zitat von SZ
    Die neue alte soziale Frage

    Arm, bettelarm, bildungsarm: Die neue Unterschicht wächst. Notwendig ist eine konzertierte Aktion von Bildungs- und Sozialpolitik. Kindergarten und Schulen müssen Schicksalskorrektoren für alle Kinder werden, die bei der Lotterie der Chancen im reichen Deutschland die Nieten gezogen haben. (...)

    In einem der reichsten Länder der Welt wächst die Diskrepanz zwischen Arm und Reich; der vormalige Generalbundesanwalt Kay Nehm hat kurz vor Ende seiner Amtszeit vor dem "Auseinanderdriften der Gesellschaft" gewarnt, das den inneren Frieden gefährden könne.
    So ist es: Es gibt eine Rutsche in die Armut, genannt Hartz IV, und es gibt es eine gewaltige Angst davor, dass man sich auf einmal selbst darauf befinden könnte. Es gibt, auch in der Mittelschicht, eine Anhäufung von Unzufriedenheit, durchwirkt von Existenzangst. Die innere Gewissheit, dass es in einer Leistungsgesellschaft jeder nach oben schaffen und sich dann auch oben halten kann, wenn er nur begabt und fleißig ist, ist dahin - auch in einem Teil des Mittelstandes. Man frage die Handy-Ingenieure von BenQ und ihre Familien.
    Die neue Unterschicht wächst: Die Bildungsoffensive der siebziger Jahre, als die Kinder kleiner Leute zu Hunderttausenden auf der Strickleiter, die ihnen das Bafög knüpfte, nach oben kletterte, ist Vergangenheit; die Strickleiter ist eingezogen, das Projekt sozialer Aufstieg zu Ende, die deutsche Gesellschaft verändert sich wieder hin zur Klassengesellschaft. Das System ist semipermeabel geworden, durchlässig nur noch in eine Richtung - nach unten.(...)
    SZ vom 16.10.2006

    Ein guter und schlechter Kommentar zugleich - und dazu noch eben sehr typisch für die Wahrnehmung des Problems. Mir gefällt insbesondere der letzte hier zitierte Absatz. Die Analyse ist zutreffend. Ich selbst gehöre zu den sogenannten Bildungsaufsteigern (Abitur, Studium, demnächst Promotion) und meine Eltern sind einfache Arbeiter. Und ich habe meine Zweifel, ob ich das gleiche heute nochmals schaffen würde - allein schon wegen der viel höheren Kosten (kein kostenloser Kindergarten. keine Lehrmittelfreiheit, keine kostenlose Fahrt zur Schule, Studiengebühren, viel weniger Studentenjobs usw.). Unsere Gesellschaft baut zweifelslos die Chancen in Richtung soziale Gleichwertigkeit ab.

    Und genau an dieser Stelle setzt meine Kritik an Herrn Prantls Kommentar an. Er spricht von einer "Lotterie der Chancen" - das ist ein Euphemismus und sachlich falsch. Bei einer Lotterie hat jedes Los dieselbe Chance auf einen Gewinn. Und genau das ist in Deutschland nicht der Fall, denn die neuren Studien belegen einen starken Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg/Wirtschaftserfolg. Und in mir verstärkt sich die Ansicht, dass diese Entwicklung politisch gewollt, mindestens aber billigend in Kauf genommen ist. Sie entspricht genau dem, was man hinter vorgehaltener Hand bei Veranstaltungen von Bertelsmann oder der INSM zu hören bekommt. Ich denke, hier paaren sich Anteile von Ahnungslosigkeit und Unfähigkeit auf politischer Seite mit kapitalistischem Egoismus und massivem Lobbyismus auf wirtschaftlicher Seite. Das Bett, nämlich der soziale und demokratischer Bundesstaat Deutschland, quietscht bereits vernehmlich. Vielleicht ist obige Erkenntnis auch schon das erste Ultraschallbild von dem Bastard, der da auf uns zukommt. Er wird wohl niemandem gefallen.

    DeeTee

  8. #167
    Benutzerbild von MaxiMan

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    Zum Aspekt "Unterschichtenstudie"

    Leider liegen die Inhalte noch nicht im Wortlaut vor und mir fehlt auch der Zugriff auf die Ursprungsveröffentlichung in der „BamS“. Ich kann also nicht klären, ob die bei vielen Zeitungen vorgefundene Passage, wonach die als „abgehängtes Prekariat“ Titulierten nicht nur über geringe finanzielle Mittel, sondern auch über einen überwiegend einfachen Bildungsgrad verfügen, sich tatsächlich so in der Studie wiederfindet. Sollte dem so sein, melde ich leise Zweifel an.

    Dass 20 % der Ostdeutschen als bildungsfern (darauf liegt die Betonung) und finanziell schlecht ausgestattet gelten, würde bedeuten, dass die Mehrheit dieser Menschen die DDR-Schule nicht oder nicht bis zum Ende absolviert hat. Dies kann aber verneint werden, da es im Osten durchaus nicht üblich war, Kinder aus „Arbeiter-und-Bauern-Familien“ in Sachen Bildung außen vor zu lassen. Man kann persönlich die zentralistische Form der Schulbildung verurteilen, aber schon aus Prestigegründen wurde nahezu jeder mitgeschleppt (und irgendwie zwangsgebildet).

    Leider wird in den meisten Stellungnahmen der heutigen Presse kaum auf die eigentliche Bedeutung des Prekariats eingegangen. Lesen kann man etwas von Bildungsinitiativen und fast noch häufiger von der fehlenden Bereitschaft sich zu bilden und mobil zu sein. Ich vermute, dass gerade der letzte Aspekt sehr schnell die Schlagzeilen bestimmen wird. Es passt ins gewohnte Bild, dass der A-Typ (Arbeitslos / Arm / Ausländer) an seinem Schicksal selbst Schuld ist – er hat halt die A-Karte gezogen. Worum es eigentlich geht, wird man eventuell in diversen Foren und Zirkeln diskutieren und rasch zum Alltag zurückkehren.

    Persönlich glaube ich nicht daran, dass sich die politisch und wirtschaftlich Verantwortlichen dieses Landes ernsthaft um eine Veränderung der Ursachen (nicht der Symptome) bemühen werden. Und damit wird die Quote derjenigen im Osten, die an die Demokratie als Staatsform glauben, weiter sinken. Die Tendenz, sich aus politischen und gesellschaftlichen Aktivitäten zurückzuziehen, wird weiter zunehmen. Es gibt schon jetzt Gemeinden, die Probleme haben, Mitglieder für die Freiwillige Feuerwehr, Trainer für den Sportverein etc. zu finden. Tatsächlich reagieren wohl Ostdeutsche auf die soziale Ausgrenzung anders als ihre Leidensgenossen im Westen und ziehen sich lieber ganz zurück, als sich an anderer Stelle einzubringen bzw. auffangen zu lassen.

    Das große Glück der bundesdeutschen Politik ist m.E. auch, dass Radikalisierung und Extremismus noch kein wirkliches Sprachrohr gefunden haben. Das rechte Spektrum ist, sobald es zur politischen Weihe durch ein Landtagsmandat kommt, an Dummheit in Sachen Selbstzerstörung kaum zu übertreffen, die Linken streiten ohnehin am liebsten mit sich selbst oder bieten lediglich völlig verkopfte Lösungen an. (Insgeheim würde ich mir wünschen, dass einer der beiden Ränder erstarken würde und die „demokratische Mitte“ gezwungen wird, aufzuwachen und wirklich Neues zu wagen.)

  9. #168
    Benutzerbild von DeeTee

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    Pfeil

    @Maximan: d'accord!

    Zitat Zitat von Maximan
    Dass 20 % der Ostdeutschen als bildungsfern (darauf liegt die Betonung) und finanziell schlecht ausgestattet gelten, würde bedeuten, dass die Mehrheit dieser Menschen die DDR-Schule nicht oder nicht bis zum Ende absolviert hat.
    Ich habe die genannte Studie auch noch nicht vorliegen, aber vermute folgendes: Diese 20% setzen sich hauptsächlich aus einem Anteil Jugendlicher/junger Erwachsener unter 25 Jahren zusammen und einem Anteil älterer Menschen jenseits von ca. 55 Jahren.
    Die ersteren haben in der DDR bestenfalls noch die Grundschule besucht, ansonsten das aufgepfropfte West-Schulsystem. Sie sind in weiten Phasen von der Wiedervereinigung folgender Verunsicherung geprägt worden. Die letzteren haben in der DDR eine Ausbildung erhalten, zumeist eher praktischer Art, die heute nicht mehr aktuell ist. Das Weiterqualifizierungsangebot in der DDR war ziemlich mau und außerdem die Teilnahme "gesinnungsabhängig". Für diese Menschen gibt es häufig keine Arbeit - weder im Westen noch im Osten.

    Mobilität hilft wahrscheinlich nur einem kleinen Teil dieser Gruppe, löst sie aber dafür vollständig aus ihrem Sozialkontext heraus. Ob das sinnvoll ist...?

    Grüße!
    DeeTee

  10. #169
    Benutzerbild von ihkawimsns

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    Zitat Zitat von MaxiMan Beitrag anzeigen
    (Insgeheim würde ich mir wünschen, dass einer der beiden Ränder erstarken würde und die „demokratische Mitte“ gezwungen wird, aufzuwachen und wirklich Neues zu wagen.)
    Mittelfristig wird ersteres wohl eintreffen. Aber ob die "demokratische Mitte" rechtzeitig reagiert? Man weiß es nicht...

  11. #170
    Benutzerbild von PostMortem

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    Zitat Zitat von DeeTee Beitrag anzeigen
    vermute folgendes: Diese 20% setzen sich hauptsächlich aus einem Anteil Jugendlicher/junger Erwachsener unter 25 Jahren zusammen und einem Anteil älterer Menschen jenseits von ca. 55 Jahren.
    Die ersteren haben in der DDR bestenfalls noch die Grundschule besucht, ansonsten das aufgepfropfte West-Schulsystem. Sie sind in weiten Phasen von der Wiedervereinigung folgender Verunsicherung geprägt worden. Die letzteren haben in der DDR eine Ausbildung erhalten, zumeist eher praktischer Art, die heute nicht mehr aktuell ist.
    Ist das nicht das alte Denkmuster, bei dem das Problem angeblich nur ungebildete und in schlechte soziale Verhältnisse Geborene betrifft? Was wäre an dieser Unterschicht dann neu? Nein, nein, diese neue Qualität eines Unterschichtenproblems betrifft zunehmend eine Schicht, die sich bisher mit Hinweis auf die von Dir genannten Gruppen schlichtweg von sozialen Abstieg und Existenzangst nicht betroffen fühlte.

    Was glauben denn alle, wo der Anteil der Mittelschicht hin verschwindet, wenn dieser zwischen Arm und Reich immer weiter schrumpft?

    Die Diskussionen darüber, ob es gerecht ist wenn ein gutsituierter Wirtschafts- oder Maschinenbauingenieur, der 20 Jahre lang horrende Arbeitslosenversicherungsbeiträge gezahlt hat, mit Mitte 40 nach 12 Monaten Arbeitslosengeld in die HartzIV-Schiene gepresst wird, ist ja auch nicht nur theoretischer Natur. Genauso wenig, wie die Generation Praktikum, die trotz frischem "Dipl-Ing." mit Hinweis auf mangelnde Berufserfahrung logischerweise auch kaum das Geld zum Leben verdient.

    Bin ich denn (außer MaxiMan anscheinend) der Einzige, der entsprechende Artikel über die neue Armut gut gebildeter Menschen und Beobachtungen im Bekanntenkreis nicht als bedauernswerte Einzelschicksale abtut und diese Schicht nicht mit Kindergärten und Ganztagsschulen genesen sieht?

    Und wenns schon um Bildung geht, dann sollte man auch hier einmal aus den ausgetretenen Pfaden heraustreten und nicht immer nur Ver(schlimm)besserungen des althergebrachten Schulsystems wälzen. Was hat es denn heutzutage noch für einen Sinn, praktisch für ein ganzes Leben auf einen zwischen 15 und 20 einmal abgelegten Schulabschluss festgelegt zu sein? Die Politik predigt gern das "lebenslange Lernen", doch die Realität sieht diesbezüglich doch sehr mager aus. Die Erwachsenenbildung ist absolut unterentwickelt, wird mit Volkshochschule und Töpferkursen in Verbindung gebracht oder von relativ teuren Privatanbietern zum reinen Privatvergnügen übernommen. Wer es nicht ohnehin bereits zu einem ansehnlichen Gehalt gebracht hat, kann sich diesen sog. "zweiten Bildungsweg" oft nicht leisten oder der Abschluss ist das Papier nicht wert auf dem er steht. Ausserdem ist das Image des zweiten Bildungswegs mies. Ich erinnere mich stellvertretend dafür lebhaft an eine Szene aus einer ZDF-Wahlkampf-Talkshow, in der eine selbsternannte Angehörige der Bildungselite, dem damaligen Kanzler Schröder erst noch ein paar abfällige Takte zu seinem Abschluss auf dem zweiten Bildungsweg ins Mikro flötete, bevor sie ihre eigentliche Frage stellte.

    Da könnte der Wille und der Mut zum Handeln mal bewiesen werden und da müsste man dann auch in Sachen Bildung nicht Millionen Potenziale abschreiben. Ich denke wir brauchen jeden schlauen Kopf? Und was wenn der schlaue Kopf mit 30 bei Lidl an der Kasse sitzt, weil man mit 16 mal nicht aufgepasst hat und Mutter von Zwillingen geworden ist? Ist es ok, dass der Zug dann für die 37 Berufsjahre bis zur Rente einfach abgefahren sein soll? Und was wenn da im jugendlichen Leichtsinn die Schule eben mal einfach nicht so wichtig war und der schlaue Kopf sich erst Jahre später wieder durchsetzte, wo nach den üblichen Maßstäben alles zu spät war? Was wenn der schlaue Kopf super gut situierte, aber leider prügelnde Eltern hatte, denen er mit 18 nach dem Motto "einfach nur Weg" in ein selbstständig finanziertes Leben als Hilfsarbeiter entfliehen wollte? Diese Leute stecken jetzt bei hohen Arbeitszeiten in schlecht bezahlten Jobs, obwohl sie zu mehr fähig wären. Und wenn sie arbeitslos werden, dann werden sie auch nicht ihrem Potenzial entsprechend gebildet, sondern in unnützen Umschulungsmaßnahmen versenkt, die allein der Statistikschönung dienen. Wir gehen mies um mit Köpfen die an sich zu bilden wären und drücken ihnen ein Leben lang einen Stempel auf, den sie vielleicht gar nicht verdienen. Es wäre alles kein Problem, wenn das Bildungssystem nicht nur auf die Jugend fixiert und insgesamt etwas durchlässiger wäre.

    Einige Bundesländer wollen hier ja neue Wege gehen. Aber der Föderalismus im Bildungssystem bremst diese Bemühungen ja konsequent aus. In manchen Bundesländern können Berufstätige nach längerer Praxis und entsprechendem Nachweis (u. U. Hochschulzugangsprüfung) studieren, in anderen nicht. In einigen Bundesländern können Pflegekräfte nach entsprechender praktischer Erfahrung und Qualifikation auch Medizin studieren - auch ohne Abitur. Manche Bundesländer wollen das mit aller Macht verhindern und zeichnen düstere Szenarios vom Untergang des Abendlandes, wenn auch nur eine verdiente und erfahrene Intensivkrankenschwester jemals einen Fuß in einen Lehrsaal setzen sollte, die kein Abitur hat. So gehts eben nicht, wenn man vom lebenslangen Lernen nicht nur reden, sondern es auch umsetzen will. Vor allem fehlt in Deutschland eine entsprechende Kultur, die solche auf dem "zweiten Bildungsweg" erworbenen Abschlüsse nicht als Bildungsweg zweiter Klasse abwertet, die die Zeit, die Förderung und den Raum dafür schafft und die überhaupt erstmal Transparenz darüber herstellt, welche echten Bildungsmöglichkeiten zur Erreichung qualifizierter Abschlüsse einem Erwachsenen in seinem Bundesland überhaupt offen stehen. In vielen Köpfen herrscht eben einfach kein Bild vom lebenslangen Lernen vor, sondern die Schablone: Abi => Studium => Job und dementsprechend wissen viele heute noch nichtmal, dass sie nicht erst noch ihr Abitur nachholen bräuchten und auch gar nicht aus dem Job raus müssen, um z. B. mit Mitte 30 noch Diplom-Betriebswirt zu werden. Doch auch wenn sie es wüssten, die Förderungsmöglichkeiten sind so gut wie nicht vorhanden und beschränken sich zumeist auf günstig vermittelte Kredite der Bildungsanbieter (AKAD etc.). Hier könnte und sollte sicherlich mehr getan werden, wenn man es mit dem lebenslangen Lernen Ernst meint.

    Doch etwas anderes als der seit Jahrzehnten bekannte Bildungsweg, der eben nicht vom lebenslangen Lernen geprägt ist, kommt in vielen Köpfen nicht vor und genau so handelt auch die Politik und lebt es vor. Leider!

    PM

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