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Quo Vadis, Deutschland?

Erstellt von bubu, 22.12.2004, 18:20 Uhr · 293 Antworten · 19.164 Aufrufe

  1. #171
    Benutzerbild von DeeTee

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    Hmmm, was soll die Tirade?

    Falls Du Dich unmittelbar auf die von mir zuletzt geposteten Beiträge beziehst, dann reden wir aneinander vorbei oder Du hast meine Beiträge missverstanden.
    Ich versuche 'mal ein bisschen was zu korrigieren, werde aber nicht Deinen ganzen Beitrag abarbeiten.

    Zitat Zitat von PM
    Ist das nicht das alte Denkmuster, bei dem das Problem angeblich nur ungebildete und in schlechte soziale Verhältnisse Geborene betrifft? Was wäre an dieser Unterschicht dann neu? Nein, nein, diese neue Qualität eines Unterschichtenproblems betrifft zunehmend eine Schicht, die sich bisher mit Hinweis auf die von Dir genannten Gruppen schlichtweg von sozialen Abstieg und Existenzangst nicht betroffen fühlte.
    Ich schrieb ausdrücklich "Diese 20% setzen sich hauptsächlich aus einem Anteil Jugendlicher/junger Erwachsener unter 25 Jahren zusammen und einem Anteil älterer Menschen jenseits von ca. 55 Jahren." Das kann man etwa so bemessen: 7-8% junge Menschen bis 25 Jahre, 8-10% ältere Menschen ab ca. 55 Jahre und 3-5% 25-55jährige.
    Die Zahl bezieht sich ausdrücklich auf die neuen Bundesländer und sieht im Westen, z. B. im Ruhrgebiet oder Hamburg etwas anders aus. Ich habe die Quelle jetzt nicht greifbar, wahrscheinlich "Globus" oder eine andere Fachzeitschrift. Diese Zahlen gehen einher mit der Bevölkerungsstruktur in den neuen Bundesländern, die Du gerne bei Destatis selbst überprüfen kannst.

    Zitat Zitat von PM
    Was glauben denn alle, wo der Anteil der Mittelschicht hin verschwindet, wenn dieser zwischen Arm und Reich immer weiter schrumpft? (...)
    Bin ich denn (außer MaxiMan anscheinend) der Einzige, der entsprechende Artikel über die neue Armut gut gebildeter Menschen und Beobachtungen im Bekanntenkreis nicht als bedauernswerte Einzelschicksale abtut und diese Schicht nicht mit Kindergärten und Ganztagsschulen genesen sieht?
    Die Mittelschicht sackt im Durchschnitt nach unten ab. Aber man muss genauer hinschauen. Als Grundthese sei folgendes formuliert: Je jünger jemand bei dieser Schichtzugehörigkeit ist und je relativ ärmer seine Herkunft ist, desto größer ist sein Risiko, aus der Mittelschicht abzustürzen. Der Faktor "Bildung" ist dabei nicht (!) erstrangig. An erster Stelle steht hier der Faktor "Vermögen", d. h. das Vermögen der Eltern/ggf. der Großeltern. Sie unterstützen idR den Lebensunterhalt der jungen Mittelschichtangehörigen (20-35 Jährige).
    Und Du bist nicht der einzige, der diese Veränderungen und ihre Gründe wahrnimmt. Ich habe ja berufsbedingt viel mit dieser "sozialen Schicht" zu tun. Aus meinem Bekannten- und Nachbarschaftskreis ein paar Beispiele:
    1. M., mittlerweile 38 Jahre, seit vier Jahren promovierter Historiker, ausgezeichneter Dozent, zwei Kinder (4 und 7 Jahre), schlägt sich mit befristeten und Honorarverträgen durch. Die Familie kommt nur über die Runden, weil die Frau als Krankenschwester Vollzeit arbeitet. Seine Mutter ist Lehrerin (GHS, Vater kurz nach der Geburt verstorben), ihre Mutter Hebamme (Ruhestand), ihr Vater Angestellter (ÖD BAT 5, ). Diese Eltern haben Ihre Kinder großgekriegt und ihnen gut brauchbare Startchancen gegeben, so dass sie ihre Ausbildung und er sein Studium erfolgreich absolvieren konnten. Trotzdem sind die Beiden mit ihren zwei Kindern relativ arm. Sie sind diejenigen, die sich gerade am unteren Rand der Mittelschicht bewegen.
    2. D. 36 Jahre alt, Gymnasiallehrerin (verbeamtet A13), ledig, keine Kinder. Mutter Hausfrau, ehemals Betriebsbuchhalterin (ev. Nebenerwerb), Vater Unternehmer (Ingenieur mit eigenem Betrieb, ca. 25 Mitarbeiter, mittlerweile im Ruhestand). Sie hat von ihrem Vater zum Studium eine Eigentumswohnung am Studienort geschenkt bekommen (gehört ihr immernoch, ist jetzt vermietet), alle drei Jahre ein neues Auto (zum guten Studienabschluss einen BMW 3er). Alle größeren Anschaffungen werden von den Eltern finanziell unterstützt. Sie gehört der klassischen Mittelschicht an und wird dort niemals herausfallen. Im Falle des Todes ihrer Eltern wird sie größenordnungsmäßig ca. 1,5 Millionen Euro erben (incl. Grundbesitz).
    3. T. 30 Jahre alt. Ledig. Ausbildung E-Technik. Danach Arbeit bei einem DAX30-Unternehmen in der Produktion. Durch Schichtarbeit gutes Einkommen. Vater Ingenieur bei dem gleichen Unternehmen, Mutter jetzt selbstständige Kauffrau. Hat von seinen Eltern ein Haus gebaut bekommen. Bezahlt nur anteiligen Abtrag. Das Geld musste "aus Steuergründen" weg. Selbst im Falle der Arbeitslosigkeit, dürfte T. nicht weit absteigen, da seine Eltern ihn immer finanziell auffangen können.
    Aber wo wäre T. ohne die Unterstützung durch die Eltern???

    Fall 1 gehört Bildungsmäßig klar zur Mittelschicht (oder drüber), einkommensmäßig aber nicht (mit schlechter Perspektive).
    Fall 2 ist die klassische Mittelschichtszugehörigkeit, die vererbt wurde.
    Fall 3 ist finanziell in der Mittelschicht, gehört ihr aber bildungsmäßig eher nicht an und wird durch die Eltern quasi geschützt.

    Und jetzt kommen die vielen Fälle, die ich nicht einzeln aufzähle, wo die Mittelschichtseltern es gerade schaffen, für ihren Sohn/ihre Tochter das Studium zu bezahlen (mit anteiliger Eigenleistung). Und je nachdem, wie erfolgreich das Studium absolviert wurde und wie angemessen die nachfolgende berufliche Tätigkeit ist, heißt es dann Verbleib in der Mittelschicht oder Abstieg ins akademische Proletariat. Nur wenige steigen wirklich über die Mittelschicht hinauf.
    (Genaugenommen kenne ich nur einen konkreten Fall: R., heute 39 Jahre, Vater Ingenieur, Mutter Hausfrau. Gymnasium abgebrochen. Bankausbildung. Abi in der Abendschule. Studium BWL (von den Eltern bezahlt). Ledig. Heute Consultant bei der Unternehmensberatung Kienbaum. Jahreseinkommen incl. Spekulationsgewinne ca. 400.000-500.000 Euro.).

    Was hat es denn heutzutage noch für einen Sinn, praktisch für ein ganzes Leben auf einen zwischen 15 und 20 einmal abgelegten Schulabschluss festgelegt zu sein?
    Das hat sich aber inzwischen rumgesprochen und ist als Erkenntnis eher banal.

    Zitat Zitat von PM
    Die Erwachsenenbildung ist absolut unterentwickelt, ...
    Ja, das ist richtig. Außerdem ist sie unbezahlbar geworden und wendet sich praktisch nur an Diejenigen, die die entsprechende Qualifizierung durch den Arbeitgeber bezahlt bekommen. Oder sie ist in vielen Fällen minderwertig (und für das, was geboten wird, immer noch viel zu teuer).

    Es wäre alles kein Problem, wenn das Bildungssystem nicht nur auf die Jugend fixiert und insgesamt etwas durchlässiger wäre.
    Zumindestens wäre eine größere Durchlässigkeit wünschenswert.

    Grüße!
    DeeTee

  2.  
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  3. #172
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    Zitat Zitat von DeeTee Beitrag anzeigen
    @P.M.:
    Hmmm, was soll die Tirade?
    Tirade? Meinungsäußerung!

    Falls Du Dich unmittelbar auf die von mir zuletzt geposteten Beiträge beziehst, dann reden wir aneinander vorbei oder Du hast meine Beiträge missverstanden.
    Ich versuche 'mal ein bisschen was zu korrigieren, werde aber nicht Deinen ganzen Beitrag abarbeiten.
    Abgesehen vom Aufhänger aus dem Deinem Posting entspringenden "Quote", enthält mein Beitrag ja durchaus Bezüge zur Allgemeinheit, zur Politik usw. Also reden wir nicht aneinander vorbei. Wenn Dir das ganze Posting allein gegolten hätte, hätte ich ja mailen können

    Die Mittelschicht sackt im Durchschnitt nach unten ab. Aber man muss genauer hinschauen. Als Grundthese sei folgendes formuliert: Je jünger jemand bei dieser Schichtzugehörigkeit ist und je relativ ärmer seine Herkunft ist, desto größer ist sein Risiko, aus der Mittelschicht abzustürzen. Der Faktor "Bildung" ist dabei nicht (!) erstrangig. An erster Stelle steht hier der Faktor "Vermögen", d. h. das Vermögen der Eltern/ggf. der Großeltern.
    Da hast Du ja recht! Letztendlich weiss man das ja auch alles und es ist ja nicht so, dass keiner je ein warnendes Wort darüber verloren hätte. Es wird nur jedes Jahr auf höherem Niveau erklärt und das seit langem. Die von Dir gebrachten Beispiele kenne ich auch in etwa so. Am schlimmsten ist wohl, dass sich tatsächlich noch so viele auf ihrem Speckgürtel bzw. dem vererbten Speckgürtel bequem machen können. Die kommen materiell wunderbar klar. Vermutlich ist es deshalb immer noch so ruhig in diesem Land.

    Das hat sich aber inzwischen rumgesprochen und ist als Erkenntnis eher banal.
    Eben! Warum müssen wir also überhaupt noch drüber diskutieren? Warum werden die entsprechenden Weichen nicht gestellt? Unfähigkeit oder Methode? Oder ist der Sieg des Kapitalismus über den Kommunismus am Ende noch sein eigener Untergang?

    Die Frage ist am Ende doch viel größer, aber viel simpler, als die Frage ob Erna Sack für einen Job von Hoyerswerda nach Heilbronn umzieht oder ob Mehmet Erdowan nun Abi statt Hauptschule braucht. Wird Deutschland in ein paar Jahren von den multinationalen Konzernen noch als Absatzmarkt gebraucht oder spielt die Musik dann sowieso nur noch in den USA und Asien? Das Argument, dass ein großer Absatzmarkt für Konsumgüter auch entsprechend verdienende Beschäftigte haben muss um zu funktionieren, zieht bei den entsprechenden Empfängern auffällig wenig. Wenn es also beschlossene Sache sein würde, dass wir als Nachfrager der billig zusammengeschusterten Ware nicht mehr interessant sind, dann nutzt die ganze Diskutiererei sowieso nichts mehr, auch nicht in Berlin.

    Dieser Zug fährt seit rund 30 Jahren. Und jedes Jahr wird erklärt warum er noch etwas schneller fährt als letztes Jahr. Aber keiner tut wirklich etwas um ihn anzuhalten. Vier Kanzler und zig Wirtschafts-, Finanz- und Bildungsminister waren seither am Ruder. Jede Legislaturperiode wird am Ende nur zur Gesamtheit der Jahre versäumter Änderungen aufsummiert. 1998 waren es 16 Jahre Kohl, heute sind es 7 Jahre Schröder (was die 16 Jahre Kohl eigentlich stillschweigend beinhalten muss, wohl aber zu weh tut), die an all den Entwicklungen dieser Abwärtspirale Schuld sind.

    Wie lange geht dieses Spielchen noch so, dass Ex-Politiker und Ex-Regierungsberater erst die Wahrheiten ansprechen bzw. immer wieder zu bejammern haben, dass sowohl die aktuelle als auch die frühere Regierung völlig ignoriert haben, was sie ihnen ins Pflichtenheft diktiert haben?

    Siehe auch http://www.spiegel.de/politik/deutsc...442844,00.html

    von Dohnanyi: Nein. Auf gar keinen Fall. Aber man muss seine Politik überdenken. Wir müssen zum Beispiel Wachstumskerne stärken und nicht mehr mit der Gießkanne in der Fläche vorgehen. Wir haben 2004 als Arbeitsgruppe Ost diesen Kurswechsel vorgeschlagen. Darauf ist damals leider die rot-grüne Koalition nicht eingegangen. Auch die Große Koalition tut mir zu wenig.

    die aktuell handelnden tun währenddessen das was sie immer machen, die Dinge schönreden oder wegwischen:

    http://www.spiegel.de/politik/deutsc...442875,00.html

    Das Wort ist Sozialdemokraten unangenehm. "Unterschicht", das sei eine Formulierung "lebensfremder Soziologen", sagte Vizekanzler Franz Müntefering heute. "Es gibt keine Schichten." So einfach ist das!

    Wer bringt das in Ordnung? Muss ich das auch noch selber machen?

    PM

  4. #173
    Benutzerbild von DeeTee

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    Einigen wir uns mal auf "sehr schwungvolle Meinungsäußerung"

    Zitat Zitat von PM
    Letztendlich weiss man das ja auch alles und es ist ja nicht so, dass keiner je ein warnendes Wort darüber verloren hätte.
    Naja, auch ich, der ich in größerem Umfang die Fachpresse zur Verfügung habe, finde nur mal ganz verschämt Hinweise auf die Generationsproblematik, was das zur Verfügung stehende Kapital angeht.
    Hast Du viele Bekannte, die wohlhabend bis reich sind und unter 45 Jahre alt? Eher sind sie über 55 Jahre oder aber (Früh-)Pensionäre. Auch wenn's natürlich vorurteilsbeladen ist: Man setze sich 'mal an eine Bundesstraße und schaue am Sonntag (!), wer in welchem Auto sitzt. Beobachtungsobjekte sind alle Porsche, Mercedes E- und M-Klasse, BMW X5, Audi Q7 und neue TT, VW Touareg. Fast nur Männer ab 50, z. T. deutlich älter. Und das sind nicht nur Dienstwagen.

    Leider kenne ich keine zuverlässige Darstellung, die das Verhältnis von Alter und Vermögensumfang widerspiegelt. Gibt's wahrscheinlich auch nicht.

    Derzeit leben imho viele sehr wohlhabende Jungpensionäre/Ruheständler auf Kosten der jungen Generation.

    Zitat Zitat von PM
    Wird Deutschland in ein paar Jahren von den multinationalen Konzernen noch als Absatzmarkt gebraucht oder spielt die Musik dann sowieso nur noch in den USA und Asien?
    Asien sicherlich, aber USA??? Also wenn ich die Wirtschaftsdaten der USA betrachte, würde ich da keine inlandsfundierten Anlagen tätigen. Auch wenn rund 300 Mio. Menschen ein gigantischer Markt sind, müssen die auch Kaufkraft haben. Und genau diese sinkt in den USA seit Jahren - und zwar schneller als in Europa. Ich wage die These, dass sich die EU zu einem attraktiveren Absatzmarkt wird entwickeln können als die USA. Das bedeutet wahrscheinlich eine Fortführung der Anpassung der Lebensverhältnisse innerhalb der EU auf niedrigerem Niveau - zumindestens für die Mehrheit der Menschen. Als Absatzmarkt bleibt Deutschland stark, vor allem wegen seiner Exportwirtschaft.

    Zitat Zitat von PM
    Wer bringt das in Ordnung? Muss ich das auch noch selber machen?
    Ja bitte! Hilf mit! Ich tue schon mein bestes als "Multiplikator".

    Grüße!
    DeeTee

  5. #174
    Benutzerbild von Tim45

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    Zitat Zitat von PostMortem Beitrag anzeigen
    Oh man... da haben wir es ja wieder: Das Allheilmittel Bildung! Aber selten war es in einer Reaktion eher Fehl am Platz als hier?! Ist Herrn Beck etwa der von den Wissenschaftlern eingebrachte Begriff des "abgehängten Prekariats" nicht geläufig? Er gab und gibt doch seit Jahren zunehmend gerade jener Schicht einen Namen, die nicht ohne Bildungs- und Ausbildungsabschluss abrutscht oder aus schlechten sozialen Verhältnissen stammend nie eine Chance bekam.
    Vieleicht sollte man erstmal "Unterschicht" definieren? Ich denke, es besteht ein großer Unterschied zwischen denjenigen, die eine mittlere bis hohe (formale) Ausbildung haben, aber als "Generation Praktikum" im Wartestand verharren, und denjenigen, die ebenfalls keinen Beruf bekommen, sich aber anscheinend nur für Alkohol und Krawall-Fernsehen interessieren, und Bildung oder Kultur anscheinend verabscheuen.
    Bildung ist nicht nur Ausbildung für einen Beruf, sondern auch Persönlichkeitsbildung, Entwicklung von Interessen, usw. Bildung im Sinne einer umfassenden Förderung der Persönlichkeit führt zu Toleranz gegenüber Minderheiten, der Fähigkeit, Argumenten sachlich zu begegnen und der Einsicht, daß der eigene Standpunkt vieleicht doch falsch sein könnte, und der Fähigkeit, sich in andere Personen mit anderem Hintergrund hineinzuversetzen - m.M.n. die Voraussetzung für eine freiheitlich-demokratische Gesellschaft und das Zurückdrängen radikaler Strömungen.

    Meiner Einschätzung nach bietet Deutschland selbst für Sozialhilfeempfänger noch vielfältige Möglichkeiten, an Ausbildung, Kultur und "humanistischer" Bildung teilzuhaben - vielfältig wie vieleicht noch nie zuvor in der Geschichte.
    Ich musste zum Glück nie von Sozialhilfe leben, deshalb möge man mich korrigieren, aber ich vermute, man kann auch als Sozialhilfeemfpänger in einer zwar bescheidenen, aber doch im Winter warmen Wohnung leben und man muß keinen Hunger leiden.
    Es gibt Stadtbibliotheken, wo man sich für bescheidene Jahresbeiträge von vieleicht 20 Euro soviele Bücher ausleihen kann wie man will.
    Meines Wissens sind selbst viele Universitätsbibliotheken für Nicht-Universitätsangehörige zugänglich, sodaß man hier kostenlos oder für geringe Jahresbeiträge Zugriff auf wissenschaftliche Literatur, z.B. auch einführende Werke hätte.
    Es gibt Volkshochschulen, wo man für bescheidene Beiträge Sprachkurse, Musikkurse, "creative writing", etc. besuchen kann.
    Sozialhilfeempfänger sind von der GEZ befreit, d.h. sie können soviel Arte oder 3Sat oder sonstige "Kulturprogramme" (Deutschlandfunk, etc.) schauen oder hören wie sie wollen.
    Musikinstrumente wie z.B. Gitarren sind heutzutage in wirklich guter Qualität für nicht zu viel Geld zu bekommen. (Klaviere freilich nicht.)
    In vielen Städten gibt es Vereine (Chöre oder Musikvereine, Theatergruppen, Sportvereine), in denen man für wenig Geld am kulturellen oder gesellschaftlichen Leben teilhaben kann.
    Ich glaube deshalb nach wie vor, daß Deutschland ein Land ist, das selbst Sozialhilfeempfängern noch viele Möglichkeiten bietet, Interessen herauszubilden und sich persönlich weiterzubilden. Da ich selbst nie von Sozialhilfe gelebt habe, möge man mich hier korrigieren, wenn ich falsch liege.

    [Über die aktuellen Bafögsätze kenne ich mich überhaupt nicht aus, deshalb weiß ich nicht, inwieweit man sich damit (und mit den üblichen studentischen Jobs) ein Studium finanzieren kann.]

    Mir geht es ausdrücklich nicht darum, die Lage von Sozialhilfeempfängern schönzureden. Aber ich glaube, es ist ein deutlicher Unterschied, ob man sich einfach fallen oder gehen lässt, oder ob man seine Interessen verfolgt und neue herausbildet. Und ich vermute, es ist in Deutschland auch für Sozialhilfeempfänger noch möglich, das zu tun. (Ich beziehe mich hier zunächst auf kinderlose Singles. Ich habe keine Ahnung, wie es ist, als Sozialhilfeempfänger auch noch Kinder zu versorgen.) Ich möchte betonen, daß ich es für sehr wichtig erachte, daß dies für alle Einkommensschchten möglich sein soll.
    Und damit kommen wir zurück zu dem Stern-Artikel, der auch schon in diesem Thread erwähnt wurde.

  6. #175
    Benutzerbild von Tim45

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    Zitat Zitat von DeeTee Beitrag anzeigen
    Als Grundthese sei folgendes formuliert: Je jünger jemand bei dieser Schichtzugehörigkeit ist und je relativ ärmer seine Herkunft ist, desto größer ist sein Risiko, aus der Mittelschicht abzustürzen. Der Faktor "Bildung" ist dabei nicht (!) erstrangig.
    (...)
    1. M., mittlerweile 38 Jahre, seit vier Jahren promovierter Historiker, ausgezeichneter Dozent, zwei Kinder (4 und 7 Jahre), schlägt sich mit befristeten und Honorarverträgen durch. Die Familie kommt nur über die Runden, weil die Frau als Krankenschwester Vollzeit arbeitet. Seine Mutter ist Lehrerin (GHS, Vater kurz nach der Geburt verstorben), ihre Mutter Hebamme (Ruhestand), ihr Vater Angestellter (ÖD BAT 5, ). Diese Eltern haben Ihre Kinder großgekriegt und ihnen gut brauchbare Startchancen gegeben, so dass sie ihre Ausbildung und er sein Studium erfolgreich absolvieren konnten. Trotzdem sind die Beiden mit ihren zwei Kindern relativ arm. Sie sind diejenigen, die sich gerade am unteren Rand der Mittelschicht bewegen.
    2. D. 36 Jahre alt, Gymnasiallehrerin (verbeamtet A13), ledig, keine Kinder. Mutter Hausfrau, ehemals Betriebsbuchhalterin (ev. Nebenerwerb), Vater Unternehmer (Ingenieur mit eigenem Betrieb, ca. 25 Mitarbeiter, mittlerweile im Ruhestand). Sie hat von ihrem Vater zum Studium eine Eigentumswohnung am Studienort geschenkt bekommen (gehört ihr immernoch, ist jetzt vermietet), alle drei Jahre ein neues Auto (zum guten Studienabschluss einen BMW 3er). Alle größeren Anschaffungen werden von den Eltern finanziell unterstützt. Sie gehört der klassischen Mittelschicht an und wird dort niemals herausfallen. Im Falle des Todes ihrer Eltern wird sie größenordnungsmäßig ca. 1,5 Millionen Euro erben (incl. Grundbesitz).
    3. T. 30 Jahre alt. Ledig. Ausbildung E-Technik. Danach Arbeit bei einem DAX30-Unternehmen in der Produktion. Durch Schichtarbeit gutes Einkommen. Vater Ingenieur bei dem gleichen Unternehmen, Mutter jetzt selbstständige Kauffrau. Hat von seinen Eltern ein Haus gebaut bekommen. Bezahlt nur anteiligen Abtrag. Das Geld musste "aus Steuergründen" weg. Selbst im Falle der Arbeitslosigkeit, dürfte T. nicht weit absteigen, da seine Eltern ihn immer finanziell auffangen können.
    Aber wo wäre T. ohne die Unterstützung durch die Eltern???

    Fall 1 gehört Bildungsmäßig klar zur Mittelschicht (oder drüber), einkommensmäßig aber nicht (mit schlechter Perspektive).
    Fall 2 ist die klassische Mittelschichtszugehörigkeit, die vererbt wurde.
    Fall 3 ist finanziell in der Mittelschicht, gehört ihr aber bildungsmäßig eher nicht an und wird durch die Eltern quasi geschützt.
    Fragen: Inwieweit sind die Beispiele repräsentativ?
    Woran liegt es Deiner Ansicht nach, daß aus der Unter/Mittelschicht stammende Kinder mit hohem oder höchstem Bildungsabschluß (Abitur + "höhere" Ausbildung oder Studium) es nicht in die einkommensmäßige Mittel- oder Oberschicht schaffen?
    Allgemeiner gefragt, woran liegt es Deiner Erfahrung nach, daß Bildung anscheinend kein Ausweg aus der Unterschicht ist?

  7. #176
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    Zitat Zitat von Tim45 Beitrag anzeigen
    Vieleicht sollte man erstmal "Unterschicht" definieren? Ich denke, es besteht ein großer Unterschied zwischen denjenigen, die eine mittlere bis hohe (formale) Ausbildung haben, aber als "Generation Praktikum" im Wartestand verharren, und denjenigen, die ebenfalls keinen Beruf bekommen, sich aber anscheinend nur für Alkohol und Krawall-Fernsehen interessieren, und Bildung oder Kultur anscheinend verabscheuen.
    Natürlich besteht da ein Unterschied. Doch wenn man den Begriff "Unterschicht" denn überhaupt akzeptiert, so bezieht er sich in meinen Augen auf den Wohlstand und damit nicht (mehr) automatisch auf die Bildung. "Die Unterschicht" ist also keine homogene Masse, sondern ihre Angehörigen teilen lediglich den Umstand nicht mehr am Wohlstand unseres an sich wohlhabenden Landes teilzuhaben. Umso höher der Anteil der gar nicht so bildungsfernen in dieser Schicht wird, desto lauter müssten die Alarmglocken eigentlich schrillen.

    Doch meistens gehts in der Diskussion allein um die bildungsferne Schicht. Dabei ist für sie die Patentlösung ja schon ausgemachte Sache: Mehr Bildung rein, fertig. Deshalb sollte es zur Abswechslung auch einmal um jene gehen, die objektiv eigentlich alles richtig gemacht haben und sog. Bildungsgewinner waren.

    Vielleicht hält man sich von den gebildeteren Unterschichtlern in der Diskussion fern, weil man ihren sozialen Abstieg nicht so einfach mit ihrer eigenen Schuld erklären kann? Ist auch die "Generation Praktikum" selbst Schuld an ihrer Misere? Ist der 43jährige diplomierte Entwickler selbst Schuld, wenn er nach seiner "Freisetzung" bei der Jobsuche immer wieder erfährt, dass er schon zum alten Eisen gehört, wäre er auch noch so mobil?

    Wo hört da die persönliche Schuld auf, vielleicht zwei Semester mehr gebummelt zu haben, als für den Lebenslauf noch gut gewesen wäre und wo fängt eine Gesamtverantwortung an, die junges ausgebildetes Potenzial nicht einfach so lange vergammeln lassen sollte, bis es wertlos geworden ist?

    Doch die Schuldfrage ist letztendlich nur deshalb von Interesse um bei der Ursache ansetzen zu können. Und da ist ganz klar: Am bundesweiten und schichtenübergreifenden Abwärtstrend kann nicht jeder allein für sich Schuld sein.

    Es gab noch nie so viel Angst in diesem Land davor auch abzurutschen. Jobängste gab es in Deutschland immer. Doch es gab auch weite Schichten, die sich immer fest im Sattel wähnten. Und genau dort ist die Sicherheit gewaltig ins Wanken geraten. Die Angst um den eigenen Wohlstand geht um und das nicht nur bei den kleinen "Naivlingen", die bis heute noch geglaubt haben sie hätten einen Job bis zur Rente, nur weil sie beim Siemens, Daimler oder VW untergekommen sind.

    Diese Zuspitzung unserer Arbeitswelt und unserer Gesellschat ins "prekäre" lähmt uns und hat furchtbare Kettenreaktionen zur Folge, da die Binnennachfrage von ihem miserablen Niveau aus weiter zugunsten des Angstsparens und aus purer Notwendigkeit heraus in sich zusammenfallen wird. Und das kostet leider meistens ausgerechnet ganz besonders die Jobs der kleinen Leute im Handel, in der Dienstleistung usw. Hilft es dann, ihnen wieder zu erklären, dass sie eben zu schlecht gebildet sind? Wenn Ali F. unseren Müll mit dem orangen LKW von der Stadt holt, dann sind wir froh, dass er ungebildet genug ist unseren Müll zu holen. Wenn Erna S. bei Friseur Hautkappe rausfliegt weil die Kunden ausbleiben, dann ist sie eben Bildungsverliererin. Und wenn die gleiche Erna S. aus ihrer Existenznot heraus (man lebe mal von jetzt auf gleich von 60% eines ohnehin mickrigen Friseurinnen-Gehalts) noch anfängt sich durch "Nachbarschaftshilfe" über Wasser zu halten, ist sie ja sowieso die letzte Sau und nicht nur Schuld an ihrer eigenen, sondern an unser aller Misere, die alte Schwarzarbeitersau... (sorry ).

    So könnte man jedenfalls meinen, wenn man einige Intressenvertreter im Fernsehen reden hört.

    Klar, jeder ist "seines Glückes Schmied" und für sich selbst verantwortlich. Und jeder Unternehmer muss sich um sein Unternehmen kümmern und wenn er dabei seine ganze deutsche Belegschaft auf die Straße setzt und den gleichen Leuten trotzdem noch was aus Polen heraus teuer mit höherem Gewinn verkaufen will.

    Ändert man diesen Lauf der Dinge mit härterer Drangsalation von Sozialhilfeempfängern oder liegt das Problem doch woanders? Verlagern die Unternehmen wegen zu wenig Bildung der deutschen Mitarbeiter oder hat es nicht doch andere Gründe? Was gewinnt derzeit, auch beim Konsumenten? BILdung oder BILlig?

    Ich musste zum Glück nie von Sozialhilfe leben, deshalb möge man mich korrigieren, aber ich vermute, man kann auch als Sozialhilfeemfpänger in einer zwar bescheidenen, aber doch im Winter warmen Wohnung leben und man muß keinen Hunger leiden.
    Nein und genau das haben wir ja auch in diesem Land immer so gewollt. War das ein Irrtum? Brauchen wir amerikanische Verhältnisse? Doch warum legen sich die Dänen nicht so häufig in die soziale Hängematte, obwohl ihre Arbeitslosenleistungen geradezu luxuriös sind und unsere bei weitem in den Schatten stellen?

    PM

  8. #177
    Mumie
    Benutzerbild von Mumie
    Klingt interressant:

    Dänemark
    Tariflöhne bzw. feste Gehaltsstrukturen gibt es in Dänemark nicht. Damit liegt es im Verhandlungsgeschick der Arbeitnehmer, wie hoch ihr Lohn ausfällt. In der Regel orientieren sich die Unternehmen am vorherigen Gehalt und stocken dies bei der Einstellung um 10-15 Prozent auf. Da sich das dänische Sozialsystem fast ausschließlich über Steuern finanziert, sind diese mit durchschnittlich 33 Prozent des Bruttogehalts relativ hoch. Die vergleichsweise niedrige Arbeitslosenquote von 4,9 %, die auch den Arbeitsmarktreformen in den 90er Jahren zu verdanken ist, stellt bislang sicher, dass die Steuereinnahmen des Staates konstant bleiben. Statt Barzahlungen erhalten Arbeitslose vor allem kostenlose öffentliche Dienstleistungen.
    Mit einer Mischung aus Zwang und Förderung hat Dänemark in der zweiten Hälfte der 90er Jahre eine offensive Arbeitsmarktpolitik entwickelt, die die Arbeitslosen in die Pflicht nimmt, ihnen aber auch Perspektiven für eine berufliche Weiterentwicklung eröffnet. Spätestens nach 12 Monaten werden die Bezieher von Arbeitslosengeld seitdem in Dänemark verpflich-tet eine Weiterbildungsmaßnahme bzw. eine gemeinnützige Tätigkeit aufzunehmen. Ein wesentlicher Aspekt ist hierbei die Einbindung der Städte und Gemeinden für die Organisation von gemeinnützigen Tätigkeiten, zu denen die Arbeitslosen herangezogen werden. Die zweite Säule des dänischen Konzepts besteht aus dem Ausbau der Qualifikationsstrukturen. Insbesondere die Aufwendungen für die Fachhochschulen sind hierbei erhöht worden. Daneben werden arbeitslosen Jugendlichen in staatlichen "Produktionsschulen” Qualifikationen vermittelt und die dort hergestellten Produkte verkauft, womit sich diese Einrichtungen z.T. refinanzieren. Die Mischung aus Ausbildung und Arbeit, die in der Regel für ein halbes Jahr vorgesehen ist, wird als beruflicher Abschluss anerkannt. Die meist schon nach kurzer Dauer der Arbeitslosigkeit einsetzenden Reaktivierungsprogramme erhalten die Beschäftigungs-fähigkeit der Erwerbspersonen. Die dänischen Strukturen der Arbeitsvermittlung sind im Gegensatz etwa zu Deutschland dezentral organisiert, auf regionaler und lokaler Ebene organisiert.
    Ab dem 67. Lebensjahr erhält jeder Däne unabhängig vom vorherigen Verdienst eine Volksrente. Im Gegensatz zu den anderen europäischen Ländern, die derzeit dazu neigen, das Renteneintrittsalter heraufzusetzen, wurde in Dänemark kürzlich das Anspruchsalter für die Rente auf 65 Jahre herabgesetzt. Ziel der dänischen Seniorenpolitik ist es, älteren Menschen den Verbleib in ihren eigenen Wohnungen bei kostenloser Betreuung durch einen Altenservice zu ermöglichen. Traditionelle Pflegeheime werden kaum noch gebaut.

  9. #178
    Benutzerbild von MaxiMan

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    Zum Aspekt "Kulturangebote für Sozialhilfeempfänger"

    @Tim45
    Natürlich hast Du aus rein theoretischer Betrachtung heraus recht, dass „Deutschland selbst für Sozialhilfeempfänger noch vielfältige Möglichkeiten, an Ausbildung, Kultur und "humanistischer" Bildung“ bereit hält bzw. die Teilhabe daran nicht ausschließt.

    Deine in den folgenden Absätzen enthaltenen Hinweise, dass diese Angebote häufig für „wenig Geld“ bereitstehen, sind aber auch schon Teil des praktischen Dilemmas. Die Grundsicherung von Hartz IV ist nicht darauf angelegt, sozio-kulturelle Bedürfnisse abzudecken. Wenn Dir die Maslowsche Bedürfnispyramide ein Begriff ist, geht es vielmehr darum, elementare Grundbedürfnisse wie Verpflegung und Wohnraum abzudecken. Die Befriedigung weiterer – höherer – Bedürfnisse ist nicht Anliegen von Hartz IV.

    Im ersten Schritt hat der Hartz-IV-Single (aber auch jeder andere Betroffene) abzuwägen, wofür er sein monatliches Geld ausgibt. Da mittlerweile auch die Kostenerstattung von Haushaltsgeräten und Bekleidung nahezu ganz gestrichen ist, wird er im Zweifel eher für diese Zwecke sparen. Insofern sind auch 20 EUR Jahresbeitrag durchaus eine ernstzunehmende Kostengröße.

    Im zweiten Schritt wird der kultur- und bildungsinteressierte Hartz-IV-Empfänger sehr wohl die ihm möglichen Angebote wahrnehmen wollen. Ich kenne genügend Leute, die (mit Mitte 40 / Anfang 50 am Ende einer mittleren Karriere stehend) sich den eigenen Bücherbestand vorgenommen haben und von der dort zu findenden Trivial- bis zur Fachliteratur alles gelesen haben. Mancher, der nicht so leseaffin ist, hat sich in gleicher Weise mit Phoenix, Arte, DLF etc. beschäftigt. Diejenigen, die das Glück haben, in größeren Städten zu wohnen, sind zu allen kostenlosen Kulturveranstaltungen gepilgert.

    Diese – durchaus positive Grundstimmung – hat bei den meisten Bekannten maximal ein halbes Jahr angehalten. Danach folgt eine schrittweise Frustration und Resignation, da sich der Gedanke festsetzt, auf absehbare Zeit keinen Job und damit keinen eigentlichen Daseinsinhalt mehr zu finden. Die Leute beginnen, sich zurückzuziehen. Mancher aus Scham, ein anderer aus Neid, der Dritte, weil er einfach keinen Bock hat, für andere dazusein, wenn keiner für ihn da ist. Es ist erschreckend, wie schnell sich langjährige Bekannte aufgrund dieser unterschiedlichen Lebenssituation entfremden können.

    Deine von Dir aufgeführten Beispiele erfordern immer eines: Der Mensch muss in seinem Inneren einen Glauben an sich und die Zukunft haben, dann – und nur dann – ist er Willens und fähig an Dingen gefallen zu finden, die ihm Genuss bringen (können).


    Einen sehr interessanten Beitrag (insbesondere, weil auch einmal Zahlen aufgeführt werden) fand ich bei der „Frankfurter Rundschau“.

    http://www.fr-aktuell.de/in_und_ausl...&em_cnt_page=1

    „Kernthesen sind:
    - Der Kostenanstieg bei Hartz IV ergibt sich aus der steigenden Anzahl der Bedarfsgemeinschaften aufgrund des Rückgangs des Dunkelziffereffektes
    - Die Einsparungen im Rechtskreis SGB III übertreffen den Kostenanstieg bei Hartz IV
    - Der Regelsatz sichert sozio-kulturelles Existenzminimum nicht
    - Hartz IV macht mehr Menschen arm
    - Arbeit lohnt sich trotz Hartz IV
    - Niedriglohn wird bereits jetzt subventioniert
    - Missbrauchs- und Mitnahmefälle sind statistisch betrachtet nicht relevant

    Fazit (Zitat)

    Der aktuelle Reformdiskurs, der sich - unter Ausblendung der massiven Reduzierung der für aktive Arbeitsmarktpolitik eingesetzten Mittel - ausschließlich an der konstruierten Notwendigkeit des Sparens orientiert, widerspricht der Absicht, Sozialpolitik zur Aktivierung von individuellen Handlungspotenzialen und als Investition in das Sozialkapital zu nutzen. Erreicht wird durch die aktuelle Politik der Daumenschrauben und des Spardiktats lediglich, dass - bei ausbleibender Arbeitsnachfrage - die Menge der zwangsläufig in Passivität verharrenden, stigmatisierten und unter Generalverdacht gestellten Personen wächst und Vertrauen und Zufriedenheit als Fundament eines demokratischen Sozialstaats schwinden.“

  10. #179
    Benutzerbild von PostMortem

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    Zitat Zitat von MaxiMan Beitrag anzeigen
    @Tim45
    Diese – durchaus positive Grundstimmung – hat bei den meisten Bekannten maximal ein halbes Jahr angehalten. Danach folgt eine schrittweise Frustration und Resignation, da sich der Gedanke festsetzt, auf absehbare Zeit keinen Job und damit keinen eigentlichen Daseinsinhalt mehr zu finden. Die Leute beginnen, sich zurückzuziehen. Mancher aus Scham, ein anderer aus Neid, der Dritte, weil er einfach keinen Bock hat, für andere dazusein, wenn keiner für ihn da ist. Es ist erschreckend, wie schnell sich langjährige Bekannte aufgrund dieser unterschiedlichen Lebenssituation entfremden können.

    Deine von Dir aufgeführten Beispiele erfordern immer eines: Der Mensch muss in seinem Inneren einen Glauben an sich und die Zukunft haben, dann – und nur dann – ist er Willens und fähig an Dingen gefallen zu finden, die ihm Genuss bringen (können).
    Womit sich für mich der Kreis zu Posting #27 schliesst: "Kann man ihnen überhaupt etwas in den Kopf zwingen, dem ihre Realität zu Hause und auf der Straße vollkommen widerspricht? Würde man nicht mehr Erfolg haben, die Leute freiwillig dazu zu bekommen Bildung nachzufragen und einzufordern? Geht das nicht eher über das Angebot einer Perspektive, über Jobaussichten für die meisten, über Erwerbseinkommen von dem man besser leben kann als von Hartz IV etc.?".

    Diese Perspektivlosigkeit wirkt natürlich nicht nur bei unterpriviligierten Schülern, sondern auch bei an sich mit einem anständigen Beruf ausgestatteten Arbeitssuchenden, denen ein anderes Makel anhaftet (zu alt, zu viele Kinder, zu alleinerziehend, zu lange raus, zu....). Klar, vielleicht haperts am englischen. Aber welcher Endvierziger glaubt, dass er mit Englischkenntnissen jünger wird, wenn ihm als Hauptproblem in diesem Land das vermittelt wird, was er nicht ändern kann: Sein Alter.

    Und ist es nicht letztendlich auch genau jener Leute Schicksal, das uns 38 Mio. Arbeitnehmer in die größte Jobangst seit Heinrich Brüning versetzt? So viel Agonie war selten unter deutschen Arbeitslosen (und Angesichts des jahrzehntelangen Abwärtstrends vor allem auch unter Arbeitnehmern!) und ich kann nur immer wieder die einfache Rechnung aufmachen: Bei maximal 500.000 in der Vermittlung befindlichen Stellen, haben mindestens 4 Mio. Arbeitslose auch allen Grund dazu, denn sie können sich zu Tode qualifizieren, ohne dafür am Ende auch nur einen Keks zu bekommen. Das motiviert eben nicht. Besonders nicht das, wie die meisten Tiere, von Grund auf faule Wesen Mensch. Ohne Leckerli am Ende gibts eben tausend Gründe einen Aufwand nicht zu betreiben. Der Mensch ist so, überall auf der Welt. Aber da gibts ja Lösungen für. Eigentlich zeichnet uns das ja auch aus, denn letztendlich ist unsere Faulheit immer die größte Triebfeder für Innovation und Rationalisierung gewesen.

    Es gibt viele Wege wie man wenigstens versuchen kann aktivierend zu wirken und die Leute nicht in ihrer eigenen Suppe kochen zu lassen. Da wird immer viel diskutiert, über Negativsteuern, Kombilöhne usw. Und in jeder Partei und auch parteiübergreifend weiss man irgendwann immer, warum man diese oder jene Maßnahme nicht ergreifen sollte. Als wäre Deutschland eine Insel, werden für alles die negativsten zu erwartenden Effekte an den Horizont gemalt (egal wie positiv die gleichen Methoden anderswo auf der Welt auch funktionieren) oder es wird einfach damit zerredet, dass der Staat es sich nicht leisten könne. Als ob es billiger und sinnvoller wäre in Arbeitslosigkeit zu finanzieren als in Arbeit!

    Aber eins ist auch klar: Dieses mittlerweile akzeptierte Szenario, dass die Wirtschaft sich zwar nach Belieben politisch einmischt, die Politik sich aber nicht in die Wirtschaft einzumischen hat, kann SO auch nicht bleiben. Es geht nicht darum die Wirtschaft zu gängeln oder zu belasten. Aber wenn der Staat jetzt große Anstrengungen unternehmen sollte, um der Wirtschaft optimalere Bedingungen zur Verfügung zu stellen, dann muss auch die Wirtschaft diesen Standort etwas besser pflegen und nicht im Zweifelsfall wegen auf 100 Jahre zu Millionen hochgerechneten Cent-Einsparungen den Standort Deutschland mit Füßen treten, nur weil ein angepisster Manager der ungeliebten Gewerkschaft eins reinwürgen oder sich für die letzte abgelehnte staatliche Subvention "bedanken" will. Viele haben das letztendlich schon bereut und die erwarteten Einsparungen sind nicht eingetreten. Doch zurückgekommen sind die Jobs dann natürlich oft auch nicht mehr.

    Kurz: Die Wirtschaft muss auch ihren Beitrag dazu leisten, damit die Menschen sich wieder einer sichereren Perspektive bewusst werden können. Das schafft neben Motivation auch eine gute Binnenkonjunktur.

    Mindestens 50% dieser ganzen Angststarre sind m. E. pure Psychologie. Würde sich die Stimmung grundlos verbessern und würden viele verschobene Privatinvestitionen vom an(gst)gesparten nachgeholt, würde es einen binnenmarktgetriebenen Aufschwung geben, den wir zuletzt im Wiedervereinigungsboom erlebt haben. Nur kommt der Impuls zum Platzen dieses Knotens eben nicht zu stande. Und lockert er sich aus unerklärlichen Gründen doch (nach dem Regierungswechsel gab es ja aus nicht nachvollziehbaren Gründen einen kurzen Hauch eines Zwischenhochs), bändigt man ihn schon mit Mehrwertsteuererhöhungen. Kein Wunder, dass viele Menschen nicht nur glauben, dass sie keine Perspektive haben, sondern auch daran glauben, dass dieser Wahnsinn Methode habe und alle "da oben" unter einer Decke stecken. Der Demokratie hilft das sicherlich zuletzt.

    PM

  11. #180
    Benutzerbild von DeeTee

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    Zitat Zitat von MaxiMan Beitrag anzeigen
    @Tim45
    Einen sehr interessanten Beitrag (insbesondere, weil auch einmal Zahlen aufgeführt werden) fand ich bei der „Frankfurter Rundschau“.

    http://www.fr-aktuell.de/in_und_ausl...&em_cnt_page=1

    „Kernthesen sind:
    - Der Kostenanstieg bei Hartz IV ergibt sich aus der steigenden Anzahl der Bedarfsgemeinschaften aufgrund des Rückgangs des Dunkelziffereffektes
    - Die Einsparungen im Rechtskreis SGB III übertreffen den Kostenanstieg bei Hartz IV
    - Der Regelsatz sichert sozio-kulturelles Existenzminimum nicht
    - Hartz IV macht mehr Menschen arm
    - Arbeit lohnt sich trotz Hartz IV
    - Niedriglohn wird bereits jetzt subventioniert
    - Missbrauchs- und Mitnahmefälle sind statistisch betrachtet nicht relevant

    Fazit (Zitat)

    Der aktuelle Reformdiskurs, der sich - unter Ausblendung der massiven Reduzierung der für aktive Arbeitsmarktpolitik eingesetzten Mittel - ausschließlich an der konstruierten Notwendigkeit des Sparens orientiert, widerspricht der Absicht, Sozialpolitik zur Aktivierung von individuellen Handlungspotenzialen und als Investition in das Sozialkapital zu nutzen. Erreicht wird durch die aktuelle Politik der Daumenschrauben und des Spardiktats lediglich, dass - bei ausbleibender Arbeitsnachfrage - die Menge der zwangsläufig in Passivität verharrenden, stigmatisierten und unter Generalverdacht gestellten Personen wächst und Vertrauen und Zufriedenheit als Fundament eines demokratischen Sozialstaats schwinden.“
    Dem ist doch nichts mehr hinzuzufügen!
    Die oben unterstrichene Absicht ist allzuhäufig nur ein Lippenbekenntnis der um ihre (Wieder-)Wahl fürchtenden Politiker. Jene um wirkliche Hilfen bemühten Mitarbeiter staatlicher oder gemeinnütziger Einrichtungen werden ausgebremst durch eine überbordende Bürokratie und gegenläufige politische Maßnahmen. Letztere sind zumeist von extern eingekauften "Beratern" zu verantworten, die zu großen Teilen aus der wirtschaftsliberalen Schule stammen und z. B. von Bertelsmann mitfinanziert werden.

    (Wer letzteres nicht glauben mag, dem sei das sehr aufschlussreiche Buch empfohlen: Speth, Rudolf (Hg.): Die stille Macht. Lobbyismus in Deutschland. Wiesbaden 2003.)

    DeeTee

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