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Quo Vadis, Deutschland?

Erstellt von bubu, 22.12.2004, 18:20 Uhr · 293 Antworten · 19.104 Aufrufe

  1. #11
    Benutzerbild von brandbrief

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    Ein Posting von PM ohne vertikalen Scrollbalken.
    Ich werd verrückt.

  2.  
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  3. #12
    Benutzerbild von Babooshka

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    Also DAS verdient einen Eintrag in Best of Forum Conversation... sowas gibt's ja eigentlich gar nicht

  4. #13
    Benutzerbild von PostMortem

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    Nun gut, bevor ihr wegen dieses Einzeilers ganz besoffen werdet, will ich meinem Ruf dann auch noch gerecht werden. Hier also mein Posting. In weniger Platz bringe ich meine vielen Gedanken zum Thema eben einfach nicht unter ;-)

    Der Stern-Artikel ist mir zu pauschalisierend. Er bezieht sich zu sehr auf Klischees und auch auf falsche Annahmen. Schon das gewählte plakative Beispiel finde ich dümmlich. Nirgendwo in West-Deutschland sollen die Menschen so arm sein wie im Ruhrgebiet. Das ist wohl eher eine Eigeninterpretation der Zahlen, die natürlich ausweisen, dass Ruhrgebietsstädte wie Gelsenkirchen die höchste westdeutsche Arbeitslosenquote haben und die auch ausweisen, dass nominell die meisten armen Leute pro Quadratmeter im Ruhrgebiet wohnen. Das gilt aber auch für Schalke-Fans oder fast jede beliebige andere positive wie negative Größe, denn auf so wenig Raum leben in kaum einer anderen Region Deutschlands so viele Menschen. Das Ruhrgebiet ist unterm Strich nicht arm und es ist auch nicht (mehr) schmutzig und verstaubt. Es ist Schade, dass sich solcher Klischees und vermeintlich plakativer Beispiele immer wieder bedient werden muss, um ein angeblich reales Fallbeispiel zu haben, an dem man alles aufhängen kann. Das Centro wurde in Oberhausen gebaut und nicht in Stuttgart oder Hamburg. Das liegt an der geballten versammelten Kaufkraft vor der Tür, nicht daran, dass die Leute generell die ärmsten Deutschlands sind. Wer im Ruhrgebiet Arbeit hat, der verdient auch gut. Schließlich kommen allein schon so viele Großkonzerne mit ihren Konzernzentralen und Werken aus der Region, wie es das so geballt sonst auch nirgendwo gibt.

    Deutlich wird die Einfältigkeit des Redakteurs auch an einer weiteren Fehlannahme, die nur aus Unkenntnis und oberflächlicher Betrachtung des Themas heraus entstanden sein kann und die miese Qualität dieser Zustandsbeschreibung offenbart: Es sind natürlich nicht die armen arbeitslosen Zollverein-Kumpel, die heute Katernberg bevölkern und runterziehen. Kumpel fielen auch 1986 nicht ins bergreife. Sie bekamen Ersatzarbeitsplätze auf anderen Zechen, wurden umgeschult und arbeiten heute am Uni-Klinikum, als Aldi-Marktleiter oder in einem mittelständischen Betrieb, gingen vergleichsweise gut versorgt in Frührente oder haben sich manchmal sogar selbstständig gemacht und sind heute selbst Arbeitgeber. Vor allem die Kumpel sind darüber hinaus recht bald weggezogen, sofern sie denn überhaupt jemals in Katernberg gewohnt haben. In den Jahrzehnten der permanenten Verlegungen von Zeche zu Zeche, wohnt seit längerem kaum noch ein Kumpel direkt neben an, sondern meistens in einem günstig erworbenen top-restaurierten Zechenhäuschen, oft mit dem Motorrad in der Garage und dem Mittelklassewagen vor der Tür. Dieses im Hirn des Redakteurs Wüllenweber gesponnene Szenario bzw. der hergestellte Zusammenhang von Wirkung und Ursache sind also Müll.

    Zufällig habe ich nun eine Freundin, die mit einigen dieser gerade in den späten 80ern und 90ern aus dem Bergbau umgeschulten Pflegern am Uni-Klinikum gearbeitet hat. Und zufällig hat meine Freundin eine gute Freundin die Sozialarbeiterin in Katernberg ist. Herr Wüllenweber und die schlauen Politiker wären gut beraten, sich mal mit solchen Leuten zu unterhalten, statt hochtheoretische Abhandlungen von Sozialwissenschaftlern zu wälzen oder sich Problemerklärungen an den Haaren herbei zu ziehen.

    Warum nennt man die Probleme nicht beim Namen? Warum wird aus dem Artikel überhaupt nich klar, dass Problemviertel wie Essen-Karternberg oder Duisburg Rheinhausen von ehemaligen Zollvereinern oder Kruppianern längst verlassen wurden und die zerdepperten Häusereingänge nicht von ihnen demoliert wurden? Warum darf man nicht sagen, dass die vielen schlecht deutsch sprechenden Kinder auf den Straßen nicht von ihnen stammen? Warum spricht niemand an, dass die letzte deutsche Bäckerei, de letzte deutsche Kneipe und überhaupt der letzte ehemals alteingesessene deutsche Laden dort schon vor Jahren verschwunden sind? Diese Viertel wurden längst übernommen! Sie sind die Ghettos, die wir angeblich nicht haben, weil hier ja niemals passieren kann und passieren darf was in Frankreich passiert ist. Aber es bleibt so, das Unterschichtenproblem ist zum größeren Teil ein Migrations- und Integrationsproblem.

    Doch warum ist es entstanden? Die einfachen Jobs sind weggefallen und für genau diese Jobs hat man viele Ausländer einst geholt! Heute sitzen die Väter arbeitslos zu Hause und leben ihren Söhnen und Töchtern vor, dass man auch so über die Runden kommt. Aber das ist nur eine Seite des Problems. Die andere Seite ist, dass unsere Lehren und unsere Institutionen teilweise überhaupt nicht voll anerkannt werden, dass die Koranschule oft wichtiger ist als die deutsche allgemeinbildende Schule. Das geht soweit, dass einer deutschen Beamtin vom Sozialamt nichtmal die Hand gegeben wird, weil sie ja als Frau unrein ist.

    Diese Probleme löst man nicht mit Bildungsangeboten. Mit verbesserten Bildungsangeboten löst man die Probleme der jungen Leute, die heute bereits lernen wollen und die in der Lage sind die Qualität unseres Bildungssystems überhaupt als verbesserungsbedürftig zu beurteilen. Ihnen kann man mit Bildungsangeboten helfen.

    Einem kleinen Kerl der bereits mit dem "Wissen" eingeschult wird, dass es für ihn sowieso keinen Platz in der Gesellschaft gibt, er nur der Familienehre verpflichtet ist und er im Leben am besten sowieso Arbeitsloser, Gangster oder Rapstar werden sollte (was viele mit der Ursache des Problems verwechseln und deshalb den Medien für falsche Vorbilder die Schuld geben), bekomme ich mit besseren Bildungsangeboten nicht mehr auf Kurs.

    Was ich für ihn brauche ist ein Grund mit Zuversicht in die Zukunft zu schauen. Dann fragt er Bildung schon von alleine nach, denn dann weiss er, dass er eine Zukunft zu verlieren hat wenn er nicht lernt. Ich sags mit Saint-Exupery: "Wenn Du mit Leuten ein Schiff bauen willst, fang nicht an, Sie Holz sammeln zu lassen, sondern weck in ihnen die Sehnsucht nach dem großen, weiten Meer".

    Diese Sehnsucht ist unrealistisch geworden und das betet leider auch der Artikel einfach nur nach: "Diesen Rand der Gesellschaft gab es schon immer: die Unterschicht. Damals hatte die Unterschicht noch Arbeit, in Katernberg, im Ruhrgebiet, in ganz Deutschland. Doch die Jobs für Leute ohne Ausbildung sind weg. Sie kommen nie zurück. In unserer heutigen Wirtschaft ist die Unterschicht überflüssig."

    Doch das von Politikern als Lösung skizzierte Bild der deutschen Denkfabrik, in der die Blaupausen für die Technologien von deutschen Ingenieuren zur billigen Fertigung an billige chinesische Arbeiter übergeben werden, wird nicht funktionieren. Heute studieren mehr Chinesen Ingenieurswissenschaften, als Europäer. Wenn wir so überheblich sein wollen zu glauben, dass sie trotzdem "zu dumm" bleiben werden, um auf unser Niveau aufzusteigen, werden wir hochnäsig scheitern. In 10 Jahren werden chinesische Plagiate jedenfalls nicht mehr unsere Sorge sein, eher chinesische Originale.

    Die früher propagierte Dienstleistungsgesellschaft ist daran gescheitert, dass wir uns nicht alle gegenseitig die Haare schneiden können. Es muss einfach Wertschöpfung geben, um die anderen Wirtschaftssektoren ans Fliegen zu bringen. Und deshalb wird auch die Wissensgesellschaft als von Politikern herbeigeblubberte Seifenblase zerplatzen. Ein gutes hat das jedoch: Wenn es bald auch die Akademiker-Jobs trifft, dann wird es endlich aufhören, dass die derzeit noch besser Betuchten den Wildwuchs der Globalisierung als unvermeidliches Problem des arbeitslosen Arbeiterpöbels abkanzeln. Und diese Ära fängt gerade an, denn als allererstes gehen nun die Entwicklerjobs nach Fernost. Man gibt sich dort nicht länger als verlängerte Werkbank der Welt zufrieden. Es macht immer mehr Sinn auch dort zu entwickeln wo man fertigt. Im besonderen Maße gilt das auch für die IT. IT-Entwicklerjobs werden derzeit von großen IT-Dienstleistern in zehntausender Paketen nach China und Indien verlagert.

    Bildung ist deshalb immer schön, gut und richtig. Aber sie wird das alles nicht verhindern. Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass wir allein mit Bildung immer besser sein könnten, als jene die uns derzeit die Arbeitsplätze abziehen oder durch hohen Preisdruck zu immer mehr Rationalisierung durch Arbeitsplatzeinsparung zwingen. Wichtiger wäre es, wieder an mehr Arbeitsplätze zu kommen, die mit einer normal-mittelprächtigen Schulausbildung überhaupt ausgeübt werden können.

    Die Lösungen hierfür werden seit Jahren nicht angepackt. Es kann aber nur erfolgreiche Lösungen geben, die auch nicht "hochqualifizierbare" Schichten mit Einkommen aus Arbeit versorgt. Die USA, Inbegriff des Ausbeutertums und der "bad jobs", haben es komischerweise in Zeiten der Globalisierung geschafft, ihre Industriearbeitsplätze um 15% zu erhöhen. Wir hingegen verharren auf riesigen Lohnnebenkosten, scheren uns nicht drum, dass die Investitionen seit Jahren an uns vorbei zu den Nachbarn laufen (und das liegt gar nicht so sehr an den in Deutschland so heiss diskutierten Themen wie Mitbestimmung und Kündigungsschutz, daran stören sich selbst die hier bereits ansässigen ausländischen Firmen am allerwenigsten) und erhöhen einfach immer wieder die Steuern, wenn das Geld nicht reicht. Wir sehen unmächtig zu und nehmen es als unvermeidbar hin, dass die Produktion aus unserem Land verschwindet. Auf Dauer werden mit ihr auch die anderen, höherqualifizierten Jobs verschwinden. Es wird Zeit, dass das jedem klar wird.

    Diese Entwicklung muss gestoppt werden, dann gibts wieder eine Perspektive und dann wird überhaupt erst Bildung sinnvoll und aus Eigenantrieb begehrt. Bildung ist also nicht die Lösung, sondern nur ein Werkzeug, das mal wichtig werden wird, wenn die tatsächlichen Probleme gelöst sind. Wenn wir aktuell ein echtes Bildungsproblem hätten, hätten wir die klugen Köpfe nicht, die uns seit Jahren noch den Status des Exportweltmeisters einbringen. An genügend schlauen Köpfen hat es bis jetzt also nie gemangelt um bester im internationalen Wettbewerb zu sein. Unser Problem ist der Umgang mit den weniger schlauen Köpfen und der wird irgendwann auch den sozialen Frieden auf den Straßen gefährden.

    Die Lösung ist also eine klare Perspektive, für jeden und auch für alle die einfach nicht den Grips haben Maschinenbauingenieur zu werden. Diese Leute haben ein Problem, das mit Erklärungen zu einer sich immer schneller drehenden Welt und der immer stärkeren Notwendigkeit von Bildung, nicht gelöst werden kann.

    PM

  5. #14
    Benutzerbild von DeeTee

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    Zitat Zitat von P.M.
    Diese Probleme löst man nicht mit Bildungsangeboten. Mit verbesserten Bildungsangeboten löst man die Probleme der jungen Leute, die heute bereits lernen wollen und die in der Lage sind die Qualität unseres Bildungssystems überhaupt als verbesserungsbedürftig zu beurteilen. Ihnen kann man mit Bildungsangeboten helfen.

    Einem kleinen Kerl der bereits mit dem "Wissen" eingeschult wird, dass es für ihn sowieso keinen Platz in der Gesellschaft gibt, er nur der Familienehre verpflichtet ist und am besten sowieso Gangster oder Rapstar werden sollte (was viele mit der Ursache des Problems verwechseln und deshalb den Medien für falsche Vorbilder die Schuld geben), bekomme ich mit besseren Bildungsangeboten nicht mehr auf Kurs.

    Was ich für ihn brauche ist ein Grund mit Zuversicht in die Zukunft zu schauen. Dann fragt er Bildung schon von alleine nach, denn dann weiss er, dass er eine Zukunft zu verlieren hat wenn er nicht lernt. Ich sags mit Saint-Exupery: "Wenn Du mit Leuten ein Schiff bauen willst, fang nicht an, Sie Holz sammeln zu lassen, sondern weck in ihnen die Sehnsucht nach dem großen, weiten Meer".
    Hallo PM,
    ich meine, dass Du hier einen Denkfehler begehst. Unbestritten haben wir natürlich eine Gruppe von Jugendlichen/jungen Erwachsenen, denen wir auf normalem Wege - das ist idR Freiwilligkeit - keinerlei Bildung mehr vermitteln können. In diesen Menschen kannst Du imho auch keine "Sehnsucht nach dem großen weiten Meer" erzeugen. "Wasser? Ist doch total uncool. Außerdem pissen da die Fische rein ..." Und dann wenden sie sich wieder ihrer kleinen Königswelt zu. Um im Bild zu bleiben: Wer noch nie gesehen hat, dass man im Wasser schwimmen kann (und dass das Spaß macht); dass man Schiffe bauen kann, um schneller über's Meer zu fahren; dass man segeln, surfen, tauchen, fischen usw. kann, dieser Mensch wird das Wasser bedrohlich finden. Seine Assoziationen sind irgendwo zwischen Ertrinken und Wasserleichen angesiedelt.
    Insofern ist Deine Schelte der Soziologen auch nur bedingt gültig. Jene Menschen, denen es gelingt, aus diesem 'Untersubproletariat' aufzusteigen, genau jene Menschen verlassen zumeist ihren bisherigen Wohnort und ihr Milieu. Und da liegt ein Teil des Problems. Es gibt kaum Vorbilder für Bildungsgewinner in dieser sozialen Schicht. Die Gewinner sehen nämlich zu,. dass sie wegkommen. Keine guten Vorbilder, sondern die Verlierer, die Gescheiterten, die Chancenlosen bleiben da. Bildung kann ihnen helfen, möglicherweise müssen wir sie zwingen.
    Als die Sarazenen auf Kreta landeten, ließ der Anführer hinter seinen Mannen die Schiffe verbrennen, so dass es kein Zurück gab. Er hat die Insel erobert.
    Das ist eine politische Aufgabe, die viel Einsatz und noch mehr Konsequenz fordert.

    Grüße!
    DeeTee

  6. #15
    Benutzerbild von PostMortem

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    Zitat Zitat von DeeTee
    Hallo PM,
    ich meine, dass Du hier einen Denkfehler begehst. Unbestritten haben wir natürlich eine Gruppe von Jugendlichen/jungen Erwachsenen, denen wir auf normalem Wege - das ist idR Freiwilligkeit - keinerlei Bildung mehr vermitteln können. In diesen Menschen kannst Du imho auch keine "Sehnsucht nach dem großen weiten Meer" erzeugen. "Wasser? Ist doch total uncool. Außerdem pissen da die Fische rein ..." Und dann wenden sie sich wieder ihrer kleinen Königswelt zu. Um im Bild zu bleiben: Wer noch nie gesehen hat, dass man im Wasser schwimmen kann (und dass das Spaß macht); dass man Schiffe bauen kann, um schneller über's Meer zu fahren; dass man segeln, surfen, tauchen, fischen usw. kann, dieser Mensch wird das Wasser bedrohlich finden. Seine Assoziationen sind irgendwo zwischen Ertrinken und Wasserleichen angesiedelt.
    Insofern ist Deine Schelte der Soziologen auch nur bedingt gültig.
    M. E. liegt der Denkfehler eher in Deiner Ausführung, würde sie ja bedeuten, dass jeder der keine guten Vorbilder vor sich hat nicht zu retten und abzuschreiben ist.

    Diese Kinder und Jugendlichen sind nicht faul geboren, sie haben sich lediglich ihrem Schicksal gefügt nicht mehr gebraucht zu werden und betreiben dementsprechend keinen Aufwand sich für nichts und wieder nichts anzustrengen (ob das so völlig berechtigt ist und ob aus dem einen oder anderen mit etwas mehr Anstrengung nicht doch etwas werden könnte, ist keine Diskussion wert, die Leute empfinden es in ihrem Ghetto, ihrer Parallelwelt eben so und die meisten Menschen sind so gestrickt, dass sie schnell aufgeben).

    Aber genau darum geht es ja: Diese Leute bekommen eben nur ihre arbeitslosen, vor dem Fernseher abhängenden Eltern vorgelebt und entwickeln deshalb keine "Sehnsucht" nach einem eigenständigen, nicht vom Staat abhängigen Leben. Deswegen kann man nicht sagen, och da kann man keine "Sehnsucht nach dem Wasser wecken", weil die Burschen sowieso sagen "Wasser? Ist doch total uncool. Außerdem pissen da die Fische rein ...". Genau diesen Kreislauf muss man ja durchbrechen. Wer diese Leute abschreiben will, nur weil es schwer ist sie aus der Lethargie ihrer Parallelgesellschaft zu holen und wer sie als Sockelarbeitslose vor sich her schieben will, der wird keins der Probleme dieses Landes lösen. Dazu gehören u. a. auch die Schwierigkeiten der Sozialsysteme, die nicht immer weiter nur über die Einnahmeseite gestützt werden können. Dazu würden eines nicht so fernen Tages ansonsten aber auch brennende Autos und eingezäunte Ghettobildung der Bessersituierten gehören.

    Aber eigentlich ist das auch Teil des Problems: Es wird zu viel diskutiert, zu viel über Meinungen über Ursachen gestritten und zu wenig konkretes getan. Es ist eigentlich egal wer den Denkfehler begeht. Hauptsache ist, dass es für die meisten Menschen entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit die Möglichkeit zu Erwerbseinkommen gibt. Diese Möglichkeiten gibt es nicht, also kann ich auch niemandem Vorwürfe machen. Es gibt derzeit nicht zu wenig Nachfrage nach Arbeit, sondern zu wenig Angebot.

    Jedem muss klar sein, dass es ein Problem gibt, wenn man einfach so weiter macht. Doch genau das tut man, man fängt nur an es schöner zu formulieren und auf politische Korrektheit zu achten.

    PM

  7. #16
    Benutzerbild von bubu

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    Zitat Zitat von DeeTee Beitrag anzeigen
    Meines Erachtens die zwei wichtigsten Sätze:
    Für mich auch das Entscheidende und Erschreckende:

    Der neue Arme ist kein Wiedergänger des alten. Vor allem an seinem mangelnden Bildungsinteresse erkennen wir den Unterschied. Er besitzt keine Bildung, aber er strebt ihr auch nicht entgegen.
    ...

    Warum ist das nur so? Das frage ich mich schon seit geraumer Zeit. Wie kommt es, dass die Leute nur so sediert sind? Und woher flächendeckende Entpolitisierung? Noch nicht mal für eine konzertierte Protestbewegung reicht die Energie - man hat es ja gesehen bei lächerlichen Hartz-IV-Demonstrationen, die als WIederkehr der DDR-"Montagsdemonstrationen" angepriesen worden waren.

    Es mag vielleicht wie eine Binse klingen - aber mittlerweile bin ich der festen Überzeugung, dass es nur eine einzige Waffe gibt gegen alle Probleme, die wir haben: Bildung, Bildung und nochmals Bildung. Und zwar verpflichtend, professionell und in Ganztagsschulen organisiert. Nur so gibt es einigermaßen Chancengleichheit und Zukunftssicherheit. Kinder aus den sog. Unterschichten haben - und das hat Pisa ja sehr deutlich gezeigt - kaum noch eine Chance, aus dem Teufelkreis auszubrechen. Es klingt vielleicht erschreckend, aber ich denke, man sollte heutzutage viele Kinder nicht mit ihren Eltern alleine lassen (und man darf es vielleicht auch nicht).

    Fragen von sehr grundsätzlicher Bedeutung drängen sich in den Vordergrund: Kann eine Demokratie es tatsächlich hinnehmen, dass ein Teil des Souveräns dauerhaft von der Wohlstandsmehrung ausgeschlossen bleibt?
    Eine Frage voll mit sozialem Sprengstoff. Der selbst ernannten Wirtschaftselite unseres Landes (ich meine jetzt die Raubbauern an der Solidargemeinschaft in Anzügen) jedenfalls dürfte diese Entwicklung ziemlich wurscht sein. Aber das ist ja nichts neues.

    Die spannendere Frage ist, wie die Politiker das finden. Auch hier befürchte ich, könnte es eine zynische Sicht der Dinge geben: Na und? Dann brauche ich mich nicht mehr nach dem White-Trash verbiegen (und vor allem den White-Trash-Medien wie der Bild-Zeitung), wenn der White-Trash eh nicht mehr wählen geht. Ich muss mir nur noch Sorgen um eine kleine gut gebildete Wählerschicht Gedanken machen, die viel leichter zu durchschauen und zu ködern ist.

  8. #17
    Benutzerbild von PostMortem

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    Zitat Zitat von bubu Beitrag anzeigen
    Es mag vielleicht wie eine Binse klingen - aber mittlerweile bin ich der festen Überzeugung, dass es nur eine einzige Waffe gibt gegen alle Probleme, die wir haben: Bildung, Bildung und nochmals Bildung. Und zwar verpflichtend, professionell und in Ganztagsschulen organisiert.
    Frankreich hat die längsten Erfahrungen aller europäischen Länder mit der Ganztagsschule. Sie ist für alle von der Grundschule an verpflichtend und geht im Idealfall bis zum Abitur. Das ist so seit ca. 130 Jahren. Praktischerweise ist Frankreich mit Deutschland ansonsten relativ gut vergleichbar. Es ist ein großer europäischer Staat, es ist ein Industriestaat mit den Problemen eines Industriestaats und es ist ein Land mit vergleichbarer Zuwanderung, u. a. aus arabischen Ländern.

    Frankreich bietet auch Kinderbetreuungsmöglichkeiten, die hier immer wieder gepriesen werden (was teilweise gar nicht so berechtigt ist, teilweise ist einfach die Einstellung anders und Frau geht auch arbeiten, obwohl fast die ganze Kohle für eine Tagesmutter drauf geht - hierzulande ein Grund sich an die Schläfe zu tippen). Oben drauf die Ganztagsschule bis hin zu Elite-Unis, die den Lenkern und kommenden Mächtigen des Landes eine agesehene Top-Ausbildung ermöglichen.

    Frankreich hat all das, was hierzulande für viele Probleme von kinderlosen Akademikern, über den Umbau des Bildungssystems, den Aufbau von Top-Führungskräften bis hin zur Unterschichten-Problematik als Lösung gepriesen wird.

    Doch Frankreich hat trotzdem genau die Probleme die wir haben und kurioserweise sogar noch mehr davon. Die Schere klafft nach oben hin nur etwas eleganter und nach unten noch etwas armseeliger und gewalttätiger auseinander. In Frankreich rebelliert eine abgeschriebene Unterschicht mit Migrationshintergrund seit Jahren, verwüstet sein eigenes Umfeld, zündet Autos an und schlägt die ortsansässige Polizei in die Flucht.

    Ist das nicht Praxis-Beweis genug, dass diesem Problem nicht mit Ganztagsschulen und bildungsmäßiger Zwangsernährung beizukommen ist? Es kann angesichts dessen jedenfalls keiner einfach für sich in Anspruch nehmen, dass solche Angebote die klare Lösung sein, denn Deutschland ist keine Insel in der andere Kausalitäten gelten als bei unserem großen Nachbarn.

    In vielen Betrieben arbeiten hierzulande sehr viele ehrliche, fleissige aber einfache Angehörige dieser sog. Unterschicht. Sie geben unser Kantinenessen aus, sie entsorgen den Müll, sie putzen, sie führen Botengänge aus, putzen Fenster und manche von ihnen haben zwei oder mehrere dieser Jobs. Sie versuchen ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen und machen sich deshalb krummer, als sie es zum reinen Überleben bräuchten.

    Das sind gute, anständige Leute. Ihnen muss man nicht drohen, ihnen muss man keine Kinder entziehen um sie zu anständigen Menschen umzuerziehen und ihnen muss man nichts darüber erzählen, warum es besser ist einen vernünftigen Job zu haben. Irgendwas (was eigentlich?) ist bei diesem Menschen im Kopf also irgendwann verdammt richtig gelaufen und das ohne Drangsalation. Das dies nicht zum Sonderfall wird, sondern zur Regel ist ein Schlüssel zur Lösung.

    PM

  9. #18
    Benutzerbild von bubu

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    @PM

    Solche Vergleiche sind schwierig, weil Ursachen und WIrkungen immer multifaktoriell sind. Daher glaube ich nicht, dass man eine Maßnahme einfach gleich abtun kann, die in einem anderen Land womöglich vorhanden ist, aber am Ende der großen Black Box nicht gewünschte Ergebnisse herauskommen. Man müsste sich genau das Schulsystem anschauen, die Migrantenproblematik und Integrationspolitik (die in Frankreich eine ganze andere ist und überhaupt nicht mit Deutschland vergleichbar). Dann müsste man sich ganz genau die Arbeitslosenstatistik anschauen, die zunächst ungefähr gleich hoch ist, aber in welchen Bevölkerungs- und Altersgruppen ist sie besonders hoch? Etc, etc.

    Die bessere Kinderbetreuung hat zumindest mal einen Effekt: Frankreich hat eine wesentlich höhere Geburtenrate - soweit ich weiß, mit die höchste in Deutschland. Und, du hast's ja auch geschrieben, berufstätige Frauen haben wesentlich mehr Kinder als hierzulande. Auch nicht schlecht - würde zumindest das Demografieproblem entschärfen.

  10. #19
    Benutzerbild von SonnyB.

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    Zitat Zitat von bubu Beitrag anzeigen

    Frankreich hat eine wesentlich höhere Geburtenrate - soweit ich weiß, mit die höchste in Deutschland.
    Liegt Frankreich in Deutschland ? Oder meintest du "Europa" ?

  11. #20
    Benutzerbild von bubu

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    Zitat Zitat von SonnyB. Beitrag anzeigen
    Liegt Frankreich in Deutschland ? Oder meintest du "Europa" ?
    Danke für den Hinweis. Ich meinte natürlich Europa.

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