Seite 25 von 30 ErsteErste ... 15212223242526272829 ... LetzteLetzte
Zeige Ergebnis 241 bis 250 von 294

Quo Vadis, Deutschland?

Erstellt von bubu, 22.12.2004, 18:20 Uhr · 293 Antworten · 19.147 Aufrufe

  1. #241
    Mumie
    Benutzerbild von Mumie
    Zitat Zitat von PostMortem Beitrag anzeigen
    Es ist nicht dieses oder jenes "Schuld". Genauso wenig wie dieses oder jenes (z. B. Bildung) allein die Lösung ist. Hohe Lohnnebenkosten sind überhaupt kein Problem, wenn man sie erwirtschaften kann und andere Länder tun das durchaus. Ich glaube auch nicht, dass Dir wirklich daran gelegen ist die sozialen Standards in Deutschland auf chinesisches Niveau zu senken, nur damit Arbeit billig wird. Dann könnten wir Deutschland auch aufgeben, denn die Welt braucht kein zweites China und keine Rückkehr zum Frühkapitalismus.

    PM
    Da geht es in vielen Bereichen inzwischen hin,obwohl es anders laufen könnte(bezahlbar).
    Ich habe(als gelernter Tankwart)früher in den 90er Jahren noch eine Vollzeitstelle gehabt(mit ca.2200DM Lohn),inzwischen bin ich(ohne selbstverschulden) bei einer Aushilfsstelle bei einer Tankstellen-Marke X angelangt bei der ich 6Stunden die Woche als -Tankwart-(direkt an der Zapfsäule) arbeite mit 3,50Euro Stundenlohn(natürlich Brutto).Das einzige was meinen Verdienst ein wenig anhebt ist das ich 1,50Euro an einen verkauften Liter Motoröl verdiene und 0.50 Euro(wenn jemand die freiwillige Servicekarte einlöst).Ab und zu gibt es auch ein wenig Trinkgeld(was bei der Kalkulation der Vollzeittankwarten beim Lohn mit einberechnet wird).
    Aber seihen wir ehrlich das kann es doch nicht sein!?
    Und wehe,wenn mir jetzt jemand mit dem Spruch kommt:
    Hättest halt was gescheitest gelernt.

    ---------------------
    So wie ich es immer aus verschiedesten Quellen höre kommt das Problem von oben(!) in der Form das die Gesellschaften einerseits zwar immer wieder erwähnen das ihre Partner(früher Pächter)zwar eigenständige Unternehmer sind,aber die Realität anscheinend ganz anders aussieht(ich könnte da Geschichten erzählen!) z.b es werden ihnen die Lohnkosten die sie haben dürfen vorgeschrieben(bzw.bei einer Diskussion um eine Pachterhöhung vorgeworfen).

  2.  
    Anzeige
  3. #242
    Benutzerbild von frasier

    Registriert seit
    11.03.2004
    Beiträge
    1.112
    Zitat Zitat von DeeTee Beitrag anzeigen
    Ich sag' doch, die Propaganda wirkt.
    Wenn man keine Ahnung hat, sollte man mindestens nachschlagen, anstatt den Müll der Wirtschaftspresse nachzubeten.
    Beliebtes Mittel sich selbst aufzuwerten. Komplexe?

    Die Lohnnebenkosten in Deutschland betragen für den Arbeitgeber derzeit
    ca. 21 Prozent.
    (9,75% Rentenversicherung, 3,25% Arbeitslosenversicherung, ca. 7,3% Krankenversicherung, 0.85% Pflegeversicherung - Stand 2005).
    Dazu kommen noch die 1,3 Prozent Unfallversicherung, die nur der AG zahlt.

    Falls Du aber die sog. Personalzusatzkosten meinst, bist Du auch völlig fehlinformiert. Diese Personalzusatzkosten lagen in 2003 bei 78,20 Euro je 100 Euro Direktentgelt.
    Zu den Personalzusatzkosten gehören aber zusätzlich auch solche Dinge wie Urlaubsgeld, betriebliche Altersvorsorge, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Sonderzahlungen und Gewinnbeteiligungen - alles Dinge, die viele Unternehmen gerne abschaffen möchten.
    Zum Vergleich Dänemark: 25 Euro je 100 Euro Lohn.

    Ja, das könnte helfen. Wir müssen mehr sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse schaffen, die angemessen entlohnt werden. Die vorhandene Arbeit muss auf mehr Schultern verteilt werden. Der so entstehende Cashflow kommt direkt der Binnennachfrage und somit der Konjunktur insgesamt zugute.
    Nur so als Tip: Guck' 'mal nach Dänemark! Dort sind Lohnnebenkosten und Steuern viel höher als bei uns - und die Arbeitslosigkeit < 5%.
    Wird in Dänemark kürzer gearbeitet als hier? Ich glaube nicht.

    Dänemark hat sehr niedrige Lohnnebenkosten, dafür hohe Mehrwertsteuern und keinen Kündigungsschutz. Aber gut, daß Dänemarks Modell selbst von Linken anerkannt wird.

    Unter solchen Bedingungen fallen Neugründungen und Einstellungen leichter als woanders, daher die niedrige Arbeitslosigkeit. Daß auf einem leergefegten Arbeitsmarkt die Einkommen steigen dürfte klar sein, denn die Arbeitnehmer sind dann in der besseren Verhandlungsposition, zumindest wenn sie ausreichend qualifizirt sind.

    Zum Mindestlohn 8 Euro, ganz besonders in Ostdeutschland, die Folgen davon sind Preiserhöhungen, Jobverlagerungen, Jobvernichtungen, höhere Arbeitsmenge pro Zeit, Schwarzarbeit und/oder schlechtere Einstiegschancen für Leute, die lange raus waren oder Quereinsteiger sind.

    Andere Länder haben es gemacht, aber die haben auch keinen zweigeteilten Arbeitsmarkt (Ost/West) und keine Billiglohnnachbarn.

  4. #243
    Benutzerbild von PostMortem

    Registriert seit
    28.12.2004
    Beiträge
    1.997
    Zitat Zitat von frasier Beitrag anzeigen
    Zum Vergleich Dänemark: 25 Euro je 100 Euro Lohn.
    Dänemark hat sehr niedrige Lohnnebenkosten
    Mir leuchtet nicht ganz ein, warum Du die Personalzusatzkostenquote Dänemarks so abfeierst (sie beträgt zwischenzeitlich übrigens nicht mehr 25 sondern nach Stand 2005 34%! Quelle: Institut der deutschen Wirtschaft). Ich bezog mich in meinem Posting beispielsweise auf die industriellen Arbeitsplätze. Und da siehts so aus, dass diese statistisch niedrige Personalzusatzkostenquote am Ende auch nichts daran ändert, dass die Arbeitsstunde in Dänemark im Schnitt 28,33€ kostet und in Deutschland lediglich 27,87€. Dabei wäre dann noch zu berücksichtigen, dass Dänemark nur 95% deutscher Produktivität erreicht und man somit zusätzlich zu den 50 Cent Unterschied/Stunde nochmal einen guten Euro Arbeitskostenunterschied zu Gunsten Deutschlands abziehen dürfte, um die Kosten ins richtige Verhältnis zu setzen.

    Deine Freude über die Lösung vieler Probleme in Dänemark über die Mehrwertsteuer dürfte Dir also im Halse stecken bleiben, da deshalb die Direktentgelte so hoch sein müssen, dass sie diese Steuerlast überhaupt stemmen können. Insgesamt ist die Arbeit dadurch noch teurer als bei uns und es ist nach außen hin jeweils unerheblich, aus welchen Komponenten sich das zusammensetzt.

    Was ist da also genau Dein Punkt?

    ... keinen Kündigungsschutz ...
    Unter solchen Bedingungen fallen Neugründungen und Einstellungen leichter als woanders, daher die niedrige Arbeitslosigkeit.
    Die typische Neugründung ist in Deutschland in der Praxis doch vom Kündigungsschutz überhaupt nicht mehr betroffen, ebenso nicht der Kleinbetrieb, der jede Einstellung genau durchrechnen muss. Andere Betriebe haben großzügige Befristungsmöglichkeiten und können Probezeiten extrem strecken. Größere Unternehmen hingegen können sich Abfindungsregelungen und die üblichen Kündigungsfristen offenbar gerade noch leisten, denn sie machen ja offenbar großzügig Gebrauch davon.

    Dementsprechend ist der Kündigungsschutz in Deutschland doch vor allen Dingen bei Theoretikern in der Diskussion und brennt im Vergleich zu vielem anderen nicht wirklich jemandem unter den Nägeln. Dementsprechend tingeln auch kompetentere Leute im Auftrag der Wirtschaftsinstitute von Symposium zu Symposium und sprechen einer weiteren Lockerung des Kündigungsschutzes jegliche positiven Effekte ab:

    "Ein gelockerter Kündigungsschutz hätte in Deutschland keine nennenswerte Auswirkung auf die Beschäftigung. Die in der Öffentlichkeit vorherrschende Wahrnehmung der Beschäftigungseffekte einer Lockerung entspricht somit nicht den tatsächlich zu erwartenden Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt." Prof. Dr. Laszlo Goerke

    http://www.diw.de/deutsch/dasinstitu...lm_goerke.html

    Zum Mindestlohn 8 Euro, ganz besonders in Ostdeutschland, die Folgen davon sind Preiserhöhungen, Jobverlagerungen, Jobvernichtungen, höhere Arbeitsmenge pro Zeit, Schwarzarbeit und/oder schlechtere Einstiegschancen für Leute, die lange raus waren oder Quereinsteiger sind.
    Andere Länder haben es gemacht, aber die haben auch keinen zweigeteilten Arbeitsmarkt (Ost/West) und keine Billiglohnnachbarn.
    Frankreich hat einen Mindestlohn von 8,30 Euro. Wenn Du 8 Euro Mindestlohn in Deutschland für problematisch hältst, hätte es ja jede Menge Bedarf für Verlagerungen vom französischen Lothringen ins deutsche Saarland geben müssen (Deutschland als Billiglohnland Mangels Mindestlohn, welch Ironie!). Warum ist das nicht passiert? Das andere Länder keinen zweigeteilten Arbeitsmarkt und keine Billignachbarn haben sollen, ist doch ein reichlich schwammiges Argument und kommt etwas konstruiert daher (und widerlegt zudem im Handstreich fast alle neoliberalen Forderungen zur Gesundung des gesamtdeutschen Arbeitsmarktes, denn niedrigere Lohnkosten + Lohnzusatzkosten, längere Arbeitszeit und qualifiziertes Personal gibt es im Osten Deutschlands schon lange - neben den höchsten Arbeitslosenquoten). In den USA, UK und Frankreich gibt es durchaus Regionen, deren Lohn- und Arbeitslosenquotengefälle Deutschland Ost/West vergleichbar ist. Im industriell und infrastrukturmäßig völlig abgehängten Südwesten Frankreichs sehnt man sich jedenfalls nach sächsischen Verhältnissen.

    Und ob man nun als deutscher Leverkusener bei Bayer 1.100km bis Warschau hat oder eben 1.200km als französischer Straßburger bei Sanofi-Aventis: Das Argument, dass Mindestlöhne nur bei fehlender Nachbarschaft zu Billiglohnländern keinen Schaden anrichten, ist in einer durch billigste weltweit verfügbare Transportkapazitäten voll globalisierten Welt doch nicht für 10 Cent belastbar.

    Dementsprechend hat auch ausgerechnet das von Neoliberalen ansonsten gehätschelte Lieblingskind Großbritannien mit seinem Mindestlohn von ebenfalls fast 8 Euro keinerlei Probleme. Aber natürlich liegt das daran, dass Großbritanien als Insel fast überhaupt keine Nachbarn hat. Wer glaubt das, zumal die eigentliche Mindestlohnklientel größtenteils Tätigkeitsbereichen angehören, die aufgrund regionaler Bindung überhaupt nicht zu verlagern sind?

    Alle anderen Einwände, wie Preiserhöhungen, Schwarzarbeit, Erschwerung an Jobs zu kommen etc., sind vom Ost/West- und Billiglohnnachbarn- Argument unbeeindruckt und bereits nachweislich von Vorreitern in diesem Bereich (eben USA, UK, Frankreich etc.) in der Praxis widerlegt worden. Es gibt keinen Grund, warum das nicht auf Deutschland übertragbar sein soll. Wenn ich weniger SV-Beiträge und Steuern zahlen muss, weil die Putzfrau bei real von ihrem Geld leben kann und keine Unterstützung braucht, dann kann ich mir auch die 0,x Cent leisten die mein Joghurt deshalb teurer wird.

    Was hat eine Volkswirtschaft von Menschen die von ihrer Arbeit nicht leben können? Man muss sich in Deiner Position m. E. mal entscheiden: Entweder ist man gegen die hohen SV-Kosten und Steuern (und die gibt es, weil an soviele Leistungsempfänger ausgezahlt werden muss, u. a. an Menschen die mit ihrem Einkommen unter dem Existenzminimum liegen und für deren Kinder und Kindeskinder) oder man ist dafür, dass diese sinken, indem Menschen auf SV-Leistungen nicht mehr angewiesen sind. Durch Arbeit die zum Leben nicht reicht, ist das sicherlich nicht zu erreichen. Da wirst Du Dich m. E. entscheiden müssen, denn aus heiterem Himmel wird das Geld nicht kommen von dem die Leute leben müssen. Die Arbeitgeber sind bereits in nennenswertem Umfang entlastet, wenn sie das Geld zum Leben in Form von Mindestlöhnen direkt an Arbeitnehmer auszahlen können und nicht über die SV-Abgaben noch den behördlichen SV-Verwaltungs- und Verteilungsapparat mit unterhalten müssen.

    Wird in Dänemark kürzer gearbeitet als hier? Ich glaube nicht.
    Typische Einstellung von Leuten die den Standort Deutschland kaputtreden wollen: Woanders wirds schon besser sein als hier (glaubt man jedenfalls).

    Während Deutsche im Schnitt 29 Tage Urlaub machen, sind Dänen 30 Tage im Urlaub. Ansonsten gehört Dänemark zu den Ländern mit der höchsten Teilzeitquote in der EU. Und während wir Deutschen im verarbeitenden Gewerbe bei durchschnittlich 39 Stunden liegen, liegen die Dänen bei 38,9.

    Glauben heisst also nicht wissen und es ist offenbar falsch die Lösung immer nur in noch mehr Neoliberalismus und noch weniger Nachfrageorientierung zu suchen. Ganz im Gegenteil, in Dänemark geht man ja sogar noch weiter, hat man dort seit 1994 z. B. das Recht auf ein Jahr Freistellung auf Staatskosten ("Sabbatjahr"), wenn für den entsprechenden Zeitraum ein Arbeitsloser eingestellt wird.

    In Deutschland wäre das für Dieter Hundt und seine Fanboys sicherlich ein Unding, das genauso zu verteufeln ist wie der Mindestlohn... Man ist ja schließlich nicht im Freizeitpark Deutschland. Ach ja, ist man auch nicht: Am freizeitorientiertesten sind schließlich auch wieder die Skandinavier, die Spitze beim Verkürzen ihrer individuellen Arbeitszeiten auf z. B. 30 Wochenstunden sind. Ausgrechnet bei denen die sich am liebsten auf die faule Haut legen, brummt also auch noch die Beschäftigung.

    Aber das an deutschen Unis bis heute mit dem BWL-Wissen der Vor-Globalisierungs-Ära betankte neoliberale Wirtschaft5expertentum will es ja nicht wahrhaben, dass Verteilung von Arbeit auf mehr Schultern eine Lösung sein könnte... Denn es kann nicht sein, was nicht sein darf.

    PM

  5. #244
    Benutzerbild von DeeTee

    Registriert seit
    19.12.2001
    Beiträge
    1.928

    Daumen hoch

    Zitat Zitat von P.M.
    Aber das an deutschen Unis bis heute mit dem BWL-Wissen der Vor-Globalisierungs-Ära betankte neoliberale Wirtschaft5expertentum will es ja nicht wahrhaben, dass Verteilung von Arbeit auf mehr Schultern eine Lösung sein könnte... Denn es kann nicht sein, was nicht sein darf.
    Vielen Dank, PostMortem, für diesen hervorragenden Beitrag!

    (btw: Ich hatte keine Lust mehr, mich mit Frasier auseinanderzusetzen. Frasier ist in diesem Thread jetzt rund ein halbes Dutzend Mal in seiner Darstellung der Fakten klar widerlegt worden. Ob er irgendwann merkt, dass er eigentlich keine Ahnung hat ...? ).

    DeeTee

  6. #245
    Benutzerbild von frasier

    Registriert seit
    11.03.2004
    Beiträge
    1.112
    Zitat Zitat von PostMortem Beitrag anzeigen
    Mir leuchtet nicht ganz ein, warum Du die Personalzusatzkostenquote Dänemarks so abfeierst
    Eine Zahl nennen ist also Abfeiern. Sehr objektive Wahrnehmung die du hast, Respekt.

    (sie beträgt zwischenzeitlich übrigens nicht mehr 25 sondern nach Stand 2005 34%! Quelle: Institut der deutschen Wirtschaft). Ich bezog mich in meinem Posting beispielsweise auf die industriellen Arbeitsplätze.
    Und wieviel macht die Industrie an der Gesamtwirtschaft aus? Richtig, nur ein Drittel. zwei Drittel sind Dienstleistungen.

    Bei Dienstleistungen kann man nicht wie in der Industrie höhere Kosten einfach durch Produktivitätssteigerungen ausgleichen. Eine Friseuse wird nicht produktiver, wenn sie mehr Geld bekommt.

    Deine Freude über die Lösung vieler Probleme in Dänemark über die Mehrwertsteuer dürfte Dir also im Halse stecken bleiben, da deshalb die Direktentgelte so hoch sein müssen, dass sie diese Steuerlast überhaupt stemmen können. Insgesamt ist die Arbeit dadurch noch teurer als bei uns und es ist nach außen hin jeweils unerheblich, aus welchen Komponenten sich das zusammensetzt.
    Es kommt also auf das gleiche raus, klar. Deshalb sind die ALO-Quoten von D und DK auch gleich.

    Du solltest erstmal lernen, die Faktoren Arbeit und Konsum auseinander zu halten. Arbeit konkurriert international, Konsum findet regional oder national statt.



    Frankreich hat einen Mindestlohn von 8,30 Euro. Wenn Du 8 Euro Mindestlohn in Deutschland für problematisch hältst, hätte es ja jede Menge Bedarf für Verlagerungen vom französischen Lothringen ins deutsche Saarland geben müssen (Deutschland als Billiglohnland Mangels Mindestlohn, welch Ironie!). Warum ist das nicht passiert?
    Willst du behaupten, daß im Saarland die Löhne so niedrig sind wie in Polen oder Tschechien?

    Das andere Länder keinen zweigeteilten Arbeitsmarkt und keine Billignachbarn haben sollen, ist doch ein reichlich schwammiges Argument und kommt etwas konstruiert daher (und widerlegt zudem im Handstreich fast alle neoliberalen Forderungen zur Gesundung des gesamtdeutschen Arbeitsmarktes, denn niedrigere Lohnkosten + Lohnzusatzkosten, längere Arbeitszeit und qualifiziertes Personal gibt es im Osten Deutschlands schon lange - neben den höchsten Arbeitslosenquoten). In den USA, UK und Frankreich gibt es durchaus Regionen, deren Lohn- und Arbeitslosenquotengefälle Deutschland Ost/West vergleichbar ist.
    Ok, das stimmt. Es gibt also überall starke und schwache Gebiete.

    Aber spricht das jetzt für oder gegen einen flächendeckenden Mindestlohn?

    Angenommen 8 Euro sind in München ein angemessener Lohn, dann sind 8 Euro in Mecklenburg sehr viel. Zuviel. Kein Mensch wird in einer infrastrukturell schwachen Region Arbeitsplätze schaffen, wenn er in einer starken Region zum gleichem Preis Leute einstellen kann.

    Damit wird die schwache Region noch schwächer.

    Oder die 8 Euro sind in Mecklenburg angemessen, dann kann man in München davon nicht leben. Bringt also auch nichts.

    Selbst die Grünen haben begriffen, daß man man Regionen und Branchen unterscheiden muss (müsste, ist natürlich nicht kontrollierbar), Kaufkraft und Produktivität sind überall verschieden.

    Eine flächendeckende Lösung ist pure Gleichmacherei, pure Ideologie von Sozialisten.

    Die Briten machen das aus eine anderen Grund, der Staat will sich die soziale Grundsicherung sparen. Ich wünsche viel Spaß, in London vom Mindestlohn leben zu müssen.

    Ist dir überhaupt klar, daß der Mindestlohn gar keine Existenzsicherung ist?

    Garantiert werden 8 Euro pro Stunde. Aber weder eine ausreichende Stundenzahl wird garantiert noch überhaupt ein Arbeitsplatz.

    Wenn ich nur einen Job für 50 Stunden im Monat finde sind das 400 Euro, davon kann ich nicht leben. Dann bin ich immernoch auf das Amt angewiesen.

    Man müsste also auch noch eine Mindeststundenanzahl vorschreiben und ein Grundrecht auf einen Arbeitsplatz. Wie das gehen soll ist mit schleierhaft, außer man führt komplett die Planwirtschaft ein.

    Unser bestehendes Sozialsystem dagegen sichert die Existenz, wer zuwenig verdient bekommt einen Zuschuß. Dieser Kombilohn kann flexibel auf alle regionalen und branchentypische Unterschiede reagieren und setzt nicht den Marktpreis außer Kraft, welchen die Verbraucher auch nur bereit sind zu zahlen.

    Die Existenzsicherung ist Aufgabe des Staates. Länder wie USA oder England zeigen, daß sich das nicht privatisieren lässt.


    Mal noch ein paar Fragen dazu:

    Ist alles was andere ohne Zusammenbruch machen deshalb automatisch richtig?

    Würdest du jemanden einstellen, der 8 Euro pro Stunde kostet, aber nur 5 erwirtschaftet?

    Wird man in grenznahen Gebieten zu Polen und Tchechien noch zum Friseur oder in die Kneipe gehen, wenn man drüben alles sehr viel günstiger bekommt, vor allem wenn man gleich noch billig tanken kann, Zigaretten holen und viele andere günstige Späße veranstalten kann?

    Werden sich dann nicht auch Fahrten von über 50 Kilometern dorthin noch lohnen?

    Warum ausgerechnet 8 Euro? Warum nicht 10 oder 15? Welcher Wert wäre zu hoch?

    Geht es beim Mindestlohn um Existenzsicherung oder um Gerechtigkeit?

  7. #246
    Benutzerbild von DeeTee

    Registriert seit
    19.12.2001
    Beiträge
    1.928
    @frasier:
    Mit dem nötigen Respekt:

    Volkwirtschaftlich ist das, was Du schreibst, schlicht Unfug. Du versuchst letztlich nur, den Statusquo zu rechtfertigen.

    Politisch ist das, was Du schreibst verantwortungslos, denn es orientiert sich ausschließlich an vermeintlichen ökonomische Sachzwängen, die je nach Intention konstruiert werden.

    Moralisch halte zumindestens ich persönlich es darüber hinaus für verwerflich, weil Du alles Denken und Handeln offensichtlich dem Primat der Ökonomie unterstellst. Und das funktioniert bekanntermaßen nicht.

    Dazu würde ich gerne abschließend ein mittlerweile klassisches Zitat von Wolfgang Böckenförde anführen: "Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann."

    Die Konsequenz Deiner Darstellung, frasier, ist eine mehr oder weniger gemäßigte Diktatur der Ökonomie.
    Und das ......... will ich ........... nicht!

    DeeTee

  8. #247
    Benutzerbild von PostMortem

    Registriert seit
    28.12.2004
    Beiträge
    1.997
    Zitat Zitat von frasier Beitrag anzeigen
    Eine Zahl nennen ist also Abfeiern. Sehr objektive Wahrnehmung die du hast, Respekt.
    42?

    Es bringt einfach nichts auf einem Teil des Ganzen herumzureiten, wenn das Ganze keinen Anlass dazu lässt. In diesem Fall lohnte es sich nicht, auf einer niedrigen Arbeitskostenkomponente herumzureiten, wenn die Gesamtkostensumme am Ende eine höhere ist - ganz objektiv. Daran liegt Dänemarks Erfolg also nicht und deshalb ist diese Betrachtung so wichtig.

    Und wieviel macht die Industrie an der Gesamtwirtschaft aus? Richtig, nur ein Drittel. zwei Drittel sind Dienstleistungen. Bei Dienstleistungen kann man nicht wie in der Industrie höhere Kosten einfach durch Produktivitätssteigerungen ausgleichen. Eine Friseuse wird nicht produktiver, wenn sie mehr Geld bekommt.
    Die Friseuse wird vielleicht Wert drauf legen, dass sie eine Friseurin ist. Aber sie wird auf jeden Fall nicht nach China verlagert. Deswegen haben wir wohl auch nicht über sie diskutiert, sondern um die Fach- und Fabrikarbeiter, als es um den Standortwettbewerb ging... und speziell im von mir angestoßenen Diskussionsteil um Dänemark, ging es im besonderen um die geschilderten industriellen Arbeitsplätze. Es war mir nicht bewusst, dass Du die ganze Zeit über Dienstleistung diskutiert haben willst.

    Beim Mindestlohn verhält sich unsere Diskussion kurioserweise umgekehrt. Während er vor allem einigen Friseurinnen helfen dürfte, argumentierst Du so, als würden gerade Produktionsjobs davon betroffen - wobei ein Facharbeiterstundenlohn derzeit um ca. 16€ fast doppelt so hoch liegt wie der diskutierte Mindestlohn und es in Deutschland kaum noch nenenswerte Billigproduktefertigung gibt.

    Und das es für den Konsumenten unterm Strich egal ist, ob er die Friseurin nun über Steuern und Abgaben mit unterhält oder für ihre Arbeit einen adäquaten Preis zahlt, hatte ich bereits erklärt - linke Tasche, rechte Tasche eben. Allerdings spart man sich den behördlichen Umverteilungsapparat.

    Es kommt also auf das gleiche raus, klar. Deshalb sind die ALO-Quoten von D und DK auch gleich.
    Wenn 3,9% (DK) und 8,2% (D) bei Dir gleich sind (Stand 07/2006), dann....

    Du solltest erstmal lernen, die Faktoren Arbeit und Konsum auseinander zu halten.
    ... lächle ich über solchen Übermut als Kaufmann mal milde. Übrigens lehrt uns gerade unsere deutsche Binnenkonjunktur und unser deutscher Arbeitsmarkt, dass es da gar nicht so viel auseinander zu halten gibt, denn der entscheidenden Faktor für den Konsum ist der Faktor Arbeit. Aber das will man natürlich nicht verstehen, wenn die Arbeit zum Leben nicht reichen dürfen soll...

    Eine flächendeckende Lösung ist pure Gleichmacherei, pure Ideologie von Sozialisten.
    Prima, dann können wir das Arbeitslosengeld II mit genau dieser Argumentation ja wieder abschaffen.

    Wird man in grenznahen Gebieten zu Polen und Tchechien noch zum Friseur oder in die Kneipe gehen, wenn man drüben alles sehr viel günstiger bekommt, vor allem wenn man gleich noch billig tanken kann, Zigaretten holen und viele andere günstige Späße veranstalten kann?
    Werden sich dann nicht auch Fahrten von über 50 Kilometern dorthin noch lohnen?
    Was hat das mit dem Mindestlohn zu tun, wo das was Du beschreibst doch schon lange Realität ist?!

    Die Existenzsicherung ist Aufgabe des Staates. Länder wie USA oder England zeigen, daß sich das nicht privatisieren lässt.
    Vorsicht, man könnte das als Plädoyer für ein Grundeinkommen ohne Bedürftigkeitsprüfung oder gesellschaftlich verankerte Quasi-Arbeitspflicht auffassen...

    Ist dir überhaupt klar, daß der Mindestlohn gar keine Existenzsicherung ist?

    Garantiert werden 8 Euro pro Stunde. Aber weder eine ausreichende Stundenzahl wird garantiert noch überhaupt ein Arbeitsplatz.

    Wenn ich nur einen Job für 50 Stunden im Monat finde sind das 400 Euro, davon kann ich nicht leben. Dann bin ich immernoch auf das Amt angewiesen.

    Man müsste also auch noch eine Mindeststundenanzahl vorschreiben und ein Grundrecht auf einen Arbeitsplatz. Wie das gehen soll ist mit schleierhaft, außer man führt komplett die Planwirtschaft ein.
    Es geht darum, dass der der auf einer Vollzeitstelle arbeitet von Arbeit auch leben können sollte. Was Du beschreibst ist etwas anderes (heute: Minijob, geringfügige Beschäftigung) und in eine Mindestlohn-Diskussion doch ein wenig hineinkonstruiert. Aber diese Diskussion ist so müßig wie entlarvend: Du weisst doch selbst ganz genau, dass die Länder die um uns herum einen Mindestlohn eingeführt haben, KEINE Planwirtschaften sind und es der geschilderten Konstrukte nicht bedarf. Was sollen solche theoretischen Horrorszenarien also, wo die Praxis sie doch längst widerlegt hat?

    PM

  9. #248
    Benutzerbild von blutm8

    Registriert seit
    07.11.2006
    Beiträge
    14
    Ich mag mich zwar (momentan) nicht in diese Diskussion einklinken, verdient hätte sie es allemal, möchte mich aber einfach nur mal bei den Hauptakteuren für den köstlichen, teils informativen, teils protagonistischen oder auch populistischen mehrstündigen Lesestoff bedanken.

    LG bluti

  10. #249
    Benutzerbild von Torsten

    Registriert seit
    05.10.2001
    Beiträge
    6.613

  11. #250
    Benutzerbild von PostMortem

    Registriert seit
    28.12.2004
    Beiträge
    1.997
    Zitat Zitat von Torsten Beitrag anzeigen
    Sehr ordentlicher Artikel!

    Allein das Fazit macht Bange: "Nun fragt sich, wer Stiglitz’ Katalog in die Tat umsetzen soll. Denn wenn Amerika als treibende Kraft ausfällt, bleibt allein das vernünftige Selbstinteresse der Nationen."

    Wenn eine Nation gerade wirtschaftspolitisch nicht mehr in der Lage ist ihre vernünftigen Interessen durchzusetzen und sich in seinen Einfluss- und Selbstbestimmungsmöglichkeiten permanent beschneidet und unterschätzt, dann ist das unser Nachkriegsdeutschland, das sich nach '45 und auch '90 selbst nie über den Weg traute und deshalb in der lähmenden EU-Bürokratie mehr als nur gefesselt hat.....

    PM

Ähnliche Themen

  1. Xmal Deutschland
    Von Lutz im Forum 80er / 80s - GOTHIC / DARKWAVE / EBM
    Antworten: 14
    Letzter Beitrag: 12.08.2013, 21:44
  2. Du bist Deutschland!
    Von Engel_07 im Forum OT LABERFORUM / OT SMALL TALK
    Antworten: 76
    Letzter Beitrag: 16.01.2008, 11:36
  3. Fremdenhass in Deutschland!
    Von 666meng666 im Forum OT LABERFORUM / OT SMALL TALK
    Antworten: 69
    Letzter Beitrag: 05.01.2008, 18:01
  4. König von Deutschland
    Von Castor Troy im Forum 80er / 80s - MUSIKSUCHE / SOUND SEARCH
    Antworten: 7
    Letzter Beitrag: 24.02.2004, 16:10