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Quo Vadis, Deutschland?

Erstellt von bubu, 22.12.2004, 18:20 Uhr · 293 Antworten · 19.129 Aufrufe

  1. #251
    Benutzerbild von DeeTee

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    Idee Bürgertum vs. Unterschicht

    Ein lesenswerter Artikel von SPIEGEL online:

    BÜRGERTUM VS. UNTERSCHICHT
    Arbeitslos? Selbst Schuld!

    Von Christian Rickens

    Deutschlands Mittelschicht spricht heute über Arbeitslose, als wären sie Kriminelle. In der öffentlichen Debatte gelten sie nicht mehr als Opfer der Verelendung, sondern als Mitschuldige an der sozialen Krise - die neuen Bürgerlichen wollen sich einreden, dass ihnen selbst so was nie passieren würde.

    Kriminelle sieht die Öffentlichkeit - je nach Zeitgeist - mal als Opfer der Gesellschaft, mal als Sünder. Ebenso ist es mit den Arbeitslosen: Als zu Beginn der achtziger Jahre die Arbeitslosigkeit erstmals seit dem Wirtschaftswunder die Millionengrenze deutlich überschritt, da überwog noch der mitleidige Blick. Arbeitslose, das waren Opfer der kapitalistischen Gesellschaft, ausgespuckt von einem zynischen System der Profitmaximierung. Diese Menschen waren "um ihre Arbeit gebracht worden". Solche Formulierungen, typisch für die damalige Zeit, zeigen: Arbeit galt als etwas, das mir zusteht. Wer sie mir wegnimmt, der ist böse. Und Klaus Lage lieferte den passenden Soundtrack dazu: "Monopoly, Monopoly, die an der Schlossallee verlangen viel zu viel."
    Gut 20 Jahre später, drei Millionen Arbeitslose mehr: Der gesellschaftliche Blick auf Menschen ohne Arbeit hat sich komplett gewandelt. Die neuen Begriffe lauten: "Sozialhilfeadel" oder "Arbeitslosenkarrieren". Es geht nicht mehr um etwas, das diesen Menschen fehlt, nämlich Arbeit, sondern um etwas, das sie bekommen, nämlich staatliche Unterstützung, etwas, das sie zu Unrecht aus der Gesellschaft heraushebt, sie zu "Adeligen" und "Karrieristen" macht. Längst geht es auch nicht mehr um jene Arbeitslosen, die spätestens nach einem Jahr wieder einen neuen Job finden, immerhin sind das rund zwei Drittel. Nein, die Debatte dreht sich fast ausschließlich um das restliche Drittel, die Langzeitarbeitslosen. (...)

    Vom Opfer zum Schuldigen in gut 20 Jahren. Was für eine paradoxe Karriere des deutschen Arbeitslosen! War es bei einer Million Arbeitslosen nicht viel wahrscheinlicher, dass die wenigen Betroffenen eine gewisse Mitschuld an ihrem Schicksal trifft, als bei vier Millionen?
    Es hat natürlich einen Grund, warum Langzeitarbeitslose ihren Opferstatus verloren haben - es gibt einfach zu viele von ihnen, um sie noch zu bedauern. Die Mittel- und Oberschicht beginnt stattdessen, sich von den Verlierern des gesellschaftlichen Wandels abzugrenzen, und die neubürgerlichen Autoren liefern die Argumentationshilfe.
    In der Geschichte der Menschheit gab es wahrscheinlich keine Ungerechtigkeit, die nicht von irgendwem irgendwie rational gerechtfertigt wurde. In den Romanen Tolstois finden sich Szenen von makabrer Komik, in denen sich (meist selbst völlig lebensuntüchtige) russische Adelige über die Notwendigkeit der Leibeigenschaft ergehen: Die Leibeigenen ihre eigenen Äcker bestellen zu lassen führe zu nichts. Das Gesindel sei derart faul, dass es sich nur unter der Knute des Aufsehers zum Arbeiten aufraffe. Alles Geld würden sie vertrinken, keine Kopeke für morgen zurücklegen.
    Es gab diese Leute immer, sie fielen nur nicht so auf
    Disziplinlosigkeit, Zukunftsvergessenheit, Alkoholismus: Alles, was Wüllenweber (Verfasser der sog. Unterschichtstudie. -DT) und Konsorten heute an der Unterschicht beobachten, machten Tolstois Antihelden schon vor 150 Jahre geltend. Es ging ihnen darum, die Existenz der Leibeigenschaft vor sich und dem Rest der Gesellschaft zu rechtfertigen. Heute geht es darum, die Existenz von Massenarbeitslosigkeit zu rechtfertigen.

    Die Angehörigen der wiederentdeckten Unterschicht sind ja nicht alle erst in den letzten 20 Jahren geboren worden. Es gab diese Menschen schon immer, sie fielen früher nur nicht so auf. Bis in die achtziger Jahre hatte in Westdeutschland auch das untere Fünftel der Gesellschaft zumeist einen sicheren Arbeitsplatz, der dem Leben Halt und Struktur gab. Mit den jährlichen tariflichen Lohnerhöhungen konnte auch diese Schicht vom wachsenden Wohlstand profitieren. In Ostdeutschland war Arbeitslosigkeit bis zur Wiedervereinigung ohnehin kein Thema.

    Keine vernünftige Alternative zur Marktöffnung
    Warum aber reichten neun Jahre Hauptschule ohne Abschluss noch vor 30 Jahren aus, um mit der allgemeinen Wohlstandsentwicklung Schritt zu halten, während heute oft noch nicht einmal mehr die Mittlere Reife einen Ausbildungsplatz garantiert?
    Wichtigste Ursache ist die gewaltige Ausweitung des effektiven weltweiten Arbeitsangebots in den letzten zwei Jahrzehnten. Vor einigen Jahrzehnten begannen deutsche Textilfabriken mit neuen Anbietern in Asien zu konkurrieren - und verloren, weil die deutschen Arbeiter natürlich ungleich höher bezahlt wurden.
    Die Entwicklung erfasste nach und nach immer weitere Industriezweige. Auf die Textilindustrie folgten die Unterhaltungselektronik und schließlich auch Stahlwerke wie das in Rheinhausen. Inzwischen sind es nicht mehr nur Hilfsarbeiterjobs, die der Globalisierung zum Opfer fallen. Auch Aufträge in Handwerk und Dienstleistung werden immer häufiger von ausländischen Unternehmen übernommen, die dazu ihre niedrig entlohnten Mitarbeiter nach Deutschland schicken - etwa auf Baustellen oder in Schlachthöfe.
    (...)
    Ungerechtigkeit? Welche Ungerechtigkeit?
    Die volkswirtschaftliche Begründung des Freihandels weist jedoch einen Haken auf, der in der öffentlichen Diskussion meist zu kurz kommt: Durch mehr Handel steigt zwar der Wohlstand aller beteiligten Volkswirtschaften insgesamt. Innerhalb der einzelnen Volkswirtschaften jedoch gibt es sehr wohl Gewinner und Verlierer des Freihandels. Theoretisch reichen die Zuwächse zwar aus, um alle Verlierer angemessen zu entschädigen. Ob und wie weit dies jedoch geschieht - das ist eine politische Entscheidung jeder einzelnen Gesellschaft.
    Die Verlierer des verstärkten internationalen Handels, das sind in Deutschland die Anbieter gering qualifizierter Tätigkeiten. Egal ob es sich dabei um Industriearbeiter oder um kleine Selbständige handelt: Sofern sie noch Arbeit haben, sind ihre Realeinkommen in den vergangenen Jahren gesunken; sind sie arbeitslos, dann wurde vielen von ihnen im Rahmen der Agenda 2010 die Arbeitslosenunterstützung auf Sozialhilfeniveau gekürzt.
    Kurz: Die deutschen Globalisierungsverlierer wurden für ihre Verluste nicht entschädigt.

    Wie gehen wir mit dieser Ungerechtigkeit um? Ist da überhaupt eine Ungerechtigkeit?
    Die einfachste Antwort besteht darin, die zweite Frage zu verneinen. Bisweilen trägt der daraus resultierende Versuch, der wiederentdeckten Unterschicht die Schuld an ihrem Schicksal zuzuschreiben, fast schon absurde Züge. Wenn etwa die neuen Bürgerlichen beklagen, dass Unterschichtangehörige sich selbst um ihre Chance auf gesellschaftliche Teilhabe brächten, weil sie sich nur von ungesundem Fast Food ernährten, zu viel Alkohol tränken, Privatfernsehen schauten und ihre Kinder nicht vernünftig erzögen. Während die wackeren Proletarier früherer Zeiten natürlich ihren Körper beim Sport stählten, sich pausenlos in Lesehallen weiterbildeten, im Arbeitergesangsvereinen die Fahne hoch hielten und ihre Kinder niemals ohne Pausenbrot in die Volksschule schickten.
    (...)
    (Auszüge. Hervorhebung von mir)
    Link: http://www.spiegel.de/kultur/gesells...449792,00.html

    DeeTee -ohne Kommentar-

  2.  
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  3. #252
    Benutzerbild von PostMortem

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    Zitat Zitat von DeeTee Beitrag anzeigen
    Ein lesenswerter Artikel von SPIEGEL online:

    (Auszüge. Hervorhebung von mir)
    Link: http://www.spiegel.de/kultur/gesells...449792,00.html

    DeeTee -ohne Kommentar-
    War gerade auf dem Weg hierher um den gleichen Link zu setzen

    Ja, der Artikel ist sehr lesenswert und mancher Bezug hat mich direkt an einige Gegenpositionen in diesem Thread erinnert.....


    PM

  4. #253
    Benutzerbild von bubu

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    Ein Redakteur im Ressort "Trend" ausgerechnet beim Manager-Magazin schwingt sich auf die sogenannte Unterschicht zu verteidigen? Schreibt über "die neuen Spießer"?

    Glaubwürdigkeit nenn' ich was anderes.

    So berechtigt die Kritik und so gut geschrieben der Artikel auch ist - was mich stört ist die - meiner Meinung nach voll beabsichtigte und zugleich völlig unzulässige - Gleichsetzung des Begriffes "Unterschicht" mit "Arbeitsloser". Insofern ist auch die Pauschalkritik an Walter Wüllenweber unzulässig, ebenso der ihm unterstellte Ekel bei der Beschreibung der sogenannten Unterschicht allzu polemisch. Ich hatte den Wüllenweber-Artikel hier ja auch verlinkt - jeder möge es selbst nachlesen und den angeblichen Ekel darin suchen, er wird ihn nicht finden.

    Was, bitteschön, ist daran zu kritisieren, wenn man auf das Phänomen der Ghettoisierung einer ganzen Bevölkerungsschicht aufmerksam macht??? Christian Rickens undifferenzierte Kritik mutet mir hier doch etwas zu opportun an. Es ist zum Sport geworden, auf das Trittbrett der Aufreger-Diskussionen aufzuspringen, um seinen Namen mal eben in die Medien zu befördern. Alle prügeln auf die "Unterschicht", dann halte ich jetzt einfach mal dagegen - wohlwissend, dass man ich mit meinem wohl platzierten Stich ins mediale Wespennest schon die programmierte Aufmerksamkeit erregen werde. Walter Wüllenweber wird natürlich irgendwann im Stern gegenhalten und - voilà! - schon ist der Name Christian Rickens in aller Munde. Wird wohl auch nicht lange dauern, bis wir Herrn Rickens im Karussel der Abend-Talkshows begrüßen dürfen. Natürlich mit dem entsprechenden Verweis auf sein Buch - versteht sich.

    Zu einfach, sorry.

  5. #254
    Benutzerbild von DeeTee

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    Pfeil

    Zitat Zitat von bubu Beitrag anzeigen
    Ein Redakteur im Ressort "Trend" ausgerechnet beim Manager-Magazin schwingt sich auf die sogenannte Unterschicht zu verteidigen? Schreibt über "die neuen Spießer"?

    Glaubwürdigkeit nenn' ich was anderes.
    (...)

    Christian Rickens undifferenzierte Kritik mutet mir hier doch etwas zu opportun an.
    Hallo Bubu,
    ich stimme Dir zu! Mir fällt in den letzten Wochen ebenfalls auf, dass eine Vielzahl von (Mainstream-)Medien sich auf Distanz zu ihrem bisher teilweise sehr deutlich neoliberalen Kurs begeben. Der SPIEGEL gehört dazu und ebenso die bei Springer erscheinende WELT. Ich bin mir derzeit noch etwas uneinig, ob hier ein sich selbstverstärkender Trend vorliegt (siehe auch Rüttgers und Stoiber entsprechende Äußerungen) oder ob hier mein Medienkampagnendetektor anschlagen sollte. Gehen die genannten Medien nun also auf Distanz zu den letztlich von Bertelsmann initiierten "Sozialreformen" oder ist das hier ein Etikettenschwindel, um etwas für Auflage und Ruf zu tun. Ganz im Sinne der Bundesregierung.
    Ich traue der Diskussion nicht so richtig

    Den deskriptiven Anteil des SPIEGEL-Artikels finde dennoch gelungen. Man bedenke die Zielgruppe SPIEGEL-Leser (Ob die allerdings auch online lesen?)

    DeeTee

  6. #255
    Engel_07
    Benutzerbild von Engel_07
    Warum aber reichten neun Jahre Hauptschule ohne Abschluss noch vor 30 Jahren aus, um mit der allgemeinen Wohlstandsentwicklung Schritt zu halten, während heute oft noch nicht einmal mehr die Mittlere Reife einen Ausbildungsplatz garantiert?
    Eine Frage, die in meinem Kollegium derzeit ganz besonders diskutiert wird.
    Ziel unserer Arbeit ist es zwar generell, Ausbildungsabbrüche zu vermeiden und Azubis erfolgreich durch die Abschlussprüfung zu bringen.
    Momentan sind wir aber zusätzlich damit beschäftigt, Neuntklässlern u.a. mit Hilfe handlungsorientierter Verfahren (Assessmentcenter-Verfahren) ein Kompetenzprofil zu erstellen und entsprechende ausbildungs- und berufsbezogene Perspektiven aufzuzeigen.

    Und da kommt es leider sehr häufig vor, dass man Illusionen zerschlagen muss.
    Sicherlich können hier viele nachvollziehen, dass Jungs im Alter von 15 Jahren gerne Kfz.-Mechatroniker (Symbiose aus den früheren Ausbildungsberufen Kfz.-Mechaniker und Kfz.-Elektroniker) werden wollen.

    Es gibt in unserer Region zwar viele entsprechende Ausbildungsplätze, dennoch gibt es zuviele Bewerber. Das führt dazu, dass ein mittlerer Schulabschluss die Chancen auf einen Ausbildungsplatz im o.g. Bereich deutlich steigert.

    Und nun versuche man, Ausbildungsberufe zu finden, die man einem Hauptschüler mit einem angestrebten Abschluss nach Klasse 9 aufzählen kann,
    in denen er einen Ausbildungsplatz finden kann und in denen er auch erfolgreich sein wird...

  7. #256
    Benutzerbild von PostMortem

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    Zitat Zitat von bubu Beitrag anzeigen
    Alle prügeln auf die "Unterschicht", dann halte ich jetzt einfach mal dagegen - wohlwissend, dass man ich mit meinem wohl platzierten Stich ins mediale Wespennest schon die programmierte Aufmerksamkeit erregen werde. [...] Zu einfach, sorry.
    Ist das die gleiche Logik, nach der linke Politiker auch kein Vermögen oder ein großes Haus haben dürfen, wenn sie ihre Politik glaubhaft vertreten wollen?

    Ähnliche Vorwürfe durfte ich mir hier ja auch schon durchlesen, weil ich häufig mit gegenteiligen Meinungen in Diskussionen eintrete, statt mir und anderen die Zeit mit heftigem Beipflichten zu versüßen...

    Zu einfach? So gesehen ja. Entweder der Mann hat Recht oder hat es nicht. Über irgendwelche unhehren Motive zu mutmaßen macht zwar schonmal Laune, kann die richtige und wichtige Gesellschaftskritik aber nun nicht abschwächen und sollte auch nicht die Diskussion darüber abwürgen. So wie man nicht vor falschem Beifall gefeit ist, wenn man etwas richtiges sagt, muss man einem unbescholtenen Mann und seiner in Buchform geäußerten Meinung erstmal gute Absichten unterstellen. Wenn ein Mitarbeiter eines Tabakkonzerns Dir erklärt, dass es besser wäre sein Kraut nicht zu rauchen, dann unterstellst Du ihm schließlich auch nicht gleich böse Absichten.

    PM

  8. #257
    Benutzerbild von bubu

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    Zitat Zitat von PostMortem Beitrag anzeigen
    Ist das die gleiche Logik, nach der linke Politiker auch kein Vermögen oder ein großes Haus haben dürfen, wenn sie ihre Politik glaubhaft vertreten wollen?
    ...

    So wie man nicht vor falschem Beifall gefeit ist, wenn man etwas richtiges sagt, muss man einem unbescholtenen Mann und seiner in Buchform geäußerten Meinung erstmal gute Absichten unterstellen.
    Mein Punkt ist: Ich glaube seine Motivation ist Eitelkeit. Und ich glaube, hier gibt es auch kein richtig oder falsch - wir reden über Meinungen. ich stimme ihm ja in vielem auch zu. Nur hinterlässt es bei mir einen schalen Nachgeschmack, es von jemandem zu lesen, den ich nicht für glaubwürdig halte.

  9. #258
    Benutzerbild von Torsten

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    Zitat Zitat von bubu Beitrag anzeigen
    Mein Punkt ist: Ich glaube seine Motivation ist Eitelkeit. Und ich glaube, hier gibt es auch kein richtig oder falsch - wir reden über Meinungen. ich stimme ihm ja in vielem auch zu. Nur hinterlässt es bei mir einen schalen Nachgeschmack, es von jemandem zu lesen, den ich nicht für glaubwürdig halte.
    Mir ist es in diesem Fall völlig wurscht, welche Motivation hinter dem Artikel steckt - genau diese Betrachtungsweise war längst überfällig und wurde in der bisherigen Debatte gerne totgeschwiegen. Denn zusammenfassend spricht Rickens genau das an, worauf ich schon vor einem Monat den Blick zu lenken versuchte:
    Ich beobachte in diesem Zusammenhang schon seit längerem eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft, die man u.a. in vielen Internetforen nachlesen kann: Erwerbstätige, die Arbeitslosigkeit häufig mit Arbeitsunwilligkeit gleichsetzen und immer noch an der alten Stammtischparole "wer Arbeit sucht, findet sie auch" festhalten. Und die immer den gleichen Fehler machen: zu glauben, nur weil sie es geschafft haben, müssten andere es auch schaffen - als wenn sämtliche Bürger eine identische Vita hätten und ihre Lebensumstände vergleichbar wären.

    So kommt es dann, dass die Minderheit der Arbeitsunwilligen unter den Erwerbslosen für einen wachsenden Teil der Bevölkerung repräsentativen Charakter hat und diese Meinung bis zu den Volksvertretern (!) durchgereicht wird, die ungeachtet fehlender Arbeitsplätze die Daumenschrauben für Langzeitarbeitslose immer weiter anziehen. Was eine solche Entwicklung für den Zustand der Volksseele bedeutet, kann sich jeder vernunftbegabte Zeitgenosse ausmalen.

  10. #259
    Benutzerbild von PostMortem

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    Zitat Zitat von bubu Beitrag anzeigen
    Mein Punkt ist: Ich glaube seine Motivation ist Eitelkeit. Und ich glaube, hier gibt es auch kein richtig oder falsch - wir reden über Meinungen. ich stimme ihm ja in vielem auch zu. Nur hinterlässt es bei mir einen schalen Nachgeschmack, es von jemandem zu lesen, den ich nicht für glaubwürdig halte.
    Nur mal angenommen es entspräche nicht zu 100% seiner eigenen Meinung was er in seinem Buch vertritt: Warum ist das so wichtig, wenn das was vertreten wird richtig ist und er nicht gerade ein Radikaler oder sonstiger Menschenfeind auf Bauernfang ist? Ist ein Anwalt nicht glaubwürdig, wenn er gegen sein eigenes Gerechtigkeitsempfinden eine milde Strafe für einen Mörder fordert? Ist ein Richter nicht glaubwürdig, der einen Angeklagten nur zum staatsanwaltlich geforderten Höchstmaß verknackt, obwohl er insgeheim lieber viel höher greifen würde? Ist ein Volksvertreter nicht glaubwürdig, wenn er die Sache seiner Wähler vertritt, obwohl er persönlich vielleicht eine andere Meinung hatte oder hat? Soll dieser Author sich doch zum Anwalt einer wachsenden Gruppe von Menschen machen, die keine Stimme haben und kein Gehör finden! Ob die Spende von Bill Gates kam juckt die Tuberkulose in Afrika auch nicht - und mich auch nicht, trotzdem gibts komischerweise Leute die darüber jahrelang diskutieren können. Mir kommt das vor wie Diskussionen über "Arten und Weisen", die immer dann kommen, wenn jemand eigentlich was richtiges gesagt hat, man aber gerne mit der Eröffnung eines Nebenkriegsschauplatzes davon ablenken möchte.

    Ich gehe soweit zu sagen: Es ist mir lieber und erscheint mir vielversprechender, wenn sich irgendein Journalist mit einem gewissen Namen aus Eigennutz für die richtige Sache aufspielt und damit zur Christiansen schleimt, als wenn ein unbekannter Überzeugungstäter aus vollem Herzen ungehört bei eben dieser Sendung gegen den Fernseher anbrüllt. Wir können uns hier die Finger wund schreiben, dieser Mann hat schon jetzt mehr erreicht. Warum ist mir egal, ich würde mir sogar von Leuten Geld, Organe und/oder das Leben schenken lassen, die das aus purem Eigennutz tun

    PM

  11. #260
    Benutzerbild von bubu

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    Ist ja alles richtig, was ihr sagt. Nur mag ich einfach keine Heuchler. Und falls Herr Rickens einer sein sollte, fände ich das bedauerlich und der Sache auch abträglich, wenn sich hier jemand nur auf dem Rücken von Betroffenen profilieren will.

    Ich denke, man muss die Debatte aufmerksam weiter verfolgen und sich sein Buch genauer anschauen. Sollte sich seine Kritik nur auf Kollegenschelte und Anklagen beschränken (das suggeriert ja auch schon der Buchtitel) , um mediale Aufreger zu generieren, bringt das niemanden weiter und dann wird die Diskussion auch ganz schnell wieder verpuffen, nachdem sie einmal durchs Mediendorf getrieben wurde. Zudem die Kritik an Wüllenweber schlicht unfair ist - schaut man sich dessen Artikel an, kommt man zu dem Schluss, dass er einer der wenigen Journalisten überhaupt ist, die früh und kontinuierlich über dieses Thema geschrieben haben. Und ich hab's ja auch schon gesagt - Rickens Gleichsetzung aller Arbeitslosen mit denen, die gemeinhin in der aktuellen Diskussion (und in den Wüllenweber-Artikeln) mit "Unterschichtler" gemeint sind, halte ich für einen von ihm bewusst gewählten Kunstgriff um noch mehr zu provozieren - der die Debatte aber verzerrt.

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