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Quo Vadis, Deutschland?

Erstellt von bubu, 22.12.2004, 18:20 Uhr · 293 Antworten · 19.107 Aufrufe

  1. #271
    Benutzerbild von Torsten

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    Zitat Zitat von frasier Beitrag anzeigen
    Von den Römern stammt die Erkenntnis, daß das Streben nach der höchsten Gerechtigkeit zur höchsten Ungerechtigkeit führt.
    Deshalb ist der Kommunismus auch zum Scheitern verurteilt. Genauso wie der Kapitalismus in seiner jetzigen Ausprägung, nur dass dessen Niedergang sich über einen längeren Zeitraum erstreckt.

  2.  
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  3. #272
    Benutzerbild von frasier

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    Zitat Zitat von Torsten Beitrag anzeigen
    Deshalb ist der Kommunismus auch zum Scheitern verurteilt. Genauso wie der Kapitalismus in seiner jetzigen Ausprägung, nur dass dessen Niedergang sich über einen längeren Zeitraum erstreckt.
    Der Mittelweg zwischen Kommunismus und reinem Kapitalismus kann nur die wettbewerbsorientierte Marktwirtschaft mit gesicherter Existenz sein.

    Das läßt einerseits genügend individuelle Freiheit als auch die nötige Sicherheit, ohne die es keine wirkliche Freiheit gibt.

    Aber eine Alternative zur Marktwirtschaft gibt es nicht, Planwirtschaft ist völlig unproduktiv und Freiwirtschaft geht davon aus, daß Menschen bereit wären, anderen Leuten Geld oder Wertgegenstände kostenlos auszuleihen, was ein Irrtum ist.

  4. #273
    Benutzerbild von DeeTee

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    Ausrufezeichen Lug und Betrug an der Uni ...

    Sehr lesenswert in der Telepolis:
    ...
    Es geht vielmehr um eine Frage, die bislang kaum gestellt wurde: Was ist eigentlich für die Wissenschaft damit gewonnen, wenn immer mehr akademische Abschlussarbeiten aus einer schier endlosen Aneinanderreihung von Textfragmenten aus dem Internet bestehen und gleichzeitig so gut wie kaum noch selbst formuliert wird? Die Stichwort-Suche im Netz kann ja jeder mit Netzzugang und einfachsten Grundkenntnissen durchführen, und auch für die Tätigkeit des Kompilierens und Arrangierens ist keine besondere Vorbildung notwendig.
    ...
    Meine Beispiele zeigen, dass es in der Textkultur ohne Hirn kaum noch notwendig ist, Texte zu verstehen. Es genügt, sie ein wenig zu bearbeiten. Das Ergebnis ist ein dramatischer Qualitätsverlust bei den wissenschaftlichen Arbeiten, eine Unüberprüfbarkeit der Quellen und eine bis dato nicht für möglich gehaltene "kognitive Entlastung" der Autoren: Diese werden zu bloßen Dirigenten von Web-Partikeln. Sie können diese zu einem "wissenschaftlichen" Opus arrangieren, ohne sich mit den Inhalten vertieft auseinandergesetzt zu haben. Selbst das fachspezifischste Wissen wird im Web zum samplingfähigen Allgemeinwissen. Die pragmatische Dimension des Textes geht dabei verloren.
    Wir sollten dringend diskutieren, was dieser von den Universitäten geduldete und oft sogar forcierte neue Umgang mit Texten für den Bereich des Anwendungswissens bedeuten wird. Mit anderen Worten: Welches Wissen ist eigentlich in den Hirnen der "Generation Google-Copy-Paste", nachdem diese die Universität verlassen hat?
    Link: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24221/1.html



    Oh ja! Wie spricht mir dieser Artikel aus der Seele ...

    Ich werde öfters im nichtberuflichen Bekanntenkreis angeguckt wie ein Alien, wenn ich berichte, dass die Fähigkeit, einen selbsterarbeiteten Text von ca. 5 Seiten zu verfassen für viele Studenten/-innen offensichtlich auch im fortgeschrittenen Studium eine große Heraus- bzw. Überforderung darstellt. Es ist aber tatsächlich so. Einen flüssig lesbaren und inhaltlich gutstrukturierten sowie fachlich angemessenen Text eigenständig zu verfassen über einen idR selbstgewählten Untersuchungsgegenstand - das können heute nicht mehr als ein Viertel aller Studenten/-innen zum Zeitpunkt der Zwischenprüfung bzw. des Bachelor. Und ich glaube, dass diese Pseudo-Internet-Bildung ganz wesentlich hierzu beiträgt. In der Schule wird es nicht/nicht mehr/nicht genug geübt (Keine Zeit dafür, sagen die Deutschlehrer/sagen die Fachlehrer.). Die sog. Facharbeiten am Gymnasium in Klasse 12 oder 13 sind zu großen Teilen Plagiate. Und in dem Stil wird dann im Studium weitergemacht, was zum Teil zu absurden Situationen führt.

    Beispiel:
    Der Student muss zum Erlangen eines qualifizierten Seminarscheins eine schriftliche Ausarbeitung zu einem wahlfreien Thema machen (Umfang 8-10 Seiten zzgl. Anhang, Zeitraum ca. 3 Monate) sowie ein Kurzreferat im Seminar über dasselbe Thema halten (ca. 10 Minuten, anschließend 10 Min. Fragen/Diskussion). Nun wird die entsprechende Ausarbeitung möglichst spät abgegeben, manchmal noch mit Krankmeldung zwischendurch verlängert. Und dann werden 1001 Ausreden erfunden, warum der Student/die Studentin nun das Kurzreferat nicht halten kann. Ich gestehe, ich habe das zu Beginn nicht verstanden, denn zumeist waren die schriftlichen Ausarbeitungen recht gut, z. T. sogar sehr gut. Beim nächsten "Prüfungsdurchgang" ist mir dann aufgefallen, dass die Qualität der schriftlichen Ausarbeitung im reziproken Verhältnis zum mündlichen Referat steht - und das in sehr vielen Fällen. Das ließ sich dann nicht mehr als Lampenfieber oder Unpässlichkeit abtun. Da ist der Groschen dann auch bei mir gefallen. Die eingereichten schriftlichen Arbeiten waren Kompilationen anderer Arbeiten bzw. (häufiger) offensichtlich aus im Internet gefunden englischensprachigen Seminararbeiten übersetzt (aktueller Trend, weil schwerer nachweisbar). Das wurde z. T. aber sehr geschickt gemacht, manchmal sogar mit extra eingearbeiteten kleinen Fehlern, damit der Dozent nicht auf dumme Gedanken kommt und was zum Anstreichen hat.

    Und es waren eben auch dieselben Studenten/-innen, die sich mit aller Macht gegen mündliche Prüfungen sträubten. ("Das konnte ich schon beim Abi nicht gut"; "Das ist doch sinnlos, ich werde doch im Berufsleben auch nicht mündlich geprüft."; "Was soll das denn? Das ist doch reine Schikane!"; "Das ist doch reine Willkür! Die Benotung ist doch gar nicht überprüfbar"; "Sie sind doch nur zu faul, die Seminararbeiten zu lesen." usw.

    Letzteres führt jetzt wieder dazu, dass sich die Steuerung des Prüfungsaufkommens pro Dozent im Vergleich zu 10 Jahren zurück quasi umgekehrt hat. Früher waren es die älteren Dozenten, bei denen man im Hauptseminar umfangreiche Seminararbeiten (15-25 Seiten) verfassen mussten, die nicht besonders beliebt waren (weil eben arbeitsintensiv). Heute füllen sich die Seminare jener Kollegen bis zum Anschlag, so dass diese aus zeitökomischen Gründen ihren Anspruch bezüglich der Länge der Seminararbeiten bereits reduziert haben.

    Am unbeliebtesten sind definitiv mündliche Prüfungen, danach Referate mit anschließender Diskussion, Klausuren liegen so im Mittelfeld.

    Letzteres mag daran liegen, dass insbesondere bei längeren Klausuren (Staat5examen, z. B. 4 Zeitstunden) viele Teilnehmer die moderne Technik nutzen, um sich "Gedächtnisstützen" zu basteln, die dann in kurzen Pausen/Toilettengängen etc. herangezogen werden. Insbesondere die Personal Information Manager wie z. B. die Geräte von Blackberry sind da offensichtlich erste Wahl. Da wird in der ersten Toilettenpause angerufen, um die Fragen mitzuteilen und in der zweiten Pause haben dann Kommilitonen die passenden Antworten/Hinweise aufs Gerät gemailt. Meistens reicht das dann zum Bestehen der Klausur.

    Das führt aber leider aktuell zu institutionellen Folgeproblemen. Bekommen in den Seminaren am Ende die Studenten nicht die gewünschen Leistungsnachweise, hat man zwar Ärger mit einigen Studenten, dem ASTA und manchmal mit den Kollegen, aber letztlich interessiert das kein Schwein. Fallen die Studenten durch die Bachelor-Prüfung/Vordiplom/Zwischenprüfung oder schneiden eher schlecht ab, steht dann schnell die Univerwaltung in Form des Dekans auf der Matte, denn diese Abschlussnoten werden statistisch erfasst und universitätsintern veröffentlich (und finden sich dann erstaunlicherweise binnen kürzester Zeit im Internet). Das ist dann schlecht für das Image der Uni und dann bekommt man schon 'mal recht unverblümt gesagt, man solle nicht soviele Kandidaten durchfallen lassen.
    Die Diplom-/Master-Abschlussnoten sowie Staat5examensnoten werden darüberhinaus auch vom Kultusministerium abgefragt ... und dann geht's natürlich wieder die institutionelle Hierarchie hinab. Das könnte in den nächsten Jahren angesichts der universitären Konkurrenzsituation spannend werden ...

    Quo vadis, Deutschland?! Was ist zu tun?

    fragt sich
    DeeTee

  5. #274
    Benutzerbild von Torsten

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    Wir sollten dringend diskutieren, was dieser von den Universitäten geduldete und oft sogar forcierte neue Umgang mit Texten für den Bereich des Anwendungswissens bedeuten wird. Mit anderen Worten: Welches Wissen ist eigentlich in den Hirnen der "Generation Google-Copy-Paste", nachdem diese die Universität verlassen hat?
    Wie ich vor einigen Wochen in einem TV-Bericht sah, lassen einige Universitäten derzeit ein Programm entwickeln, mit dessen Hilfe man (Abschluss-)Arbeiten auf geklaute Textbausteine aus dem Internet absuchen lassen kann. Man hofft, mit dieser Methode denjenigen Studenten auf die Schliche zu kommen, die sich ihre Arbeiten auf die beschriebene Weise zusammenklamüsern.

  6. #275
    Benutzerbild von bubu

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    Und wieder neue Dreistigkeiten in Sachen Arbeitslosenbashing. SPD-Chef Kurt "Problembär" Becks Message, die nun von Bild & Co. durchgenudelt wird: Arbeitslose, wascht euch, schneidet euch die Haare und dann kriegt ihr schon einen Job.

    Was bitte kommt als nächstes? Die "Endlösung" der Arbeitslosenfrage?

  7. #276
    Benutzerbild von DeeTee

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    Pfeil

    Zitat Zitat von Torsten Beitrag anzeigen
    Wie ich vor einigen Wochen in einem TV-Bericht sah, lassen einige Universitäten derzeit ein Programm entwickeln, mit dessen Hilfe man (Abschluss-)Arbeiten auf geklaute Textbausteine aus dem Internet absuchen lassen kann. Man hofft, mit dieser Methode denjenigen Studenten auf die Schliche zu kommen, die sich ihre Arbeiten auf die beschriebene Weise zusammenklamüsern.
    Bei uns wird das händisch gemacht. Aber das Verfahren funktioniert eben nicht, wenn wie von mir beschrieben, anderssprachige Vorlagen benutzt werden. Zum Teil lassen Studenten entsprechende Arbeiten/Aufsätze etc. von Fachleuten übersetzen (Papi zahlt ...) und arbeiten das dann noch ein wenig um. Das ist nur in Ausnahmefällen zu beweisen.
    Und es ärgert mich, weil es zu erheblicher Ungerechtigkeit in Hinblick auf die Abschlussnoten führt, die für die weitere Zukunft der Studenten/-innen äußerst relevant sind.

    DeeTee

  8. #277
    Benutzerbild von ihkawimsns

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    Das Problem betrifft wohl hauptsächlich die Geisteswissenschaften, im naturwissenschaftlichen Bereich ist das weitaus schwieriger. In Seminaren kann das dort auch noch vorkommen, sonstige Ausarbeitungen haben in der Regel einen praktischen Hintergrund, der mehr oder weniger individuell auf die jeweiligen Veranstaltungsteilnehmer zugeschnitten ist.

    Was man gegen Plagiate machen kann? Dazu fällt mir zunächst nur ein, die Themenauswahl einzuengen und sich irgendwelche blöden Themen auszudenken, für die keine (einfache) Lösung im Netz zu finden ist und die zumindest in Teilen eigenes Nachdenken erfordern. Aber das kommt ganz auf's Fach an. Ansonsten halt mehr mündliche Prüfungen, auch wenn das vermutlich mehr Zeit und damit auch mehr Personal erfordert.

    Mündliche Prüfungen habe ich bislang eigentlich immer ganz gern gemacht; natürlich ist der Vorbereitungsaufwand höher als bei einer Klausur, dafür schnitt ich immer um mindestens 1,0 Notenpunkte besser ab als in der entsprechenden Klausur. Das liegt daran, dass in einer mündlichen Prüfung eine viel bessere Kommunikation möglich ist: Anstatt darauf vertrauen zu müssen, dass der Dozent die eigene Denkweise irgendwie nachvollziehen kann, kann man seine Aussage durch Betonungen, Mimik und Gestik unterstützen und wird auch mal schnell auf Denkfehler aufmerksam gemacht, so dass man diese noch korrigieren kann (in einer Klausur unmöglich!). Auch die Atmosphäre in einer mündlichen Prüfung ist wegen fehlenden Zeitdrucks wesentlich angenehmer, wenn man nicht gerade auf dem falschen Fuß erwischt wird.

  9. #278
    Benutzerbild von PostMortem

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    Zitat Zitat von ihkawimsns Beitrag anzeigen
    Das Problem betrifft wohl hauptsächlich die Geisteswissenschaften, im naturwissenschaftlichen Bereich ist das weitaus schwieriger. In Seminaren kann das dort auch noch vorkommen, sonstige Ausarbeitungen haben in der Regel einen praktischen Hintergrund, der mehr oder weniger individuell auf die jeweiligen Veranstaltungsteilnehmer zugeschnitten ist.

    Was man gegen Plagiate machen kann? Dazu fällt mir zunächst nur ein, die Themenauswahl einzuengen und sich irgendwelche blöden Themen auszudenken, für die keine (einfache) Lösung im Netz zu finden ist und die zumindest in Teilen eigenes Nachdenken erfordern.
    Warum hängt man überhaupt so sehr an etwas wie Diplomarbeiten? Es wird seit eh und je Schindluder damit getrieben. Selbst wenn nicht plagiiert wird kann immer noch ein Ghostwriter dahinter stecken. Manche solcher Ghostwriter haben selbst nie eine Uni von innen gesehen und ich persönlich war von den meisten betriebswirtschaftlichen Diplomarbeiten deren Entstehung ich im Freundes- und Bekanntenkreis verfolgt oder begleitet habe nicht gerade beeindruckt (der Prof schon, ne 1,x oder gute 2 gabs immer). Das ist doch eine reine Fleissarbeit wo mit vielen Worten, Tabellen und Grafiken ein meistens wenig Spielraum bietendes Thema langatmig ausgewälzt wird. Und es ist eben kein bisschen Kontrolle da, ob die Arbeit wirklich von demjenigen erstellt wurde der sie dann unter seinem Namen einreicht. Selbst bei nicht von Ghostwritern erstellten Arbeiten wurde doch meistens irgend jemand anders mit eingespannt weil sonst die Zeit knapp wird. Ich kenne da so ein paar Arbeiten und Diplomierte, wo zumindest ein Teil jedenfalls aus meinem OpenOffice stammt....

    Warum vergibt man ein Diplom also nicht so wie viele andere Abschlüsse auch? Mündliche Prüfung und schriftliche Prüfung und gut... die schriftliche Prüfung sollte natürlich darin bestehen das erworbene Wissen anzuwenden und nicht einfach nur runterzubeten. Wenn das gelingt ist der Nachweis doch erbracht, dass das Studium erfolgreich abgeschlossen wurde.

    Wozu also dieses Festhalten an Diplomarbeiten, obwohl die Probleme damit seit langem bekannt sind?

    PM

  10. #279
    Benutzerbild von ihkawimsns

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    Ich vermute mal, dass der Gedanke dahintersteht, Leuten, die eine Uni-Karriere anstreben, beizubringen, wie eine wissenschaftliche Ausarbeitung auszusehen hat. Natürlich hat die Mehrheit der Studenten dies nicht vor und wählt den Weg des geringsten Widerstandes (unter Wissenschaftlerkreisen gibt's aber scheinbar auch noch genug Plagiate). Einfach die Diplomarbeit abschaffen ist aber dennoch schwer - dann muss man nämlich entscheiden, wie man Leute, die in die freie Wirtschaft drängen und sich im Wesentlichen nur schulen lassen sowie Leute, die mehr mit ihrem Wissen anfangen wollen, unter einen Hut bringen will. Die pragmatische Lösung wäre es, beim Bachelor auf eine Abschlussarbeit zu verzichten und lediglich die Masterarbeit zu behalten. Wobei ich allerdings mit dem Bachelor-Master-System überhaupt nichts anfangen kann.

  11. #280
    Benutzerbild von Torsten

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    Über's "ioff" bin ich soeben auf einen SWR2-Beitrag gestoßen, der für mich eine der gelungensten Darstellungen der aktuellen Lage enthält, die ich bislang kenne. Man kann sich den Beitrag wohl per "RealPlayer" anhören, bei mir funzt das momentan merkwürdigerweise nicht. Er liegt aber auch in schriftlicher Form zum Download vor, deshalb habe ich ihn im Anschluss noch zitiert.

    Hier mal der Link (Beitrag "Jung gegen Alt?" vom 22.12.2006):

    http://www.swr.de/swr2/programm/send...se1/index.html

    Zitat:
    "Jetzt ist also das Problem, dass wir zu wenig Kinder kriegen. Wir sterben aus, sagt die Angst. Die Frauen kriegen keine Kinder mehr, weil sie zu emanzipiert sind. Andererseits sind sie in Deutschland auch nicht emanzipiert genug, denn sie bleiben mit Baby zu lange zu Hause, statt sich dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stellen, der sie nicht will."

    Sprecher:
    Mit diesen dürren Worten hat die Publizistin Elke Schmitter unlängst in einem "Spiegel"-Essay ein Schlaglicht auf die aktuelle Generationen-Debatte geworfen.

    Ansager:
    "Jung gegen alt? Politische Bevölkerungsökonomie in der Krise". Eine Sendung von Robert Kurz.

    Sprecher:
    Derzeit wird Frauen ein unpatriotischer Gebärstreik nachgesagt. Sie sollten lieber daheim bleiben und Kinder kriegen, so Karrierefrau Eva Herman in ihrem Bestseller "Das Eva-Prinzip". Aber andererseits sind der Arbeitsverwaltung gerade die vielen alleinerziehenden Mütter ein Dorn im Auge. Sie sollen um jeden Preis wieder in Beschäftigung geschickt werden, damit sie und ihre Kinder nicht vom Staat durchgefüttert werden müssen. Wollen sie aber in Beschäftigung kommen, gelten Kinder in der Hochleistungs-Betriebswirtschaft als Handicap. So bemerkt der Soziologe Karl Otto Hondrich in einem Beitrag für die "Neue Züricher Zeitung":

    Zitat:
    "Wenn Kinder zur Welt kommen, dann konkurrieren sie mit der Wirtschaft um die hoch-qualifizierten Frauen. Selbst wenn Mütter sich weiter im Beruf engagieren, bleiben ihre Kinder für die Wirtschaft ein Ärgernis. Mit ihren Krankheiten, Unfällen, kleinen und großen Lebenssorgen konkurrieren sie mit dem Arbeitgeber um die Präsenz und das Engagement der Mutter. Das liebste Kind der Wirtschaft sind deshalb junge Frauen, die keine Kinder haben. Allerdings verkörpern gerade sie die Drohung, dass Kinder noch kommen werden".

    Sprecherin:
    Gefordert ist anscheinend die Quadratur des Kreises. Aber warum sollen überhaupt mehr Kinder geboren werden? Der aktuelle demographische Alarm-Diskurs verweist vor allem auf die drohende Krise der Sozialversicherung in einer alternden Gesellschaft. Während die Geburtenrate zurückgeht, hat gleichzeitig die seit Wirtschaftswunderzeiten verbesserte medizinische Versorgung die Lebenserwartung gesteigert. Die Alterspyramide beginnt sich auf den Kopf zu stellen: Während der Sockel der nachrückenden Generationen schrumpft, verbreitert sich die Spitze der aus dem Erwerbsleben ausscheidenden Menschen unaufhaltsam.

    Sprecher:
    Diese Entwicklung wird schon seit Jahren als Problem des Generationenvertrags thematisiert. In der solidarischen Sozialversicherung müssen die Beiträge der aktuell Erwerbstätigen die Renten der altersbedingt Ausgeschiedenen finanzieren. "Die Rente ist sicher", so beruhigte einst Norbert Blüm. Was aber, wenn das Gleichgewicht im Generationenvertrag aus den Fugen gerät? 1995 waren es noch vier Erwerbstätige, die mit ihren Beiträgen einen Rentner zu versorgen hatten, heute sind es noch drei, und bis zum Jahr 2050 werden es weniger als zwei sein. Das Gewicht der Alten verdoppelt sich in wenigen Jahrzehnten. Offizielle Schätzungen gehen davon aus, dass die Rentenkosten in absehbarer Zeit das Beitragsaufkommen übersteigen.

    Sprecherin:
    Die Folge ist eine schleichende Erhöhung der Beitragssätze, die den Lohn aufzufressen beginnen. Wenn das so weitergeht, wer soll dann noch die Renten der verteufelt langlebigen Alten finanzieren können? Der Gedanke ist so populär, dass heute kinderlose Paare schon mal von den Nachbarn angemacht werden, weil sie keinen dereinst sozialversicherungspflichtigen Nachwuchs in die Welt setzen. Werden die Jungen nicht den Aufstand proben, wenn sie zunehmend finanziell ausbluten, weil sie immer mehr Alte miternähren müssen? Schon ist die Rede von einem kommenden Klassenkampf zwischen den Generationen. Womöglich könnte es bald heißen: "Stirb schneller, Genosse – du liegst mir auf der Tasche!"

    Sprecher:
    Das Argument ist so sozialdarwinistisch wie gängig, aber es hat einen Schönheitsfehler. Stillschweigend wird davon ausgegangen, dass mehr Kinder heute auch mehr Beschäftigung morgen bedeuten. Die Realität sieht anders aus. Denn die Krise der Sozialversicherungssysteme geht bekanntlich einher mit der Krise des Arbeitsmarktes. Während die Zahl der in Rente gehenden Senioren steigt, erhöht sich auch die Zahl der Arbeitslosen. Das ist das eigentliche Problem. Die biologische Bevölkerungsentwicklung muss als Alibi herhalten, um von den inneren Widersprüchen des sozialökonomischen Systems abzulenken. Während abstrakt die sinkende Geburtenrate skandalisiert wird, beklagte man in der deutschen Lehrstellenkrise 2006 gleichzeitig, dass die noch relativ geburtenstarken Jahrgänge den schrumpfenden Lehrstellenmarkt überschwemmen.

    Sprecherin:
    Ja, was denn nun? Offenbar haben wir es mit absurd gegensätzlichen Imperativen zu tun. Die Sozialpolitik pflegt ihre Lebenslüge, ein neuer Baby-Boom könne an sich schon die zukünftige Krise der Rentenversicherung lösen. Umgekehrt ist der freie Fall der Geburtenrate vom Standpunkt der Arbeitsmarktpolitik geradezu ein Segen, weil auf diese Weise der galoppierende Abbau von Arbeitsplätzen ein wenig biologisch retuschiert wird. Heute wird deshalb gern behauptet, dass ab 2010 gerade infolge der geburtenschwachen Jahrgänge das Angebot an arbeitssuchenden jungen Menschen endlich wieder kleiner sein wird als die Nachfrage der Wirtschaft. Diese Hoffnung macht sich auch Johann Fuchs vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung bei der Bundesagentur für Arbeit:

    Zitat:
    "Krisensituationen sind natürlich immer denkbar. Aber ich wäre an dieser Stelle tatsächlich gar nicht so pessimistisch. Wir müssen zwei Dinge sehen. Wir haben in den letzten Jahrzehnten zunächst einmal einen riesigen Berg zusätzlicher Arbeitskräfte bekommen. Unser Erwerbspersonenpotenzial, das Potenzial an Arbeitskräften ist gestiegen, vor allem weil wir aus demographischen Gründen eigentlich erst mal eine günstige Entwicklung hatten, auch weil mehr Frauen heute arbeiten als früher. Das wurde am Arbeitsmarkt aber im Prinzip gleichzeitig zum Problem, weil nicht gleich viele Jobs entstanden sind. Deswegen der Aufbau von Arbeitslosigkeit. Dass natürlich die Zukunft auch durchaus schlecht aussehen kann, ist unbestritten. Eigene Projektionen und auch Projektionen anderer Institute - unsere eigenen gehen bis ins Jahr 2020 -, die so einen langen Zeitraum abdecken, sind da gar nicht so pessimistisch. Wenn man auch die Globalisierung berücksichtigt, die Rationalisierungsmöglichkeiten: Alles in allem kann man nach den mir vorliegenden Projektionen durchaus davon ausgehen, dass wir bei den Beschäftigtenzahlen in etwa die Größenordnung halten, die wir heute haben, d.h. die etwa gleich hohen Beschäftigtenzahlen treffen auf ein geringeres Potenzial an Arbeitskräften, das dann arbeiten kann und möchte. Das heißt, wir hätten schon Entlastungseffekte."

    Sprecher:
    Aber das Gegenteil könnte der Fall sein, wenn die noch lange nicht ausgeschöpften Prozesse von Rationalisierung und Globalisierung auch langfristig schneller laufen, als die Geburtenrate sinkt; ganz abgesehen von den globalen Finanzblasen-Risiken, die zu abrupten Beschäftigungseinbrüchen führen können. Es ist allerdings nicht nur die strukturelle Massenarbeitslosigkeit, die bei der Unterfinanzierung der Rentenversicherung zu Buche schlägt. Auch die Struktur der nominellen, statistisch erfassten Beschäftigung selbst ändert sich mit wachsender Geschwindigkeit. Der Anteil der sozialversicherungspflichtigen Vollzeitarbeitsplätze sinkt von Jahr zu Jahr, während umgekehrt die Unterbeschäftigung in Form von Teilzeitarbeit und prekarisierten, also unsicheren, schlecht bezahlten und vielfach illegalen Arbeitsverhältnissen, zunimmt. Damit vermindert sich auch fortlaufend das Beitragsaufkommen für die sozialen Sicherungssysteme. Dieses Problem sieht auch Johann Fuchs:

    Zitat:
    "Also ein besonderes Problem, eigentlich bei der gesamten Arbeitsmarktentwicklung, ist der Rückgang der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung, auch wenn es aktuell gar nicht so schlecht aussieht und die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung wieder zunimmt. Es nützt uns gar nichts, wenn hier geringfügig Beschäftigte vermehrt auftreten, wenn wir mehr marginalisierte Tätigkeiten haben; nein, wir brauchen Tätigkeiten, die mindestens gute Teilzeittätigkeiten sind, möglichst Vollzeittätigkeiten, sozialversicherungspflichtig, weil nur aus diesen Jobs entstehen auch wieder Rentenansprüche, und nur diese Jobs werden im Prinzip dann ja später für die Rente verwertet und gewertet. Das ist natürlich ein Riesenproblem, man tut sich auch schwer, es vorherzusagen, wo so etwas entstehen kann und in welchem Umfang es entstehen kann. Eine der entscheidenden beschäftigungspolitischen Herausforderungen wird eben sein, dass vor allem diese, ich nenne es mal guten Jobs, auch künftig wieder wachsen."

    Sprecherin:
    Die Hoffnung, dass sich der Trend umkehrt, könnte freilich ein frommer Wunsch bleiben. Unter dem Diktat der Märkte zur permanenten Kostensenkung neigen die Unternehmen dazu, immer mehr Arbeitsfunktionen aufzusplitten und durch nicht mehr oder nur noch geringfügig sozialversicherungspflichtige Teilzeit- und Honorarverträge zu ersetzen. Wenn die heutigen und die zukünftigen Schulabgänger überhaupt noch eine Beschäftigung finden, treten sie in eine Arbeitswelt ein, deren Bedingungen sich fortlaufend verschlechtern. Diese Tendenz betrifft längst nicht nur einfache Dienstleistungstätigkeiten, sondern zunehmend auch die qualifizierten Bereiche. Inzwischen hat die Prekarisierung sogar schon Hochschulabsolventen ereilt.

    Sprecher:
    Elvira, 28, war ziemlich stolz auf ihren Abschluss als Politikwissenschaftlerin. Sie spricht fließend Englisch, hat ein selbstsicheres Auftreten, ist ungebunden und flexibel bis zum Gehtnichtmehr. Das hat ihr alles nichts genützt. Seit zwei Jahren hangelt sie sich von Praktikum zu Praktikum. Verdienst: zuerst gar nichts, inzwischen stolze 400 Euro im Monat. Und nichts Besseres in Aussicht. Das höchste der Gefühle wäre eine befristete Honorarstelle, vielleicht 800 Euro im Monat. Als Kassiererin im Supermarkt würde sie vielleicht noch mehr verdienen, aber das wäre die endgültige Kapitulation und Entqualifizierung. Sie versucht es weiter und bessert ihr Salär ein bisschen auf, indem sie am Wochenende als Bedienung in einem Café jobbt. Mit der Selbstsicherheit ist es nicht mehr weit her. Ein billiges Einzimmer-Appartement kann sie sich nur leisten, weil Muttern regelmäßig den Kühlschrank füllt, Papa sie das Auto benutzen lässt und Oma die Stromrechnung bezahlt. Zukunft? Keine in Sicht. Kinder? Elvira lacht.

    Sprecherin:
    Tausend Kilometer weiter südlich. Roberto, 32, hat sich auch viel versprochen von seinem Abschluss als Diplomdesigner. Er darf sich nun "Art Director" nennen in einer internationalen Werbeagentur. Verdienst: 800 Euro netto. Das Einzimmer-Appartement in Mailand würde ungefähr genauso viel Miete kosten. Roberto ist aus der Studenten-WG wieder ins "Hotel Mama" gezogen. Diese Rückkehr in den elterlichen Haushalt teilt er mit zwei Dritteln der Italiener zwischen 18 und 35 Jahren. Seine Freundin arbeitet als Sekretärin und verdient 950 Euro im Monat. Fürs Zusammenziehen immer noch zu wenig. Roberto hat als stolzer Art Director wegen der hohen Kontogebühren noch nicht einmal ein eigenes Girokonto. Er benutzt das väterliche und rechnet in der Familie ab. Kinder? Da lacht auch Roberto.

    Sprecher:
    In Deutschland heißen sie "Generation Praktikum", in Italien "Generazione Mille Euro", in Frankreich "génération précaire". Und setzt sich - wohlgemerkt - aus der gebildeten Mittelschichtsjugend zusammen. Am unteren Ende sieht es noch viel düsterer aus. Schon viele Jugendliche mit Realschulabschluss finden keine Lehrstelle mehr, weil sie zunehmend mit Abiturienten konkurrieren müssen. Die Hauptschüler werden vollends chancenlos, ob mit oder ohne qualifizierendem Abschluss. Besonders Jugendliche mit migrantischem Hintergrund fallen aus der Zukunft heraus. Und die unqualifizierten Jobs sind entweder schon abrasiert oder werden von noch billigeren osteuropäischen Saisonkräften besetzt. Die Jungen sind die eindeutigen Verlierer der Globalisierung. Wer aber über lange Strecken seines Erwerbslebens prekär beschäftigt ist oder gar nur noch für ein paar Stunden in der Woche Supermarktregale einräumt, der kann keine Rentenversicherung mehr mitfinanzieren.

    Sprecherin:
    Von wegen Klassenkampf der Generationen seitens der Jungen, die keine Lust mehr hätten, die langlebigen Alten zu finanzieren. In Wirklichkeit ist es genau umgekehrt. Die prekarisierten Jungen werden abhängig von den immer noch hohen Renten und Vermögen der Alten. Sie leben aus zweiter Hand, aus dem Potenzial der Vergangenheit. Gerade die auf "Selbstverwirklichung" getrimmte Mittelschichtsjugend macht sich dabei gewaltige Illusionen. Viele imaginieren sich als "Künstler", als "Kreative", als "digitale Boheme" und als Gewinner der nächsten Finanzblase, während sie eigentlich bloß noch auf die Erbschaft warten. In den nächsten zehn Jahren werden in Deutschland durch Todesfälle ungefähr zwei Billionen Euro an Generationentransfer anfallen. Die wahre Demarkationslinie unter den Jungen ergibt sich nicht aus der Zukunftsfähigkeit durch Qualifikation, sondern daraus, wer wie viel aus dem generativen Vermögenstransfer zu erwarten hat. Es wird nur die finanzielle Substanz aus Wirtschaftswunderzeiten abgeschmolzen.

    Sprecher:
    Und was dann? Die Politik ist auf eine simple Lösung verfallen: nämlich die Verlängerung der Lebensarbeitszeit. In der Bundesrepublik ist es bereits regierungsamtlich als fertig formulierter Gesetzentwurf: Das Renteneintrittsalter soll in mehreren Schritten von 2012 bis 2029 von 65 auf 67 Jahre angehoben werden. Der Plan gilt als Vorzeigeprojekt der Großen Koalition. Andere Länder streben ähnliche Neuregelungen an. In Griechenland diskutiert man sogar darüber, die Rente erst mit Vollendung des 75. Lebensjahres beginnen zu lassen. Aber ist diese Lösung überhaupt eine?

    Sprecherin:
    Auffällig ist, dass Politik und Arbeitsverwaltung mit diesem Konzept eine geradezu halsbrecherische Kehrtwendung vollzogen haben. Denn in den vergangenen beiden Jahrzehnten wurde das genaue Gegenteil praktiziert. Bis vor kurzem war es die Frühverrentung, die als Vorzeigeprojekt galt. Die Älteren sollten möglichst schnell raus aus dem Berufsleben. Diese Regelung wurde mit milliardenschweren Subventionen aus Steuermitteln finanziert. Damals war das Argument, die Älteren sollten ihre Arbeitsplätze doch bitteschön vorzeitig räumen, damit die Jungen bei ihrem Eintritt ins Erwerbsleben nicht vor verschlossenen Türen stehen. Im Fokus hatte man die Krise auf dem Arbeitsmarkt. Jetzt hat das offizielle Problembewusstsein auf die drohende Krise der Rentenversicherung umgeschaltet.

    Sprecher:
    Hier zeigt sich wieder die diametral entgegengesetzte Logik von Arbeitsmarkt und Sozialversicherung. Die Krisenverwaltung kann auf der einen Ebene Löcher nur stopfen, indem sie auf der anderen Ebene neue aufreißt. Bei der Verlängerung der Lebensarbeitszeit wird allein auf die demographische Entwicklung verwiesen, während die absehbare Rückwirkung auf den Arbeitsmarkt anscheinend schlicht aus dem Gedächtnis verschwunden ist. Ein Fall von kollektiver Amnesie der politischen Klasse? Es leuchtet doch ein: Wenn die Rentner in spe zur Nachspielzeit in Fabrik und Büro verdonnert werden, blockieren sie die ohnehin schwindenden Arbeitsplätze für die nachrückenden Generationen. Diese Befürchtung hat zumindest für einen kritischen Zeitraum auch Johann Fuchs:

    Zitat:
    "Also geplant ist ja, dass ab dem Jahr 2012 das Rentenalter nach und nach schrittweise auf 67 Jahre erhöht wird. Nun grundsätzlich, und das ist ja auch eine der Begründungen des Ministeriums, sehe ich eine Rente mit 67 langfristig für erforderlich aus demographischen Gründen. Aber langfristig heißt eben wirklich langfristig, unsere Rechnungen gehen bis zum Jahr 2050. Da sehen wir wirklich extreme Effekte. Zwischendurch kann es ganz anders aussehen. Wir brauchen dann im Jahr 2020 oder 2030 ein, zwei, vielleicht drei Millionen mehr Arbeitsplätze zusätzlich; d. h. eine Entlastung, die demographisch möglicherweise erfolgt, wird schwächer."

    Sprecherin:
    Die Frage ist allerdings, ob die Wirtschaft bei der politisch inszenierten Verlängerung der Lebensarbeitszeit überhaupt mitspielen wird. Die Frühverrentung lag auf der Linie der Personalpolitik in Krisenzeiten, die umgekehrte Neuregelung dagegen liegt quer dazu. Aus betriebswirtschaftlichen Leistungsgründen will eine wachsende Zahl von Unternehmen weder ausbilden noch Ältere einstellen. Gefordert sind die berüchtigten dynamischen Olympiakämpfer um 25 mit Diplom und Berufserfahrung. Wo die herkommen sollen und wer ihre Ausbildung bezahlt, gilt als das Problem der Gesellschaft, nicht der Unternehmen. In der Bundesrepublik arbeitet bereits in der Hälfte aller Betriebe niemand mehr, der älter als 50 Jahre ist.

    Sprecher:
    Wenn die Widersprüche sich zuspitzen, hat die Krisenverwaltung ein letztes Zauberwort parat: Privatisierung. Für die Rentenversicherung bedeutet das die allmähliche Umstellung vom Generationenvertrag auf individuelle Vorsorge. Der Kapitalismus entlässt auch in dieser Hinsicht seine Kinder aus der gesellschaftlichen Verantwortung; das Problem der Altersversorgung wird sozusagen ausgewildert auf die Finanzmärkte. Wenn die staatlich organisierte Rente nicht mehr zum Überleben reicht, soll man sich im Alter aus der Finanzblasen-Ökonomie miternähren. In der Bundesrepublik hat die Riester-Reform von 2001 die Weichen in diese Richtung gestellt. Was viele nicht wissen: Die staatliche Rente orientiert sich inzwischen nicht mehr an den akkumulierten Ansprüchen, sondern an den realen Einnahmen der Rentenversicherung. Deshalb wird das Niveau der staatlichen Alterssicherung in Zukunft automatisch gesenkt. Die schrumpfenden Bezüge sollen durch die private Vorsorgesäule der Riester-Rente gestützt werden.

    Sprecherin:
    Aber schon bei den jetzigen Berufstätigen sind die privaten Verträge und Einzahlungen für die Riester-Rente höchst ungleichmäßig verteilt. Zwar gibt es staatliche Zuschüsse für Familien mit Kindern und Steuervergünstigungen für Singles. Trotzdem bleibt die Riester-Rente eine Vorsorge für Leute mit relativ hohen Gehältern. Die Millionen von geringfügig Beschäftigten und Prekarisierten können sich Riester-Verträge entweder gar nicht leisten oder erst dann, wenn sie vielleicht im späten Berufsleben aus der Prekarisierung herauskommen. Und das gilt bestenfalls für Leute mit akademischen Abschlüssen. Viele Menschen, die schon jetzt von der Hand in den Mund leben, werden leer ausgehen. Für die Zukunft läuft das auf eine tiefe soziale Spaltung der Altersbevölkerung hinaus.

    Sprecher:
    Aber das ist noch nicht alles. Denn die private Riester-Zusatzrente auf Kapitalbasis ist auch mit einem privaten Finanzrisiko behaftet. Das haben Kapitalmärkte nun einmal an sich. Die Riester-Rente ist keineswegs ein Gütesiegel, auch wenn es dabei wieder einmal heißt: "Die Rente ist sicher." Zwar gibt es für sämtliche Riester-Produkte eine Zertifizierung nach gesetzlichen Vorschriften; geprüft wird aber nur die allgemeine Förderfähigkeit hinsichtlich der staatlichen Zuschüsse und Steuervergünstigungen. Damit sind aber keineswegs alle Risiken ausgeschlossen. So schreibt der Wirtschaftsjournalist Martin Ahlers in der Wochenzeitung "Die Zeit":

    Zitat:
    "Nicht untersucht wird dagegen, ob der Anbieter Mitglied in einem Einlagensicherungsfonds ist, ob sein Altersvorsorgevertrag wirtschaftlich tragfähig ist und ob er seine Zusagen erfüllen kann. Deshalb sollten sich Anleger unbedingt selbst über die Bank oder Sparkasse informieren, bei der sie jahrzehntelang für ihr Alter vorsorgen. Sonst könnte auch die Riester-Rente zur sehr unsicheren Altersvorsorge werden – trotz staatlicher Förderung."

    Sprecherin:
    Selbst bei Mitgliedschaft der Anbieter von Riester-Produkten in einem Einlagensicherungsfonds können aber weitere Risiken drohen. Denn die Einlagenfonds garantieren bei Konkursen keineswegs eine volle Absicherung. Das ist auch bei anderen Finanzanlagen so. Finanzmärkte sind grundsätzlich fragil, und erst recht in Zeiten von weltweiten Finanzblasen wie heute. Hier werden Voraussetzungen und Hochrechnungen gemacht, die über Jahrzehnte hinweg alles andere als haltbar sind. Im Ernstfall müssen die Riester-Rentner mit erheblichen Abschlägen rechnen. Das Risiko bezieht sich vor allem auf die Auszahlungsphase. Dazu noch einmal Martin Ahlers:

    Zitat:
    "Allerdings könnte bei einer Schieflage der Fondsgesellschaft die für die Auszahlungsphase zugesagte Rentenhöhe gefährdet sein. So ist es durchaus vorstellbar, dass einzelne Anbieter auf der Jagd nach Kundengeldern sehr hohe Garantien geben, die sie dann nicht einhalten können. Konstante oder gar steigende Renten wären in diesem Fall nicht mehr gewährleistet. Aktienbasierte Fondssparpläne bieten sich ohnehin nur für risikobewusste Riester-Sparer an. Wobei der Sicherheitsaspekt umso bedeutsamer wird, je näher das Rentenalter bevorsteht."

    Sprecher:
    Wirklich entzückend. Bei der privaten Kapitalisierung der Altersvorsorge, die ausgerechnet in der Phase der Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen auf den Weg gebracht wurde, muss das Vorsorgegeld nicht bloß von sinkenden Löhnen abgezwackt werden. Die Vorsorgebewussten sollen sich auch noch in Finanzexperten verwandeln, die bis zum Ende ihres unsicheren Erwerbsdaseins mit Argusaugen die Risikofaktoren ihrer privaten Einlagefonds beobachten, um nicht am Ende düpiert dazustehen. Die allmähliche Verwandlung des Generationenvertrags in eine individualisierte Anlegermentalität ist jedoch politisch und ökonomisch gewollt, weil die staatliche Rentenversicherung keine Garantien mehr abgeben kann.

    Sprecherin:
    Einen Schritt weiter schon geht die westliche Führungsmacht USA. Dort wurde erst in der Roosevelt-Ära von 1933 bis 1945 im Zuge des New Deal eine allgemeine gesetzliche Rentenversicherung eingeführt, die Social Security. Derzeit sind mehr als 52 Millionen Amerikaner Empfänger solcher Leistungen. Die Altersbezüge liegen allerdings viel niedriger als hier zu Lande, bei höchstens 30 Prozent des zuletzt erreichten Gehalts. Und die private Sparquote ist in den USA im letzten Jahrzehnt ständig gesunken. Schon jetzt steigt deshalb die Altersarmut wieder an. Gleichzeitig stellt sich die Lage der staatlichen Rentenversicherung besonders dramatisch dar. So heißt es in einem Report der "Neuen Züricher Zeitung":

    Zitat:
    "Der amerikanische Zentralstaat steuert nicht nur auf eine Finanzierungslücke im öffentlichen Pensionssystem ganz allgemein zu, sondern auch bei den zukünftigen Pensionsansprüchen seiner eigenen zivilen und militärischen Angestellten. Dafür wird im Haushalt bis jetzt kaum etwas auf die Seite gelegt. Gemäß Angaben von 'Standard & Poors' betrug die Deckungslücke per Ende September 2005 rund 4,5 Billionen Dollar. Das ist alles andere als eine Bagatelle. Der Betrag entspricht rund 35 Prozent des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts."

    Sprecher:
    Die Administration von Präsident Bush plant deshalb wie in der Bundesrepublik eine schrittweise Erhöhung des Renteneintrittsalters von 65 auf 67 Jahre. Im selben Atemzug will Bush die Altersvorsorge ziemlich abrupt auf Vollprivatisierung umstellen. Die geplante Reform des Sozialversicherungssystems sieht vor, dass jüngere Beschäftigte ihre Beiträge künftig statt in die Social Security auf ein privates "persönliches Rentenkonto" ähnlich der Riester-Rente einzahlen. Ideologisch wird diese Umstellung als Vision einer "Eigentümergesellschaft" propagiert. In den USA haben diese Pläne heftige Debatten und Ängste ausgelöst. George Ross berichtet darüber in "Le Monde diploma-tique":

    Zitat:
    "Der wichtigste praktische Einwand gegen den Bush-Plan betrifft die Kosten des Systemwechsels. Denn zunächst werden die Beiträge statt in die allgemeine Sozialversicherung, die noch die laufenden Renten zahlt, auf die persönlichen Konten umgeleitet. Dies würde eine Deckungslücke von mehr als einer Billion Dollar aufreißen. Wo das Geld herkommen soll, ist noch völlig unklar."

    Sprecherin:
    Wie man es auch dreht und wendet: Es scheint derzeit keine Lösung zu geben, die ohne die furchterregende Perspektive auskommt, dass das sozialökonomische Generationenverhältnis in den kommenden Jahrzehnten zusammenbricht. Die demographische Tendenz kann dafür nicht als Letztbegründung herhalten. Denn die materielle Produktivität der Gesellschaft ist so hoch, dass auch eine wachsende Altersbevölkerung ausreichend mit Lebensmitteln, Wohnung und Kulturgütern versorgt werden könnte. Das Problem ist die gesellschaftliche Organisationsform, in der die Lebensbedürfnisse durch das Nadelöhr der berühmten "Finanzierbarkeit" hindurch müssen. Finanzierbarkeit aber stellt sich nur ein, wenn genug Geld direkt oder indirekt aus der Verwertung menschlicher Arbeitskraft abgeschöpft werden kann.

    Sprecher:
    Es ist die arbeitsgesellschaftliche Basis, die obsolet und zur Fiktion wird. Essen soll nur, wer arbeitet oder ausreichend lange gearbeitet hat. Durch die dritte industrielle Revolution wird aber nicht nur die Produktivität beispiellos gesteigert, sondern gerade dadurch in wachsendem Ausmaß Arbeit überflüssig gemacht oder prekarisiert. Das ist das eigentliche Schlüsselproblem, das zum Ende des Generationenvertrags zu führen droht. Nicht Jung gegen Alt ist die Perspektive, sondern ein Übergang zur Massenarmut quer durch alle Generationen. Die betriebswirtschaftliche Rationalität ist unfähig, auf die von ihr selbst erzeugten gesellschaftlichen Probleme zu reagieren. Gemäß ihrer eigenen Logik kann sie immer nur Kosten externalisieren. Das gilt für die ökologische Krise ebenso wie für die Krise im Generationenverhältnis. Wenn die globalisierte Gesellschaft nicht in eine Selbstzerstörung einmünden soll, wird es tieferer Eingriffe in ihre Organisationsform bedürfen, als es die gegenwärtige pragmatische Durchwurstelungspolitik für wahr haben will.

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