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Randale in Frankreich

Erstellt von 80sgirl, 06.11.2005, 16:38 Uhr · 85 Antworten · 5.733 Aufrufe

  1. #21
    Benutzerbild von ihkawimsns

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    McFly postete
    1. Der Innenminister wird den Teufel tun. Seine Äußerungen waren nicht i.O., dafür muss er sich entschuldigen bzw. seine Aussagen relativieren. Aber zurücktreten? Nein! Wär ja noch schöne, wenn jetzt schon eine Handvoll betrunkener Kinder-Rowdies das Kabinett bestimmt. Daher: Rücktritt wäre genau die falsche Botschaft. Das käme einer Einladung zur weiteren politischen Erpressung gleich.
    Das wäre vielleicht so, wenn es nur den Konflikt zwischen der Regierung und den Aufständischen gäbe. Dem ist aber nicht so. Innerhalb der Regierungspartei toben schon seit längerem heftige Grabenkämpfe um die Nachfolge Chiracs, da Sarkozy und de Villepin beide scharf auf Amt des Präsidenten sind. De Villepin ist Sarkozys Vorgesetzter, und auch Chirac favorisiert wohl eher seinen Premier als den Innenminister. Wenn sich den beiden eine gute Gelegenheit bietet, Sarkozy abzusägen, ohne die innerparteiliche Geschlossenheit zu riskieren, werden sie diese nutzen. Um so besser, wenn man damit gleichzeitig dem Aufstand zumindest kurzfristig den Wind aus den Segeln nehmen kann - das schafft Zeit.

    Sinnvollerweise sollte die damit verwendet werden, ernsthafte Lösungen für die soziale Schieflage in Frankreich zu erarbeiten. Aus Spaß an der Freude randalieren die jedenfalls nicht. Allerdings befürchte ich viel mehr, dass man wieder zum Tagesgeschäft übergeht, sobald die Unruhestifter keinen Bock auf Krawall mehr haben und maximal die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt (Aufstockung der Polizei bzw. Armee, Beschneidung bürgerlicher Freiheitsrechte etc.).

  2.  
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  3. #22
    Mumie
    Benutzerbild von Mumie
    Also für mich ist eins klar:
    Die Probleme kommen nicht von ungefähr und schwellen schon lang und ich kann die (hauptsächlich) Jugendlichen auch in einen gewissen Rahmen verstehen!!

    Aber!!!!!!Gewalt löst nichts und ist nicht akzeptierbar!!!Wo kommen wir hin wenn toleriert wird das Kindergärten,Schulen,Autos zerstört werden(ich stelle mir gerade vor was mir durch den Kopf gehen würde wenn ich in der früh mein schwer abgezahltes Auto,abgefackelt vorfinden würde).
    Man müsste mehrgleissig fahren:
    1.Der Innenminister müsste sich führ sein Wortwahl offiziell bei den Jugendlichen entschuldigen(aber auf keinen Fall zurück treten,dass währe das falsche Signal)
    2.Es müssten sofort Gespräche mit den Menschen geführt werden besonders,bei denen die Einfluss auf die Jugendlichen haben(z.b Stichwort:Moschen)
    3.Es müssten Sozialprogramme angekündigt(und so bald wie möglich in Angriff genommen werden).
    4.Bei denen die dann noch immer randalieren und keinen guten Willen zeigen muss null Toleranz gezeigt werden(im Notall wenn es nicht anders geht,mit einen zeitweilligen nächtlichen Ausgangssperre).

    Und die Medien sollten sich hinter die Ohren schreiben bestimmten Randalieren,nicht immer wieder eine Möglichkeit zu geben sich zu profilieren in dem sie den Jugendlichen,die nur auf Randale (Stichwort:Lebenseinstellung )aus sind,eine Kamera vor die Nase zu halten wo sie dann ihre politische möchtegern Botschaften rein sprechen können(in diesen Fall und auch z.b bei Sprayern,heute gesehen)!

    Auf lange Sicht muss sich aber mehr tun(die aufbauenden Parrallelwelten sind kein gutes Zeichen,besonders wenn es immer mehr perspektivlose darin gibt)!

  4. #23
    Benutzerbild von PostMortem

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    Hmmmm.......

    Hier lese ich auch wieder viel Unverständnis über die Lage in Frankreich (80s girl) und sehe den Ruf nach hartem Durchgreifen (McFly). Auf der anderen Seite lese ich, dass es hier in absehbarer Zeit auch so aussehen wird (Torsten & Co.)

    Wie sollte es anders sein.... Ich bin der Meinung, dass beide Seiten da nicht ganz richtig liegen und da auch wieder typisch deutsch gedacht wird, nämlich schwarz ODER weiss und vor allem aus unserer wohl behüteten, aber stehts ultra-miesepetrigen und pessimistischen deutschen Perspektive heraus. Ich war in den letzten Jahren sehr viel in den Niederlanden, Belgien und Frankreich unterwegs. Hierbei war ich "zufälligerweise" besonders viel in den runtergekommenen ehemaligen Arbeiterbezirken unterwegs. Ich kenne in Deutschland verlorene Stadtteile und viertel aus dem Ruhrgebiet, z. B. in Duisburg-Rheinhausen, -Bruckhausen oder -Meiderich, in Essen-Katernberg usw. Wenn ich dort mal durch fahren oder gar laufen musste, spöttelte ich auch immer, dass das doch alles nicht wahr sein kann und man sich vor kommt wie in Klein-Istanbul.

    Aber das ist eben auch der Unterschied... die Buden sind alle runtergekommen, manches Haus ist vernagelt, aber dort spielen Kinder und vor jedem zweiten Haus steht Papa Özgentürks 2. oder 3. Hand C- oder E-Mercedes und Özgentürks Juniors tiefergelegter 3er BMW. Das schlimmste was dort passieren kann, ist das lediglich ein Golf III mit abgestoßenen BBS-Felgen dazwischen steht, aber es ist dann auf jeden Fall ein umso schönerer "Trabzonspor"-Aufkleber in der Heckscheibe verklebt. Kinder spielen auf der Straße und es herrscht überhaupt auffallend viel Leben auf der Straße. Überall gibts Stübchen, wo angegraute Männer bei dröhnendem Fernseher ihren Tee trinken. Die Leute sind einem zunächst aufgrund ihrer schieren Masse auf ansonsten ja eher ruhigen Wohnstraße suspekt, aber harmlos. Den Kulturkampf um zwangsverheiratete Frauen, Kopftuch und Co behandle ich jetzt mal bewusst nicht, denn der hat mit unserem Thema erstmal nichts zu tun. Allerdings muss man dazu sagen, dass wir deutsch geborenen oftmal genauso wenig traurig sind, dass diese Parallelkultur dort etwas abgeschottet vor sich geht, wie die Leute selbst froh sind, dass man sie das dort in Ruhe tun lässt.

    Was wir dort erleben, sind die von unseren Politikern angeprangerten Parallelgesellschaften. Und weil dort Autos von Luxusherstellern auf den Straßen stehen, sind die Leute noch lange nicht reich. Viele können kein Wort deutsch, viele dort lebende Frauen wissen nichtmal, wie es drei Kilometer weiter aussieht und die Jugendarbeitslosigkeit ist auch hier relativ hoch, da die wenigsten Nachkommen aus diesen Bezirken einen guten Schulabschluss schaffen - meistens wegen schlechter Sprachkenntnisse. *DAS* sind unsere Hauptprobleme die wir mit diesen Vierteln und den Leuten haben, ABER die sind nur in unseren Maßstäben riesig und berdrohlich. Denn diese Leute sind auch wieder nicht arm. Sie leben meistens schlichtweg in größeren Gemeinschaften als wir Durchschnittsdeutsche und teilen sich manche Anschaffung und den Unterhalt ihrer Unterkünfte. Diese Familien halten länger zusammen. Söhne und Töchter gehen frühestens aus dem Haus wenn sie heiraten. Es lässt sich so ganz gut leben, egal ob der Lebensunterhalt aus Arbeit oder Sozialleistungen oder dem meistens vorhandenen Mix dieser "Erwerbsarten" in der Familie stammt. Und wie gesagt: Man ist den Deutschen nicht wirklich böse, dass man dort so schön traditionell leben darf. Ganz im Gegenteil, man freut sich fast, dass vieles was hier möglich ist, selbst in der Türkei bereits verboten ist (z. B. in der Schule ein Kopftuch zu tragen).

    Ja, diese Leute leben aus unserer Sicht rein materiell betrachtet oft auf einem niedrigeren Standard als der normale, in Arbeit und mit einem Durchschnittseinkommen vershene Deutsche. Sie wohnen in schlechteren Vierteln und sie leben in ihrer "schlechteren", weil weniger freien Kultur. Doch Tatsache ist, dass selbst sie in der Welt einen der höchsten Lebensstandards pflegen, obwohl sie in Deutschland zur unteren Schicht gehören und wir uns den "Luxus" gönnen, solche Viertel als soziale Brennpunkte zu definieren. "Luxus" deshalb, weil wir schon ganz schockiert darüber sind, dass da ein paar gelangweilte Jugendliche gammeln, die eine oder andere Prügelei um Nichtigkeiten dort stattfindet, der Drogenkonsum dort höher ist als im Schnitt und schonmal dem einen oder anderen seine Jacke als Wegezoll abgepresst, ein Fahrrad geklaut oder das Auto zerkratzt wurde. Und aus diesen für deutsche Verhältnisse völlig ghettoisierten Verhältnissen steigen mittlerweile sogar als fast authentisch angesehene "deutsche" Gangsta-Rapper nach US-Vorbild auf und freuen sich ihren zumeist türkischen Hintern ab, wenn ihr ach so jugendgefährdender Song rund um den Analverkehr indiziert und ihre Musik trotzdem und gerade deswegen verkauft wird wie geschnitten Brot - das ausgerechnet diese Ghetto-Kinder der deutschen Sprache so wortgewaltig mächtig sind, scheint nicht stutzig zu machen und die Idee, dass sich hier ein Klischee und ein Geschäftsmodell gegenseitig pflegen und verstärken, scheint beim Vergleich mit der eigenen Umwelt absurd. Die Außenstehenden wissen jedenfalls angesichts dieses Verfalls von Anstand und Sitte: Ohje, es wird immer schlimmer in Deutschland! Bald bekommen wir hier amerikanische Verhältnisse...

    Nun will ichs auch nicht verharmlosen, einer Frau kann man nicht empfehlen nachts allein durch so einen Ort zu gehen. Und es wird immer befremdliche Begebenheiten geben, wie die der jungen Frau, die in Hamburg von einem Türken vor die S-Bahn gestoßen wurde, weil sie als Blitzableiter gerade recht kam und ja selbst Schuld war abends noch im Bahnhof unterwegs zu sein, wo es doch keine Brüder gibt, die auf sie aufpassen.

    Doch letztendlich - und damit will ich den Kreis nach dieser Ausführung wieder schließen - sind all die Dinge, die wir hier im Bezug auf unsere vermeintlichen "Ghettos" kennen, ein 10 Nummern kleinerer Witz, gegenüber dem, was man bei unseren Nachbarn sehen kann. Es gibt in Belgien und Frankreich Ecken, die kann man sich hier in Deutschland einfach nicht vorstellen. Was wir hier schon als "Gang" von Jugendlichen wahrnehmen, ist lediglich ein lachhaftes Abziehbild dessen, was man dort sieht. Was wir hier als Verwahrlosung kennen, ist lediglich eine Vorzeigesiedlung von Immigranten - wenn sie denn dort stehen würde. Es gibt Ecken die stinken, als wären dort vor Wochen 10 Leute gestorben. Aber es sind nur die riesigen Hundeklos der riesigen aber zumeist drahtigen Köther mit riesigen Zähnen, die dort überall ohne Herrchen rumstreunen und einem eine gehörige Angst einjagen. Wenn Du jemanden anguckst, dann hast Du eigentlich schon fast den ersten Stein geschmissen. Es gibt da nur zwei Extreme: Leute denen alles egal ist und Leute die wegen jedem nichtigen Grund direkt aggresiv werden. Etwas besser ist es da, wo die Häuser kleiner und die Straßen immer menschenleerer werden. Dort scheint man es vorzuziehen sich gar nicht auf die Straße zu begeben um jedem Ärger aus dem Weg zu gehen. Die Siedlungen sind in etwa auf "wir warten auf den Abrissbagger und hier wohnt schon lange keiner mehr"-Niveau. Das sind dort wohl die Viertel, wo man noch etwas Hoffnung hat, dass malwieder bessere Zeiten kommen könnten.

    Ich habe in Deutschland vergleichbares noch nicht gesehen und ich kann mir auch bei aller schlecht gemachten Integration nicht vorstellen, dass wir hier so etwas zu lassen würden. Wir jammern hier wiedermal auf sehr hohem Niveau und glauben angesichts der Bilder aus anderen Ländern nur, uns da irgendwie wieder zu erkennen. Während wir jammern, dass die eine oder andere Freizeit- und Jugendeinrichtung Pleite ist, vielleicht zu gemacht wird oder irgendwelche Betreuungseinrichtungen ausgedünnt werden könnten (was schlimm genug ist, klar), müsste es andernorts erstmal etwas zum zu Machen oder Einsparen geben, um auf vergleichbar "schlechtes" Niveau aufzusteigen. HIERzulande entsteht seit Jahren an jeder Ecke eine Skaterecke, manche Städte haben dafür mittlerweile gar eine Halle freigegeben. Wie gesagt... hier jammert man auf sehr hohem Niveau, während in manchem Eckchen Frankreichs die einzigen Freizeitmöglichkeit die Natur selbst vorgibt, z. B. die dort meistens von Herren mittleren Alters, ihren Frauen und Kindern völlig überlaufenen und überfischten Angelteiche - nix für Jugendliche die was Erleben wollen.

    Um uns da vergleichen zu können, geht hier alles noch viel zu menschlich von statten, geben wir noch viel zu viel Geld aus und findet sich für jeden Missstand solcher Art noch eine Partei oder ein Verein die laut Skandal ruft und für Abhilfe sorgt. Die ganz tiefen Abgründe des Lebens findet man in Deutschland nur unterhalb des Obdachlosenzeitungsverkäufers und das wird auch noch lange so bleiben, selbst wenn wir noch jahrelang so weiter wurschteln wie bisher.

    Das sollten wir natürlich nicht. Denn wir sollten uns angesichts der Finanzlage und der seit 30 Jahren allgemein nach unten zeigenden Entwicklung bloß nicht zufrieden geben. Sonst landen wir natürlich irgendwann auf weitaus niedrigerem Lebensniveau als heute und würden zwangsläufig eine rasende "verslumung" erleben. Was wir hingegen heute haben, ist ein m. E. kaum zu vermeidendes soziales Gefüge, wenn schlechte, nicht fordernde Integrationspolitik auf Integrationsresistenz stößt. Materiell hat sich das hierzulande aber nie so negativ ausgewirkt, wie in unseren Nachbarländern, weil Deutschland sich bei allem Wehklagen, immer ein Stück mehr Sozialpolitik und soziales Netz geleistet hat - bis heute, allen Streichungen zum Trotz.

    Wir werden deshalb a) auf die Frage ob sowas auch in Deutschland passieren kann, natürlich von vielen TV-Experten und Journalisten hören, dass sowas passieren kann. Nach unseren Maßstäben ist das was in Frankreich abläuft, ja auch nicht so wahnsinnig oberhalb der "Chaostage" von Hannover anzusiedeln. Ist es aber eben doch.... wir kapieren das nur anscheinend noch nicht und begreifen nicht die Dimensionen der Gewalt in Frankreich, für die hier in Deutschland gar nicht genug Nährboden und Motivation da ist, um so eine Zerstörungswut tagelang zu befeuern. Andererseits sehen wir das alles eben b) genau aus dieser Perspektive. Für uns ist das unverständlich, unbegreiflich. Wenn sowas hier stattfände, würden wir nach unserem nie so ganz geliebten Innenminister rufen und der würde ein bisschen Wasser spritzen lassen und alles wäre vorbei. Das ist eben unsere deutsche Denke, die solche annähernd vergleichbaren Zerstörungen nur aus purer Lust am Krawall kennt und deshalb auch so unverständlich reagiert. Dort ist das aber eben nicht nur ein bisschen Anarcho-Krawall, sondern ein seit Jahrzehnten aufgestauter Frust. Der hat letztendlich mit purer Zerstörungswut oder irgendwelchen vor einer Polizeikontrolle geflüchteten Jugendlichen gar nichts zu tun, genauso wenig wie die Mauer in Deutschland zufällig von einer riesigen Bewegung zu Fall gebracht wurde. Irgendwann gibt es einen Auslöser für solche Massenbewegungen. Und wenn sie gewalttätig sind, bringt alle Härte nichts. Wenn da irgendjemand stirbt, schafft man nur noch mehr Wut, noch mehr Ausdauer und noch mehr Härte. Und irgendwann kämen die Leute, die momentan ja hauptsächlich ihre eigenen Straßenzüge in Schutt und Asche legen noch drauf, dass sie die Gewalt vor die Türen der hohen Herren tragen müssen. Für mich ist deshalb das agieren der französischen Regierung völlig idiotisch. Die Handeln wieder nach dem alten Grundsatz, dass ein Staat sich nicht erpressen lassen darf und basta....... Das wird sich noch rächen, denn dieser Staat wird hier nicht einfach bedroht, sondern ist die Ursache dieser Krawalle. Er muss sich ändern, damit sich etwas ändert. Und da man so lange gepennt hat, wird man den Leuten glaubhaft machen müssen, dass man hart dran arbeitet es zu ändern, aber das sich das erst in 5 oder 10 Jahren auszahlen wird. Das ist schon schwer genug. Mit "zero tolerance" macht man es vielleicht unmöglich...

    PM

    P.S.: Ach ja, nix gegen Türken! "Türken" wurden von mir nur so oft in diesem Posting herangezogen, weil sie unsere größte Immigrantengruppe sind und so die meisten der zumeist in der Kritik stehenden Straßenstriche bevölkern.

  5. #24
    Benutzerbild von Torsten

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    Die speziellen Motive für die Krawalle in Frankreich sind, aus übergeordneter Sicht betrachtet, völlig unerheblich. Eine weltweit agierende Ökonomie, die die Gesellschaften zunehmend spaltet, wird irgendwann zwangsläufig in Revolution und Bürgerkrieg enden - davor schützt auch keine unterstellte Nationalmentalität oder erhoffte zivilisatorische Vernunft. Die Frage ist nur, wie lange das dauern wird; der (mutierte) Kapitalismus unterscheidet sich vom Sozialismus offenbar auch in der Geschwindigkeit seines Verfalls.

    Ein global angelegter Relativismus à la "im Vergleich zu Armen anderer Länder sind die hiesigen noch reich" übersieht, dass Angehörige niederer sozialer Schichten sich erfahrungsgemäß an Bessergestellten ihrer eigenen Gesellschaft messen und eben nicht an Verhungernden in Afrika.

    Dazu fällt mir eine Passage aus dem Interview mit einer Mitarbeiterin der Bundesagentur für Arbeit ein, das DeeTee vor einiger Zeit hier mal verlinkt hatte:
    Ich will Ihnen die prekäre Lage eines Alg-II-Empfängers mal ganz kurz vor Augen führen: Von den 345 Euro bleiben nach Abzug der Heißwasser- und Stromkosten, nach Abzug von Fahrtkosten, Bank- und Praxisgebühren, Grundgebühr für Telefon usw. kaum noch nennenswerte Beträge übrig für Lebensmittel, Tabak, Schwimmbad, Friseur. Da können Sie alles streichen - Zeitung, Bücher, Kultur, Kino, Essen gehen, Kleidung, den schnellen Internet-Zugang, Ihr Auto sowieso. Alg-II-Empfänger mit zu teuren Wohnungen haben ein halbes Jahr Zeit zum Umziehen, irgendwo an den Stadtrand oder in eine Hinterhauswohnung. Also das ist kein Leben, mitten im gesellschaftlichen Reichtum, den diese Herren der Hartz-Kommission ja ganz selbstverständlich und im Übermaß für sich in Anspruch nehmen. Nein, das ist staatlich verordnetes Vegetieren, jenseits vom normalen - noch normalen - gesellschaftlichen Leben. Was dabei herauskommt, ist die Produktion von Parias. Das ist dem Mittelstand und den gebildeten Schichten immer noch nicht klar, dass die Maßnahmen auch sie erfassen können, deshalb wundert mich eigentlich die Ruhe im Lande.
    Ja, die Ruhe im Lande mag verwundern. Die Frage ist nur, wie lange sie noch anhalten wird. Auf ewig wird man auch in vermeintlich lethargischen Gesellschaften nicht an der Schraube staatlich verordneter Exklusion drehen können, davon bin ich überzeugt. Vielleicht werden wir das nicht mehr erleben, aber wenn die Entwicklung so weitergeht, scheinen mir bürgerkriegsähnliche Zustände nicht mehr in allzu ferner Zukunft.

  6. #25
    Benutzerbild von DeeTee

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    Stimmen aus Deutschland: FAZ

    (Man beachte die Unterschiede und die Gemeinsamkeiten der politischen Lager bei der Einschätzung der Situation.)

    DeeTee

  7. #26
    Benutzerbild von McFly

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    Wie ich gerade gelesen habe, gibt es wohl das erste Todesopfer (ein unbeteiligter, älterer Mann) und bereits Schüsse auf Polizisten.

    ich hoffe, mir will angesichts dieser Tatsachen niemand mehr was von gewaltfreien Lösungswegen erzählen. Was die Franzosen jetzt machen, ist sicher ihr Bier. ICH würde denen jedoch empfehlen, die überdimensionalen Wasserpistolen in der Garage zu lassen und zu Maßnahmen greifen, wie ich sie bereits in Post 012 beschrieben habe: Blendgranaten und Gummigeschosse sollten den Randalierern Einhalt gebieten. Ist das nicht der Fall, muss ernsthaft über den Einsatz von scharfer Munition nachgedacht werden. Zugegeben, das wären radikale Maßnahmen, die jedoch die Situation bei derzeitiger Tendenz eventuell erfordern wird.

    @ Kinderfresser:

    Der Einsatz von Waffengewalt ist in unseren Landen sicher eingeschränkt möglich, jedoch nicht unmöglich. Ich behaupte, dass bei gleicher Lage in beispielsweise Berlin, es durchaus möglich ist, Waffengewalt einzusetzen.

    @ Ihkawimsns:

    Schon möglich, dass der Innenminister auch aus anderen politischen Motiven zum Rücktritt gedrängt wird. Nur sollte er nicht den Fehler machen und aufgrund der derzeitigen Ausschreitungen zurücktreten! Gründe hatte ich ja bereits genannt.

    @ Torsten:

    Sorry, aber ich glaube du dramatisierst die Situation. Diese fackelschwingenden Jugendlichen sind keine Intellektuellen wie du und ich. Die denken nicht an "weltweite Ökonomie" oder an "global angelegten Relativismus". Die toben sich aus, wahrscheinlich ohne selbst genau zu wissen warum. Davon bin ich überzeugt.

    G
    McFly

  8. #27
    Kinderfresser
    Benutzerbild von Kinderfresser
    McFly posteteDer Einsatz von Waffengewalt ist in unseren Landen sicher eingeschränkt möglich, jedoch nicht unmöglich. Ich behaupte, dass bei gleicher Lage in beispielsweise Berlin, es durchaus möglich ist, Waffengewalt einzusetzen.
    So wie ich die deutschen Vorschriften einschätze, darf die Schußwaffe wahrscheinlich nur zur Selbstverteidigung eingesetzt werden, d.h. ein präventives "In-die-Luft-ballern", wie von Dir gefordert, wird sicher nicht möglich sein...

    Vielleicht kann LastNinja da was zu sagen. (Wo ist der überhaupt. Da braucht man ihn mal und er ist nicht aufzufinden...)

  9. #28
    Benutzerbild von Torsten

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    McFly postete
    @ Torsten:

    Sorry, aber ich glaube du dramatisierst die Situation. Diese fackelschwingenden Jugendlichen sind keine Intellektuellen wie du und ich. Die denken nicht an "weltweite Ökonomie" oder an "global angelegten Relativismus".
    Du scheinst nicht verstanden zu haben, worum es mir geht.

    Die Motive der momentan randalierenden Gruppen in Frankreich sind in erster Linie Ausgrenzung und Perspektivlosigkeit - so, wie es deren Musik schon seit Jahren zum Ausdruck bringt und eindringliche Filme wie "Hass" thematisieren (Filmbeschreibung auf wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/La_haine).

    Genau deshalb sage ich voraus, dass solche Szenarien in Zukunft weltweit zu beobachten sein werden. Wo Menschen nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilhaben können, kommt es irgendwann zwangsläufig zu sozialen Unruhen - und dafür sind nicht einmal interkulturelle Spannungen oder verfehlte Emigrationspolitik vonnöten. Die viel zitierte Schere zwischen Arm und Reich, die immer weiter auseinanderdriftet, ist der eigentliche Motor solcher Auswüchse.

    Unsere global durchökonomisierte Welt erzeugt neben Gewinnern eben auch Heerscharen von Verlierern, das sollte man endlich mal zur Kenntnis nehmen. Kommen dann noch fatale Multi-Kulti-Träume realitätsferner Politiker hinzu, darf man sich nicht wundern, wenn es zu derartigen Auswüchsen kommt.

  10. #29
    Benutzerbild von brandbrief

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    Torsten postete
    ...Die Frage ist nur, wie lange das dauern wird; der (mutierte) Kapitalismus unterscheidet sich vom Sozialismus offenbar auch in der Geschwindigkeit seines Verfalls....
    Wenn der Kapitalismus nun allmählich zerfällt, was entsteht denn danach für eine Gesellschaftsordnung? Sozialismus? Wohl eher nicht....Vielleicht so etwas wie: Kapitalismus Part II ?

    McFly postete
    @ Torsten:

    Sorry, aber ich glaube du dramatisierst die Situation. Diese fackelschwingenden Jugendlichen sind keine Intellektuellen wie du und ich. Die denken nicht an "weltweite Ökonomie" oder an "global angelegten Relativismus". Die toben sich aus, wahrscheinlich ohne selbst genau zu wissen warum. Davon bin ich überzeugt.
    Diese Schicht muss auch keine intellektuellen Eigenschaften aufweisen. Sie müssen sich auch über weltweite Ökonomie oder Globalisierung keine Gedanken machen. Sie sind die Wirkung, denen die Ursache nun völlig egal ist.
    Ursache: Ein Strom fließt im Vakuum durch einen dünnen Wolframdraht.
    Wirkung: Die Glühlampe brennt.
    Der Glühlampe ist dabei völlig egal, warum. Sie leuchtet einfach

    Die Frage ist nur: Wie lässt sich dieses, von Torsten dargestellte, Szenario hier und in anderen europ. Ländern verhindern? Lässt es sich überhaupt (noch) verhindern oder ist das der zwangsläufige Lauf der Gesellschaft?

  11. #30
    Benutzerbild von ihkawimsns

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    Kinderfresser postete
    McFly posteteDer Einsatz von Waffengewalt ist in unseren Landen sicher eingeschränkt möglich, jedoch nicht unmöglich. Ich behaupte, dass bei gleicher Lage in beispielsweise Berlin, es durchaus möglich ist, Waffengewalt einzusetzen.
    So wie ich die deutschen Vorschriften einschätze, darf die Schußwaffe wahrscheinlich nur zur Selbstverteidigung eingesetzt werden, d.h. ein präventives "In-die-Luft-ballern", wie von Dir gefordert, wird sicher nicht möglich sein...

    Vielleicht kann LastNinja da was zu sagen. (Wo ist der überhaupt. Da braucht man ihn mal und er ist nicht aufzufinden...)
    Weil Polizeirecht, so weit ich weiß, Ländersache ist, lässt sich das im Detail nicht für ganz Deutschland sagen. Was ich auf die Schnelle gefunden habe, sind ein paar hessische Gesetze:

    §58 Androhung unmittelbaren Zwanges
    (1) Unmittelbarer Zwang ist vor seiner Anwendung anzudrohen. Von der Androhung kann abgesehen werden, wenn die Umstände dies nicht zulassen, insbesondere wenn die sofortige Anwendung des Zwangsmittels zur Abwehr einer Gefahr notwendig ist. Als Androhung des Schusswaffengebrauchs gilt
    auch die Abgabe eines Warnschusses.
    (2) Schusswaffen dürfen nur dann ohne Androhung gebraucht werden, wenn dies zur Abwehr einer gegenwärtigen Gefahr für Leib oder Leben erforderlich ist.
    (3) Gegenüber einer Menschenmenge ist die Anwendung unmittelbaren Zwanges möglichst so rechtzeitig anzudrohen, dass sich Unbeteiligte noch entfernen können. Der Gebrauch von Schusswaffen gegen Personen in einer Menschenmenge ist stets anzudrohen; die Androhung ist vor Gebrauch zu wiederholen.
    Bei Gebrauch von technischen Sperren und Dienstpferden kann von der Androhung abgesehen werden.

    ...

    §60 Allgemeine Vorschriften für den Schusswaffengebrauch
    (1) Schusswaffen dürfen nur gebraucht werden, wenn andere Maßnahmen des unmittelbaren Zwanges
    erfolglos angewendet sind oder offensichtlich keinen Erfolg versprechen. Gegen Personen ist ihr Gebrauch
    nur zulässig, wenn der Zweck nicht durch Schusswaffengebrauch gegen Sachen erreicht werden kann.
    (2) Schusswaffen dürfen gegen Personen nur gebraucht werden, um angriffs- oder fluchtunfähig zu machen.
    (3) Gegen Personen, die dem äußeren Eindruck nach noch nicht vierzehn Jahre alt sind, dürfen Schusswaffen nicht gebraucht werden. Dies gilt nicht, wenn der Schusswaffengebrauch das einzige Mittel zur Abwehr einer gegenwärtigen Gefahr für Leib oder Leben ist.
    (4) Der Schusswaffengebrauch ist unzulässig, wenn für die Polizeivollzugsbeamtin oder den Polizeivollzugsbeamten erkennbar Unbeteiligte mit hoher Wahrscheinlichkeit gefährdet werden. Dies gilt nicht, wenn der Schusswaffengebrauch das einzige Mittel zur Abwehr einer gegenwärtigen Lebensgefahr ist.
    Warnschüsse sind also (zumindest in Hessen, sicher auch anderswo) möglich und im Ernstfall sogar gefordert. Aber natürlich lassen solche Gesetzestexte in ihrer typischen Schwammigkeit alles offen. Vor allem beim letzten Satz von Paragraph 58 Absatz 3 könnte ich kotzen.


    brandbrief postete:
    Wenn der Kapitalismus nun allmählich zerfällt, was entsteht denn danach für eine Gesellschaftsordnung? Sozialismus? Wohl eher nicht....Vielleicht so etwas wie: Kapitalismus Part II ?
    Nachdem sich die Weltbevölkerung um ein paar Millionen Leute reduziert hat, geht es einfach von vorn los. Genug zu tun für alle gibt's dann erst einmal wieder.

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