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Sprachliche Mutationen

Erstellt von Torsten, 23.06.2004, 11:35 Uhr · 129 Antworten · 11.172 Aufrufe

  1. #21
    Benutzerbild von falkenberg

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    Tut mir leid, aber da machst Du es Dir zu einfach. Viel zu einfach. Es geht in erster Linie gar nicht darum, sich über mangelnde Sprachkenntnisse anderer lustig zu machen. Es geht vor allem um Leute, die es besser wissen müssen und in aller Regel auch wissen, nämlich Journalisten und Politiker. Die wollen sich einfach nur wichtig machen mit ihren Sprachverhunzungen.

    Da Du jetzt auch noch die Rechtschreibung erwähnst: Die Verwendung der alten Rechtschreibung durch manche Zeitungen, "Zeitungen" und Zeitschriften finde ich überhaupt nicht gut. Da steckt tatsächlich massenweise Arroganz dahinter. Von dort aber einen Bezug zu diesem Forum und seinen Nutzern zu konstruieren, ist schon reichlich gewagt. Hier wurde doch nur vereinzelt die Rechtschreibung kritisiert, wenn der Sinn des Beitrags nicht mehr erkennbar war.

    Darüber hinaus frage ich mich aber doch, warum Mängel in der Rechtschreibung eigentlich die Generalabsolution erhalten. In diesem Forum wird bedenken- und hemmungslos über "unsere Jugend", Prolls aus den 80ern und von heute und hässliche Prominente hergezogen, und zum Teil hast auch Du dabei mitgemacht. Nur die Rechtschreibung soll unangreifbar sein? Da wird dann gleich die Legastheniekeule rausgeholt und dabei immer unter den Teppich gekehrt, dass nur ein Bruchteil von Rechtschreibfehlern auf Legasthenie zurückzuführen sind, Grammatik- und Zeichensetzungsfehler überhaupt nicht. Aber das nur am Rande.

    Es ist nicht verkehrt, über allgemein eingerissene sprachliche Fehler aufzuklären, und das geht vernünftigerweise nur in leicht satirischer Weise. Und so ziemlich jeder Leser wird dabei etwas finden, was er selbst falsch macht. Da verbietet sich doch Überheblichkeit sowieso.

    Äußerst überheblich finde ich dagegen Deine Schlussbemerkung. Sprachverhunzung als Weiterentwicklung zu deklarieren, ist doch der reine Hohn. Der Duden geht schon sehr weit mit der Anerkennung von umgangssprachlichen Gewohnheiten, meiner Meinung nach zu weit. In einem Anfall von political correctness wurden sogar die schlimmsten Auswüchse des Bürokratendeutschs der DDR legalisiert. Wenn Du jetzt aber auch noch denjenigen, die sich der Sprachverhunzung widersetzen (und sei es auch nur durch die eigene Sprachpraxis), einen zu begrenzten Horizont zuschreibst, wird es nur noch peinlich. Mit solchen "Argumenten" kann man jeden Scheiß rechtfertigen.

  2.  
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  3. #22
    Benutzerbild von Torsten

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    Was das Argument der sprachlichen Weiterentwicklung betrifft: Da darf man sich ruhig auch mal distanziert zurücklehnen und provokant in die Runde fragen, warum es von Nachteil wäre, wenn wir noch die Sprache des Mittelalters pflegen würden.

    Wen würde das denn kratzen, wenn man von Geburt an daran gewöhnt wäre und weiterhin problemlos und effizient miteinander kommunizieren könnte?

    Oder anders herum: Welchen Vorteil bietet es denn konkret, wenn sich Sprache entwickelt? Ich lasse mich gern von Historikern eines Besseren belehren, sehe aber im reinen Austausch von Begriffen bzw. deren Bedeutung keinen signifikanten Beitrag zum Fortschritt der Menschheit. Dass durch neue Technologien und gesellschaftliche Entwicklungen immer wieder neue Wörter hinzukommen, ist klar - aber müssen die weiterhin verwendeten "Standardbegriffe" tatsächlich mutieren, was ja nicht selten eine völlige Sinnentleerung bedeutet?

    Was mir an der erwähnten "Sprachverhunzung" sauer aufstößt, ist das häufig durchschimmernde Blendertum - man wirft mit Worten und Redewendungen um sich, ohne deren eigentliche Bedeutung zu kennen. Bei manchen Zeitgenossen hat man mittlerweile das Gefühl, dass locker die Hälfte des Gesagten reines Füllmaterial ist, um sich in möglichst wolkiger Ausdrucksweise zu suhlen.

    falkenberg schrieb
    Es geht vor allem um Leute, die es besser wissen müssen und in aller Regel auch wissen, nämlich Journalisten und Politiker. Die wollen sich einfach nur wichtig machen mit ihren Sprachverhunzungen.
    Hat da etwa noch jemand "Im Vorfeld wird zurückgeschossen" von Karl H. Pruys gelesen?

  4. #23
    Benutzerbild von bubu

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    falkenberg postete
    Tut mir leid, aber da machst Du es Dir zu einfach. Viel zu einfach. Es geht in erster Linie gar nicht darum, sich über mangelnde Sprachkenntnisse anderer lustig zu machen. Es geht vor allem um Leute, die es besser wissen müssen und in aller Regel auch wissen, nämlich Journalisten und Politiker. Die wollen sich einfach nur wichtig machen mit ihren Sprachverhunzungen.
    Bastian Sick ist auch Journalist. Ich übrigens auch. Und wenn du "Zwiebelfisch" mal liest, wirst du merken, dass es nicht nur um Kritik von Journalisten oder Politikern geht.

    Darüber hinaus frage ich mich aber doch, warum Mängel in der Rechtschreibung eigentlich die Generalabsolution erhalten.
    Habe ich nicht erteilt.

    In diesem Forum wird bedenken- und hemmungslos über "unsere Jugend", Prolls aus den 80ern und von heute und hässliche Prominente hergezogen, und zum Teil hast auch Du dabei mitgemacht.
    Stimmt. Aber ich habe nicht den Anspruch, die Sprache dadurch zu säubern. Dass ich mich über Prolls und deren Webseiten lustig mache, ist mein Privatvergnügen.

    Nur die Rechtschreibung soll unangreifbar sein? Da wird dann gleich die Legastheniekeule rausgeholt und dabei immer unter den Teppich gekehrt, dass nur ein Bruchteil von Rechtschreibfehlern auf Legasthenie zurückzuführen sind, Grammatik- und Zeichensetzungsfehler überhaupt nicht. Aber das nur am Rande.
    Die Legastheniekeule habe ich in meinem Posting nicht bemüht.

    Es ist nicht verkehrt, über allgemein eingerissene sprachliche Fehler aufzuklären, und das geht vernünftigerweise nur in leicht satirischer Weise.
    Da bin ich anderer Meinung. Es ist nicht Aufgabe des "Spiegels", den Sprachhüter zu spielen. Das ist - immer noch - Aufgabe der Schulen.

    Äußerst überheblich finde ich dagegen Deine Schlussbemerkung. Sprachverhunzung als Weiterentwicklung zu deklarieren, ist doch der reine Hohn.
    Ich frage mich, wer darüber richten darf/soll/kann, was Evolution oder Regression der Sprache ist. Goethe würde sich sicher auch im Grabe herum drehen, wenn er den "Spiegel" lesen würde...

    Der Duden geht schon sehr weit mit der Anerkennung von umgangssprachlichen Gewohnheiten, meiner Meinung nach zu weit.
    Ach der Duden. Die deutsche Sprache hat jahrhundertelang ohne Duden funktioniert. Und irgendwann achtzehnhundertschießmichtot trat dann der erste selbsternannte Sprachwächter auf den Plan, der in das - zugegegebenermaßen - schlimme ortografische Chaos des Vielvölkerstaates Deutschland mal Ordnung gebracht hat. Toll. Aber mich nervt das ja schon, dass eine kleine Anzahl von Leuten darüber entscheiden darf, welche Wörter in den achsoheiligen Duden aufgenommen werden und welche nicht. Sprache entwickelt sich. 24 Stunden lang, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr, überall und dauernd und vor allen Dingen fernab des kleinen Kämmerleins, wo ein paar studierte Leute sich den Kopf darüber zerbrechen, ob sie "dissen" jetzt in den Duden aufnehmen sollen oder nicht. Ich finde es peinlich, dass der Duden heutzutage eigentlich nur noch reagieren kann, aber gar nicht mehr selbst Maßstäbe setzt, wie eigentlich zu Konrad Dudens Zeiten noch. Damit ist doch bewiesen, dass er der immer schnelleren Sprachentwicklung eigentlich nur noch hinterherhecheln kann. Und ob jetzt "dissen" im Duden steht oder nicht, wird Millionen von Jugendlichen (und späteren Erwachsenen) nicht daran hindern, das Wort zu benutzen. Ob dir oder mir das gefällt, ist dabei völlig irrelevant. Du hast das aber nunmal zur Kenntnis zu nehmen. Ob du das in deinen eigenen Sprachschatz hingegen integrierst oder nicht, bleibt natürlich deine Entscheidung. Aber das sollte eine persönliche bleiben und nicht zum Imperativ für andere werden. Und das ist nämlich genau der Punkt, den ich bei meiner Kritik an "Zwiebelfisch" meinte: es ist ja in Ordnung, wenn man sich belustigt über so manche sprachlichen Auswüchse. Bei "Zwiebelfisch" stecken aber ein weitaus tiefgreifendere Absichten dahinter. Erzieherische möchte ich sie fast schon nennen. Und die Legitimitität dafür spreche ich Bastian Sick und dem "Spiegel" ab.

    In einem Anfall von political correctness wurden sogar die schlimmsten Auswüchse des Bürokratendeutschs der DDR legalisiert. Wenn Du jetzt aber auch noch denjenigen, die sich der Sprachverhunzung widersetzen (und sei es auch nur durch die eigene Sprachpraxis), einen zu begrenzten Horizont zuschreibst, wird es nur noch peinlich. Mit solchen "Argumenten" kann man jeden Scheiß rechtfertigen.
    Ich habe ja für einen bewussten und verantwortlichen Umgang mit der Sprache plädiert. Aber ich vertrete auch eine liberalere Auffassung als du und Torsten: die deutsche Sprache gehört jedem einzelnen Deutschen und nicht nur dem "Spiegel" und nicht nur dem "Duden". Im übrigen ist das Ganze hier eine vollkommen akademische Diskussion: Sprache verändert sich und dagegen werden weder du noch ich irgendetwas ausrichten können.

    @Torsten
    ...warum es von Nachteil wäre, wenn wir noch die Sprache des Mittelalters pflegen würden...
    Weil wir dann auch noch das Weltbild des Mittelalters hätten. Siehe Wittgenstein. 'Die Grenzen Deiner Sprache sind die Grenzen Deiner Welt'

  5. #24
    Benutzerbild von Torsten

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    bubu postete
    ...warum es von Nachteil wäre, wenn wir noch die Sprache des Mittelalters pflegen würden...
    Weil wir dann auch noch das Weltbild des Mittelalters hätten. Siehe Wittgenstein. 'Die Grenzen Deiner Sprache sind die Grenzen Deiner Welt'
    Ist dieser Zusammenhang tatsächlich zwangsläufig und nachhaltig belegt, wenn man nicht den Umfang des Gesamt-, sondern einfach die Bedeutung des Standardvokabulars unverändert lässt? Ich habe da meine Zweifel.

  6. #25
    Benutzerbild von bubu

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    Torsten postete
    bubu postete
    ...warum es von Nachteil wäre, wenn wir noch die Sprache des Mittelalters pflegen würden...
    Weil wir dann auch noch das Weltbild des Mittelalters hätten. Siehe Wittgenstein. 'Die Grenzen Deiner Sprache sind die Grenzen Deiner Welt'
    Ist dieser Zusammenhang tatsächlich zwangsläufig und nachhaltig belegt, wenn man nicht den Umfang des Gesamt-, sondern einfach die Bedeutung des Standardvokabulars unverändert lässt? Ich habe da meine Zweifel.
    Ist ja noch viel schwieriger und liefe m.E. nach aufs Gleiche hinaus. Z.B. bedeutete das Wort "Treue" im Mittelalter sicherlich etwas anderes, als wir heute darunter verstehen. Wenn sich aber die Inhalte der Worte nicht ändern dürfen, dann doch auch das Verständnis und letztlich die Menschen dahinter.

    Übrigens in diesem Zusammenhang interessant: meines Wissens darf der Koran weder übersetzt, noch sein Arabisch verändert, bzw. modernisiert werden. Und wenn mich nicht alles täuscht, ist das Arabische des Koran der Standard, der auch das heutige (Hoch-)Arabische prägt, bzw. festsetzt, welches sich seit Jahrhunderten auch nicht wesentlich verändert hat (falls ich falsch liege, bitte Einspruch erheben - ich bin nicht mehr ganz sicher, ob's so war).

    Nun kann man sich ja mal selbst die provokante Frage stellen, ob nicht vielleicht auch das ein Grund sein könnte für islamischen Fundamentalismus und die damit verbundenen archaischen Auffassungen oder zumindest dafür, dass viele islamische und arabischsprachige (! Ausnahmestaat Türkei ist interessanterweise nicht arabischsprachig) Staaten ein Problem damit haben, sich selbst zu reformieren und zu modernisieren.

  7. #26
    Benutzerbild von frasier

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    Der Schluss zwischen dem Koran und der Reformunwilligkeit ist allerdings mehr als naheliegend.

    Grundsätzlich würde ich sagen, dass die Sprache nichts anderes als ein Spiegel ihrer jeweiligen Zeit ist.

    Es gibt sicher auch Fehlentwicklungen, z. Bsp. dass engliche Wörter verwendet werden, wenn es auch gute deutsche Wörter gibt, aber das düfte weitgehend der Werbung zu verdanken sein. Da fände ich es besser, man würde zu einer Einheitsprache kommen (Englisch, da leicht zu lernen).

    Was die Zeitungen angeht, die zur alten Rechtschreibung zurückgekehrt sind, so liegen die Gründe dafür nur in der Unfähigkeit und Unwilligkeit, etwas neues zu lernen und umzudenken. Sie sind zu eingefahren in der alten Sprache. Wenn schon junge Leute wie Claus Strunz sagen, dass sie sich in der alten Regelung einfach besser auskennen und er die neue Regelung deshalb ablehnt sagt das alles.

  8. #27
    Benutzerbild von Torsten

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    frasier postete
    Grundsätzlich würde ich sagen, dass die Sprache nichts anderes als ein Spiegel ihrer jeweiligen Zeit ist.
    Richtig. Heißt für den heutigen Zeitgeist: Blendertum, Oberflächlichkeit, Sensationsgier und Beliebigkeit. Der unselige Geist der Unverbindlichkeit, wie er heute allgegenwärtig ist, schlägt sich auch in der Sprache nieder - die eigentliche Bedeutung der Wörter ist wurscht und kann nach eigenem Gusto jederzeit verändert werden...

  9. #28
    Benutzerbild von Die Luftgitarre

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    Torsten postete
    Der unselige Geist der Unverbindlichkeit, wie er heute allgegenwärtig ist, schlägt sich auch in der Sprache nieder - die eigentliche Bedeutung der Wörter ist wurscht und kann nach eigenem Gusto jederzeit verändert werden...
    Finde ich völlig in Ordnung! Es gibt bei Wörtern doch gar keine "eigentliche" Bedeutung, sondern nur frühere und gegenwärtige in jeweils bestimmten Bevölkerungsgruppen. Sprache "ist" nicht, Sprache wird gemacht. Sie dient nicht der Denkmalpflege, sondern der Kommunikation, und es kommunizieren immer nur konkrete Personen und Gruppen miteinander. Diese müssen sich auf Sprech- und Schreibweisen einigen, die für ihre jeweile Kommunikation, ihre Lebenswelt und ihre Themen sinnvoll sind. Und genau dies geschieht ja auch sobald sich ein halbswegs dauerhaftes Kommunikationsnetz etabliert.

    Wennn eine Bevölkerungsgruppe eine sprachgeschichtlich begründete Rechtschreibregel wegfallen läßt, dann deshalb, weil für sie die Sprachgeschichte und der ursprüngliche Wortstamm keine alltagspraktische Bedeutung mehr haben (was sprachhistorisch interessierte Leute ja nicht davon abhalten muss, die Wortstammableitung in der Schreibweise weiterhin zu berücksichtigen; und in intellektuelleren Schriftwechseln macht dies oft auch Sinn).

    Und wenn eine Bevölkerungsgruppe ein fremdsprachliches Wort oder auch ein deutsches Wort mit verschobener Bedeutung zum Mode-Wort macht, dann deshalb, weil dieses Wort für sie nun auf den Punkt bringt, was sich in der Duden-Sprache nur ganz umständlich umschreiben ließe. (etwa "krass" als Ausdruck erstaunter Erregtheit, die sowohl positiv als auch negativ gemeint sein kann; oder "cool" als Ausdruck erhabener Lässigkeit).

    Anstatt auf Krampf "allgemeingültige" Sprech- und Schreibweisen durchsetzen zu wollen, sollte man diesbezügliche Abweichungen lieber als interessanten Ausdruck historischen Wandels und gesellschaftlicher Ausdifferenzierung beobachten. Und sich überlegen, welche Ausdrücke und Schreibweisen man selber für seine Themen passend findet.

  10. #29
    Benutzerbild von ihkawimsns

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    @ Luftgitarre

    Langfristig würde das allerdings darauf hinaus laufen, dass sich tatsächlich jeder seine eigene Sprache basteln kann, im Extremfall entstehen "Familien-" bzw. "Privatsprachen". Kommunikation oder Bildung wären somit kaum noch zu bewerkstelligen. So schön und gut Liberalismus sein kann - hier stößt er doch an seine Grenzen.

  11. #30
    Benutzerbild von Torsten

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    Die Luftgitarre schrieb
    Finde ich völlig in Ordnung! Es gibt bei Wörtern doch gar keine "eigentliche" Bedeutung, sondern nur frühere und gegenwärtige in jeweils bestimmten Bevölkerungsgruppen. Sprache "ist" nicht, Sprache wird gemacht. Sie dient nicht der Denkmalpflege, sondern der Kommunikation, und es kommunizieren immer nur konkrete Personen und Gruppen miteinander.
    Wer sonst?

    Und warum wäre es verwerflich, wenn man das Standardvokabular beließe wie bisher, gleichzeitig aber neue Begriffe und Redewendungen entstünden? Dann könnte man sich innerhalb einzelner Milieus immer noch hervorragend mittels eines eigenen Codes verständigen, ohne den Grundbestand zu verwässern.

    Die Luftgitarre schrieb
    Und wenn eine Bevölkerungsgruppe ein fremdsprachliches Wort oder auch ein deutsches Wort mit verschobener Bedeutung zum Mode-Wort macht, dann deshalb, weil dieses Wort für sie nun auf den Punkt bringt, was sich in der Duden-Sprache nur ganz umständlich umschreiben ließe. (etwa "krass" als Ausdruck erstaunter Erregtheit, die sowohl positiv als auch negativ gemeint sein kann; oder "cool" als Ausdruck erhabener Lässigkeit).
    Schon klar - nur muss derlei bequemlicher Milieu-Slang ja nicht krampfhaft in den allgemeinen Sprachgebrauch übernommen werden. Zumal seine inflationäre Verwendung innerhalb dieser Gruppen nicht gerade Vokabularumfang und sprachliche Kompetenz seiner Individuen fördert.

    Die Luftgitarre schrieb
    Anstatt auf Krampf "allgemeingültige" Sprech- und Schreibweisen durchsetzen zu wollen, sollte man diesbezügliche Abweichungen lieber als interessanten Ausdruck historischen Wandels und gesellschaftlicher Ausdifferenzierung beobachten. Und sich überlegen, welche Ausdrücke und Schreibweisen man selber für seine Themen passend findet.
    Hältst du derlei soziologische Interpretationen nicht für ein wenig geschwollen, wenn's nur darum geht, Begriffe des Standardvokabulars in einem bestimmten Kontext zu verwenden?

    Und bist du wirklich der Meinung, dass ein Konsens über die grundlegendsten Bestandteile einer Sprache die erwähnte "Ausdifferenzierung" verhindert?

    bubu schrieb
    Nun kann man sich ja mal selbst die provokante Frage stellen, ob nicht vielleicht auch das ein Grund sein könnte für islamischen Fundamentalismus und die damit verbundenen archaischen Auffassungen (...)?
    Nach meiner Überzeugung liegt der Grund nicht im unveränderten Sprachgebrauch, sondern der Tatsache, dass in diesen Gesellschaften bisher keine strikte Trennung von Gesellschaft und Religion zu verzeichnen ist. Erst dies würde eine Befreiung von den rigorosen Traditionen ermöglichen - und dann wäre der Wortlaut des Koran wohl auch völlig unerheblich, weil er einen Teil der Menschen gar nicht mehr interessierte. Die katholische Kirche hält sich bis heute an die zum Teil rigorosen Vorgaben der Bibel - dennoch sind wir kein Volk von Kreuzzüglern mehr, die mordend durch die Welt ziehen. Inwiefern die einzelnen Bibelübersetzungen Einfluss auf die Radikalität der Auslegung hatten, ist mir aber zugegebenermaßen nicht bekannt.

    bubu schrieb
    Aber ich vertrete auch eine liberalere Auffassung als du und Torsten: die deutsche Sprache gehört jedem einzelnen Deutschen und nicht nur dem "Spiegel" und nicht nur dem "Duden".
    Für eine dauerhaft allgemeinverständliche Kommunikation hat Sprache nicht jedem Einzelnen zu gehören, sondern Resultat eines gesellschaftlichen Konsens' zu sein. Sonst könnte bald jeder draufloslabern, wie es ihm passt - was letztlich zu dem sprachlichen Chaos führen würde, wie es vor der Zeit des Dudens der Fall war.

    Was Bastian Sick mit seiner Kolumne verdeutlicht, ist nix anderes als der bekannte Satz von Dieter Nuhr in abgewandelter Form: Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Fresse halten. Denn die kritisierten Verhunzungen sind ja nicht das Resultat willkürlicher Sprachverbiegung, sondern puren Unwissens...

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