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Überwachungsstaat.

Erstellt von Mumie, 17.11.2009, 08:57 Uhr · 102 Antworten · 12.104 Aufrufe

  1. #91
    Benutzerbild von Die Luftgitarre

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    AW: Überwachungsstaat.

    Zitat Zitat von PostMortem Beitrag anzeigen
    Wieviele Demutsgesten, Reparationen und staatstragende Aussöhnungsrituale hat es nach 1945 gegeben? (...) "der Deutsche an sich" ist doch überaus allergisch gegen rechts, bombardiert sich in Communities gern mit "Gegen Nazis!"-Buttons und Anti-Nazi-Demos sind prächtig besucht. Es ist verpöhnt rechts zu sein. Deutsche haben also viel dafür getan als "entnazifiziert" angesehen zu werden.
    Dann könnte man auch sagen: Die Türkei hat doch Kopftücher in Ämtern und Bildungseinrichtungen verboten, das Frauenwahlrecht eingeführt, die "Hürriet" hat doch eine Kampagne gegen häusliche Gewalt durchgeführt, türkische Gerichte haben doch Ehrenmörder zu lebenslang verurteilt usw.

    Ok, man mag einwenden, das seien nur offizielle Gesten, reine Imagepolitik (mit Blick auf die EU z. B.), und unterhalb dieser Oberfläche sehe es ganz anders aus. Aber genauso gut könnte man sagen, die notorisch faschistoiden und rassistischen Deutschen hätten nach 1945 in West und Ost einfach nur "Kreide gefressen" (mit Blick auf die jeweiligen Bündnissysteme): Auf dem internationalen Parkett gaben sich die Politiker geläutert, im Alltag gegenüber Migranten wurde aber seitens Vorarbeitern, Kneipenwirten, Ausländerbehörden und Polizei ein ganz anderer Ton angeschlagen. Zumindest wenn man sich die Pogrome von 1991/92 anschaut, können einem schon Zweifel kommen: Damals hatten viele Anwohner Beifall geklatscht, die Polizei hatte sich anfangs auffällig zurückgehalten und auch Innenminister Schäuble und die Bildzeitung sahen nicht etwa ein Nazi-Problem, sondern ein Asylanten-Problem. Ich selber erinnere mich auch sehr gut an entsprechende Äußerungen (i. S. v. kein Wunder, die Asylanten seien ja auch eine Zumutung, da muss man sich ja wehren) aus dem Familienumfeld, im Bus, im Freibad, in der Kantine beim Zivildienst ect., von 'ganz normalen Leuten' sozusagen. Offenbar gab es da zumindest in den 90ern durchaus noch ein gesundes Volksempfinden, dass nur durch entsprechende Bildzeitungs-Berichte über eine Asylantenflut re-aktiviert werden brauchte. (Das politisch-korrekte Gegensteuern kam erst später unter rot-grün.) Und beim letzten Vatertag wurde ich gleich von 2 Gruppen normal aussehender Jugendlicher mit "Deutschland-über-alles"-Gesänge auf der Straße gegrüßt ... Was ich damit sagen will: Wenn man unbedingt ein Volk unter Generalverdacht stellen will, findet man immer Anhaltspunkte dafür (aus erklärt 'anti-deutscher' Sicht sieht das dann z. B. so aus: Konkret Online).

    Grundsätzlich denke ich, distanzieren muss man sich immer nur von eigenen Taten und eigenen Äußerungen, bzw. Taten und Äußerungen von Verbänden, in denen man Mitglied ist. Die ethnische "Gruppenzugehörigkeit" ist ja nichts weiter als ein Zufall der Geburt.

    Nebenbei: 80 % der 690.000 Wahlberechtigten mit türkischen Wurzeln wählen SPD oder Grüne, Parteien also, die bekanntermaßen eher religionsfern sind und traditionell für die Gleichstellung der Geschlechter eintreten. Da muss zwar nicht heißen, dass sie diese Parteien aus speziell diesen Gründen wählen, aber es heißt zumindest, dass der religiöse Konservativismus in diesem Milieu sooo alles beherrschend nicht sein kann.

    Und zu der Vorstellung, Grüne und Linke würden problematische Geisteshaltungen unter Migranten ignorieren:
    http://www.taz.de/Islamische-BIG-Partei/!76635/
    (Man beachten den Unterschied: Die taz berichtet durchaus über fragwürdige Migranten-Vereine und deren Äußerungen, dehnt diese Debatte aber eben nicht spekulativ auf die Gesamtheit jener aus, die einfach nur zufällig aus der gleichen Region kommen.)

  2.  
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  3. #92
    Benutzerbild von PostMortem

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    AW: Überwachungsstaat.

    Zitat Zitat von Die Luftgitarre Beitrag anzeigen
    Dann könnte man auch sagen: Die Türkei hat doch Kopftücher in Ämtern und Bildungseinrichtungen verboten, das Frauenwahlrecht eingeführt, die "Hürriet" hat doch eine Kampagne gegen häusliche Gewalt durchgeführt, türkische Gerichte haben doch Ehrenmörder zu lebenslang verurteilt usw.
    In der Türkei gibt es eine sehr strikte Trennung von Religion und Staat, gefällt mir gut. Ich habe sowieso keine Probleme damit wie die Türken in der Türkei ihr Zusammenleben organisieren. Es geht mir um die "türkische Community" als Bevölkerungsgruppe in Deutschland. Welche Maßnahmen ergreift sie selbst, um in ihrer Bevölkerungsgruppe jene zu Anstrengungen aufzurufen, die sich Integration verweigern, offen gegen Deutsche und Deutschland Stimmung machen, meinen ihre Religion(sauffassung) über geltendes Recht stellen zu können?

    Nebenbei: 80 % der 690.000 Wahlberechtigten mit türkischen Wurzeln wählen SPD oder Grüne, Parteien also, die bekanntermaßen eher religionsfern sind und traditionell für die Gleichstellung der Geschlechter eintreten. Da muss zwar nicht heißen, dass sie diese Parteien aus speziell diesen Gründen wählen, aber es heißt zumindest, dass der religiöse Konservativismus in diesem Milieu sooo ausgeprägt nicht sein kann.
    Das dürfte doch wohl nun wirklich weitaus eher daran liegen, dass die CxU in ihrer Wahrhenumg noch viel mehr eine christliche(!) als eine konservative Partei ist.

    Und zu der Vorstellung, Grüne und Linke würden problematische Geisteshaltungen unter Migranten ignorieren:
    http://www.taz.de/Islamische-BIG-Partei/!76635/
    (Man beachten eben den Unterschied: Die taz setzt berichtet kritisch über den konkreten Migranten-Verein und dessen Äußerungen, dehnt diese Debatte aber nicht spekulativ auf die Gesamtheit jener aus, die einfach nur zufällig aus der gleichen Region kommen.)
    Nun muss man aber zugeben, dass die taz da als Schutzmacht einer anderen ihr lieb gewonnen Gruppe auftritt und sich eben entscheiden musste. Wenn die taz bei Kritikern, die gegen ihre Positionen sind, mal genauso ordentlich differenzieren und weniger diffamieren wuerde..... Aber ist die taz denn jetzt eigentlich das offizielle Parteiorgan von Roth, Oezdemir und Ernst?

  4. #93
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    AW: Überwachungsstaat.

    Zitat Zitat von PostMortem Beitrag anzeigen
    Nun muss man aber zugeben, dass die taz da als Schutzmacht einer anderen ihr lieb gewonnen Gruppe auftritt und sich eben entscheiden musste.
    Das ergibt sich doch völlig logisch aus dem Anspruch, grundsätzlich gegen Diskriminierung zu sein, also egal ob aufgrund der Herkunft, des Geschlechts oder der 5exuellen Orientierung zu sein. Die Migranten werden nur als Migranten 'in Schutz' genommen, d. h. dort wo sie als solche, als über die Herkunft definierte Bevölkerungsgruppe, in den Focus öffentlicher Verdächtigungen rücken; dass heißt ja nicht (anders als oft unterstellt!), dass ein konkreter Migrant nicht wie jeder andere Mensch auch kritisiert werden dürfte für das was er selber(!) tatsächlich getan oder gesagt hat.


    Aber ist die taz denn jetzt eigentlich das offizielle Parteiorgan von Roth, Oezdemir und Ernst?
    Kein offizielles Parteiorgan, aber schon dem Mitglieder- und Wählermilieu der Grünen (weniger der Linkspartei) zuzurechnen.

  5. #94
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    AW: Überwachungsstaat.

    Zitat Zitat von Die Luftgitarre Beitrag anzeigen
    Das ergibt sich doch völlig logisch aus dem Anspruch, grundsätzlich gegen Diskriminierung zu sein, also egal ob aufgrund der Herkunft, des Geschlechts oder der 5exuellen Orientierung zu sein. Die Migranten werden nur als Migranten 'in Schutz' genommen
    Selbst daran scheinen diese schonmal was auszusetzen zu haben.

    Kein offizielles Parteiorgan, aber schon dem Mitglieder- und Wählermilieu der Grünen (weniger der Linkspartei) zuzurechnen.
    Naja gut, aber ich zitiere jetzt nicht den Spiegel als Regierungserklärung von Hannelore Kraft. Mir ging es schon um eindeutige eigene Parteipapiere und Programme. Wo kann ich nachlesen, dass die Grünen bestehende Migrationsprobleme anerkennen und diese wirksam (wie) bekämpfen wollen? In den Broschüren die ich kenne, wird im Grunde immer wieder nur die natürlich auch vorhandene positive Seite in den Vordergrund gestellt. Auf der Broschüre prangt ein deutscher Nationalspieler türkischer Herkunft, dessen damalige Freundin erstmal - wie üblich - zum Islam konvertieren musste. Soll das die Lösung sein, dafür bekommt man einen "Integrations-Bambi" in Deutschland? Und das ganze erneute Blabla über Bildung ist erst Recht keine Lösung für die jetzige Generation, die die Schule längst erfolglos abgebrochen hat. Solche wohlformulierten Lösungen kann ich schon aus einem Spiegel von 1971 hier hin abtippen. Alles nicht neu, aber nur gut gemeint und wie bisher schlecht gemacht erfolglos. Warum? Weil aufoktroyierte Integration vielleicht am schlechtesten von allem funktioniert und man sie auch mit den besten Absichten und Angeboten nicht für andere erledigen kann.

  6. #95
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    AW: Überwachungsstaat.

    Zitat Zitat von PostMortem Beitrag anzeigen
    Wo kann ich nachlesen, dass die Grünen bestehende Migrationsprobleme anerkennen und diese wirksam (wie) bekämpfen wollen?
    Ich denke mal, sowas wird es nicht geben. Weil es eben aus grüner oder linker Sicht keinen prinzipieller Unterschied gibt zwischen häuslicher Gewalt in muslimischen und nicht-muslimischen Haushalten, weil Frauenunterdrückung, Homophobie und religiöser Obskurantismus eben gerade nicht als spezifisches Immigrationsprobleme gesehen werden.

    Denn wenn sagen wir Herr Yilmaz seine Familie tyrannisiert, dann ist das Problem doch nicht, dass dieser Herr Yilmaz aus der Türkei kommt, sondern eben, dass der seine Familie tyrannisiert. Was hat also Herr Özcan ein paar Straßen weiter, der seine Familie nicht tyrannisiert, mit Herrn Yilmaz zu tun? Rein gar nichts. Insofern ist das Wort "Migrationsproblem" doch völlig irreführend.

  7. #96
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    AW: Überwachungsstaat.

    Zitat Zitat von Die Luftgitarre Beitrag anzeigen
    Ich denke mal, sowas wird es nicht geben. Weil es eben aus grüner oder linker Sicht keinen prinzipieller Unterschied gibt zwischen häuslicher Gewalt in muslimischen und nicht-muslimischen Haushalten, weil Frauenunterdrückung, Homophobie und religiöser Obskurantismus eben gerade nicht als spezifisches Immigrationsprobleme gesehen werden.

    Denn wenn sagen wir Herr Yilmaz seine Familie tyrannisiert, dann ist das Problem doch nicht, dass dieser Herr Yilmaz aus der Türkei kommt, sondern eben, dass der seine Familie tyrannisiert. Was hat also Herr Özcan ein paar Straßen weiter, der seine Familie nicht tyrannisiert, mit Herrn Yilmaz zu tun? Rein gar nichts. Insofern ist das Wort "Migrationsproblem" doch völlig irreführend.
    Komisch, wenn ein Mitbürger ausländischer Herkunft zusammengeschlagen wurde, wird das doch auch beim geringsten Anlass sauber unter rechtsradikalen Straftaten verbucht. Da sagt keiner: Das ist doch einfach nur ein Körperverletzungsdelikt. Wieso sollte es jetzt im Sinne zielgerichteter Maßnahmen gut sein umgekehrt zu vereinfachen und alles in einen Topf zu schmeissen? Herr Özcan würde den Herrn Yilmaz mit dem Anliegen den gemeinsamen Glauben durch sein Verhalten nicht zu beschmutzen wahrscheinlich sogar viel besser erreichen und sich ihm weitaus verständlicher und respektierter mitteilen können als jeder der sich ausserhalb dieses Kulturkreises bewegt. Es ist schade, dass in diesen Fällen nicht differenziert werden soll und es dort nicht heisst, dass jedes Opfer eins zu viel ist und man tun muss was man kann. Leider ist es ja wichtiger bestimmte Gruppen nicht einzeln anzusprechen und eitel Sonnenschein zu verbreiten um bestehende Probleme nicht anerkennen zu müssen.

  8. #97
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    AW: Überwachungsstaat.

    Zitat Zitat von PostMortem Beitrag anzeigen
    Komisch, wenn ein Mitbürger ausländischer Herkunft zusammengeschlagen wurde, wird das doch auch beim geringsten Anlass sauber unter rechtsradikalen Straftaten verbucht. Da sagt keiner: Das ist doch einfach nur ein Körperverletzungsdelikt.
    Ich meine, da bekommst Du die Kategorien durcheinander:

    Körperverletzung im Falle ausländischer Opfer wird auch nur dann als recht5extremistische Tat im Verfassungsschutzbericht gezählt, wenn es einigermaßen erkennbar ist, dass es wesentlich um die Herkunft/Hautfarbe des Opfers ging; gewöhnliche Disco-Schlägereien oder Kiez-Rivalitäten (wo die Hautfarbe einfach Zufall war) werden da nicht erfasst (Fehleinordnungen im Einzelfall natürlich immer möglich).

    Auch wenn umgekehrt nationalistische oder islamistische Gruppen Deutsche attackieren, wird dies sehr wohl im Verfassungschutz bericht erfasst, eben unter den Kapiteln Islamismus und Ausländerextremismus.

    Und Gewalt gegen Frauen und Kinder wird keinesfalls als gewöhnliche Körperverletzung, sondern ebenfalls gesondert in der Kriminalitätsstatistik erfasst: eben als häusliche Gewalt.

    Mir scheint, Rechtspopulisten und Islamkritiker (nicht identisch, aber Überlappungen) wollen gerne eine ganz neue Kriminalitätsstatistik haben: Eine in der Verbrechen nicht mehr nach ihrer Natur (Motive, Verlaufsformen usw.), sondern nach der "Herkunftskultur" der Täter sortiert sind. Demgegenüber muss mal als Linker dann doch mal BKA und Verfassungschutz loben, welche so einen Quatsch eben nicht mitmachen (einfach weil den Ermittlern klar ist, dass so eine Statistik zwar für Wahlkämpfe taugen mag, nicht aber für die Kriminalistik) und ganz nüchtern zu unterscheiden wissen zwischen einer spezifisch islamistischen Tat und gewöhnlicher häuslicher Gewalt, die genauso in christlichen und atheistischen Haushalten vorkommen kann.

  9. #98
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    AW: Überwachungsstaat.

    Zitat Zitat von PostMortem Beitrag anzeigen
    Herr Özcan würde den Herrn Yilmaz mit dem Anliegen den gemeinsamen Glauben durch sein Verhalten nicht zu beschmutzen wahrscheinlich sogar viel besser erreichen und sich ihm weitaus verständlicher und respektierter mitteilen können als jeder der sich ausserhalb dieses Kulturkreises bewegt. (...) Leider ist es ja wichtiger bestimmte Gruppen nicht einzeln anzusprechen
    Also erstens ist das mit der Gruppen- und Kulturkreiszugehörigkeit ja im Zweifel eine Zuschreibung von außen: Vielleicht fühlt sich Herr Özcan in 2ter Generation schon gar nicht mehr als Türke, vielleicht war er nie praktizierender Moslem oder vielleicht ist er aus ausgeprägter Individualist ... der erst durch diese Debatte wieder zum Türken gemacht gemacht wird. Man muss bei 3 Millionen Personen auch in Betracht ziehen, dass es "die türkische Community in Deutschland" im Singular gar nicht gibt.

    Und zweitens: Was würde es bringen, wenn er sich z. B. öffentlich gegen Zwangsehen erklärt (wie etliche deutschtürkische Autoren und Prominente vor ihm)? Es würde doch eh nur wieder heißen: Oh, jetzt präsentieren die Multikulti-Verharmloser uns wieder so einen handverlesenen Vorzeige-Migranten, wie durchtrieben von denen ... *g*

    Noch was: Wenn man heutzutage durch die Stadt geht, sieht man doch mittlerweile sehr oft Cliquen junger Leute, die allem Anschein nach gemischt sind, also sowohl türkischstämmige aus auch 'autochtone' deutsche Jugendliche, dazwischen vielleicht noch einer mit afrikanischen Eltern. Wie gesagt, wirklich sehr oft,man braucht eigentlich nur irgendwo in die U-Bahn zu steigen. Frauen mit Kopftuch oder gar zugezogenem Schleier hingegen muss man zumindest hier in Hamburg echt suchen. Ich habe daher weniger den Eindruck, das Politik und Medien das Problem der Parallegesellschaften ignorieren, sondern im Gegenteil, dass die Vermischung der Herkunftsgruppen gegenüber den 80ern besonders unter jungen Leuten weit vorangeschritten ist, aber bestimmte rückwärtsgewandte Politiker und Journalisten jetzt ein zunehmendes Parallelgesellschaftenproblem herbeischreiben wollen (teils aus nationalkonservativer Überzeugung, teils opportunistisch mit Blick auf die geburten- und daher leser- und wählerstimmenstarken älteren Jahrgänge!).

  10. #99
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    AW: Überwachungsstaat.

    Zitat Zitat von Die Luftgitarre Beitrag anzeigen
    Also erstens ist das mit der Gruppen- und Kulturkreiszugehörigkeit ja im Zweifel eine Zuschreibung von außen
    .... was dann konsequenterweise natürlich auch für die vielen positiven Zuschreibungen von aussen gelten muss.

    : Vielleicht fühlt sich Herr Özcan in 2ter Generation schon gar nicht mehr als Türke, vielleicht war er nie praktizierender Moslem oder vielleicht ist er aus ausgeprägter Individualist ... der erst durch diese Debatte wieder zum Türken gemacht gemacht wird.
    Die vielen vielleichts zeigen schon wie realitätsnah das in den hier schon häufiger genannten Brennpunkten ist. Lohnt sich leider nicht das weiterzuspinnen

    Und zweitens: Was würde es bringen, wenn er sich z. B. öffentlich gegen Zwangsehen erklärt (wie etliche deutschtürkische Autoren und Prominente vor ihm)? Es würde doch eh nur wieder heißen: Oh, jetzt präsentieren die Multikulti-Verharmloser uns wieder so einen handverlesenen Vorzeige-Migranten, wie durchtrieben von denen ... *g*
    Also mir gings darum, dass die die weit sind mit der Integration aus eigenem Interesse (nicht unter dem schlechten Ruf leiden zu müssen) einfach mal die an die Hand nehmen die damit bisher ihre Probleme hatten oder sich verweigern. Als deutschstämmiger christlich-abendländischer Kultur (deren Existenz Cem Özdemir lustigerweise genauso bestreitet wie vieles andere auch) wirst Du da sowieso nicht Ernst genommen. Genau genommen hältst Du in solchen Vierteln einfach die Klappe wenn es zu Meinungsunterschieden kommt. Das Problem dabei ist doch eher, dass die die integriert sind selbst schon gar nicht mehr da wohnen wollen und verkehren wo die Problemfälle hocken. Stattdessen sind sie mit beleidigt, statt etwas zu unternehmen. Die Reaktion auf Kritik an Integrationsproblemen von gut Integrierten ist einfach zu oft in den Medien als "Aha, dann kann ich ja gar nicht Manager einer 50-köpfigen Firma sein, bin ja gebürtiger Türke!". Das darf gerne aufhören, die dürfen sich gerne nicht gemeint fühlen und den weniger gut Integrierten stattdessen etwas Unterstützung angedeihen lassen. Medien und Fernsehkameras halte ich dabei für unnötig.

  11. #100
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    AW: Überwachungsstaat.

    Zitat Zitat von PostMortem Beitrag anzeigen
    .... was dann konsequenterweise natürlich auch für die vielen positiven Zuschreibungen von aussen gelten muss.
    Stimmt.



    Ich denke, der Kern des Problems ist wirklich dieses Konzept: "Herkunftskultur", "ethnische Zugehörigkeit", "Gruppenzugehörigkeit". Diese Islam- und Integrationsdebatte basiert ja auf der Praxis, die Bevölkerung nach Herkunfts- bzw. Abstammungskriterien einzuteilen und die Leute dann diesen Gruppen zuzuordnen. Diese Kategorisierung erscheint zunächst völlig normal (und ist auch in der Tat nicht nazi-spezifisch), ist aber irrational. Denn:

    Der Herkunftskulturraum wird im Zweifel von außen defininiert, im doppelten Sinne:

    - geographisch: Wir mögen ganz selbstverständlich vom "islamischen Kulturkreis" sprechen und damit die Länder von Marokko bis Pakistan zusammenfassen. Aber in diesen Ländern selber ist die "Umma" (die Gesamtheit der Korangläubigen) nur ein Konzept neben anderen Identitäten. Für Islamisten steht sicherlich die Umma im Vordergrund. Daneben und damit konkurrierend gibt aber es alle möglichen Stammesidentitäten, Nationalismen und Sekten sowie soziale Abgrenzungen. Manche iranische Nationalisten wollen nicht im gleichen Atemzug mit 'irgendwelchen Kameltreibern' genannt werden, Beduinen rümpfen die Nase über verweichlichte Städter in Kairo und Damaskus, und in Istanbul verweisen manche darauf, dass die durchgeknallten Ehrenmörder meist aus dem von ihnen als hinterwäldlerisch gesehenen Osten der Türkei kommen ect.

    - inhaltlich: der Begriff "islamischer Kulturkreis" unterstellt, dass das Leben und die Mentalität zwischen Marokko und Pakisten im wesentlichen und primär durch den Koran bestimmt ist. Das ist zumindest eine gewagte Behauptung. Man könnte eher argumentieren, dass das Leben in Damaskus mit dem in der Arabischen Wüste ungefähr soviel zu tun hat, wie das Leben in Frankfurt a. M. mit dem auf dem Moldawien (sind ja in beiden Fällen Christen). In den Städten gibt es viele sozusagen "Taufschein-Moslems", die praktisch gesehen eher säkularistisch (und party-)orientiert sind. Und selbst unter den Wüstenbewohnern gibt es da große Unterschiede: Die Berber sehen sich als Muslime, die Rechtsstellung der Frau ist bei ihnen aber wesentlich vorteilhafter als bei den Beduinen usw.

    Man mag sagen, das sei spitzfindig, und fragen: Warum ist die grobe Zuordnung zu einem Kulturkreis im Zusammenhang mit Kriminalitätsproblemen so schlimm?

    1. Die zugeschriebene Kulturkreiszugehörigkeit (und damit Verdächtigkeit!) hängt überhaupt nicht von konkreten Taten, Lebensgewohnheiten, Äußerungen, Bekenntnissen oder Vereinsmitgliedschaften einer Person ab, also von nichts was jemand selber zu verantworten hätte, sondern einzig davon wo der zufällige Geburtsort dieser Person gemäß unserer Kulturraumeinteilung liegt!

    2. Wenn man also von einem "Migrations"- oder "Islamproblem" spricht und Gesten der Distanzierung und des Integrationswillens verlangt, rückt man jeden, der durch Name, Aussehen oder Dialekt irgendwie dieser Gruppe zuzordnen ist, bis zum Beweis des Gegenteils erstmal in ein Zwielicht des Verdachts. Das widerspricht nicht nur der Unschuldsvermutung des bürgerlichen Rechts und dem Geist westlicher Verfassungen (welche keine Stämme, sondern nur einzelne Bürger kennen), sondern kann auch sehr praktische Auswirkung für die derart öffentlich stigmatisierten haben.

    Die Frage ist doch wohl: Warum ist es Islam-Kritikern von Broder bis Sarazzin so auffallend wichtig, dass keine Debatte etwa über den in der Tat kritikwürdigen Verein Milli Görüs, sondern eben eine grundsätzlich über "die muslischen Einwanderer" geführt wird? Warum bestehen sie so sehr auf das Wort "muslimische Migranten" und damit die Ausweitung eines vagen Grundverdachts auf prinzipiell erstmal jeden, der zufällig aus der Gegend kommt (quasi: Verdächtig bis zum Beweis des Gegenteils)?

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