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Unterschicht-TV ... Bericht

Erstellt von DeeTee, 18.04.2005, 22:40 Uhr · 80 Antworten · 5.672 Aufrufe

  1. #51
    Benutzerbild von Pallas

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    DeeTee postete
    @Pallas:
    Abgesehen von der Tatsache, dass auch die renommierten Zeitungen immer öfters dazu neigen, einfach schlechte Berichterstattung abzuliefern, finde ich das eine schöne knappe Darstellung.
    Das stimmt, DeeTee. Leider! Leider wird sich nach unten orientiert statt nach oben - wo die Masse der Menschen eben hinzieht. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender sind auf diesen Zug ja auch schon aufgesprungen (der Quoten zuliebe? Um sich einem quotenstärkeren Trend anzubiedern?). Es gibt Berichterstattungsendungen in Episodenform (Brisant? Oder wie heißt sie? Es ist mir gerade nicht präsent), die sich stark an der Form, wie sie RTL und Konsorten praktizieren, orientiert.

  2.  
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  3. #52
    Benutzerbild von Torsten

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    Pallas postete
    Leider wird sich nach unten orientiert statt nach oben - wo die Masse der Menschen (und damit die Quote) eben hinzieht. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender sind auf diesen Zug ja auch schon aufgesprungen. Es gibt Berichterstattungsendungen in Episodenform (Brisant? Oder wie heißt sie? Es ist mir gerade nicht präsent), die sich stark an der Form, wie sie RTL und Konsorten praktizieren, orientiert.
    Grundsätzlich erwarte ich von den Öffentlich-Rechtlichen Sendern, für die ich GEZ-Gebühren entrichte, dass sie das Trash-TV der Privaten konterkarieren. Stattdessen springen sie zunehmend auf unselige Trendzüge auf, die von RTL & Co. gestartet wurden - oftmals sogar noch dann, wenn ein Format schon längst ausgelutscht ist.

  4. #53
    Benutzerbild von frasier

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    DeeTee postete
    Als zur Bildungsoberschicht (tolles Wort ! ) gehörend frage ich Dich 'mal, wo Du Deine Fakten denn herbekommst, aus denen Du Dir Deine eigene Meinung bilden möchtest?
    Ich denk mal, es gibt heutzutage genug Fernsehsender, Nachichtensender, Videotexte, um sich erstmal über das wichtigste zu informieren und das Internet um ggf. nähere Infos zu bekommen.

    Falschmeldungen kann es natürlich immer geben, aber sowas stellt sich schnell raus.

    Das alles geht schnell, ist billig und hat den Vorteil, Meinungen von Journalisten aus dem Weg zu gehen. Warum diese sich einbilden, der Welt erklären zu müssen, wie man bestimmte Nachichten und Ereignisse verstehen müsse, ist mir ein Rätsel. Es kann nur den Grund haben, ihr Blatt oder Buch voll zu bekommen.

  5. #54
    Benutzerbild von ihkawimsns

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    Den selben Effekt hast du aber bei allen anderen Medien auch. Oder was meinst du, wer Internetartikel, Nachrichtenbeiträge etc. schreibt? Man muss übrigens nicht seitenlang ausholen, um jemand anderem eine Meinung zu suggerieren - und so etwas geht auch auf wesentlich subtilere Art und Weise, als es in der Bildzeitung der Fall ist.

  6. #55
    Benutzerbild von frasier

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    Von Internetartikeln und Nachichtenbeiträgen aus dem Internet hab ich nichts geschrieben. Dass das Zeitungen sind dürfte klar sein.

    Was ich mit Infos aus dem Internet meinte sind wissenschaftliche Berichte, Studien und Statistiken. Hier ist man sicher näher an den Fakten, wenn auch nicht zu 100 Prozent. Es geht ja auch nur darum, den Versuch zu machen, die Sache von der Meinung zu trennen. Dass das einfach wäre hat niemand behauptet.

  7. #56
    Benutzerbild von bubu

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    @frasier

    Zeitungen u.a. Medien bestehen im Übrigen nicht nur aus Nachrichten und Meinungen - es findet noch viel mehr statt: Experten-Analysen, Interviews, Features, Reportagen, Hintergrund-Artikel, Gastbeiträge (Meinung), Glosse (Meinung), Kommentar (Meinung), Streitgespräch etc. Das alles unterstützt bei der eigenen Meinungsbildung, ohne dass dir irgendjemand eine Meinung aufzwängen wollte. Die Aufgabe von Journalisten ist es, die komplexen Sachverhalte für den Leser verständlich zu vermitteln. Tag für Tag prasseln tausende von Nachrichten auf uns herab. Jede Nachricht stellt für sich einen kleinen Informations-Splitter dar. Ich frage mich, wie du alleine nur aus Splittern dein gesamtes Weltbild zurechtbasteln willst? Du kannst doch viele Detailinformationen gar nicht mehr in den Gesamtkontext einordnen ohne die Hilfe von Journalisten, die dazu die passenden Hintergründe liefern. Oder gehst du jedesmal her und schlägst die notwendigen Infos zu einer Nachricht in Enzyklopädien und Büchern nach?

    Im übrigen ist es reichlich naiv zu glauben, Nachrichten und Statistiken seien objektiv. Das sollten sie im Idealfall zwar sein, aber wie das nun mal so ist mit Ideal und Wirklichkeit - Nachrichten werden immer noch von Menschen geschrieben. Alleine schon die Auswahl der Nachrichten, die überhaupt stattfinden, ist zwangsläufig subjektiv und spiegelt damit eine Meinung wieder. Zum Beispiel die des Nachrichtenredakteurs, der vielleicht der Meinung ist, dass das Erdbeben in Indonesien doch nicht so wichtig ist wie der Skiunfall von Bundeskanzler Schröder. Und ebenso kannst du Statistiken zurechtbiegen und schönen und Unpassendes weglassen, alles im Rahmen des Rechtmäßigen. Es ist im Übrigen auch die Aufgabe von Journalisten Nachrichten kritisch zu hinterfragen, was wiederum nur mit dem notwendigen Hintergrundwissen möglich ist - kannst du alleine zuhause das alles leisten???

  8. #57
    Benutzerbild von Pallas

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    bubu postete
    Im übrigen ist es reichlich naiv zu glauben, Nachrichten und Statistiken seien objektiv. Das sollten sie im Idealfall zwar sein, aber wie das nun mal so ist mit Ideal und Wirklichkeit - Nachrichten werden immer noch von Menschen geschrieben. Alleine schon die Auswahl der Nachrichten, die überhaupt stattfinden, ist zwangsläufig subjektiv und spiegelt damit eine Meinung wieder. Zum Beispiel die des Nachrichtenredakteurs, der vielleicht der Meinung ist, dass das Erdbeben in Indonesien doch nicht so wichtig ist wie der Skiunfall von Bundeskanzler Schröder. Und ebenso kannst du Statistiken zurechtbiegen und schönen und Unpassendes weglassen, alles im Rahmen des Rechtmäßigen. Es ist im Übrigen auch die Aufgabe von Journalisten Nachrichten kritisch zu hinterfragen, was wiederum nur mit dem notwendigen Hintergrundwissen möglich ist - kannst du alleine zuhause das alles leisten???
    Stimmt. Da gibt es doch immer diese Frage: Warum gibt es in den Tagesschauen eigentlich nur schlechte Nachrichten?
    Das sieht man ja auch beim Privatfernsehen - was die manchmal in ihren "Nachrichten"sendungen als "Nachrichten" erachten (Die Schwangerschaft von Britney Spears), unterscheidet sich doch zum Glück noch sehr von den öffentlich-rechtlichen.
    Obwohl die es neulich auch in den "Tagesthemen" erwähnten, daß "Wir sind Helden" ein neues Album auf den Markt gebracht haben. Das hat mich dann auch gewundert: ist das ein Thema für die Tagesthemen?

  9. #58
    Benutzerbild von frasier

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    bubu postete
    @frasier

    Die Aufgabe von Journalisten ist es, die komplexen Sachverhalte für den Leser verständlich zu vermitteln.
    In erster Linie ist es ihre Aufgabe, etwas zu verkaufen. Ob ich etwas verstehe oder nicht spielt da nur eine untergeordnete Rolle, wenn überhaupt.

    Tag für Tag prasseln tausende von Nachrichten auf uns herab. Jede Nachricht stellt für sich einen kleinen Informations-Splitter dar. Ich frage mich, wie du alleine nur aus Splittern dein gesamtes Weltbild zurechtbasteln willst? Du kannst doch viele Detailinformationen gar nicht mehr in den Gesamtkontext einordnen ohne die Hilfe von Journalisten, die dazu die passenden Hintergründe liefern.
    Doch, genau das kann ich. Aber zum Glück sind ja nicht alle Nachrichten wichtig für mich. Und sich Hintergrundinformationen zu besorgen ist heute einfacher (Internet) als früher.
    Und wieso brauche ich jedesmal eines Journalisten, wenn ich Hintergrundinfos brauche? Diese müssen sich doch die Hintergrundinfos auch irgendwo besorgen.


    Im übrigen ist es reichlich naiv zu glauben, Nachrichten und Statistiken seien objektiv.
    Habe ich auch nicht behauptet. Aber die Objektivität liegt mit Sicherheit höher, als bei kommentierten Nachichten. Oder bist du der Meinung, dass ein Beitrag an Objektivität gewinnt, wenn er kommentiert wird?

    Es ist im Übrigen auch die Aufgabe von Journalisten Nachrichten kritisch zu hinterfragen, was wiederum nur mit dem notwendigen Hintergrundwissen möglich ist - kannst du alleine zuhause das alles leisten???
    Ich verlasse mich jedenfalls lieber auf mein Urteilsvermögen als auf das anderer.

  10. #59
    Benutzerbild von DeeTee

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    Frasier: Doch, genau das kann ich. Aber zum Glück sind ja nicht alle Nachrichten wichtig für mich.
    Woher weißt Du (vorher), welche Nachrichten für Dich wichtig sein werden?

    Und sich Hintergrundinformationen zu besorgen ist heute einfacher (Internet) als früher.
    Das mag sein, aber die Qualität dieser Informationen ist häufig fragwürdiger als früher.

    Und wieso brauche ich jedesmal eines Journalisten, wenn ich Hintergrundinfos brauche? Diese müssen sich doch die Hintergrundinfos auch irgendwo besorgen.
    Weil die Journalisten der gehobenen Presse im Durchschnitt in aller Regel deutlich besser Bescheid wissen. Ich denke dabei an Redakteure wie Hans Leyendecker von der SZ, Georg Paul Hefty von der FAZ oder Uwe Jean Heuser und Gero von Randow von der ZEIT.

    Ich verlasse mich jedenfalls lieber auf mein Urteilsvermögen als auf das anderer.
    Das klingt immer sehr schön. Leider ist das weder immer die beste Entscheidung noch gerade ein Zeichen von besonderer Einsicht. In vielen Fragen kann ich - trotz Zugehörigheit zur sog. Bildungsoberschicht - nur sehr begrenzt eine fundierte Beurteilung abgeben; da verlasse ich mich lieber auf solche Leute, die mehr Sachverstand haben (was eine kritische Prüfung nicht ausschließt).
    Anzunehmen, man könne sich immer auf die eigene Meinung (!) verlassen, ist ignorant.

    Grüße!
    DeeTee

  11. #60
    Benutzerbild von Torsten

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    Interessantes Interview von Dirk Knipphals und Christian Schlüter mit dem Bielefelder Sozialwissenschaftler Niklas Luhmann, Autor des Buches "Die Realität der Massenmedien":

    Herr Luhmann, wie es bei Ihnen zu Hause aussieht, konnten wir den Medien nicht entnehmen. Um das zu erfahren, mussten wir Sie schon selbst besuchen.

    Mag sein, ja.

    Nun behaupten Sie aber in Ihrem neuen Buch "Die Realität der Massenmedien", dass wir alles, was wir über die Gesellschaft und die Welt, in der wir leben, wissen, aus den Medien wissen. Überschätzen Sie damit die Medien nicht?

    Vielleicht ein bisschen. Es gibt natürlich einen persönlichen Lebenskreis, über den man Bescheid weiß, ohne etwas in der Zeitung gelesen zu haben. Aber wenn man sich im öffentlichen Raum orientiert, kann man ohne Medienwissen gar keine Verständigung erreichen.

    Manche beklagen das als Verlust von Unmittelbarkeit. Aber oft weiß man gar nicht, wie stark etwas, das wir wissen, durch die Medien vermittelt ist, wenn man es nicht mit direkt bekannten Objekten oder Personen zu tun hat. Wir sind kaum in der Lage, das medienvermittelte Wissen von dem selbsterfahrenen wirklich zu trennen.


    Die Medien haben sich also schon immer in unser Wissen eingeschlichen?

    Ja. Um herauszufinden, wie wir die Dinge ohne Medien sehen würden, könnte man höchstens Kinder untersuchen, die noch nicht lesen können und keinen Fernseher zu Hause haben. Aber auch das wäre natürlich problematisch.

    Nun gibt es Schriftsteller wie Peter Handke, die den Medien vorwerfen, sie würden die Tatsachen verfälschen. Handke etwa ist selbst nach Serbien und Bosnien gefahren, um sich mit eigenen Augen die Folgen des dortigen Krieges anzuschauen. Wie immer man nun das wertet, was Handke herausgefunden hat - wäre solch eine Suche nach eigenen, authentischen Wahrnehmungen nicht eine Möglichkeit, aus dem medienvermittelten Wissen auszubrechen?

    Das Problem ist nur: Gibt es diese authentischen Wahrnehmungen? Ich glaube es nicht. Heute kann man nicht eine Privatsphäre des genuinen, authentischen Wissens aus eigener Erfahrung isolieren gegen Einflüsse aus den Medien. Selbst dass Serbien und Bosnien überhaupt existieren, weiß Handke doch nur aus der Zeitung.

    Er ist im österreichischen Graz in der Nähe zum ehemaligen Jugoslawien aufgewachsen.

    Aber die Tatsache, dass es da Probleme gibt, hat er irgendwo gelesen oder im Radio gehört. Denken wir nur an die Zeit zurück, als die Berliner Mauer gestürmt wurde. Um zu wissen, was für eine Bedeutung dieses Ereignis hatte, brauchten wir die Medien. Würden wir ohne jedes Hintergrundwissen hören, dass da einige Menschen über eine Mauer geklettert sind, würden wir an eine Turnübung denken oder an ein Sportfest. Dass sich da aber tatsächlich ein weltbewegendes Ereignis abspielte, das wusste man nur aus den Medien. Wir kommen ohne sie einfach nicht aus.

    Es sind also für Sie die Medien, die unser Alltagswissen produzieren. Bürden Sie damit den Journalisten nicht viel auf? Und sprechen Sie den Medien nicht sehr viel Macht zu?

    Den Ausdruck Macht würde ich in diesem Zusammenhang nicht verwenden. Bei Macht denke ich immer an Drohmacht in dem Sinne: Wenn du dies nicht tust, dann musst du mit den und den Konsequenzen rechnen. Zeitungen und Fernsehsender dagegen beschäftigen sich mit der Herstellung von Fakten. In ihnen geht es um Fragen wie: Was kommt in unserer Zeitung auf die erste Seite? Was wollen wir senden und was nicht? Die Medien operieren mit der Unterscheidung, ob etwas informativ oder eben nicht informativ ist. Der Machtbegriff ginge mir zu sehr in die Breite, wenn man ihn hierauf anwenden würde. Aber natürlich ist es eine Art von Aufwertung, wenn man, wie ich das in meinem Buch tue, die Medien nicht nur als Gruppe von Wirtschaftsunternehmen sieht, sondern als ein eigenes gesellschaftliches Funktionssystem. Wir würden die Gesellschaft, die wir heute haben, nicht haben und ständig reproduzieren, wenn es keine Massenmedien gäbe.

    Wenn wir, wie Sie sagen, alles Wissen aus den Medien haben, müsste man dann den Medien nicht sogar die Königsposition innerhalb der Gesellschaft einräumen?

    Nein. Es mag zwar sein, dass sich jedes gesellschaftliche Funktionssystem selbst eine Vorrangstellung einräumt. Im 18. Jahrhundert wurden die Pädagogen überschätzt. Heute meinen etwa die Politiker, dass alles von der Politik abhängt. Und natürlich glauben die Journalisten von sich etwas Ähnliches. Aber die Produktion von Wissen ist nur einer der Faktoren, die die gesellschaftliche Kommunikation bestimmt. In der funktional ausdifferenzierten Gesellschaft gibt es keine Rangordnung.

    In der Politik ist zurzeit viel von einer Krise die Rede. Manche Kommentatoren behaupten gar, wir befänden uns in einer Phase der Entpolitisierung. Ließe sich mit dieser Situation nicht die große Aufmerksamkeit erklären, die die Massenmedien im Moment genießen?

    Mein Eindruck ist eher, dass wir uns bei der Beschreibung unserer Gesellschaft auf soziale Differenzierung einstellen. Ich bezweifle, dass die Politik tatsächlich in einer Krise steckt. Denn Krisen würden ja auch irgendwann beendet sein. Übrigens ist das bei der Rede von einer Kirchenkrise oder einer Krise der Familie ganz dasselbe. Alle diese Bereiche mögen neuen Bedingungen unterliegen, aber ich glaube nicht, dass das Krisen sind. Vielmehr haben wir es mit typischen Effekten einer sozialen Differenzierung zu tun. Insofern ist die speziell im deutschen Staatsbegriff betonte Hoheit von Politik problematisch. Es funktioniert einfach nicht so. Und die Massenmedien sind eine Instanz, die das spiegeln. Aber da gibt es auch noch die internationale Wirtschaft und das Recht. Die heutige Politik ist ja zwischen Richtern und öffentlicher Meinung eingeklemmt. Ihr Spielraum besteht aus dem, was das Verfassungsgericht zulässt und was die Öffentlichkeit als Resonanz gibt.

    Zurück zu den Medien. Für Sie besteht ihre Funktion darin, Informationen zu produzieren, an die sich dann weitere Kommunikationen etwa im Alltag anschließen können. Nun gibt es ja die weitverbreitete Ansicht, die Medien würden die Fakten nicht etwa produzieren, sondern verfälschen.

    Natürlich gibt es diese Manipulationsthese. Alles Wissen, das wir aus den Medien haben, wird man in Zweifel ziehen können. Dennoch muss man darauf bauen. Einerseits wissen wir alles, was wir wissen, aus den Medien. Andererseits wissen wir aber auch, wie dieses Wissen gemacht wird. Wir wissen, wie Nachrichten ausgewählt werden, wie raffiniert Werbeleute das Wichtige in den Hintergrund rücken und mit welchen Gedächtnistheorien sie arbeiten. Und wir wissen, wie Unterhaltung gebaut wird. Das alles weiß man, und doch fällt es plötzlich weg, wenn es darum geht, was man meint, was man glaubt, was man für gegeben hält. Man muss das, was aus den Medien zu erfahren ist, für bare Münze nehmen. Es ist diese Diskrepanz zwischen den bekannten Selektionsmechanismen der Medien einerseits und ihrer Anwesenheit in unserem privaten Selbstverständnis andererseits, gegen die wir uns mit dem Manipulationsverdacht wehren.

    Das hört sich so an, als würden Sie das achselzuckend akzeptieren. Fast könnte man denken, für Sie sei auch Desinformation eine Art von Information.

    Richtig ist, dass der Informationsbegriff keine objektive Kontrolle hat. Wenn jemand etwas als Information aufnimmt, dann ist es Information für ihn, ob es nun stimmt oder nicht stimmt. Man hat ja auch meistens gar keine Zeit, das nachzuprüfen. In der Kommunikation wirkt Information als Resultat einer Kommunikation. Ob das wahr ist, ist eine andere Frage. Wenn man von dem Primat der Unterscheidung zwischen Information und Nichtinformation ausgeht, dann tritt die Wahrheitsfrage erst an zweiter Stelle auf. Natürlich ruiniert man die Bereitschaft, eine Information zu akzeptieren, wenn man ständig etwas Falsches berichtet, wie das etwa bei den Hitler-Tagebüchern geschehen ist.

    Aber ob ein Artikel tatsächlich stimmt, ist für Sie nicht das Entscheidende?

    Ich glaube nicht, dass Wahrheit das zentrale Moment der Medien sein kann. Die Meldungen müssen ja auch zu einem bestimmten Zeitpunkt fertig sein. Jeden Morgen muss eine Zeitung vorliegen, jede Sendeminute im Fernsehen muss gefüllt sein. Ich denke, dass eine Kommunikation, die auf Wahrheit spezialisiert ist, nicht unter Zeitdruck stehen darf. Man weiß ja nicht, wie lange man prüfen muss. Schon im 17. Jahrhundert gab es übrigens ein Theaterstück über einen Menschen, der eine Zeitung gründete, die jede Woche erscheinen sollte. Im Fortgang der Handlung wurde dann gefolgert, dass da nur Lügen drin stehen können, denn, so dachte man damals, es passiert ja nicht jede Woche etwas.

    Zur Zeit läuft der Prozess gegen Michael Born, einen Filmemacher, der gefälschte Beiträge in Fernsehsendungen einschmuggelte. Zeigt dieser Fall nicht, dass Wahrheit zumindest als Leitvorstellung in den Medien gültig sein sollte? Oder machen sich die Journalisten vielleicht selbst etwas vor?

    Man kann natürlich immer unterscheiden zwischen der Selbstbeschreibung eines Systems wie der Medien und dem, was tatsächlich in ihm abläuft in Differenz zu dem, was woanders abläuft. Selbstverständlich denke ich, dass die Selbstbeschreibung der Presse und des Fernsehens auf irgendwelche Arten von Qualitäten wert legt. Und natürlich findet dort auf der Zweitebene eine Kontrolle statt. Etwa im Hinblick darauf, ob der Artikel oder der Fernsehbeitrag gut recherchiert ist. Aber ich bezweifle, ob man als Leser oder Zuschauer alles, was man tagtäglich aus den Medien erfährt, prüfen kann. Letztlich spielt es für mich, wenn ich einen Artikel lese, gar keine Rolle, ob das wahr oder nicht wahr ist oder ob das jemand geprüft hat. Es ist eine Information, und man nimmt an, dass die Information zuverlässig ist.

    Wie lässt sich denn in Ihre Medientheorie ein Konzept von Öffentlichkeit integrieren? Traditionellerweise wird Öffentlichkeit ja immer auch als kritische Kontrollinstanz mit hohen Wirkungspotenzialen gesehen. Umweltorganisationen wie Greenpeace mobilisieren sie, um etwa die Versenkung von Ölplattformen zu verhindern. Und sie haben Erfolg damit.

    Kritisch Stellung zu nehmen ist natürlich immer eine der vielen Möglichkeiten, mit denen man auf Berichte reagieren kann. Und man kann auch aus einer Meldung eine kritische Aktivität konstruieren. Aber das ist nicht die Essenz der Sache. Was in den Medien und der öffentlichen Meinung reproduziert wird, ist eher ein Verständnis für Themen oder, wie ich sage, frames. In dem Sinne, dass man überhaupt weiß, dass es Umweltverschmutzung gibt. Ob die konkrete Meldung nun zutrifft oder nicht, jedenfalls hat sie einen Kontext, in dem sie weiterbehandelt werden kann. Sei es, dass die einen nun die Versenkung der Plattformen verteidigen, weil das nur ein Prozent der natürlichen Umweltverschmutzung ausmacht, für die das Meer selbst sorgt. Sei es, dass die anderen sich dafür einsetzen, das zu verhindern. Was Medien leisten, ist, Verständnis für Themen herzustellen. Und das ist denn auch der Ort, an dem ich die Öffentlichkeit sehe. Sie besteht für mich nicht aus Meinungen, die festliegen und allgemein wären.

    Irritiert Sie es nicht, wenn in der Presse zwei so konträre Meinungen gegeneinander stehen?

    Hier muss man, glaube ich, unterscheiden, denn der Begriff der Irritation ist in meiner Sicht recht kompliziert. Natürlich ist es erst einmal ein psychisches Phänomen. Ich lese in der Zeitung etwas über die Brent-Spar-Geschichte oder dass die Aktienkurse sinken. Dann gibt es natürlich, wenn man sich selbst beobachtet, immer eine Art von persönlicher Betroffenheit. Aber die soziale Struktur der Informationsproduktion setzt nur voraus, dass es generell eine Form von Reaktions- oder Irritationsbereitschaft gibt. Das Nichtakzeptierenwollen von etwas, das man liest, ist da nur eine von mehreren Möglichkeiten. Aber selbst das wiederum ist nur möglich, wenn man weiß, wogegen man ist. Das Verstehen lässt dann immer die Optionen Annahme oder Ablehnung offen. Man muss schließlich nicht protestieren.

    Sie glauben also nicht daran, dass es Aufgabe der Medien sein sollte, komplexe Themen in den Alltag der Menschen so zu übersetzen, dass da Eindeutigkeit herrscht?

    Wenn man will, kann man sagen, dass in Medien etwas aufbereitet wird, sei es für Individuen, sei es auch für die Politiker, die sich in ihrem Tun auf Themen und Unterscheidungen stützen können, die verständlich sind, weil sie in den Medien schon behandelt wurden. Allerdings habe ich bei solchen Fragen, wie Sie sie gerade stellten, immer das Problem, wen Sie mit "den Menschen" meinen. Deutschland hat achtzig Millionen Einwohner. Wenn es Aufgabe der Medien wäre, die Themen für sie zu übersetzen, an wen sollen sie sich denn da konkret halten? Niemand weiß, wer "der Mensch" sein soll.

    Wenn in solchen Zusammenhängen von Menschen die Rede ist, möchte ich sozusagen immer deren Adresse haben. Der Begriff der Übersetzung impliziert ein Elitenkonzept. Die Intellektuellen wollen die Welt verstehen, und die Medien sollen ihnen Stoff liefern, darüber nachzudenken. Aber in den Medien passiert jeden Tag und bei ständig wechselnden Themen so viel, da ist doch erstaunlich, dass dies kaum davon abhängt, wer hinterher etwas damit anfängt. Abgesehen davon, dass die Medien hochselektiv vorgehen. Die Annahme, die Medien hätten eine Übersetzungsfunktion für die Öffentlichkeit, ist theoretisch nur sehr, sehr schwer umzusetzen.


    Ist das, was Sie als Funktion der Medien annehmen, nicht ein bisschen dünn? Vor allem dann, wenn man sich klarmacht, welche konkreten Auswirkungen manche Presseberichte haben können. Die Brent Spar etwa wäre versenkt worden, hätte es die Presse nicht gegeben.

    Natürlich ziehen die Medienberichte oft unmittelbare Effekte nach sich. Dazu braucht man sich ja nur die Konsequenzen von Nachrichten für die Börse anzusehen. Die Affäre der Deutschen Bank in London etwa hätte es ohne Publikationen in den Tageszeitungen nicht gegeben. Es wäre ja auch absurd, sich ein gesellschaftliches Funktionssystem wie die Medien ohne Effekte vorzustellen. Aber die Frage, was überhaupt welcher Ursache kausal zugeordnet werden kann, ist ja häufig schwierig. Außerdem glaube ich nicht, dass es sinnvoll ist, die Medien mit irgendeiner Art von Verantwortung für die von ihnen hervorgerufenen Effekte auszustatten.

    Eine letzte Frage. In Ihrem Buch behandeln Sie nicht nur Nachrichten und Berichte als die Presse-Instanzen, aus denen wir unser Wissen ziehen, sondern auch Werbung und Unterhaltung. Lässt sich mit Ihrer Sicht auf Unterhaltung nicht jede noch so schlechte Fernsehserie rechtfertigen?

    Mein Buch ist natürlich neutral gegenüber Ansprüchen an Qualität und jede Form von Interesse. Ich weiß nicht, ob man jede Form von Fernsehunterhaltung rechtfertigen kann. Ich selbst habe übrigens gar keinen Fernseher, da finde ich sowieso kaum etwas und habe auch gar nicht die Zeit dazu. Aber man kann doch sagen, dass es diese Form der Unterhaltung gibt und dass sie von bestimmten Leuten goutiert wird. Allerdings möchte ich mein Buch keineswegs so verstanden wissen, dass ich alles, was geschieht und was in einen Funktionskontext eingearbeitet werden kann, auch billige oder irgendjemanden ermuntere, das für gut zu halten.

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