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Unterschicht-TV ... Bericht

Erstellt von DeeTee, 18.04.2005, 22:40 Uhr · 80 Antworten · 5.687 Aufrufe

  1. #61
    Benutzerbild von Safaritünnes

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    In der "Neuen Presse" (Hannover) wurde Oliver Kalkofe interviewt und
    u.a. auch zum Thema Unterschichten-Fernsehen befragt.

    Will ich Euch nicht vorenthalten:

    Kalkofes trügerische Hoffnung

    Fernsehen macht blöd – das ist fast eine Binsenweisheit geworden. Aber keiner sagt es so schön wie der gebürtige Hannoveraner Oliver Kalkofe. Jetzt ist er mit seiner „Mattscheibe“ wieder in jenem Medium auf Sendung, mit dem ihn eine innige Hassliebe verbindet: dem Fernsehen.

    Muss man das Fernsehen lieben oder hassen, um eine Sendung wie Ihre zu machen?

    Man muss es ehrlich lieben, um es ehrlich hassen zu dürfen. So ist das auch bei mir: Ich bin mit dem Fernseher aufgewachsen. Er war mein bester und mein einziger Freund – vielleicht mit Ausnahme des Videorekorders. Darum ärgert mich so sehr, was damit passiert.

    Die größte Stärke des Mediums?

    Fernsehen ist, ähnlich wie der Film, eine massenkompatible Mischung: Es kann unterhalten, es kann informieren, es kann Vielfalt bieten. Es ist vor allem ein Spielfeld, das Spaß machen soll – was aber leider nicht erkannt wird.

    Die größte Schwäche?

    Die Privaten haben den Wunsch verloren zu unterhalten. Sie haben gelernt, dass man Geld verdienen kann, indem man gar nichts tut. Da gibt es diese Quiz-Nights, in denen sich ein Idiot um Kopf und Kragen redet. Die Einschaltquote ist minimal, aber die Sender verdienen an den paar Leuten, die anrufen. Die öffentlich-rechtlichen Sender hätten das Geld – und auch die Pflicht –, etwas Vernünftiges zu produzieren, aber die kapseln sich immer mehr ab. Und erst wenn die Privaten ihre Konzepte gegenseitig durchkopiert haben und der Zug abgefahren ist, springen sie auf die Gleise und wundern sich, dass sie dabei auf die Schnauze fallen.

    Haben Sie Favoriten im aktuellen Programm?

    Ich sehe kaum noch fern. Aktuell schalte ich Sendungen ein, bei denen man nicht unbedingt hingucken muss: Schmidt, „Wer wird Millionär?“ oder „Genial daneben“. Ich kaufe stattdessen DVDs wie ein Idiot. Ich muss selbst im eigenen Format erleben, dass ein Laserschwert einen Satz durchschneidet, weil irgendein Star-Wars-Hinweis eingeblendet wird, oder oben und unten Klingelton-Reklame läuft. Das tue ich mir nicht mehr an. Der Film wird nicht mehr ernst genommen, er wird zur Litfaßsäule.

    Besteht Hoffnung auf Besserung?

    Es gab, glaube ich, noch nie so viele Flops wie im vergangenen Jahr. Und da ist mir etwas Schlimmes passiert: Ich hatte die Hoffnung, es ändert sich etwas. Aber gleichzeitig kam diese Neun-Live-Schiene, und die Sender haben wieder Geld verdient. Trotz der ganzen Flops hatten fast alle die besten Jahresergebnisse. Das heißt: Selbst wenn sie Millionen in den Sand setzen, machen sie Gewinne.

    Harald Schmidt hat den Begriff des „Unterschichten-Fernsehens“ geprägt. Gibt es Oberschichten-Fernsehen?

    Es ist schwer, mit so einem Begriff zu arbeiten, aber er ist nicht falsch. Es geht um Menschen, die das Fernsehen als Begleitmedium für den Tag betrachten und nicht gefordert werden wollen. Das ist beim Radio zu 90 Prozent genauso: Da geht es nicht darum, ein neues Lied zu hören, mit dem man sich beschäftigen muss. Da reichts zu wissen, welche Uhrzeit es ist, welcher Sender gerade läuft und dass man gut drauf ist. Das Problem ist: Dadurch, dass fast nur die große Masse bedient wird, gleicht sich die goldene Mitte immer mehr an und die Schere zum Anspruch wird immer größer. Es gibt kein Oberschichten-Fernsehen mehr.

  2.  
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  3. #62
    Benutzerbild von DeeTee

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    Harald Schmidt hat den Begriff des „Unterschichten-Fernsehens“ geprägt. Gibt es Oberschichten-Fernsehen?
    Mal schnell aus der Hüfte geschossen:
    Was Harald Schmidt macht, ist Unterschicht-TV für die Mittelschicht (und was sich dafür hält). Die Strukturen sind die Gleichen.

    Ja, es gibt Oberschichten-Fernsehen. Man benötigt dafür einen DVB-S/T-Receiver oder einen DVD-Recorder mit Festplatte und die Zeit, eine Fernsehzeitschrift sorgfältig zu studieren, außerdem die Programmhinweise aus den Internet. Dann kann man sich ein brauchbares Programm zusammenstellen. Privatfernsehen kommt darin praktisch nicht vor.

    Grüße!
    DeeTee

  4. #63
    Mumie
    Benutzerbild von Mumie
    Ist es nicht so,daß früher(bis die privaten erlaubt wurden!)das Programm bei den öffentlich-rechtlichen zwar oft recht langweilig war,aber dafür von der Qualität recht hoch(es war für jeden etwas dabei).Jetzt haben wir zwar X-Programme aber bis auf wenige Ausnahmen(z.b:ARTE/3SAT) halt nur Zerstreungsfernsehen.Und was machen die öffentlich rechtlichen(teilweise aus der Not heraus)konzentrieren sich hauptsächlich auf die älteren Zuschauer.
    So wird daß nichts!

    Und das mit der Werbung zwischen und während des Films ist wirklich zum !

  5. #64
    Benutzerbild von frasier

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    DeeTee postete
    Woher weißt Du (vorher), welche Nachrichten für Dich wichtig sein werden?
    Na vorher weiss ich es auch nicht, aber wenn ich die Nachichten sehe, kann ich in wichtig und unwichtig unterteilen. Im Videotext kann ich mir z. Bsp. die Nachichten raussuchen, die mich interessieren und den Rest ignorieren.

    Anzunehmen, man könne sich immer auf die eigene Meinung (!) verlassen, ist ignorant.
    Für mich ist jemand ignorant, der Argumente, Fakten und Tatsachen übergeht.

    Wenn man meine Vorgehensweise als arrogant bezeichnen will, weil ich mich lieber auf mein Urteilsvermögen verlasse, okay. Ich sehe es als Ausschalten von Fehlerquellen.

    Ausserdem habe ich, wie es auch aus dem von Torsten zitierten Gespräch hervorgeht, den Vorteil, dass ich mir für meine Meinungsbildung sehr viel Zeit lassen kann im Gegensatz zu den Journalisten. Diese werden sicher keine Idioten sein und auch über viel Erfahrung verfügen, aber diesen zeitlichen Nachteil können sie keinesfalls wettmachen.

    Und letztlich fühle ich mich wohler, wenn ich eine Entscheidung treffen muss, und mich dabei nicht auf die Einschätzung eines Anderen verlassen muss.

  6. #65
    Benutzerbild von DeeTee

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    frasier postete
    DeeTee postete
    Anzunehmen, man könne sich immer auf die eigene Meinung (!) verlassen, ist ignorant.
    Für mich ist jemand ignorant, der Argumente, Fakten und Tatsachen übergeht.
    Wenn man meine Vorgehensweise als arrogant bezeichnen will, weil ich mich lieber auf mein Urteilsvermögen verlasse, okay. Ich sehe es als Ausschalten von Fehlerquellen.
    Sorry, ich wollte Dich nicht als arrogant bezeichnen (Habe ich auch nicht getan!). Allerdings habe ich gelernt, dass das eigene Urteilsvermögen nicht nur recht begrenzt ist, sondern dass man es sehr wohl erheblich manipulieren kann. Dessen sollte man sich bewusst sein. (und die beste Manipulation ist jene, die man nicht bemerkt ...) Hier liegt leider die wichtigste "Fehlerquelle" vor.

    Nichts für ungut!
    Grüße!
    DeeTee

  7. #66
    Benutzerbild von DeeTee

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    Ein sehr interessanter, ergänzender Artikel ist bei bei Telepolis erschienen. Nachfolgend einige Auszüge:

    Der US-Soziologe Robert W. Fuller analysiert den gesellschaftlichen Machtmissbrauch und die Rangordnungskämpfen zwischen "Somebodies" und "Nobodies". Ein Phänomen, das sich in Krisenzeiten besonders stark manifestiert und auch auf Deutschland übertragen lässt.

    Neben Rechthaberei und der unaufgeforderten Spontanbelehrung haben sich in in Deutschland neue Volkstugenden etabliert, die den Quizshow-Abfallprodukten mittlerweile die oberen Ränge in der Tabelle deutscher Verhaltensauffälligkeiten ablaufen. Mit den Waffen "Statusprotzerei" und "Unterschichten-Mobbing" kämpft der bürgerliche Mittelstand sein Rückzugsgefecht aus der gesellschaftlichen Bedeutung.
    [...]
    "Diese Ausprägung der sozialen Degradierung trifft die Gesellschaft auf breiterer Ebene, als alle anderen Diskriminierungen bisher. Schnell haben wir uns im Alltag die Indikatoren (berufliche Position, Einkommen, Ausbildung, Wohnort, Familienstand etc.) beschafft, mit denen wir unser Gegenüber als potenzielle Bedrohung oder als subaltern einordnen. Davon hängt ab, ob wir ihn in Zukunft befrieden und umgarnen oder ihn fortan ignorieren, ausnutzen und gelegentlich sogar demütigen?"
    [...]
    Auch die in Deutschland zu beobachtende, recht exzessive Darstellung des eigenen Status – die Manifestation des eigenen Ranges durch ökonomische Abgrenzung – ist nichts Weiteres, als die bräsige Ausprägung des Machtmissbrauchs. Dient das Verhalten doch nicht nur zur Absicherung vor den eigenen Ängsten, sondern auch ganz gezielt zur Demütigung Dritter.
    [...]
    Kunsthandel, Yachtmessen und Golfclubs in Deutschland prosperieren unverhältnismäßig zur gesamtdemographischen Entwicklung des Bruttosozialprodukts, High-End-Konsumer-Magazine schießen wie Pilze aus dem angeblich bankrotten Verlagsboden, Luxusmarken erleben eine Renaissance ihrer Yuppie-Jahre und materieller Exhibtionismus gereicht ehemaligen Langweilern inzwischen zur Medienstar-Tauglichkeit. Ausgerechnet eine Stadt wie Hamburg, sowenig von Sonnenschein bedacht wie von sozialen Diskrepanzen verschont, glänzt mit der höchsten Cabriolet-Dichte Deutschlands, während das "Unterschichten-TV" (Harald Schmidt) seinen journalistischen Reportage-Anspruch auf Neid-Reportagen über Neureiche oder Sozialfallvoyeurismus beschränkt.


    DeeTee

  8. #67
    Benutzerbild von frasier

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    DeeTee postete
    Sorry, ich wollte Dich nicht als arrogant bezeichnen (Habe ich auch nicht getan!). Allerdings habe ich gelernt, dass das eigene Urteilsvermögen nicht nur recht begrenzt ist, sondern dass man es sehr wohl erheblich manipulieren kann. Dessen sollte man sich bewusst sein. (und die beste Manipulation ist jene, die man nicht bemerkt ...) Hier liegt leider die wichtigste "Fehlerquelle" vor.
    Das mit der Arroranz kam falsch rüber. Ich meinte damit, dass ich es mir vorstellen kann, dass man meine Einstellung als arrogant, eingebildet oder selbstherrlich empfinden könnte. Zumindest habe ich die Erfahrung gemacht.

    Solange ich aber meine Grenzen genau kenne und ich mir selbst gegenüber kritisch bin, würde ich dem gelassen entgegen sehen.

    Und natürlich bin ich keinesfalls davor gefeit, eigene Fehler zu machen. Aber ich mache lieber eigene Fehler, aus denen ich dann lernen kann, als für Fehler anderer zu bezahlen. Da fällt auch die Fehleranalyse viel schwerer.

  9. #68
    Benutzerbild von DeeTee

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    Und auch der SPIEGEL greift das Phänomen Unterschichten-Fernsehen auf:


    "Wer ist Proll?"
    Spiegel

    Durchaus interessant.

    DeeTee

  10. #69
    Benutzerbild von bubu

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    Mir ist nicht so richtig klar geworden, was der Autor sagen will - außer, dass er die Diskussion für verlogen hält...

  11. #70
    Benutzerbild von DeeTee

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    Sagt der SPIEGEL jemals etwas?

    Am bezeichnetesten fand ich den folgenden Absatz:

    [i]n Phase II reagierten einige wichtige TV-Manager verunsichert, was als Schuldeingeständnis missverstanden wurde. Sie fürchten aber weniger die Fernsehkritik, sondern die Werbewirtschaft. Wenn sich dort die Meinung durchsetzte, dass bei manchen Formaten nur noch Menschen ohne Geld und Gehirn vor der Glotze hocken, wäre das für ihr Geschäft viel gefährlicher als jeder Abendland-Untergangstext in "taz" oder "FAZ".[/quote]Und dazu die Reaktion der (Privat-)Fernsehsender.

    Die "Distanzierung" von der Zielgruppe ist doch bemerkenswert. Klar, wer will sich schon als "Proll" bezeichnen lassen?! Jeder hält sich für cleverer als die meisten, die er kennt. Das nennen dem Psychologen den "fundamentalen Attributionsfehler".

    Ich bleibe dabei: Fernsehen macht dumm. Privatfernsehen macht schneller dumm.
    Durch selektives und überlegtes fernsehen kann man dem entgegenwirken - aber wer tut das schon?

    Grüße!
    DeeTee

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