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Wo bleibt Euer Aufschrei?

Erstellt von DeeTee, 11.11.2004, 16:59 Uhr · 23 Antworten · 2.005 Aufrufe

  1. #1
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    Heiner Geissler schreibt in DIE ZEIT

    »Wo bleibt Euer Aufschrei?«

    In der globalen Wirtschaft herrscht die pure Anarchie. Die Gier zerfrisst den Herrschern ihre Gehirne. Ein Wutanfall

    Von Heiner Geissler

    »Das Kapital hat die Bevölkerung agglomeriert, die Produktionsmittel zentralisiert und das Eigentum in wenigen Händen konzentriert. Die Arbeiter, die sich stückweise verkaufen müssen, sind eine Ware wie jeder andere Handelsartikel und daher gleichmäßig allen Wechselfällen der Konkurrenz, allen Schwankungen des Marktes ausgesetzt.« Karl Marx/Friedrich Engels, 1848, »Manifest der Kommunistischen Partei«

    146 Jahre später warten in Deutschland – als ob es nie eine Zivilisierung des Klassenkampfes gegeben hätte – Zehntausende von Arbeitern auf den nächsten Schlag aus den Konzernetagen von General Motors, Aventis, Volkswagen und Continental, der sie in die Arbeitslosigkeit und anschließend mit Hilfe der Politik auf die unterste Sprosse der sozialen Stufenleiter befördert.

    Nicht das Gespenst des Kommunismus, vielmehr die Angst geht um in Europa – gepaart mit Wut, Abscheu und tiefem Misstrauen gegenüber den politischen, ökonomischen und wissenschaftlichen Eliten, die ähnlich den Verantwortlichen in der Zeit des Übergangs vom Feudalismus in die Industriegesellschaft offensichtlich unfähig sind, die unausweichliche Globalisierung der Ökonomie human zu gestalten.

    Unter Berufung auf angebliche Gesetze des Marktes reden sie vielmehr einer anarchischen Wirtschaftsordnung, die über Leichen geht, das Wort. 100 Millionen von Arbeitslosigkeit bedrohte Menschen in Europa und den USA und 3 Milliarden Arme, die zusammen ein geringeres Einkommen haben als die 400 reichsten Familien der Erde, klagen an: die Adepten einer Shareholder-Value-Ökonomie, die keine Werte kennt jenseits von Angebot und Nachfrage, Spekulanten begünstigt und langfristige Investoren behindert. Sie klagen an: die Staatsmänner der westlichen Welt, die sich von den multinationalen Konzernen erpressen und gegeneinander ausspielen lassen. Sie klagen an: ein Meinungskartell von Ökonomieprofessoren und Publizisten, die meinen, die menschliche Gesellschaft müsse funktionieren wie DaimlerChrysler, und die sich beharrlich weigern, anzuerkennen, dass der Markt geordnet werden muss, auch global Regeln einzuhalten sind und Lohndumping die Qualität der Arbeit und der Produkte zerstört.

    Die Arbeiter in den Industriestaaten und ihre Gewerkschaften, die angesichts der Massenarbeitslosigkeit mit dem Rücken an der Wand stehen, fühlen sich anonymen Mächten ausgeliefert, die von Menschen beherrscht werden, deren Gier nach Geld ihre Hirne zerfrisst. Die Menschen leben und arbeiten in einer globalisierten Ökonomie, die eine Welt der Anarchie ist – ohne Regeln, ohne Gesetze, ohne soziale Übereinkünfte, eine Welt, in der Unternehmen, Großbanken und der ganze »private Sektor« unreguliert agieren können. Die globalisierte Ökonomie ist auch eine Welt, in der Kriminelle und Drogendealer frei und ungebunden arbeiten und Terroristen Teilhaber an einer gigantischen Finanzindustrie sind und so ihre mörderischen Anschläge finanzieren.

    Wo bleibt der Aufschrei der SPD, der CDU, der Kirchen gegen ein Wirtschaftssystem, in dem große Konzerne gesunde kleinere Firmen wie Kadus im Südschwarzwald mit Inventar und Menschen aufkaufen, als wären es Sklavenschiffe aus dem 18.Jahrhundert, sie dann zum Zwecke der Marktbereinigung oder zur Steigerung der Kapitalrendite und des Börsenwertes dichtmachen und damit die wirtschaftliche Existenz von Tausenden mitsamt ihren Familien vernichten? Den Menschen zeigt sich die hässliche Fratze eines unsittlichen und auch ökonomisch falschen Kapitalismus, wenn der Börsenwert und die Managergehälter – an den Aktienkurs gekoppelt – umso höher steigen, je mehr Menschen wegrationalisiert werden. Der gerechte, aber hilflose Zorn der Lohnempfänger richtet sich gegen die schamlose Bereicherung von Managern, deren »Verdienst«, wie sogar die FAZ schreibt, darin besteht, dass sie durch schwere Fehler Milliarden von Anlagevermögen vernichtet und Arbeitsplätze zerstört haben.

    Das Triumphgeheul des Bundesverbandes der Deutschen Industrie über die Billiglohnkonkurrenz aus dem Osten noch in den Ohren, müssen marginalisierte und von der Marginalisierung bedrohte Menschen sich vom politischen und ökonomischen Establishment als Neonazis und Kommunisten beschimpfen lassen, wenn sie radikale Parteien wählen, weil es keine Opposition mehr gibt und sie sich mit einer Großen Koalition konfrontiert sehen, die offensichtlich die Republik mit einem Metzgerladen verwechselt, in dem so tief ins soziale Fleisch geschnitten wird, dass das Blut nur so spritzt, anstatt durch Bürgerversicherung und Steuerfinanzierung die Löhne endlich von den Lohnnebenkosten zu befreien. Nur Dummköpfe und Besserwisser können den Menschen weismachen wollen, man könne auf die Dauer Solidarität und Partnerschaft in einer Gesellschaft aufs Spiel setzen, ohne dafür irgendwann einen politischen Preis bezahlen zu müssen. Warum wird tabuisiert und totgeschwiegen, dass es eine Alternative gibt zum jetzigen Wirtschaftssystem: eine internationale sozial-ökologische Marktwirtschaft mit geordnetem Wettbewerb?

    Ideen verändern die Welt.

    Auch in einer globalen Wirtschaft sind Produktion und Service ohne Menschen nicht möglich. Neue Produktionsfaktoren wie Kreativität und Wissen sind hinzugekommen. Aber das Spannungsverhältnis zwischen Mensch und Kapital ist geblieben. Die Kommunisten wollten den Konflikt lösen, indem sie das Kapital eliminierten und die Kapitaleigner liquidierten. Bekanntlich sind sie daran gescheitert. Heute eliminiert das Kapital die Arbeit. Der Kapitalismus liegt derzeit genauso falsch wie einst der Kommunismus.

    Der Tanz um das Goldene Kalb ist schon einmal schief gegangen.
    Link: http://www.zeit.de/2004/47/Ohnmacht_2fArbeiter


    DeeTee

  2.  
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  3. #2
    Benutzerbild von bubu

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    *verwundert-die-Augen-reib*

    Wir reden hier über den Heiner Geissler? Langjähriger CDU-Grande, einstiger Generalsekretär?



    Das hat wirklich der Heiner Geissler geschrieben?

    Das ist ja unglaublich!

    Aber mal abgesehen davon - der Mann spricht mir ja sowas von aus dem Herzen! Ich verstehe auch nicht, wie diese Einheitfront aus Wirtschaft, Politik und Medien entstehen konnte, die fast schon auf breiter Front die "Wir-müssen-alle-denGürtel-enger-schnallen"-Gehirnwäsche betreibt.

    Klar geht es auch anders: Soziale Marktwirtschaft statt McKinsey-Kapitalismus!
    Und soziale Marktwirtschaft ist es eigentlich, zu der sich die Parteien mit dem hohen C und die SPD sowieso in ihren Parteiprogrammen bekennen. Leider hat - beginnend in den 80ern - das soziale an der Marktwirtschaft arg gelitten. Der Mensch ist zum reinen Kostenfaktor verkommen, den es im Produktionsprozess zu rationalisieren gilt. Nur leider wird dabei vergessen, das es nun mal auch der Mensch ist, der die Produkte auch konsumieren können muss - was bekanntlich schwer fällt, wenn ihm eine menschenwürdige Existenz verwehrt wird.

    "Autos kaufen keine Autos". Das hat nicht etwa Karl Marx erkannt, sondern einer der ersten Erz-Kapitalisten: Henry Ford.

    Aber aus dem Bekenntnis zum Sozialstaat und der damit einhergehenden (übrigens auch patriotischen!) Verantwortung haben sich die sogenannten "Manager" längst verabschiedet. Wie soll Verantwortung gegenüber einem Großkonzern und seinen Beschäftigten auch entstehen? Leute wie Ron Sommer, Thomas Middelhoff oder Jürgen Schrempp sind heute bei der Telekom, morgen bei Bertelsmann und übermorgen bei DaimlerChrysler. Die Zeit der Traditions- oder Familienkonzerne ist vorbei. Eine emotionale Bindung, ein Verantwortungsbewusstsein oder gar eine Haftung kann es bei den "global playern" gar nicht mehr geben. Nur merkwürdigerweise sind immer sie es, die Millionäre auf der sicheren Seite, die in den Medien am lautesten Jammern über den desolaten "Standort Deutschland".

  4. #3
    Benutzerbild von Pallas

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    DeeTee postete
    146 Jahre später warten in Deutschland – als ob es nie eine Zivilisierung des Klassenkampfes gegeben hätte – Zehntausende von Arbeitern auf den nächsten Schlag aus den Konzernetagen von General Motors, Aventis, Volkswagen und Continental, der sie in die Arbeitslosigkeit und anschließend mit Hilfe der Politik auf die unterste Sprosse der sozialen Stufenleiter befördert.

    (...)

    Die Arbeiter in den Industriestaaten und ihre Gewerkschaften, die angesichts der Massenarbeitslosigkeit mit dem Rücken an der Wand stehen, fühlen sich anonymen Mächten ausgeliefert, die von Menschen beherrscht werden, deren Gier nach Geld ihre Hirne zerfrisst.
    Hier beziehe ich mich jetzt zuerst mal auf den Thread mit der Feiertagsstreichungs-Diskussion -

    wer will angesichts dieser nur zu wahren Worte - auch wenn auch ich verwundert bin, daß sie von Heiner Geißler kommen - nur im entfernstesten befürworten, den 1. Mai als Feiertag zu streichen?!??

    Hier kommt die Wichtigkeit dieses Tages zur Geltung - fällt er, dann fällt ein wichtiges Symbol für die Errungenschaften der Arbeitnehmer und Gewerkschaften!

    Das hat gar nicht so viel damit zu tun, ob man an diesem Tag unbedingt demonstriert oder nicht - sondern das hat für mich mit seiner reinen Existenz zu tun, denn es geht dabei nicht nur um arbeitsrechtliche, sondern auch um soziale Errungenschaften, denen mit diesem Tag gedacht wird. Denn jeder, der sagt "Ach, dann kann ich an diesem Tag auch arbeiten gehen, ich gehe ja sowieso nicht zur Demo", vergißt, wem er seine Arbeitspausen, seine Arbeitszeit, seine Absicherung am Arbeitsplatz zu verdanken hat!

    Eigentlich wundere ich mich schon lange über das, was hier in Deutschland nicht passiert. Vor 20 Jahren war das noch anders - denkt nur an die vielen Menschen, die wegen SS20 und Gorleben usw. auf die Straße gegangen sind. Jetzt gibt es in der Tat genug Gründe zur Demonstration - warum geschieht so wenig? Was ist in den letzten 20 Jahren mit den Menschen passiert?

    Der gerechte, aber hilflose Zorn der Lohnempfänger richtet sich gegen die schamlose Bereicherung von Managern, deren »Verdienst«, wie sogar die FAZ schreibt, darin besteht, dass sie durch schwere Fehler Milliarden von Anlagevermögen vernichtet und Arbeitsplätze zerstört haben.
    Leider ist das nur zu wahr.

    Der Kapitalismus liegt derzeit genauso falsch wie einst der Kommunismus.
    Der Kapitalismus spielt verrückt. Die Schere klafft immer weiter auseinander. Der Mittelstand bricht weg - in jeder Kleinstadt kann man das sehen. Mittelständische Betriebe und Geschäfte machen dicht, an ihre Stelle treten Billigläden. In meinem Heimatkreis hier ist das ziemlich ausgeprägt udn an allen Ecken zu beobachten.

  5. #4
    Benutzerbild von
    Mein Aufschrei? Mein Aufschrei gilt zunächst mal der Tatsache, dass selbst Herren wie Heiner Geissler zwar immer selbst ihresgleichen ein unbequemer Wegbeleiter waren, mit der Wahrheit und mit dem "auf den Putz hauen", aber immer erst beginnen, wenn sie nichts mehr zu sagen haben und ihr Sinneswandel ihnen die Karriere nicht mehr versauen kann - weil sie hinter ihnen liegt.

    Von daher braucht der gute Mann gar nicht so populistisch rumblubbern: Er hat mit allem Recht was er schreibt. Doch er weiss so gut wie wir alle, dass auch er nur auf hohem Niveau meckert, und die Verantwortlichen nicht handeln werden - so wie er nicht gehandelt hat, als er noch die Verantwortung hatte, um die Dinge zu ändern bzw. sogar zu verhindern, die er heute so markig anprangert.

    Putzig nur, dass er malwieder das Bild des bösen großen Konzerns bemüht, dass den armen kleinen Unternehmer frisst. Wo ist denn der Mannesmann? Wo ist denn der Hoesch? Die Misere hat längst die großen Konzerne erreicht. Ich weiss nicht wie viele Leute das Gefühl kennen, durch einen verlassenen Betrieb zu gehen. Wie viele Leute hier tun das schon? Ich war in vielen. Es ist ein scheiss Gefühl. Aus allen Ecken trieft hundert Jahre und mehr Tradition. Alles mühsam aufgebaut von Generationen von Malochern, alles im Glauben an eine bessere Zukunft. Das alles ist heute plötzlich nichts mehr wert. Betriebe, die mit viel Schweiß aufgebaut wurden, die für manche Arbeiter gar die letzte Ruhestätte geworden sind, werden abgewickelt, abgebrochen und entsorgt. Große Namen deutscher Industriegeschichte werden einfach auf den Müllberg der Geschichte geworfen. Dabei stehen gerade sie dafür, wie ausgerechnet Arbeitgeber sich für ihre Arbeitnehmer stark machen können. Ein Krupp, der eigentlich immer nur wegen seiner Waffengeschäfte mit den Nazis erwähnt wird, hat viele Sozialleistungen für Arbeitnehmer eingeführt, die später nur noch über Gewerkschaften einklagbar waren. Dieser Typ Unternehmer, der noch ein Gewissen kannte und eine soziale Verantwortung hatte, ist komplett verschwunden. Das Bild prägen angestellte Konzernlenker, die nur an den Wert ihres eigenen Aktienpakets und die Höhe ihrer Abfindung denken. Sie lassen Betriebe die seit 100 oder 150 Jahren existierten wegen ein paar Prozent Renidte über die Klippe springen und schicken Zehntausende nach Hause.

    All die Arbeit, all die technischen Glanzleistungen erscheinen so rückblickend plötzlich ganz sinnlos. Alles wird für den schnellen Profit auf dem Altar der ungezügelten und ungezähmten Globalisierung geopfert. Immer, wenn sich bei mir in der Firma jemand wichtig aufplustern, muss ich mir vorstellen, dass auch unsere Firma und unser Name einmal im Mülleimer der Geschichte landen wird- Wir wichtig wird es dann rückblickend wirklich gewesen sein, irgendeinen Projektabschlussbericht am willkürlich gesetzten Tag X abgeliefert zu haben oder einen Tag später?

    Es ist in jedem Fall ein ungleicher Wettbewerb, den wir heute in der Welt zu kämpfen haben. Und wir können ihn gar nicht gewinnen. Wir können nur versuchen ihn so lange nicht vollends zu verlieren, bis die Malocher in den Dumping-Ländern ihre Ziele erreicht haben - letztendlich wollen sie irgendwann leben wie wir und das verursacht Kosten wie wir sie haben.

    Dafür, dass das momentan unsere einzige Hoffnung ist, trägt gerade die Politikergeneration um Geissler die Verantwortung. Sie haben in den 80ern die Weichen nicht richtig gestellt und dafür gesorgt, dass wir 16 Jahre unter einer Regierung lebten, deren Chef noch 1998 eine Datenautobahn nicht von einer Bundesautobahn unterscheiden konnte. Das gab unserem Land, das nicht nur Weichen nicht stellte, sondern über seine Verhältnisse lebte, den Rest.

    Vor zwei Monaten, kam der erste Computerinder als Consultant aus einem Entwicklungszentrum bei Bangalore bei uns eingeflogen. Er traf dort einen Kollegen aus Polen. Wir müssen mit beiden englisch sprechen. In diesem Moment, hat auch mich die Globalisierung hautnah erreicht. Ich kann die beiden Kerle nicht dafür verantwortlich machen oder sie gar hassen, aber sie machen sich dran, langfristig auch meinen Job zu fressen. Dabei klingeln mir noch die Worte meines Vaters aus den 80ern in den Ohren: "Junge, mach Du das mal mit Deinen Computern. Mit Maloche kann man bald kein Geld mehr verdienen". Und nun sitzen diese Leute mit bei mir am Tisch. Ihr Gehalt ist niedrig. Uns kosten sie nur minimal weniger als jeder x-beliebige deutsche Consultant. Die dickere Marge schiebt sich also der Dienstleister rein. Und Inder und Pole freuen sich noch, dass sie in ihrem Land mit den paar verdienten Kröten die Sau rauslassen können - ich käme mit der Kohle hier nicht hin.

    Doch alles meckern und populistische Gefasel ändert das nicht und macht es nicht rückgängig. Verkürzen sich die Abstände im Kostengefälle nicht (d.h., kommen wir den Billiglöhnern kostenmäßig nicht ein wenig entgegen und sie nach ein paar Lohnrunden uns), können wir alle anderen Vorteile, die unser Standort bietet vergessen und unsere kurzfristige Perspektive auch. Allein die Tatsache, dass das eben nicht nur den kleinen Malocher, sondern längst die Arbeitsplätze in den sog. "Zukunftsbranchen" betrifft, sollte zu Denken geben.

    Ich hoffte lange, dass man unsere Märkte vor diesen Billiglöhnern und den Billigprodukten schützen würde (Strafzölle auf Produkte, die aus Dumpingländern mit inakzeptablen Umweltschutzstandards stammen usw.), aber der Zusammenbruch des eisernen Vorhangs, hat das alles unmöglich gemacht. Die Politik kann und will Polen, Tschechen und Russen nicht die Tür vor der Nase zuschlagen und kann es so auch den Indern und Chinesen nicht. Stattdessen propagiert man den freien Welthandel als Mittel der Entwicklungshilfe - letztendlich allein auf unsere Kosten und allein zum Profit derer, die die Wirtschaften der Entwicklungsländer am besten auspressen können.
    Ein Land allein kann sich dagegen nicht mehr wehren. Wir sind eingebettet in die EU, in den Kreis der G7/8, sind gebunden durch internationale Verträge und Vereinbarungen... wir können legal fast nichts mehr gegen diese Billigflut tun.

    Was sollen wir also tun? Meckern allein ändert nichts. Was tun wir dagegen?

    Dave

  6. #5
    Benutzerbild von DeeTee

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    Dave Bowman postete
    Mein Aufschrei? Mein Aufschrei gilt zunächst mal der Tatsache, dass selbst Herren wie Heiner Geissler zwar immer selbst ihresgleichen ein unbequemer Wegbeleiter waren, mit der Wahrheit und mit dem "auf den Putz hauen", aber immer erst beginnen, wenn sie nichts mehr zu sagen haben und ihr Sinneswandel ihnen die Karriere nicht mehr versauen kann - weil sie hinter ihnen liegt.
    Meinst Du nicht, dass Du mit diesen Worten dem Herrn Geissler unrecht tust? Er war (ist) einer der wenigen C-Parteien-Politiker, denen man umfassendes intellektuelles Format bestätigen kann, verbunden mit ausgezeichneten rhethorischen Fähigkeiten. Natürlich hat er manche Dinge falsch eingeschätzt in seiner Zeit als Generalsekretär und Minister. Vieles davon hat er in seinen Büchern auch zugegeben. In den 90ern war er einer der profiliertesten Widersacher von Helmut Kohl. Aber: Er war Mitglied im Bundesvorstand der CDU und eingebunden in die Regierung. Damit unterliegt er den Anforderungen von Regierungsdisziplin und Loyalität. "Man übernimmt eine Aufgabe, damit kein Schlechterer sie bekommt." Geissler hat sich verschiedentlich zu dieser Frage von Verantwortung geäußert.

    Damit wir uns nicht missverstehen: Ich teile viele Ansichten von Heiner Geissler nicht (insbesondere seine Haltung zum Christentum), aber ihm letztlich unmoralisches Verhalten vorzuwerfen, halte ich für verfehlt.


    Was sollen wir also tun?
    Dave
    Ja, Dave, das ist die Frage. Was sollen wir tun?

    Erich Kästner lässt in seinem Roman "Fabian - Die Geschichte eines Moralisten" den Protagonisten Folgendes sagen:
    "Ich weiß ein Ziel, aber es ist leider keines. Ich möchte helfen, die Menschen anständig und vernünftig zu machen. Vorläufig bin ich damit beschäftigt, sie auf ihre diesbezügliche Eignung hin anzuschauen."

    Was sollen Moralisten heute tun?

    DeeTee

  7. #6
    raabi2000
    Benutzerbild von raabi2000
    Natürlich kann man Heiner Geissler nur zustimmen. Und warum sollte nach dem Kommunismus nicht auch der Kapitalismus scheitern. Nur was kommt dann? Vielleicht ist es ja wirklich an der Zeit für eine völlig neue Staatsform.

  8. #7
    Benutzerbild von Torsten

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    Der "Aufschrei" - er wird kommen, irgendwann. Und je länger er sich hinauszieht, desto blutiger wird er werden.

    Im Übrigen ist mir scheißegal, aus welchen Motiven oder mit welcher moralischen Berechtigung Herr Geissler einen solchen Klar-Text verfasst wie oben - je mehr Menschen diese Zusammenhänge erkennen und publik machen, desto größer die Chancen auf Veränderung. Denn die impliziert ohne jegliche Alternative eine weltweite Umverteilung von Kapital, wie sie den meisten derzeit undenkbar erscheint...

    Ach ja:
    Dave Bowman schrieb
    All die Arbeit, all die technischen Glanzleistungen erscheinen so rückblickend plötzlich ganz sinnlos. Alles wird für den schnellen Profit auf dem Altar der ungezügelten und ungezähmten Globalisierung geopfert. Immer, wenn sich bei mir in der Firma jemand wichtig aufplustern, muss ich mir vorstellen, dass auch unsere Firma und unser Name einmal im Mülleimer der Geschichte landen wird- Wir wichtig wird es dann rückblickend wirklich gewesen sein, irgendeinen Projektabschlussbericht am willkürlich gesetzten Tag X abgeliefert zu haben oder einen Tag später?
    Erinnerst du dich an meinen Thread "Die neue Zeitlichkeit"? Die dort angesprochene Problematik umfasst u.a. genau das, was du gerade geschildert hast - sämtliches Wirtschaften ist nur noch auf rasant-kurzfristigen Profit ausgerichtet, wodurch der Wert allen Schaffens auf statistische Momentaufnahmen reduziert wird.

    Dave Bowman schrieb
    Was sollen wir also tun? Meckern allein ändert nichts. Was tun wir dagegen?
    Den "neuen Menschen" erschaffen - so schnell wie möglich...

    raabi2000 schrieb
    Natürlich kann man Heiner Geissler nur zustimmen. Und warum sollte nach dem Kommunismus nicht auch der Kapitalismus scheitern.
    In der jetzigen Form wird er scheitern, daran ist nicht zu zweifeln.

    raabi2000 schrieb
    Nur was kommt dann? Vielleicht ist es ja wirklich an der Zeit für eine völlig neue Staatsform.
    Möglicherweise wird man sich auch mit dem abfinden müssen, was mein Liebling Norbert Bolz mal formulierte: Dass es für dieses Problem möglicherweise keine Lösung gibt. Dass der beste Weg in einem "sich-durchwurschteln" besteht, bei dem Politik und Wirtschaft sich gegenseitig konsequent regeln müssen, um die Folgelasten kapitalistischen Wirtschaftens in akzeptablen Grenzen zu halten. Dafür bedürfte es aber eines weltweiten Konsenses darüber, wie dies anzustellen wäre...

  9. #8
    Benutzerbild von
    DeeTee postete
    Meinst Du nicht, dass Du mit diesen Worten dem Herrn Geissler unrecht tust? Er war (ist) einer der wenigen C-Parteien-Politiker, denen man umfassendes intellektuelles Format bestätigen kann, verbunden mit ausgezeichneten rhethorischen Fähigkeiten.
    Tue ich ihm Unrecht, wenn ich kritisiere, dass er heute anprangert, wogegen er trotz dieser Qualitäten nicht viel ausgerichtet hat? Er handelte nicht anders als seine Nachfolger heute - und auch die werden sich Kritik aussetzen, wenn sie in 20 Jahren auf einmal gegen die Dinge wettern, die sie selbst mit heraufberschworen haben.

    Er war Mitglied im Bundesvorstand der CDU und eingebunden in die Regierung. Damit unterliegt er den Anforderungen von Regierungsdisziplin und Loyalität. "Man übernimmt eine Aufgabe, damit kein Schlechterer sie bekommt." Geissler hat sich verschiedentlich zu dieser Frage von Verantwortung geäußert.
    Das ist das Problem aller Menschen auf der Welt, die irgendwann als Politiker dort angekommen sind, wo sie mal hinwollten. Am Ende spielen sie einfach nur das Spiel ihrer Vorgänger weiter. Wie das alles funktioniert, ist für mich durchaus nachvollziehbar. Nur sollen sich die Leute dann hinterher nicht so aus dem Fenster lehnen.

    Eine Änderung der Dinge, die Geissler anprangert, macht man nicht im Spaziergang. Wenn er sich schon von Regierungsdisziplin und Loyalität hat aufhalten lassen, wie sollen andere dann etwas ändern, obwohl heute weitaus größere Maßnahmen und damit schwerwiegendere Brüche und Umstürze notwendig wären als damals?

    Dave

  10. #9
    Benutzerbild von
    Torsten postete
    Dave Bowman schrieb
    Immer, wenn sich bei mir in der Firma jemand wichtig aufplustern, muss ich mir vorstellen, dass auch unsere Firma und unser Name einmal im Mülleimer der Geschichte landen wird- Wie wichtig wird es dann rückblickend wirklich gewesen sein, irgendeinen Projektabschlussbericht am willkürlich gesetzten Tag X abgeliefert zu haben oder einen Tag später?
    Erinnerst du dich an meinen Thread "Die neue Zeitlichkeit"? Die dort angesprochene Problematik umfasst u.a. genau das, was du gerade geschildert hast - sämtliches Wirtschaften ist nur noch auf rasant-kurzfristigen Profit ausgerichtet, wodurch der Wert allen Schaffens auf statistische Momentaufnahmen reduziert wird.
    Auch in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren haben bei Krupp, Hoesch und Mannesmann "wichtige" Menschen, "wichtige" Dinge entschieden und "wichtige" Termine gesetzt. Es wurde sich schon damals wegen jedem Scheiss angestellt, als müsste die Welt untergehen, wenn irgendwelche Kinkerlitzchen nicht erledigt werden. Und damals wehte noch ein ganz anderer Wind. Wenn der Chef damals irgendeinen Blödsinn verlangte, wurde es gemacht. Wenn heute irgendein Scheiss verlangt wird, muss mit Mitarbeitern erstmal um den Sinn diskutiert werden - früher wäre man allein wegen kritischer Nachfragen wahrscheinlich direkt wegen Arbeitsverweigerung gefeuert worden.

    Deshalb würde ich mich gerade in diesem Zusammenhang gegen den Begriff "Die neue Zeitlichkeit" wehren. Was in diesem Zusammenhang neu ist, ist m. E. das sich heute auf nix relativ bald ein Arsch voll eingebildet wird, während wirklich werthaltige Dinge vergangener Tage geringeschätzt und belächelt werden. Eine reichlich arrogante Einstellung, die eigentlich nur noch früher zum eigenen Untergang führen muss. Das gilt deshalb auch für viele arrogante Diplom-Informatiker, die meinen, sie stünden in der Schöpfung weitaus höher als der Stahlkocher und Blaumann. Letztendlich hats über 200 Jahre gedauert, bis des Stahlkochers Job von Deutschland nach China wanderte. Die Informatik ist gerade Mal seit 15-20 Jahren ernst zu nehmen und befindet sich jetzt schon auf dem Weg zum Export nach Indien und Osteuropa. Wo da der Raum für den weit verbreiteten Hochmut her kommt, ist mir ein Rätsel. Die Leute sollten aus der Geschichte lernen und begreifen, dass sie so ihre eigene Zeitlichkeit mit beschleunigen.

    Dave

  11. #10
    Benutzerbild von frasier

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    Mal angenommen, dieser Pessimismus wäre gerechtfertigt, wie soll den dieser Untergang aussehen? Bricht dann überall gleichzeitig der Kapitalismus zusammen, während alle Planwirtschaften und wirtschaftlichen Diktaturen überleben?

    Gibt es dann eine weltweite Massenarbeitslosigkeit, die dann zu einer globalen Revolution führt?

    Es gab in den 30er Jahren schonmal eine weltweite Massenarbeitlosigkeit, ausglöst durch eine kreditfinanzierte Wirtschaftsblase, die zu einer der schwersten Wirtschaftskrisen aller Zeiten geführt hat.

    Aber sogar das hat nichts am Kapitalismus geändert, es hat eine Gesundschrumpfung stattgefunden und danach haben sich alle marktwirtschaftlichen Länder wieder hervorragend entwickelt.

    Und wie siehts heute aus? Es gibt keine Wirtschaftskrise, keine Rezession, Depression, Inflation. Allenfalls eine Stagnation, aber daran stirbt niemand, schon garnicht in Deutschland.

    Das was zur Zeit global passiert ist einfach nur die Angleichung der Lebensstandarts. Und das bei einer wachsenden Weltwirtschaft insgesamt.

    Und diese Angleichung ist auch notwendig! Denn die Armut in der restlichen Welt ist doch die Ursache für den Terrorismus und wie ich vermute auch Fundamentalimus. Und das sind die eigentlichen Herausforderungen unserer Zeit.

    Die Frage ist nur, ob wir während dieser Angleichunsphase unseren Standart halten können, oder ob wir etwas davon hergeben müssen.

    Da wir aber noch über genügend Potential zur Verbesserung unserer Wettbewerbsfähigkeit verfügen, bin ich da nicht so pessimistisch.

    Ich meine, was soll an einer globalisierten Welt falsch sein, in der es allen wirtschaftlich gut geht? Warum soll es nur den westlichen Ländern gut gehen?

    Zum Schluss will ich noch mit dem Irrtum aufräumen, der Kapitalismus wäre neuerdings nur noch auf kurzsichtige Gewinne ausgerichtet.

    Das war schon immer so! Grund dafür ist die dem Menschen eigene Gier. Und diese gab es schon vor 10.000 Jahren, gibt es heute und wird auch in Zukunft geben.

    Diese Gier ist der Kern des Kapitalismus, der aber nicht zu seinem Untergang führt, sondern im Gegenteil eine Garantie für dessen Weiterbestehen ist.

    Diese Gier spürt gnadenlos Ineffizienzen auf, treibt Wirtschaft und Wissenschaft voran und hat uns einen Lebensstandart gebracht, um den uns die allermeisten Länder beneiden.

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