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Zeitgeistkritisches Buchprojekt

Erstellt von Chris P., 26.02.2009, 11:42 Uhr · 8 Antworten · 839 Aufrufe

  1. #1
    Benutzerbild von Chris P.

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    Zeitgeistkritisches Buchprojekt

    Hallo Leute,

    sorry, daß ich mit meinem ersten Beitrag hier so reinplatze. Das Thema ist auch nicht rein 80er-bezogen, aber ich denke mal, es trifft hier vielleicht auf die passende Mentalität. Ich denke, das Laber-Unterforum sollte passend sein - falls nicht, bitte verschieben.

    Nun überlege ich ja schon seit einer Weile an einem größeren Projekt zu einem zeitgeistkritischen Buch herum, zu dem mich Meinungen interessieren würden. Bisher läuft das Ganze unter dem wenig einfallsreichen Arbeitstitel "The 21st Century Delusion". Hier einige eher unsortierte Gedanken zu der Form eines solchen Buches. Sorry, etwas längere und verschwurbelte Gedankensammlung.

    Als einleitenden Satz würde ich vielleicht gerne ein Star-Wars-Zitat verwenden, daß die Eigenschaften des modernen Zeitgeistes und seine Gefahren IMO irgendwie treffend beschreibt - nämlich Yodas "Hast einmal du beschritten diesen Weg, für immer wird davon bestimmt dein Leben..." Das Ganze dann als Überleitung zu einem einleitenden Kapitel, in dem beschrieben wird, warum man das 21. Jahrhundert nicht "zur Tür reinlassen" muß, wenn man nicht will. Warum indoktrinierter Zeitgeist der Moderne nicht gleich Fortschritt ist, daß ein alternativer Lebensstil zur digitalen Revolution und der vermeintlichen Perfektion möglich ist etc etc.

    Das nächste Kapitel sollte eine generelle Zielsetzung jenes Lebensstils beschreiben. Ein wichtiger Punkt wäre hier das Festhalten und Definieren von drei Grundsätzen:

    - das Recht jedes Einzelnen auf wahre Individualität
    - das Recht auf unbeschränkte Imperfektion
    - das Recht auf Mittelmaß der äußeren Form

    Wobei das Recht auf Mittelmaß so zu definieren wäre, daß damit nicht die Substanz, sondern eben die äußere Form gemeint ist. Beispiel: Staffel 2 der Simpsons ist animationstechnisch "schlecht" , übertrifft aber inhaltlich alle anderen Cartoons. Das Blicken hinter die technische Fassade und das Sehen der Substanz ist zu definieren. Als (eine) Begründung für analoge Medien, für alte Computer, für technischen "Sperrmüllschrott" ist das persönliche Recht auf Imperfektion und äußeres Mittelmaß zu nennen.

    Im Folgenden ein Kapitel über "Den Tropfen im digitalen Ozean" - also Thema Beliebigkeit. Verschwinden von medialen Schätzen und greifbarer (analoger) Materie im gleichförmigen Ozean der allgemeinen Verfügbarkeit. Warum allgemeine Verfügbarkeit die Freude am Suchen und Finden nimmt. Warum auch eine VHS-Kassette ein größerer Schatz sein kann, als Hunderte von medialen Gigabyte. Warum man gerade durch analoge Medien/alte Rechner etc. nötigen Respekt vor der Information als individuellem Gut (neu) erlernen kann. "Think Kilobyte" als alte-neue/neue-alte Denkrichtung.

    Ein philosophischer Sprung hin zur Entstofflichung und Entmenschlichung durch den formlosen Datenozean.

    Nach diesen eher theoretischen Kapiteln dann mehr Praxis:

    "Von Brechreiz-Pixeln, analogen Mottenkisten, Augenkrebs und Stereo-Opas" - ein Kapitel über negative Schlagwörter und Indoktrination durch die Medien, Werbung, Konsum etc. Wie man die Argumente durchschaut, wie sie sich oft disqualifizieren. Letztlich ein Leitfaden, um Konsum und Werbetechnik des 21. Jahrhunderts kritisch zu betrachten. "Sowas muß ich mir heute technisch nicht mehr bieten lassen. Wir haben schließlich [aktuelles Jahr einfügen]" - die Ursprünge dieser Mentalität.

    Weiterführend als nächstes Kapitel "Der anachronistische PC-Report" - eine praktische Betrachtung der großen, bunten, weiten und lehrreichen Welt der Rechner und PCs unterhalb der Pentiumschwelle. Workshop: wir besorgen uns einen 386er/486er und machen was daraus. Betrachtung des Slogans "Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit" im Computerbereich. PC-Computing 1994 im kritischen Vergleich zur Moderne. Vertiefung des Themas "Think Kilobyte" mit weiteren praktischen Beispielen.

    Als eigenes Kapitel oder Unterkapitel zu obigem eine Betrachtung des modernen Webs. Verlust von Individualität im Web zugunsten homogener Einfachkeiten. Niedergang des Usenet. Webzwonull = Heilsbringer = Webdemokratie? Wie kann es Webdemokratie sein, wenn der Zugang abhängig ist von aktuellster Software, vom Aufrüsten und von neuer Technik? Ein Plädoyer für das Web 1.0.

    Das Film- und Audiomedienkapitel. Warum man den wahren Filmkenner (nicht) an seiner DVD-Sammlung erkennen muß. Ein paar Kritiken aktuellen Filmschaffens. Klassische/unbekannte Schätze. VHS-Kollektionen, die die Werbung gerne verschweigt. Philosophische Betrachtung: was macht ein mediales Werk zur Kunst? Warum und wie berührt es uns? Was hat das letztendlich mit der Technik der äußeren Form zu tun? Spezial: Buster Keaton und Jacques Tati - die großen Zeitgeistkritiker ihrer Dekaden und was sie uns noch heute sagen können. Spotlight auf "The Navigator", "Mon Oncle" und "Playtime".

    In vielen Bereichen sollte obiges ein Kapitel sein, daß von einer praktischen Warte aus wieder auf das obige Thema vom Tropfen im digitalen Ozean (und der Rettung dieses Tropfens) zurückgreifen sollte.

    Als eigenes Kapitel oder Unterkapitel: "Radio Days". Persönliche Ode an das Röhrenradio Philips Saturn 563 (mit Überleitung zu einer philosophisch-historischen Betrachtung des Mediums.) "The Sound of Silence" - vom Tag, wenn alle Sender digital geworden sind und die Radios von Generationen in die Leere lauschen.

    Der Retro-Konsum. Ein kleines Kapitel darüber, wie mit vermeintlicher Nostalgie Konsum gemacht wird und wo der Unterschied zur ernsthaften Betrachtung des Themas liegt. Nicht wehmütiger und vermarktbarer "Rückblick", sondern Erkenntnis einer Philosophie als Devise.

    Zum Ende hin eine Betrachtung der Frage: warum diese Ablehnung des aktuellen Jahrzehnts bzw. Jahrtausends? Gab es nicht immer Leute, die über Fortschritt und Veränderung genörgelt haben? Waren es nicht stets die ewig Gestrigen, die die Welt aufgehalten haben? Warum sollte man Kritik an der aktuellen Zeit überhaupt ernst nehmen? Was ist mit dem Fortschritt in Wissenschaft, in Medizin, in der Technik etc., der Menschen hilft? Betrachtung der Fragen und Diskurs.

    Aufstellung einer Theorie zum realen Fortschritt (der oft auf subtiler Ebene stattfindet) im Vergleich zu einer bunten "Realität" und dem Zeitgeist dieses 21. Jahrhunderts bisher. Können "nostalgische" Ideen sogar eine bessere Grundlage sein, subtile Nuancen des realen Fortschritts zu erkennen und zu schätzen? Rückgriff zum PC-Kapitel als Beispiel: warum jeder Prozessor Respekt verdient.

    Ein Abschlußkapitel: wohin von hier aus? Ein leicht dystopischer Ausblick auf eine Zukunft, in der die drei obigen Grundsätze einer digitalen Perfektion und Beliebigkeit untergeordnet worden sind. Als Gegenentwurf eine alternative Zukunft mit Fortschritt, aber auch mit Respekt für die Ursprünge, mit Respekt für Daten, Medien, Imperfektion. Wohin nun? Schlußphilosophie. Ende.

    Irgendwelche Meinungen, Kritik etc. zu dieser Projektidee?

    Chris

    P.S. Kleine Eigenwerbung: in meinem Blog (in dem sich auch obiger Beitrag findet) geht es öfter mal auch um zeitgeistkritische Themen. Bei Interesse einfach reinschauen unter http://bruchbach.simpleblog.org/

  2.  
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  3. #2
    Benutzerbild von Chris P.

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    AW: Zeitgeistkritisches Buchprojekt

    Hallo Leute,

    da bin ich nochmal. Leider gab es bisher keine Kommentare zu dem Beitrag, obwohl mir ein paar Ideen und Kritiken aus "nostalgischer"(?) Richtung sicher weiterhelfen würden.

    Ist das Thema zu verschwurbelt und textlastig? Geht es doch zu sehr an den Anliegen der meisten Leute hier vorbei. Falsches Unterforum? Wahrscheinlich sollte ich hier auch einfach erstmal etwas mitposten, bevor ich mit derlei Kram ankomme. Problem ist nur, daß mein älterer Browser daheim mit aktuellen Foren auch nicht mehr so recht will (jepp, ich bin im Bezug auf die Verwendung "alter" Sachen recht konsequent :-)).

  4. #3
    Benutzerbild von Babooshka

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    AW: Zeitgeistkritisches Buchprojekt

    Zitat Zitat von Chris P. Beitrag anzeigen
    Ist das Thema zu verschwurbelt und textlastig?
    Ja. Ich habe ehrlich gesagt nicht genau verstanden, was du mit deinem Buch nun eigentlich (aus)sagen willst.

  5. #4
    Benutzerbild von Feenwelt

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    AW: Zeitgeistkritisches Buchprojekt

    Hallo Chris,

    es könnte auch daran liegen, daß nicht alle hier bereit sind, einen so langen Text über so ein Thema durchzugehen.
    Und wenn, dann hat man oft keine Lust mehr, sich dazu noch eigene Gedanken zu machen.
    Deshalb auch von mir nur ein kurzes Schlaglicht - und keine DiskussionDeiner Ideen:

    Insgesamt klingt es interessant. Die einzelnen Themen scheinen mir treffend, insbesondere über ein paar gute Gedanken zum Retro-Konsum würde ich mich freuen.
    Nur ist es leider auch so, daß es zur Zeit 'ne ganze Menge solcher Bücher zur Zeitgeistkritik gibt.
    Naja gut, vielleicht ein paar.
    Vor kurzem las ich "Generation Doof". Dieses Buch prangert unseren heutigen Lebensstil an, und zwar sehr plakativ und witzig. Dein Essay klingt ähnlich, nur etwas "verkopfter".
    Babooshkas Frage schließe ich mich aber an: In welche Richtung soll das gehen?
    Ein wenig Kritik hier, etwas persönliche Vorlieben dort... Warum diese scheinbare "Gegenüberstellung"?
    Mir ist das auch noch zu wenig zielführend...

  6. #5
    Benutzerbild von okinawa

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    AW: Zeitgeistkritisches Buchprojekt

    @Chris P. - Dein Beitrag kam so ungefähr als fast letzter rein bevor das Forum ein paar Tage 'beendet' war, das könnte auch einer der Gründe sein.
    Ich seh das auch ähnlich wie Feenwelt, der Eingangstext erschlägt einen von Anbeginn, so dass der ein oder andere gar nicht weiterlesen wird, musste mich auch echt aufraffen, das alles en detail durchzugehen (kleiner Vorschlag: stichpunkthaltige Gliederung in ganz groben Zügen würd vieles erleichtern). Und mir ist dabei auch noch nicht so ganz klar, worauf das hinauslaufen soll - es sind Unmengen an Themenbereichen, teilweise allgemein, teilweise dann wieder auf einige Gerätschaften (Röhrenradio) bezogen. Da kann man ja fast schon alleine eigene Abhandlungen/Bücher über die speziellen Themen bringen. Ob sich das alles in ein Werk stecken lässt, das stell ich mir sehr schwer vor. Zumal ich mich dann auch frage, wen das Buch ansprechen soll: der Spezialist wird vermutlich eher zu einzelnen Werken greifen, den nur leicht interessierten Leser erdrückt man vermutlich ob der Textmenge (und der Spezialthemen).
    Es könnte vielleicht auch spannender sein, so etwas in einer Art Webprojekt umzusetzen - sprich eben diese einzelnen Bereiche + dann mit Kommentaren von Leser etc. Versteh mich nicht falsch, ich zieh wirklich den Hut davor, wenn man sich so ein Großprojekt vornimmmt, da das mit immenser Arbeit verbunden ist, seh aber die große Gefahr sich darin zu verlieren. Mich würde mal interessieren, ob Du es eher als Unterhaltungslektüre ansiehst oder ob es wirklich eine nahezu wissenschaftliche Abhandlung sein soll (was mir beim Lesen der obigen Zeilen logischer erscheint)?

  7. #6
    Benutzerbild von PostMortem

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    AW: Zeitgeistkritisches Buchprojekt

    Zitat Zitat von Chris P. Beitrag anzeigen
    - das Recht jedes Einzelnen auf wahre Individualität
    - das Recht auf unbeschränkte Imperfektion
    - das Recht auf Mittelmaß der äußeren Form

    Irgendwelche Meinungen, Kritik etc. zu dieser Projektidee?
    Der heutige "Zeitgeist" ist m. E. auch geprägt von einer unerträglichen Schönfärberei bis ins selbsterlebte alltägliche Berufsleben. Selbst "einfache" Mitarbeiter haben es sich mittlerweile schon angewöhnt Missstände durch Schönfärberei erträglicher zu reden, statt sie abzustellen. Auch die Form scheint immer wichtiger zu werden als der Inhalt, ganz so wie man es in der Konsumwelt ja auch schon seit längerem vorgesetzt bekommt.

    Zum Thema "wahre Individualität" fällt mir noch ein, dass man stärker auf die Illusion von Freiheit und freier Entfaltung eingehen könnte. Freiheit erlebt man in unserem sog. freien Land doch nur noch, solange man mit dem Strom schwimmt und das macht was alle tun. Kaum geht man Interessen nach die andere nicht verstehen, macht man sich teilweise schon verdächtig und wird argwöhnisch beäugt. Das geht dann soweit, dass Tüftler aufgrund des herankarrens eigentümlicher Gegenstände die Polizei mit einem Durchsuchungsbefehl vor der Tür stehen haben, weil Nachbarn ihn verdächtigen eine Bombe für einen terroristischen Anschlag zu bauen. Was liegt auch heutzutage näher, die meisten Leute die irgendwelches Gerümpel nach Hause bringen bauen schließlich Bomben, die uns dann auf dem Weg zur Arbeit oder beim Shoppen jeden Tag reihenweise um die Ohren fliegen usw.

    PM

  8. #7
    Benutzerbild von Chris P.

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    AW: Zeitgeistkritisches Buchprojekt

    Danke an alle für die Kommentare :-).

    Ich hatte wohl tatsächlich einen schlechten Termin für den Beitrag erwischt, denn als ich kurz danach reinschaute, war das Forum plötzlich weg und es klang so, als käme es auch nicht mehr wieder. Wäre natürlich sehr schlechtes Timing gewesen.

    Der Beitrag ist sicher etwas umständlich. Das mag auch daran liegen, daß er eigentlich aus meinem Blog kommt und die Leute dort eher mit meiner verqueren Gedankenwelt vertraut sind und zumindest eine grobe Ahnung haben, was das alles bedeuten soll ;-).

    Generell sollte es wohl im Endeffekt darauf hinauslaufen, daß es eine Mischung aus Beobachtungen, Informationen, philosophischen Ideen etc. werden sollte, gerade auch in der Betrachtung des Kleinen/Persönlichen als Spiegel des Großen.

    Chris

  9. #8
    Benutzerbild von Chris P.

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    AW: Zeitgeistkritisches Buchprojekt

    Weil es vielleicht noch zum Thema Gedanken zu "Retro"-Kommerz passt bzw. auch ein bißchen zu dem, was PostMortem zum Schwimmen mit dem Strom geschrieben hat, hier noch ein aktueller Beitrag:

    http://bruchbach.simpleblog.org/21797/

    In dieser Überlegungsschiene sollte dann vielleicht auch das Buch laufen, nur eben weit besser ausformuliert und in ein argumentatives Schema eingebaut.

    Chris

  10. #9
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    AW: Zeitgeistkritisches Buchprojekt

    Da habe ich noch einen Beitrag, der vielleicht recht gut zeigt, wie das Buch eventuell formuliert sein könnte (vielleicht etwas weniger schräg ;-)). Das wäre vielleicht eher was für den Filmkritikbereich, aber dafür ist es wohl doch zu persönlich formuliert und greift zu viele Ideen aus dem Buchprojektthema auf. Ein eigener Thread dafür wäre aber auch unpassend. Das Folgende ist eine Zusammenfassung von zwei Texten, daher mag es etwas holprig wirken.

    Jetzt wollte ich ja noch etwas Nettes über ein Produkt der aktuellen Zeit sagen. Und das fällt mir natürlich immer relativ schwer, denn prinzipiell mache ich ja einen großen Bogen um derlei Produkte und Kram (ganz nach dem Motto "Hast einmal du beschritten diesen Weg, für immer wird davon bestimmt dein Leben...").

    Dennoch habe ich nach diversen, positiven Meinungen aus respektablen Richtungen nun doch den Scheibendreher aus dem Schrank geholt, etwas abgestaubt und mir Pixars neuesten Film "WALL-E" angesehen. Und ich muss zugeben, dass ich tatsächlich äußerst beeindruckt bin - ein neumodischer CGI-Schnickschnack-Film, der aber gleichzeitig in diesem 21. Jahrhundert wie ein Licht in dunkler Nacht erscheint. Oder wie eine analoge Blume in der digitalen Ödnis. Phänomenal.

    Dabei mag der Film selbst in verschiedenen Plotelementen nicht mal sonderlich originell sein, das doch auffallend häufige Zitieren von Kubricks "2001" wäre da kritisch zu nennen - wobei das Spektrum von Inspirationen und Zitaten aber natürlich umfangreicher ist. Auch die Bildsprache eines Chaplin, Keaton und des großen Fortschrittskritikers Jacques Tati ist in einigen Szenen klar erkennbar - und auf eine andere, IMO wichtige Inspirationsquelle komme ich weiter unten noch.

    Hätte der Film in einigen Szenen mehr Schärfe und Plausibilität gebraucht? Unter Umständen. So ist die Darstellung der Menschheit, als zwar fett und träge gewordene, aber letztlich freundliche und nette Truppe sicherlich eine recht naive Vereinfachung zugunsten eines Happy Ends. Nach Jahrhunderten der Degeneration hätte dies sicherlich auch jene moralische Degeneration bewirkt, die wir ja bereits in der aktuellen Zeit beobachten. Auch die Auflösung mit einer prinzipiell nicht wirklich lebensfähigen Gruppe als Neubesiedler der toten Erde ist trotz der wunderschönen Bilder über den Abspann eine eher unglaubwürdige Idee - die wir zugegeben auch in älteren Filmen wie etwa "Logan´s Run" in ähnlicher Form finden. Vielleicht ist sie in WALL-E sogar ein wenig glaubwürdiger präsentiert.

    In Kontrast dazu stehen ernstere Details und Anspielungen, die für einen (auf einen größtmöglichen Marktanteil bei hippen CGI-Guckern abzielenden) Erfolg eher ungewöhnlich sind, so z.B. die klare Andeutung, dass alle Menschen, die auf der Erde geblieben sind, schon vor Jahrhunderten erstickt oder anderweitig jämmerlich krepiert sind. Auch die Tatsache, dass der Film längere Zeit ohne echte Dialoge und manchmal mit ebenso stillen Bildern auskommt, ist lobenswert. Zumindest scheint Pixar über gewissen Dingen zu stehen und die Marketing-Bande als die gehorsamen Diener des aktuellen und dunklen Zeitgeistes hatte nicht das letzte Wort. Denn dass gerade diese Leute zugunsten eines plumpen Massenerfolges Potential und wirklichen Fortschritt zerstören können, hat mir jemand aus anderer Richtung gerade erst wieder eindrucksvoll bestätigt. Dazu vielleicht ein andermal mehr.

    Zurück zu WALL-E: auf die emotionalen Bestandteile der Handlung möchte ich nun gar nicht besonders eingehen. Diese brauchen mehrfaches Betrachten und sollten überzeugend für sich stehen. Man sollte den Film vielleicht als zentrale Botschaft zum Thema Individualismus und Freigeistigkeit sehen. Und das ist in einer Zeit wie der jetzigen, in der die indoktrinierten und konditionierten Digital-Apologeten im Gleichschritt marschieren, eine wichtige und rare Aussage.

    Den Film schlicht auf die Liebesgeschichte von WALL-E und EVE zu reduzieren, wäre IMO in jedem Fall äußerst plump. Der Film ist reich an Subtext, das haben zum Glück auch andere online festgestellt. Die Liebesgeschichte ist eine Facette - eine sehr schöne, aber eben nur eine Einzelne im substanziellen Gewebe. Alles andere zum Plotkonstrukt zu degradieren, ist komplett falsch. Was vom Reichtum des Subtextes nun in der Absicht der Autoren und Entwickler lag oder nicht, ist IMO irrelevant - der Film ist offen und damit zum Beispiel in der Tradition der Simpsons-Staffel 2 zu sehen.

    Ich weiß nicht, ob WALL-E simples Popcorn-Kino ist. Ich mag kein Popcorn und war seit 20 Jahren nicht mehr im Kino. Ich weiß aber, wenn mich ein Film auf zahlreichen Ebenen berührt und anspricht, und wenn er auf mich wirkt, als wäre er mehr, als nur die Summe seiner einzelnen Teile. Wenn ich das - zugegeben etwas holprig formuliert - anzusprechen versuche, und dazu nur ein einseitiges "Du redest wirr" zurückbekomme, dann bestärkt mich das darin, daß viele, viele Dinge gewaltig falsch laufen.

    Nur ein Beispiel für ein persönliches Ansprechen: WALL-E sammelt kuriose Gegenstände, die er des Erhaltens wert findet. Zu seiner Aufgabe des Aufräumens mit dem Alten (ergo Zerstörens) ist also eine des Erhaltens hinzugekommen, ein eigener Sinn für Ästhetik speziell der kleinen Dinge. Und er hat die Fähigkeit zur Freude über das Finden kleiner Dinge. Mir geht es oft ähnlich. So habe ich letzte Woche z.B. in einer Garage zwischen Sperrmüllkram zwei wunderschöne, englische Ausgaben des "National Geographic" gefunden, September und Oktober 1981. Und bei diesem freudigen Fund musste ich irgendwie an den Film denken. Gleiches gilt natürlich auch für das Finden von z.B. VHS-Schätzen in Wühlhaufen. Sicher läßt sich sowas auch online finden, vielleicht gleich entstofflicht als Scann oder Datenstrom. Aber wie unglaublich leer und langweilig ist denn das?

    Das kritische Argument, daß WALL-E in simpler "Short Circuit"-Tradition Bewußtsein entwickelt, weil er durch die Plotkonstrukte allein auf der Erde ist, trifft die Absicht nicht wirklich. Auch zahlreiche andere Roboter zeigen Bewußtsein bzw. erweitern dies im Laufe der Story - durch WALL-E oder auch allein. Dies geschieht aus den unterschiedlichsten Motivationen, ein übergreifendes Muster ist das Überschreiten von inneren Programmgrenzen und Linien (metaphorisch reale und auch geistige und emotionale.) Wobei es dem Film nicht wirklich um Logik hinter maschinellem Bewußtsein geht - so spricht er denn auch einem Insekt Bewußtsein zu.

    Überzeugt mich der Film, das auch aktuelle Medienwerke Klasse haben können und dass ich falsch liege? Nein. Ausnahmen bestätigen nun mal die Regel. In einer Welt, in der ein folternder und proto-faschistischer James Bond der Held der Kinogänger ist, kann ein Film wie WALL-E doch nur Ausnahme bleiben. Außerdem wird er bereits durch die Mühlen der Popkultur gedreht (wie eine plumpe Referenz in einer aktuellen Folge der Simpsons beweist) und wird in kurzer Zeit nur noch ein weiteres Stück beliebiger Unterhaltung in DVD-Regalen oder auf Terabyte-Platten sein.

    Wenn mich der Film von etwas überzeugt, dann davon, dass der passive Widerstand gegen den aktuellen Zeitgeist am Ende der einzig gangbare Weg zur Menschlichkeit ist. Denn WALL-E ist ein Commodore 64, ein 386er, er ist ein Röhrenradio, ein Plattenspieler, ein Kassettendeck, ein Videorekorder, er ist CP/M, MS-DOS, Windows 3.11, Creatures 1 und die Klasse des Web 1.0. Er ist der robo-personifizierte Respekt vor diesen und ähnlichen Dingen und vor den Wurzeln und der Vergangenheit. Ein rostiger, semi-analoger Klumpen realer Substanz in einer Welt des bunten Digitalscheins und er ist das, was am Ende für eine Befreiung steht - Imperfektion.

    Mir ist darüber hinaus durchaus klar, dass der Film für eine Versöhnung zwischen alt und neu, zwischen Rost und poliertem Glanz, eintritt. Und in einer besseren Welt wäre ich der erste, der dies begrüßen würde. In unserer Welt und Realität voll mit Beliebigkeit, Arroganz und Herablassung ist diese Stunde aber noch nicht gekommen.

    Die 2001-Referenzen sind umfassender, als es auf den ersten Blick erscheinen mag, so zeigen sie sich z.B. auch in der Grundidee der verborgenen Agenda, die nur der Computer kennt und die dann durch einen klassifizierten Film enthüllt wird. Das Design von EVE in deaktiviertem Zustand scheint mir die Pods der (später) toten Astronauten in 2001 zu kopieren. Da ist sicher noch mehr, natürlich sind aber auch andere Filme deutlich vertreten (z.B. Star Wars, an einer Stelle wird Huttese gesprochen).

    Um zum Ende noch eine andere Inspirationsquelle des Films zu entdecken: neben den offensichtlichen Bezügen auf 2001 gibt es in der Pixar-Story sicher mehr als eine Parallele zu Douglas Trumbulls wenig bekanntem Werk "Silent Running" von 1972. Und wo uns WALL-E einen vielleicht dezent naiven Happy-End-Schluss hinterläßt, ist das Schlussbild von "Silent Running" eine der wunderbarsten und traurig-optimistischten Szenen der ganzen SciFi-Filmgeschichte. Womit zumindest im Bezug darauf das Jahr 1972 die Nase ein ganz klein wenig vorn hätte.

    Chris

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