Übrigens, soweit ich mich erinnere, hatte ich auch im ersten Grundschuljahr vor allem Schreib- und Rechenunterricht. Und ein bisschen Zeichnen. Ab dem 2. Schuljahr muss es wohl schon richtige Fächer gegeben haben, jedenfalls habe ich da Noten im Zeugnis. Aber Rechnen und Schreiben stand auch da noch an erster Stelle. Im ersten Schuljahr gab's auch noch Mengenlehre, das war ganz was Progressives damals.
Mein Gymnasium (bevor ich zur Gesamtschule wechselte) befand sich ebenfalls neben einer Hauptschule. Um zu "unseren" Fahrradständern zu kommen, musste man ein Stück über den Hauptschulhof gehen. Da wurde dann peinlich genau mit einem weißen Strich getrennt zwischen Hoffnungsträgern und Hoffnungslosen. Wr schon krass irgendwie.
So, und nun zum Thema Gesamtschule.
Ich verbrachte 5 Jahre am Gymnasium, wobei ich die 9. Klasse wiederholt hatte. Dann blieb ich in der 10. Klasse erneut sitzen und musste die Schule verlassen - ein äußerst traumatisches Ereignis, das mich selbst heute noch verfolgt. Glücklicherweise hatte ich guten Kontakt zu einem ehemaligen Lehrer, der mittlerweile an der Gesamtschule in einem ganz anderen Viertel von Berlin unterrichtete und nach längeren Gesprächen vereinbarten wir, dass ich an seine Schule kommen sollte. Erstens war dies eine gute Schule im Gegensatz zu den meisten Gesamtschulen in meinem Bezirk. Die hatten bis auf eine einen sehr schlechten Ruf und zumeist auch keine gymnasiale Oberstufe. Die einzige gute platzte aus allen Nähten und wollte allenfalls Oberstufenschüler aufnehmen. Und zweitens konnte der Lehrer mich ein bisschen unter seine Fittiche nehmen. Also ging ich diesen Weg, fuhr jeden Tag 3 Stunden in diese Schule und machte schließlich doch Abitur. Nachdem ich also die Gesamtschule kennen gelernt habe, bin ich von diesem Schultyp vollkommen überzeugt. Sofern die Schule gut ist! Sie darf nicht zu einer Nur-Hauptschule verkommen, aber gerade das ist der Fall, weil kaum noch bessere Schüler sie besuchen. Dieses Schicksal hat auch meine ehemalige Schule ereilt, weil es dort keine gymnasiale Oberstufe mehr gibt; die wenigen mit Gymnasialreife machen dann auf einer anderen Gesamtschule ihr Abi.
Und wie sah das konkret aus? Ich habe ein Jahr lang das Kurssystem der Gesamtschule kennen gelernt. Es gibt F-Kurse, E-Kurse, G-Kurse und A-Kurse. F ist höchstes Niveau, A niedrigstes. Manche Schulen, so auch meine, fassten F und E sowie G und A zusammen. Anhand der Anzahl Kurse, die man auf diesem oder jenem Niveau besucht hat, sowie des Notendurchschnitts errechnet sich dann der Schulabschluss. Niemand ist in einem Nivau "gefangen": Wer sich gut macht, kann in einen höheren Kurs; wer dagegen schlecht mitkommt, kann in einen niedrigeren Kurs. Sitzenbleiben fällt dadurch schon mal fast weg und auch Mutlosigkeit, weil man nichts versteht. Und es ist sogar Schülern mit Haupt- oder Realschulempfehlung möglich, sich so hochzuarbeiten, dss sie auch Abitur machen können. Fächer wie Gesellschaftskunde (Erdkunde und Geschichte) und Arbeitslehre finden im Klassenverband statt. Es ist einfach weniger Friss-oder-stirb- und Spreu-von-Weizen-Trenn-Mentalität, wie ich sie am Gymnasium erlebt habe. Dort wurden wir Schüler teilweise mächtig runtergeputzt, "was seid ihr doch für Flaschen!" Wie motivierend ist das denn!?
Die Oerstufe bestand dann aus knapp 40 Leuten, was die Sache familiär und übersichtlich machte, wir hatten einen guten Draht zu unseren Lehrern, wurden gefördert, ermutigt, man half sich gegenseitig... und trotzdem habe ich schwer geschuftet für mein Abitur. Der Stoff ist ja nicht anders als am Gymnasium. Nur das "Wie", das ist anders!
Neulich hatte ich mit meiner Freundin ein Gespräch in der Richtung. Sie war zuerst auf dem Gymnasium, hatte es auch bis zur Einführungsphase geschafft (für alle Nicht-Berliner: Dies ist die Bezeichnung für die 11. Klasse, die damals nur ein halbes Jahr dauerte - inzwischen umfasst sie auch ein ganzes Jahr), kam dann mit Auflagen ins Kurssystem, die sie aber nicht erfüllte. Nun erzählte sie mir, dass sie das Gymnasium furchtbar ungeeignet für die Vorbereitung aufs wirkliche Leben fand. Da lernte man französische Literatur des 18. Jahrhundert, Kurvendiskussion und anderes, was man später nie wieder brauchen würde; wirklich wichtige Sachen fürs Leben jedoch lernte man dort nicht. Schon allein aus diesem Grund hätte sie das Gymnasium nicht geschafft, weil sie in all dem keinen Sinn sah. Ich erzählte ihr, dass ich hingegen die Zähne zusammengebissen hätte, um Abi zu machen, weil ich mir einfach die freie Berufswahl ermöglichen wollte. Und dann fiel mir wieder ein, dass man im Fach Arbeitslehre praktische Dinge wie z. B. Schreibmaschine schreiben lernte, dass man Einstellungstests in der Art vorgelegt bekam, wie man sie später bei der Bewerbung auf eine Lehrstelle zu absolvieren hatte, dass man lernte, was ein Betriebsrat und eine Gewerkschaft ist und wie viele Steuern und Sozialabgaben vom Gehalt abgezogen werden und warum. "Toll", sagte sie, "sowas hätte ich lernen wollen, darin hätte ich eine Sinn sehen können." Ich konnte ihr nur zustimmen: Schreibmaschinenkenntnisse hätte ich später immer wieder brauchen können, aber ich hatte sie nicht, weil der Unterricht vor meiner Gesamtschulzeit stattfand.
Weiterhin hat die Gesamtschule den Vorteil, dass sie oftmals eine Ganztagsschule ist. Viele "Halbtagsschüler" mögen das nicht als Vorteil sehen (habe ich damals auch nicht, aber ab der 9. Klasse war das Ganztagsprogramm auch keine Pflicht mehr), weil sie es gewöhnt sind, früh am Tag nach Hause zu kommen. In einer klassischen Gesamtschule machen die Schüler an 3 Tagen der Woche nach dem Unterricht ihre Hausaufgaben und werden dabei von den Lehrern betreut. An 2 Tagen der Woche nehmen sie an einer AG teil, die ebenfalls von Lehrern oder aber von einem Stab an Sozialarbeitern angeboten wird. Die Auswahl ist vielseitig. An meiner Schule gab's supernette Sozialarbeiter, die auch als Vertrauenspersonen für die Schüler dienten. Jedoch, die Regelschule ist die, bei der die Kinder um 13:30 Uhr nach Hause kommen, was heißt, dass die Mutter gefälligst zu Hause zu sein hat, um das Mittagessen pünktlich auf den Tisch zu bringen. Erkühnt sie sich dennoch, ganztags zu arbeiten, muss zuerst ein Hortplatz gesucht und auch bezahlt werden, und Hortplätze sind dünn gesät. Deutschland ist das feindlichste Land Europas, was weibliche Berufstätigkeit angeht!
Kurz und gut, hätte ich hier was zu sagen, ich würde die Ganztags-Gesamtschule zur Regelschule machen und Eliteschulen für sehr begabte Schüler (also die, die Einserabis machen) einrichten.
Wie man erkennen kann, Schule und Bildung ist eines meiner bevorzugten Diskussionsthemen