Die neue alte Unverkrampftheit

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PostMortem
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Beitrag von PostMortem »

[QUOTE=Die Luftgitarre;292665]Und nein, dies ist keine soziologische Spekulation. Ich bekomme dies seit Monaten auf der Arbeit mit.[/QUOTE]

Das wird aber auch nur an der Klientel und Arbeit liegen.....

Die Bürger in Duisburg-Hochfeld jedenfalls hatten nach dem Niedergang der Industrie in ihrem Stadtteil für einiges gekämpft und viel getan um sich gegen den Abstieg zu wehren. Sie hatten durch einige Anstrengungen erreicht, dass sie sich in ihrem Stadtteil (in dem viele Auswärtige auch vor Eintreffen der bulgarischen und rumänischen Zuwanderer wegen seiner schwerindustriellen Altlasten nicht hätten leben wollen) wieder wohler fühlten. Das alles wird ihnen nun kaputt gemacht. Und da soll es eine Lösung sein auch noch so zu tun, als würden die Hochfelder nur ihren Frust an den Schwächsten auslassen und hätten sich ja nie um was gekümmert?

Dort wollen auch nur Menschen ihre Kinder groß ziehen, die auch nichts dafür können aus welchen Verhältnissen die Zuwanderer kommen. Sie hatten sich um ihren Stadtteil gekümmert und nun wird ihnen alles kaputt gemacht. Es gibt schwerwiegende Probleme, die niemand von uns vor der Haustür dulden würde - von niemandem. Doch nicht jeder kann fliehen und muss es in Ohnmacht ertragen was passiert, weil das Geld für die Wohnung im Grünen nicht reicht, die Leute selbst nicht so gut situiert sind um jederzeit weg zu können. Manche weil sie ihre einst gehegte Altersvorsorge nicht aufgeben können und wollen. Verzweifelt sind sie trotzdem. Duisburg: Hochfelder sind am Ende | RP ONLINE Die engagierten Bürger des Stadtteils wissen sich gegen die Probleme mit Rumänen und Bulgaren kaum noch zu wehren. Dabei war der Stadtteil auf einem guten Weg [...]

Überhaupt ist die Behauptung, dass Bürger heute nur noch ihren Frust an Migranten auslassen und gegen nichts aufmucken durch nichts zu rechtfertigen. So viel Engagement und Protest gegen Obrigkeiten wie heute hat es schon lange nicht mehr gegeben in diesem Land. Castor-Proteste, Sauerland-Abwahl, Volksbegehren gegen Tempelhof-Bebauung, Demos gegen aktuellen Stellenabbau in Großkonzernen, Stuttgart 21, Bürger gegen Fluglärm usw. usf. Man kann doch nicht so tun, als würde es das alles nicht geben nur um kriminellen und problematischen Einwanderer-Banden ein vermeintliches Alibi zu geben.
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Die Luftgitarre
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Beitrag von Die Luftgitarre »

Was Du beschreibst, ist im Grunde das seit den 80ern/90ern fortschreitend Problem der 'sozialen Entmischung' von Stadtteilen, nur eben noch verschärft durch die europäische Integration: Die Ärmsten Europas (die Roma) werden in Deutschland just dort angesiedelt, wo bereits die ärmsten Deutschen (die ausrangierten ehemaligen Industriearbeiter) konzentriert sind.

Du sagtest zutreffend, dass es ist nicht die Schuld der Bewohner dieses Stadtteils ist, dass die Roma in Südosteuropa diskriminiert und verfolgt werden. Es ist andererseits aber auch nicht die Schuld der Roma, dass im Ruhrgebiet Jobs wegrationalisiert oder ins Ausland verlagert wurden, das haben perfekt integrierte deutsche Unternehmer und Aktionäre so beschlossen. Zu Zeiten des Industriebooms im Ruhrgebiet wäre die Integration der Roma überhaupt kein Problem gewesen, damals wurden ja auch 500.000 polnische Arbeiter dort in Werkswohnungen angesiedelt und in der 2ten Generation zu Deutsch-Muttersprachlern. Nicht die Herkunftskultur ist das Problem, sondern die heutige wirtschaftliche und soziale Situation im Zielland.

Nach Hier-und-Jetzt-Lösungen gefragt, würde ich sagen
- Gewährung von Sozialhilfe an gemeldete Roma (in Form von Gutscheinen, bzw. direkten Zahlungen an den Vermieter gegen Vorlage eines Mietvertrags, um das Abschöpfen/Abpressen dieser Leistungen durch kriminelle Strukturen zu verhindern) bei gleichzeitiger Pflicht, an Deutschkursen teilzunehmen.
- Gleichmäßige Verteilung der Zuwanderer auf andere Stadtteile (was man ja durch das Gewähren oder Nichtgewähren von Mietgeld und gleichzeitiges Vorgehen gegen 'wildes' Vermieten lenken).
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Die Luftgitarre
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Beitrag von Die Luftgitarre »

Ein Stück weit haben diese Probleme natürlich auch damit zu tun, dass wir bei der europäischen Integration A gesagt haben, aber jetzt nicht B sagen wollen: Gemeinsamer Binnenmarkt, gemeinsame Währung, gemeinsamer Arbeitsmarkt ja - gemeinsame Sozialsysteme und europäische Binnenmigration nein. Das ist im Grunde so, als wenn man in New York jobsuchende Leute aus Kansas und West Virginia als Ausländer betrachten würde.
http://www.taz.de/Kommentar-Einwanderung-EU/!84264/
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Lutz
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Beitrag von Lutz »

[QUOTE=Die Luftgitarre;292665]Denn Probleme mit Migranten sind die einzigen Probleme, sie man lösen kann, ohne mit strukturell stärkeren (Arbeitgeber, HartzIV-Fallmanager, Vermieter, Polizei) und mit der allgemein akzeptierten Ideologie leiiiider notwendiger Zumutungen in Konflikt zu geraten. Überall sonst heißt es "muss ja, muss", "isso", "hilft ja nix", nur bei Migranten kann man (außerhalb einiger grünalternativer Nischen) mit Aussicht auf Erfolg auch mal sagen: "Das lassen wir uns nicht gefallen!". (Denn gegenüber den Migraten kann man sich immerhin auf die Staatsbürgerschaft berufen und man weiß, dass die keine echte Lobby haben.)

Und nein, dies ist keine soziologische Spekulation. Ich bekomme dies seit Monaten auf der Arbeit mit, die Leute dort meckern den ganzen Tag über alle möglichen Personengruppen, über kriminelle Migranten, über faule HartzIV-Bezieher, über nervige Kunden, über inkompetente Kollegen. Nur über einen schimpfen sie nie, auch nicht in Abwesenheit: über den Chef.[/QUOTE]

Mal wieder sehr schön auf den Punkt gebracht!

Lutz
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