Wonach sehnt ihr euch am meisten zurück?

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PostMortem
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Beitrag von PostMortem »

Grundsätzlich gibt es in Deutschland seit den Jahrzehnten der mehr oder weniger (teils auf Pump) abgesicherten Wohlstandsgesellschaft der Post-Wirtschaftswunderzeit eine zunehmende Tendenz dazu sich den Weltschmerz auf die Schultern zu laden und Missstände und Gefahren deutlich zu überzeichnen. Welchen Sinn hat es jeden Skandal, jeden Missstand auf Erden und jede politische Großwetterlage auf Dauer so negativ in sein Leben zu integrieren, dass die ganze Lebensqualität darunter leidet? Ich sage nicht, dass man sich nicht überzeugt für Frieden, gesunde Lebensverhältnisse und alles mögliche einsetzen soll. Aber es kann kein erstrebenswertes Ideal sein sich sein Leben im Jetzt und der Erinnerung durch miese Laune über die politische Großwetterlage und andere iridische Gegebenheiten zu versauen. Das macht für mich auch heutige Umwelt- und Friedensbewegungen relativ unsexy. Sie arbeiten mit drastischen Übertreibungen, dem schlechten Gewissen und setzen es Dir auf den Beifahrersitz wenn Du Auto fährst und neben den Weihnachtsbaum wenn Du in Frieden feierst und satt bist. Wenn Zeiten von Genuss, Ausgelassenheit und Unbeschwertheit permanent mit einem Schatten versehen werden, kann man schonmal miess drauf kommen und glauben die Welt und die eigene Existenz wären eine einzige Seuche.

Auch das sind Aspekte, bei denen ich mich eigentlich nach früher zurück sehne. Früher ging es bei der Friedensbewegung, den Grünen usw. mehr um Idealismus. Heute geht es viel mehr um Ideologie. Es hat teilweise religionshafte, sehr intolerante und sektiererhafte Züge wie die Menschen unterwegs sind. Vor sich her tragend, dass man die Weisheit mit Löffeln gefressen hat und besser weiss was für andere gut ist, redet man Leuten in ihr Leben rein, fügt ihnen sogar schonmal aus der eigenen Überzeugung heraus Schaden zu und will allen vermeintlich Unverbesserlichen Vorschriften machen. Früher ging man eher mit gutem Beispiel voran und stellte ein öffentliches Bewusstsein für gewisse Themen her (Umweltschutz, Hunger, Frieden etc.).

Wenn davon die Rede ist, dass unangenehm empfundene Gefühle wesentlich schneller "vergessen" werden als angenehme, gilt das natürlich z. B. auch für die Friedensbewegung. Frühere Leute aus dieser Bewegung erzählen einem heute schonmal hinter vorgehaltener Hand, dass es doch teilweise ziemlich banal und albern war was damals lief. Friedensbewegung war für viele hinter den Kulissen eben auch nur sich mit Knalltüten darum zu streiten wer die Brötchen schmieren muss. Diese im Menschen verwurzelte Verklärung der Vergangenheit ist also kein Exklusivmerkmal banaler Freizeitgestaltung.
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Lutz
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Beitrag von Lutz »

@PostMortem

Man kann sich übrigens auch gut fühlen gerade *weil* man auch mal auf ne Demo geht.... ;)
Dann geht es auch nicht darum möglichst "sexy" zu sein. Ok, ich gebe zu, dass ist dann keine Titelgeschichte für "Fit for Fun"

scnr

Lutz
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PostMortem
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Beitrag von PostMortem »

[QUOTE=Lutz;295552]@PostMortem
Man kann sich übrigens auch gut fühlen gerade *weil* man auch mal auf ne Demo geht.... ;)
Dann geht es auch nicht darum möglichst "sexy" zu sein. Ok, ich gebe zu, dass ist dann keine Titelgeschichte für "Fit for Fun"
scnr
[/QUOTE]

Das unterstellt ja fast ich wäre auf keiner gewesen..... Aber ich kann auf eine Occupy-Demo gehen und trotzdem andere Leute unbehelligt Kunden der Deutschen Bank sein lassen. Anderen ist das heute anscheinend nicht gegeben. Wenn sie gegen etwas sind, dann hat das auch kein anderer mehr zu haben und zu tun. Viele Ökos müssen heute unreflektiert jeden SUV-Fahrer anpupen, legen Zettel unter Scheibenwischer oder kratzen auch mal mit dem Schlüssel dran lang.

Dabei braucht selbst ein riesiger VW Amarok TDI mit 7,5L/100km relativ weniger Sprit, als jeder alte Bulli, der ausgerechnet in der alternativen und Öki-Szene dennoch Kultstatus genießt und genauso wie der olle Transit oder der zweckentfremdete Post-, Kranken- oder Feuerwehrwagen ruhig mit gelber oder roter Plakette 14L saufen und die ganze Straße durch die untergelegte Pappe hindurch vollölen darf. Da beschwert sich keiner über den Anti-Atomkraft-Aufkleber auf der Umweltsünde im szenigen alternativen Künstlerviertel. Aber wenn die Mama aus der gehobenen Mittelschicht mit dem VW Tiguan Blue Motion vorm Kindergarten wartet, dann geht plötzlich das reflexhafte Geätze los. Diese Doppelmoral und die Bevormundungsversuche gefallen mir halt nicht und machen mir Szene, Leute und ihr Anliegen nicht sympatischer... Das war früher anders. Es war bunter, toleranter, weniger verbohrt, verbissen und weniger moralinsauer.

Diese Entwicklung nervt anscheinend nicht nur mich, weshalb gerade die Grünen an die Piraten verlieren. Nicht weil die so ein tolles Programm haben, sondern weil sie jetzt die Rolle erfüllen, die die Grünen in den 1980ern hatten. Damals haben sie mir auch besser gefallen. Heute glänzen auch sie nur noch durch immer neue Ideen zur gesetzlichen Reglementierung des Lebens.
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