HERBERT GRÖNEMEYER im ausführlichen Interview!
Die neue CD steht seit 2. März 2007 "fertig im CD-Regal". Wie sieht's in deinem Kopf aus, Herbert?
Relative Leere, aber eine zufriedene, würde ich sagen. Man ist erschöpft, man ist glücklich, hat etwas zusammengebastelt und gibt das jetzt heraus. Das ist ein bisschen wie bei einem Kind. Man läßt es laufen und weiß nicht so recht. Man wartet auf den Moment, an dem man sich plötzlich umdrehen kann, das Ganze wieder angucken kann und weiß: Das hast du gemacht! Okay, jetzt hör's dir mal in Ruhe an.
Was hallt denn als Echo nach?
Ist der Text wirklich gut oder ist der vielleicht ein bisschen nachlässig? Es gibt die ersten Reaktionen von anderen, die es gehört haben, und man fragt sich: Meinen die das ernst? Versuchen die mir nur zu schmeicheln, denn die sagen natürlich: Alles gigantisch, Herbert und überhaupt du, was du alles kannst, ist ja unglaublich. Und dann versucht du zwischen den Zeilen zu hören: Wo sind die Irritationen oder was funktioniert nicht ganz richtig? Das ist so ein Wust im Kopf, ein Durcheinander im Grunde genommen, ein ganz schönes Gewusel.
Bei "Mensch" hast du gesagt, du hast jede Zeile herausgepresst und es war wahnsinnig anstrengend. Wie lief die Arbeit diesmal?
Deutlich leichter. Ich bin natürlich auch in einem anderen Stadium meines Lebens. "Mensch" war der Versuch, im Grunde genommen überhaupt wieder Musik zu schreiben. Da hatte ich wahnsinnige Angst, ob mir das nicht abhanden gekommen ist. Das klingt ein bisschen bescheuert jetzt im Nachhinein, aber damals war das wirklich so. Deswegen haben wir an "Mensch", glaube ich, anderthalb Jahre gearbeitet. Es wurde diesmal nicht so hart gebogen wie bei "Mensch". Also "Mensch" war ein viel stärkeres Stemmen. Ich bin noch mal fast fünf Jahre weiter, lebe jetzt auch fünf Jahre länger in England, und da nimmt man alles sowieso ein bisschen gelassener. Diese Platte ist relativ entspannt gelaufen. Weil ich früher am Theater war, gab es immer eine Premiere. Die wurde festgelegt, und bis dahin wurde geprobt. Die konnte vielleicht mal verschoben werden, aber grundsätzlich wußte man, am 7. März spielst du. Und so mache ich das auch mit der Platte. Ich setze den Termin fest, wann sie rauskommt. Ich buche sogar schon die Tour. Und mache damit natürlich alle wahnsinnig. Nicht nur ich arbeite immer bis zur letzten Nacht - deswegen hieß bei der letzten Platte auch eine Nummer "Demo letzter Tag" - auch die Leute, die mit mir zusammenarbeiten müssen, raufen sich natürlich die Haare. Nicht nur Alex Silva im Studio, auch die, die das Cover gestalten und Marketing machen, - ich mache alle irre, weil ich wirklich bis zur allerletzten Sekunde arbeite. Sonst würde ich nie eine Platte fertig kriegen. Ich kann nur arbeiten...
Mit Deadline!
Mit Deadline. Dann ist es auch okay, weil ich sage: Bis hierhin habe ich gearbeitet, und alles, was jetzt nicht mehr da ist, ist nicht da. Genau wie wenn im Theater der Vorhang vorgeht, dann ist die Inszenierung entweder gelungen oder misslungen. Wurscht, du musst trotzdem raus. Aber die Arbeit an sich war grundsätzlich relativ entspannt. Wir haben einen großen Teil mit meiner Band gemacht, aber auch einen sehr großen Teil mit englischen Gastmusikern. In der Regel treffen Alex und ich uns im Studio so um zwölf, also mittags, und fummeln dann bis nachts um zwölf da herum. Wir sitzen aber auch gern nebeneinander und plaudern und albern rum und schnattern so vor uns hin. Zwischendurch arbeiten wir wieder ein bisschen. Wir arbeiten seit neun Jahren zusammen und verstehen uns prächtig.
"Radikalität" war immer ein Kriterium für dich. Ist das wichtig bei dieser Platte?
Radikalität gibt es ja in mehreren Beziehungen. Auf der Platte haben wir probiert, die Sachen ein bisschen zu überzeichnen, also großes Orchester, ein bisschen hymnisch angelegt, viele Streicher. Da ist die Grenze zum Kitsch natürlich ganz schnell im Deutschen gegeben. Da musst du aufpassen: wie weit kannst du das zerren. Wir hatten wirklich ein 65-Mann-Orchester, allein die Streicher haben unglaubliche Eindrittel der Produktionskosten gefressen, weil das unheimlich teuer war. Das ist zum Beispiel so eine Gratwanderung.
"Mensch" war wesentlich reduzierter und spröder vielleicht sogar, und dieses ist durch die Streicher viel erhobener. Also Radikalität an den Kitsch ran manchmal. Zum Teil steckt die auch in den Details drin. Wenn man die Platte länger hört und wenn man tiefer geht, also wenn man Zeit hat, beim dritten, vierten, fünften Hören muss immer noch eine Tiefe da sein, da muss man noch was entdecken oder sagen, oh, das habe ich noch gar nicht gehört.
Die Platte, denke ich, springt nicht ständig hin und her, sondern ist wie ein großes Stück. Vergleichen kann man das nicht. Eine meiner Lieblingsplatten ist "Hounds of Love" von Kate Bush, das ist auch wie ein Stück, das geht so durch. Und hier sind das eher die Streicher, die diese Platte mehr oder weniger zusammenhalten. Trotzdem, denke ich, eine Nummer oder Musik muss immer kratzen.
Meine erste erfolgreiche Platte, "Bochum", wurde gar nicht im Radio gespielt. "Männer" wurde nicht im Radio gespielt. Die haben gesagt: Wie singt der? Der singt so merkwürdig und wir verstehen ihn nicht. Was soll das? Wir müssen den Text verstehen. Der singt so hoch, dann quietscht der so und singen kann er eh nicht. Diesmal ist es eher dieses etwas Opulente. Im Radio haben sie auch schon gesagt, Herbert, ein paar weniger Streicher hätten es auch getan. Aber das finde ich dann gut. Aha, dann nerve ich wohl ein bisschen. Dann nerven euch wohl die Streicher. Also so rum. Auch damit kannst du nerven. Ein bisschen nerven musst du schon. Wie wenn du kochst, musst du es halt immer ein bisschen überwürzen, also schärfer machen, damit es am Anfang ein bisschen zu scharf ist, aber am Schluss sagst du: War gut, dass es so scharf war, sonst wird das so weggeschlabbert.
"Mensch" hatte die Farbe grau, hast du gesagt. Welche Farbe hat diese Platte?
Diese Platte, denke ich, ist schon wesentlich bunter, glücklich und lebensbejahend, also eher ein Orange.
Welches ist deine Lieblingszeile auf der Platte?
Also mein Lieblingstext ist aus "Leb in meiner Welt": ..."Deine Träume deut' ich nicht. Sie verlaufen sich. Ich höre für dich, wie das Gras wächst". Im ersten Moment denke ich: Hat der noch alle Latten aufm Zaun? Und dann geht es weiter: "Ich sag' dir, was du willst. Du sitzt einfach still. Weil ich rede jetzt." Den Einstieg finde ich absolut gelungen, weil man im ersten Moment denkt: Was ist das jetzt? Ist das ein Liebeslied? Ist der größenwahnsinnig? Also den ganzen Text finde ich klasse. Das ganze Lied mag ich halt gern.
Immer noch etwas unsicher bin ich mit dem letzten Text "Spur". Es geht darum, dass man immer an seine Reserven geht und sich auch übernimmt, also so ein bisschen lonesome cowboy auch. Man möchte für sich sein. Und da habe ich noch gar keine Beziehung dazu. Das war der allerletzte, den ich geschrieben hab. Ich hab zwar schon gute Resonanzen gekriegt, aber bei "Leb in meiner Welt", da weiß ich heute schon, wie bei "Land unter", da wusste ich schon, als ich das geschrieben habe, das kam so leicht: das sind so Lieder, die bleiben.
Noch mal zur Arbeit. Fangen wir mit der Musik an: Wie geht das, Komponieren? Ist der Kopf voll oder leer, wenn du anfängst?
Ich schreibe ja nicht für eine Platte, ich schreibe sowieso Musik. Also es ist nicht so, guten Tag, ich komponiere heute. Sondern ich setze mich, nachdem ich aufgestanden bin, ans Klavier und klimper vor mich hin. Das kommt automatisch. Zum Beispiel die erste Nummer "Du bist die", die habe ich schon im Winter 2002 geschrieben, in Köln im Hotel mit Blick auf den Rhein, während ich da irgendwelche Promotiontage hatte. Dann spiele ich ein bisschen. Irgendwann gibt eine Melodie, die ich ganz schön finde, und an der bleibe ich hängen. Die spiele ich dann noch ein paar Mal, und manchmal wird es ein ganzes Lied. Am nächsten Tag setze ich mich wieder hin, nehme das, was ich gestern gemacht habe, und fange damit an. Das ist wie bei einem Puzzlespiel, immer mehr Kleinigkeiten kommen dazu.
Es gibt also keine Strategie. Du fängst nicht mit den Balladen an und dann kommen die schnellen Stücke?
Nein. Für diese Platte hatte ich vielleicht achtzehn, neunzehn Stücke geschrieben. Dann hast du erstmal einen Überblick. Und dann sagst du dir natürlich schon: Wie machst du das jetzt? Was fehlt zum Beispiel? Fehlt jetzt was Schnelles? Kann die Platte noch was Ruhiges vertragen? Noch was Ruhigeres, also noch was ganz Ruhiges, noch was ganz Trauriges oder was ganz Tiefes? Bei "Bleibt alles anders" war das "Bleibt alles anders" komischerweise, bei "Sprünge" "Kinder an die Macht". Und bei dieser Platte war das letzte Stück "Ohne dich" .
Wo bleibt der Mythos des Kreativen, der sitzt und wartet? Hast du noch nie rumgebrüllt: "Kinder, verdammt, ich muss jetzt komponieren!"
Nein. Die Kinder kennen mich so, dass ich am Klavier sitze und vor mich hinsinge. Mein Sohn hatte in seinem Zimmer ein eigenes Studio da gehabt, richtig groß, und ich hatte so eine ganz kleine Ecke bei mir oben, anderthalb Meter vom Kleiderschrank entfernt, mit Keyboard und Kopfhörer, und da habe ich meine Platte geschrieben, nachts mit Kopfhörern. Wenn ich Musik schreibe, das ist wirklich mehr so nebensächlich. Wenn ich Texte mache, das ist anders. Dann sage ich: Jetzt gehe ich texten. Dann setze ich mich wirklich hin. Aber nicht beim Musikmachen, das ist mehr Spaß.
Darf man dich stören? Gehst du ans Telefon?
Ja. Ich fühle mich in der Musik aber auch zuhause. Nicht weil ich das kann, sondern weil das für mich Freude und Entspannung bedeutet. Ich glaube eben auch, dass letztendlich meine Musik die Sachen erzählt. Texte sind wichtig, aber letztendlich, wenn die Musik nicht stimmen würde, könnte man die ganzen Texte auch vergessen. Die stemmt das im Grunde genommen, die bereitet das vor. Das mache ich unheimlich gerne. Ich freue mich auch immer wie ein Schneekönig, wenn ich eine Musik geschrieben habe. Das singe ich dann auch drei-, vierhundert Mal. Wir haben mal in Köln gewohnt über der Wohnung von dem Alan Bangs, der den Rockpalast moderiert hat früher. Der hat dann irgendwann angerufen und gesagt: Herbert, bist du so nett und kannst mal das Lied wechseln?
Wie entstehen die Texte?
Die Musik habe ich schon lange, die nehme ich auch schon früher auf, aber die Texte kommen immer ganz am Schluss. Ich singe die vorher in so einer englischen Bananensprache, und dann schreibe ich plötzlich deutsche Texte, was mich dann auch immer wundert. Da denke ich: Huch, was ist das denn jetzt? Und dann wächst das alles so zusammen. Aber das Gefühl, dass die Musik sich irgendwann über den Text setzt und dann passt das alles. Aber das dauert eine Zeit. Ich hoffe natürlich, dass der Text die Musik nicht kaputtmacht und dass ich da nicht irgendeinen Unsinn geschriebe. Man muss sich erstmal freischreiben. Ich kaufe mir Blöcke und fange an zu schreiben, also wirklich ein mechanischer Vorgang des Schreibens. Dann fange ich an Spaß zu kriegen an Sprache und an den Worten und sage: Ah, das ist lustig. Oder: Das ist gar nicht schlecht. Und dann fängt das an, sich einzuleiern.
Die Konzentration beim Texten kann ja schrecklich quälend sein. Bist du ein großer Ablenkungskünstler? Was ist erlaubt?
Telefonieren. Ich bin ein Telefonierer. Ich mache die Texte zusammen mit Arezu Weitholz, zumindest sehe ich sie so als Regulativ, der erzähle ich das und die hört sich das an. Dann telefoniere ich gern mit Freunden zwischendurch. Ich habe immer das Telefon da liegen, wenn ich dann merke, es staut sich so, ich komme nicht weiter, dann gehe ich ans Telefon und rufe irgendjemand an. Früher bin ich dann an den Kühlschrank gegangen; das mache ich nicht mehr. Aber Texten ist Kampf. Das bin ich gar nicht gewohnt, weil ich an sich jemand bin, der gerne arbeitet, aber beim Texten herrscht oft dieses Frustmoment. Mir sitzt immer die Angst im Nacken. Schaffst du das? Oder gibst du dir nicht genug Mühe? Oder geht dir zu früh die Geduld verloren? Oder sagst du: Ich mache noch mal eben, haue ich das eben noch mal drauf. Ich habe da unheimliche Angst, dass ich mir mit einem schlechten Text oder mit drei oder vier schlechten Texten so eine Platte kaputtschieße.
Ist Dir beim Komponieren und vielleicht noch mehr beim Texten das Naheliegende suspekt? Wenn dir etwas zu schnell einfällt?
Es gibt Texte, die kommen in einem Rutsch. Es gibt fünf Texte auf einer Platte, die mussten raus. Dann gibt es die andere Hälfte, da kommt es drauf an. Schaffst du die? Denn die nächsten fünf sind die, an denen sich die Platte entscheidet. Dann schreibst du halt Texte wie zum Beispiel "Ich versteh, versteh nur, was ich seh" . Du brauchst erstmal einen Reim. Das ist gar nicht so doof, was könnte das denn jetzt eigentlich heißen, was willst du damit sagen? Du willst erklären, du bist nicht jemand, der gerne theoretisiert, sondern möchtest einfach gerne was machen. Was ausprobieren. Das ist auch sicherlich etwas, wie ich denke. Ich analysiere nicht gerne ununterbrochen, sondern ich sage, lass machen, lass tun, oder auch scheitern.
Ran!
Ran, genau. Lass scheitern, und nicht dieses ständige Gelaber. Alex, der nun Engländer ist, sitzt manchmal in Berlin in der Kneipe abends mit Deutschen, und dann reden die über Gott und die Welt vier Stunden lang und gehen dann alle traurig nach Hause um drei Uhr morgens. Und dann sagt der immer: Das ist in England gar nicht möglich. In England machst du das fünfundzwanzig Minuten ...
Und dann kommen die Witze...
Genau, dann kommen die Witze. Dann muss es wieder ein bisschen spaßig werden. Also dieses Gesitze, durchzureden, nichts passiert und alle sind nur niedergeschlagen. Als ich mitten in meiner Lebenskrise steckte, habe ich angefangen, zurückzugucken, auch alte Freunde von mir gefragt: Wie war ich eigentlich früher? Weil man einfach so viel über sich nachdenkt. Und da sagte ein guter Freund von mir: Nee, du hast noch nie gerne irgendwie rumgestanden, hast immer gesagt, lass uns einen Gig spielen, lass irgendwo auftreten oder lass was machen. "Ich versteh nur, was ich seh". Und dann fängst du an, das Drumherum zu basteln. Das ging relativ schnell sogar. Das sind solche Texte, wo du dich fragst, ist der jetzt wirklich gut?
Aber es gibt immer wieder Überraschungen für dich selber?
Ja, absolut! Sogar beim Musikschreiben, weiß man manchmal nicht, wo kommen die Sachen eigentlich her. Gerade die, die außerhalb des eigenen normalen Standards liegen. Es gibt ja schon so ein Spektrum, wo man weiß, das kann man so ein bisschen. "Zieh deinen Weg" zum Beispiel kam völlig überraschend. Da freust du dich und sagst: Ah, das bringt dich weiter. Oder das ist anders, als du sonst geschrieben hast. Das ist nicht immer ein logischer, intellektueller Vorgang. Viel kommt völlig aus heiterem Himmel.
Das ist so gar keine Rockplatte. Muss an London liegen.
Na, dass mir das gut tut da, ist unbestritten. Ich meine, das ist jetzt die zweieinhalbte Platte aus London. Ich arbeite in London schon lange, aber jetzt lebe ich eben auch recht lange hier.
Wenn du in England sagst, du bist Musiker, das ist so, als wenn du bei uns sagst, du bist Herzchirurg an der linksrheinischen Klinik. Also in England Musiker zu sein, ist wirklich eine Auszeichnung. Wenn ich im Taxi sage oder er fragt mich, was machst du, und ich sage, ich singe,- gigantisch, da freut er sich schon. So eine Anerkennung hilft dir natürlich für dein Selbstbewusstsein. In Deutschland war es früher so: Was machst du? - Ich mache Musik. - Ja, und was machst du beruflich? Dann denkst du: Ah, jetzt erkläre ich noch mal. Ich bin auch ziemlich erfolgreich schon - Ach so, kann man davon leben? - Ja, ich habe auch schon ganz schön viele Platten verkauft. Weiß ich selbst bei meinem eigenen Vater, der dann auch sagte: Jetzt musst du etwas Vernünftiges lernen. Und in England, wenn du deinem Vaters sagst, ich werde Musiker, dann sagt der: Ja, mach das! - Das ist einfach der dritte Industriezweig in England. Das ist in England ganz was Tolles, und davon kriegst du natürlich auch was mit!
Was kommt noch so von der Straße?
Ja, dieses britische Sich selbst auf die Schippe nehmen. Die Leute sind wahnsinnig freundlich, also du findest selten welche, die granteln. Sie gucken dir nicht ständig in die Augen, aber, sobald du jemanden etwas mehr kennst wie in meinem Zeitungsladen, wo ich mir immer Zeitungen hole, mit dem kannst du dann rumalbern. Dieses tongue-in-cheek, dieses Tennisspielen in Selbstironie. Ich mache einen Witz über mich und du machst einen Witz über dich, und dann freuen wir uns und hatten für drei Sekunden Spaß miteinander. Wie im Rheinland, die sind auch eher so, die sagen: Ja, mir geht es gut, alles dufte. Sonst geht das in Deutschland: "Wie geht's?" - "Weißt ja". Dann denkst du: Was weiß ich denn? - "Ja, weißt ja, wie alles läuft zur Zeit hier..." - "Ja, ich habe gefragt, wie geht's dir?" - "Ach so, mir persönlich, ach eigentlich ganz gut". Das war dann auch schon ein Vier-Minuten-Gespräch.
Als nächstes kommt die Tour, die bereits äußerst erfolgreich angelaufen ist. Was wäre eine Platte ohne Tour?
Man macht eine Platte nur für eine Tour. Du schreibst eine Platte, damit du wieder auf die Bühne gehen kannst und neue Lieder hast. Wenn du vor Publikum ausprobierst, wie funktioniert das, was du da geschrieben hast, und dich wunderst, welche Nummer plötzlich richtig gut funktioniert oder überhaupt nur funktioniert, das ist der Spaß, den du hast. Wenn ich nicht singen würde - das ist ja auch mehr so eine körperliche Angelegenheit, weil ich ein ziemlich unter Strom stehender Mensch bin -, dann wäre ich auch relativ ungenießbar. Irgendwie hat mir der liebe Gott das auch gegeben, damit ich mich entspanne.
Ich war immer Sänger. Ich war nie im Stimmbruch, hatte immer schon eine ganz tiefe Stimme. Dafür sah ich aus wie ein Mädchen, hatte lange rote Haare und ein ziemlich weiches Gesicht. Sobald ich anfing zu singen, haben die gesagt: Huch, was ist das denn? Also ich war so eine ziemliche Röhre, bin schon früh als Sänger engagiert worden in Bands. Ich hab schon mit dreizehn in Bands gesungen, die waren alle deutlich älter, zwanzig, einundzwanzig. Wenn ich mal zwei, drei Wochen nicht singe, dann merke ich, geht es mir nicht gut. Das ist wie als hätte ich nicht trainiert.
Das heißt, du bist dann am Ende von einem Konzert der Glücklichste?
Ich mache das hauptsächlich für mich selber, wenn man es ganz gemein sagt. Natürlich mache ich es fürs Publikum, aber im Grunde genommen freue ich mich auch selber, dass ich da oben stehen darf und kann.
Dass sich immer alle entschuldigen für die Eitelkeit, mit der sie auf der Bühne stehen, ist doch als angebliches Geständnis unerträglich. Steckt da nicht viel mehr dahinter bei einem Konzert?
Das Erste, was du machst beim Konzert, selbst auch wenn du in großen Stadien spielst, ist, dass du dir Gesichter suchst.
Du nimmst im Ernst Blickkontakt auf?
Mit einzelnen Gesichtern, ja. An denen prüfst du, wie funktioniert der Abend. Du nimmst auch Gesichter, die nicht so begeistert sind, die einfach ruhiger sind, und guckst: Ah, wollen wir mal gucken, ob wir das nicht hinkriegen. Das ist so, als ob du mit denen redest. Es gibt zum Beispiel oft auch Pärchen, wo du siehst: Oh, der Freund wollte gar nicht mit. Oder die Freundin findet das viel zu doll, und der Typ sagt: Oh Gott, was findet die an dem! Und dann guckst du: Mal sehen, ob du das durchhältst zwei Stunden lang, da so zu stehen und zu sagen: Äh, ich finde das aber doof. Also das ist schon ein Spiel. Egal, ob Stadium oder Club, ich mach genau das gleiche. Spiele auch die hinteren Reihen an, gucke, ob die mitgehen. Und dann freust du dich natürlich wie ein Schneekönig, - nicht wenn am Schluss alles tobt, weiß Gott nicht -, aber wenn du spielst, es hat eine Leichtigkeit, die Leute sind guter Dinge und Du weißt, die gehen jetzt auch entspannt nach Hause. Es war ein schöner Abend, hat sich gelohnt, okay.
Und wenn es schief geht?
Klar gibt es Abende, wo du selber merkst, dass du nicht so richtig gut drauf bist. Dann passiert es aber interessanterweise, dass das Publikum übernimmt, und die merken, aha, der braucht jetzt ein bisschen, jetzt machen wir mal hier Stimmung, dann wird der schon mal auf Touren kommen. Und dann gibt es sicherlich auch Abende, wo beide Seiten etwas durchhängen. Aber grundsätzlich geht es wirklich darum, wie schafft man es gemeinsam, einen Abend zu verleben, wo man hinterher sagt, - nicht nur, die haben mich jetzt gefeiert -, sondern es hat gestimmt. Das sind manchmal sogar die ganz ruhigen Abende, die gelassenen, auch kürzeren, da, wo beide Seiten sagen: War wunderbar!
Mag man seine Fans immer?
Mag man seine Fans? Ist natürlich auch eine schwierige Frage. Man freut sich über die Fans.
Schon mal erschrocken, wenn du einen Fan gesehen hast?
Es gab natürlich auch Zeiten und es gab natürlich auch Fans, wo es nicht immer auch noch lustig war. Es gibt natürlich auch Leute, die so Figuren wie mich für ihre Psychosen hernehmen. Das ist die Kehrseite des Poptums, wenn Menschen sagen, mit dem habe ich einen ganz speziellen Kontakt oder der kann mich heilen oder auf den fixiere ich meine ganzen Aggressionen. Ich kann die Aggressiven rausfiltern, also die manischen, die sehe ich innerhalb von Sekunden. Seh ich, in der 17. Reihe, wenn da einer steht. Aber grundsätzlich "mögen"? Das klingt mir zusehr nach Fanclub. Ich habe keinen Fanclub. Es gibt Homepages, die die Leute sich selber zusammengebastelt haben. Aber ich freue mich über meine Fans. So ist es besser beschrieben. Manchmal wird es auch schwierig. Wenn auf Tourneen die erste Reihe immer die gleiche ist. Da stehen immer die gleichen. Jetzt spielst du in Kiel, am nächsten Tag spielst du in München, kommst raus, stehen da schon wieder die gleichen. Aber es gibt Fans, die kenne ich schon seit zwanzig Jahren, und die reisen auch immer mit oder nehmen sich frei, und die sind auch zum Teil wirklich sehr rührend. Mögen klingt trotzdem nach komischer Liebesbeziehung. Fans muss man nicht lieben. Man muss sich über sie freuen, denke ich, das ist besser.
Frage: Deine Touren sind in der Regel immer sofort ausverkauft. Macht das froh oder faul?
(lacht) Na, noch sind wir nicht ausverkauft. Die letzte Tour war überwältigend, weil wir drei Stadionkonzerte geplant hatten und dreissig gespielt. Das war wirklich jenseits von Gut und Böse. Jetzt läuft es auch unglaublich gut, die ersten Konzerte sind alle ausverkauft. Aber man muss immer aufpassen, dass man nicht in seinem eigenen Überschwang denkt, das läuft jetzt alles von selber und wir sind ganz doll. Das hatten wir mal bei "Luxus". Nach "Ö" gab es mal eine Phase, wo wir dachten, so, jetzt haben wir die Weisheit mit Löffeln gefressen. Wichtig ist, dass man die Konzerte so plant, dass man es nicht übertreibt.
Wie gehst du mit deinem Talent um?
Der Kopf denkt ja sowieso über alles ständig nach: wie ernst nimmst du dich, wie größenwahnsinnig bist du, wie träge bist du, wie saturiert bist du und wie selbstgefällig. Natürlich gibt es das alles. Aber letztendlich kann ich das dann immer wieder runterfahren. so wie ich in dem Lied auch singe: "Bis auf den Grund meiner Natur". Du fährst es runter und sagst: So, jetzt pass auf! Wer bist du, was machst du eigentlich? Und dann komme ich sofort auf die Musik. Das ist so ein Schatz, geh' damit vorsichtig um und dann erhältst du dir das fürs ganze Leben. Das kannst du nicht einfach so verschleudern.
Gibt es irgendwas Abgefahrenes, was du einem Konzert in einem halbleeren Saal abgewinnen könntest?
Das ist völlig in Ordnung. Das kennen wir. Es ist ja nicht so, dass wir immer erfolgreich waren. Meine erste Plattenfirma hat mir wegen Erfolglosigkeit gekündigt, da haben wir, ich erinnere mich gut, in der Alabama-Halle in München gespielt und nur zwei Karten verkauft. Der Inhaber sagte noch: Ich stelle mal ein paar Bänke rein, dann sieht es voller aus. Da waren zum Schluss zwölf Leute da. Oder wir haben in Berlin im Quartier Latin gespielt und hatten hinter der Bühne schon Käsebrote und Bier stehen; da waren wir schon ganz weit vorne, es gab also schon Catering. Wir fragten immer unseren Tour-Manager: Wie viele Leute sind da? Und der machte immer diese Victory-Zeichen, und wir: Spitze, es läuft gut! Er meinte aber zwei. Normalerweise, wenn weniger Leute im Publikum sind als auf der Bühne, sollte man nicht auftreten. Also wir waren zu sechst, also sechs sollten es schon sein im Publikum. Wir sind also nach oben in Cafe gegangen, haben alle Leute eingeladen und gesagt, ihr könnt umsonst kommen. Am Schluss waren es dann fünfundzwanzig oder dreissig Leute. Da spielst du aber genauso. Dafür habe ich eine zu lange Karriere als Musiker hinter mir. Dasselbe beim Theater. Ich habe zum Beispiel in Hamburg im Schauspielhaus gespielt, um meinen Vertrag auszulösen. In der Mitte von diesem Theaterstück von Dario Fo spielten da Konstantin Wecker und die ganzen Polit-Barden, und Ivan Nagel kam auf die Bühne und sagte: "Heute Abend haben wir für Sie einen ganz speziellen Gast, Herbert Grönemeyer spielt für Sie." Und alle Leute gingen raus. Komplett. Es blieben zwei Frauen sitzen, die waren beide behindert. Ich spielte da oben auf der Bühne und irgendwann sagten die ganz trocken: Tja, junger Mann da oben, spielen Sie mal schön weiter, wir zahlen Ihr Essen hier unten. Das war der einzige Kommentar, den ich da kriegte. Musste eine halbe Stunde durchhalten, dann war mein Vertrag zum Glück beendet. Also ich habe genug Gigs hinter mir, wo wirklich keiner da war. Und auch da sind wunderbare dabei. Selbst im Quartier Latin haben wir vier Zugaben gegeben. Nach dem Motto, ist mir jetzt auch egal, wie viele hier sitzen. Die werden jetzt niedergespielt.
Dasselbe im Ruhrgebiet, wo ich herkomme. Ich habe da in Feuerwehrzelten gespielt und in Jugendheimen und auf Betriebsfesten vor liegendem, durchgetrunkenem Publikum, die kein Wort verstanden haben, auch gar nicht zuhören wollten. Aber wir hatten einen Vertrag, da musstest du weiterspielen. Also das Training habe ich hinter mir. Aber leere Häuser jetzt, wenn ich ad hoc auf Tour ginge? Da würde ich sicherlich etwas blöd gucken.
In Deutschland bist du ein echter, totaler Mega-Star. Was bist du denn in London?
In London bin ich ein Deutscher. Da habe ich keine Privilegien. Ich wundere mich dann eher, wenn ich in Deutschland am Flughafen stehe und merke, ich werde plötzlich beobachtet. Das kenne ich gar nicht mehr. Das ist erstmal für deinen eigenen Charakter, denke ich, unheimlich gut. Andrerseits komme ich natürlich gerne nach Deutschland, weil das für die Eitelkeit manchmal auch ganz angenehm ist, wenn man mal ein bisschen Streicheleinheiten kriegt. Aber in England bin ich ein Niemand und ich denke, das ist für mich gut, auch für meine Kinder. Aber ich bin ja nicht deshalb aus Deutschland weggegangen. Wir wollten einfach mal, dass die Kinder in einer anderen Kultur leben für eine Zeit. Dann ist das alles passiert mit meinem Bruder und mit Anna, und daraufhin haben wir entschieden, ich bleibe am besten noch ein bisschen hier.
Wie sieht denn ein normaler Grönemeyer-Tag in London aus?
Ein Tag, an dem ich nicht arbeite? Sieht so aus, dass ich morgens aufstehe mit den Kindern, wenn die zur Schule gehen. So um sieben, halb acht. Dann lege ich mich gerne wieder hin, weil ich ein extremer Nachtmensch bin. Ich gehe nicht vor zwei ins Bett, zwei, halb drei. Um zwölf komme ich überhaupt erst gut drauf so. Dann schlafe ich dann meistens so drei, vier Stunden, und dann schlafe ich noch mal zwei, drei am Vormittag. Und dann fängt der Tag an normal mit Zähneputzen, duschen - ich dusche wahnsinnig gern, bin Dauerduscher, schon immer gewesen. Dann hole ich mir meine Zeitung, gehe ins Café - habe sehr schöne Cafés in der Straße -, und dann telefoniere ich ein bisschen, sehe, ob jemand sich mit mir unterhalten will oder ob ich jemanden treffen kann. Ich telefoniere auch mit Deutschland viel, weil ich die Sprache vermisse. Wenn ich mir einen Überblick verschafft habe, überlege ich, was muss ich noch im Haus machen, was muss ich organisieren, gehe ich trainieren, treffe mich mit Freunden, überlege, was ich abends machen kann. Und dann wird eingekauft, Essen vorbereitet, wenn die Kinder aus der Schule kommen. Also Felix ist ja gar nicht mehr da, der kommt ab und zu noch, Marie dagegen ist gerade im Abitur. Und dann sitzt man so rum, wie andere Menschen auch im Alltag rumsitzen, wenn sie nichts zu tun haben. Denn jeder normale Mensch außer mir arbeitet natürlich auch etwas. Ich habe eben auch viel Zeit zwischen Platten. Ich höre immer: Oh, Sie sind ja so prominent, Sie haben ja bestimmt wahnsinnig viel zu tun; Sie reisen ja auch immer wahnsinnig viel rum, haben viele Interviews. Und dann muss ich denen immer erklären: Nee, habe ich ja im Grunde genommen gar nicht.
Wie lange hältst du das aus?
Ich kann mich wunderbar langweilen, das ist mein größter Vorteil. Ich kenne keine Langeweile, habe ich noch nie gekannt. Ich langweile mich gar nicht. Das versuche ich immer meinen Kindern zu erklären, dann sagen die immer: Du hast sie nicht alle. Ich kann unter Hochspeed arbeiten, aber ich kann auch hervorragend alleine irgendwo rumsitzen zur Langeweile von Partnern und von Familie.
Denkst du! In Wirklichkeit arbeitet die Zeit für dich und sammelt, damit was da ist später, worüber du singen kannst?
Das mag sein. Ich habe in der DDR zwei Filme gedreht, und da gab es die sogenannten Asozialen, das waren die Dichter. Da hab ich die gefragt: Wieso sind die denn asozial? - Die tragen nichts zum Arbeitsleben bei. Ich sage: Ja, die brauchen ja auch viel Zeit um nachzudenken. - Ja, aber in der Zeit tun die ja nichts. Und ich sagte: Nee, doch, dann denken die nach, weil sie in drei Jahren vielleicht ein Buch schreiben. Das war eine unheimliche Debatte. Ich habe fünf Jahre lang keine Platte gemacht, und in den fünf Jahren habe ich mich um meine Kinder gekümmert und eine neue Beziehung begonnen. Aber grundsätzlich habe ich nichts Effektives für das Arbeitsleben beigetragen. Und dann macht man auf einmal eine Platte, arbeitet mal kurz und hat das große Glück, dass man dafür auch noch ziemlich gut bezahlt wird.
Welche Wahrheit über das Exilantenleben traut sich keiner auszusprechen?
Was fehlt, ist die Bodenhaftung. Es ist wie bei einem Eisbär, der plötzlich in der Wüste sitzt, der findet das alles auch ganz spannend, aber letztendlich sehnt er sich nach dem Eis. Oder er überhöht das Eis. Nur, wenn er dann wieder ins Eis zurückkommt, denkt er: Na, so doll ist das ja auch nicht. Grundsätzlich läuft als Unterfilm immer dieses extreme Heimweh. Und das wird immer stärker, weil man es immer höher stilisiert und man immer sentimentaler wird. Deswegen lebe ich auch so ein Pendlerleben zwischen London und Berlin, um dieses Gefühl immer wieder zu relativieren und zu gucken. Die Chance habe ich. Aber die Sentimentalität und der Heimatverlust bleiben einfach, weil ich aus dem Ruhrgebiet bin und ein ziemlich westfälischer, bodenständiger Zeitgenosse. Die sitzen auch gerne mal doof auf ihrem Land rum und gucken den Hühnern zu.
Du siehst die deutsche Wirklichkeit natürlich besser von London aus. Was siehst du denn da im Moment?
Besser nicht. Anders. Meine Wahrnehmung ist, dass die Menschen selbst extrem motiviert sind, speziell die junge Generation. Habe ich auch geschrieben: Die Menschen sind im Grunde genommen gut drauf, selbstbewusster, die wissen, dass alles nicht so gut läuft, daß man die Wahrheit einfach ernst nehmen muss. Die Regierung hat sich dem nur nicht angepasst; die sondert sich ab von der Bevölkerung. Die ist eben nicht gut drauf. Und das ist die vergebene große Chance.
Anstatt jetzt zuzupacken und sagen, so, hier sitzen zehn Fachleute am Tisch, völlig wurscht, woher die kommen, wir versuchen jetzt Reformen zu machen, wir wagen was, wir werden scheitern, aber der große Wurf wird zum Teil gelingen - sowie damals in der großen Koalition unter Kiesinger, Willy Brand und Karl Schiller - machen sie gar nichts in völliger Verhärmtheit. Man hat wirklich das Gefühl, dass diese Kleingeister schon jetzt wieder an die nächste Bundestagswahl denken, bei der sie aufgrund dessen, was sie zur Zeit vorlegen, überhaupt nicht mehr vorkommen sollten.
Früher hatte man wenigstens noch einen Politiker, über den man sich ärgern konnte, sei es nun Kohl oder Schröder; die hatten beide großes Potenzial. Über diese Regierung kann man sich kaum noch aufregen, weil die so graue Gestalten sind, zu denen wir keine Beziehung mehr haben - das ist das allerschlimmste. Und gefährlich, weil sich unter großen Koalitionen gerne ein Frust einstellt. Denn wenn es in einer Demokratie keine Opposition mehr gibt, gerät das Gleichgewicht ins Wanken und Gesellschaften fangen an, sich extrem schnell und leicht nach rechts zu bewegen. Das ist die große Gefahr, und das unterschätzt man.
Worin liegt der Unterschied zu England?
In England, in so einer alten Demokratie, geht jeder davon aus, daß er für sein eigenes Schicksal selbst zuständig ist. Unsere Demokratie ist viel jünger, wir suchen einen Schuldigen und das ist immer die Politik.
Anders als Bono lässt du dich nicht gerne mit Politikern fotografieren. Warum muss man als Künstler außerparlamentarische Opposition bleiben?
Bono sitzt in Irland. Die gucken immer von draußen auf die Monarchie. Für die es so etwas, wie Sir zu werden...na, das kann ich nicht nachvollziehen. In meinen Augen wollen sich Politiker mit einem treffen, damit sie sich mit einem Promi profilieren können, und dann ist man auch schon gegessen. Das hat Helmut Kohl mit Bärbel Bohley unheimlich gut gemacht. Der ist einmal zu ihr zum Kaffeetrinken gegangen, und seitdem war sie nicht mehr existent.
Das ist auch ein völlig anderes Terrain. Das wäre so, als wenn ich als Sänger sage, ich bin auch ein guter Kameramann. Nee, bin ich nicht! Nur, weil ich ein Popsänger bin, bin ich nicht deswegen auch gleichzeitig ein guter Politiker. Ich nerve die lieber. Rockmusik war immer angetreten, um sich mit dem Establishment auseinander zu setzen und auch wenn ich sicherlich eher eine biedere Variante davon bin, sind das für mich die Wurzeln des Rock'n'Roll.
Ich möchte mit Politikern nichts gemein haben. Da muss es eine Instanz geben wie den Journalismus, der in England die Politiker auch viel schärfer angeht als in Deutschland. Das ist geradezu eine Wonne! Das wäre in Deutschland undenkbar, dass man in der Tagesschau anfängt, Frau Merkel auseinander zu pflücken. Tony Blair dagegen kriegt in den Hauptnachrichten regelmäßig vor den Latz. Für 80 Millionen Menschen in einer Demokratie wie Deutschland muss man sich ganz in Ruhe mal überlegen, ob es wirklich Journalisten gibt, die in der Lage sind, den Politikern das Fürchten zu lehren. Wüsste ich so schnell keinen.
Herbert, du bist fünfzig, also zweite Halbzeit?
Ich sehe das eher jüdisch, die sagen, wenn man fünfzig wird, wir gratulieren dir für die nächsten siebzig Jahre. Ich finde das eine nettere Art und Weise als dieses Halbzeit-Denken. Ich denke nicht in Halbzeiten. Ich denke aber in Verlängerungen, also insofern, bis hundertzwanzig habe ich Zeit, und insofern bin ich eben noch nicht an der Hälfte angekommen und mache mir da auch nicht so viele Gedanken darüber, ehrlich gesagt.
Hast Du noch Illusionen, an denen du hängst?
Die Illusionen sind die gleichen, seit ich sieben bin oder acht. Mein Vater hatte eine extreme Lebensfreude, obwohl er viel durchgemacht hat, seinen Arm verloren in Stalingrad, seinen Vater als kleiner Junge verloren bei einem Gaseinbruch in einer Grube, dann auch noch seinen Sohn verloren. Trotzdem war er ein Urgestein von Lebensfreude. Der hat das Leben angepackt und genossen in allen Varianten, hat gern gegessen, getrunken, geraucht, hat sich über Gäste gefreut, hatte immer Freunde. Der hat einfach das Leben geliebt.
Wie siehst du deinen Vater vor Dir mit fünfzig?
Vater mit fünzig war wie zweiunddreissig. Und mit zweiundachtzig noch wie einundsechzig. Er war immer voller Lebenslust und das hat mir auch in der schweren Zeit sehr geholfen, dieses Fatalistische. Der hat gesagt, das ist lustig hier, das ist ein Kinofilm, da kann man mitspielen, das ist gespickt mit Grausamkeiten und Brutalitäten, aber dennoch kann jede Sekunde etwas Gigantisches kommen. So war der drauf. Der hat sogar beim Essen geweint vor Glück vor allen Leuten, weil er es so schön fand. Dabei war er überhaupt kein Weicher, sondern ein ziemlich sturer Westfale, hart und ungerecht, wie er so schön von sich sagte.
Was kannst du heute besser als vor zwanzig Jahren?
Ich sehe die Dinge etwas gelassener. Ich bin ein sehr impulsiver Mensch. Kann mich extrem schnell aufregen und auch extrem schnell ungerecht behandelt fühlen. Früher bin ich direkt, wenn mich was aufregte, ans Telefon gegangen, habe rumgeschrien: " das geht gar nicht!" Jetzt lasse ich schon mal eine Nacht verstreichen und stelle am nächsten Morgen fest, entweder es lohnt sich, richtig zuzupacken, oder eben auch, gut, dass du es gestern nicht gemacht hast. Aber ich leide auch und bin im negativen, destruktiven Sinne sehr temperamentvoll. Damit gehe ich ein bisschen sanfter um hoffentlich.
Was können deine Kinder, was du nicht kannst?
Meine Kinder haben in ihrem Alter ein viel größeres Selbstverständnis, sind stolzer, haben durch die Erziehung an dieser internationalen Schule das Gefühl: Du schaffst das. Wenn mal einer schlecht ist, dann sagen die Lehrer nicht, du bist zu doof, sondern wir helfen dir. Marie wollte aus Jux Japanisch lernen. Wäre ich nie drauf gekommen. Hat sie dann auch gar nicht. Aber diese amerikanische Attitude ist: Ich kann das.
Gleichzeitig die britische Debatte. Permanentes Ausdebattieren. So, du bist gegen den Irakkrieg. Ich bin dafür. Warum bist Du dagegen? Also dieses verbale Schachspielen, sich einen Spaß daraus zu machen, selbst wenn man der gleichen Meinung ist, die andere Seite zu besetzen. Das merke ich beispielsweise bei meinem Sohn ganz stark. Der lässt sich nicht abschütteln. Der fragt sofort nach, warum. Das hätte ich nie gemacht.
Gibt es inhaltliche Auseinandersetzungen mit deinen Kindern, die dich auf neue Gedanken bringen?
Natürlich, immer dann, wenn mir beide nicht zustimmen. Was ich natürlich nicht kenne. Ich heiße Herbert und habe Recht. (lacht). Wir streiten uns dann nicht, aber ich muss das wirklich argumentativ hinkriegen, dass ich sie überzeuge.
Erwischst du dich denn manchmal dabei, wie dein Vater aus dir spricht?
Ja, wenn ich ungerecht werde, was ich auch gut werden kann. Der Vater war eben auch extrem rechthaberisch. Der ließ auch uns nicht so einfach an sich vorbei. Also der hatte nun mal Recht. Der war auch ein alter Steinbock, extrem stur, und Westfale noch dazu. Und wenn ich müde bin ... Vor kurzem war ich wahnsinnig müde, kam aus dem Studio und war genervt, und meine Tochter sagte: Da ist jemand. Meine Tochter schläft schlecht, weil sie immer denkt, es kommen Einbrecher. Und ich sagte, leg dich ins Bett. - Aber da hat es gerade so gerumpelt. - Ich: Es reicht mir jetzt, geh ins Bett! - Dabei hatten wir einen Einbrecher im Haus. (lacht) Ich hätte nur aus dem Fenster gucken brauchen, dann hätte ich es gesehen. Der Typ ist dann ganz gemütlich, wir haben das alles auf Video, in die Wohnung gekommen, - die Alarmanlage sprang nicht an - und hat alles ausgeräumt. Der sah sogar gut aus, war gut gekleidet, war in Ordnung. Aber das ist eben typisch. So kann ich in einer rechthaberischen Art einfach über das Ziel hinausschießen. Und das machte mein Vater auch.
Gibt es inhaltlich Punkte, in denen du unerbittlich bist mit den Kindern?
Wenn es um Schnöseligkeit geht, auf jeden Fall. Diese Art, leicht die Nase anzuheben. Das ist die Kehrseite in England, liegt natürlich auch daran, wie sie groß werden, das ist nicht zu ändern, das ist nun mal so. Sobald sie anfangen, über jemanden respektlos zu reden. Mein Vater war da auch empfindlich, selbst als es ihm schon schlecht ging und er dement war. Als ich "Mensch" machte und im Krankenhaus erzählte, wie toll das läuft, das werde ich nie vergessen, sagte er: Werd' bloß nicht überheblich! - Da war ich 48. Schnöselig oder blasiert, das geht nicht.
Blasiert ist ja ein richtiges Schimpfwort bei dir.
Das geht gar nicht. Da komme ich auch zu sehr aus dem Ruhrgebiet. Auch dieses "ich hasse das" mag ich gar nicht. Man hasst nichts. Einfach sagen, ich mag das nicht, heißt inzwischen, ich hasse das. Ich meine, hassen ist der Inbegriff, das ist das Ende von nicht mehr mögen. Also einfach so lapidar zu sagen, "ich hasse", das geht nicht.
Was hört ihr für Musik? Im Auto, wenn du mit den Kindern unterwegs bist, oder zuhause?
Bei uns läuft immer Musik. Als erstes machen wir morgens das Radio an und als letztes abends aus. Im Auto BBC 1, also Radio 1 oder meine Tochter legte ihre Compilations ein. Zuhause, wenn sie da ist, Labtop auf und I-Tunes, ununterbrochen. Das Radio in England ist so unglaublich gut. Was hören wir? Snow Patrol und The Hives, Kasabian und deutschen Hip Hop. Alles quer Beet im Grunde genommen. Das kannst du nicht vergleichen mit Deutschland, da liegen Welten dazwischen, das ist wie der Unterschied zwischen der Ostsee und einem müden Teich, so einem Baggersee.
Worauf bist du denn stolz bei deinen Kindern?
Darauf, wie eigenständig -nicht eigenständig im Sinne von selbstständig, sondern wie eigen - sie sind. Ein eigener Kopf, eigene Sehensweise, darüber freue ich mich. Stolz ist das falsche Wort. Ich bin einfach beeindruckt.
Wie hast du das gemacht als Vater: die Mutter ersetzt? Geht das überhaupt?
Nee, das geht nicht. Das wird jeder Alleinerziehende wissen. Speziell als Mann mit einer Tochter. Ich hatte es nicht schwer mit ihr, das meine ich nicht, aber für sie war es schwer. Ich verstehe die Psychologie nicht. Als Vater den Sohn zu verstehen, das geht noch. Aber die Tochter macht aus dir eine Achterbahn. Als Alleinerziehender musst du beide Seiten erfüllen. Du kannst auf der einen Seite wahnsinnig streng sein, auf den Tisch hauen, aber dann fehlt zwei Stunden später vielleicht der andere Teil, der Partner, der dann zum Kind gehen kann und sagt, war echt Mist, was du gemacht hast, aber komm. So musst du halt selber überlegen, wann ist der Moment gekommen, dass du das andere machst. Also bist du immer so hin und her gerissen. Aber für ein Mädchen, der die Mutter fehlt, ist es am schwierigsten. Es fehlt ihr nicht nur das Beispiel, sondern auch das psychologische Gegenüber, jemand,
...den man erstmal ablehnt(?)...
...wo du dir eine blutige Nase holst, weil der dir immer genau sagt, das machst du nur deswegen und das machst du nur deswegen. Als Mann bist du dann streng, hast aber nur die Hälfte verstanden und wirst natürlich auch umcharmt. Für die Kinder wäre es einfacher gewesen, sie wären radikaler durch die Pubertät gegangen und hätten sich mit beiden Eltern angelegt, als ein Trio zu bilden, was durch das Schicksal zusammengeschweißt ist und aufeinander Rücksicht nimmt natürlich.
Wie sehr haben sich denn die Kinder um dich gekümmert?
Das meine ich damit. Man nimmt aufeinander Rücksicht, und natürlich haben sie umgekehrt einen Vater erlebt, der eben auch durch Melancholie und Stimmungsschwankungen gelaufen ist. Und dann wollen die einen wieder aufheitern. Kinder versuchen immer instinktiv bei den Eltern das zu ersetzen, was fehlt. Sie wissen gar nicht, was das ist, aber sie wollen einem immer Freude machen; sie wollen immer, dass man fröhlich ist. Da pumpen die ja immer rein. Das ist schade, weil sie das nicht sollten. Die sollten sich ja selber entwickeln und nicht noch als Therapeuten für ihre Eltern zuständig sein. Wir haben versucht, klar zu kommen, und dadurch haben sie sicherlich eine gewisse Form von Anarchie, die sonst in der Pubertät stattfindet, nicht ganz so leben können. Das kommt dann vielleicht später im Leben, oder wie auch immer.
Das hat sich ja niemand ausgesucht. Das ist passiert. Und Ihr habt das beste draus gemacht.
So meine ich, ja. Aber sonst sind sie guter Dinge und sind zwei köstliche Zeitgenossen.
Könnte es nicht sein, dass sie doch nach dir schlagen? Bei Dir habe ich das Gefühl, das wird noch total wild.
Keine Ahnung! Ich denke, dass ich immer schon extrem wild war, das hat aber keiner gemerkt.
Diese unheimliche Fröhlichkeit, wegen der man dich zum Therapeuten geschickt hat?
Stimmt nicht. Das ist falsch kolportiert. Alle dachten immer, der ist so fröhlich, der hat nicht alle Lappen; gleichzeitig hatte ich auch diese Fieberkrämpfe und wurde ohnmächtig. Aber zum Therapeuten hat mich keiner geschickt. Da war ich später im Leben, aber nicht, weil ich so fröhlich war.
Das hat ja schon fast etwas Dämonisches, diese Energie, diese gute Laune und auch dieses Gottvertrauen oder, wie du sagst, Urvertrauen. An welchen Punkten kippt das denn?
Urvertrauen darf man ja nicht verwechseln mit Selbstbewusstsein. Das ist gefährlich. Das meine ich nicht. Sondern es gibt einfach die Haltung, Dinge zumindest positiv anzugehen oder positiv zu sehen. Aber in Situationen, wo das Schicksal über einen hereinbricht, hat das mit Gottvertrauen nicht mehr viel zu tun, da stellt sich genau das Gegenteil ein. Da wird man wütend und aggressiv und sauer und findet alles überhaupt nicht spaßig. Also damit klappt auch nicht alles - nicht, dass wir uns missverstehen. Es ist auch nicht grundsätzlich der Optimist der erfolgreichere oder glücklichere Mensch. Es kann auch der Melancholiker, oder der Pessimist, der die Dinge viel realistischer und präziser sieht, letztendlich viel entspannter durchs Leben gehen. Das ist keine Qualität, dass man eine Frohnatur ist. Sondern das ist man. Das ist dummerweise genau wie bei einer Lachmöwe. Die lacht halt. Und es gibt auch andere Möwen, die lachen nicht, sind aber auch gut drauf. (lacht)
Du lebst auf einem ziemlich hohen, energetischen Level. Wann und wie sinkt das?
Es ist eher die Schwierigkeit, aus diesem Level rauszukommen. Das nervt zum Teil. Wenn ich wie jetzt eine Platte mache, dann geht das nochmal nach oben, und da habe ich richtig Schwierigkeiten, runter zu kommen. Da liege ich nur wach und mein Herz fängt dann zu rappeln an und will sich überhaupt nicht beruhigen, und dann brauche ich nur drei falsche Gedanken zu haben, dann geht das wieder hoch wie eine Handgranate. Also das ist dann gut, wenn ich auf der Bühne stehen darf und drei Stunden singen darf, oder ich mache fünfzig Situps, dafür ist die Energie gut. Aber grundsätzlich hat die natürlich was, was ich auch ganz am Anfang schon sagte, was Destruktives. Das ist zum Beispiel für Partner nicht besonders gut auszuhalten. Ich sage immer, es gibt balanciertere Menschen. Also im Grunde muss ja der Sinn des Lebens sein, dass man sich relativ entspannt ausbalanciert, also beides hat; auch diese Entspannungsmöglichkeiten. Denn dieses immer auf Energielevel laufen, klingt so, als wäre man irgend so ein Atomkraftwerk. Und selbst die....
...brauchen Kühlwasser. Ist das nicht am interessantesten, wenn man das ganze Spektrum zwischen Ruhe und Anspannung ablaufen kann?
Absolut. Nur habe ich damit manchmal ein Problem. Deswegen umgebe ich mich dann eher mit Menschen, meinen Freunden, die in der Lage sind, mich erst mal durch ihre Nähe runter zu bringen oder auch einfach, weil sie eben auf einem anderen Energielevel laufen.
Wie sieht denn so ein typischer Abend aus mit deinen Londoner Kumpels?
In England gehst du viel miteinander essen. Man besucht sich leider nicht zuhause, weil der Engländer sagt ganz trocken: Ich möchte nicht, dass du siehst, wie ich wohne, sonst beurteilst du danach, wie ich bin. Für mich ist Gastfreundschaft das Gegenteil, heisst, dass man willkommen ist, und das halte ich auch für ein ganz zentrales Element. Meine Mutter kommt aus Estland, und die hat, sobald Freunde da waren, sofort aufgefahren und gekocht und Kuchen gebacken und noch Pizza gemacht, also selber gemacht. Sie konnte auch wahnsinnig gut kochen. Ich finde, ganz wichtig ist die Einstellung, du kannst jederzeit kommen und die Tür steht offen und ich habe zwar nichts im Haus, aber das kriegst du dann auch. Das gibt es in England weniger. Wir gehen essen oder ins Kino miteinander. Wenn du noch was trinken willst, mußt du entweder in Clubs gehen, Mitglied sein - bin ich auch- , da siehst du dann immer die gleichen Leute. Oder in Pubs, die haben, wenn du Glück hast, vielleicht bis zwölf auf. Da bricht man in Berlin gerade mal von zuhause auf.
Was wird besprochen?
Das Leben an sich. Aber eher albern. Nicht der Reihe nach: Was machst du gerade? Wie geht's dir? Was macht deine Beziehung? Schon, aber nur kurz. Das, muss ich sagen, macht Spaß. Aber natürlich ertappe ich mich selber dabei, wenn ich anfange, zu lange zu erzählen. Dann sagen die anderen: Oh Gott, Herbert. Ja, ist ja jetzt gut! Also das gewöhnt man sich ab, und deswegen schnatter ich dann, wenn ich in Deutschland bin, so viel, weil hier kann ich dann wieder so meiner Natur den freien Lauf lassen und rede mich in Grund und Boden.
Wann verschlägt es dir denn die Sprache? Vielleicht morgens?
Nee, morgens gar nicht. Morgens bin ich penetrant gut drauf. Kann ich schwer beantworten. Ich gebe gerne zu allem meinen Senf. Ich denke, bei Ungerechtigkeiten oder Brutalität, da wird es schwierig.
Könntest du zurückschlagen, wenn du angegriffen würdest?
Weiß ich nicht, habe ich noch nie ausprobiert. Verbal ja, körperlich habe ich noch nicht. Einmal habe ich mich geschlagen in meinem Leben.
Wann war das?
Da war ich fünfzehn. Ich könnte mir vorstellen, wenn es hart auf hart käme, wahrscheinlich. Aber ich habe mit Brutalität und körperlicher Brutalität große Probleme, auch in Filmen. Das kann ich schwer sehen.
Was siehst du lieber: Problemfilme oder Filme mit Happy End?
Happy End muss nicht sein.
"Madagaskar" oder "Miami Vice"?
Beide nicht. "Summer of love" zum Beispiel, ein guter Film.
Hast du genug Sünden begangen in deinem Leben?
Ich habe viele begangen und einige sind noch auf der Liste. Ich als calvinistischer Protestant muss ja dafür geradestehen später dann. Wenn der liebe Gott mir die Liste vorlegt, da werde ich irgendwie nicht in der letzten Reihe sitzen im Kino. Aber ich habe schon genügend begangen, ja.
Nervt dich das manchmal, wenn die Leute von dir erwarten, dass Kunst immer wahr, Musik immer ehrlich ist?
Kunst ist eine Hochstilisierung, ist unehrlich, ist eitel und ist eine Behauptung. Also Kunst ist ein Trick und nicht ehrlich. Man sollte Künstler auch am liebsten gar nicht kennen lernen. Ich glaube, die Illusion zerbricht sofort. Ich glaube, dass die meisten Künstler - mich eingeschlossen - im privaten Umgang wesentlich ekliger und unangenehmer und egoistischer sind, als ihre Kunst. Da stellen die sich wie die duften Typen dar. Ist ja eine wunderbare Chance. Aber das hat mir der Realität gar nichts zu tun. Nein.
Ist dir das als Kunst-Konsument auch bewusst?
Ja, darin liegt doch der Spass, auf dieser leicht zynischen Ebene. Der Künstler spielt mit den Gefühlen. Das ist viel verspielter und auch bösartiger zum Teil. Und biestiger. Ein zusammengeklopptes Etwas. Deswegen rührt es ja Menschen, weil sie dadurch die Chance haben, sich selber einzubringen, sich selber die Hauptrolle zu geben in der Kunst. Früher aus den Western sind wir mit O-Beinen gegangen: Das waren wir selber. Genauso ist es bei Liedern auch. Die Leute sind dann das Lied und sie spielen die Hauptrolle, das bin ich, das tut mir gut, das passt für mich. Wenn das alles authentisch wäre, dann könnten sie das nicht für sich interpretieren.
Deswegen bist du aber noch nicht abgehärtet?
Nein, im Gegenteil. Deswegen bleibt es ja verspielt. Ich glaube eher, wenn ich einen Dokumentarfilm nach dem anderen drehen müsste und nur die Härten und die Dramen des Lebens dokumentieren müßte, dann wäre ich jetzt schon wesentlich härter im Kopf. Ich kann immer noch spielen, das ist alles noch ein Spiel.
Bist du schon erwachsen?
Das gibt es nicht. Der Mensch wird nicht erwachsen. Ich denke, der Mensch bewegt sich zwischen zwölf und zweiundneunzig um sieben bis acht Zentimeter. Man wird älter, die Haut wird älter, die Haare fallen aus, dann sagt man, man wird weiser - glaube ich nicht dran. Man hat mehr gesehen, das heißt, das muss man irgendwo weglassen, speichern. Was ist erwachsen? Man bleibt genauso dämlich und geht auch genauso dämlich in die Klappe, wie man gekommen ist. Und zwischendurch war es hoffentlich ein guter Film.
Wovor hast du ehrlich Angst?
Dass meinen Kindern was zustößt. Dass die unglücklich sind oder dass ihnen das Leben in einer Form begegnet, die ich mir nicht für sie wünsche. Das ist die größte Angst, die ich habe.
Wenn es so still wird in deinem Kopf, ist das immer schön?
Ja, da kann ruhig Ruhe einkehren, das ist okay.
Wie oft wirst du depressiv?
Depressiv, da muss man aufpassen, das ist ein ernster Krankheitszustand. Aber ich neige schon zur Melancholie, so ist es nicht.
Woran erkennst du, wenn es so weit ist?
Wenn mir Dinge schwer werden, die Zeit schwer wird, sich ein Grau einstellt. Was man auch zulassen muss, was auch okay ist. Ich denke, dass eine Form von Stille, selbst einer etwas melancholischen Stille, sogar heilsam ist.
Es hat also keinen Sinn, sich zu wehren?
Sollte man nicht machen, nein.
Wollen dir noch Mädchen an die Wäsche?
Weiß ich nicht. Sie reissen sich nun nicht sofort die Kleider vom Leib, wenn sie mich sehen. Aber ich glaube auch nicht, dass ich so unattraktiv bin, dass man, wenn man mein Gesicht sieht, sagt, zieh dir lieber eine Mütze über.
Worauf freust du dich jetzt gerade in diesem Moment?
In diesem Moment freue ich mich darauf, dass ich vielleicht heute noch mal irgendwann an den Strand darf und einfach die Ostsee einatmen. Das wäre schön, wenn ich das heute noch mal hinkriege.
Wer holt dich runter, wenn du dich zu dufte findest?
Meine Freundin kann das mit ihrer nüchternen Schweizer Art ganz gut.
Hält Sonja dich gut aus?
Ja. Solange wir einer Meinung sind, hält sie mich gut aus. Meine Kinder und meine Umgebung machen das auch. Ich habe nicht nur Klatscher in meiner Umgebung, die von morgens bis abends mein Ego polieren. Dafür kennen wir uns auch zu lange.
Glaubst du, Anna würde die Platte gefallen? Sie war ja immer deine Jury.
Sie würde ihr sogar relativ gut gefallen, weil sie immer derjenige war, die sagte: "mach alles leichter" . Ein bisschen weniger Streicher, würde sie sagen. Aber grundsätzlich würde ihr die Gelassenheit der Platte gefallen.
Ist es schön, wieder verliebt zu sein?
Ja.
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